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Above Our Heads The Open Sky

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteRomance, Freundschaft / P12 / Het
Aloy
13.05.2022
10.12.2022
2
4.490
6
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4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
13.05.2022 3.653
 
Kommentar
Neues Fandom, neues Ship! :D
Es kommt selten vor, dass mich ein Hetero-Ship genug anspricht, dass ich etwas dazu schreiben will. Aber schon "Horizon: Zero Dawn" konnte mich sehr für Aloys Beziehungen (insbesondere zu Varl, Erend und Avad) begeistern, und nachdem ich vor ein paar Tagen nun endlich "Horizon: Forbidden West" beendet habe, in dessen Verlauf ich Kotallo absolut verfallen bin, wusste ich: "Jepp, die zwei sind es für mich." xD
Kotallo ist genau die Art von stoischem, loyalem Charakter, die ich sehr mag, und die Gespräche zwischen Aloy und ihm waren ein absoluter Genuss. <3

Die Geschichte spielt nach dem Ende des Spiels, allerdings gibt es keine allzu großen Spoiler.

Da ich die beiden zum ersten Mal schreibe, hoffe ich, ich werde ihnen halbwegs gerecht. So oder so wünsche ich euch aber viel Spaß beim Lesen! :)





Above Our Heads The Open Sky


„Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist.“
Kotallo sah skeptisch den Hügel hinauf, auf dessen grasbedeckter Spitze sich zwei Sonnenflügel niedergelassen hatten, die Köpfe der Nachmittagssonne zugewandt.
Doch Aloy ließ nicht zu, dass er jetzt einen Rückzieher machte – nicht, wenn sie so kurz davor waren, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
„Seitdem ich zum ersten Mal auf einem von ihnen geflogen bin, sehe ich dich sehnsüchtig jedem Sonnenflügel nachblicken, der über uns hinwegfliegt“, sagte sie und schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Komm schon. Ich bin mir sicher, es wird dir Spaß machen!“
„Daran habe ich auch keine Zweifel“, erwiderte er. „Aber es fühlt sich einfach nicht richtig an, aus reinem Vergnügen auf ihnen zu reiten. Erst recht nicht, nachdem du gegen Regalla in die Schlacht geflogen bist, als wärst du eine von den Zehn persönlich. Der Anlass sollte ein besonderer sein und nicht auf einem egoistischen Wunsch basieren.“
Aloy musste sich ein Seufzen verkneifen.
Sie verstand seinen Standpunkt, das tat sie wirklich, und für gewöhnlich respektierte sie seine Haltung zu diesen Dingen. Aber die letzten Wochen und Monate hatten ihnen allen viel abverlangt und Aloy fand, sie hatten sich etwas Abwechslung verdient, bevor sie sich auf die nächste, große Aufgabe stürzten.
„Und es wird auch in Zukunft wieder Anlässe wie diese geben“, entgegnete sie. „Bis dahin kann ein kurzer Ausflug nicht schaden. Betrachte es als Übungsflug für den Ernstfall.“
„Hmm“, machte er nachdenklich, während sein Blick erneut zu den Sonnenflügeln hinüberwanderte. „Ein wenig Übung kann in der Tat nicht schaden.“
Schließlich nickte er. „Na schön. Ein Trainingsflug. Mehr nicht.“
Sie stieß die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte, und lächelte.
„Fantastisch. Dann nichts wie los.“
Kotallo blieb ein Stück zurück und verbarg sich im hohen Gras, während sich Aloy an die Sonnenflügel heranpirschte, ihren Speer fest in den Händen.
Die beiden Maschinen waren weit genug voneinander entfernt, dass sie in Ruhe erst die eine überbrücken konnte, ohne dass die andere es mitbekam, bevor sie sich auch der zweiten widmete.
Als sie fertig war, gab sie Kotallo ein Handzeichen, und der Marshall erhob sich und trat auf sie zu.
„Ich habe noch nie einen aus der Nähe gesehen“, sagte er, während er die Sonnenflügel mit einer Mischung aus Faszination und gebührendem Respekt musterte. „Jedenfalls keinen lebenden. Sie sind... beeindruckend. Tödlich, aber zugleich auch anmutig.“
„Das sind sie“, stimmte Aloy ihm zu. „Ich frage mich oft, wie viel Gutes die Stämme mit ihrer Hilfe tun könnten, wenn Hephaestus nicht ganze Arbeit geleistet und sie zu gefährlichen Gegnern gemacht hätte.“
„Noch ist er außerhalb unserer Reichweite, aber du wirst ihn eines Tages bezwingen, wie du auch alle anderen bezwungen hast“, sagte Kotallo mit ruhiger Stimme und streckte die Hand aus, um über die glatte Oberfläche des Flügels einer der Maschinen zu streichen. „Und dann werden auch die Maschinen ihren Frieden finden, daran habe ich keinen Zweifel.“
Die Zuversicht in seiner Stimme ließ Aloy verlegen den Blick senken. Sie kannte ihn nun schon seit einem halben Jahr, doch das Ausmaß seines unerschütterlichen Glaubens in sie berührte sie bei jeder ihrer Unterhaltungen aufs Neue.
„Wir sollten aufbrechen, solange der Himmel noch klar ist“, wechselte sie das Thema.
Kotallo nickte und ließ seine Hand sinken. „Was muss ich beachten?“
„Nicht viel“, erwiderte Aloy und schwang sich dann mit kurzem Anlauf auf den Rücken eines der Sonnenflügel, knapp oberhalb der Flügel. „Das Wichtigste ist, dass du halbwegs bequem sitzt und dich gut festhältst. Sobald wir erst mal in der Luft sind, lässt sich die Maschine leicht steuern, indem du dich in die entsprechende Richtung lehnst.“
Sie fragte ihn nicht, ob er sich den Flug ohne seine Armprothese zutraute; sie wusste, dass er ihr seine Bedenken mitteilen würde, wäre es anders. Wenn Kotallo der Meinung war, dass er für diesen Ausflug bereit war, dann konnte sie sich darauf verlassen, dass dies der Wahrheit entsprach.
„Verstanden“, sagte er. Dann griff er mit der Hand nach einem der blauleuchtenden Kabel am Hals seines Sonnenflügels und zog sich ohne ersichtliche Schwierigkeiten auf den Rücken der Maschine.
Aloy hob nicht sofort ab, sondern beobachtete ihn für einen Moment, während er andächtig den Kamm auf dem Kopf des Sonnenflügels berührte, als konnte er noch immer nicht ganz glauben, dass er nun der Herr über diese mächtige Maschine war, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit. Und sie wusste, dass allein dieser Augenblick es wert gewesen war, dass sie mit ihm hierhergekommen war.
Dann presste sie ihre Oberschenkel gegen den Hals der Maschine und lehnte sich zurück, und mit Schwung erhob sich der Sonnenflügel in die Lüfte.
Kotallos überraschter Ausruf hinter ihr ließ sie wissen, dass sein Sonnenflügel ebenfalls abgehoben hatte, und Aloy musste lächeln, als sie einen Blick über die Schulter warf und sah, wie er langsam zu ihr aufholte.
Höher und immer höher schwebten die zwei Sonnenflügel mit jedem kräftigen Schlag ihrer großen Schwingen.
Nach einigen Minuten hatte Kotallo sie erreicht und flog mit ruhigen, gleichmäßigen Flügelschlägen neben ihr her, und die Mischung aus Staunen und purer Freude auf seinem Gesicht verursachte ein kleines Flattern in ihrem Bauch. Es tat gut, ihn so ungezwungen und voller Begeisterung zu erleben.
Kaum zu glauben, dass dies derselbe grimmige, verbitterte Mann war, den sie damals kennengelernt hatte. Ihre Beziehung war am Anfang keine leichte gewesen, nicht nach ihrer schicksalhaften, ersten Begegnung und Fashavs tragischem Tod. Doch seitdem hatte sich vieles geändert und Kotallo war in nur wenigen Monaten zu einem ihrer engsten und loyalsten Verbündeten geworden.
Wie sie war er ein Krieger und hatte sich von Kindesbeinen an in seinem Stamm behaupten müssen. Wie sie hatte er einen Kommandoposten inne und wie sie hatte er Verantwortung für diejenigen übernommen, die unter seiner Führung in die Schlacht gezogen waren.
Sie mochte ihn auf der Ebene des Kriegers und schätzte sein taktisches Wissen und seine Erfahrungen im Kampf. Doch mit seiner Liebe für sein Volk und seinem Wunsch nach Harmonie unter den Stämmen, seinem nachdenklichen, reflektierten Wesen und seinem trockenen Humor war er ihr auch als Freund schnell ans Herz gewachsen.
Darüber hinaus war er kein unattraktiver Mann, und wenn sie ihm manchmal länger nachsah als nötig, nun... das war allein ihre Sache.
„Und?“, fragte sie ihn über den Fokus, da das Rauschen des Windes ihre Worte übertönt hätte. „Wie fühlt es sich an? Ist es das, was du dir erträumt hast?“
Es dauerte eine Weile, bis er antwortete, offenbar fiel es ihm schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen.
„Das und noch viel mehr“, erwiderte er schließlich. „Es ist eine Freiheit, von der ich nie gedacht hätte, sie jemals zu erleben. Die Welt breitet sich unter mir aus und sie scheint grenzenlos zu sein. Wenn ich wollte, könnte ich bis zum Horizont fliegen und darüber hinaus, und die Landschaft würde trotzdem kein Ende nehmen...“
Seine Stimme wurde leiser. „Ich frage mich, ob die Zehn damals dasselbe gefühlt haben, als sie durch die Lüfte geflogen sind. Die Freiheit zu besitzen, überall hinzureisen und dort zu helfen, wo man gebraucht wird? Allein der Gedanke erfüllt einen mit Ehrfurcht und Demut.“
„Das tut er“, stimmte Aloy ihm zu. „Und Kotallo...? Es würde mich wirklich freuen, dich bei der nächsten Flugmission an meiner Seite zu wissen.“
Sie hörte ihn leise lachen und als sie zu ihm hinübersah, sah sie ein Funkeln in seinen Augen. „Wenn du mich haben willst, dann wird es mir eine Ehre sein.“
Sie spürte, wie eine Gänsehaut über ihren Rücken lief.
Wenn du mich haben willst...
Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob hinter seinen Worten noch mehr steckte, als das Angebot, ihr bei ihrem Kampf beizustehen. Doch dies war weder die Zeit noch der Ort für solche Gedanken.
Langsam wurde die Luft immer kühler, als sie die Ausläufer der Rocky Mountains hinaufflogen und über die ersten schneebedeckten Hänge hinwegsegelten. Aloy war dankbar für den wolkenlosen Himmel; ohne die warmen Strahlen der Sonne wäre ihr mittlerweile deutlich kälter.
Dennoch ließ die eisige Luft nach einer Weile ihre Haut prickeln und selbst Kotallo bemerkte schließlich, dass sie fror.
„Wir können umkehren, wenn du willst“, sagte er.
Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Wir haben bald den letzten Gipfel erreicht. Auf der Westseite der Berge ist die Luft wärmer, bis dahin halte ich noch durch.“
„Wie du meinst.“
Damit war das Thema für ihn erledigt.
Und auch das mochte sie an ihm – dass er sie nicht zu bemuttern versuchte, sondern sie genug respektierte, um ihrer Einschätzung zu vertrauen.
Wenig später war es auch schon so weit, und mit einem letzten, kräftigen Flügelschlag flogen die beiden Sonnenflügel über die Bergkette hinweg.
Kotallo schnappte hörbar nach Luft, als sich mit einem Mal die Länder der Tenakth vor ihnen bis zur Küste hin ausbreiteten, wie ein farbenfroher Teppich.
Weit unter ihnen war der einsame Turm der Hauptstadt des Wüstenclans zu sehen, dahinter begannen die dichten Dschungel, in denen der Tieflandclan beheimatet war, zur Rechten waren die Berge des Himmelsclans zu erkennen... und weit, weit in der Ferne meinte Aloy sogar das Glitzern des Ozeans sehen zu können, wenn sie die Augen zusammenkniff.
„Ich hätte mir nie zu träumen gewagt, meine Heimat einmal aus dieser Perspektive zu betrachten“, sagte Kotallo mit rauer Stimme. „Danke, Aloy.“
Sie nickte knapp. „Nichts zu danken.“
Sie hatten ihre Sonnenflügel etwas gezügelt und schwebten nun gemächlich über die Westhänge ins Tiefland hinab.
„Und danke außerdem, dass du nicht nachgegeben hast, als ich Zweifel hatte, dich auf diesem Ausflug zu begleiten“, fuhr er fort, ein kleines Lächeln auf den Lippen.
Sie lachte auf.
„Gern geschehen“, erwiderte sie. „Mit Sturheit habe ich meine Erfahrungen, glaub mir.“
„Oh“, erwiderte er, „das glaube ich nicht nur, dass weiß ich mittlerweile...“
Sie sah zu ihm hinüber und das amüsierte Funkeln in seinen Augen ließ erneut etwas in ihrem Inneren flattern.
Kotallos Direktheit war nicht nur erfrischend, sondern schaffte es auch immer wieder, sie innerhalb kürzester Zeit verlegen zu machen. Es war normalerweise kein Gefühl, das sie sonderlich mochte, doch in seinem Fall störte es sie seltsamerweise nicht. Vielleicht, weil er der erste Mann in ihrem Leben war, dessen Aufmerksamkeit und Interesse sie nicht prinzipiell ablehnte...
Aloy war so in Gedanken versunken, dass sie den dunklen Schatten über ihnen erst bemerkte, als Kotallo plötzlich einen warnenden Ruf ausstieß.
Im nächsten Moment wurde sein Sonnenflügel von mehreren Kugelblitzen getroffen. Er selbst blieb zum Glück verschont, doch seine Maschine erschlaffte unter ihm und begann immer schneller in die Tiefe zu trudeln.
Kotallo!“, rief Aloy und jagte ihm hinterher, nur um kurz vor dem Absturz des Sonnenflügels seine ausgestreckte Hand zu fassen zu bekommen und ihn vor einem zweifellos tödlichen Aufprall zu bewahren.
Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Er war ein ausgewachsener, muskulöser Mann und dementsprechend schwer. Sie hatte nicht die Kraft, ihn hinter sich auf ihre Maschine zu ziehen, und zu allem Überfluss begann sein Handgelenk bald durch ihre Finger zu rutschen. Aloy traf schnell eine Entscheidung. Sie sank immer tiefer, bis ihr Sonnenflügel fast die Oberfläche des Hanges berührte, und sobald sie eine Stelle sah, die dicht mit Gras bewachsen war, ließ sie ihn los.
Der Aufprall musste immer noch schmerzhaft genug sein und als sie über die Schulter blickte, sah sie, wie er mehrere Meter über das Gras rollte.
Aber wenigstens war er am Leben.
Sobald Kotallo sicher am Boden war, griff sie nach ihrem Bogen und riss ihre Maschine in der Luft herum.
Wie sie befürchtet hatte, war es ein Sturmvogel, der ihnen aufgelauert hatte. Seine Blitzkanone lud sich genau in dem Moment auf, als sie hastig einen Pfeil aus ihrem Köcher zog, doch bevor er weitere Kugelblitze auf sie abfeuern konnte, deaktivierte sie seine Kanone mit einem gutplatzierten Schuss.
Der Sturmvogel stieß einen Schrei aus, den Aloy bis ins Mark spürte und der sie fast von ihrem Sonnenflügel rutschen ließ. Dann schwang er mehrmals seine gigantischen Schwingen vor ihr in der Luft, und die dadurch erzeugten Druckwellen trieb ihre Maschine gegen die nächste Felswand.
Aloy konnte im letzten Moment abspringen und sich mit dem Gleiter in Sicherheit bringen, doch für den Sonnenflügel kam jede Hilfe zu spät; der Aufprall zerstörte ihn auf der Stelle.
Doch Aloy hatte andere Probleme.
Sie war in einem lichten Laubwald gelandet – genau vor der Nase eines Behemoths.
„Das kann nicht wahr sein...!“, fluchte sie.
Doch der Behemoth registrierte sie nicht sofort, und sie nutzte die Gelegenheit aus, um ihn mit ihrem Speer zu überbrücken.
Sie blickte nicht zurück, als die Maschine auf den Sturmvogel losging, der sie verfolgt hatte, sondern rannte los, um Kotallo zu finden.

Aloy entdeckte ihn schließlich fast einen halben Kilometer entfernt bewusstlos am Rand der Wiese liegen, auf der sie ihn zurückgelassen hatte.
„Kotallo!“, stieß sie hervor, als sie seine reglose Gestalt sah, und ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen. „Oh, bitte nicht...!“
Sie lief zu ihm hinüber und ging vor ihm auf die Knie, wobei sie sanft seinen Kopf in ihren Schoß bettete.
Kotallo atmete noch und eine schnelle Untersuchung ergab bis auf ein paar Schürfwunden keine größeren Verletzungen – abgesehen von einer wachsenden Beule an seinem Hinterkopf, die ihr Sorgen bereitete. Aber es gab nichts, was sie im Moment dagegen tun konnte, außer abzuwarten und auf das Beste zu hoffen.
Suchend sah sie sich um und erblickte ein Stück weiter den Hang hinauf einen Felsvorsprung, unter dem zwei Personen ausreichend Platz finden sollten.
Es war nicht viel, aber es war zumindest ein Anfang. Vorsichtig schob sie ihre Hände unter Kotallos Achseln und zog ihn mit einiger Anstrengung in die Sicherheit des Überhanges, während in der Ferne weiter der Kampf zwischen den beiden Giganten tobte, der den Geräuschen nach zu urteilen den halben Wald verwüstete und nicht gut für den Sturmvogel zu laufen schien.
Schließlich stieß die Maschine einen markerschütternden Schrei aus und flog schwer beschädigt davon.
Aloy konnte aus ihrem Versteck heraus nicht erkennen, wo der Behemoth war, aber wenn sie das Knacken der Bäume richtige deutete, bewegte er sich zumindest nicht in ihre Richtung, was im Moment das Wichtigste war.
Als die Geräusche der Maschine schließlich in der Ferne verstummt waren, erlaubte Aloy es sich, sich wieder ein wenig zu entspannen.
Vorsichtig hob sie Kotallos Kopf an, um sich in eine etwas bequemere Sitzposition zu begeben, bevor sie ihn wieder in ihren Schoß bettete. Dann atmete sie tief durch, schloss die Augen und wartete.

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und der Himmel im Westen in einem sanften Rot-Orange glühte, spürte sie schließlich, wie er begann, sich zu bewegen. Träge drehte er seinen Kopf zur Seite, nur um leise stöhnend vor Schmerz die Augenbrauen zusammenzuziehen. Seine langen Wimpern zuckten, und schließlich hoben sich seine Lider. Für einen Moment starrte er orientierungslos an den Felsen über sich, dann irrte sein Blick umher, bis er sich schließlich auf ihr Gesicht fokussierte.
Aloy hätte die schiere Erleichterung, die sie in seinen Augen entdeckte, nicht in Worte fassen können. Er sah sie auf eine Weise an, als hätte er nach langer Wanderung durch die Dunkelheit das Licht erblickt.
„Aloy“, stieß er mit rauer Stimme hervor. „Du lebst...! Den Zehn sei gedankt.“
Unter sichtlichen Schmerzen hob er seine Hand, um ihr Gesicht zu berühren, und sie schloss ihre eigenen Händen darum und presste seine Finger an ihre Stirn.
„Es geht mir gut“, versicherte sie ihm. „Wer weiß, wie diese Sache ausgegangen wäre, hättest du mich nicht rechtzeitig gewarnt. Ich war abgelenkt und du hast fast mit deinem Leben dafür bezahlt, Kotallo, es tut mir so leid...!“
Doch er schüttelte nur schwach den Kopf. „Solche Dinge können selbst dem besten Krieger passieren. Ich mache dir keine Vorwürfe. Alles, was zählt, ist, dass es dir gut geht.“
„Es wäre nicht viel wert gewesen, hättest du nicht ebenfalls überlebt“, sagte sie verbittert.
Er antwortete nicht sofort, sondern sah sie für einen Moment nur an, einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht.
„Dann sollten wir dankbar sein, dass ich es habe“, erwiderte er schließlich.
Doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass er eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen.

Sie waren noch immer nah genug an der Schneegrenze, dass die Luft um sie herum mit zunehmender Dunkelheit schnell kälter wurde. Aufgrund von Kotallos Zustand stand es außer Frage, dass sie in dieser Nacht zur Basis zurückkehren würden, und so setzte Aloy Beta über ihre Lage in Kenntnis und versicherte ihr, dass sie im Laufe des nächsten Tages den Heimweg antreten würden.
Danach vergewisserte sie sich, dass sich keine weiteren Maschinen in der näheren Umgebung aufhielten, bevor sie sie geeignetes Feuerholz zusammensammelte und ein Lagerfeuer aufbaute.
Die Flammen verdrängten sowohl die Schatten als auch die Kälte, und bald breitete sich eine wohlige Wärme in ihrer kleinen Unterkunft aus. Sie verspeisten eine karge Mahlzeit aus Beeren und Nüssen, die Aloy beim Holzsammeln gefunden hatte, dann legten sie sich auf ein Bett aus Tannenzweigen und altem Laub zur Ruhe.
Kotallo war der erste von ihnen, der einschlief, und als die Glut des Feuers langsam in sich zusammensank, fielen auch Aloy schließlich die Augen zu.

Sie erwachte mitten in der Nacht, als ein eisiger Wind unter dem Felsvorhang hindurchwehte.
Das Feuer war längst erloschen und die Restwärme kaum noch spürbar. Mit klappernden Zähnen und tauben Fingern legte Aloy Holz nach und entzündete es mit ihrem Speer. Es dauerte jedoch eine Weile, bis die Scheite lichterloh brannten, und sie rollte sich vor dem Feuer zusammen, die Knie an ihre Brust gezogen, um die wenige Wärme, die ihr geblieben war, zu bewahren.
Umso überraschter war sie, als sich plötzlich ein muskulöser Arm von hinten um sie schlang und Kotallo sie an seinen Körper zog. Er war warm wie ein Ofen, und nach einer Weile entspannte sie sich wieder, als die Wärme in ihre Gliedmaßen zurückkehrte.
„Schlaf“, murmelte er mit rauer Stimme in ihr Ohr. „Ich bin bei dir.“
Sie legte eine Hand auf seine Finger, die auf ihrem Bauch lagen.
„Ich weiß“, flüsterte sie.
Sie hielt kurz den Atem an, als er seine Finger mit den ihren verschränkte, doch dann stieß sie ihn langsam wieder aus und erwiderte den sanften Druck seiner Finger. So simpel die Geste war, so intim war sie auch. Und Aloy wusste plötzlich, dass sie in dieser Nacht eine Grenze überquert hatten, die kein Zurück mehr ermöglichte.
Doch wenn sie ehrlich sich selbst gegenüber war, wollte sie das auch gar nicht.
Nicht mehr.
Und mit diesem Gedanken schloss sie die Augen und war bald wieder eingeschlafen.

Aloy erwachte am nächsten Morgen zum Geräusch eines kräftigen, gleichmäßigen Herzschlags an ihrem Ohr.
Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass sie in der Nacht ihre Position geändert hatten und sie nun mit dem Kopf auf Kotallos Brust lag. Sein Arm war weiterhin locker um sie geschlungen und hielt sie in der Wärme und sicheren Geborgenheit seines Körpers.
Aloy stellte außerdem fest, dass er wach war, denn seine rauen Fingerkuppen wanderten sacht ihren nackten Oberarm auf und ab – eine Berührung, die einen angenehmen Schauer über ihren Rücken jagte.
„Guten Morgen“, sagte er leise.
„Guten Morgen“, erwiderte sie, ohne aufzublicken. „Wie geht es dir?“
Er schwieg für einen Moment.
„Besser. Die Schmerzen sind abgeklungen. Es sollte mir keine allzu großen Probleme bereiten, diesen Ort wieder zu verlassen.“
Aloy zog ihre Optionen in Betracht.
„Ich könnte nach einem weiteren Paar Sonnenflügeln für uns suchen...“
Doch er stieß nur ein leises Lachen aus. „Danke, aber ich glaube, ich habe vorerst genug vom Fliegen.“
„Tatsächlich?“ Sie hob ihren Kopf und musterte ihn.
„Hmm“, machte er. „Wie ich schon sagte – im Ernstfall bin ich bereit, mich erneut in die Lüfte zu schwingen. Aber bis dahin bleibe ich lieber auf dem Boden.“
Sie nickte. Nach den Ereignissen vom Vortag überraschte sie das nicht. „Das heißt, wie haben heute einen langen Fußmarsch zurück zur Basis vor uns.“
„Es soll mir recht sein“, meinte er. „Ich habe die Ehre deiner Gesellschaft, das ist mir genug.“
Sie schlug die Augen nieder. „Kotallo...“
Doch er ließ nicht zu, dass sie sich ihm entzog, sondern hob seine Hand und legte sie an ihre Wange, bevor er sie seinerseits für einen Augenblick stumm musterte.
„Ich weiß, ich bin nicht mehr der Mann, der ich einst war“, sagte er schließlich. „Wenn dir meine Gefühle eine Last sind, dann werde ich deine Entscheidung respektieren und dich nicht länger damit behelligen, du hast mein Wort.“
Sie hob den Blick.
„Das sind sie nicht, Kotallo“, entgegnete sie mit einer Vehemenz, die sie selbst überraschte. „Und der Mann, der du jetzt bist? Das ist die einzige Version von dir, die ich will.“
Seine Augen weiteten sich, während Aloy sich bemühte, ihre Emotionen in Worte zu fassen.
„Aber diese Dinge sind auch neu für mich“, fuhr sie dann fort. „Ich hatte in meinem bisherigen Leben nie die Zeit oder die Gelegenheit, mich damit zu beschäftigen. Darum hoffe ich, du hast Geduld mit mir.“
Er sah sie mit warmen Augen an. „Für ein Leben mit dir, Aloy? Immer.“
Und er sagte es mit so viel Hingabe, so viel Vertrauen, so viel Liebe, dass sie nicht anders konnte, als sich vorzubeugen und ihn zu küssen.
Sie hatte keine Ahnung, was die Zukunft ihnen bringen würde.
Doch sie wusste, dass sie mit Kotallo an ihrer Seite nicht mehr ganz so düster aussah.

 
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