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The Story of Noman

von eiswolf23
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 / Gen
14.05.2022
01.12.2022
7
39.022
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14.05.2022 7.197
 
Fynn






Er hörte das Rascheln im Gras noch bevor sie über ihn herfielen. Den Schritten nach waren sie zu viert. Einer hinkte und zog sein linkes Bein nach. Alles Männer, die ihrem Leben wohl nur zu einer Handvoll Gelegenheiten je ein Stück Seife gesehen hatten dem Geruch nach, wenn überhaupt. Sie hatten wohl vorgehabt gegen den Wind sich an sein Lager anzuschleichen doch der Wind hatte gedreht und sie schon auf halbem Wege verraten. Er hätte zur Waffe greifen können, aber es war ihm zu früh am Tage für derlei Ärgernisse. Er hatte letzte Nacht nur schlecht geschlafen, der Eintopf hatte ihn den Magen umgedreht. Die ganze Nacht hatte sich Fineas oder „Fynn“ wie ihn die meisten nannten, unruhig hin und her gewälzt, erst vor wenigen Stunden könnte er einen leichten Schlaf finden als es schon zu dämmern begann. Er wollte sich den Schlaf nicht von solchen Aaskrähen ruinieren lassen. Sie wirkten ohnehin halb verhungert auf ihn, sie konnten sich nehmen was sie brauchten. Die wenigen Rationen die er noch hatte würden kaum noch bis in die nächste Stadt reichen und das Wasser schmeckte bitter. Er würde schon neues finden und besseres irgendwo. Dafür zu kämpfen lohnte sich nicht. Gold hatte er keines bei sich, John lebte die meiste Zeit seines Lebens auf Kredit und das schon immer, es hatte ganz gut geklappt. Und schon in absehbarer Zeit würde er eine äußerst lohnende Prämie kassieren, was machten da schon der Verlust von ein paar Sporen, Tabak, einer Kaffeemühle, einem Sack Zucker, Dörrfleisch, Nähzeug und etwas Brandi groß aus? Sein Pferd wieherte, eigentlich war Luna eine sehr ruhige Stute aber sobald der Gestank ihr in die Nüstern trat zuckte ihr Kopf unruhig zurück. Sie zerrte an ihrem Geschirr. Die beiden Zettler die seinen Wagen zogen traten zwei Schritte zurück und stießen an den Rand des Karrens an indem er seine Ladung verstaut hatte. Das Quartett begann seine Satteltaschen zu durchwühlen, sie schütteten ihren Inhalt sorglos auf den trockenen Boden aus. Durchwühlten seine Ausrüstung, seine wenigen Habseligkeiten. Sie stahlen ihm seine Pferdedecke und die Kaffeetassen, das Schießpulver, den Wasserbeutel und die letzten Dosen Eintopf. Ein Raub der eigentlich keine zwei Minuten hätte dauern sollen zog sich immer weiter in die Länge. Erstickte Flüche und scharfe Bemerken machten unter den Vieren die Runde als sie sich über die magere Auslese ärgerten.

Los jetzt komm schon Will. Lass uns hier abhauen Leute.“ Hörte er einen der Männer mit gedämpfter Stimme sagen.

Noch nicht. Seht da drüben nach. Nein nein da vorne meine Ich in dem großen Beutel.“ Er war wohl der Anführer dieser Bande.

Da sind nur alte Kleider und Verbandszeug drinnen.“

“Nimm es trotzdem mit.“

“Was ist da auf dem Karren?“

“Lasst uns gehen, der Kerl wacht gleich auf.“

“Wird er nicht, der schläft tief und fest.“

Unter seinem Hut, den er sich übers Gesicht gezogen hatte, verdrehte er die geschlossenen Augen. Gott eine Herde Bisons schleicht ja förmlich durchs Land, dachte er und bewegte sich nicht. Er trug genug Kleidung am Leib um durchzukommen. Sie konnten den Rest haben, dann trug er zumindest nicht mehr so schwer. Außerdem war es viel zu früh für so einen Ärger.

Ich glaub er hat sich gerade bewegt.“ Das hatte er nicht. Fynn hatte nicht einen Muskel bewegt. Die Arme hielt er konstant über der Brust verschränkt.

“Na und soll er doch. Wir haben seine Waffen. Los guck nach was da auf dem Karren ist.“

Die Gruppe wurde unruhig. Sie hatten keine Routine und keine Sorgfalt, das hier war nicht ihr festes Handwerk sondern nur ein Gelegenheitsjob. Fynn hatte solche Teilzeitarbeiten auch schon verrichtet, man trat fast immer plump und geschickt auf wenn man solchen Geschäften zum ersten Mal oder zum ersten Mal seit Langem nachging. Je länger es dauerte desto angespannter wurden sie. Fynn beschloss dass es für alle Beteiligten das Beste wäre nichts zu tun. Sie einfach machen zu lassen und zu warten bis sie wieder gingen. Erst ein leises metallisches Klicken ließ ihn aufhorchen. Es stammte von dem Schloss an seinem Karren “Nicht das.“ Er schreckte sie auf und nahm langsam den Hut vom Gesicht. Es dauerte einen Moment bis sich die weißen Flecken des grellen Morgenlichts mit Farbe gefüllt hatten. Es waren hagere Gestallten mit zerschrammten, bärtigen Gesichtern. Die Sonne hatte ihnen die Haut verbrannt. Das Haar war entweder fettig vom Schweiß und klebte ihnen vorm Gesicht oder trocken vom Sand und stach wirr in alle Richtungen ab. Drei waren weiße, einer Mexikaner. Sie alle richteten ihre Revolver auf ihn, zwei davon waren seine eigenen aber was ihn wirklich als einziges störte war das sie sein Gewehr begutachteten. Es war ein Sharps Gewehr, ein Hinterlader mit Fünfunddreißig Zoll Lauf. Die Patrone maß Fünfundvierzig, eine besondere Anfertigung die nicht gerade billig waren. Zur Verbesserung der Trefferquote besaß er zusätzlich ein Nonius Visier. Sein ganzer Stolz und das einzige auf dieser Welt das er für nichts eintauschen würde “Den Rest könnt ihr mitnehmen aber das Gewehr lasst ihr hier.“ Er blickte sie der Reihe nach, mit Blicken tauschten sie sich wortlos unter einander aus, strittig was sie darauf antworten sollten und wer es tun sollte also griff er sich den Rand seines Hutes “Guten Morgen im übrigen.“

“Morgen.“ Sagte einer der Vier müde.

“Hast du Gold oder Silber bei dir? Dollar? Tabak?“ Fragte der andere.

“Nur so viel wie ihr seht.“ Sagte Fynn und zuckte leicht mit den Schultern.

“Was ist da auf dem Karren? Unter dem Verschlag meine Ich? Was zu essen?“ Fragte der Mexikaner.

“Nein nur Ballast. Der ist auch meiner. Aber keine Sorge, ihr hättet daran sowieso nur schwer zu tragen.“ Sagte er kühl. Einer der vier hob das Gewehr, das direkt neben ihm gelegen hatte aus der getrockneten Pferdehaut heraus in die es eingewickelt war. Ein leises Seufzen ertönte als sich die Sonne in der polierten Kieme brach.

“Ist ein echtes Schmuckstück.“ Sagte der Anführer.

“Danke.“

“Wie weit kannst du damit schießen?“

“Kommt drauf an.“ Gab John zurück

“Worauf?“

“Wie weit das Ziel weg ist.“

Ein guter Scharfschütze konnte damit über Tausend Yards weit schießen. Ein sehr guter über Zwölfhundert. Mit dieser speziellen Waffe noch ein bisschen weiter.

“Trägt das Wappen der Armee, hast du gedient?“

“Ja.“

“Wo?“

“Mexikanischer Krieg.“

“Verfluchter Bastard.“ Sagte der Mexikaner und spuckte auf den Boden.

“Du hast wohl auch gedient oder?“ Fragte Fynn und legte die Hände unter den Kopf.

“Ja, hab Ich, hat nur leider nichts gebracht.“ Er hatte kurzes, zerzaustes Haar und kleine, grüne Augen in einem sehr blassen Ton.

“Ist wirklich schick das Teil, bestimmt ´ne Menge wert. Aber was ist das?“ Er stieß beim Bestaunen des Gewehres auf eine signifikante Markierung die in die Abzugsvorrichtung eingeritzt war. Sein eigenes Werk um diese Waffe noch einzigartiger zu machen “Soll das ein Wolf sein? Hey Carlos, sieh dir das mal an. John pass ja gut auf ihn auf.“

Will hielt Carlos den Kolben hin während Fynn weiter den Lauf seines eigenen Revolvers auf ihn gerichtet hielt. Der Vierte Mann umkreiste den Verschlag auf seinem Wagen. Es war ein windschiefer Bretterhaufen, mit Tauen verschnürt, der vor allem den Inhalt vor der Sonne bewahren sollte, und neugierigen Blicken.

“Und das? Sieht aus wie ein Apachen-Beil?“ Einer der Männer schien sich besonders für seine Tasche aus Eselhasenleder zu interessieren. Er schüttete den Inhalt des kleinen Beutels aus den er mit einer Schnalle aus Treibholz verschnürt hatte aus. Es kamen Messer mit selbstgeschnitzten Griffen hervor, Ketten aus Perlen und Muscheln geschmückt mit Vogelfedern; Ampullen mit getrockneten Blättern und zerstoßenen Mineralien, Fläschchen mit farblosen Flüssigkeiten, einer kleinen Sanduhr so wie einer Reihe selbstgeschriebener Tagebücher zum Vorschein. Aber was den Banditen mit dem löchrigen Gebiss wirklich interessierte war eine Axt. Die Schlichtheit dieser Waffe kam auch ihrer rabiaten Schönheit gleich. Der einundzwanzig Zoll lange Schaft war mit eingravierten Runen und Mahlen verziert. Den Kopf zierte ein schweres Schneidblatt aus messerscharfem Eisen das von oberflächlichen Kerben durchzogen war. Von dem Kopf des Beils windeten sich Riemen aus schwarzem Leder den Stab hinab. Die Bänder waren tiefer in das Holz eingelegt. Ganz unten war noch ein weiteres Band aus Tiersehnen mit rauer Oberfläche damit das Beil nicht aus den Händen glitt.

“Nur weil es eins ist. Ein Tamahawk der Dzilmora.“

“Gekauft?“

“Geschenkt.“

“Äh Leute, Ich glaube da drinnen bewegt sich was.“ Er meinte in der Kiste auf seinem Karren die nicht größer war als ein Sarg.

Santa Mierda!“ Fluchte der eine und ließ die ganze Bande aufhorchen. Carlos bekreuzigte sich, besann sich dann aber des Schießeisens in seinen Händen und richtete den Colt wieder auf ihn. Er fluchte etwas auf Spanisch aber seine Worte überschlugen sich selbst. Fynn legte die Hände flach auf seine Gürtelschnalle ab.

“Hey was ist los mit dir!? Beruhige dich du Vollidiot!“ Herrschte Will seinen Kumpanen an doch dieser überhörte sie alle.

“Das ist er! Ich kenne dieses Wappen, an der ganzen Front hat man davon Geschichten gehört. Das ist Cerca de la Muerte!“ Sagte der Mexikaner.

“Was?“

“Leute darinnen lebt irgendetwas!“

“Jetzt halt´s Maul Dewey und komm da weg!“

Es geschah alles so schnell und es geschah alles plötzlich gleichzeitig. Carlos, der ihn wohl erkannte hielt mit zittriger Hand seine Waffe auf Fynn gerichtet, die anderen beiden taten es ihm nach, unschlüssig wozu das Ganze.

“Das ist er.“

“Wer? Was soll das?“

“Das ist Cerca de la Muerte.

“Und das heißt?“ Fragte der mit den schlechten Zähnen der immer noch sein Beil in den Händen hielt.

“Der Engel des Todes.“ Übersetzte Fynn es in ihre Sprache.

“Ich hab von ihm gehört. Ich hab seine Arbeit gesehen! Er war einer der besten Scharfschützen der verfluchten Invasoren. Wo er gekämpft hat sind die Offiziere gefallen wie die Tontauben, sein Sharp hat ganze Heere in Stücke gerissen. Aber am schlimmsten war das Massaker von Chapultepec.“ Verfluchte ihn der Veteran.

“Erwähn nicht diesen Namen.“ Mahnte ihn Fynn an.

“Wieso nicht? Bist du nicht stolz auf das was du getan hast? Habt ihr damals nicht Späße darüber gemacht und Wetten darüber geschlossen wer mehr Kinder erschießen konnte?“

Fineas sagte nichts dazu.

“Er ist also ein Kriegsheld was? Ein waschechter Patriot mit allem drum und dran?“ Fragte Will amüsiert.

“Nur auf dieser Seite der Grenze.“

“Weiter im Süden ist auf ihn ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Eine fette Belohnung für denjenigen der den Schlächter von Chapultepec ausliefert.“ Sagte Carlos. Die Verachtung war ihn in das vernarbte Gesicht geschrieben.

“Ach so ja? Tja, hört sich so an als wäre Heute unser Glückstags Jungs. Los aufstehen.“ Verlangte Will doch ein lautes Poltern ließ sie inne halten. Aus dem Bretterverschlag lugte eine kleine Tür heraus, davor hing eine schwere Kette mit einem rostigen Schloss. Ein Ruck und die Eisenglieder strafften sich, nur für einen Moment ehe die Tür wieder zurück klappte.

“Dewey, steh nicht di dumm rum sieh mal nach was da ist.“ Ein freudloses Lachen entstieg seiner Kehle. Fineas setzte seinen Filzhut auf den Stumpf eines abgebrochenen Astes ab der aus dem Stamm hervorlugte der ihm als Kopfkissen diente und verschränkte die Finger so fest ineinander das seine Gelenke laut knirschten.

“Heute ist tatsächlich euer Glückstag. Denn Heute habt ihr die beste Wahl eures Lebens: Dreht euch um, nehmt so viel mit wie ihr tragen könnt und dann geht. Einfacher kann Ich es euch wirklich nicht machen.“ Bot er ihnen an.

“Und die andere Option? Wie ist die, nur damit Ich alle Optionen kenne?“ Scherzte Will belustigt. Fynn verdrehte nur müde die Augen. Warum nehmen sie nur immer diese Option, fragte er sich.

“Eure Entscheidung.“

Es herrschte Stille. Zumindest für ihn. Er hörte nicht wie Dewey leise vor sich hin murmelte beim Versuch durch die Löcher und Spalten in dem Aufbau seines Karren in dessen Inneres zu spähen. Wie er sein Gesicht ganz dicht an die Bretter heranpresste nur um dann mit einem lauten Aufschrei zurückzuschrecken. Will und Carlos drehten ihre Köpfe herum, nur für eine Sekunde aber das war mehr Zeit als er brauchte um das Messer zu ziehen das er auf der linken Seite an seinem Gürtel, gut versteckt unter dem Mantel trug rauszureißen, sich über den Boden zu rollen und die kurze aber geriefelte Klinge dem Mann mit den schlechten Zähnen in das linke Bein zu rammen. Der Mann schrie und fiel vorn über, genau auf ihn drauf wodurch er die Kugeln abfing die eigentlich für ihn bestimmt waren. Sein Körper wurde durchsiebt. Fynn wartete geduldig einen Moment bis sich eine kleine Lücke in ihre Salve auftat. Die kurze Feuerpause erstreckte sich über den Bruchteil einer Sekunde. Fynn griff nach seinem Beil und schleuderte es mit aller Kraft durch die Luft. Das schwere Eisen grub sich tief in den Schädel des Mexikanischen Veterans. Dewey schreckte zusammen. Er stolperte und hielt sich an den Zügeln seiner Packpferde fest. Sie traten aus und zerbrachen die Speichen von zweien der Räder des Karren “Dewey los hilf mir! Knall das Schwein ab!“ Spie der Anführer sein letztes Bandenmitglied an doch es war zu spät. Fynn hatte die von Blei durchsiebte Leiche von sich gerollt und riss Will von den Beinen. Der Dieb holte mit dem leeren Revolver nach ihm aus doch er zog den Oberkörper zurück, der Schlag mit all seiner rohen Kraft ging ins Leere. Will drehte ihm dadurch halb den Rücken zu. Fynn griff nach seinen Schultern und hebelte seinen Stand mittels seines eigenen Gewichts aus. Er schleuderte den Dieb mit dem Gesicht voran in den Staub. Ehe er auch nur einen letzten Fluch ausspucken konnte rammte ihm Fynn sein linkes Knie zwischen die Schulterblätter und riss seinen Kopf in einer einzigen, flüssigen Bewegung herum. Ein lautes Knacken war zu hören. Fynn krabbelte hastig über den Boden und riss das Tamahawk an sich, er drehte sich um doch Dewey, offenbar das Genie der Truppe, hatte bereits zur Flucht angesetzt.

Der Junge, noch kaum Mitte Zwanzig hatte einen der Zettler losgemacht und ritt auf diesem eiligst davon. Er war schon über alle Berge ehe der letzte seiner Kumpane am Boden lag. Fynn seufzte desoliert und stand mit hängendem Kopf wieder auf. Seine Hose war feucht von dem vielen Blut und eine dicke Schicht Sand begann darauf festzukleben. Er betrachtete kurz seine Arbeit rollte dann mit den verspannten Schultern. Das Adrenalin ließ nach und die Müdigkeit kehrte wieder zu ihm zurück “Es ist zu früh für so einen Ärger.“ Er hob seine Sharp vom Boden auf, sie war ein wenig verdreckt aber sonst unbeschädigt wodurch ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er schaute Dewey hinterher, er hatte die Hundert Meter schon überschritten. Dann Hundertfünfzig. Zweihundert und er machte keinerlei Anstalten sein Tempo zu drosseln. Er jagte im hohen Galopp über die Prärie und zog eine dichte Wolke aufgewirbelten Staub hinter sich her. Das Land war eben und flach, mager, kurze Gräser sprossen aus dem harten Boden. Nur vereinzelt wuchsen auch größere Büsche und kniehohe Kakteen. In weiter Ferne erhoben sich Berge. Seine Sicht war frei. Ein leichter Südwestwind wehte und trug kleine Wolkenreste die allmählich von der Sonne verbrannt wurden über den strahlend blauen Himmel. Er schraubte das Visier auf und suchte nach einer Kugel. Seine Munition lag auch verteilt im Sand. Er blies die Patrone sauber und steckte sie ein. Fynn legte an, hatte aber keine gute Sicht. Als er aufs rechte Knie ging immer noch nicht darum legte er sich flach auf den Boden. Er zog den doppelten Abzug zurück und atmete aus. Mit leicht geöffneten Lippen blickte er an dem Lauf entlang, sein Auge folgte der unsichtbaren Linie von der Kimme bis hin zu Dewey “Sagt nicht Ich hätte euch keine faire Chance gegeben.“ Er drückte ab. Zwei Sekunden später fand seine Flucht ein jähes Ende als sich die Kugel in seinen Rücken grub.

Er stöhnte genervt auf. Als er den Griff um den Körper der Sharp lockerte begannen seine Hände zu zittern und sein Blick zu flimmern. Seine Atmung setzte kurz aus. In Gedanken zählte er bis zehn und wartete ab bis ihm sein Körper wieder gehorchte. Solche kleinen Aussetzer und Anfälle hatte er seit Ende des Krieges vor drei Jahren, aber sie wurden seltener. Als er die Augen wieder aufschlug kreisten schon die ersten Geier über seinem Lagerplatz. Das war nicht das erste Festmahl das er diesen Vögeln zubereitete und es würde auch nicht das letzte sein “So, ging ja gerade nochmal gut was Kumpel.“ Sobald er wieder Kontrolle über seinen Körper erlangte schulterte er sein Gewehr über und schlenderte zu seinem Wagen herüber. Er beugte sich tiefer herab, Fynn wollte das Schloss überprüfen doch da schlug ihn der Rand der Tür mitten ins Gesicht. Die Wucht schlug ihm die Nase blutig. Er fiel zu Boden und sah sich kurzerhand einer ganzen Reihe Schläge und Tritte ausgeliefert, die Attacke aber war so ungelenk und planlos das sie kaum Schaden anrichtete. Nicht mal seine Rippen wurden gebrochen ehe sein Angreifer wieder aufhörte “Das ist für zwei Jahre Hölle Mistkerl!“ Er spuckte ihn an nur um dann haltlos davonzulaufen, in genau die andere Richtung die Dewey gewählt hatte. John sammelte Blut und Speichel im Mund an und spuckte es aus. Er hielt sich das blutende Gesicht und kroch wieder auf die Füße.

“Was ist das nur für ein Tag.“ Fluchte er frustriert und ah sich die Klappe an seinem Wagen an. Die Kette und das Schloss selbst waren intakt, aber das Holz an der die Kette festgeschraubt war litt an Splitterung. Seine Beute hatte die Kette förmlich aus den Angeln gerissen und mit einem kräftigen Satz die Tür aufgestoßen. Doch sein Glück war nur von kurzer Dauer. Sobald Fynn seine Stute losgemacht hatte nahm er die Verfolgung auf. Seine Beute war in diesem Terrain ein fremder Organismus und stand mit dem ganzen Ökosystem auf Kriegsfuß, es dauerte nicht mal eine halbe Stunde ehe er ihn wieder gefunden hatte. Die Ausweglosigkeit seiner Situation war ihm inzwischen wohl klar geworden. Sobald Fynn sein Pferd vor ihm sich aufbäumen ließ sank der Mann auf die Knie und hob flehend die Hände.

“Bitte! Bitte Ich kann nicht dahin zurück. Ich kann nicht.“ Er war ausgehungert, mit den Kräften am Ende. Er hatte nicht mehr die Kraft oder die Flüssigkeit zum Weinen. Sein Gesicht war hager und flach, seine Stirn von Schrammen überzogen, seine Hände wund und die Füße nur noch von Fetzen bedeckt.

“Was sollte denn das? Wolltest du etwa zu Fuß zurück nach Hause laufen? Ohne Wasser, Essen oder eine Ahnung wo du überhaupt bist? Du hast nicht mal eines der Pferde genommen.“

“Ich bin ein schlechter Reiter. Ich würde abgeworfen werden und mit einem gebrochenen Bein komme Ich erst recht nicht mehr nach Hause.“

“Das Thema war sowieso nie wirklich optional Piet.“

“Das ist nicht mein Name!“ Schrie er zu ihm empor mit einem letzten Rest Stolz in den Augen.

“Ja Ich weiß, dir ist ins Gesicht geschrieben das du kein Sklave bist. Jedenfalls noch nicht sehr lange.“

Fineas eskortierte seine Beute jetzt schon fast eine Woche lang durch die Ebenen. Für einen Mann der gepflasterte Straßen und steinerne Gehwege gewohnt war war er gut vorangekommen. Er hatte es von dem Grundbesitz von dem er weggelaufen war fast bis zur Grenze nach Oklahoma geschafft. Von da an wäre es nur noch ein kurzer Marsch weiter bis nach Kansas gewesen wo Sklaverei zumindest verboten war, doch Fineas hatte ihn erwischt. Nur Hundert Wegstunden von der Grenze entfernt. Auf dem Rückweg nach Süden quasselte ihm seine Beute dann die Ohren zu, schüttete ihm sein Herz aus in der Hoffnung irgendetwas in Fynn zu wecken, Mitleid, Scham oder vielleicht einfach nur Interesse. Fynn hörte aufmerksam zu. Der Mann hieß eigentlich Maxwell „Max“ Archerton, er war Notar in Pennsylvania gewesen ehe ihn ein Abend in der Taverne und dunkle Gestalten nach Texas verschleppten. Er hatte eine Frau, eine Familie, ein Haus und ein Leben. Jetzt arbeite er auf einer Farm, zwei Jahre lang bis es ihm dann vor drei Wochen, in einem unaufmerksamen Moment der Wachen, gelang zu entkommen “Ich weiß nicht was du von mir willst. Ich verrichte nur sinnlose Feldarbeit, Mr. Gibbs kann es sich leisten mich zu ersetzen.“

“Es geht nicht darum das deine Dienste gebraucht werden. Es geht hier ums Prinzip.“

“Um welches Prinzip denn!?“ Fragte er verständnislos.

“Das ganze System der Sklaverei, der Herrschaft der Viehbarone und Landbesitzer baut auf Angst, alles Recht baut auf Angst. Der Angst was passiert wenn man die Regeln bricht. Die Millionen von Sklaven in diesem Land könnten sich jederzeit erheben, sie eine ungesehene Großmacht in diesem Land. Eine Armee deren Zahl in die Millionen geht. Und damit sie auf Linie bleiben muss jeder Gedanke an Ungehorsam systematisch ausgetrieben werden. Du bist weggelaufen, hast Essen gestohlen, die Regeln gebrochen. Wenn du damit durchkommst könnten andere deinem Beispiel folgen. Mr. Gibbs will das Ich dich zurückhole damit er dich hinrichten kann.“ Erklärte ihm Fynn.

“Du hast gerade eben vier Männer getötet nur um mich auszuliefern? Damit Ich von jemand anderem getötet werden kann?“

“Ich hätte dich natürlich auch längst selbst töten können, aber Mr. Gibbs besteht auf sein Recht es selbst zu tun. Möglichst aufwendig und vor den Augen der anderen Sklaven. Sie sollen sehen wie deine Flucht ihr tragisches  und unabwendbares Ende nimmt.“

“Hör zu, egal was dir Mr. Gibbs zahlt, meine Familie zahlt das Doppelte wenn du mir hilfst nach Norden zu kommen.“ Bot ihm Maxwell an doch Fynn konnte darüber nur lachen.

“Ich hab ein Haus, Ich habe Ersparnisse, Aktien, Ich zahle dir was du willst.“

“Oh es geht mir bei dieser Arbeit nicht ums Geld. Ich schätzte es einfach nur wenn es hier in meinem Revier möglichst ruhig bleibt. Aufrührer wie du…stören nur das empfindliche Gleichgewicht dieser Territorien. Das ist nicht mit Geld aufzuwiegen.“

Er fing ihn nach einem kurzen Gemenge wieder ein, Mr. Archerton war mager und litt an den Folgen jahrelanger Entbehrungen und der zehrenden Arbeit auf den Feldern. Seinen Karren musste er leider zurücklassen, die Speichen waren gebrochen, darum ritt er den Rest des Weges, Fynn verstaute sein Gepäck auf die zwei Lastpferde, Maxwell lief an einem Seil hinter ihm her. Er hinkte leicht, eine alte Wunde als er mal einen Zaun aufstellen musste wie er ihm erzählte. Es waren noch zwei Tage bis Crockett Stone, einem kleinen Bergbau-Städtchen nordwestlich von Amarillo nahe der Grenze der ehemaligen Republik zu New Mexico wo er sich mit seinem Auftraggeber treffen wollte. Mr. Archerton beschloss die Leere um sie herum unterwegs mit haltlosem Gefasel zu füllen, offenbar immer noch bemüht irgendwie zu ihm durchzudringen. Oder vielleicht auch einfach nur um sich alles von der Seele zu reden was er nicht mit zum Schafott nehmen wollte. Fynn tat ihm den Gefallen, es war ja immerhin der Gang zu seiner Hinrichtung, da durfte er ruhig wehleidig sein “Weißt du überhaupt wo wir sind? Wohin wir gehen?“ Es dämmerte allmählich doch Fynn dachte gar nicht daran Galt zu machen. Nachts reiste es sich in der Wüste und in der Prärie am allerbesten. Es war schön kühl und die Sterne zeigten einem den Weg “Natürlich, weißt du nicht wo wir sind?“

“Ich bin kein Astronom und auch kein Seemann. Meine Talente liegen in einer Arbeit die hinter einem Schreibtisch stattfindet.“

“Es ist keine große Kunst, es ist so als würde man Verkehrsschilder lesen. Der Polarstern muss immer auf der rechten Seite sein wenn wir nach Crockett Stone wollen und der Drache links. Diese Linie zeigt genau nach Südwesten.“ Sie ritten die Nacht über durch, erst gegen Morgen hielten sie kurz an damit er seiner Beute etwas zu Essen geben konnte.

“Ich hoffe es schmeckt Piet.“

“Das ist nicht mein Name.“ Hielt er stur dagegen und blickte zu Boden auf seine Füße.

“Du solltest dich lieber wieder dran gewöhnen darauf zu reagieren. Diesen Namen wirst du als letztes in deinem Leben hören.“

“Was interessiert dich das?“

“Gar nichts, Ich will´s dir nur leichter machen, damit du es mir nicht schwerer machst als nötig.“

“Ist doch eigentlich nur gerecht. Das Ich meine letzten Atemzüge dazu nutze, diejenigen zu verfluchen und zu bespucken denen Ich es zu verdanken hab nicht mehr zu haben.“ Sagte Mr. Archerton bissig.

“Gerechtigkeit ist ziemlich relativ.“

“Was weißt du schon von so etwas? Solche wie du haben doch kein Gespür für Menschlichkeit, Empathie oder Ehre. Was hast du schon für Werte?“

Die Sonne ging auf und der Weg führte sie durch ein dichtbewachsenes Tal voller vertrockneter Kiefern und Zedern. Sie folgten einem ausgetrockneten Bachbett bis sich das Terrain wieder öffnete. Jetzt trennte sie nur noch ein paar Meilen karger Wüstensand von dem Treffpunkt mit Mr. Gibbs. Max schien das zu spüren denn seine Gedanken und Zunge entglitten ihm. Er faselte jetzt ohne Pause, die Sätze passten kaum noch zueinander, sie waren wie Schnipsel eines mehrseitigen Klapptextes die man willkürlich herausgerissen und dann aneinander gereiht hatte “Ich pflüge Felder, schleppe Feuerholz und schaufle Mist, alles in der prallen Sonne ohne Pause, nur mit einem halben Becher Wasser am Tag und das schon seit Siebenhundertsechsundachtzig Tagen. Das Brot ist kaum mehr als ein Stück Erde. Ein anderer Sklave, James war sein Name, stieß beim Ausheben eines neuen Kanals auf eine Klapperschlange doch anstatt sie mit der Schaufel zu erschlagen hat er sie aufgegriffen. Er hat sie sich ganz dicht vors Gesicht gehalten, die Schlange hat ihm in die Wange gebissen, genau unters rechte Auge. Er starb nach zwei Tagen unter Höllenquallen, aber er hat dabei zum Schluss gelächelt, weil er wusste dass alles besser ist als das hier. Das hier ist kein Leben. Kein Leben.“

Die Hitze auf dem langen Marsch räucherte allmählich seinen Verstand aus. Maxwell wiederholte sich immer öfter. Er wankte beim Gehen hin und her, das Wasser das er ihm gab spuckte er wieder aus “Und dann hat Mr. Gibbs uns alle auspeitschen lassen, weil keiner von uns ihn aufgehalten hat. Er sagte, der Tod von James hätte ihn um seinen Besitz gebracht. Wir hätten ihn bestohlen, und müssten ihn dafür entschädigen.“

“Ein Mann weniger zum Arbeiten.“ Sagte Fynn monoton.

“Das ist Wahnsinn! Das ist doch purer Wahnsinn. Auf dem College hatte Ich im Nebenfach Geschichte des Altertums. Wusstest du dass die Römer, die Gesetzgeber der Antike, sich uneins waren ob man bei Schiffbruch zuerst ein Vollblutpferd oder einen Sklaven retten sollte? Allein diese Rechtsfrage ist barbarisch, aber sie zeigt so viel mehr Spuren von Zivilisation und Empathie in Vorchristlichen Zeiten als Heute. Die Sklaventreiber Heute würden noch einen Pferdekadaver vor mir retten und mich ertrinken lassen! Ich bin versichert, wenn Ich ertrinke erstattet ihnen der Staat den Verlust.“ Wimmerte Mr. Archerton mit heiserer Stimme. John sagte nichts dazu.

“Die werden mich in Stücke reisen wenn Ich zurück bin. Von Hunden zerfleischt oder von Pferden zu Tode getrampelt.“ Fynn sagte nichts dazu.

“Weißt du wie Ich überhaupt in Mr. Gibbs Besitz gekommen bin? Ich gehörte vorher einem Plantagenbesitzer Namens Joel Cramp. Er hat mich an Mr. Gibbs beim Kartenspielen als Einsatz geboten, und verloren. Ich war ein Wetteinsatz! In deren Augen ist so jemand wie Ich gar kein Lebewesen. Ich bin nur ein Stück Vieh. Es schuftet solange bis es nicht mehr stehen kann und dann wird es zerhackt und an die Schweine verfüttert.“ Fynn sagte nichts dazu. Er sagte schon den ganzen Tag nichts mehr dazu denn es änderte nicht das Geringste. Es wurde still, ein leises Plumpsen und dann straffte sich das Seil an dem er Mr. Archertons festgebunden war. Der Sklave war zusammengebrochen. Sein Körper wurde hinter Luna durch den Dreck hinterhergezogen, die Sonne hatte ihn gebrochen, sie brach sie alle irgendwann. Fynn ließ seine Stute anhalten, er hatte den Auftrag Piet lebendig zurückzubringen. Er stieg ab, schnitt die Leine durch und drehte in herum, Sand klebte an seinen Wangen, die Lider waren ihm zugefallen. Er atmete noch doch sein Puls war sehr unruhig “Verdammt.“ Er durchsuchte seine Satteltaschen nach der Wasserflasche doch kaum das er sie gefunden hatte wurde ihm schwarz vor Augen.

“Ich geh nicht dahin zurück.“

Maxwell stand über ihm und hob drohend den klobigen Stein über den Kopf mit dem er Fynn niedergeschlagen hatte. Blut tropfte von der scharfen Spitze herab. Er zögerte, dachte kurz darüber nach nochmal zuzuschlagen ließ den Stein dann aber wieder fallen. So tief war er noch nicht gesunken als das er zum Tier geworden war. Diesen Gefallen, diese Genugtuung wollte er ihnen nicht geben “Nie wieder geh Ich dahin zurück. Nie wieder.“ Er packte das Lastpferd an den Zügeln und führte es weg von ihm. Er kramte eine der Wasserflaschen heraus und trank sie in einem Zug leer. Er fand noch zwei Beutel mit der lebensspendenden Flüssigkeit, eine davon behielt er für sich die andere warf er seinem bewusstlosen Peiniger hin “Ich gebe dir eine faire Chance, das ist mehr als man mir je gegeben hat.“

Er war immer noch kein guter Reiter aber mit dem Essen und dem Wasser auf dem Rücken des Pferdes kam er weiter als gedacht. Jetzt hatte er sogar einen Punkt an dem er sich orientieren konnte, anstatt davon weg lief er auf den Polarstern zu, selbst er als Laie wusste das er nach Norden zeigte. Er rastete so viel wie nötig ansonsten trampte er so weit ihn seine Füße nur trugen. Seine Schuhe hatte er längst restlos zerschrammt, stattdessen riss er sich zwei Streifen Stoff vom weißen Hemd das er trug ab und band sie sie sich um die Füße damit seine Sohlen vom heißen Wüstensand nicht verbrannt oder von scharfen Steinen aufgerissen wurden. Die Nächte waren sternenklar und die Luft flimmerte nicht so stark was seine Augen trübte, doch Ruhe fand er keine. Brannte die Sonne auch tagsüber erbarmungslos auf ihn nieder sanken nachts die Temperaturen so tief das er seinen Atem sehen konnte. Die Kleidung die er noch trug, das löchrige Hemd und die zerfetzte Hose waren dünn wie Papier aber Max wagte es nicht ein Feuer zu machen. Selbst der Schein einer Kerze wäre in diesem leeren Ödland über hunderte von Meilen sichtbar, diese Aufmerksamkeit war zu riskant, zum Glück fand er mehrere dicke Wolldecken in dem Gepäck seines Jägers sodass er nicht fror. Aber noch mehr hielten ihn die Gedanken an sein Zuhause und seine Familie warm. Ich komme zu euch, dachte er. Ich komme zu euch! Josephine, meine süße Josy, warte nur noch ein ganz kleines bisschen länger auf mich. Bald bin Ich wieder bei euch, versprach er ihr in Gedanken und döste mit diesem Versprechen auf den Lippen irgendwann dahin.

Er wurde verfolgt, nicht nur von Aasgeiern und Menschenjägern, seit zwei Tagen ließ auch ein hungrig aussehender Wolf nicht mehr von seiner Fährte ab. Er sah nur das eine einzige Tier und hörte ihn heulen immer dann wenn seine Augen drohten zuzufallen. Er hatte zwar einen Revolver aber wollte Max die wenige Munition die er bei seinem Verfolger gefunden hatte nicht verschwenden, er würde sie noch für weit dringendere Dinge brauchen. Am dritten Tag stieß er auf eine bescheiden anmutende Stadt deren Häuser trotzig aus den Salzfeldern der Wüste herausragten. Er beschloss alles auf eine Karte zu setzen, er hatte Geld aber brauchte er eine Möglichkeit seiner Familie zu schreiben, seine Vorräte aufzufüllen, es würde noch ein sehr weiter weg nach Norden über die Grenze sein. Die alte Wunde an seinem Bein begann auch wieder zu stinken. Er versuchte sich so schicklich wie möglich zu präsentieren, einen guten Eindruck zu machen und nicht wie ein Sklave auf der Flucht auszusehen aber selbst wenn ihm das gelang wurden all seine Bemühungen zu Nicht gemacht in dem Moment als er durch die Türen des Gasthauses trat und in der Lobby an einem der vielen Tische, über zwei Krügen gekühltem Bier Seinen Verfolger erblickte der sich vergnüglich mit Mr. Gibbs unterhielt.

“Ah, Piet ist ja schön dass du hier bist, wir haben gerade eben von dir gesprochen.“

Mr. Samuel Gibbs war ein kleinwüchsiger, grauhaariger Mann mit wohlgepflegtem Schnurrbart, einem warmen Lachen, freundlichen Augen und zwei harten Fäusten mit denen er schon so manchen Dienstmädchen die Rippen gebrochen hatte. Er trug einen schneidigen grauen Anzug mit silbernen Knöpfen, eine Bolo Tie um den Hals mit einem eingegossenen blauen Stein und dazu passenden Manschettenknöpfen. Sein wellendes Haar krönte eine Melone mit Pfauenfedern daran. Er lächelte. Er lächelte viel. Er lächelte gern. Selbst Max konnte nicht leugnen dass er freundlich aussah wenn er lächelte, doch hinter diesem charismatischen und ansteckenden Grinsen versteckte sich ein Mann ohne Seele.

“Aber wie…?“

“Du bist wirklich kein Astronom Piet und kein Seemann, andernfalls wüsstest du dass der Nordstern sich nicht bewegt. Du bist dem Kreuz des Südens gefolgt.“ Lachte ihn sein Verfolger aus und trank dabei einen großen Schluck Bier. Die anderen stiegen mit ein.

“Oh hey da bist du ja Junge. Hast du´s schön zurückgebracht. Feiner Junge. Komm her.“

Der Wolf der ihn die ganze Zeit über verfolgt hatte trottet seelenruhig durch die Türen herein, an ihnen allen vorbei auf John zu welcher ihn zur Begrüßung den Hals kraulte. Das Tier war riesenhaft groß, sein dichtes schwarzes Fell schimmerte wie Jet. Seine Augen wirkten wie Goldnuggets, warm aber auch hart und unzerstörbar. Wachsam und unerbittlich. Seine beiden Verfolger kannten sich scheinbar bestens denn der Zweibeiner gab den Vierbeiner sein Essen, wohl zur Belohnung dass er ihn hier her getrieben hatte.

“Sehr gute Arbeit Mr. McAmber. Sehr gut.“      

Mr. Gibbs nickte hinter ihn und sofort legten sich Hände so hart wie Eisenklemmen um seine Arme und Schultern. Jemand trat ihm gegen das linke Knie, den Rest nahm er nur sehr vage wahr da ihn ein kräftiger Schlag gegen den Hinterkopf betäubte. Sie fesselten und schleppten ihn aus dem Gasthaus “Bringt ihn zu den Ställen, wir reiten dann Morgen zurück zur Range. Und passt auf das er nicht wieder wegläuft Jungs!“ Rief Mr. Gibbs seinen Männern hinterher ehe er sich wieder ihrer eigentlichen Unterhaltung zu wandten.

“Also wo waren wir gerade eben?“ Fragte Fynn beiläufig.

“Sie wollten mir gerade eben eine kurze Exkursion über die Kunst der Jagd zu Teil werden lassen.“ Erinnerte ihn Mr. Gibbs.

“Ach ja richtig richtig stimmt. Was Ich meinte war, es gibt zwei Arten seine Beute zu jagen: Erstens die Treibjagd. Die bei weitem aufwendigste Art der Jagd. Wenn man genügend Ressourcen hat scheucht man die Beute mit dutzenden und hunderten von Männern, Hunden und Pferden auf. Man treibt sie vor sich her in ein abgesperrtes Areal woraus sie nicht mehr entkommen kann. Wenn sie nicht schon vor Erschöpfung und Panik gestorben ist gibt man ihr dann den Gnadenstoß. Die zweite Art der Jagd ist das Fallen stellen. Einfach, schlicht, für den Fall das man nur begrenzte Mittel zur Verfügung hat. Das kann auch ein einzelner Jäger allein, aber geht es dabei nicht um rohe Kraft sondern um Geschick und Intelligenz.“

“Ach ja?“

“Es geht darum die Beute zu überlisten. Sie glauben zu lassen, es geschehe alles allein nach ihrem Willen. Piet etwa ist zwar kein Seemann aber ein Kämpfer. Er hätte nie aufgehört Probleme zu machen und zu versuchen wegzulaufen oder andere Dummheiten zu versuchen.“

“Oh ja, der ist wirklich ein Unruhestifter, darüber kann Ich auch ein Lied singen. Es ist schon erstaunlich, man versucht und versucht ein ganzes Leben lang diesen Niggern nur ein kleines bisschen Verstand einzutrichtern, aber da könnte man auch gleich versuchen einem Hund das Schreiben beizubringen. Vermutlich hätte Ich bei dem Hund sogar mehr Glück.“ Der Wolf hatte zu Ende gefressen und legte sich neben John auf den Boden zusammen.

“Was wild geboren ist bleib auch ein Leben lang wild.“

“Sie haben ja so Recht. Wild und primitiv und unzivilisiert und hinterlistig wie die Schlange im Garten.“

“Er hätte ständig Probleme gemacht. Ich musste also nur dafür sorgen dass er freiwillig hier her kommt, Ich musste nur ein bisschen mit ihm reden. Natürlich darf man der Beute nicht plump den Weg einfach beschreiben sonst wird sie misstrauisch. Ich musste darauf achten nur nebenbei Bemerkungen zu machen die Piet helfen würden sich zu orientieren und an einem Fluchtplan zu tüfteln der sich mit meinem Vorhaben deckt. Ich wusste ein so schlaues Kerlchen passt aufmerksam auf und täuscht den Hitzeschlag mit dem dazugehörenden Wahnsinn nur vor. Sobald er mein Pferd gestohlen hatte konnte Ich ihm vorausreiten.“

“Und sie hatten keine Sorge das er sich unterwegs verirrt, er stirbt oder von der Konkurrenz aufgegabelt wird?“ Fragte Mr. Gibbs.

“Nein, Devaki passt ja auf ihn auf. Er sorgt auch dafür dass er ja in die richtige Richtung läuft.“ Erklärte Fynn und deutete auf den Rüden zu seinen Füßen.

“Sie wurden mir zu Recht empfohlen Mr. McAmber. Sie werden ihrem Ruf mehr als gerecht.“

“Ein guter Ruf erleichtert die Arbeit, und die hat nun einmal ihren Preis.“

“Sie kommen gleich zur Sache, sprechen die Dinge schroff und offen an? Nun gut, nicht ganz meine Art aber zum Glück bin Ich sprachgewandt. Kommen sie doch bitte kurz mit. Ich habe ihr Geld oben in dem Tresor in meinem Zimmer. Arthur, komm mit.“

Mr. Gibbs und sein Vorarbeiter Mr. Tremp sowie einem seiner Männer eskortierten Fynn über die gewundene Treppe mit den quietschenden Stufen in den oberen Stock wo die Zimmer für die Gäste lagen. Mr. Gibbs hatte wie immer darauf bestanden das beste Zimmer des Hauses für ihn frei räumen zu lassen, doch fand Fynn nicht das diese Räumlichkeiten wirklich mehr Annehmlichkeiten und Komfort zu bieten hatten als alle anderen Zimmer auch, aber Etikette stellte eben solche Ansprüche und Verpflichtungen. Gegenüber des quadratischen Federbetts war in die Bretter der Wand ein kleiner, eiserner Rahmen eingearbeitet worden der mit einer wuchtigen Klappe versperrt war. Ein Zahlenschloss ragte aus der Tür heraus an dem Mr. Gibbs zu drehen begann. Mr. Tremp schirmte ihn mit seinen breiten Schultern vor Fynns Blicken ab, doch selbst dieser Hüne konnte nicht verhindern das der Stapel Bargeld und Dokumente aus der geöffneten Tür des Tresors heraus, ihm direkt ins Auge sprangen “Ein Scheck in der Höhe von Zweitausendeinhundert Dollar, wie vereinbart, ausgestellt auf einen Mister Jasper McAmber.“ Er unterzeichnete das Dokument und überreichte es ihm.

“Ich war zugegebenermaßen etwas überrascht das sie für den Tod eines Sklaven doppelt so viel Zahlen wie für einen lebendigen?“

“Ich wollte nur sicher gehen dass er schnell gefunden und zurückgebracht wird. Wissen sie Mr. McAmber, tatsächlich lasse Ich immer mal wieder ein paar Sklaven entkommen. Sie wachen eines Morgens mit locker sitzenden Ketten oder zur falschen Arbeit mit weniger Bewachung auf, Ich will sehen ob sie die Chance ergreifen oder nicht. Und wenn sie die Chance ergreifen, meist sind das die störischsten und unbeugsamsten, kriegen die anderen so eine Gelegenheit zu sehen wie so eine Flucht endet. Nämlich mit den Händen zwischen zwei Pfähle gebunden und lebend gehäutet. So kommen sie gar nicht erst auf die Idee es selbst zu versuchen. Das senkt die Moral und hält die Arbeitsquoten stabil.“ Erklärte ihm Mr. Gibbs.

“Und planen sie hier Immobilien zu erwerben oder führen sie auf Reisen immer so viel Geld und Papier mit sich?“ Erkundigte sich Fynn neugierig und steckte den Scheck ein. Er verwendete bei der Arbeit selten seinen echten Namen.

“Oh nein, Ich wollte nur auf dem Rückweg schnell noch ein wenig Einkaufen gehen, immerhin muss Ich ja jetzt einen Ersatz für Piet finden. Ich habe dazu gleich die nötigen Besitzurkunden anfertigen lassen, Ich könnte nämlich auch wieder eine neue Haussklavin gebrauchen. Sie quietscht immer so im Bett, früher hab Ich das mal wirklich gemocht aber in letzter Zeit geht es mir irgendwie auf die Nerven.“ Klsgte Mr. Gibbs monoton.

“Schrecklich.“

“Ja nicht wahr, so ist das nun einmal wenn man die große Jugendliebe verblühen sehen muss.“

“Nein, Ich dachte schrecklich was Ich ihnen gleich antun muss.“

Mr. Gibbs wollte gerade eben wieder seinen Tresor schließen da packte Fynn ihn am Hinterkopf und stieß ihn mit wilder Kraft gegen die Türkante stieß. Er rammte ihn mit solcher Wucht gegen das Eisen das davon glatt seine Schneidezähne zerbrochen wurden. Ehe Mr. Gibbs auch nur auf den Boden aufschlug oder gar seine Männer reagieren konnten machte Fynn auf dem Absatz Kehrt. Tremp zog seinen Revolver und er war schnell, sehr schnell sogar, aber nicht so schnell wie er. Fynn fing seine Hand ab und rammte ihm sein Messer in einer sauberen, flüssigen Bewegung von unten her in den unterm Kinn in den Rachen hinein. Der Mann ganz hinten der an der Tür gewartet hatte war zu weit weg als das ihn John lautlos hätte ausschalten können. Der Mann zog seine Waffe doch noch ehe er einen Schuss oder auch nur einen Todesschrei von sich geben konnte ehe die Zähne von Devaki, der Name bedeutete ´Nacht´, sich in seinen Hals gruben und all seine Flüche und Hilferufe erstickten. Er starb lautlos ohne das einer der Männer die noch unten in der Lobby sich betranken etwas bemerkten. Fynn sah sich den Inhalt des Safes genauer an, noch mehr als das Geld interessierten ihn die Dokumente und Papiere die er darin fand, unfertige Besitzurkunden und Kaufverträge für über ein Dutzend Sklaven.

“Hey, du hast erzählt du warst Notar oder?“ Maxwell kauerte auf dem Boden einer verschlossenen Pferdebox in den Ställen. Sein Gesicht war von Prellungen und Blutergüssen übersät, er konnte kaum noch gerade ausschauen geschweige denn gerade stehen. Er kämpfte immer wieder gegen die Ohnmacht an als Fynn sich zu ihm auf den Boden setzte.

“Ja, Ich arbeitete bei einer kleinen Bank in Williamsport.“ Sagte er schwach, eines seiner Augen begann zu schielen.

“Meinst du du kriegst ein Dutzend echt aussehender Besitzurkunden hin? Eine für dich etwa?“

“Ja, wieso? Was willst du?“ Fragte er unverständlich.

“All deinem Mut zu Trotz, du bist die Sache falsch angegangen. Man entkommt nicht nach Norden, nicht ohne den richtigen Verbündeten oder die richtigen Papiere. Los komm schon Ich helfe dir auf.“

“Und dann?“

“Dann geht´s weiter nach Santa Fe, ein Freund nimmt dich dann mit ins Kansas Territorium.“

“Aber die Männer von Mr. Gibbs?“ Warnte ihn Max als Fynn ihm wieder auf die geschundenen Füße half.

“Die werden zu beschäftigt sein das Feuer zu löschen.“ Sagte er leichthin.

“Welches Feuer?“

“Im Gasthaus hat jemand eine Kerze umgeworfen.“

“Warum tust du das? Glaub mir wenn wir hier rauskommen zahle Ich was du willst aber…“

“Geld ist nicht die Frage, Ich schätze es nur wenn es in meinem Territorium ruhig bleibt. Das ist etwas das man nicht mit Geld aufwiegen kann, ein Unruhestifter wie du gehört nicht hier hin.“ Max schien nicht zu wissen was er sagen sollte, zum ersten Mal erlebte ihn John sprachlos.

“Du wirst gesucht werden.“ Mahnte er ihn an.

“Sie werden Jasper McAmber suchen.“ Berichtigte er ihn.

“Bist das nicht du?“

“Nein, Jasper McAmber ist nur ein Freund von mir, Ich gebe mich nur manchmal als er aus um Ärger zu vermeiden.“

“Und warum tust du ihm das an?“

“Er tut das auch ganz oft mit mir. Das ist schon so schlimm geworden, Ich weiß teilweise nicht mal mehr selbst welche Geschichten alle über mich wahr sind und welche nicht.“ Sagte er leichthin.

“Aber…aber warum machst du das? Das ist doch…du…?“

“Du hattest Recht was mich betrifft. Ich hab keine besonderen, an Moral geknüpfte Wertevorstellungen. Ich hab was Besseres als Moral?“

“Ich bin fair.“ Sagte er und half Max auf sein Pferd. Die Situation verlangte dass er sein Unbehagen bei Seite legte.

“Und wer sind Sie dann?“

“Besser Sie wissen es nicht.“ Winkte er ab aber Max blieb hartnäckig.

“Bitte, wenn Ich eines Tages meinem Enkel diese Geschichte erzähle soll Er wissen nach wem er benannt wurde.“ Fynn drehte hektisch den Kopf hin und her, draußen auf der Straße wurden die Rufe nach Wasser immer lauter.

“Mein Name ist Fineas Streffing.“
 
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