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Zwei Welten in einer

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
14.05.2022
10.09.2022
39
136.462
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
03.08.2022 4.441
 
Kapitel 23: Unglücklicher Zwischenfall (2017)



Die letzten beiden Unterrichtsstunden sind ausgefallen und Siemtje hat sich dazu bereiterklärt, einen Spaziergang mit Keti zu machen, die sich gerade die Mütze gewissenhaft zurechtrückt. Siemtje wirkt in letzter Zeit ein wenig angespannt, aber das könnte Keti sich vielleicht auch nur einbilden. Jedenfalls findet sie es gut, dass sie dem Spaziergang im Schnee zugesagt hat. Keti muss zugeben, dass sie ein großer Fan vom Winter ist, obwohl sich die meisten darüber beschweren. Sie findet Schnee schön und auch vereiste Landschaften strahlen etwas Ruhiges aus, das sie bisher nur in wenigen Musikstücken genau so wiedergefunden hat. Sie freut sich immer, wenn sich Siemtje zu Erik Saties Gnossienne No. 1 hinreißen lässt, weil sie dann dieses unvergleichliche Gefühl spürt.

Keti steckt ihre Hände in die Manteltaschen und sieht Siemtje von der Seite an, deren Nase schon ein wenig rot angelaufen ist. Man sieht ihren Atem vor ihren Mündern kondensieren – die Sonne steht so tief, dass es nicht einmal viel Mühe erfordert.

„Möchtest du eigentlich über irgendetwas reden? Du wirkst so still in letzter Zeit“, sagt Keti und geht neben Siemtje her, die einen Waldweg vorgeschlagen hat. Der Schnee schmilzt an manchen Stellen schon und gibt den Blick auf den matschigen Untergrund frei.

„Findest du?“, fragt Siemtje irritiert und dreht den Kopf zu Keti, die ihr Gesicht genau unter die Lupe nimmt.

„Hm, kann auch sein, dass ich überreagiere“, wiegelt sie ab und zieht einen Mundwinkel in die Höhe. Seit ihrem Vorspiel letztes Jahr hat Siemtje keine weitere Bewerbung geschrieben, weil es sie nicht besonders interessiert. Keti war nach ihrer Erzählung von der Fragerunde ehrlich gesagt sogar bestürzt. Da sieht man mal wieder, wie sehr diese verkorksten Leute noch in Klassen denken. Leute, die sich keine teure Ausbildung leisten können, sind angeblich nicht so gut wie Leute, die die kostspieligsten Musikschulen besucht haben. Was für ein Schwachsinn… „Ich habe letztens überlegt, ob ich es mal mit einem Vorspiel beim WDR-Orchester versuchen soll, auch wenn ich ebenfalls keine herausragenden Stipendien vorweisen kann. Was meinst du?“

„Du solltest es auf jeden Fall versuchen, denn du bist sehr gut“, sagt Siemtje ehrlich. Sie würde ihr niemals schmeicheln, wenn es nicht wirklich so wäre. Siemtje ist jemand, der immer die Wahrheit sagt, glaubt Keti. Jedenfalls wenn es angebracht ist. Anfangs war es sehr schwierig zu ihr vorzudringen, aber mittlerweile haben sie sich ganz gut eingegroovt, denkt sie. Manchmal muss man ihr allerdings immer noch alles aus der Nase ziehen.

„Danke für das Bauchpinseln“, sagt Keti und lacht.

„Ich meine das ernst“, wirft Siemtje ein, da lacht Keti noch mehr.

„Ich weiß, lass mich dich doch ein bisschen aufziehen“, neckt sie und macht einen großen Ausfallschritt über eine matschige Stelle im Boden, die sie schlecht abgeschätzt hat. Keti verliert das Gleichgewicht und stößt gegen Siemtje, die sie noch aufzufangen versucht und dann selbst umfällt und ein Stück auf dem Schnee rutscht. Es geht alles ein wenig zu schnell für Keti, die eine halbe Drehung im Schnee hinlegt und sich vorstellt, wie bescheuert sie dabei ausgesehen haben muss. Lachend setzt sie sich auf und klopft sich den Schnee vom Mantel. Ihr bleibt das Lachen im Halse stecken, als sie zu Siemtje schaut und frisches Blut auf dem blütenweißen Schnee erkennt. Panisch hockt sie sich auf alle Viere und streckt ihre Hand nach Siemtje aus, die sich eine Hand gegen die Stirn presst und das Gesicht verzieht.

„Autsch“, bringt sie mühsam hervor, da reißt Keti die Augen auf. Siemtje hat eine Platzwunde auf der linken Schläfe, aus der unaufhörlich Blut hervorschießt. Zitternd zieht sie Siemtje in eine sitzende Position und schaut kurz zur Seite, damit sie nicht auf die Wunde schauen muss, die ziemlich übel aussieht. „Ich bin umgeknickt, mal gucken, ob wir zu Fuß zurückkommen.“

Siemtje sieht nicht aus, als würde sie das ganze Blut stören, bis sie es entdeckt und Keti von oben bis unten mustert.

„Hast du dir was getan?“, fragt sie aufgebracht und will Keti nach Verletzungen absuchen, da schüttelt sie den Kopf und kämpft mit den Tränen, die sich in ihren Augen sammeln.

„Nein, mir geht’s gut, warte“, stammelt sie und zieht sich ihren Schal aus, um ihn auf Siemtjes Kopfwunde zu drücken. Ihr ganzes Gesicht ist voller Blut und ihre blonden Haare sind feucht. „Warte, ich rufe einen Krankenwagen. Hast du Kopfschmerzen oder so? Warst du bewusstlos?“

„N- nein, ich glaube nicht“, bringt Siemtje hervor und wird sich erst jetzt der Tatsache bewusst, dass sie mit ihrem eigenen Blut eingesaut ist. Keti wählt den Notruf über Siemtjes Smartphone und beschreibt Frau am Telefon den Eingang zum Waldweg, zu dem sie mit Siemtje zurücklaufen wird. Sie hilft ihr auf die Füße und schleppt sie den Berg nach oben, wo sie etwa fünfzehn Minuten später von einem Krankenwagen eingesammelt werden. Siemtje gibt sich positiv wie immer und scherzt noch über ihren Stunt, während Keti allerhand Horror-Szenarien in ihrem Kopf durchgeht. Sie hat sie zwar nur aus Versehen gestoßen, aber in ihrer Vorstellung ist es ihre Schuld, dass Siemtje jetzt eine verheerende Wunde im Gesicht hat.

Die Fahrt ins nächste Krankenhaus dauert knappe zwanzig Minuten. Auch Keti wird kurz oberflächlich darauf untersucht, ob sie sich nicht vielleicht doch etwas getan hat, aber sie darf nach kürzester Zeit zur Toilette, wo sie sich einmal gründlich die Hände wäscht, an denen Siemtjes Blut klebt. Ihr wird schlecht.

Sie geht zittrig zurück ins Untersuchungszimmer, in dem Siemtjes Gesicht notdürftig gewaschen und die Wunde vor dem Nähen desinfiziert wird. Ihr linker Fuß liegt nackt auf der Liege und soll danach noch untersucht werden. Keti fragt ein zweites Mal nach Siemtjes Smartphone, da sie ihres vor dem Spaziergang im Auto gelassen hat. Eine blöde Idee, wie sich jetzt herausstellt. Sie lässt sich das Smartphone von Siemtje entsperren und entschuldigt sich, um Ole anzurufen. Nach dem fünften Versuch geht er immer noch nicht dran, da scrollt sie durch Siemtjes recht übersichtliche Kontaktliste. Sie bleibt an einem Namen hängen, der vielversprechend sein könnte.

Sie ruft Joey an, der doch tatsächlich nach drei Freizeichen rangeht.

„Hi. Was ist los?“, fragt er, da räuspert sich Keti und muss sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Der Schock lässt allmählich nach.

„Hey Joey, hier ist Keti, ähm… Kannst du ins Krankenhaus kommen? Siemtje ist gestürzt und wir haben kein Auto, um zurückzufahren“, fragt sie mit mehreren Unterbrechungen. Sie hört, wie er sofort aufspringt und sich seine Schlüssel schnappt.

„Ich bin in zwanzig Minuten da – ist es schlimm?“

„Nein, sie wird gerade genäht, es sieht schlimmer aus als es ist“, schnauft sie und wischt sich unter der Nase her. „Fahr bitte vorsichtig, okay? Noch einen Unfall brauchen wir heute nicht.“

„Was ist mit Ole?“

„Der geht nicht ans Telefon…“, würgt sie hervor und muss nun doch einmal schluchzen. „Scheiße.“

„Cool bleiben, ich bin gleich da“, sagt er und schlägt eine Autotür zu. Dann hört sie noch, wie der Motor gestartet wird, danach legt er auf. Keti setzt sich zurück zu Siemtje ins Untersuchungszimmer, in dem sie noch ein bisschen weint, während Siemtje ihr gut zuredet. Die Naht an ihrer Schläfe sieht ziemlich brutal aus, aber sie sagt, dass sie keine Schmerzen habe. Der Arzt versichert, dass sie nur eine leichte Gehirnerschütterung habe. Siemtje habe alles in allem Glück gehabt.

„Ich habe Joey angerufen, er holt uns gleich ab“, sagt Keti, als sie sich nach ein paar Minuten endlich beruhigt hat. „Ole ging nicht ans Telefon.“

„In Ordnung“, sagt Siemtje. „Was für ein Tag, so viel Aufregung ist mir dann doch zu viel…“

„Ja…“, murmelt Keti. „Tut mir leid, ich hätte aufpassen sollen.“

„Ist nicht deine Schuld, jeder ist schonmal gestolpert“, wiegelt Siemtje beherrscht ab. Keti sieht ihr an, dass es ihr nicht leichtfällt, aber sie will unbedingt die Fassung vor ihr wahren. Und das alles nur, damit Keti sich nicht schlecht fühlt.

Tut sie trotzdem.



***



Ihm ist schlecht, als er das Auto auf dem Parkplatz vor der Notaufnahme abstellt und die Türen abschließt. Eilig läuft er auf den Eingang zu und ruft Siemtje an. Wieder geht Keti ans Telefon und kündigt an, dass sie zu ihm nach vorne in den Eingangsbereich kommen wird, um ihn abzuholen. Joey wartet dort nur eine knappe Minute auf sie. Sie ist blass im Gesicht und sieht aus, als ob sie geweint hätte. Ihre dunklen Haare stehen unordentlich von ihrem Kopf ab und sie presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, als sie auf ihn zugeht und ihn begrüßt. Keti und er kennen sich eigentlich kaum, aber sie lässt sich gegen ihn fallen und bricht in Tränen aus.

„Tut mir leid“, sagt sie nach ein paar Sekunden und wischt sich mit beiden Händen über die Wangen. „Es sieht wirklich schlimmer aus als es ist, aber ich bin gegen sie gestoßen…“

„Ist schon gut“, bringt er mühsam hervor. Er kann damit nicht umgehen. „Wo ist sie?“

„Komm mit“, sagt sie und führt ihn durch einen Flur bis vor eine Tür, hinter der sich ein kleines Untersuchungszimmer befindet. Siemtje sitzt hinter einem Arzt verborgen auf einer Liege und hat ein Kühlpak auf ihrem entblößten linken Fuß liegen. Der Arzt fuhrwerkt vor ihrem Gesicht herum und gibt schließlich den Blick auf sie frei. Ihr blondes Haar ist an ein paar Stellen rot verfärbt und verkrustet, auf ihrer Schläfe klebt ein dickes Pflaster und ihr Hals und ihr Oberteil sind mit getrocknetem Blut überströmt. Joey merkt, wie sein Herz viel zu schnell in seiner Brust pocht. Sie sieht richtig schlimm aus, wie ein fleischgewordener Alptraum.

Siemtje hebt den Blick und sieht ihn an, dann setzt sie ein unechtes Lächeln auf, das ihn vermutlich beruhigen soll.

„Geisterbahn – ich komme“, sagt sie und tut ganz unbeschwert wie immer, aber er kann nicht darüber lachen. Der Arzt erklärt ihr noch einige Details zu den Schmerzmitteln und den Antibiotika, die sie nehmen soll, dann drückt er ihr noch eine Anweisung für ihren Hausarzt in die Hand, die Siemtje gewissenhaft in ihrer Jackentasche verstaut.

„Am besten fahren Sie mit einem Rollstuhl nach vorne bis zum Eingang“, schlägt der Arzt vor und Keti läuft los, um so einen Rollstuhl zu besorgen. Joey geht behutsam auf sie zu und schnappt sich ihre Jacke und ihren Schal, die beide ebenfalls mit Blut befleckt sind.  Er schaut sich ihren entblößten Fuß an und entdeckt den Anfang einer Schwellung, die es wahrscheinlich in sich haben wird. Sie darf das Kühlpak mitnehmen und streift bloß ihre Socke über den Fuß, da sie in den Schuh nicht hineinkommt.

„Was ist passiert?“, will er wissen, während sie noch auf Keti warten.

„Ausgerutscht und blöd aufgekommen“, fasst sie knapp zusammen. Wieder sieht sie ihn mit ihrem aufgesetzten Lächeln an. Joey bemerkt sofort, dass sie um Fassung ringt, aber das hat Siemtje noch nie gestört. „Wenigstens ist es der linke Fuß, den brauche ich zum Klavierspielen kaum“, scherzt sie unbeholfen, da bekommt er nur ein entrüstetes Kopfschütteln zustande.

Er stellt sich seitlich neben sie, als Keti mit dem Rollstuhl zurückkommt, und legt seinen Arm um ihre Taille, um sie bis zum Rollstuhl zu stützen, auf den sie mit einem Bein zu hüpft. Siemtje lässt sich ächzend sinken und nimmt ihren Mantel auf den Schoß, während sich Keti ihren eigenen wieder überwirft und Joey folgt, als er den Rollstuhl mühsam durch das Krankenhaus manövriert. Er bugsiert sie in sein Auto auf den Rücksitz, damit sie den verletzten Fuß hochlegen kann, und bringt den Rollstuhl zurück zur Sammelstelle im Eingangsbereich der Notaufnahme. Joey mag Krankenhäuser nicht besonders, er ist froh, dass er nicht lange hier sein muss.

Das letzte Mal war er hier, als sein Alter draufgegangen ist.

Schnaufend eilt er zurück zu seinem Auto, in dem sich Keti und Siemtje bereits gewissenhaft angeschnallt haben, und fährt zuerst Keti zurück zu ihrem Auto, das noch in der Nähe vom Gymnasium steht. Sie entschuldigt sich noch ungefähr eintausend Mal bei Siemtje, die nichts davon hören will und sie nach Hause schickt. Joey fährt dann mit ihr auf dem Rücksitz zu ihrem und Oles Haus, in dem kein Licht brennt. Draußen wird es allmählich dunkel und die Straßenlaternen springen in der Sekunde an, in der Joey seine Tür zuwirft, um einmal ums Auto herumzulaufen und Siemtje vom Rücksitz zu heben. Sie kann immer noch nicht auftreten und entschuldigt sich nun bei ihm, als er sie kurzerhand Bridestyle vor sich herträgt, bis sie oben vor der Haustür angekommen sind. Sie fummelt ihren Schlüssel aus ihrer Tasche und lässt sie beide in den Flur, wo er darauf besteht, dass er sie bis ins Wohnzimmer trägt.

Sie holt ihr Smartphone hervor, um einen Termin mit ihrem Hausarzt auszumachen, während Joey ihren Mantel und ihre Sachen aus dem Auto holt. Siemtje legt auf, schaltet das Telefon stumm und lässt sich mit dem Rücken in die Sofapolster fallen.

„Ich kann morgen früh erst hin“, sagt sie mit belegter Stimme.

„Bis dahin ist noch viel Zeit – willst du dich vielleicht waschen?“, fragt er vorsichtig, da sieht sie zur Decke und denkt nach, bis sie endlich ein Nicken sehen lässt. „Ich helfe dir, warte.“

Er geht auf sie zu und stützt sie bis zum großen Bad in ihrer Wohnung, wo er sie auf dem Rand der Badewanne absetzt. Das dicke Pflaster in ihrem Gesicht sieht irgendwie fehl am Platze aus, aber das tun Verletzungen eigentlich immer. Joey geht vor ihr in die Hocke und sieht zu ihr hoch ins Gesicht. In ihren Augen sammeln sich Tränen, die daraus hervorlaufen und ihre Wangen nach unten rollen. Siemtje verzieht nicht eine Miene, so wie damals nach Elfriedes Beerdigung.

„Wo hast du deine Waschlappen?“, will er wissen, da deutet sie mit dem Finger auf eine kleine Kommode, die rechts hinter ihm steht. Er nimmt sich einen aus dunklem Stoff daraus hervor und macht ihn am Waschbecken nass. Langsam dreht er sich zu ihr zurück und setzt sich neben sie auf den Badewannenrand, um ihren verkrusteten Hals und ihr Gesicht abzutupfen. Das Blut lässt sich nicht ganz so einfach abwischen, aber mit genügend Geduld bekommt er es innerhalb von zehn Minuten hin, dass er sie einmal oberflächlich gesäubert hat. „Was machen wir mit deinen Haaren? Da ist noch eine Menge Blut drin…“

„Keine Ahnung“, sagt sie mit brüchiger Stimme und wischt sich einmal über die Wangen. „Ich könnte mich in die Badewanne setzen, aber ich kann das Pflaster nicht sehen… Da darf kein Wasser dran. … Das ist doch Scheiße“, fügt sie hinzu und lacht einmal auf, um einen Schluchzer zu überspielen.

„Soll ich dir helfen? Das heißt, wenn es dir nicht unangenehm ist“, schlägt er vor und möchte sich schon allein dafür ohrfeigen, aber sie nickt knapp und zieht sich danach ihren blutüberströmten Pullover über den Kopf, den sie neben sich auf den Boden wirft. Auf ihrem Oberkörper sind auch eine Menge blutige Krusten. Ihr schwarzes Bustier sticht auf ihrer weißen Haut heraus, genau wie die roten Kränze. Ihre Haut sieht weich aus, denkt er, und sie ist schlank.

Joey dreht sich absichtlich ein Stück weg, als sie sich vorsichtig auf den gesunden Fuß stellt und ihre Hose von ihrem Po streift. Sie setzt sich hin und strampelt ein wenig mit dem Bein, bis Joey sich vor sie hockt und ihre Beine aus der Hose befreit. Beide Kleidungsstücke wirft er ein Stück zur Seite, während sie sich in ihrer Unterwäsche in die Badewanne setzt und nach dem Shampoo greift. Joey greift über sie hinweg nach dem Duschkopf und schaltet das Wasser ein, bis es eine angenehme Temperatur hat.

„Leg den Kopf in den Nacken“, sagt er leise und wartet, bis sie tut wie ihr geheißen. Siemtje schließt die Augen, als er den niedrig eingestellten Duschkopf ganz nah an ihren Haaransatz hält und mit der anderen Hand durch ihr Haar fährt, um es vollständig zu nässen. Bereits jetzt lösen sich die ersten roten Schlieren und laufen an ihrem Po vorbei Richtung Abfluss. „Shampoo, bitte“, sagt er mit der Stimme des Gringott-Kobolds aus dem ersten Harry Potter-Film, was ihr sogar ein leises Lächeln entlockt, bei dem ihre Augen immer noch geschlossen sind. Er schaltet das Wasser aus, gibt ein wenig Shampoo in seine rechte Hand und massiert es in ihr blondes Haar. Dafür lässt er sich ein wenig zu viel Zeit, wie er im Nachhinein denkt, aber sie beschwert sich nicht, sondern legt ihre Stirn auf seinem Arm ab, als er die Haarspitzen einmal einseift.

Er schnappt sich den Duschkopf und stellt ihn wieder niedrig ein, damit das Wasser nicht umherspritzt. Vorsichtig spült er das Shampoo aus ihren Haaren und streicht dabei mehrmals über ihren Kopf, was sich Siemtje offenbar gerne gefallen lässt. Joey betrachtet ihr Gesicht, weil ihre Augen immer noch geschlossen sind. Als er fertig ist, lässt er die Hände sinken und legt den Duschkopf in die Wanne.

„Magst du dich noch komplett abwaschen?“

Siemtje öffnet die Augen einen winzigen Spalt und nickt knapp.

„Soll ich dir was Frisches zum Anziehen bringen?“, will er danach wissen, wieder nickt sie.

„In meinem Schrank findest du alles“, raunt sie und sieht ihm in die Augen. Es ist, als würde ihn ein Pferd treten. In genau dieser Sekunde. Joey löst sich erst nach ein paar Sekunden von ihrem Gesicht und schleicht aus dem Badezimmer, dessen Tür er hinter sich anlehnt. Er hört, wie sie das Wasser wieder einschaltet, und zwingt sich dazu, einmal durchzuatmen. Gesammelt geht er auf ihr Schlafzimmer zu und stellt sich vor den Kleiderschrank, den er öffnet. Ohne großartig nachzudenken, schnappt er sich einen Kapuzenpullover, der früher einmal Ole gehört hat, eine Jogginghose und ein frisches Höschen, wobei er bei der Unterwäscheschublade peinlich genau darauf achtet, dass er nicht zu lange hineinsieht. Geht ihn nichts an.

Mit den frischen Sachen unterm Arm geht er auf das Bad zu, in dem Siemtje schon ein paar Geräusche macht. Er klopft und hört, wie sie sich auf die Kante der Badewanne zurückkämpft.

„Sekunde“, sagt sie und macht noch ein paar Geräusche.

Joey schiebt die Tür nach ein paar Momenten gedankenverloren ein Stück auf und dreht sich ruckartig weg, als er sieht, wie sie ihm den Rücken zudreht und ihr Bustier auszieht. Da war er wohl eine Sekunde zu früh und sofort schämt er sich in Grund und Boden.

„Komm rein.“

Dieses Mal sieht er sicherheitshalber auf den Boden und findet Siemtje, die ihre Haare in einen Turban und sich selbst in ein größeres Handtuch gewickelt hat. Er hält ihr die Sachen hin und sieht wieder an ihr vorbei.

„Danke.“

Er lässt sie allein und wartet, bis sie ihn wieder ruft, damit er die Handtücher aufhängen und sie stützen kann. Sie sitzt auf der geschlossenen Toilette, bis er alles aufgehängt hat, und lässt sich von ihm zur Couch ins Wohnzimmer tragen. Sie ist ungewöhnlich still geworden und lässt sich noch ein neues Kühlpak bringen, das er mit einem Küchentuch und einem Haushaltsgummi um ihren Fuß befestigt.

„Hält so?“, fragt er, da nickt sie knapp. „Brauchst du sonst noch irgendwas?“

In diesem Moment verzieht Siemtje das Gesicht und fängt einfach an zu weinen. Es kommen mehrere herzzerreißende Schluchzer aus ihrem Mund, während sie sich eine Hand auf das Gesicht presst und die andere zur Faust ballt.

„Hey…“, macht er, weil er nicht weiß, was er sonst sagen soll. Da ist dieser Kontrollverlust, den sie so sehr fürchtet. Sie ist auf Hilfe angewiesen – wahrscheinlich Siemtjes Alptraum. Sie kann nicht laufen, kann niemandem helfen, kann sich um niemanden kümmern. Es ist genau andersherum, man muss sich um sie kümmern. „Sccchhhh. Der Schock lässt nach, das ist nichts Schlimmes.“

Joey setzt sich neben sie aufs Sofa und legt einen Arm um sie, wobei sie ihren Kopf gegen seine Brust fallen lässt. Siemtje bekommt sich gar nicht mehr ein und lässt einfach alles raus, bis er ihr ein Taschentuch entgegenhält, in das sie sich einmal schnäuzt. Er dreht sich ein wenig zur Seite, um beide Arme um sie schließen zu können. Sie bebt am ganzen Körper, als sie ihre unversehrte Schläfe gegen ihn drückt und er sich mit ihr zurücklehnt. Siemtje liegt nun auf seinem Oberkörper, ihr versehrtes Bein liegt über seinem und er hält sie einfach fest, damit sie weinen kann. Er weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, aber er wird müde, als sie sich beruhigt hat und in seinen Armen eingeschlafen ist. Auch seine Augen fallen zu und er döst weg, während ihm der Duft ihres Shampoos in die Nase steigt. Siemtjes Kopf liegt direkt unter seinem Kinn, das er auf ihrem Schopf ablegt, während er ihre tiefen Atemzüge zählt. Dann schläft er ein.

Er zuckt zusammen, als er Schritte und eine Stimme hört, die ihm mehr als bekannt vorkommt. Plötzlich steht Ole im Wohnzimmer und knipst das Deckenlicht an. Joey verzieht das Gesicht und knorzt einmal, weil er nicht gerne so ruppig geweckt wird, aber Ole sagt nichts, sondern verschwindet auf den Flur. Joey streckt sich einmal, dann schiebt er sich unter Siemtje hervor, die ihre Wange an seine Brust schmiegt und ein widerwilliges Geräusch von sich gibt.

„Ole ist zurück, ich erzähle es ihm“, flüstert er stimmlos, drapiert sie auf dem Sofa, damit sie bequem liegen kann, und schnappt sich eine ihrer Kuscheldecken, um sie über ihr auszubreiten. Er muss das Bedürfnis, ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben, mit unmenschlicher Anstrengung unterdrücken. „Brauchst du ein neues Kühlpak für den Fuß?“

Siemtje sieht ihn aus einem geöffneten Auge an und nickt, wobei sie ihren Kopf einfach auf den Polstern liegen lässt. Er pult ihren Fuß aus seiner Konstruktion hervor und nimmt das Tuch, das Gummi und das aufgewärmte Kühlpak mit in die Küche, in der Ole auf und ab tigert.

„Warum zum Teufel geht sie nicht an ihr Telefon?“, schnappt er stimmlos, damit sie nichts mitbekommt.

„Hast du sie dir mal angeguckt?“, hält Joey schnippisch dagegen. „Sie hat ne Platzwunde im Gesicht, ne leichte Gehirnerschütterung und einen geprellten Fuß. Sie sah aus wie in einem beschissenen Horrorfilm, verdammte Scheiße.“

Er ist gereizt. Das kann er jetzt gar nicht gebrauchen.

„Was ist überhaupt passiert?“

„Sie war mit Keti unterwegs, die ist gestürzt und hat Siemtje umgestoßen, dann ist sie mit dem Kopf gegen einen Stein geknallt. Sie hatten beide Glück“, fasst Joey angespannt zusammen und wirft das Kühlpak zurück in die Gefriertruhe, um ein neues hervorzuholen. „Musste sie im Krankenhaus abholen, weil sie kein Auto hatten.“

„Scheiße… Und ich bin nicht da – kann ich nicht einmal was richtig machen?“, schnauzt Ole und legt sich beide Handflächen aufs Gesicht.

„Ich bringe ihr grad das neue Kühlpak, den Fuß hat’s ordentlich zerdengelt“, raunt Joey und lässt Ole mit sich selbst in der Küche allein. Siemtje hat sich derweil auf die Seite gedreht und setzt sich auf, um sich um ihren Fuß zu kümmern, aber er besteht darauf, dass er es macht.

„Wo ist Ole?“, fragt sie leise.

„In der Küche, ich rede mit ihm.“

„Okay…“, wispert sie und sieht ihm in die Augen.

„Ich weiß, ist schon gut“, sagt er, obwohl sie gar nichts gesagt hat. Muss sie auch gar nicht. Er erhebt sich und geht zurück in die Küche, wo Ole steht. „Geh zu ihr, sie ist wach.“

Ole tut wie ihm geheißen und spricht gedämpft mit Siemtje im Wohnzimmer, während Joey mit verschränkten Armen vor der Brust in der Küche ausharrt. Er will es unterdrücken, aber ihm geht nicht aus dem Kopf, wie sie ihn vorhin im Bad angeschaut hat. Vorhin beim Krankenhaus war ihm schlecht. Jetzt ist ihm speiübel.

Nach ein paar Minuten kommt Ole zu ihm zurück in die Küche und lässt sich auf einem der beiden Stühle nieder, wobei er die Küchentür ein Stück schließt. Er hebt den Blick und sieht Joey an, mustert ihn regelrecht von oben bis unten, dann lehnt er sich endlich zurück und stößt die Luft geräuschvoll durch die Nase aus.

„Sie hat Kopfschmerzen“, setzt er an. „Tse, kaum überraschend, huh?“

„Der Arzt hat ihr Schmerzmittel mitgegeben“, sagt Joey knapp.

„Danke, dass du heute da warst, Mann…“

„Da nicht für.“

„Doch, genau dafür – ich hätte da sein sollen…“

„Wo warst du überhaupt?“, will Joey wissen, um das Thema zu wechseln.

„Hatte heute eine große Präsentation vor allen Chefs und so, war superwichtig und ich konnte da zeigen, was ich kann, damit ich vielleicht für einen leitenden Posten vorgeschlagen werde – hab’ mein Smartphone in den Schrank gelegt, damit ich nicht nervös werde“, erzählt er geknickt. „So eine Scheiße.“

„Dafür kannst du jetzt nun wirklich nichts“, hält Joey dagegen.

„Trotzdem… Einmal im Leben braucht sie mich wirklich, und ich gehe nicht an mein bekacktes Telefon. Das darf doch echt nicht wahr sein“, schnappt er und verzieht das Gesicht. „Muss sie außer den Schmerzmitteln noch irgendwelche Medikamente nehmen?“

„Antibiotika, die hat sie auch schon gekriegt“, sagt Joey und kaut auf seiner Unterlippe herum. Der Geruch ihres Shampoos liegt immer noch in seiner Nase. Sein ganzes T-Shirt riecht danach, weil sie mit nassen Haaren draufgelegen hat.

„Dein Shirt ist nass“, stellt dann auch Ole fest, der ihn noch einmal auffällig von oben bis unten gemustert hat.

„Sie hat geweint“, bringt Joey abgelenkt hervor und sieht an Ole vorbei, während er an nichts anderes als den Moment im Bad denken kann. Wem versucht er hier eigentlich was vorzumachen? Siemtje? Ole? Sich selbst? Er weiß es nicht. „Der Schock ließ nach, da hat sie die Fassung verloren. Morgen wird sie Muskelkater haben, aber das ist normal.“

„Ja?“

„Ja… So ging’s mir nach manchen tollen Abenden zu Hause auch am nächsten Tag“, sagt Joey und sieht erstmals wieder in Oles Richtung, der ihn undurchsichtig ansieht. Wieder benebelt der Shampoo-Geruch seine Sinne. Zu Hause muss er das Shirt schnell in die Wäsche werfen. „Soll ich ihre Sachen wegwerfen, wenn ich rausgehe? Die Flecken kriegt sie da nie wieder raus.“

„Was für Flecken? Blut?“, fragt Ole widerwillig, da nickt Joey einfach. „Meinetwegen wirf sie weg.“

„Sie sah aus wie in einem Horrorfilm und hat noch Scherze gemacht… Ich bin fast durchgedreht, als ich sie so gesehen habe“, sagt Joey nach einer Weile und sieht wieder an Ole vorbei. „Deine überbehütende Art färbt auf mich ab, huh?“

Er lacht einmal bitter auf.

„Bist du dir da sicher?“

Joey hebt den Blick und sieht Ole ins Gesicht. Da ist etwas in seinen Zügen, das Joey bisher nur zweimal gesehen hat – einmal nach ihrer gemeinsamen Geburtstagsfeier, als er ihn zur Rede gestellt hat, und einmal im Underground, nachdem er Siemtje zum Bahnhof gebracht hat. Heute versteht er das erste Mal, was genau dieser Ausdruck in Oles Augen bedeutet. Er sieht schon die ganze Zeit etwas, das Joey bisher nicht bemerkt hat. Erst vorhin im Bad, da hat er es gesehen, was ungünstig ist, weil er es jetzt nicht mehr ungesehen machen kann.

Joey muss sich am Riemen reißen, denn das hier kann nie und nimmer funktionieren.

Siemtje ist nämlich zu gut für Arschlöcher wie ihn.




Kleiner Service für alle, die es interessiert:
Erik Satie – Gnossienne No. 1 (um 1890 komponiert)
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