Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Story of Noman

von eiswolf23
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 / Gen
14.05.2022
01.12.2022
7
39.022
4
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
15.05.2022 6.338
 
Sergeant






Santa Fe mochte ja die Hauptstadt des New Mexiko Territoriums sein, aber Albuquerque war das schlagende, pochende und pulsierende Herz dieser Provinz. Das Zentrum für Handel, Kultur und Wirtschaft, Unterhaltung und Industrie. Über Zweitausend Menschen aus aller Welt hatten sich hier aus dem Nichts, zu Trotz gegen Wind und Wetter ein mehr als behagliches Zuhause geschaffen indem sie, meist friedlich, im Schweiße ihres Angesichts ihrer Arbeit nachgingen. Gepflasterte Straßen, Eisenbahnschienen, Brücken, Laternen die nachts die Straßen erleuchteten. Bordelle, Salons, Spielhöhlen, Gasthäuser, Banken, in dieser Stadt gab es einfach alles. Alles was man sich in dieser rauen Wildnis nur wünschen konnte. Devaki hatte schon vor einem halben Tagesritt aufgehört ihm zu folgen, der Wolfshund hasste große Städte wie diese hier und zog es daher vor sich in die Wildnis zurückzuziehen bis Fynn sich entschied das es an der Zeit war wieder weiterzureiten. Sowieso begegneten die Menschen in der Stadt dem großen Mischling aus Wolf und Hund mit großem Misstrauen und Argwohn, fast so wie ihm. Devaki Seele war halbiert. Halb wild halb zivilisiert. Zur Hälfte ausgestoßen, zur Hälfte wo anders hin gehörig. Wo genau? Das wusste er selbst nicht so Recht. Vermutlich verstanden sie beide sich deshalb so gut. Fynn hatte ihn in den Bergen gefunden, von seiner Familie im Stich gelassen, von seinem Rudel getrennt, da hatte er beschlossen ihn zu adoptieren. Ihn mitzunehmen und ihn zu beschützen. Oder war es genau andersherum gewesen? Fynn erinnerte sich nur noch daran wie in den Bergen einmal zwei Waisen aufeinander trafen, und fortan ihren Weg zusammengingen. Die Indianer glaubten dass jedem Menschen ein Totem zur Geburt verliehen wurde, ein Tier dessen Wesen sich in der Seele des Menschen wiederspiegelte. Fynn ritt die Hauptstraße entlang und bog dann in die East Alley ab. Das Viertel war gekennzeichnet durch den Baustil und die Architektur der Einwanderer aus dem Fernen Osten. Ein kleines Getto in einem Schachbrett aus Mikroorganismen, kaum größer als eine kleine Range.

Es kam ihm ein großgewachsener Hüne auf einem schwarzbraunen Hengst auf der Straße entgegen. Den Tätowierungen nach ein Kiowa. Er trug eine Art Poncho der ihm auf der rechten Schulter mit zwei Nadeln festgehalten wurde und schräg über die Brust und die linke Schulter herabhing. Sein eckiger Schädel war von einer Tonsur gekennzeichnet, einem senkrecht in der Mitte des Kopfes verlaufendem Scheitel. Die schwarzen Strähnen hatte er sich kunstvoll zu Zöpfen geflochten die ihm hinten zum Nacken herabhingen. Rotgefärbte Strähnen standen ihm hintem am Kam wie die Finne eines Wales ab, zwei lange Federn hingen rechts zur Seite heraus. Hinter seinem Hengst zog er an einer dünnen Kette fünf gefesselte Sklaven hinter sich her, einer davon war ein Apapaho. Die Ortskenntnisse der Indianer waren bei Kopfgeldjägern und Trappern hoch im Preis, besonders bei der Jagd nach entlaufenen Sklaven und Sträflingen. Auch der Verkauf von Mitgliedern anderer, zumeist verfeindeter Stämme war eine lohnende Einnahmequelle. Die beiden Jäger blickten einander wortlos an. Fynn ritt die Straße herab. Hier gab es einen seiner Lieblingsort auf der ganzen Welt, ein Etablissement Namens The Cave of the Green Dragon, der einzigen Opiumhöhle im ganzen Südwesten. Er gehörte einem Mister Dan Guon, einem Freund von ihm “Mr. Streffing, wie schön sie hier wieder begrüßen zu dürfen.“

“Schön wieder hier zu sein.“

Es war ein großer, quadratischer jedoch auch versifft und heruntergekommen anmutender Saal der gleich hinter dem Eingang lag. Die zugenagelten Fensterläden waren mit schweren Teppichen verdeckt worden damit ja kein Sonnenlicht hereinkam. Das einzige Licht spendeten die wenigen Öllampen und Kerzen, die hier auf den niedrigen Hockern und Beistelltischen neben den Liegen aufgestellt waren. Bis zur Decke hin stapelten sich hier die Gäste, der Laden war sehr beliebt bei Durchreisenden und Anwohnern zugleich. Die Gäste lagen mit ausgestreckten Gliedern auf Stockbetten und Sofas verteilt, oder auch einfach nur auf dem Boden, auf ausgerollten Teppichen, Matten oder etwas Stroh. Fynn folgte Dan hinterher der sich mit geschickten Schritten einen Weg durch diesen Irrgarten aus Liegen und Pritschen bahnte. Katzen huschten lautlos zwischen den Stühlen und Bettpfosten hin und her, sie machten Jagd auf die Ratten die sonst den Gästen die Zehen abnagten. Die anderen Kunden begegneten ihm mit leeren, verträumten Blicken und leisem Stöhnen. Die schwüle Luft in dem Raum war zum Schneiden dick, ein einziger Atemzug ließ ihn schon fantasieren und das Gefühl in seinen Händen verlieren ehe Mr. Guon ihn überhaupt zu seinem Platz geführt hatte “Hier bitte für sie Mr. Streffing, Ich bringe ihnen gleich ihre Mixtur.“ Für Stammkunden gab es weiter hinten im Laden einen abgesperrten Sonderbereich. Ein zweiter, nur halb so großer Raum der durch gespannte Leinen an denen Seidenvorhänge herabhingen oder aufgestellte Planwände in kleinere, private Kojen unterteilt war. Seine Koje befand sich ganz hinten an der Wan zwischen zwei Rauchernischen eingeklemmt. Fynn zog seine Jacke und Schuhe aus, sein Hemd und machte es sich auf dem Sofa bequem. Nachdem er Max zur Grenze eskortiert hatte beschloss er die Städte wieder für eine Weile zu meiden bis Gras über die Sache gewachsen war. Zuvor wollte er nur noch sich ein letztes Mal entspannen. Er spürte die Federn die unter dem dünnen Polster in seinen Rücken stachen. Das lasche Kissen besaß kaum noch Füllung. Doch als Mr. Guon mit einer Pfeife zurückkehrte war all das und noch so vieles mehr vergessen. Der erste Zug des Opium ließ seine Nervenenden förmlich leuchten, versetzte ihn in einen Rausch der sowohl beflügelnd als auch niederschmetternd war. Genau so stellte er sich den Himmel vor, näher dran am Paradies als hier würde er wohl nie kommen also genoss er jeden Atemzug davon.

Fynn vergas den Schmerz der letzten Jahre, die Strapazen und Entbehrungen. Die Sonne die seine Haut verbrannte, die dünne Kruste aus Salz die sich in seinem Gesicht gebildet hatte jedes Mal sobald ihm der Schweiß wieder getrocknet war. Zuerst schien es als begannen die vielen Narben an seinem Körper zu glühen nur um dann, einer Schar Kerzen gleich, mit einem einzigen Ausstoß des dichten Qualms weggepustet zu werden. Er schien zu schweben. Von irgendwo her spielte leise Musik, halt nein, das war nur er selbst der da leise ein altes indianisches Schlaflied sang. Die vertrauten Klänge weckten in ihm Erinnerungen aus alten Tagen. An seine Kindheit in Frankfurt erinnerte er sich kaum noch, bevor er Drei war wanderte die Familie Streffing nach Texas aus, Europa war ihnen zum Ende der Napoleonischen Kriege und der Umsortierung der Landkarte einfach zu unruhig. Solche Überfahrten über den Atlantik verschlangen oftmals das ganze Vermögen einer bäuerlichen Familie wie der Ihren, doch versprachen sie sich alles davon in zehnfacher Größe wieder zurück, drüben in der neuen, besseren Welt. Den ungezähmten, endlosen Weiten Amerikas. Des Landes in dem es keine Armut gab, keinen Adel, keinen Baron, Kürfürsten, Kaiser oder König. Das Land in dem alle gleich waren, in dem alle frei waren. Wo das Glück auf der Straße lag. Wo es genug für alle gab, Land und Nahrung in Hülle und Fülle, wo die Felder und Plantagen und Obsthaine barsten vor üppiger Ernte. Amerika, das war der Traum.

Und vieles davon war wahr, doch vergasen sie zu erwähnen wie trocken und hart der Boden hier im Süden war. Wie dörre das Land und wie mager viele Ernten sein konnten. Wie launisch das Wetter sein konnte. Sie vergasen die Hitze zu erwähnen, den scharfen Wind, die giftigen Skorpione, die Klapperschlangen, die Kojoten. Sie vergasen zu erwähnen dass es auf diesem ungenutzten Land bereits Menschen gab. Tausende. Zehntausende. Den Bauern war Land überschrieben worden das noch gar nicht von der Armee erobert und gesichert worden war. Sie zogen in die Wildnis hinaus, fernab jeder Straße und Eisenbahn. Seine Familie und ihre Nachbarn lebten direkt neben Wölfen und Comanchen. Neben Apachen und Tonkawa. Neben ehrgeizigen texanischen Republikanern, einem aufstrebendem Staat im Norden und einem immer noch wehrhaften Mexiko im Süden. Die Siedler und Glücksritter wurden als Trapper ins Neuland vorausgeschickt, ihre Siedlungen und Dörfer sollten zu Pufferzonen werden. Dünne Streifen dicht besiedeltes Ackerland das wie eine Barriere die großen Hafenstädte an der Küste und weiter im Inland schützen sollten damit diese in Ruhe wachsen konnten bis die Städte im Osten groß und stark genug waren den Westen zu überrollen, mit Eisenbahnen und Pferden.

Fynn lächelte mit geweiteten Pupillen als er an diese Zeit zurückdachte. Nie waren er und seine Familie freier gewesen als zu dieser Zeit. Aber Freiheit ohne Ordnung war wertlos. Ordnung ohne Frieden war nutzlos. Und Frieden ohne Freiheit war bedeutungslos.

Komm schon fang mich Fynn. Fang mich.“ Er spielte mit seiner kleinen Schwester Margarethe draußen auf den Feldern vor dem Haus das ihr Vater und Onkel zusammen mit ihren älteren Brüdern und Cousins gebaut hatten. Er und Margarethe waren die beiden mittleren Kinder der Familie Streffing gewesen. Markus und Reinhold waren die ältesten. Susi und Alfons die jüngsten. Fineas war Acht gewesen als die Schwarzen Reiter am Horizont auftauchten, Margarethe ein Jahr jünger. Sie waren neun gewesen. Sie preschten über die Hügel im Nordwesten über ihre Farm herein “Lauf Fynn! Lauf!“ Er hörte seine Mutter schreien, seine kleinen Geschwister. Die Hunde, die die noch nicht erschossen worden waren bellten, die Pferden schrien. Das Dach der Ställe brannte. Die Scheune brannte. Der Kornspeicher brannte. Die Felder brannten. Einfach alles brannte. Die ganze verdammte Welt schienen sie in Brand gesteckt zu haben. Er weinte aber die Luft um ihn herum war so erstickend heiß das es ihn die Kehle zuschnürte, seine Tränen verdampfen auf seinen Wangen noch ehe sie überhaupt zu Boden aufschlugen “Lauft! Lauft! LAUFT!“ Sie fingen sie ein. Sie fingen sie alle. Kinderraub, Vergewaltigung und Brandschatzen war im Westen ein so alltäglicher Brauch wie der Schrei des Hahns zum Morgengrau hin. Er zog nach an der Pfeife als sie schon längst leer war. Die halluzinogenen Drogen halfen ihm beim Einschlafen. Er döste dahin und erwachte erst wieder als ihn ein Schwall kaltes Wasser wie eine Faust ins Gesicht schlug und ihn hochschrecken ließ “Ist er das Privat?“

“Ja Sire, der Besitzer ist sich ganz sicher. Das ist Staff Sergeant Fynn Streffing.“ Klangen zwei Stimmen dumpf an sein Ohr. Er war zu schnell aufgestanden und das Innere seines Kopfes schien sich im gegen den Uhrzeigersinn zu drehen während sich der ganze Rest seines Körpers in die andere Richtung drehte.

Er sieht gar nicht aus wie ein Kriegsheld, oder der Engel des Todes.“ Sagte ein dritter.

Nein Marshall, eher wie ein versiffter Köter.“

“Ich weiß wirklich nicht was sich der Major von dem da groß erhofft.“

“Was soll´s, einpacken Privat.“

Die schweren Schritte von Stiefeln aus hartem Pferdeleder hallten wie Donner über den krummen Böden und in seinen Ohren wieder. Erst ein leises metallisches Klicken ließ sie verstummen.

“Es ist zu früh für so einen Ärger.“ Fynn rieb sich die müden Augen, selbst das schwache Licht in der Opiumhöhle brannte in seinen Pupillen. Sein Rücken schmerzte, selbst auf den besten Liegen in der The Cave of the Green Dragon schlief man wie auf einem Nagelbrett. Seine Narben fingen wieder an zu pochen. Die Bisswunden, Schnitte du Prellungen. Die gebrochenen und wieder zugewachsenen Knochen, die gerissenen Sehnen, das zerstochene Fleisch, die verbrannte Haut. Aller Schmerz kehrte zu ihm zurück und erinnerte ihn daran das er noch lebte. Eigentlich waren Waffen hier drinnen strengstens verboten aber Fynn zog es vor immer bewaffnet zu sein.

“Hört zu, der Besitzer dieses Ladens ist ein Freund von mir. Ich will wirklich kein Blut auf seinen Boden vergießen, also dreht euch um und erfreut euch der Tatsache das ihr noch atmen dürft.“ Er drehte den Kopf hin und her wobei seine Wirbel laut knackten und knirschten.

“Staff Sergeant Fineas Streffing?“

Als er hoch sah erblickte er einen jungen Marshall, wohl im selben Alter wie er mit schneidigen Zügen und charismatischen blauen Augen. Seine Züge aber waren von einer Arroganz gezeichnet die nur ein junger Offizier haben konnte der gerade frisch befördert worden war. Gepaart mit dem Schatten der Unzufriedenheit darüber, einen Auftrag auszuführen den er als unter seiner Würde betrachtete. Etwa den Laufburschen zu spielen, um einen hochdekorierten Veteranen aus der Bar, dem Salon, dem Freudenhaus oder der Opiumhöhle zu holen in der er sich gerade mit seiner Versehrtenrente amüsierte. Sein Haar war fast so dunkel wie das von Fineas, jedoch weitaus kürzer und gepflegter. Neben ihm ragte ein Mann wie ein Baumstamm auf. Fast verwechselte Fynn ihn mit einem der Baken die das Stockwerk über ihnen trugen, denn seine Haut war fast genauso dunkel wie die von Rauch und Qualm geschwärzten Balken der Innenräume selbst. Hätte er die blaue Uniform nicht getragen wäre er im Schatten untergegangen. Seine Züge waren hart und zäh wie Leder, die vier Privates hinter den beiden Offizieren wirkten im Vergleich zu ihm wie Zinnsoldaten. Schüchtern und unsicher, offenbar blickten sie zum ersten Mal in den Lauf eines Revolvers “Ja?“ Fragte er genervt.

“Ich bin Marshall Nathan Jones, das ist Leutnant Ulysses Gampell. Wir kommen im Auftrag des Ninth Military Department der US Streitkräfte, New Mexiko Territorium.“

“Und was wollt ihr von mir?“

“Wir sollen sie zum Fort Eskortieren, Colonel Andrew Mason wünscht Sie wieder für den Dienst an ihrem Land zu requirieren.“ Sagte der Marshall und drückte dabei den Rücken durch.

“Ich hab meinem Land schon gedient. Sucht euch jemand anderen, oder sofern ihr nicht über die Arbeit reden wollt legt die Uniformen ab und legt euch auf die Pritschen neben mir. Sind zwar hart wie Stein, aber das vergesst ihr nach nur einem Zug wieder.“

“Der Colonel selbst verlangt euch unverzüglich im Fort zu sprechen.“ Sagte der Leutnant mit deutlichem Nachdruck in der rauen Stimme.

“Ach Ich hasse es alten Männern das Herz zu brechen, aber Ich bin mir sicher ihr werdet ihn schon irgendwie verströsten können.“ Er legte seine Waffe auf den Stapel Kleidung ab die auf dem Boden unter seinem Bett lag, gleich neben seinen Stiefeln. Er legte sich zurück auf das Sofa, wieder stachen ihm die Federn in den Rücken.

“Ihr seid eingetragener Reserveoffizier. Ihr steht in der Verpflichtung jedem Marschbefehl unverzüglich nachzukommen den euch euer Land erteilt.“ Sagte der Leutnant.

“Mit anderen Worten ihr, Steff Sergeant seid als Militäreigentum zu werten.“

“Man kann Menschen nicht besitzen, nur mieten. Hat eure Frau euch nie den Unterschied erklärt?“ Fragte er und legte den rechten Handrücken auf seine Stirn ab.

“Der Colonel ist nicht der einzige der euch zu sprechen wünscht. Major Hest war es erst, der euch dem Colonel empfohlen hat.“ Sagte der Marshall weiter.

“Herbert Hest?“ Fragte er ungläubig nach aus Angst immer noch im Rausch zu sein.

“Genau, euer Offizier im Mexikanischen Krieg wenn Ich richtig gehört habe?“

“Ja, leider.“

“Er hat mich gebeten euch das zu geben.“

Marshall Jones überreichte ihm ein nicht mal zwanzig Zentimeter langes Stück Holz mit vier eingeritzten Kerben darauf. Trotz seiner geringen Erscheinung entschied dieses kleine Stück Holz über Leben und Tod. Über Vergangenheit und Zukunft. Über sein Leben und seine Vergangenheit.

“Was ist das Steff Sergant?“

“Das ist ein Kerbholz oder Zählstab. Früher haben die Pachtmeisters des Adels damit Inventur betrieben. Jedes Mal wenn die Bauern ihre Abgaben überreichten ritzte der Vogt Querstreifen hinein. Die Menge der Markierungen stand für die Menge der Abgaben, dann wurde das Holz längsgeteilt. Eine Hälfte bekam der Vogt du die andere der Bauer. Doppelte Buchführung sozusagen.“ Sagte Fynn müde und fuhr mit dem linken Daumen die Kerben ab. Es waren vier Stück. Er besaß das Gegenstück zu diesem hier immer noch. Und genau wie bei seinem waren die Kerben von kleineren Kratzern durchzogen, durchgestrichen, als Zeichen dafür dass er seine Schulden abgearbeitet hatte.

“Der Major sagte, ihr schuldet ihm noch einen Gefallen.“

“Das tue Ich gewiss nicht. Seht ihr das nicht? Alle vier Kerben sind durchgestrichen. Fast wegradiert. Ich meinen Dienst abgearbeitet. Herb und Ich sind quitt.“

Als junger Leutnant hatte Fynn einst einen Stoßtrupp von Trampern tief hinter die feindlichen Linien geführt um die feindlichen Truppen auszukundschaften. Dabei waren er und seine Männer in eine Falle geraten und wären ohne Verstärkung auf offenem Feld aufgerieben worden wenn nicht Major Hest, damals noch Captain, sich ohne Befehl mit seiner Kompanie zu ihnen durchgeschlagen und sie befreit hätte. Fynn schuldete ihm mehr als nur ein Leben, er schuldete ihm vier davon. Eines für jeden der Männer in seiner Einheit die Dank Hest wieder lebend zurück nach Hause kamen. Fynn schuldete Hest die Arbeit von vier ganzen Leben. Viermal musste sein Dienst das ganze Lebenswerk eines Mannes aufwiegen und viermal war er dieser Schuld nachgekommen. Sein Gewissen war rein und sein Kerbholz berichtigt.

“Er hat meinen Männern das Leben gerettet, dafür hab Ich ihm viermal meinen Dienst erwiesen. Jetzt soll er sich jemand anderen suchen der für ihn die Kastanien aus dem Feuer holt.“

“Der Major sagt ihr schuldet ihm noch einen fünften Gefallen, für ein fünftes Leben das er gerettet hat.“ Sagte der Marshall.

“Welches fünfte Leben? Erfindet er das gerade? Für wie blöde hält der mich das Ich nicht mehr weiß…“

“Euer Leben Steff Sergeant. Er hat damals auch euer Leben gerettet.“ Unterbrach ihn der Leutnant ehe er begann sich in Rage zu reden “Ihr selbst seid die fünfte Kerbe.“ Sagte er mit sichtbar zufriedenem Lächeln.

“Ich hab ihm damals schon gesagt, dass das nicht mehr wert ist als die Munition die er an dem Tag verschossen hat. Jedenfalls nicht so viel das Ich wieder für ihn ins No-Man-Land abtauche um weiß der Geier was zu tun.“

“Ihr schuldet es ihm. Eure Ehre…“

“Ich scheiß auf die verdammte Ehre! Und auf Major Hest! Sagt ihm das von mir!“

“Der Gefallen des Majors lautet“ Sagte der Marshall ungerührt weiter “dass ihr euch mit ihm und Colonel Mason im Fort treffen sollt. Alles weitere ist euch überlassen.“

“Was faselt ihr da, Marshall?“ Fragte er verwirrt.

“Alles worum euch der Major ersucht ist ein kurzes Gespräch unter Vier Augen mit ihm, und einigen Gästen. Zum Ende dieses Treffens hin betrachtet er eure Schuld als beglichen. Ob ihr euch dann freiwillig bereit erklärt erneut in den Dienst der United States Army zu treten liegt allein an euch Steff Sergeant.“

Dieser alte Fuchs hatte etwas vor, das spürte er ganz deutlich. Hest war schlauer als es sein Ruf oder seine Jugend vermuten ließen. Einer von der Sorte Offiziere die groß Karriere machen würden. Gerissen und klug, aber auch risikobereit und gradlinig berechnend. Er hatte sich auf den Schlachtfeldern im Süden große Reputationen verdient. Er hatte eine List für ihn vorbereitet, eine sehr ausgekochte List. Jetzt bin Ich es der in die Falle gelockt werden soll, dachte Fynn. Ich kann die Schlinge nicht sehen aber sie liegt da genau vor mir. Nur ein falscher Schritt und sie zieht sich um meinen Hals zusammen. Er dachte daran einfach nein zu sagen. Er dachte daran ihnen zu sagen, dass sie sich allesamt zum Teufel scheren sollten. Er dachte daran den Rest des Tages Blut von Guons Böden zu schrubben. Doch die Versuchung sich von einer Schuld reinzuwaschen, die sehr wohl Rechtens war, lockte einfach zu verführerisch als das er diese Chance tatenlos an sich vorüberziehen lassen konnte. Zu lange schon nagte diese Kerbe an ihm. Der Fall nach dem Konsum des Opiums verstärkte diese Scham nur noch. Er wusste ganz genau wo und wann er mich suchen lassen musste, dachte er und grinste dämonisch über seine eigene Dummheit. Die von damals und die von heute “Und was sind das für Gäste?“

Wie alle größeren Städte im Südwesten besaß auch Albuquerque eine Garnison mit eigenem Quartiermeister. Aufgrund der Abgeschiedenheit des Territoriums und der Entfernung dauerte es mehrere Monate bis Befehle und Depeschen aus Washington hier eintrafen weshalb die Offiziere des Military Departments in ihren Forts mit fast freier Hand, als Adel in dieser Ödnis herrschten und nach eigenem Gutdünken für Ordnung sorgten. So manche letzten Unabhängigkeitsbestrebungen waren erst vor wenigen Jahren zerschlagen worden mit dem Untergang der Republik Texas. Weder Indianer noch Mexiko hatten je wirklich ihre Ansprüche auf dieses Land aufgegeben, trotz all der unterzeichneten Verträge. Die Staaten brachen die ihren ja auch oft genug und das mit meist ans Lächerlich grenzende Ausreden. Papier war eben doch nur Papier, bewaffnete Festungen und Garnisonen waren da schon etwas Handfesteres. Immerhin war dieses Land erst mit Ende des Krieges vor drei Jahren annektiert worden und noch immer weit davon entfernt besiedelt und gesichert zu sein, von amerikanisch ganz zu schweigen. Am Tor des mächtigen Außenpostens der etwas abseits der Stadtgrenze lag wurde er durchsucht, die Waffenkontrolle hier war deutlich entschlossener als die im Dragon Cave. Er fügte sich seinem Schicksal mit nötiger Demut und legte seine Revolver und Messer ab, die Gürtel mit der Munition, den versteckten Dolch in seinem linken Stiefel, doch schien das den Wachen der Batterie des Forts etwas zu langsam zu gehen “Was ist denn das für ein hässliches Ding?“

Sein Tamahawk strahlte eine seltsame Faszination aus. Seine schlichte Schönheit konnte nicht verbergen, dass dies ein Werkzeug war um Leben zu beenden und zu erhalten.

“Nicht anfassen.“ Sagte er mit unterdrücktem Zorn.

“Das ist ein Apachen-Beil. Das weiß Ich genau, sowas wurde schon so oft nach mir und meinen Kameraden geworfen.“ Sagte er und drehte weiterhin ungerührt spielend den Stab in den Händen hin und her.

“Leg es hin.“ Sagte er kalt.

“Verdammt es stimmt also wirklich was man so alles über sich sagt?“ Scherzte einer der Männer.

“Nur die Hälfte, aber Ich würde sagen das reicht auch.“

“Du bist ja ziemlich von dir überzeugt?“ Fragte ein anderer.

“Nur weil es so ist.“

“Sag mal wie viele Weiße hast du damit getötet? Zwanzig? Dreißig? Fünfzig?“

“Euch mit eingerechnet?“

Jemand packte ihn an der linken Schulter doch ehe ihn dieser Mann schlagen konnte stieß Fynn ihm den Ellenbogen ins Gesicht. Der Mann ließ ihn wieder los, Fynn duckte sich unter einem zweiten Hieb durch und riss den Mann der sein Beil immer noch in den Händen hielt zu Boden “Bleibt zurück!“ Er nagelte ihn auf dem Boden fest und presste ihm das scharfe Schneidblatt an die Gurgel.

“Du kommst hier nicht lebend raus.“ Fluchte der Mann unter ihm.

“Redest du gerade mit mir oder dir selbst?“ Fragte er scherzhaft zurück.

“Du verfluchter kleiner Bastard!“

“Offenbar mit dir selbst.“

“Weißt du eigentlich…?“

“Wie viele Männer Ich damit schon getötet hab? Nein, hab aufgehört zu zählen aber Ich weiß noch das es halb so viele Männer waren die Ich damit verstümmelt hab.“ Sagte er und begann mit der Klinge einen blutigen Faden über seine Haut zu ziehen “So ungefähr zumindest.“

“Aus dem Weg! Zurück! Steckt die Waffen ein!“ Er kannte die Stimme, aber noch vertrauter war ihm der Kuss von blankem Stahl auf der nackten Haut. Die scharfe Klinge war kalt wie frischer Neuschnee als sie von oben an der Seite auf seine Kehle gepresst wurde.

“Hallo Herb.“ Sagte er monoton.

“Hallo Fynn. Würdest du bitte deine Waffen senken? Dann werde Ich auch meine wieder einstecken.“

“Major, dieser verfluchte Bastard hat…“

“Ruhe! Kein Wort mehr!“ Schnitt ihm Herbert scharf das Wort ab.

“Sie haben mit meinen Waffen herumgespielt, du weißt wie empfindlich Ich da bin.“ Sagte er grimmig ohne zu ihm aufzusehen.

“Alle Wachen sind Idioten, darum sind es ja Wachen. Im Namen des Departments entschuldige Ich mich für das Verhalten meiner Männer. Nicht war Leutnant?“

Der Mann unter ihm sagte nichts dazu. Er presste nur verkrampft die Lippen aufeinander und nickte kaum merkbar.

“Also würdest du jetzt bitte das Beil von seinem Hals nehmen? Damit wir uns wie zivilisierte Menschen unterhalten können?“ Fynn seufzte frustriert, tat aber wie von ihm verlangt, wenn auch äußerst widerwillig.

“Ich hasse es neue Erfahrungen zu machen.“

Er ließ wieder von dem Soldaten ab und stand auf. Er sah Major Herbert Hest jetzt zum ersten Mal seit über drei Jahren und er hatte sich nicht im Geringsten verändert. Er hatte immer noch dieses keilförmige Gesicht eines Fuchses, die warmen blauen Augen die von dichten erdbeerblonden Locken und einem ebenso rauschenden, spitzen Vollbart umrahmt waren. Seine Haut war wettergegerbt, sein Rücken sehr gerade und die Schultern irgendwie steif aber in der prächtigen Uniform verlieh ihm das nur noch mehr Autorität. Er war eine halbe Hand kleiner als Fineas jedoch auch zwei Jahre älter. In Sachen Wesen und Charakter unterschieden sie sich noch gravierender “Du hast dich wirklich kein Bisschen verändert.“

“Hätte Ich das etwa?“

“Nein, denn sonst würde Ich mich jetzt nicht an dich wenden.“

“Hätte Ich mich doch nur verändert.“ Stöhnte er und rollte mit den Augen.

“Lass deine Waffen hier, Ich trage dafür Sorge dass du sie unversehrt wiederbekommst.“ Er führte ihn aus dem Magazin des Forts heraus und quer über den Hof in Richtung eines großen Herrenhauses gegenüber des Eingangstors. Dort befand sich der Kommandositz des Departments.

“Dein Gefallen bezieht sich nur auf unser Gespräch? Ich opfere dir maximal zehn oder fünfzehn Minuten meiner Zeit? Danach bin Ich wieder weg.“ Stellte er auf dem Weg zum Haus klar.

“Wenn du mich angehört hast, wirst du freiwillig wieder in meinen Dienst treten wollen.“ Versprach er ihm.

Colonel Andrew Mason war ein kurzgewachsener und beleibter Kerl dessen Uniform ihm eine Nummer zu klein schien. Doch wirkte er dabei keineswegs fett auf ihn, eher kräftig und muskulös, so wie ein Eber fand Fynn. Das wirre weiße Haar das ihm noch an den Seiten seines sonst schon kahlen Schädels abstand verlieh ihm sogar eine gewisse Ähnlichkeit. An seiner Seite trug er einen Säbel mit vergoldetem Griff und weiße Handschuhe die er aber auszog als Fynn ihm die Hand reichte “Steff Sergeant Fineas Streffing, es freut mich sehr ihre Bekanntschaft zu machen, der Major spricht in den höchsten Tönen über euch.“ Sein Büro war spartanisch eingerichtet, abgesehen von einem Federbett das sogar noch härter und unbequemer anmutete als die Pritschen in Guons Höhle und einem ausgestopften Adler der unter einer durchsichtigen Glashaube auf einer Kommode neben dem Fenster zum Innenhof stand fand er keine persönlichen Annehmlichkeiten. Die Bücher in den Regalen handelten alle von Militärgeschichte, Erdkunde, Mathematik, Fynn entdeckte eine Ausgabe der Kunst des Krieges und Caesars Eroberung Galliens. Auf seinem Schreibtisch waren Stapel von Landkarten, Briefen, Fahndungsplakaten und zwei aufgeschlagene Bücher verstreut. Fynn schien mitten in einen Kriegsrat hineingeplatzt zu sein, gegenüber von Colonel Mason, auf der zur Tür gewandten Seite standen vier der Gäste die Herb nebenbei erwähnt hatte “Colonel.“ Grüßte er ihn knapp als dieser mit erstaunlicher Leichtfüßigkeit um den Tisch herumgeschritten auf ihn zu kam.

“Darf Ich ihnen vorstellen das sind Pfarrer Frederich Emmerich, Fähnrich Eduard Gaus von der Kurfürstlichen Armee des Großherzogtums Hessen und Hauptmann Joachim Madaus der Herzoglichen Nassauischen Armee. Und dieser Mann dort hinten in der Ecke dürfte ihm wohl bekannt sein. Er wird…“

“Gooseberry genannt, Ich weiß. Hey Sam.“

Der Mann war fast so groß wie er jedoch waren seine Züge komplett kahl, unter seiner Mütze aus Rehfell trug er eine von Narben durchzogene Glatze. Sein Gesucht war schmucklos und hart wie Grant. Er trug eine von Sandgeschliffene dünne Weste über einem grauen Hemd. Ein Fliesenmuster aus Fellquadraten zog sich darüber. Sam Howard war Trapper, ein Fährtenleser und ein guter noch dazu, er bewegte sich fast so lautlos wie die Indianer, fast wie die Tiere selbst “Du siehst Scheiße aus.“ Sagte er zur Begrüßung.

“Ich hatte heute noch keinen Kaffee und was ist deine Ausrede.“ Gab er gelassen zurück ehe er sich den anderen Gästen zuwandte.

“Meine Herren, das ist Steff Sergeant Fineas Streffing.“ Stellte ihn Herb den anderen vor.

“Was haben Deutsche Militärs hier zu suchen?“ Fragte er direkt den Colonel anstatt die Männer selbst, mal sehen was sie zu sagen hatten wenn sie glaubten niemand würde sie verstehen.

“Kommt her, seht euch das an. Wisst ihr was der Mainzer Adelsverein ist?“ Fragte der Colonel.

“Natürlich, ein Verein mit Sitz in Mainz der deutschen Auswanderer die Überfahrt nach Amerika, ganz besonders in Texas ermöglicht und sich dort für deren Schutz einsetzt. Der Verein stellte jeder ausreisewilligen Familie rund 130 Hektar Land in Aussicht, dazu die Versorgung mit Lebensmitteln bis zur ersten eigenen Ernte sowie Kirchen, Schulen und ärztliche Fürsorge. Zumindest auf den Papier. In Wahrheit werden die Auswanderer sobald erst die Küste in Sicht kommt förmlich an Land rausgeschmissen und dann sich selbst überlassen. Manche kommen durch manche nicht, wichtig ist nur die Aktionäre verdienen sich dabei eine goldene Nase.“

“Es ist eine faire Chance für jeden der eine braucht.“ Sagte der Pfarrer. Er war ein verdrieslicher, kleiner Mann mit grauen Augen und dünnem grauen Haar auf dem Kopf. Er sprach überraschend gut Englisch, seinen Akzent hörte man fast so schlecht heraus wie seinen. Fast.

“Dreihundert Gulden pro Einzelperson und Sechshundert pro Familie, das sind Ablassbriefe.“ Sagte er knapp.

“Nun, die Preise mögen hoch sein doch der Pfad zur Glückseligkeit ist ein langer Weg, einer den zu gehen sich lohnt.“

“Ihr habt ein paar große Städte weiter im Osten gegründet. New Braunfels und Fredericksburg nicht wahr?“

“Ja das haben wir. Beides blühende Metropolen.“ Sagte Hauptmann Joachim in einem krampfhaft steifen Dialekt und deutete auf die Karte.

“Was wollt ihr dann soweit im Westen. Plant ihr etwa eine neue Einwanderungskampagne in New Mexiko?“ Fragte er unsicher was er hier sollte.

“Nun, zuerst muss geklärt werden, dass das hier gesagte, absolut vertraulich zu behandeln ist.“ Sagte der Colonel.

“Natürlich Sir.“

“Vor Sieben Jahren reiste Graf Karl Friedrich von der Groeben, einer der wohlhabendsten Aktionäre des Vereins, mit verwandtschaftlichen Beziehungen zum Preußischen Adelshaus, persönlich nach Texas um den Bau von Neu Braunfels zu besichtigen.“ Berichtete der Pfarrer.

“Dabei wurde er von seiner Frau der Herzogin Sofie und ihren drei Kindern begleitet. Den Prinzen Ludwig und Alexander und ihrer Schwester der Fürstin Annabella. Er wollte sich seine Investitionen ansehen und auch mit Präsident Jones über die Gründung einer möglichen Deutschen Kolonie in Texas sprechen.“

“Die Republik stand damals kurz davor von den Staaten geschluckt zu werden, eine Investition von einer Millionen Deutschen Mark hätte das vielleicht beenden können. Doch dazu kam es nie.“ Sagte Herb.

“Was ist passiert?“

“Da sich die Republik weigerte den Comanchen als gleichberechtigte Bündnispartner auf Augenhöhe zu begegnen wollte der Graf als unabhängiger Vermittler fungieren. Er reiste persönlich fast bis an die Grenze um sich mit ihren Häuptlingen zu treffen.“

“Mit seiner Frau und seinen Kindern?!“ Fragte er perplex.

“Der Graf war ein Familienmensch.“

“Oh Gott.“

“Die Unterredung lief sehr gut, die Comanchen unterzeichneten den Vertrag und schworen die deutschen Siedler in Frieden zu lassen. Aber die Apachen taten das nicht. Auf dem Rückweg gerieten sie in einen Hinterhalt. Ihre Eskorte wurde abgeschlachtet. Der Graf und seine gesamte Familie ebenso, das dachten wir zumindest bisher.“ Der Colonel kramte aus seiner Schublade ein Fetzen Stoff und einen Brief hervor, beides reichte er Fineas hin.

“Dann vor Achtzehn Monaten haben Ranger nahe der Grenze eine Kriegshorde der Mescalero aufgerieben, der Hauptmann schwört und zwei seiner Offiziere bestätigen das er, bei der Verfolgung der Krieger in ihr Dorf, ein Mädchen mit weißer Haut und blonden Haaren gesehen hat.“

“Na und? In diesen Territorien werden ständig Kinder von Siedlern entführt.“ Sagte Fynn und zuckte mit den Schultern.

“Gekleidet war sie in einen Mantel der dieses Wappen trug.“ Der Colonel deutete auf den Fetzen Stoff in seiner Hand. Es zeigte einen roten aufrecht stehenden Adler der Schwert und Kreuz in den Flügeln hielt auf graukariertem Grund.

“Kann geraubt und behalten worden sein.“

“Der Hauptmann hat berichtet, dass das Mädchen unter dem linken Auge ein Muttermahl hatte. Unter dem rechten Augen in der Form eines Sichelmondes.“

“Dreck? Schlamm? Eine Narbe?“ Sagte er knapp.

“Es ist Fürstin Annabella, dieses Muttermahl an genau der beschriebenen Stelle ist einzigartig auf der Welt. Das ist ihr Zwillingsbruder gewesen den sie im Mutterleib getötet hat. Ich weiß es ganz genau. Ich selbst habe das Mädchen und ihre Brüder getauft, Ich sah zu wie sie groß wurden, Ich weiß dass das Annabella sein muss.“ Sagte der Pfarrer überzeugt.

“Und jetzt? Was wollt ihr machen? Warum habt ihr sie noch nicht befreit wenn ihr so überzeugt seid?“

“Das haben wir versucht.“ Sagte der Fähnrich im besseren Englisch als sein Kollege.

“Und sind gescheitert. Die nächste Strafexpedition wird unter dem Kommando von Major Hest stehen und er wünscht dass sie ihn begleiten.“ Sagte der Colonel.

“Unser Weg führt uns tief in unwegsames Gelände. Dort wo alle Karten aufhören und es keine Grenzen gibt.“ Sagte Gooseberry.

“Du kommst mit?“

“Ja.“

“Und Ich ebenfalls.“ Sagte der Pfarrer sofort “Nach so langer Zeit sollte sie als erstes ein vertrautes Gesicht sehen. Zumal Annabella, wenn überhaupt nur Deutsch verstehen wird.“

“Ihr habt also einen Kommandant der eine Militäreskorte dirigieren kann, ihr habt einen Fährtenleser der die Apachen aufspüren kann, ihr habt einen Priester der mit ihr Deutsch sprechen kann, was genau wollt ihr dann noch von mir?“ Fragte skeptisch aber auch ahnend warum.

“Das ist umkämpftes Territorium. Das Land in dem Gott die Schöpfung unfertig zurückließ. Dieses Gebiet wird von wehleidigen Mexikanern, ehrgeizigen texanischen Republikanern, boshaften Wilden, gierigen deutschen Kolonisten und den hilflos überforderten Staaten scharf beobachtet. Dort treffen internationale Interessen aufeinander, gemischte Interessen.“ Sagte Herb.

“Wir wollen das ganze schnell und ohne Aufsehen erledigen. Sie sollen diese Mission schnell und ohne Aufsehen erledigen. Wir brauchen ihre besonderen…Talente und Erfahrungen auf diesem Gebiet.“ Stellte der Major klar.

“Und dafür ist die Mainzer Adelsverein und die rechtlichen Vertreter der Familie von der Groeben bereit ihnen eine Prämie von Zwanzigtausend Dollar zu zahlen.“ Sagte Pfarrer Emmerich.

“Ich komme mir billig vor. Was kann dieser Mann schon was nicht auch Tausend andere zu billigeren Tantiemen bieten?“ Fragte der Hauptmann auf Deutsch.

Er kann euch das sagen was ihr partout nicht hören wollt.“ Antwortete er zu ihrer aller Überraschung auch auf Deutsch “Die Wahrheit.“

“Ihr kommt aus Deutschland?“ Fragte der Pfarrer erstaunt.

Frankfurt.“

“Oder oder Main?“

“Main.“

Genau wie mein Schwager, die Welt ist wirklich klein. Euren Akzent hört man gar nicht heraus.Sagte der Pfarrer belustigt.

Meine Familie ist ausgewandert als Ich drei war. English ist fast meine zweite Muttersprache.“ Fynn sah wieder den Colonel an.

“Nein.“ Sagte er knapp und machte sich wieder daran zu gehen aber Herb ließ nicht locker.

“Fynn…“

“Komm mir nicht so. Dein Gefallen berief sich nur darauf zu reden. Mir euren Vorschlag anzuhören, alles andere ist meine Sache. Und es ist nicht meine Sache blind für die da in die Höhle des Löwen zu laufen. So sehr sehne Ich mich nicht nach dem Tod.“

“Fynn, das Gespräch ist noch nicht zu Ende!“ Rief er ihm hinterher noch ehe Fynn den Türgriff in der Hand hielt, schuldbewusst drehte er sich um.

“Was?“

“Du bist nicht der erste dem wir diesen Job anbieten. Dem ersten Scout bot der Verein Siebentausend Dollar. Dem zweiten und dritten jeweils Neun- und Elftausendfünfhundert. Dem letzten boten sie schon Neunzehntausend. Das geht jetzt schon seit über eineinhalb Jahren so, diese Suche hat mittlerweile ein paar der besten Fährtenleser, Kundschafter und Söldner im Südwesten das Leben gekostet, fast Vierhundert Seelen die nie wieder zurückgekommen sind. All diese Leute haben sie geschickt um das Mädchen zu suchen und die werden so lange Leute hier her schicken bis sie haben was sie wollen. Wann glaubst du werden sie sich direkt an das Militär oder die Texanischen Rangers wenden? Egal wie viel Blut und Geld es kostet, sie werden jeden Stein umdrehen. Du kannst diesen Wahnsinn beenden. In nur sechs Monaten kann das Mädchen wieder Zuhause bei seiner Familie sein und du wo auch immer der Wind dich hinträgt. Wenn nicht, könnte es hier bald zum Krieg kommen.“

Herb hatte Recht, die Entführung und Ermordung Deutscher Adeliger wäre nur die Krönung eines Prozesses der nun schon über ein halbes Jahrhundert andauerte: Dem Krieg zwischen Weißen und Indianern um das Land. Dieses Territorium war ein Pulverfass, der kleinste Funken konnte alles in die Luft fliegen lassen und die Ruhe die er in seinem Territorium so schätzte würde brennen. Er seufzte frustriert.

Ich will Fünfundzwanzigtausend.“ Sagte er schließlich.

Das ist doch…“ Begann der Hauptmann wurde aber von ihm unterbrochen.

“Ihr kauft euch damit den Erfolg den ihr so sehnlichst wünscht. Pfarrer übersetzt für mich. Das ist keine Mission, das ist eine Anleitung zum Selbstmord. Es ist egal wie viele Männer ihr schickt, in diesen Bergen kann jeder Canyon leicht Tausend Soldaten verschlingen und es gibt Tausende Canyons und Schluchten. Die Hitze, die Tiere, das wenige Wasser, jeden Moment kann es plötzlich einen Sandsturm oder Unwetter geben. Und die Apachen sind die unbestrittenen Herren dieses Landes, wenn sie wollen werdet ihr das Mädchen nie finden. Selbst solche wie Goosebery können daran nichts ändern.“ Sagte er knapp und wartete bis der Pfarrer es übersetzt hatte. Der genaue Wortlaut war wichtig und Fynn wollte nicht alles zweimal sagen aber Herb und der Colonel sollten es auch hören.

“Was macht Sie so sicher das ausgerechnet Sie der Mann sind der das schaffen kann?“ Fragte der Fähnrich.

“Fynn ist hier oben eine urbane Legende. Als er Acht war, wurde er von Indianern entführt, von genau den gleichen Apachen die eure Fürstin entführt haben. Erst mit Neunzehn kehrte er nach Hause zurück.“ Sagte Herb und legte ihm anerkennend eine Hand auf die Schulter. Fynn nahm diese Geste des Respekts mit ausdrucksloser Geste an “Er kennt dieses Land und die Wilden darauf besser als irgendwer sonst, er beherrschte ihre Sprache, er kennt ihre geheimen Schleichwege und er kennt ihre Art zu kämpfen. Der Steff Sergeant hat mir schon in der Vergangenheit geholfen, sowohl als Diplomat wie auch als Strategischer Berater.“

“Also schön, Fünfundzwanzigtausend Dollar.“ Sagte der Hauptmann.

“Das sind noch nicht meine einzigen Bedingungen. Der Major darf mich begleiten, aber Ich brauche eine Einheit die Ich selbst zusammenstellen werde."

"Wir werden eine ganze Kompanie erhalten.“ Sagte Herb.

“Ja das hab Ich befürchtet, und die dürfen sich gerne an die Fersen meiner Männer dran hängen, Ich schleppe euch mit vorausgesetzt sie fallen nicht zurück oder stehen im Weg. Im Fall der Fälle liegt die Befehlsgewalt bei mir, du hast zweifellos den hören Rang Herbert aber Ich bin die an Sachen Erfahrung und Ortskenntnisse ein halbes Leben voraus. Wenn Ich sage Laufen, dann laufen wir. Wenn Ich sage stehen bleiben, bleiben wir stehen. Wenn Ich Rückzug befehle dann ziehen wir uns zurück und zwar auf der Stelle. Hältst du dich dran sind wir in drei Monaten wieder hier. Wenn nicht, such dir einen anderen Dummen dafür.“ Sagte er knapp. Herb sah den Colonel an, welcher nach kurzem Zögern nickte.

“Willkommen zurück bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika, Steff Sergeant.“
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast