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Zwei Welten in einer

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
14.05.2022
10.08.2022
29
104.512
4
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06.08.2022 3.566
 
Kapitel 24: Schallplattenkratzmoment (2017)



Es ist Anfang September und Siemtje fährt heute nach Bonn, um sich an der Universität einzuschreiben. Sie muss in die Poppelsdorfer Allee zum Studierendensekretariat und hat alle ihre Unterlagen bereits in eine Klarsichtfolie gepackt, um sie jetzt vor Abfahrt doch noch einmal zu checken. Ole sitzt auf der Terrasse und daddelt an seinem Smartphone herum, während er einen Kaffee trinkt. Heute hat er Überstunden freigenommen, es ist Freitag und er hat sich auf ein langes Wochenende mit Naomi gefreut, die heute Abend noch vorbeikommen will. Siemtje ist erleichtert, dass es mit den beiden so gut läuft. Bald will Naomi ihm sogar ihren Sohn vorstellen, womit sie verständlicherweise erst einmal gewartet hat. Sie findet Naomi sehr nett, auch passt sie hervorragend zu ihrem Bruder, der sehr viel erwachsener wirkt, seit er mit ihr zusammen ist.

„Das wievielte Mal guckst du jetzt schon in diese Folie rein?“, fragt er missmutig, als sie ihre Tasche auf dem Terrassentisch doch noch einmal ausgeräumt hat, um ihre Unterlagen zu zählen.

„Lass mich, ich will nicht umsonst nach Bonn fahren, ist ziemlich teuer“, hält sie dagegen und verzieht einmal das Gesicht. Die Narbe auf ihrer Schläfe sieht man zwar kaum, aber sie ist wetterfühlig geworden. Immer, wenn ein Wetterumschwung ansteht, bekommt Siemtje Kopfschmerzen und spürt einen leichten Schmerz in der Narbe.

„Was ist?“, fragt Ole und beobachtet sie.

„Ich merke jetzt immer, wenn Voldemort in der Nähe ist“, scherzt sie und reibt sich mit den Fingerspitzen über die Narbe. Ole lacht nicht, lächelt nicht einmal aus Höflichkeit, sondern sieht sie kopfschüttelnd an.

„Willst du damit nicht mal zum Arzt gehen?“

„Damit der mir sagt, ich sei wetterfühlig? Nein, danke“, spuckt sie sarkastisch aus und wirft sich ihre Tasche über die Schulter. „Ich nehme das Auto mit an den Bahnhof, du brauchst es heute nicht mehr, oder?“

„Nein, ansonsten hat Naomi eins dabei.“

„Okay, bis später“, sagt sie und macht sich auf den Weg. Sie fährt ohne Probleme oder Verspätung nach Bonn und läuft über den Hauptbahnhof in die Poppelsdorfer Allee, die von schweren und dichten Kastanienbäumen gesäumt ist. An den Rändern stehen vor allem teure Villen, in denen sich wahrscheinlich nur Universitätsprofessoren die Miete leisten können. Auf der linken Seite ganz am Anfang der Allee ist das Hotel Bristol, in dessen Erdgeschoss ein Café liegt. Im Bristol sollen Helmut Kohl und Erich Honecker einmal gemeinsam zu Mittag gegessen haben. Auch im Café dürften die Preise astronomisch sein. Direkt gegenüber ist ein winziger Kiosk, der ein wenig heruntergekommen aussieht. Hier treffen zwei Welten aufeinander und sie werden bloß durch eine Straße getrennt, über die alle paar Minuten die Tramlinien 61 und 62 fahren.

Siemtje läuft die Allee entlang Richtung Poppelsdorfer Schloss, das sie von hier aus schon liegen sehen kann, und überquert eine Kreuzung bei einem Gebäude, das zum Deutschen Herold gehört, einer Versicherungsgesellschaft. Sieht nach Sandstein aus, aber Siemtje könnte sich auch irren. Sie läuft weiter geradeaus und auf der linken Seite liegt das Studierendensekretariat, dahinter ist die Alte Sternwarte, die auch zum Universitätsgelände gehört. Vor dem Studierendensekretariat, das in einem normalen Gebäude liegt, stehen schon einige Menschen an, auch tummeln sich Fachschaftsvertreter mit Jutebeuteln vor der Tür, um die neuen Studierenden anzusprechen. Siemtje wird ebenfalls angesprochen und erhält einen AStA-Beutel, in dem sich allerhand Werbematerial befindet.* Mehrere Fachschaftsvertreter sprechen sie an, doch sie muss immer sagen, dass sie nicht zur Zielgruppe gehört. Siemtje schreibt sich heute für den Zweifach-Bachelor ein – Musikwissenschaften und Komparatistik. Die Liebe zur Literaturwissenschaft konnte sie dann doch nicht zügeln.

Allerdings weiß Siemtje, dass sie im Master auf jeden Fall in Richtung Musikwissenschaft vertiefen wird, denn das ist nun einmal ihre wahre Leidenschaft. Auch kennt sie sich damit besser aus als mit Literaturwissenschaft, auf die sie sich allerdings sehr freut, weil sie gerne Neues lernt.

Ole studiert nicht mehr, er hat sein Masterstudium abgebrochen, dafür aber mittlerweile die stellvertretende Abteilungsleitung in seiner Firma inne, in der er seit ein paar Jahren arbeitet. Sie machen irgendwas mit Maschinenverleih, sie kennt sich damit nicht aus, und es hat überhaupt gar nichts mit Oles Studium der Geschichtswissenschaft zu tun, das er mit Mühe und Not beendet hat. Genau genommen hat Siemtje einen ganzen Tag in seine Bachelorarbeit investiert und sie korrigiert, damit er überhaupt eine Chance hat, um zu bestehen. Wahrscheinlich hätte Ole besser direkt eine Ausbildung gemacht, statt zu studieren; die Praxis liegt ihm eher als die Theorie.

Sie klammert sich an ihrem neuen Beutel fest und holt schon ihre Unterlagen hervor, als sie in den Flur tritt, der mit schwarz-grauen Fliesen ausgelegt ist. Es ist kalt im Foyer und sie wartet geduldig, bis sie in den engen Flur zu ihrer Rechten gerufen wird, auf dem die Büros der Sachbearbeiter liegen, die sich nach Buchstaben geordnet um die Erstsemester kümmern. Siemtje muss zum Büro in der Mitte, das unter anderem für den Anfangsbuchstaben M zuständig ist. Sie kann als nächstes eintreten und läuft über Linoleum auf einen großen Schreibtisch zu, um ihre Unterlagen darauf auszubreiten. Ihr wird eine vorläufige Einschreibebescheinigung ausgestellt, auch werden ihre Daten aufgenommen und sie muss einen Zettel unterschreiben. Der ganze Prozess dauert maximal drei Minuten, in denen Siemtje ihre säuberlich geordneten Dokumente nacheinander vorzeigen muss.

Der Sachbearbeiter nickt zufrieden und schickt sie wieder nach draußen.

Nun ist Siemtje offiziell an der Universität in Bonn eingeschrieben und kann zum neuen Semester mit dem Studium beginnen. Leider gilt auch das Semesterticket, das ihr in den nächsten Tagen zugeschickt wird, erst ab Beginn des akademischen Jahres, das immer zum 01. Oktober beginnt und zum 30. September endet. Das Wintersemester ist das Hauptsemester, wie sie erfahren hat. In den wenigsten Bachelorstudiengängen kann man sich zum Sommersemester einschreiben, um ein Erststudium zu beginnen. Erst im Master wird es flexibler – bei der Promotion ist man sogar semesterunabhängig mit dem Beginn. Das alles hat sie sich schon durchgelesen, obwohl sie nicht einmal mit dem Bachelorstudium begonnen hat, aber wer weiß, wann ihr dieses Wissen mal nützlich wird.

Sogar mit ihrem Latinum könnte sie früher oder später was erreichen, aber für die Komparatistik wird es nur noch empfohlen, während zwei moderne Fremdsprachen auf dem Niveau B2 Voraussetzung sind. Das entspricht etwa vier Schuljahren, die hat sie mit Englisch locker drin und mit Französisch tatsächlich gerade so erreicht. Siemtje ist gespannt, ob sie wirklich viel fremdsprachige Literatur ohne Übersetzung wird lesen müssen. Sie freut sich jedenfalls auf die Herausforderung.

Erleichtert darüber, dass alles geklappt hat, läuft sie zurück zum Hauptbahnhof und setzt sich in die nächste U-Bahn, um zurück in ihre Heimat zu fahren. Am nächsten größeren Bahnhof steigt sie in den Regionalexpress und schaut nach ihrer Ankunft im Auto auf die Uhr. Eine Fahrt dauert knappe sechzig Minuten, das geht ja sogar noch. Umziehen kann sie sich nicht leisten und sie wüsste auch nicht, wozu. Sie wohnt gerne im Haus und hat ihre eigene Wohnung mit Terrasse – so etwas gibt es in Bonn nur für viel Geld oder eine Niere, wie Ole mal gescherzt hat. Ist eigentlich gar nicht so weit hergeholt. Mieten werden immer teurer.

Als sie das Auto vor dem Haus abstellt, fällt ihr auf, dass niemand da ist. Sie geht ums Haus herum und findet die Terrasse leer vor, auch antwortet ihr niemand, als sie durchs Haus ruft. Ole scheint mit Naomi unterwegs zu sein, dabei hat Siemtje angekündigt, dass sie nicht lange brauchen würde. In Bonn selbst wollte sie nichts mehr machen, weil sie sich noch nicht besonders gut auskennt.

Achselzuckend setzt sie sich ans Klavier und klappt die Abdeckung hoch. Sie überlegt kurz, was sie spielen soll, entscheidet sich dann recht schnell für Agnes Obels Mary, das mit dem Album von 2016 erschienen ist. Citizen of Glass ist ein Meisterwerk, wie Siemtje findet. Damit hat sich Agnes noch einmal selbst übertroffen.

Heaven hid her face as we fell down
Age old habits echoed in the ground
One would sing and one would hold me down
They might listen if I make no sound

Oh I know this
From my high school heart
That nothing is over
From a touch it will begin
Wide on the sky

In my house the silence rang so loud
Under doorways, through the hallway down
Waiting for the secret to grow out
Oh what we do when no one is around

Oh I know this
From my high school heart
That nothing is over
From a touch it will begin
Wide on the sky

In the dark I hear you sing
Fingers move and chords they ring
Be the witness of my shame
Swaying in the summer rain
Feathers falling from your wing
In the dark I hear you sing

„Das war toll“, hört sie irgendwann jemanden hinter sich sagen, weshalb Siemtje zusammenschreckt. Da steht Naomi in der Tür zu ihrem Wohnzimmer und lächelt sie an. „Spielst du noch eins?“

„Klar“, sagt Siemtje und lächelt ebenfalls.




* Wo ist eigentlich mein AStA-Beutel, hm? Ich bin wahrscheinlich der einzige Depp, der keinen erhielt, als er sich eingeschrieben hat. Danke für gar nichts, Uni Bonn. Ich weiß, ist fast zehn Jahre her – but I’m still salty.


***


Joey ist zwar ständig hier, um einzukaufen, aber heute ist es ihm unangenehm. Er hat den Filialleiter Herrn Bohnefeld gesehen und versucht sich hinter Ole zu verstecken, der mit Naomi vor dem Regal mit Aufschnitt steht und verschiedene Käsesorten durchdiskutiert. Genervt klammert er sich am Einkaufswagen fest und lehnt sich darauf, da er nicht mehr stehen kann. Er hat gestern Abend die ganze Zeit gestanden und die Lichtperformance bei einer Lesung betreut, die ihn mehr als gelangweilt hat. Noch nie hat er sich gewünscht, dass er im Stehen wach bleibt, damit er keinen Rüffel bekommt. Gestern wäre es fast so weit gewesen.

Herr Bohnefeld geht zum Glück an ihnen vorbei und beachtet Joey gar nicht weiter, den er nicht einmal zu erkennen scheint, aber das geht ihm am Arsch vorbei. Er arbeitet schon seit Jahren nicht mehr hier, gehört zu einem anderen Leben, wenn er ehrlich ist. Die Zeit damals war ätzend, richtig peinlich und voller blöder Begegnungen. Einige davon haben sogar hier im REWE stattgefunden. Da hinten um die Ecke ist der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter, wo ihn Luisa das erste Mal von der Seite angequatscht hat. Er schüttelt den Kopf und fragt sich, wieso er damals darauf eingegangen ist. So horny kann er nie und nimmer gewesen sein, dass er das für eine gute Idee gehalten hat…

Nicht selten möchte er seinem pubertierenden Ich nachträglich eins auf die Schnauze hauen.

„Seid ihr da bald mal fertig? Mir tun die Knochen weh“, meckert Joey mies gelaunt und erhält ein Tätscheln auf seine Schulter von Naomi. Sie passt wirklich super zu Ole, den sie ein wenig auf den Boden zurückgeholt hat. Er wirkt entspannter als früher, auch erwachsener. Ole zieht los, um sich der Einkaufsliste zu widmen, die Siemtje ihm vor ihrer Abreise nach Bonn hinterlassen hat, und verschwindet zu den Teesorten. Ja, Joey kennt den Laden nach all den Jahren immer noch wie seine Westentasche.

„Was ist los, hm?“, fragt Naomi und lächelt ihn freundlich an. „Bisschen knorzig heute?“

„Immer, Verehrteste“, spuckt er sarkastisch aus und kratzt sich an der Nase. Naomi lacht einmal auf und schlendert ihm hinterher, als er den Wagen eher widerwillig durch die Gänge schiebt. Er denkt daran, dass er heute zusammen mit Ole und seiner Freundin einen Abend mit Siemtje verbringen muss. Siemtje, die er normalerweise nur noch besucht, wenn er sich sicher sein kann, dass Ole nicht anwesend ist, damit der keinen Affen bekommt. Joey befürchtet, dass man es ihm sofort an der Nasenspitze ansieht. Nur Siemtje bemerkt es nicht, natürlich nicht. Sie merkt nie was. Oder sie will es nicht merken, aber dann hat Joey echt die Arschkarte gezogen.

Er muss versuchen über sie hinwegzukommen, sonst wird er seines Lebtags nicht mehr glücklich, denkt er.

„Jetzt sag schon, was bedrückt dich?“, hakt Naomi nach. Noch so jemand, vor dem man nichts verstecken kann. „Ich kenne dich noch nicht gut, aber ich sehe, dass da irgendwas los ist. Seit ein paar Monaten geht das so, auch Ole hat’s bemerkt.“

„Ach ja? Dann wundert mich, dass ich noch nicht im hohen Bogen aus der Bude geflogen bin“, schnappt er und beißt sich auf die Zunge. Es ist immer dasselbe. Bei manchen Menschen kann Joey so schlecht die Klappe halten, auch wenn er weiß, dass es am Ende einen Strick um seinen Hals bedeuten könnte. Er ist einfach richtig schlecht in sowas… Auch bei Herrn Lehmann in der Therapie dreht er sich im Kreis, weil er alles für sich behalten will, es aber dann doch ausplaudert. Aber bei dieser Sache kann sogar Herr Lehmann nicht helfen. Er sagte lediglich, dass Joey ‚offensichtlich verliebt‘ sei. Noch so eine ‚Diagnose‘ und er kotzt Regenbögen.

„Geht es vielleicht um… Siemtje?“, will sie scheinheilig wissen und steckt ihre Hände in die Hosentaschen. Sie läuft seitlich neben ihm her und schneidet eine Grimasse, die ihn offenbar aufmuntern soll, aber Joey fühlt sich, als hätte sie ihm direkt in die Eier getreten.

„Lass das, bis gerade konnte ich dich gut leiden“, faucht er und lässt den Kopf hängen.

„Erwischt“, flüstert sie stimmlos. „Nichts, wofür man sich schämen müsste. Ihr wärt ein hübsches Paar.“

„Hör auf damit, ich mein’s ernst.“

„Na gut, aber ich werde dich noch einmal drauf ansprechen, wenn es mir mit euch zu blöd wird – du weißt, dass ich dann einfach tätig werde und es in die Hand nehme“, sagt sie und hebt beide Augenbrauen an. Da ist was dran, sie hat bei Ole auch die Initiative ergriffen und sich bei Siemtje schlau gemacht, ob sie sich Hoffnungen machen darf oder nicht, da Ole wirklich gar nichts gecheckt hat. Eben jener Ole kommt mit zwei Teesorten zurück, die sich Siemtje gewünscht hat, und wirft sie in den Einkaufswagen, in dem sich sonst allerhand Snacks, ein bisschen Alkohol und ein bisschen was fürs Abendessen türmt.

„Fällt euch noch was ein? … Ach shit, ich hätte mal in Siemtjes Kühlschrank gucken sollen, ob sie noch sowas wie Limonade oder Fassbrause da hat“, sagt Ole und ärgert sich ein wenig. Joey sagt absichtlich nicht, dass sie noch Fassbrause hat, weil er erst vor ein paar Tagen bei ihr war, um sie für ein Privatkonzert in ihrem Wohnzimmer anzuhauen. Immer, wenn er miese Laune hat, kommt er zu ihr und lässt sie spielen. Dabei sitzt er absichtlich ganz weit weg auf dem Sofa, um nicht auf dumme Ideen zu kommen. Es gefällt ihm nicht, dass es diese Situation im Bad zwischen ihnen gab. Ihm gefällt auch nicht, dass er für einen winzigen Augenblick das Privileg hatte, ihren entblößten Rücken zu sehen. Sie hat ihm nicht die Erlaubnis dazu gegeben, es war ein Versehen.

Joey wird jetzt schon wieder unruhig.

Sie schieben den Wagen zur Kasse und räumen ihren Einkauf aufs Band, den Ole unbedingt allein bezahlen möchte, und verräumen alles in mehrere Jutebeutel aus Elfriedes uraltem Fundus. Joey setzt sich in Oles Wagen nach hinten, damit Ole neben seiner Freundin sitzen kann, und sieht aus dem Fenster. Es läuft irgendeines der gefühlt eintausend Alben von Behemoth, die Joey irrsinnigerweise immer beruhigen, wenn er sich aufregt, aber in diesem Moment hilft ihm die Musik nicht wirklich weiter. Es ist dieses untergründige Zittern aller Gliedmaßen und ein Herzschlag, der zwar nicht schneller, dafür aber präsenter ist, die ihn in den Wahnsinn treiben. Als wäre er tagtäglich einer Ausnahmesituation ausgesetzt.

Die Fahrt zurück zum Haus dauert nicht lange und er wird noch etwas angespannter, als er sieht, dass das Licht in Siemtjes Wohnung brennt. Durch das gekippte Fenster hört er eine Melodie und ihren Gesang, was ihm beides sauer aufstößt. Wäre er allein, wäre es was anderes. Er ist hier aber mit Ole und Naomi, die begeistert in die Hände klatscht und sich einen Finger auf die Lippen legt. Sie hat Siemtje noch nie spielen hören und ist entsprechend neugierig. Ole trägt eine der Jutetaschen zur Haustür, Joey nimmt die zweite und Naomi darf das Gemüse festhalten, während sie sich leise Zugang zum Haus verschaffen. Immer noch leise öffnet Ole die Wohnungstür zu Siemtjes Bleibe und schleicht in die Küche, während sich Naomi in den Türrahmen zum Wohnzimmer stellt, um Siemtje zuzusehen.

Joey läuft eilig hinter Ole her, um die zweite Jutetasche auf den kleinen Tisch zu stellen und die Einkäufe wegzuräumen. Er kennt sich ziemlich gut in Siemtjes Wohnung aus, aber das tut er bei Ole auch, also macht er sich nichts daraus und ignoriert Oles Blicke in seine Richtung. Seit Siemtjes Sturz sieht er ihn immer so merkwürdig an. Allerdings könnte sich Joey das auch nur einbilden, denn er sieht generell schneller Gespenster als andere, weil er paranoid ist. Auch noch ein Überbleibsel aus der Zeit mit seinem Alten. Jedes Geräusch lässt ihn zusammenfahren, wenn er sich schlecht konzentrieren kann. Dann fühlt es sich kurzzeitig so an, als wäre er noch ein Kind, das in dieser stinkenden Bude in der Friedrichstraße eingesperrt ist und nicht weg kann. Das sind die Tage, an denen er Siemtje anruft und zu ihr in die Wohnung oder in den Proberaum kommt.

Aus dem Flur hört er, wie Naomi kurz applaudiert und sagt: „Das war toll! Spielst du noch eins?“

„Klar“, sagt Siemtje und räuspert sich. Das Lied vorhin hat Joey noch nie gehört, aber er findet es jetzt schon furchtbar. Noch schlimmer als die anderen Lieder, denn es ist auch von der Sorte ‚Tritt in den Magen‘, was er momentan gar nicht verträgt. Vielleicht sollte Herr Lehmann mal über den Begriff Selbstgeißelung nachdenken und ihn mit Joey in Verbindung bringen, dann klärt sich bestimmt einiges auf… Es muss doch einen Grund dafür geben, dass er sich ständig in ihre Nähe begibt. Er glaubt nämlich nicht, dass er in sie verliebt ist. Nein, das fühlt sich doch anders an, oder? Zumindest hat es sich bei Jacky anders angefühlt. Ansonsten würde Joey behaupten, dass er noch nie verliebt war. Außer in Jacky eben.

Ein echtes Scheißgefühl, wenn es enttäuscht oder nicht erwidert wird.

Vor Jahren hat Ole mal etwas dazu gesagt, das Joey erst letztens siedend heiß wieder eingefallen ist. Er kann sich nicht mehr an den Zusammenhang erinnern, aber es ist wahr:

„Wahrscheinlich wird es erst schwierig, wenn Gefühle im Spiel sind. Wenn du diese eine Frau haben willst, aber nicht an sie rankommst. Verknallt sein ist ätzend, glaub mir. Also zumindest, wenn es schlecht läuft. Wenn sie mitmacht, ist es easy, aber dahin muss man erstmal kommen.“

Für Joey läuft es schlecht.

Er ist ein Idiot, ein Arschloch, wenn er es raushängen lässt, und Siemtje ist das absolute Gegenteil. Eine Klassefrau mit Intellekt und Anspruch. Eine Frau, die in die Oper geht und ernsthaft versteht, was dort passiert. In diese Welt passt er nicht, denkt er. Nicht einmal zu ihr ins Wohnzimmer passt er, wenn sie ihre komplizierten Sachen spielt, die mit den Jahren immer besser geworden sind. Es ist, als würde sie dieses Instrument spüren. Ja, er spielt ganz passabel auf der Gitarre, aber Siemtje ist eins mit ihrem Klavier. Einmal hat er es geschafft, einen kurzen Blick in ihre Augen zu werfen, wenn sie es spielt.

Eine Göttin, irgendwie unwirklich. Und er sitzt da, der Einfaltspinsel, der er eben ist, und schmachtet sie an, als wäre sie ein verdammtes Objekt, das er haben könnte, wenn er sich nur ein bisschen anstrengt. Bei Siemtje strengt man sich nicht nur ‚ein bisschen‘ an. Sie ist eine Frau, der man die Welt zu Füßen legt – oder man lässt es gleich bleiben. Keine halben Sachen. Ganz wie Paul gesagt hat.

„Was ist los?“, fragt Ole neben ihm und holt ihn in die Realität zurück. Joey zuckt die Achseln und wirft eines der Brote in die Tiefkühltruhe, weil er weiß, dass Siemtje es erst nächste Woche irgendwann essen wird. „Komm schon, Bro-hannes. Du schweigst schon wieder so viel… Irgendwas ist doch.“

„Ich will noch nicht darüber reden“, würgt Joey hervor. „Irgendwann, aber nicht heute.“

„In Ordnung“, sagt Ole und klopft ihm einmal auf die Schulter. „Nicht reinfressen, sonst wird’s nur schlimmer, weißt du doch.“

„Mhm…“, macht Joey unter größter Anstrengung, während Siemtje nebenan endlich ihr Lied beendet und einen zweiten Applaus von Naomi erntet.

„Sie scheint großen Gefallen daran zu haben – was meinst du, sollte ich es mal mit der Gitarre bei ihr probieren?“, scherzt Ole und wackelt vielsagend mit den Augenbrauen, da ringt sich Joey aus Höflichkeit ein kurzes Lachen ab. Er möchte noch einmal mit Siemtje auf dem Sofa liegen, so wie vor ein paar Monaten, aber das ist ihm nicht vergönnt. Ole hat jetzt jemanden wie Naomi, die sich in seiner Nähe wohlfühlt und was mit ihm unternimmt, statt nur zu vögeln. Joey weiß schon gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn man mit jemandem mehr teilt als bloß das Bett und die Lust auf Sex. Innerlich regt er sich über seine Melancholie auf.

Arschloch, reiß dich zusammen.

Blöderweise sorgt Naomi dafür, dass es sich auch noch wie ein bescheuerter Pärchenabend anfühlt, als sie neben Ole sitzt und ein paar Geschichten von sich erzählt. Siemtje sitzt neben Joey und erzählt auch die ein oder andere Geschichte, auch von diesem Typen im Underground, vor dem er sie damals bewahrt hat, und Naomi sagt doch tatsächlich so etwas wie ‚Aww, wie heldenhaft‘, um Joey so richtig in die Scheiße zu reiten, denn Ole sieht ihn schon wieder so bedeutungsschwer an.

Das nennt man wohl allgemein ‚Schallplattenkratzmoment‘. Schöne Scheiße.




Kleiner Service für alle, die es interessiert:
Mary – Agnes Obel, vom Album Citizen of Glass (2016)
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