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Zwei Welten in einer

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
14.05.2022
10.09.2022
39
136.462
5
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10.08.2022 3.595
 
Kapitel 25: Ist das meine Schuld? (2018)



Seine Mutter hat sich am Telefon sehr kryptisch ausgedrückt, weshalb Joey nervös wird, als er sich auf das Haus zubewegt, in dem sie ihre Wohnung hat. Heute Abend muss er noch arbeiten, aber sie hat darauf bestanden, dass er jetzt zu ihr kommt und ein bisschen Zeit mitbringt – ihm schwant Übles, aber er versucht das Gefühl herunterzuschlucken. Er klingelt bei ihr und nur wenige Sekunden später brummt der Türöffner. Im Flur riecht es wie immer nach Waschmittel, was sich niemand erklären kann, aber besser als der Gestank in der Friedrichstraße. Seine Schritte hallen gespenstisch von den Wänden wider und begleiten ihn bis ins vierte Obergeschoss, in dem seine Mutter bereits an der Wohnungstür steht und ihn mit einem gequälten Lächeln ansieht.

„Komm doch rein, ich möchte dir jemanden vorstellen“, sagt sie ein wenig gestelzt, da runzelt er die Stirn. Er überragt sie um mindestens einen Kopf und schiebt sich mühsam an ihr vorbei, um sich die Schuhe auszuziehen. Seine Stoffjacke hängt er an die Garderobe und folgt ihr ins Wohnzimmer, wo sich zwei Fremde aufhalten, zwei Frauen, um genau zu sein, die ihn von oben bis unten mustern. Von Rainer, Mamas Freund, fehlt jede Spur. Die ältere der beiden Frauen steht auf und nähert sich ihm mit ausgestreckter Hand.

„Du musst Johannes sein…“, bringt sie mühsam hervor und schüttelt seine Hand, „ich bin Petra, das ist meine Tochter Anneke.“

„Hi“, sagt Joey knapp und kneift die Augen zusammen.

„Setz dich doch, Johannes, ich muss dir was erklären“, sagt seine Mutter und deutet mit der Hand auf das Sofa, auf das er sich eher widerwillig niederlässt. „Du erinnerst dich doch sicher daran, dass dein… Erzeuger zwischenzeitlich gegangen ist. Er war sechs Jahre weg… Bei Petra.“

Joey sieht zwischen der Frau und ihrer Tochter hin und her. Wenn man genau hinsieht, erkennt man bei Anneke sogar ein paar Züge, die dem Alten zugeordnet werden könnten. Sie sieht nicht genau so aus wie er, aber die Ähnlichkeit ist da. Im Gegensatz zu ihr hat Joey Glück gehabt, weil er mehr nach seiner Mutter kommt. Als sich die Erkenntnis allmählich in seinem Kopf manifestiert, lehnt er sich zurück, sagt aber nichts. Da sitzt seine Halbschwester.

„Hör zu, du musst nichts weiter tun oder sagen, aber ich bin vor ein paar Jahren zufällig auf einen Zeitungsartikel gestoßen, der digital archiviert wurde… Ich hatte nur aufgeschnappt, dass er zurück in den Westen gegangen sein soll, da habe ich recherchiert und eine Sterbeanzeige gefunden. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her. In dem Artikel stand, dass ein Mann bei einer Auseinandersetzung mit seinem Sohn ums Leben gekommen sei – da habe ich recherchiert. Er hatte also einen Sohn, und zwar woanders“, fasst Petra zusammen und sieht ihn noch einmal von oben bis unten an.

„Und – enttäuscht?“, schnappt Joey und lacht danach einmal bitter auf.

„Sag doch sowas nicht“, raunt seine Mutter versöhnlich und legt ihre Hand auf seinen Arm.

„Anneke hat noch einen Bruder, Louis, aber der ist arbeiten und konnte nicht mitkommen“, sagt Petra. „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass er nicht mitkommen wollte. Das ist aber in Ordnung, finde ich. Ich wollte nur einmal sehen, was für ein Leben er hier geführt hat. Das ist alles.“

„Ist doch klar, was für ein Leben er hier geführt hat – frag den scheiß Therapeuten meiner Mutter, zu dem sie seit Jahren rennen muss, der wird’s bestätigen“, faucht Joey aufgewühlt. In Petras Augen sammeln sich Tränen, aber sie hält sie mit aller Macht zurück.

„Es ist zwar egoistisch, aber ich habe jeden Tag Gott gedankt, dass er gegangen ist“, gesteht Petra, „mir war egal, wohin. Hauptsache, er war weg und ließ mich und meine Kinder in Frieden. … Es tut mir leid, dass es bei euch erst so eskalieren musste, bis ihr ihn losgeworden seid.“

„Ja, mit tut’s auch leid“, sagt Joey bitterernst und sieht Petra ins Gesicht. Er fragt sich, wie seine Mutter darauf gekommen ist, dass das hier eine gute Idee sei. Es ist gut, dass der Wichser nicht mehr in seinem Leben ist, weil er nur noch den Schaden überwinden muss, den er in Joeys Kindheit und Jugend angerichtet hat. Die alten Traumata reichen, um sie zu bewältigen, was er bis heute noch nicht vollständig geschafft hat. Wird er wahrscheinlich auch nie. Aber er kann damit leben, dass es mal diese Zeit gab, an die er nicht gerne zurückdenkt. Er kommt damit zurecht, jedenfalls die meiste Zeit, und kann sie gut zur Seite schieben, damit sie nicht seinen gesamten Alltag bestimmen kann. „Ich gehe eine rauchen.“

Joey springt vom Sofa auf und geht Richtung Balkontür, um sich selbst nach draußen zu lassen. Er hört nicht, worüber sich die Frauen unterhalten, aber es ist ihm auch egal. Als er heute Morgen aufgestanden ist, hat er nicht damit gerechnet, dass er mit seinem Alten konfrontiert werden würde, an den er jeden Gedanken vergraben hat. Mit zittrigen Händen dreht er sich eine Kippe und packt viel zu viel Tabak hinein, aber das stört ihn gerade nicht besonders. Hinter ihm öffnet sich die Balkontür und es ist diese Anneke, die sich mit Abstand neben ihn stellt. Sie ist dunkelhaarig und ein bisschen jünger als er, wenn er schätzen müsste. Anneke lässt ihren Blick über ihn schweifen und wartet, bis er die Zigarette angesteckt hat.

„Sie meint es wirklich nicht böse“, sagt sie dann.

„Tch“, macht Joey.

„Eigentlich müsste sie mit jemandem darüber reden, jemand, der weder ich noch mein Bruder ist, aber sie weigert sich“, erklärt sie, „meine Mutter hatte immer Angst vor ihm und hat alles getan, damit er weder mich noch meinen kleinen Bruder anfasst. Als sie die Sterbeanzeige gesehen hat, hat sie vor Freude geweint.“

„Wie schön für sie“, krächzt Joey und friemelt sich einen Tabakkrümel aus dem Mundwinkel.

„Er hat dich geschlagen, oder?“

„Geht dich nichts an“, hält er dagegen.

„Das tut mir leid… Das meine ich ernst“, sagt Anneke und geht einen Schritt auf ihn zu. „Wir werden morgen wieder zurück nach Hause fahren. Sie hat zwei Tage gebraucht, um sich zu trauen hier zu klingeln. Du wirst uns nicht wiedersehen.“

„Es geht nicht um euch“, wirft Joey ruhiger ein. Er muss sich unmenschlich anstrengen, um ihr nicht über den Mund zu fahren oder sie anzuschreien. Diese Anwandlungen schreibt er dem Wichser zu, denn seine Mutter wird nie laut. Er sieht ihm zwar nicht ähnlich, aber er hat leider viel von seinem unangenehmen Wesen geerbt. Deshalb trinkt Joey nichts mehr. „Ich will nichts mit ihm zu tun haben, er ist tot. Und doch schafft er es ständig wieder aufzutauchen. … Arschloch.“

„Ich verstehe… Louis und du – ihr seid euch sehr ähnlich“, sagt Anneke nach einer kurzen Pause und lächelt ihn unverfänglich an. „Obwohl ihr euch nie begegnet seid. Ist wahrscheinlich besser, dass er nicht mitgekommen ist.“

„Hm“, macht er und drückt seine Kippe aus. Anneke geht zurück in die Wohnung, während er sich am Geländer des Balkons festklammert. Die Tür ist nur angelehnt, weshalb Gesprächsfetzen zu ihm nach draußen auf den Balkon dringen. Petra fragt gerade:

„Ist das meine Schuld?“

Nein, sicher nicht. Sie hat ihn ja nicht gezwungen zurückzukommen und sich an Joey und seiner Mutter zu vergehen. Sie hat lediglich an sich und ihre Kinder gedacht. Das ist nichts Verwerfliches, er kann es verstehen und wünscht sich, dass er mit seiner Mutter hätte weggehen können. Stattdessen haben sie jeden Tag in der Wohnung ausgeharrt und ihn machen lassen. Sie hatten Angst, waren machtlos. Hätte Joey nicht irgendwann angefangen mit Ole und den Jungs rumzuhängen, hätte er womöglich niemals den Mut aufgebaut, sich gegen seinen Alten aufzulehnen. Sie und Elfriede haben ihm gezeigt, dass er nicht das ist, was ihm der Alte zu sein unterstellte.

An Siemtje bleibt jetzt die restliche Arbeit hängen – sie hat die lästige Bürde, ihn täglich davon zu überzeugen, dass er es auch jetzt noch aushalten kann. Dass er einen Grund zu Leben hat, dass er es wert ist, gemocht zu werden. Der Gedanke an Siemtje lässt ihn sein Smartphone aus der Hosentasche kramen und ihre Nummer wählen. Sie geht nach zwei Freizeichen ran und bewegt sich offenbar.

„Hallo Johannes – was ist los?“, fragt sie und bewegt sich weiter.

„Was treibst du?“

„Ich wechsle gerade das Gebäude, mein nächstes Seminar ist im Schloss“, erklärt sie und er hört eine Hupe. „Huch, da hat jemand nicht aufgepasst. Also – was gibt’s?“

„Meine Mutter hat mich zu sich bestellt, um mir die Ex meines Alten und dessen Tochter vorzustellen“, spuckt er einfach ehrlich aus, weil er nicht weiß, wohin damit. Siemtje macht ein verwundertes Geräusch.

„Also deine… Halbschwester? Haben sie deine Mutter ausfindig gemacht oder andersherum?“

„Ersteres“, erwidert er. „Es gibt sogar noch einen Halbbruder, ist das zu fassen?“

„Das kommt überraschend… Oder? Oder nicht?“, will sie wissen, da zuckt er die Achseln, obwohl sie ihn nicht sehen kann.

„Er ist irgendwann abgehauen und war sechs Jahre unauffindbar – offenbar hat er sich in der Zeit gedacht, dass er noch zwei Kinder zeugen und deren Leben versauen will, was für ein…! Okay, ich sag’s jetzt nicht“, redet er sich ein wenig in Rage und drückt seine Nasenwurzel mit seinem Zeigefinger und seinem Daumen zusammen. Joey schließt die Augen und genießt den kühlen Windstoß, der seine Haare ein wenig zerzaust. Sein Zopf weht ein bisschen im Wind und kitzelt seinen Arm.

„Kommst du zurecht?“

„Geht grad wieder“, sagt er und beißt sich auf die Innenseite seiner Wange. „Die Frau entschuldigt sich dafür, dass sie froh darüber war, verlassen zu werden, weil sie Angst um ihre Kinder hatte. Ich will nicht wissen, wie viele Menschen er sonst noch in den Wahnsinn getrieben hat. Gerade hatte ich das alles im Griff, hab nicht mehr über ihn nachgedacht, da tauchen die beiden hier auf… Scheiße. Eine Million Therapiesitzungen für den Arsch. Wofür gehe ich überhaupt da hin, wenn es nichts bringt?“

„Ich würde nicht sagen, dass das nichts gebracht hat – du redest mit mir darüber, statt es für dich zu behalten und es schlimmer werden zu lassen“, widerspricht Siemtje wie immer faktenbasiert, „das ist ein großer Erfolg, den du nicht schmälern solltest. Das Leben ist eben eine Achterbahnfahrt – klingt scheiße, ist aber so. Und wie wir damit umgehen, ist das Wichtige. Du kannst das hier als Einbruch dieses Mannes in dein Leben sehen, du kannst es aber auch als Chance betrachten, jemanden kennenzulernen, der dasselbe durchgemacht hat wie du. Es ist sicher etwas anderes mit jemandem zu sprechen, der haargenau weiß, wie du dich gefühlt haben musst damals. Ole oder ich oder dein Therapeut können da nur mutmaßen. Du entscheidest, was du aus dieser Begegnung machst, nicht er. Er ist tot.“

„Keine weiteren Fragen, Euer Ehren…“, sagt er erstickt und versucht es mit einem künstlichen Lachen zu überspielen. Siemtje sagt nichts, sondern wartet, dass er etwas sagt. „Ich, ähm…“

„Morgen Vormittag fällt mein Seminar aus, da kannst du gerne vorbeikommen“, erwidert sie, bevor er etwas sagen kann. „Die Dozentin ist krank, bei dem Wetter kaum verwunderlich. Hast du eigentlich schon was wegen der Tournee gehört, die du im nächsten Winter begleiten sollst?“

„Nein, werden aber mindestens drei oder vier Monate quer durch Europa“, erklärt er und ist froh, dass sie das Thema gewechselt hat. „Darauf habe ich momentan ehrlich gesagt überhaupt gar keinen Bock… Wochenlang nur billige Hotelzimmer und Kantinenessen. Der Job ist zwar nett, aber manchmal geht er mir auch auf den Sack.“

„Du weißt doch, man kann nicht alles haben“, scherzt sie und lacht einmal. „So, ich bin im Seminarraum angekommen, ganz schön verwinkelt hier. Von hier aus kann ich die Stadt sehen, ist in einem der Türme der Universität. Ich schicke dir gleich ein Foto, wenn du magst.“

„Ja, klar…“, murmelt er und merkt, dass ihm kalt wird. Es ist zwar schon Mitte April, aber die Luft ist dennoch eisig – und er steht hier im T-Shirt auf dem Balkon seiner Mutter. Clever, wirklich gute Idee.

„Schreib mir nachher mal, wie es noch gelaufen ist, ja?“

„Mhm“, macht er und sie verabschieden sich knapp, dann legt sie auf, weil ihr Seminar losgeht. Joey friert, aber er geht in den nächsten Minuten immer noch nicht rein, bis er sich gesammelt hat. Vielleicht bekommt er es ja sogar auf die Kette, einen normalen Satz mit Petra oder Anneke zu sprechen, die ihn angespannt mustern, als er reinkommt.

„Mit wem hast du gesprochen?“, will seine Mutter dann unverbindlich wissen, da sagt er knapp:

„Siemtje.“

„Deine Freundin?“, fragt Petra freundlich und erwischt ihn schon wieder auf dem falschen Fuß. Neben dem Alten ist vor allem Siemtje ein Thema, über das er weder gerne spricht noch nachdenkt, allerdings aus völlig anderen Gründen.

„Nein, beste Freundin.“

„Oh… Ich kann auch nichts richtig machen heute, hm?“

„Kann dir doch egal sein, du kennst mich nicht.“

„Stimmt… Entschuldige“, sagt sie ernster und sieht ihm lange in die Augen.

„Vergiss es. Ich muss zur Arbeit.“



***



Das findet sie immer unangenehm – Referatsthemen ganz zu Beginn eines Seminars verteilen, die dann im Laufe des Semesters in den jeweils vorgegebenen Sitzungen gehalten werden. Siemtje kann sich nämlich nie sicher sein, an welche Person sie da gerät. In ihrem ersten Semester vergangenen Winter hatte sie einmal das Pech, dass sie mit zwei weiteren Leuten arbeiten musste, die es nicht für nötig erachteten, das Referat vernünftig vorzubereiten. Sie hatten doch allen Ernstes Wikipedia-Artikel bemüht, statt in die Präsenzbibliothek im Institut zu gehen und die Nachschlagewerke zu wälzen, die sie kennenlernen sollen, um arbeiten zu können. Siemtje hat bei den propädeutischen Einheiten immer aufgepasst und fleißig mitgeschrieben, damit sie weiß, wo sie nachschauen muss, wenn sie etwas Bestimmtes sucht.

Die beiden jungen Frauen in ihrer Gruppe damals wussten das alles nicht, entsprechend ist auch deren Leistung ausgefallen. Referate und mündliche Mitarbeit werden in der Universität zwar nicht benotet, aber dennoch macht es keinen guten Eindruck, wenn der Dozent beinahe jeden Satz korrigieren muss oder bei Nachfragen keine Antwort erhält.

Seitdem haben diese beiden Frauen kein Wort mehr mit Siemtje gewechselt, die auch in zwei anderen Grundlagenseminaren mit ihnen sitzt. Dieses Mal drückt sie sich selbst die Daumen, dass sie Glück haben möge. Sie meldet sich als erste für das Thema, das in zwei Wochen vorgestellt werden soll, für das sich meistens niemand meldet, weil es kaum Zeit für die Vorbereitung bedeutet. Statt das Referat allein bestreiten zu müssen, meldet sich einer ihrer Kommilitonen und winkt ihr vom anderen Ende des Raums zu. Nach der Sitzung wird sie ihn nach seiner Uni-Mailadresse fragen, damit sie in Kontakt treten können.

Die Sitzung ist relativ kurz und wird schon nach dreißig Minuten beendet, da es sich um die erste Seminarsitzung handelt, in der meistens nur Organisatorisches besprochen und die Referatsthemen verteilt werden. Siemtje empfindet das meistens als Zeitverschwendung, weil sie dafür extra anreist, aber offenbar hält es jeder Dozent so. Seufzend packt sie ihre Sachen wieder zusammen und schließt ihren Rucksack, als der junge Mann auf sie zukommt, mit dem sie in zwei Wochen das Referat halten muss. Sie werden sich mit André Bretons Nadja auseinandersetzen müssen und möglichst am französischen Original arbeiten.

„Hi, ich bin Maurice“, sagt er freundlich und hält ihr eine Hand entgegen, die Siemtje kurz schüttelt.

„Siemtje“, erwidert sie.

„Cooler Name, habe ich noch nie gehört“, sagt Maurice ehrlich und streicht sich eine seiner Strähnen, die sich aus seinem kleinen Zopf gelöst haben, hinter das Ohr. Er trägt weite Hosen und ein viel zu großes Shirt, dazu einen Stoffbeutel. Ole würde ihn augenrollend als ‚Hipster‘ bezeichnen, aber Siemtje ist es egal, wie er rumläuft. Sagt ja auch niemand was über Oles schwarze Sachen.

„Kenne auch niemanden, der so heißt“, sagt sie und lächelt.

„Da die Sitzung schon rum ist, könnten wir doch runter ins Café Unique, um kurz über das Referat zu sprechen – oder musst du los?“, will er wissen, da schüttelt sie den Kopf. Gemeinsam verlassen sie den Übungsraum oben im Turm, der noch zum germanistischen Institut gehört, und laufen die Treppen nach unten Richtung Aula. Es geht noch eine Doppeltreppe nach unten zur Garderobe. Zu ihrer Linken ist der Arkadenhof, in dem sich die Eingänge zum Prüfungsamt der Philosophischen Fakultät und das Dekanat derselben befinden. In der anderen Ecke liegt das Dekanat der Evangelisch-Theologischen Fakultät, und irgendwo ganz versteckt ist auch der Eingang zum Katholischen Seminar, aber da war Siemtje noch nie. Sie bleiben im Gebäude und biegen rechts ab, gehen an einer weiteren Treppe vorbei, die auch zum germanistischen Seminar mit Bibliothek führt, und dann links ins Café Unique.

Das Café Unique ist im Prinzip die Cafeteria, eine von mehreren, um genau zu sein, die sich im Erdgeschoss des Schlosses befindet und nach vorne raus in den Hofgarten zeigt. Es gibt eine Theke, an der man sich Speisen und Kaffee holen kann, und mehrere Snack-Automaten, die an den Wänden stehen. Überall stehen Tische und Korbstühle, die eher an Gartenmöbel erinnern. Hinter der Theke an der Wand hängt ein großes Schild, auf dem in Schnörkelschrift der Name der Cafeteria steht. Es ist zwar sehr hellhörig, aber man kann hier arbeiten, wenn man sich Musik auf die Ohren legt.

Der zweite Eingang zum Café ist von ihr aus gesehen rechts und führt in die Säulenhalle, in der auch die Erstsemesterparty stattgefunden hat. Sie war zusammen mit Ketevan dort, die sich ebenfalls für Musikwissenschaft eingeschrieben hat. Ihre Bewerbung beim WDR-Orchester war erfolgreich, deshalb ist sie momentan viel unterwegs für Proben. Sie spielt dort mittlerweile die zweite Stimme mit Tendenz zur ersten. Nicht nur Ketevan hat ihr Ausnahmetalent erkannt. Sie hat also doch ein Gefühl dafür, ob jemand gut ist oder nicht.

Maurice setzt sich an einen freien Tisch und stellt seine Tasche neben sich auf den Boden, Siemtje setzt sich ihm gegenüber hin und wartet, bis er sich sortiert hat. Er legt sein Smartphone auf den Tisch und entsperrt es. Dann öffnet er die freie Nummerneingabe und dreht das Telefon zu ihr.

„Am besten tauschen wir Nummern aus, damit wir im Kontakt bleiben – ich muss gestehen, dass ich nur selten in meine Mails reinschaue“, sagt er und wartet, bis Siemtje ihre Nummer auswendig eingespeichert hat. Er fügt sie zu seinen Kontakten hinzu, hält ihr aber vorher nochmal das Telefon unter die Nase, um sie zu fragen, ob er ihren Namen richtig geschrieben hat. „Wollen wir direkt nächste Woche mit der Vorbereitung anfangen? Ich schlage vor, dass wir uns oben im Vestibül treffen.“

„Ja, ist sicher nicht verkehrt. Gleich werde ich auch schon ein paar Recherchen über die ULB* anstellen, damit wir wissen, was wir mitnehmen oder kopieren können“, schlägt sie vor, da nickt er. „Wollen wir vielleicht schon eine Aufteilung machen?“

„Klar“, sagt er und sie überlegen sich, wie sie das Referat am besten gliedern könnten. Es dauert nur knappe zehn Minuten und Siemtje ist begeistert, dass es mit Maurice sehr viel besser läuft als mit den beiden Frauen aus dem letzten Seminar. „Wohnst du auch in Bonn? Oder wollen wir uns lieber immer in der Bib treffen?“

„Lieber in der Bibliothek, ich habe eine längere Anfahrt“, erklärt sie.

„Wo kommst du denn her?“, fragt er freundlich.

„Puh, ziemlich kleines Örtchen, ist quasi schon fast Rheinland-Pfalz“, sagt sie. „Im Siegtal.“

„Willst du noch herziehen?“

„Nein, ist mir zu teuer“, gibt sie zu.

„Ich wohne in einer WG, von Nürnberg herpendeln ist leider nicht möglich“, scherzt er.

„Oh, so weit bist du weggezogen?“

„Na ja, wahrscheinlich gehe ich für den Master wieder zurück, mal schauen. WG käme für dich nicht in Frage?“

„Ach, ich habe eine eigene Wohnung, weil ich mit meinem Bruder das Haus unserer Großmutter geerbt habe – das ist Luxus, den ich hier nicht für dasselbe Geld bekommen könnte“, plaudert Siemtje ein wenig aus dem Nähkästchen.

„Wow, okay. Da würde ich auch nicht wegziehen, ganz ehrlich“, sagt er lachend. „Wohnt ihr da allein?“

„Ja, wir sind allein. Er ist acht Jahre älter als ich und geht arbeiten, passt auf mich auf, seit ich denken kann“, erwidert Siemtje lahm. Wehmut macht sich in ihr breit, weil sie gerne von ihrer Mutter erzählen würde – etwas, das sich nicht auf ihren frühen Tod beschränkt. Eigentlich kannte sie ihre Mutter kaum, wenn man mal ehrlich ist. Andere wiederum kennen ihre Eltern und wünschen sich, dass sie ihnen nie begegnet wären. Johannes zum Beispiel, mit dem sie vorhin vor dem Seminar noch telefoniert hat.

„Hört sich nach ner langen und schwierigen Geschichte an. Tut mir leid, ich wollte dich dazu nicht ausfragen“, wirft Maurice schnell ein und lächelt sie einmal entschuldigend ein.

„Keine Sorge, steht mir ja nicht auf die Stirn geschrieben.“

Sie unterhalten sich noch ein wenig und erzählen sich, wie sie das erste Semester bisher fanden. Sie stellen fest, dass sie noch ein anderes Seminar und eine Vorlesung gemeinsam besuchen und wollen sich dort vielleicht auch für die Referate und Textexpertenschaften zusammentun. Siemtje findet Maurice wirklich nett und erzählt ihm sogar von ihrem zweiten Fach, der Musikwissenschaft, in der sie bisher keine Anstrengungen mobilisieren musste, um mithalten zu können. Das sagt sie so nicht, aber er findet es anscheinend beeindruckend, dass sie Klavier spielen kann. Sie muss ihm versprechen, dass sie ihm irgendwann mal was vorspielt.

Alles in allem ist der Tag noch in Ordnung verlaufen, auch wenn sie mehr Zeit in der Cafeteria als im Seminarraum verbracht hat. Sie muss sich noch überlegen, was sie morgen früh mit Johannes macht, wenn er sie besuchen kommt. Vielleicht lässt er sich ja für ein Frühstück begeistern, auch wenn er morgens eher selten isst. Unter Umständen droht sie ihm auch damit, dass sie erst für ihn spielt, wenn er was Vernünftiges gegessen hat.




* Universitäts- und Landesbibliothek, kurz ULB. Steht in Bonn direkt am Rhein, deshalb arbeite ich dort nie. Kann mich dann nicht konzentrieren, weil der Rhein viel interessanter ist.
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