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A little unsteady

von Harmony88
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P12 / MaleSlash
DI Gregory Lestrade Dr. John Watson Mrs. Hudson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
13.05.2022
12.08.2022
14
44.658
11
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
05.08.2022 3.072
 
Weiter geht's. Dieses Mal darf die britische Regierung mitmischen. Viel Vergnügen. ;-)

(13) A top hat on top of that

Sherlock rollte genervt die Augen, trat vom Fenster im Wohnzimmer von 221b zurück und zog die Vorhänge mit einem kräftigen Ruck zu. Auf nackten Füßen taperte er zu seiner Yogamatte und ließ sich erneut im Schneidersitz darauf nieder. Der nächste Griff galt seinem Handy.

Du weißt, dass ich noch nicht schlafe und ich weiß, dass du da draußen bist. Ich habe den Wagen kreisen sehen. Also lass die Spielchen und benutz endlich den verdammten Schlüssel. SH

Trotz seiner deutlichen Worte dauerte es noch einige Minuten, bis diese tatsächlich in die Tat umgesetzt wurden. Das Öffnen und Schließen der Haustür war kaum zu hören, doch Sherlock, dem jedes Geräusch in seinen vier Wänden genaustens vertraut war, entging es nicht. Sein spätabendlicher Besucher erklomm die Stufen, trat ins Wohnzimmer und staunte nicht schlecht, ob des Schauspiels das sich ihm bot.

Unaufgefordert schloss er die Tür hinter sich und wandte sich dann dem Hausherrn zu, der noch immer auf dem Boden saß, sich erst in diesem Augenblick aufrichtete und in eine normale Sitzposition zurückkehrte.

„Was um alles in der Welt tust du da?“

„Ich arbeite an meiner Strapazierfähigkeit“, konterte Sherlock, „die du in diesem Moment auf eine harte Probe stellst, Mycroft.“

„Solltest du nicht schlafen oder aber zumindest regenerieren? Immerhin stehst du voll im Training.“

„Und solltest du dich nicht um deine Angelegenheiten kümmern?“, antwortete Sherlock mit einer Gegenfrage. „Aber ich habe mich ohnehin schon gefragt, wann du auftauchen oder sollte ich eher sagen, aus dem Schatten treten würdest.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Natürlich nicht“, spottete Sherlock, während er ungeniert seine Dehnübungen fortsetzte.

„Du hast Mr. Watson also von deiner Ballettvergangenheit erzählt“, sagte Mycroft.

„Ich habe niemandem irgendetwas erzählt“, konterte der jüngere.

„Er ist doch nicht etwa von selbst draufgekommen?“, hakte Mycroft nach, während er zweifelnd eine Augenbraue gen Haaransatz wandern ließ.

„Wenn du es genau wissen willst, John ist hereingeplatzt als ich mir ein wenig die Beine vertreten habe“, erklärte Sherlock. „Danach hatte es dann keinen Sinn mehr es abzustreiten.“

„Du wolltest also gefunden werden.“

Sherlocks Kopf schnellte nach oben.

„Was? Nein! Natürlich nicht.“

„Du hättest es verhindern können. Du hättest sicherstellen können, dass es niemand herausfindet. Das dich niemand findet. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du, wenn du nicht gefunden werden willst, auch nicht gefunden wirst“, führte Mycroft aus. „Die einzig logische Schlussfolgerung aus alle dem ist also, dass du gefunden werden wolltest.“

Das saß. Hatte sein Bruder womöglich recht? Hatte er gewollt oder aber zumindest in Kauf genommen, dass John ihn beim Tanzen antreffen würde? Hatte er gewollt, dass John diese Seite von ihm zu sehen bekam, um die Chance zu bekommen den kompletten Sherlock kennenzulernen? Auf jeden Fall erinnerte sich der Consulting Detective daran, dass der Anblick des vergessenen Laptops ihn nicht davon abgehalten hatte, die alte Leidenschaft erneut aufleben zu lassen.

„Bist du jetzt mein Psychiater, oder was?“

Mycroft machte eine abwehrende Geste mit den Händen.

„Gott bewahre“, entgegnete er.

Da Sherlock keine Anstalten machte sein Training zu seinen Gunsten zu unterbrechen, entschied Mycroft seinerseits, dass es an der Zeit war etwas zu tun. Er schlüpfte aus seinem Jackett, gefolgt von der Weste und legte beides vorsichtig auf der Lehne eines Sessels ab. Dann löste er die Manschettenknöpfe und begann damit die Ärmel seins Hemdes hochzukrempeln. Sherlock beobachtete ihn mit einer Mischung aus Horror und Neugierde.

„Was hast du vor?“

„Helfen natürlich“, erklärte der Ältere in einer Selbstverständlichkeit, als wären zwischen dem letzten Gespräch dieser Art und diesem Augenblick nicht mehr als 15 Jahre vergangen.

„Es ist Jahre her. Weißt du überhaupt noch, wie man das macht?“, fragte Sherlock.

„Willst du mich beleidigen?“

Sherlock setzte an, doch Mycroft winkte ab, da er die Antwort nur zu gut kannte. Eine Weile arbeiteten sie in einträchtigem Schweigen. Die Handgriffe saßen noch und das geteilte Verlangen nach Präzision war auch immer noch vorhanden.

„Deine körperliche Verfassung ist nicht schlecht, wenn man bedenkt, wie lange du raus aus dem Geschäft bist“, stellte Mycroft fest. „Apropos. Unserer Mutter hast du nichts von deiner unerwarteten Rückkehr zu deinen Wurzeln erzählt, oder?“

„Nein“, gab Sherlock zu. „Aber früher oder später werde ich wohl nicht drum herumkommen, wenn ich keinen Herzinfarkt ihrerseits riskieren will.“

Mycroft zog eine Augenbraue nach oben.

„Dann kommen wir wohl dem Grund für dein zusätzliches Training endlich näher“, sagte Mycroft. „Also, was genau hat dich dazu bewogen?“

„John, um ehrlich zu sein“, gab Sherlock zu. „Für eine der späteren Runden der Show hat er irgendetwas geplant. Er hat mir noch nicht genau verraten, was es ist aber meinte ich sollte mich ein wenig gezielter vorbereiten.“

„Ist Mr. Watson denn überhaupt versiert in dieser Art des Tanzens?“

„Shhh“, zischte Sherlock und legte einen Finger an die Lippen.

„Was?“, fragte Mycroft in, für den Geschmack seines Bruders, immer noch zu lautem Ton. „Ich versichere dir das, wenn Mrs. Hudson sich mit deiner Interpretation von Nachtruhe arrangiert hat, meine Stimme sie nicht um den Schlaf bringen wird. Und sonst ist niem- …“

Der Ältere stoppte mitten im Satz, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Sherlock grinste ihn frech an.

Das hast du nicht kommen sehen, was?“

„In der Tat nicht“, bestätigte Mycroft. „Aber dann waren die Kondome im Handschuhfach wenigstens keine verschwendete Liebesmüh.“

„Nein waren sie nicht“, flunkerte Sherlock.

Ganz sicher würde er vor seinem großen Bruder nicht eingestehen, dass er mit hochrotem Kopf fluchtartig das Auto und danach den Raum ver- und einen verdutzten John zurückgelassen hatte. Überraschenderweise ging Mycroft ihm jedoch direkt auf den Leim.

„Warte?“, fragte er. „Das habt ihr nicht gewagt, oder? Ich meine, ihr habt doch nicht etwa?“

Sherlock grinste.

„Das wirst du wohl niemals erfahren.“

Ohne Ankündigung ließ er Sherlocks Bein los, welches daraufhin unsanft zu Boden fiel und ihm einen halblauten Fluch entlockte, bevor er sich daran erinnerte, warum er Mycroft eben zum Schweigen hatte bringen wollen und er sich stattdessen auf die Lippe biss. Sein Bruder bearbeitete unterdessen sein Handy.

„Jetzt bestellst du so ein armes Würstchen zum nächtlichen Putzen, nicht wahr?“

„Einer wird wohl kaum ausreichen. Und desinfizieren trifft es eher“, brummte Mycroft. „Nichtsdestotrotz freue ich mich natürlich für dich.“

„Darüber, dass ich Sex habe?“

„Nein“, erwiderte Mycroft, dem das ganze Gespräch langsam aber sicher unangenehm zu werden schien, wohingegen es Sherlock sichtlich Spaß bereitete. „Vielleicht auch“, fügte er hinzu. „Aber wenn es ausschließlich um Sex ginge, wäre er wohl kaum hier.“

Während Mycroft seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, musste er sich eingestehen, dass er die Veränderung in Sherlocks Beziehungsstatus hätte sehen müssen. Es lagen diverse Gegenstände und Kleidungsstücke herum, die definitiv nicht seinem Bruder zuzuschreiben waren.

„Warum bist du also eigentlich nicht bei ihm?“, fragte Mycroft. „Inzwischen solltest du doch auf Betriebstemperatur sein.“

„Mycroft!!!“

„Was?“, fragte der andere mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. „Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“

Geräusche durchbrachen unterdessen die nächtliche Stille. Im Schlafzimmer bewegte sich jemand im Bett, hatte es jedoch noch nicht verlassen. Dann wurde das Licht eingeschaltet. Jetzt sah sich John wahrscheinlich gerade verwirrt im Halbdunkeln um und versuchte sich zu orientieren. Die andere Seite des Bettes war verwaist und kalt, also würde es nicht mehr lange dauern, bis er sich auf die Suche begeben würde.

Sherlock sprang auf die Füße und suchte in Windeseile die Sachen seines großen Bruders zusammen. Auch Mycroft hatte inzwischen eins und eins zusammengezählt, machte aber keinerlei Anstalten sich vom Fleck zu bewegen.

„Geh jetzt“, verlangte Sherlock und drückte ihm Jackett und Weste vor die Brust. „Für ein Familientreffen ist heute definitiv nicht der richtige Augenblick.“

„Vielleicht lassen wir das ja Mr. Watson entscheiden“, erwiderte Mycroft mit einem süffisanten Grinsen.

„Verschwinde“, forderte Sherlock erneut.

„Schon gut, schon gut.“, sagte Mycroft in beschwichtigendem Ton. „Na ja, wenigstens wird es dieses Mal nicht einsam an der Spitze, nicht wahr“, fügte er hinzu.

Sherlock starrte ihn einige Sekunden lang an, dann machte Mycroft auf dem Absatz kehrt und verschwand im Dunkeln des Treppenhauses. Sherlock schaffte es gerade noch die Tür hinter ihm in Schloss zu drücken, bevor sich die des Schlafzimmers öffnete.

Hatte sein Bruder ihm gerade tatsächlich ein Kompliment gemacht und gleichzeitig impliziert, dass er davon ausging das John und er die Show zu ihren Gunsten entscheiden würden? Er grinste ungläubig, wurde jedoch schnell wieder ernst. Das Ballett war in der Tat eine einsame Angelegenheit für ihn gewesen. Etwas, das er so nie wieder erleben wollte. Denn auch, wenn es viel gemeinsames Training und Auftritte gegeben hatte, war es doch immer ein Kampf Mann gegen Mann gewesen. Jeder für sich, um die prestigeträchtigsten Rollen.

Im Augenblick machte Sherlock glücklicherweise eine komplett gegenteilige Erfahrung. Und er war froh darüber, dass nicht nur er es bemerkte. Er atmete tief durch, stieß sich von der Tür ab und trat John entgegen, der inzwischen den nächsten Lichtschalter gefunden hatte und gegen die ungewohnte Helligkeit anblinzelte. Sherlock lächelte. John sah zum Niederknien aus. Nur mit einer Schlafanzughose bekleidet, mit verstrubbeltem, langsam aber sicher länger werdendem Haar und einem Bartschatten ließ ihn sein Anblick alles anderes als kalt.

„Alles in Ordnung?“, fragte John. „Ich habe laute Stimmen gehört, war mir aber nicht sicher, ob ich das nur geträumt habe.“

„Ich habe meinen Standpunkt verteidigt“, erwiderte Sherlock.

„Gegenüber dir selbst?“

Sherlock nickte und hoffte man würde ihm die kleine Notlüge verzeihen. Seinen Bruder würde er John gegenüber bei anderer Gelegenheit thematisieren.

„Man muss erst von sich selbst überzeugt sein, bevor man andere überzeugen kann.“

John schlang seine Arme um Sherlocks Hals und presste seine Lippen auf die seines Freundes.

„Ich glaub an dich, falls das hilft“, raunte er in sein Ohr.

„Ungemein“, erwiderte dieser atemlos.

„Gut“, sagte John lächelnd. „Dann komm jetzt endlich mit ins Bett, okay? Es ist schon spät.“

„Früh, um genau zu sein.“

John rollte mit den Augen, nahm seine Hand und bugsierte ihn höchstpersönlich in Richtung Bett.

„Komm schon“, sagte er. „Mal sehen, ob du deine Standpunkte auch im Liegen verteidigen kannst.“

***


In dieser Woche stand für Sherlock und John Quickstepp auf dem Programm. John hatte schon ein gewisses Konzept im Kopf, also scheuchte er Sherlock nach einem flüchtigen Guten-Morgen-Kuss in die Teeküche und verschwand selbst kurz in ihrer provisorischen Requisite, die sich im Laufe der letzten Wochen gut gefüllt hatte und nun allerlei Schätze beherbergte. Als Sherlock im Tanzsaal ankam, war John bereits vor Ort und voll in seinem Element.

Was er gesucht und offensichtlich auch gefunden hatte, saß in Form eines schwarzen Zylinders auf seinem Kopf. Einen zweiten hielt er in der Hand, beziehungsweise ließ ihn über seinen Körper wandern, wie jeder andere es vielleicht mit einem Fußball versucht hätte. Sherlock beobachtete ihn fasziniert und konnte sich ein kräftiges Pfeifen nicht verkneifen, als der Blondschopf auch noch einen fast perfekten Moonwalk hinlegte.

„Du läufst also auf zwei Zylindern. Sehr interessant.“

„Spinner“, konterte John. „Komm schon oder brauchst du eine Extraeinladung?“

Sherlock gesellte sich zu ihm und ließ zu, dass John ihm den vakanten Zylinder auf den Kopf stülpte.

„Willkommen zurück auf der Erde, Jacko“, sagte Sherlock. „Der Kaffee hier im Haus ist leider aus, aber ich habe deinen Zaubertrank gerettet“, fügte er hinzu und reichte ihm seine Trinkflasche, die er in der Küche hatte stehen lassen.

„Danke“, erwiderte John und genehmigte sich einen großen Schluck. „Sie beherbergt übrigens kein Hexenwerk, sondern nur ein paar Elektrolyte.“

„In der mit Abstand hässlichsten Farbe, in der jemals jemand eine Flasche gefertigt hat.“

„Was hat gelb dir getan?“, fragte John überrascht, während er gleichzeitig an all die positiven Dinge dachte, die er mit der Farbe assoziierte, wie Sonnenblumen und Gummienten.

„Im Grunde nichts. Aber dieser spezielle Farbton wird in der Regel nicht zuerst mit Getränken in Verbindung gebracht, zumindest nicht bevor diese dem Körper zugeführt werden.“

John ließ sich davon jedoch nicht beirren.

„Es ist ein Geschenk von Evgeny“, berichtete er.

„Tatsächlich?“, fragte Sherlock skeptisch. „Und ich dachte er mag dich.“

„Hey“, protestierte John und verpasste ihm einen Klapps auf den Oberarm. „Das tut er auch. Er hat sie mit Bedacht ausgewählt. Es ist eine Signalfarbe, damit …“

John brach ab. Er räusperte sich und blickte dann verlegen zu Boden. Doch Sherlock ließ ihn natürlich nicht so einfach vom Haken.

„Damit?“, fragte er. „Damit … was?“

„Damit ich sie nicht vergesse“, grummelte er, „da mir das früher beim Training immer mal wieder passiert ist. Evgeny war dann meistens derjenige, der sie mir hinterhergetragen hat und dafür von den anderen als mein Wasserträger verspottet wurde.“

Ihre Blicke trafen sich und sie grinsten um die Wette.

„Er hat es sportlich genommen“, erzählte John weiter. „Und sich über seine tragende Rolle gefreut.“

„Ja, das klingt nach ihm“, bestätigte Sherlock. „Und apropos tragen, der Zylinder steht dir ausgesprochen gut.“

„Vielen Dank“, sagte John, nahm den seinen vom Kopf und verbeugte sich.

„Und, welches Tier oder welchen Act wirst du als nächstes ankündigen?“, fragte der Consulting Detective.

„Erstmal solltest du schauen, ob in deinem nicht noch ein Kaninchen steckt.“

„Also, das ist nun wirklich ein alter Hut, Mr. Watson.“, erwiderte Sherlock, tat ihm aber den Gefallen.

„Und?“

„Lediglich ein paar Wollmäuse“, berichtete der Consulting Detective.

„Sehr schade. Es dürfte schwierig werden denen ein paar Kunststücke beizubringen“, sagte John. „Dann bring deine grauen Zellen mal in Schwung, damit wir noch was Kreatives auf die Beine bekommen“, fügte er hinzu. „Aber was wir auf jeden Fall machen können, ist, die Zylinder nach der Performance für einen guten Zweck rumgehen lassen.“

Sherlock nickte zustimmend.

„Hut ab. Eine wirklich vorzügliche Idee“, sagte er.

Es folgte ein fliegender Zylinder

***


Als Sherlock einige Stunden später das erste Mal Johns Wohnung betrat, lernte er augenblicklich jede Menge Neues über ihn und wie er die Welt sah. Während er selbst sie die meiste Zeit durch das Mikroskop betrachtete, sah John sie offenbar durch ein Teleskop.

„Dein Moonwalk von heute Morgen hat dich also dazu inspiriert mich unter dein Sternenzelt einzuladen?“, kombinierte Sherlock.

„Könnte man sagen“, bestätigte John, während er ihre Jacken aufhängte.

Johns zu Hause war ein wenig kleiner als die Wohnung in der Baker Street aber auch hier war das Wohnzimmer eindeutig das Herzstück der ganzen Angelegenheit. Ein dunkelblaues Sofa, bestückt mit bunt durcheinandergewürfelten Kissen und ein großer Flatscreen luden zu Filmabenden ein, während der rustikale Esstisch sich als stummer Zeuge guter Mahlzeiten und epischer Spieleabende präsentierte.

„Du bist also ein Romantiker“, stellte Sherlock fest.

John lächelte.

„Da bin ich schon schlimmeres tituliert wurden“, erwiderte er. „Wie sieht es mit dir aus?“

„Nicht von Hause aus fürchte ich“, antwortete Sherlock. „Aber wenn ich entsprechend motiviert werde, kann ich es durchaus sein.“

„Und wie läuft das im Augenblick?“, fragte John mit einem Grinsen auf den Lippen.

„Ganz gut, denke ich.“

„Okay, das war dann wohl mein Stichwort“, sagte John. „Ich werde mal gehen und versuchen den einzigen Kerzenstumpen zu finden, der hier noch irgendwo rumliegen müsste. Was tut man nicht alles, um seinen Ruf zu retten“, ergänzte er. „Sieh dich ruhig ein wenig um“, ermunterte er seinen Freund.

„Werde ich“, erwiderte Sherlock, küsste John im Vorbeigehen flüchtig auf die Wange und schlängelte sich dann an Katzenkörbchen, Pflanzen und kniehohen Bücherstapeln vorbei in Richtung Balkontür.

John brauchte einige Minuten, bis er alle Schubladen durchsucht hatte und schließlich fündig geworden war. Statt eines Stumpen hatte er tatsächlich noch eine intakte Kerze gefunden. Schlank und tannennadelgrün. Mit einem zufriedenen Lächeln platzierte er sie in einem Kerzenständer und kehrte im Stile eines Nachtwächters stolz ins Wohnzimmer zurück. Entgegen seiner Erwartung steckte Sherlocks Nase nicht in seinem Bücherregal oder der Trophäensammlung. Stattdessen hatte sich der Consulting Detective hinter das Teleskop geklemmt.

„Steht es schon in den Sternen?“, fragte John. „Wie weit wir es bringen werden?“, fügte er auf den fragenden Blick seines Freundes hinzu.

„Das steht eher noch in den Sternen“, antwortete Sherlock. „Aber ich habe ein gutes Gefühl.“

„So wie ich“, stimmte John lächelnd zu. „Aber hör mal, als ich sagte, du solltest dich ruhig umsehen, meinte ich …“

„Die Wohnung, ich weiß“, sagte Sherlock. „Ich konnte aber nicht widerstehen.“

„Verständlich. Bei der atemberaubenden Aussicht.“

„Dir ist aber schon klar, dass ich derjenige bin, der durch das Teleskop schaut, oder?“, fragte der Dunkelhaarige.

„Jupp. Vollkommen klar.“

Sherlock ließ das Teleskop, Teleskop sein und sah auf. Er grinste, als er John da so stehen sah mit der Kerze in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen. Sie zogen für eine Weile aufs Sofa weiter, öffneten eine Flasche Rotwein und genossen die Gesellschaft des jeweils anderen.

„Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, Sherlock“, meinte John nach einer Weile, in welcher ihm schon mehrmals die Augen zugefallen waren. „Aber ich denke, ich gönne mir jetzt eine Mütze voll Schlaf.“

„Wirklich John. Immer noch die Hut-Metaphern?“, konterte der Angesprochene.

„Damit wirst du wohl leben müssen“, sagte John. „Wo du doch entschieden hast, mit mir den Hut in den Ring zu werfen.“

„Ich glaube, hier bekommt gleich einer was auf die Mütze“, meinte Sherlock. „Du hast dich doch nur für die Zylinder als Teil der Choreografie entschieden, damit du die alle mal vom Stapel lassen kannst, oder?“

„Was immer du sagst“, grinste John und verschwand im Badezimmer.

Als er zurückkehrte, erlebte er ein Déjà-vu, da es Sherlock erneut hinter das Teleskop verschlagen hatte.

„Ich versuche mich möglichst ruhig und berechenbar zu verhalten, um so vielleicht Mozart herauszulocken“, erklärte er, da sich der Kater den ganzen Abend über nicht hatte blicken lassen.

„Keine Sorge“, erwiderte John. „Er kommt aus der Deckung, wenn er so weit ist“, fügte er hinzu.

Sherlock nickte, ohne von seiner derzeitigen Tätigkeit abzulassen.

„Oh“, entwich es ihm überrascht und er drehte hastig am Einstellungsknopf, um ein genaueres Bild zu bekommen.

„Was denn?“, fragte John.

„Ich denke, ich habe eben eine Sternschnuppe gesehen“, erklärte Sherlock.

John lächelte.

„Naja, dann weißt du ja was du zu tun hast, oder?“, erwiderte er und verschwand in Richtung Schlafzimmer.

Einige Minuten später, in welchen die Neugier zugegebenermaßen ein wenig an ihm genagt hatte, wurde die Bettdecke angehoben, Sherlock schlüpfte darunter und kuschelte sich an ihn.

„Und, hast du dir was gewünscht?“

„Mh“, bestätigte der Consulting Detective und vergrub sein Gesicht an Johns Schulter.

Stille.

„Ich jedenfalls wünsche dir eine gute Nacht.“

Sherlock lachte leise auf.

„Netter Versuch, John. Netter Versuch“, bescheinigte er ihm. „Wirklich ausgesprochen subtil.“

Und auch, wenn es John nicht, vielleicht nur noch nicht, gelang diesen speziellen Wunsch aus Sherlock herauszukitzeln, so erfüllte sich doch ein anderer, auf welchen sie keinen wirklich großen Einfluss gehabt hatten. Denn obwohl in diesem Moment zwei in Johns Bett einschliefen, würden am nächsten Morgen drei in ihm erwachen.
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