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Societas et Solitudo - The Story of Boston

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Romance / P18 / Het
Angela Rizzoli Frank Rizzoli jr. Jane Rizzoli Maura Isles Vince Korsak
12.05.2022
28.09.2022
5
57.618
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28.07.2022 12.207
 
Leise prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, bis die Klingel die Stille im Haus durchbrach. Mauras Blick zuckte von ihrem Buch zur Haustür auf. Es war spät abends. Ein Postbote könnte es nicht sein.
Sie spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. Ohne ihre Augen von der Tür abzuwenden, griff sie mit kalten Händen nach ihrem Pfefferspray, welches sie seit dem Vorfall immer an ihrer Seite hatte. Ob es ihr etwas bringen würde, wenn sie von Hoyt überfallen wurde, war eine andere Frage. Maura schluckte und merkte nur, wie trocken ihr Hals plötzlich war.
Lautlos stand sie von ihrer Couch auf und schlich vorwärts zur Tür. Mit dem Pfefferspray fest in der Hand, legte sie ihr Ohr an das Holz der Tür. „Wer ist da?“ Ihr Herz rast. Für einen Moment dachte sie, dass ihr Atem laut zu hören war. Jedoch war er genauso leise, wie der Rest des Hauses.
„Eine Pizzalieferung für die beste Freundin der Welt.“
Belustigt rollte sie ihre Augen und schloss schnell die Tür auf, bevor sie in Janes feuchtes Gesicht sah. Ihre Haare klebten nassen an ihrem Gesicht und sie hielt ihr einen durchweichten Pizzakarton hin. Jane schaute beschämt auf den Boden. Bevor Maura etwas sagen konnte, packte ihre Freundin noch einen Behälter auf die Pizza. „Ich habe dir auch noch einen Salat mitgebracht.“
Immer noch überrascht ließ Maura schnell das Pfefferspray in ihre Tasche verschwinden. „Danke… Aber für was?“
Sie spitzte ihre Lippen und wich stehts Mauras Blick aus. „Es… tut mir leid. Für die letzten Wochen.“
Anerkennend nickte Maura und betrachtete Jane für einen Moment. Sie wusste, dass es Jane nicht einfach fiel, dies zu äußern. Es lag aber noch etwas anders in ihren Augen.
„Kann ich reinkommen? Es ist ein bisschen nass hier draußen.“
Sofort trat sie ihrer Freundin aus dem Weg, sodass sie eintreten konnte. Schnell nahm sie Jane das Essen ab und brachte es zum Wohnzimmertisch. „Was ist los, Jane?“ Auf keinen Fall würde sie warten, bis Jane von selbst es erzählen würde.
Deprimiert schleppte sie sich zu Maura ins Wohnzimmer. Gerade als Maura sie ermahnen wollte, setzte sich Jane schon mit ihrer nassen Kleidung auf die Couch. Für einige Sekunden atmete Maura tief ein und aus.
„Ich bin so dumm…“ flüsterte Jane und schaute ziellos in den Raum hinein. In der Zeit war Maura in die Küche getreten und holte ihnen etwas zu trinken.
„Du bist nicht dumm! Du bist eine der erfolgreichsten Frauen auf deinem Gebiet.“
Fast ohne zu reagieren zuckten Janes Augen kurz. „So meine ich das nicht. Ich mache so viele Fehler in letzter Zeit. Erst ignoriere ich dich und dann verliebe ich mich wieder einmal in einen Idioten.“
Gekonnt unterdrücke Maura jegliches Gefühl an Freude und öffnete Jane eine Flasche. „Also ist das Ding zwischen dir und Dr. Morgan vorbei?“ fragte sie, um sicher zu gehen, dass sie es richtig verstanden hatte. Langsam lief sie zurück zu Jane und stellte die Flasche vor ihr auf den Tisch.
Müde nickte Jane und griff mechanisch nach dem Getränk, um einen großen Schluck davon zu nehmen.
Nachdenklich setzte sich Maura neben sie hin. „Es hat länger als so manche Beziehungen von dir gehalten.“
Aus dem Augenwinkel konnte sie ein Augenrollen erkennen. „Ich mochte Henry. Wirklich… Ich hatte gehofft, dass ich dieses Mal vielleicht Glück habe. Ich hätte nicht gedacht, dass er einfach so Schluss macht. Er…“ Sie schluchzte einmal. „Er hat nicht mal einen Grund genannt.“ Als ob sie selbst über sich erschrocken war, verstummte sie sofort und drehte ihren Kopf weg von Maura. Unruhig tippte sie mit ihren Fingern gegen die Flasch.
Maura konnte sich nicht vorstellen, was ihr helfen könnte. „Ich würde jetzt einige unanständige Dinge sagen, aber ich glaube das steht mir nicht zu.“
Zu ihrer Erleichterung sah Jane wieder zu ihr, wodurch Maura beobachten konnte, wie Jane wütend ihr Gesicht verzog. „Dann sag ich sie für dich. Arschloch. Wichser. Idiot. Jetzt wo er mir nicht mal einen Grund genannt hat, denke ich umso mehr, dass er mich nur benutzt hat. Wollen Männer wirklich nur Sex?“
Es ratterte in Mauras Kopf und sie sah zu ihrem Glas. „Statistisch gesehen-“
„Urg… Reicht mir schon.“ unterbrach Jane sie, schaute aber wieder zu ihr, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. „Sorry…“
Ihrer Freundin hatte es nicht getroffen. Sie dachte weiter über Janes Worte nach. „Wie alt ist Henry?“
Überfordert mit der Frage pustete Jane Luft aus, sodass die ersten getrockneten Haarsträhnen nach oben flogen. „Ehm… keine Ahnung.“ Ihre Verzweiflung nahm zu. „Ich weiß wirklich nichts über ihn. Wie konnte ich mich nur in ihn verlieben?“
„Ich glaube ich habe in seiner Akte gesehen, dass er 1978 geboren wurde.“
Jane stöhnte. „Er ist jünger als ich?“
„Dann kann er noch nicht in der Midlifecrisis sein.“
„Können wir aufhören über ihn zu reden?“
Sofort nickte Maura und nahm einen Schluck von ihrem Getränk. „Natürlich.“ Beide atmeten durch, bevor sie wieder zum Satz ansetzte. „Auch wenn wir das Henry-Drama geklärt haben, werde ich trotzdem nochmal eine Pause nehmen. Über ein paar Dinge nachdenken.“
Zum ersten Mal trafen sich gewollt ihre Augen. Jane blinzelte kurz, verstand aber. „Verständlich.“ Sie nickte ihr zu und schaute zu ihrer Hosentasche. „Ich habe das Pfefferspray gesehen.“
Ertappt faltete Maura ihre Hände und fuhr sich über ihre Schenkel.
„Das brauchst du nicht, falls ich hier schlafen kann.“
Froh über Janes Vorschlag, nickte sie zustimmend. „Ich hole dir Bettzeug.“

Für einen Moment beobachtete er sie aus der Entfernung. Jane wirkte müde an ihrem Schreibtisch. Es war aber eine andere Müdigkeit, als wenn sie nur lange gearbeitet hatte. Sie sah deprimiert aus, wenn nicht sogar traurig.
Henry presste getroffen seine Lippen aufeinander und stakste langsam zu ihr. Einige ihrer dunklen Locken waren ihr ins Gesicht gefallen. Jedoch tat sie nichts dagegen diese zu entfernen.
Gerade als er an ihrem Tisch ankam, zuckten ihre Augen zu ihm. Sofort war ein neues Feuer in ihnen entflammt. Wütend funkelte sie ihn an.
„Können wir reden?“ fragte er ruhig und spürte bereits Korsaks Blick auf sich liegen. Er hatte Janes Partner völlig ignoriert.
„Ich wüsste nicht über was. Du hast deine Gefühle sehr deutlich gemacht.“ murmelte Jane und wandte ihre Augen zurück zu ihrem Computer.
Angespannt atmete Henry durch. Eigentlich wollte er es nicht hier machen. Aber er hatte keine Wahl. „Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht weh tun.“
Nun drehte sich Jane mit ihrem Stuhl zu Henry um und neigte herausfordernd ihren Kopf zur Seite. „Wofür entschuldigen? Dass du mich für Sex benutzt hast? Wir haben ja auch wirklich kaum etwas anderes gemacht außer mit einander geschlafen!“
Die Kälte in ihrer Stimme ließ seine Nackenhaare aufstellen.
„Du hast den Sex initiiert. Ich wollte aber nicht über den Sex reden.“
Sie schüttelte den Kopf. „Es gab in unserer Beziehung nichts anderes als Sex! Eigentlich bin ich froh, dass du mich einfach fallen gelassen hast! Wer weiß, wie du in einer normalen Beziehung außerhalb von Sex gewesen wärst. Vielleicht bist du ein Psychopath.“
Henry versuchte seine Emotionen weiter unten zuhalten. Eine emotionale Partie reichte in einer Diskussion. Außerdem lag die Aufmerksamkeit vieler Kollegen bereits auf ihnen. „Jane…“
„Nichts Jane! Geh! Such dir eine andere Kollegin, die du flachlegen kannst!“ Erst als Jane es laut ausgesprochen hatte, bemerkte sie die vielen Blick der im Raum sitzenden Kollegen. Sofort schaute sie ertappt auf ihren Tisch.
Seine Ohren färbten sich langsam rot. Er war über Janes Wort erschüttert. Kannte sie ihn wirklich so wenig? Wahrscheinlich sprachen eher ihre Emotionen aus ihr als ihr Verstand. Ohne etwas zu erwidern, drehte er sich um und ging in Richtung Gerichtsmedizin.
Jane spürte, wie schnell ihr Herz raste. Durch einige tiefe Atemzüge entspannte sie wieder ihre Schultern und sah zurück zum Computer. Aus dem Augenwinkel bemerkte Jane, wie Korsak sie immer noch beobachtete.
„Also ist es vorbei mit euch?“
Leise stöhnte Jane. „Ja…“

Mit den Gedanken immer noch bei Jane, trottete Henry die letzten Treppenstufen herunter und lief über den Flur.
„Sie sind zu spät.“
Er atmete durch, als er Mauras Stimme durch ihre geöffnete Bürotür hörte. Widerwillig musste er anhalten und trat an den Türrahmen heran. „Die Bahn ist ausgefallen, sorry.“
Maura betrachtete ihn mit ihrem starren Blick. „Ist nicht mehr so einfach zur Arbeit zu kommen, wenn man mit seiner Fahrgelegenheit Schluss gemacht hat.“
Henry verengte wütend seine Augen und ging einen Schritt weiter in den Raum. „Unsere Beziehung geht Sie nichts an!“
„Welche Beziehung? Sie haben sie weggeschmissen!“ Bevor Henry etwas sagen konnte, fuhr Maura fort. „Gestern kam Jane zu mir. Selten habe ich sie so gesehen. Wenn Sie also nochmal versuchen Janes Interesse zu gewinnen, werde ich alles tun, dass das nicht passiert.“
Langsam schluckte Henry und versuchte seine Wut in den Griff zu bekommen. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte auch nicht, dass es so kommt.“
„Sie hätten es schon von Anfang an sagen können! Jetzt haben Sie sie unnötig verletzt, Sie…“ Maura stoppte und suchte nach einem Wort. „Sie Arschloch!“
Entsetzt schüttelte er nur seinen Kopf und ging wieder zum Flur. „Sie haben kein Recht sich so zu äußern! Ich dachte, Sie seien professioneller.“ Daraufhin betrat er den Obduktionssaal, holte eine der Leichen aus dem Kühlraum und bereitete sie vor, bevor er Franky aus dem Augenwinkel sehen konnte. „Da sind Sie! Wir können gleich anfangen. Ich-“
„Habe ich richtig gehört, was Sie mit Jane gemacht haben?“ Sofort fiel Henry der wütende Ton in seiner Stimme auf, weswegen er schwer schlucken musste. Das wird ein langer Tag.
„Das hat nichts mit dem Fall zu tun.“
Bedrohlich nahm kam Franky auf ihn zu, stoppte aber einen Schritt vor ihm. „Sie Mistkerl haben sie wirklich benutzt! Ich dachte, Sie seien ein netter Typ. Ich habe Sie sogar vor den anderen beim BBQ verteidigt. Und jetzt? Schmeißen Sie einfach meine Schwester weg!“
Vorsichtig trat Henry weiter nach hinten. „Ich verstehe Ihre Wut. Ich bin auch wütend auf mich. Trotzdem müssen wir versuchen, normal weiter zu arbeiten.“
„Ich arbeite nicht mehr mit Ihnen. Maura ist jetzt meine Gerichtsmedizinerin!“
„Das ist nicht nötig.“
„Nein, Doc. Sie sollten das PD verlassen.“ Zu Henrys Verwirrung, senkte Franky seine Stimme: „Ihr Ruf war davor schon nicht prickelnd. Jetzt ist er nicht viel besser geworden.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ er die Gerichtsmedizin und ließ Henry alleine mit der Leiche.
Erstarrt schaute er zu der Tür, durch jene Franky verschwunden war. Langsam lenkte er kontrolliert seine Hände zur Leiche. Stumm packte er seine Geräte wieder ein und brachte die Leiche zurück in den Kühlraum, bevor er zu Maura an die geöffnete Tür trat. Müde schniefte er, wich aber ihrem Blick aus. „Könnten Sie Lieutenant Miller Bescheid geben, dass ich mich für heute krankmelde?“
Ohne die Miene zu verziehen, nickte Maura stumpf. „Natürlich.“

„Ein erfolgreicher Tag!“
Jane nickte zustimmend und lief mit Maura durch die Tür des Police Departments. Die Laternen schalteten sich an und erhellten die ruhig daliegende Straße. „Ja, wir konnten die Anzahl der Axt-Käufer auf 1000 reduzieren. Vielleicht finden wir so, bald den passenden Mörder.“
Maura ging als erstes die Stufen nach unten zum Bürgersteig. „Ich meinte damit Dr. Morgan.“
„Was ist mit ihm?“
„Er hat sich heute früh, nachdem Franky ihm seine Meinung gesagt hat, krankgemeldet. Wahrscheinlich folgt in den nächsten Tagen seine Kündigung.“
Jane stoppte auf der letzten Stufe. Ihr Magen rumorte und ein schlechtes Gewissen machte sich in ihrem Hals breit, wodurch dieser sich zuschnürte. „Ich wollte ihn nicht rausekeln. Er macht ja trotzdem einen guten Job.“
„Jane, er hat sich falsch verhalten.“
Doch Jane schüttelte ihren Kopf und starrte auf den Boden. „Ihr versteht das nicht. Er meinte, dass es zu schnell ging. Vielleicht war es das. Ich habe anscheinend wirklich oft den Sex initiiert und er kam damit nicht klar. Was ist, wenn ich der Arsch bin, weswegen er jetzt seinen Job verliert? Und jeder ihn hasst.“
Maura schaute zu ihr und atmete hörbar durch. Langsam stakste sie die Stufen zu ihrer Freundin nach oben. „Bist du nicht. Er hatte anscheinend keine Gefühle mehr. Trotzdem wollte er weiterhin Sex mit dir, was für mich, wie ein Zeichen von Ausnutzung aussieht. Obwohl er keine Gefühle mehr hatte, wollte er dennoch seine Lust stillen.“
Genervt stöhnte Jane und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Ach keine Ahnung. Ich will nicht mehr darüber nachdenken.“ murmelte sie und ging ohne auf Maura zu achten die Treppe nach unten, bis sie auf dem Fußgängerweg ankam.
Erst dann schaute sie sich nach ihrem Auto um und fand nur die leere Straße vor sich. „Uhm… Wo ist mein Auto?“
Ihre Freundin trat neben sie. „Wo hast du es abgestellt?“
Grummelig runzelte sie ihre Stirn. „Vor der Tür.“
„Jane, da ist Parkverbot.“ Ihr vorwurfsvoller Ton klingelte Jane in ihren Ohren.
„Als ob die meinen Dienstwagen schon wieder abgeschleppt haben?“
„Ruf am besten beim Abschleppunternehmen an.“
Hektisch kramte Jane bereits in ihrer Jackentasche und holte ihr Handy hervor, um sofort die Nummer zu wählen. „Was glaubst du, was ich gerade mache?“
Bevor jemand rangehen konnte, fuhr ein anderes Auto vor und hielt neben den beiden Frauen an. Verwirrt schauten sie hinein und erkannten Casey hinter dem Lenkrad sitzen.
„Jane, dein Auto wurde gerade abgeschleppt!“
Sie lief einen Schritt auf ihn zu. „Ja, habe ich auch bemerkt.“
„Ich kann morgen einen Kumpel anrufen. Vielleicht musst du dann nichts bezahlen.“ bot er an, wodurch Jane erleichtert aufatmete. „Das wäre gut, danke.“
„Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“
Zögernd schaute sie über die Schulter zu Maura. Als diese zustimmend nickte, wandte Jane sich zurück zu Casey. „Gern.“
Nach einer kurzen Verabschiedung von Maura, stieg sie zu Casey auf den Beifahrersitz ein.
Der Wagen setzte sich n Bewegung und Casey für auf die Hauptstraße rauf.
„Fahr mich zu Mum. Ich lebe da momentan.“ erklärte Jane und öffnete das Fenster einen Spalt, um frische Luft einatmen zu können.
„Ich weiß. Das hast du mir beim Grillen bereits erzählt.“
Im selben Moment war es ihr auch eingefallen. Beschämt starrte sie auf das Handschuhfach. „Oh, stimmt. Sorry. Mein Kopf ist so voll. Ich will den Tag einfach vergessen.“
Er zuckte locker mit den Schultern. „Wieso das?“
„Henry hat sich von mir getrennt. Es… Es war komisch gewesen. Er konnte mir keinen wirklichen Grund nennen. Er hat sich auch die letzten Tage so komisch verhalten.“ Dann merkte sie, wie merkwürdig das klingen musste. Schnell schüttelte sie den Kopf. „Ach egal.“
„Erzähl ruhig.“
Sie war sich unsicher, ob er es wirklich ernst meinte. Niemand wollte gern das Geschwafel von einer Frau mit Liebeskummer hören. Zögernd setzte sie zum Satz an. „Ich wollte ihn nur in die Gruppe integrieren. Nicht mal als meinen Freund, sondern als Kollege. Aber irgendwie war er so angespannt. Habe ich ihn unter Druck gesetzt? Mochte er mich zu dem Zeitpunkt überhaupt noch?“
„Er ist ein Idiot dafür, dass er dich fallengelassen hat.“
Durch ihre allgemeine Verwirrung hat sie das Kompliment überhört und fuhr fort. „Und dann wurde mein Auto heute abgeschleppt. Es ist echt nicht meine Woche.“
„Es wird besser.“
Erschöpft rutschte Jane tiefer in den Sitz. „Ich kann schon Mums Stimme hören. 'Du musst ja auch immer falsch parken! Mimimimi'.“ ahmte sie Angela nach.
Seicht neigte Casey seinen Kopf zur Seite. „Wir können auch erstmal zu mir fahren.“
Für einen Moment zögerte sie mit ihrer Antwort. Hatte er etwas bestimmtes vor, oder wollte er sich einfach so treffen? „Ich glaube Beschäftigung ist gut.“

Jane ließ ihren Blick durch die Wohnung ziehen.
„Da wären wir.“ murmelte Casey und ließ sie im Eingangsbereich stehen. Es hatte sich kaum etwas verändert.
Ruhig lief Jane zur Couch und setzte sich auf diese. Obwohl ihr die Umgebung bekannt war, führte sie sich trotzdem fremd. „Ich war lange nicht mehr hier gewesen.“ stellte sie mehr für sich fest, als für Casey. Sie hörte nur wie ein paar Gläser aneinander gerieten und einen klaren Ton verbreiteten. „Ja, stimmt. Ich komme gleich.“
Als er etwas vorbereitete, schaute sich Jane weiterhin um. Jedoch gerieten ihre Gedanken immer wieder zu Henry. Bei ihm hatte sie sich sofort wohlgefühlt gehabt. Sie wusste nicht, ob es an seiner Wohnung oder an ihm lag. Vielleicht beides. Wahrscheinlich wäre die Trennung nicht so schwer, hätte er ihr einen Grund genannt. Jetzt weiß sie nicht, ob es wirklich an ihr gelegen hat oder er der Grund war. Vielleicht war es wirklich zu schnell.
Bevor sie einen neuen Gedanken nachgehen konnte, wurde der Fernseher angeschaltet. Sogleich spürte Jane eine gewisse Abneigung. Eigentlich mochte sie es Fernseher zu gucken. Aber die vielen Mal als sie bei Henry gewesen war, hatte sie sich dran gewöhnte, dass es nicht immer ein Hintergrundrauschen zu ihren Gesprächen gab. Jetzt störten die Stimmen. Wie sollten sie sich jetzt unterhalten?
Casey stellte ihre eine Flasche Bier vor ihr auf dem Tisch. „Es läuft Baseball.“ Sie schaut zum Bildschirm. „Stimmt…“
„Keine Lust?“
Ertappt blinzelte Jane schnell und griff sich ihre Flasche. „Doch, doch… Nur…“
„Nur… was?“
Überfordert atmete sie in ihre Flasche. „Ich weiß es nicht.“
Casey räusperte sich und nahm einen Schluck, bevor er antwortete. „Denkst du immer noch an Henry?“
„Nein.“
„Du kannst nicht lügen, Jane.“
„Henry auch nicht…“ murmelte Jane kaum hörbar. Verärgert über sich selbst schlug sie sich gegen ihre eigene Wange. „Sorry… Ich ruiniere den Abend.“
Wie auf Kommando sahen beide zum Fernseher und sprachen kein Wort. Erst als Jane Caseys Hand an ihrer spürte.
„Tust du nicht!“
Sofort hielten sie wieder Augenkontakt. Diese Augen waren ihr so vertraut. Aber zugleich waren sie ihr, wie die Wohnung, fremd. Gerade als sie etwas sagen wollte, lehnte sich Casey zu ihr vor, um seine Lippen auf ihre zu legen. Überrascht weitete Jane ihre Augen und ließ es für eine Sekunde geschehen, bis sie wieder absetzte und sich weg von ihm lehnte. Immer noch spürte sie eine leichte Feuchtigkeit an ihren Lippen, als sie Casey ins Gesicht sah.
Seine Pupillen waren geweitet. Früher hätte sie sich wahrscheinlich drauf eingelassen. Wieso jetzt nicht?
„Ich… weiß nicht, ob ich es kann.“
Er grinste etwas. „Du kannst es!“ Sofort küsste er sie weiter. Dieses Mal konnte sie sich nur von ihm lösen, als sie ihren Kopf energisch von ihm wegdrehte.
„Nein! Ich will es nicht!“
Nun hielten sie stummen Augenkontakt. Trotzdem wusste Jane, dass seine Hand immer noch auf ihrem Oberschenkel lag. Wäre es Henrys Hand würde sie dahinschmelzen. Er wusste, wie er sie berühren sollte. Bei Casey hatte sie Angst, dass er sich gleich auf sie stürzen würde.
„Jane, es ist wie früher.“
Abrupt öffnete sie demonstrierend ihren Holster und verengte ihre Augen. „Hör auf!“ Dieses Mal ließ er komplett von ihr ab, sodass sie ohne Problem aufstehen und zur Tür gehen konnte.
Bevor sie ihre Hand auf die Türklinke legte, drehte sie sich noch einmal zu Casey um. Er hatte sich nicht zu ihr gewendet.
„Es ist irgendwie merkwürdig. Henry hat mich verletzt und ich will ihn vergessen. Aber ich…“
„Du kannst es nicht…“ Er klang zu deprimiert, dafür, dass er gerade Sex mit ihr haben wollte.
Etwas Mitleid stieg in ihr auf. „Ja… ich will noch nichts anderes…“
Langsam stand Casey von der Couch auf und folgte ihr stumm zur Tür. Für einige Sekunden schaute er in ihre Augen, bis er ihr die Tür öffnete. „Sag Bescheid, wenn du deine Meinung änderst.“
Sie konnte ihm nichts versprechen. Zu oft hatten sie es versucht und sich doch wieder getrennt. Casey wusste nicht einmal, dass sie von ihm ein Kind hatte, welches sie jedoch verloren hat.
„Auf Wiedersehen, Casey.“ Bevor Jane ihn hinter sich lassen konnte, stoppten seine Worte sie.
„Dein Henry hat letztens Pistolenkugeln gekauft.“
Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte.
„Ich weiß nicht, was er damit vorhat, aber du solltest es wissen.“

Unruhig wickelte Jane eine ihrer Haarsträhnen um ihren Finger. Immer wieder musste sie an Caseys letzte Worte denken. Hat er es nur zur Provokation gesagt? War Henry wirklich in einem Waffenladen einkaufen? Wenn ja, wofür braucht er die Kugeln? Jane war sich sicher, dass Henry kein Waffennarr war. Aber anscheinend hatte er eine Waffe. Wollte er sich umbringen?
Ihre Gedanken rasten, wodurch sie nicht bemerkt hatte, dass ihr Chef Lieutenant Miller zu ihr getreten war. „Detective Rizzoli, Sie wissen schon über die Neuigkeiten Bescheid?“
Ohne wirklich mit zu hören, zuckten ihre Finger. „Hm?“
„Dr. Morgan hat gekündigt.“
Überrascht schaute Jane nun zu ihm auf und zog eine Augenbraue nach oben. „Oh… Er hat es wirklich durchgezogen…“
Er rümpfte seinen Schnauzer und stemmte seine Arme auf seinen Hüften auf. „Wissen Sie zufälligerweise wieso?“
„Nein, tut mir leid.“
Etwas enttäuscht nickte Miller. „Merkwürdig. Dr. Isles hat sich krankgeschrieben. Zwar erst ab nächster Woche, aber dann für einen längeren Zeitraum. Dr. Morgan konnte fristlos kündigen, da er noch in der Probezeit war und nun stehen wir ohne Gerichtsmediziner da. Ich dachte, Sie seien vielleicht etwas enger mit ihm gewesen. Vielleicht hätte man ihn für ein oder zwei Monate noch behalten können.“
Selber deprimiert wandte Jane ihre Augen wieder zu ihrem Desktop. „Nein, sorry. Keine Ahnung.“
„Okay.“ hauchte er fast tonlos und entfernte sich wieder von ihr.
Gerade als sich Jane auf die Arbeit konzentrieren wollte, sah sie aus dem Augenwinkel, wie Korsak ihr entgegen gelaufen kam. „Habe ich richtig gehört? Henry hat gekündigt?“
„Ja.“ flüsterte sie emotionslos.
Als er vor ihrem Tisch war, stellte er seine Fingerspitzen auf diesen auf. „Wie willst du es feiern? Ich holen was zu trinken aus Mauras Kühlraum?“ Doch er merkte schnell, dass Jane nicht feiern wollte. Jane reagierte nicht, sondern drehte sich etwas weg. Sie hasste es, dass sie so reagierte. Was war los mit ihr?
Mitfühlend atmete Korsak durch und neigte seinen Kopf zur Seite. „Du vermisst ihn, richtig?“
Jane spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. „Es ist dumm. Wir waren uns nicht mal so nah. Jetzt ist er weg und zieht zurück nach New York.“
„Tut er das?“
„Keine Ahnung.“
Überfordert sah Korsak hin und her, bis er leise zu seinem Schreibtisch lief. „Hm… okay. Dafür habe ich einen neuen Durchbruch bei unserem Axt-Mörder.“
Sie konnte sich denken, dass er sie ablenken wollte. Wirklich funktionieren tat es nicht.
„Aha…“
Während er began zu reden, drifteten Janes Gedanken bereits wieder ab.

Zögernd betrachtete Henry die angekommenen Pistolen Kugeln mit einer Luppe. „Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird.“ murmelte er in den Telefonhörer, den er sich zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt hatte. Die Munition war viel jünger als seine Pistole. Würde sein Plan auch so funktionieren.
„Wenn es nicht funktioniert, finden wir andere Wege. Wenn schon, dann… dann ist es so.“
Henry konnte nur schnauben. „Du bist ein wahrer Poet, Abraham.“ Vorsichtig legte er eine der Kugeln hinein. „Wenn wir versagen, dann hält mich nichts mehr in Boston.“
„Henry! Du weißt, wie teuer der Umzug nach Boston war, und jetzt einfach zurückkommen?“ Einen so schnellen Widerspruch hatte er nicht erwartet. Leise atmete er durch. „Mal schauen. An dem Geld soll es nicht scheitern.“ Vorsichtig hielt er die Pistole und richtete sie auf die Ratte, welche vergnügt in ihrem Käfig quiekte.
„Und Jane?“
Bei ihrem Namen platzierte Henry seine Waffe zurück in die Box. „Es ist besser, wenn wir getrennt bleiben. Momentan hasst sie mich, zurecht. Dann tut es ihr aber weniger weh.“
Mit seinem Stuhl drehte er sich zu seinem Fenster. Vereinzelt konnte man einige Stern erkennen, welche durch das Licht der Großstadt ankamen.
„Also heute Nacht?“
Für einen Moment hielt er Inne und betrachtete den Nachthimmel. „Ja, heute Nacht.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sie kannten beide den Plan. Wenn Henry nicht anrufen würde, dann wüsste Abe Bescheid und würde seine Wohnung auflösen und die Ratte freilassen. Wenn er sich meldet, dann sei alles wie davor. Außer das Henry seine Rückreise planen würde.
„Ich liebe dich, Paps.“
Gerührt über die überraschenden Worte, musste Henry leicht schmunzeln. „Ich dich auch, Abe.“

Gedankenversunken stieg Jane in ihr Auto ein. Obwohl ihre Treffen mit Casey für beide Seiten seltsam geendet hatte, half er ihr trotzdem ihren Wagen zurück vom Abschleppdienst zu bekommen.
Ihre Augen hielten sich an ihrem Lenkrad fest. Eigentlich wollte sie den Motor starten. Jedoch fand sie keine Kraft. Erschöpft ließ sie ihren Kopf gegen ihre Lehne prallen.
Keine Menschenseele war mehr auf der Straße unterwegs. Es musste aber auch schon fast 23 Uhr sein. Korsak war kurz vor ihr gegangen. Sie war bewusst länger geblieben. Im Moment bevorzugte sie das Alleinsein. Ihre Mum würde zu Hause auch schon schlafen. Beinah wäre sie eingenickt, schreckte aber schnell wieder auf. Immer wieder kamen ihr die Gedanken zu Henrys Kündigung auf. Hatte sie wirklich sein Leben zerstört? Ob er sich auch solche Gedanken über sie machte? Wenn er jetzt weg war, dann hätten sie sich nicht mal im Guten getrennt. Was ist, wenn ihm jetzt etwas passieren würde?
Um sich abzulenken, startete sie endlich ihren Motor und setzte den Wagen in Bewegung. Zu ihrem Ärger hörten die Gedanken nicht auf weiter in ihrem Kopf zu arbeiten. Sie wollte Henry einfach vergessen und normal weiterarbeiten. Schon längst hatte sie sich eingestanden, dass es mit Henry nicht geklappt hätte. Theoretisch habe sie so viel Zeit mit einander verbracht und sie wusste trotzdem nicht viel über ihn. Leise atmete sie durch und schüttelte einmal ihren Kopf. Trotzdem bekam sie sein Bild nicht aus ihrem Kopf.
Vielleicht hat Maura recht. Sie wissen nicht wer er ist. Ihr fielen Mauras Bedenken zu seinem Lebenslauf ein. Normalerweise lag sie richtig. Was wusste Jane schon über ihn? Er kommt anscheinend aus einer wohlhabenden britischen Familie, er hat eine verstorbene Ehefrau, er mag keine Fernseher oder allgemein technische Geräte, er ist auf einem Maura-Level schlau. Als Jane ihren Blick zum Straßenrand wendete, sah sie ein Fahrrad an einem Geländer stehen. Sofort fiel ihr ein, dass Henry immer entweder mit der Bahn oder mit Fahrrad zur Arbeit fuhr. Verwirrt runzelte sie ihre Stirn und drückte auf die Bremse. Quietschen kam unter ihren Rädern hervor. Der Verkehrsfluss wurde nicht unterbrochen, da sie alleine auf der Straße war. Ruckartig schaute Jane zu ihrem Seitenspiegel. Nur kurz musste sie sich versichern, dass es wirklich Henrys Fahrrad war. Wo war er aber?
Schnell stieg sie aus und warf ihre Autotür zu, bevor sie vorsichtig zum Fahrrad lief. Vom Nahen war sie sich hundertprozentig sicher, dass es sein Fahrrad sein musste. Was tat es aber hier um 23 Uhr? Das Wasser rauschte, als es gegen den Anlieger stieß. Wenige Motorboote lagen im Wasser. Ein merkwürdiger Ort.
Jane stemmte sich auf dem Geländer auf und schaute über die Promenade und dem kleinen Hafen. Nichts bewegte sich außer die seichten Wellen im Meer, worin sich das schwache Mondlicht spiegelte. Das Licht spiegelte sich so sehr, dass sie ein wichtiges Detail übersehen hatte. Nicht alle Boote hatten angelegt. Ein kleines Boot legte vor der Stadt Anker. Jedoch konnte Jane nicht erkennen, ob es Henry war. Selbst wenn. Sofort schmollte sie. Selbst wenn es Henry wäre, was würde es für einen Unterschied machen. Sie sollte lieber nach Hause fahren. Es war sein Ding um fast Mitternacht Boot zu fahren. Auch wenn er illegal angeln würde, interessiere es sie nicht. Entschlossen drehte sie sich weg von dem Hafen und wollte zurück zu ihrem Auto laufen. Doch ein explodierender Schuss schallte in ihre Ohren.
Mit weit geöffneten Augen erstarrte sie. „Henry…!“

Wenige Minuten zuvor
Die lauten Motorengeräusche des Bootes tat in seinen Ohren weh. Nur noch ein Stück, dann könnte er den Anker werfen. Das Boot verließ die Bucht und fuhr auf das offene Meer. Zum Glück war die See heute ruhig. Das würde einige andere Probleme bringen.
Henry verlangsamte das Boot bis jedes Geräusch verklungen war. Ohne lange zu zögern warf er den Anker. Als er nicht weiter abtrieb, konnte er sich auf sein eigentliches Ziel konzentrieren.
Vorsichtig rückte er weiter in den vorderen Teil des Bootes, um seine Kiste näher zu sich zu ziehen. Als er sie öffnete, glänzte der Mond in dem polierten Metall der Pistole. Henry legte sie sich in die Hand und begutachtete sie für einen Moment. Die Kugel war bereits eingelegt. Er musste sie nur noch entsichern und schießen. Sein Blick zuckte zu einem Stapel Kleidung. Falls es nicht funktionieren würde, hätte er zumindest Ersatzkleidung dabei. Eine andere Frage wäre es, wie er wieder ins Boot käme.
Darüber machte er sich aber keine weiteren Gedanken.
„Hoffentlich funktioniert es…“ flüsterte er zu sich selbst, bevor er sich stabil hinsetzte. Seine Finger umklammerten zitternd die Pistole und legten diese an seine Brust an. Durch den Stoff seines Hemdes konnte er die ungleichmäßige Narbe ertasten. Deutlich spürte er, wie sein Herz pulsierte. Hatte er Angst abzudrücken? Hatte er Angst vor dem Tod?
Ohne dass ein weiterer Gedanken aufkommen konnte, drückte er ab. Abrupt sprangen Funken von seiner Pistole ab und weißer Rauch stieg auf. Erschrocken über sich selbe, dass er wirklich abgedrückt hatte, ließ er kraftlos die Pistole zurück auf den Boden des Bootes fallen. Im selben Moment spürte er den pochenden, unerträglichen Schmerz, welcher sich von seinem Herz im gesamten Körper ausbreitete. Ein Schock durchlief ihn, bis er selbst im Boot zusammenbrach.

Ein tiefer Atemzug durchlief seinen Körper als er aufschreckte. Hektisch atmend versuchte er sich umzusehen, jedoch wurde er durch ein helles Licht geblendet. Seine Hände zitterten und ihm kam es vor, als würde es kein Sauerstoff in seine Lungen schaffen. Er versuchte zu ertasten, wo er war. War er noch im Boot? War er im Krankenhaus? Aber es fühlte sich weder nach dem Holzboden des Bootes an, noch nach einem Krankenhausbett. Es fühlte sich nach nichts an. Kein Geräusch war zu hören.
Seine Augen gewöhnten sich an die Helligkeit, weswegen er panisch versuchte sich umzusehen. Egal wie lange er sich umsah, sein Gehirn verstand nicht, was mit ihm passiert war. Er war von Licht umgeben in einem weißen, unendlichen Raum. Vorsichtig wandte er seinen Blick an seinen Körper hinab. Er trug Kleidung, die er noch nie in seinem Leben getragen hatte. Fast schon kitschig wirkte das weiße Hemd mit der weißen Hose in der leeren Umgebung. Ein Druck pulsierte an seiner Brust. Vorsichtig öffnete er die ersten Knöpfe seines Hemdes und merkte bereits beim ersten Blick, dass seine Narbe verschwunden war.
War das der Tod? Verständnislos blinzelte er und stellte sich langsam auf. Auch wenn er sich gerade erschossen hatte, fühlte er sich nun leicht. Es war mühelos sich zu bewegen. Verwirrt hob und senkte er immer wieder seinen einen Arm um das unwirkliche Gefühl zu testen. Erst als er im Augenwinkel etwas anderes erkannte als die unendliche Leere, konnte er seinen Blick von dem Arm entfernen.
Seine Augen weiteten sich als er die zierliche Frau mit den blonden Haaren erkannte. Es traf ihn wie ein Blitz. Sofort sah er die vielen Momentaufnahmen von ihr vor seinem geistigen Auge aufkommen. Jahre lang musste sie in seiner Erinnerung leben und nun sah er sie wieder vor sich.
„Abigail…“ flüsterte er, bevor ihn nichts mehr halten konnte und er losrannte. „Abigail!“
Sie blieb stehen und wandte ihr für ihn makelloses Gesicht zu ihm. Es war, wie als sie sich das erste Mal getroffen hatten. Als ihr schönes Lächeln auf ihr Gesicht kam, dachte er, dass sein Herz herausspringen würde.
„Henry!“ Sie flüsterte es. Seit dreißig Jahren hatte er nicht mehr ihre Stimme gehört. Sein Hals war zugeschnürt und sein Tempo erhöhte sich, bis er bei ihr ankam. Von den Gefühlen überwältigt, legte er seine Arme um sie und drehte sich mit ihr. Selbst das Gefühl, dass sie sich nicht echt anfühlte, ließ seine Freude nicht abschwächen. Ihr Lachen in der Drehung reichte ihm aus. Vorsichtig setzte er sie wieder auf dem Boden ab und hielt ihre Hände fest. Seine Fingerspitzen fühlten sich taub an. Er bemerkte es, aber nicht wirklich, da er nur in ihr Gesicht sehen konnte. Tränen stiegen in seine Augen und er konnte sie nur ansehen.
„Bin ich tot?“ fragte er benommen.
Ihr Griff um seine Hände wurde fester und sie neigte ihren Kopf zur Seite. Henry wusste nicht, ob es Trauer in ihrem Gesicht war durch die Tränen in ihren Augen, oder Freude durch das sanfte Schmunzeln. „Noch nicht.“
Richtig verstehen, konnte er ihre Worte nicht und fiel ihr nur wieder in die Arm. Fest schlang er seine Arme um ihren Körper. „Ich habe dich so vermisst.“ Er spürte ihren Atem an seinem Hals, er war aber kalt.
„Ich dich auch.“ Sie vergrub ihre Nase in seinem weißen Hemd. „Es ist aber noch nicht soweit.“
Er schüttelte nur den Kopf und presste sie an sich. Tränen liefen über seine Wange, als er seine Augen schloss. „Ich gehe nicht! Ich muss dir noch so viel erzählen!“
Langsam löste sich Abigail von ihm und berührte sanft seine Wange. „Ich weiß… Aber nicht jetzt!“ Mit ihrem Daumen wischte sie ihm eine Träne weg.
Henrys Magen zog sich, bei dem Gedanken sie wieder zu verlieren, zusammen, weswegen ihm schlecht wurde. „Ich kann dich nicht verlassen!“ Mitfühlend hob sie ihre Mundwinkel an. Er sah, wie sehr sie selbst mit den Tränen kämpfte. Sie blieb stark für ihn.
„Du musst aber. Es gibt noch einiges zu tun.“ flüsterte sie.
Laut schluchzte er und legte seine Hände an ihre Hüfte. „Weißt du, wie ich hierherkommen kann?“ Er konnte sich nicht vorstellen, sie alleine hierzulassen. Er wollte mit ihr hierbleiben.
Bei seiner Frage lächelte sie. „Lebe dein Leben, Henry! Es gibt Menschen, die dich vermissen würden.“
Wissend nickte Henry und schaute auf den Boden. „Abe…“
Mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit näherte sie sich seinem Ohr. „Auch, aber nicht nur.“ Sanft küsste sie ihn auf die Wange, bevor seine Augen schlagartig zufielen.

Ruckartig riss Henry seine Augen auf und spürte die kalte Luft, die er panisch einatmete. Das Wasser rauschte und sagte ihm, dass er wieder in seinem Boot lag. Jedoch hörte weitere schnelle Atemzüge. Als sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte er Janes dunkle Augen durch die vielen Tränen in ihren Augen schimmern.
„Henry?“ Erst als er ihre hektische Stimme hörte, merkte er ihre Hand an seiner Wange.
Er brachte kein Wort raus. Ihre Augen unterschieden sich sehr von Abigails. Dennoch verstand er nicht, wie er die ganzen letzten Wochen sie nicht bemerkt zu haben und nun genauso verzaubert zu werden. Desto mehr tat es ihm im Herzen weh, dass sie wegen ihm geweint hatte. Sein Herz…
Ohne ihr etwas zu erklären, öffnete er sein Hemd. Zwar sah man ein deutliches Schussloch in seinem Hemd, weswegen es man entsorgen sollte, aber seine Narbe war verschwunden. Verwirrt blinzelte er langsam. Sein Kopf schmerzte. Er musste sich am Boden seinen Hinterkopf weh getan haben.
„Was ist passiert?“
Gern hätte er selbst eine Antwort auf diese Frage. Er erinnerte sich an das sanfte Lächeln von Abigail, welches ihn beruhigt hatte. Langsam ahmte er es nach und hoffte, dass Jane dasselbe fühlt, was auch er gefühlt hatte. „Es ist eine lange Geschichte.“

Leises Klirren drang aus den Hinterräumen des kleinen Cafés. Ein Wunder, dass es um diese Uhrzeit noch geöffnet hatte. Für Henrys und Janes Zwecke war es praktisch.
Ein leichter Kaffeegeruch lag in der stickigen Luft.
Immer noch verwirrt starrte Henry in seine Tasse. Der Kaffee war kaum angerührt. Er konnte sich einfach nicht erklären, was im Boot passiert war. Wie jedes Mal starb er. Zumindest spürte er das Gefühl des Todes. Aber anstelle von Flashbacks und einem Auftauchen aus dem Wasser, war er bei Abigail gewesen. War es der Himmel? Oder etwas, was man Himmel nennen würde? Sie meinte, dass es noch nicht soweit sei. Aber wann wäre es? Er soll sein Leben leben. Verständnislos schloss er seine Augen. Schon so lange hat er gelebt und er musste weiter warten?
„Henry?“
Bei Janes Stimme zuckte sein Blick zu ihr auf. Deutlich erkannte man an ihren geröteten Augen, dass sie erst vor kurzem geweint hatte. Wahrscheinlich kämpfte sie immer noch mit ihren Gefühlen. Dennoch versuchte sie eine strenge Miene aufzusetzen. „Was ist auf dem Boot passiert?“ Er wusste, wie schockierend das ausgesehen haben musste.
Langsam schweifte seine Augen von ihr ab. „Ich weiß es nicht.“ Unruhig legte er seine Hände um die Tasse.
„Henry!“ Sofort schaute er bei ihrem aufgebrachten Ton wieder in Janes Gesicht.
Er kratzte an der Tasse und merkte, wie seine Gedanken im Kopf kochten. „Ich weiß nicht, ob du mir glauben wirst.“
Müde atmete Jane hörbar durch und neigte ihren Kopf zur Seite. „Versuchs. Ich weiß, dass das was ich gesehen habe, krass war. Du bist vor mir gestorben.“
Nachdenklich nickte Henry und sah ruhig zum Tisch. Sein Kaffee war nun kalt. Sollte er es ihr wirklich sagen?
„Also?“ fragte Jane fordernd.
Henry versuchte seinen Herzschlag zu verlangsamen. „Wirst du mir glauben?“
Normalerweise würde sie ihn boxen, weil er sich mit seiner Antwort so anstellte. Jetzt aber versuchte sie nur seinen Blick immer wieder einzufangen, wenn er sich abgewendet hatte. „Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich etwas gesehen habe, wofür ich keine Antwort finden kann. Also nochmal. Was hast du auf dem Boot gemacht?“
„Es ist schwierig zu erklären…“
„Henry!“ Ihr stechender Blick ließ seine Schultern anspannen. „Vertrau mir!“
Einen letzten tiefen Atemzug nahm er auf, bevor er ansetzte. „Ich bin älter als du denkst.“ Deutlich sah er, wie sie der Satz verwirrte. Vorsichtig holte er seine goldene Taschenuhr hervor und legte sie vor Jane auf dem Tisch. „Es war vor 200 Jahren passiert. Ich wurde vom Kapitän eines Sklavenschiffes erschossen und über Bord geworfen, als ich versucht hatte das Leben eines Sklaven zu retten.“ Daraufhin zeigte er auf seine Brust, in die er sich geschossen hatte. Ihm kam es immer noch so unwirklich vor, dass sein Herz noch schlug. „Seit diesem Tag habe ich eine Art Transformation erlebt und die Narbe ist das Zeichen dafür. Ich kann seitdem nicht mehr sterben. Weder sterbe ich an einem Schuss noch am Altern. Ich kann es selbst nicht erklären. Genauso wenig wie ich jetzt erklären kann, wieso die Narbe verschwunden ist.“ Es klang verrückt. Das wusste er. Vorsichtig sah er in ihr Gesicht. Verwirrter als davor starrte sie mit gerunzelter Stirn auf den Tisch. Er hielt die Luft an.
„Aber wieso warst du auf dem Wasser?“
Erleichtert stieß er die Luft abrupt aus. Wenn sie solche Fragen fragte, lag die Chance, dass sie ihm glaubte, nicht schlecht. „Ich suche seit Jahrzehnten nach einem Weg es endlich zu beenden. Die Menschheit strebt nach dem ewigen Leben. Was sie nicht wissen ist, dass es sehr einsam ist. Menschen kommen Menschen gehen. Mein letzter Plan für den Tod war, dass ich in ein ähnliches Gewässer steige, wie bei meinem ersten Tod und an dieselbe Stelle mit derselben Waffe schieße. Dieses Mal war es aber anders.“
„Wie anders?“
„Normalerweise, wenn ich sterbe, sehe ich mein Leben an mir vorbeiziehen und tauche im Wasser wieder auf. Und das nackt. Aber dieses Mal nicht. Ich habe dafür Abigail getroffen. Sie meinte, dass ich noch nicht tot sei… Ich verstehe es nicht.“
Als Henry ihren Blick erwiderte, merkte er, dass es in ihrem Kopf rattern musste. Auf einmal leuchteten ihre Augen auf, jedoch mit einem geschockten Schimmer. „Bist du immer nackt, wenn du stirbst?“
Langsam nickte er. „Die Unsterblichkeit hat viele Nachteile.“
„Also bist du auch damals in der Fabrik gestorben? Deswegen verurteilt dich das gesamte PD?“
Sie glaube ihm. Henry realisiert erst jetzt, dass er nun Vieles erklären musste. „Ja…“
Als würde sie es realisieren, stiegen ihr Tränen in die Augen auf, welche sie aber sofort wegwischte. „Du hast uns gerettet. Unter normalen Bedingungen wärst du gestorben.“
Aufmunternd hob er seine Mundwinkel. Trotzdem musste er es von ihr wissen. „Also glaubst du mir?“
Überfordert schaute Jane durch das leere Café. Immer wieder faltete sie ihre Hände und löste sie. „Es ist das krasseste, was ich je gehört habe.“
„Ja, das ist es.“
„Ich habe so viele Fragen… Aber eine… sticht heraus.“
„Diese wäre?“
Henry beobachtete, wie sie ihre Narben an den Händen massierte. „Wenn du in dem Feuer gestorben bist, dann muss Hoyt auch tot sein, oder?“
Bereits als Henry zögernd seinen Kopf zur Seite neigte, atmete Jane gestresst aus. „Ich kann es nicht bejahen. Er hat mich erschossen, bevor ich seinen Tod sehen konnte.“
Ihre Augen zuckten über die Tischplatte und sie kratzte nervös an ihrer Tasse. „Es ist also noch nicht vorbei. Maura hat sich zurecht weiterhin Sorgen gemacht.“
Aus Affekt legte er beruhigend seine eine Hand auf ihr. „Jane, die Chance, dass er es überlebt hat, ist sehr gering. Trotzdem wäre Polizeischutz schlau. Aber wie erklären wir den.“
Sie zuckte nur mit den Schultern. „Wir gehen zu Lieutenant Miller und sagen, dass bevor du gestorben bist, Hoyt fliehen sehen konntest.“
Er verengte seine Augen. „Ha Ha… Außerdem ist es falsch. Er könnte vielleicht wirklich gestorben sein. Es war viel Feuer.“
Immer panischer werdend bemerkte Jane nicht mal, dass er ihre Hand berührte. „Wir wissen es nicht 100%tig. Es gab keine Leiche. Ich dachte schon häufiger, dass es vorbei sei. Aber das ist Hoyt.“
„Jetzt hast du mich.“ Sofort trafen sich wieder ihre Augen. „Ich werde dieses Mal vorbereitete sein.“ Henry spürte an ihrer Hand, dass sich ihr Puls beruhigte. Automatisch nahm er nun ihre Hand und streichelte sie sanft. Ohne dass Jane ihre Augen von ihm abnahm, verschränkten sich ihre Hände ineinander. „Es tut mir leid…, dass ich es dir nicht erzählt habe. Aber man muss vorsichtig sein mit diesem Zustand.“ versuchte er sie von Hoyt abzulenken, was funktionierte.
Jane nickte. „Verständlich. Es gibt bestimmt einige Menschen, die nicht gut reagieren würden.“
„Insgesamt wussten drei Menschen von meiner Unsterblichkeit. Meine Frau Abigail, Abe und ein zweiter Unsterblicher namens Adam.“
Erneut kam Verwirrung auf ihr Gesicht. „Es gibt mehr wie dich?“
„Ich weiß nur über ihn Bescheid. Es ist möglich. Aber eigentlich ist es mir egal. Adam war sehr alt, weswegen er leichtsinniger mit dem Tod und anderen Menschen umging als ich. Vor ein paar Monaten, bevor ich nach Boston gezogen bin, habe ich es auch meiner Kollegin erzählt.“
„Es lief nicht gut, habe ich recht?“
Sie traf ins Schwarze. Traurig schmunzelte Henry und nahm einen Schluck vom kalten Kaffee bevor er fortfuhr. „Sie hatte selbst ein altes Foto von mir, Abigail und Abe als er ein Baby war gefunden.“
Deutlich merkte er, dass Jane nicht mehr mitkam. „Warte mal. Abe als Baby?“
Leise atmete er durch. „Es gibt so viel zu erzählen… Ja, wir haben damals Abe adoptiert. Es ist eine lange Geschichte für ein andern Mal.“ Selber versuchte er seine Gedanken zu ordnen und setzte bei seinem letzten Punkt an. „Als ich Jo, meiner Kollegin, es erklärt hatte, wollte sie mir nicht glaube. Sie wollte einen Krankendienst anrufen, welcher mich mitnahm und untersuchen wollte. Also psychisch. Selbst als Abe versucht hatte es ihr zu vermittelt, hörte sie nicht.“ Er merkte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in seinem Bauch verbreitete. „Anscheinend habe ich dann ihr Telefon auf den Boden geworfen. Als sie endlich weg war, packte ich so schnell es ging die wichtigsten Sachen und fuhr los. Die meisten Menschen würden denken, dass ich verrückt sei.“
Aufmunternd streichelte sie ihm auch über die Hand. „Sie müssen dich erst sterben sehen.“
Ein leichtes Schmunzeln kam auf sein Gesicht. „Abigail musste da auch durch.“
Jane erwiderte ein Grinsen, doch bevor sie etwas sagen konnte, trat eine Kellnerin an ihren Tisch. „Wir schließen gleich.“
„Oh okay. Dann die Rechnung, bitte.“ Während sich die Kellnerin wieder abwandte, kramte Henry sein Portmonee heraus. Er merkte, dass Jane ihn beobachtete, als er den ungefähren Betrag herausholte.
„Kommst du wieder zur Arbeit?“ Deutlich hörte Henry Unsicherheit in ihrer Stimme. Langsam legte er den Geldschein vor sich hin und hielt Inne.
„Ich weiß es nicht… Ich hatte Abe gesagt, dass ich, wenn mein Versuch scheitert, wieder nach New York gehen würde.“
Sofort fiel Janes Blick zurück auf den Tisch. „Oh… Okay.“ flüsterte sie deprimiert.
Henry neigte seinen Kopf zur Seite und behielt ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen. „Aber es ist anscheinend nicht ganz gescheitert. Es war anders als davor. Vielleicht… hat sich etwas geändert.“
Als die Kellnerin mit der Rechnung an ihren Tisch trat, verstummten beide und Henry bezahlte, schnell, bevor sie aufstanden und das Café verließen. Die Nachtluft war kalt. Ohne darüber nachzudenken, lief Jane näher neben ihm, weswegen sich immer wieder ihre Ärmel berührte.
„Wie überprüfen wir es? Also dass es funktioniert hat?“
„Du könntest mich erschießen. Aber wenn ich wirklich sterblich wäre, würde das nicht gut ausgehen. Die andere Option wäre, dass wir Jahre warten und beobachten, ob ich alter.“
„Die zweite Option! Ich zitiere meine Mum: Du bist ja auch nicht mehr der Jüngste. Wir werden also bald etwas sehen. Wie alt bist du jetzt?“
„236!“
Kurz stockte Jane. „Wow… aber nein. Vom Aussehen her?“
„Ich bin mit 34 gestorben. Also 34.“
Sie sahen bereits Janes Auto am Straßenrand stehen. „Auf deinem Ausweis steht, dass du 35 bist.“
„Der ist gefälscht.“ Daraufhin überlegte Henry und runzelte seine Stirn. „Woher weißt du, was auf meinem Ausweis steht?“
„Maura hat es in der Akte gesehen.“
„Wieso hat Maura in meine Akte geschaut?“
„Sie vertraut dir nicht.“ Wie auf Kommando blickten sie sich gegenseitig in die Augen und Jane hob langsam ihre Mundwinkel. „Ich aber schon.“

Müde blinzelte Jane an die Decke und verschränkte ihre Hände unter ihrem Kopf. Seit einigen Minuten versuchte sie bereits einzuschlafen. Jedoch stapelten sich immer noch unendliche Fragen in ihrem Kopf, die sie Henry noch nicht stellen konnte. Wenn Adam der zweite Unsterbliche war, dann könnte es auch noch mehr von ihm geben. Es schien ihn aber nicht sehr zu interessieren, im Gegensatz zu Jane. Sie konnte nicht mehr aufhören darüber nachzudenken. Wenn es sowas wie Unsterblichkeit gab, wer konnte wissen, was es noch alles gibt?
Ihr Blick wandte sich von der Decke ab und zuckte schnell zur Uhr, welche an der Wand hing. Kurz vor zwei Uhr. Sie sollte schlafen. Langsam drehte Jane sich auf die Seite und schaute durch ihr Zimmer. Eigentlich wollte sie ihre Augen schließen. Aber immer, wenn sie es versuchte, rauschten sofort wieder die vielen Gedanken in ihren Kopf.
Erschöpft griff sie nach ihrem Telefon und ging durch ihre Kontakte. Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihn wirklich anrufen sollte. Sie entschied sich dafür.
Als es am anderen Ende klingelt, legte sie sich wartend ihr Handy ans Ohr. Es dauerte einige Sekunden, bis sie ein Rascheln hörte und Henrys Stimmer erklang.
„Ja?“ murmelte er müde.
„Hey.“
„Hey…“
Jane wusste, dass sie ihn geweckt haben musste. Jedoch ihr schlechtes Gewissen hielt sie nicht vom Sprechen ab. „Ich kann nicht schlafen.“
„Ich auch nicht.“ Er log. Er wollte nur, dass sie sich nicht schlecht fühlte.
„Ich habe so viele Fragen… aber eigentlich will ich nur schlafen.“ flüsterte sie und ließ ihren Blick weiter durch das Zimmer schweifen, bis sie zum Fenster sah. Der Mond schien schwach durch die Wolken. Sie wollte zu ihm. Sie schlief viel besser bei ihm, als in ihrem renovierten Zimmer, was immer noch chaotisch da lag, weil sie keine Zeit hatte es fertigzustellen.
„Willst du vorbeikommen?“
Wie eine Erlösung, atmete Jane durch. „Ja…“
„Dann bis gleich.“

Als sie bei Henry angekommen war, hatte sie deutlich sehen können, dass er sehr mit sich gekämpft hatte wach zu bleiben. Deswegen war sie ohne viele Worte zu seiner Couch gegangen und hatte sich ruhig hingesetzt.
„Ich bringe dir noch eine Decke.“
„Danke.“
Während er in seinem Schlafzimmer verschwand, wandte Jane ihren Blick zu den Bildern, die auf einer Kommode standen. Henry hatte nicht viele Bilder, verständlicherweise. Sonst müsste er sich wahrscheinlich häufig erklären. Es gab auch keine alten Bilder mit ihm, nur von seiner Frau. Jane konnte sich erinnern, als sie und Maura gedacht hatten, dass Abigail seine Mutter sei.
Durch ein Rascheln wusste Jane, dass Henry mit einer Bettdecke wieder kam.
„Wann hast du Abigail kennengelernt?“
Ohne zu ihm zu schauen, behielt sie ihren Blick auf dem Bild von Abigail. Er musste Glück gehabt haben, dass er sie gefunden hat. Sie war sehr attraktiv und wenn sie ihm das mit der Unsterblichkeit geglaubt hatte, musste es für ihn wie ein Jackpot gewesen sein.
„1945. Am Ende des zweiten Weltkrieges.“
Jane vergaß immer wieder, wie alt er war. Sie kannte niemanden, außer ihre Großeltern, der zu dieser Zeit gelebt hatte.
„Es macht jetzt mehr Sinn…“ Als sie vor einigen Wochen von dem Tod seiner Frau erfahren hatte, dachte sie, dass Abigail in einem Unfall ums Leben gekommen war. Jetzt war sie sich aber unsicher. „Sie ist also nicht durch einen Unfall gestorben.“ Als Jane zu ihm aufsah, bemerkte sie, dass sein Blick gebannt auf dem Bild lag. Sie bekam ein schlechtes Gewissen als sie sah, wie deprimiert ihn die Feststellung machte.
„Nicht direkt. Aber es war meine Schuld, dass sie gestorben ist.“
Geschockt schluckte Jane. „Deine Schuld?“
„Vor dreißig Jahren wollte Adam mich finden. Er wusste, dass es noch einen anderen wie ihn gab. Leider hat er zuerst Abigail gefunden. Um mich und Abe zu beschützen, beging sie Selbstmord. Und dennoch hat mich Adam gefunden.“ Henry legte die Decke über die Lehne der Couch und entfernte sich einige Schritte von ihr.
Sie wusste nicht was sie sagen sollte. „Es… tut mir leid.“
„Das Schlimme ist, dass ich es erst vor wenigen Monaten herausgefunden habe und bis dahin dachte, dass sie mich und Abe verlassen hat. Hatte sie auch. Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Aber sie hatte uns verlassen, um zur richtigen Zeit wieder mit uns zusammen zu sein.“
Bemitleidend beobachtete Jane ihn und versuchte seinen Gedanken zu folgen. Wenn Abigail ihn vor dreißig Jahren verlassen haben soll und er anscheinend nie über sie hinweggekommen war, dann musste es wahre Liebe gewesen sein.
Jane versuchte grob zu rechnen und kam zu dem Schluss, dass selbst wenn Abigail nicht Selbstmord begangen hätte, dass sie jetzt in einem so hohen Alter wäre. Er hätte also so oder so sich mit ihrem Tod beschäftigen müssen.
Überfordert damit, was sie machen sollte, stand sie auf und folgte ihm langsam. Sie fand keine Worte, weswegen sie von hinten ihre Arme um ihn legte und ihre Wange an seine Schulter schmiegte. Jane wusste, dass sie es langsam angehen wollte. Immerhin wusste sie vor ein paar Stunden nicht mal, ob sie noch etwas mit ihm zu tun haben wollte. Aber sie hatte das Gefühl, dass er die Umarmung brauchte. Als sie seine Wärme an ihrem Körper spürte, wusste sie, dass sie es auch brauchte. Für einige Minuten hielten die beiden diese Position ein, bis sich Henry vorsichtig von ihr löste.
„Wir sollten schlafen gehen.“ Es musste jetzt schon um drei Uhr nachts sein.
Sofort nickte Jane, als sie seine müden Augen erblickte. „Schlaf gut.“

Langsam öffnete Henry seine Augen. Beinah wären sie wieder zugefallen. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen. Trotzdem musste er aufstehen. Als er sich auf die andere Seite drehen wollte, spürte er einen warmen Atem an seiner Schulter. Vorsichtig schaute er hinter sich und bemerkte, dass Jane nah hinter seinem Rücken in eine Decke gekuschelt war. Zwar berührte sie ihn nicht, dennoch merkte er die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Sie hatte sich anscheinend in der Nacht noch zu ihm geschlichen. Ein schmales Schmunzeln kam auf seine Lippen, bevor er sich ruhig aufsetzte. Müde fuhr er sich durch die Haare, bevor er wieder zu Jane schaute. Auch wenn sein eigentlicher Plan gewesen war in der letzten Nacht zu sterben, hatte er insgeheim gehofft, wieder neben ihr aufzuwachen.
Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, bis er vom Bett aufstand, sich Kleidung für den Tag raussuchte und ins anliegende Bad ging.
Während er sich fertig macht, überprüfte er immer wieder, ob sie aufgewacht war. Als sie endlich die Augen öffnete und zu ihm ins Bad sah, zwinkerte er ihr einmal zu, bevor er sich auf das Umziehen konzentrierte.
„Jane.“
Ein Rascheln drang aus dem Schlafzimmer bis in Bad. Müde rekelte sich Jane im Bett, bis sie auf dem Rücken lag und sie ihn überkopf beobachtete. „Hm?“
Angezogen trat er zum Türrahmen und lehnte sich an diesen an. „Ich weiß, dass wir beide sehr viel für einander empfinden. Jedoch sollten wir es langsam angehen lassen.“ Er stockte dann. „Also… falls du es noch einmal versuchen willst.“
Sofort hob Jane ihre Mundwinkel. „Ja, ich will…“ Schnell drehte sie sich zurück auf den Bauch, um ihn richtig herum zu sehen. „Und das wäre schlau… Das letzte Mal haben wir einiges überstürzt.“
„Wir müssen beide, über das was passiert war, nachdenken.“ Daraufhin lief er langsam zu ihr und setzte sich auf das Bett. Jane musste ihren Herzschlag unter Kontrolle bringen. Auch wenn ihre Gefühle ihm gegenüber noch sehr verwirrt waren, könnte sie sich jetzt liebevoll auf ihn stürzen. Aber das meinte er wahrscheinlich mit ‚langsam angehen‘. Beinah wäre so sehr in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie nicht gehört hätte, was er sagte.
„Und ich weiß nicht, ob du es willst. Aber wir könnten mit kleinen Dates anfangen.“
„Das würde mir gefallen.“
Als auch bei ihm ein Schmunzeln aufkam, atmete Jane erleichtert durch. „Okay, dann ist es beschlossen.“
Sie nickte. „Okay. Ich habe das Gefühl, dass ich erst mal dein ganzes Leben aufholen muss. Du könntest vielleicht jeden Tag eine Geschichte erzählen.“
Überrascht grinste er. Das fragt ihn anscheinend nicht jeder. „Können wir gern so machen.“

Nervös überprüfte Maura, ob wirklich alles in ihrem Büro aufgeräumt war. Wenn sie jetzt wirklich ihre Auszeit starten wollte, dann sollte sie alles ordentlich hinterlassen. Dadurch könnte sie auch schneller wieder in die Arbeit reinkommen. Immer wieder ging sie ihre To-Do-Liste durch, um sicher zu gehen, dass sie alles erledigt hatte.
Lieutenant Miller hatte ihr noch nicht Bescheid gegeben, wer ihr Ersatz sein wird. Aber das wäre für den nächsten Monat nicht ihr Problem.
Gerade als sie zufrieden ihre Liste auf den Tisch legte, hörte sie Schritte auf dem Flur. Neugierig wandte sie ihren Blick zur offenstehenden Tür. Als sie jedoch Henry an ihrem Büro vorbeilaufen sah, runzelte sie verwirrt die Stirn. Zügig folgte sie ihm bis zur Türschwelle.
„Holen Sie Ihre letzten Sachen ab?“
Abrupt drehte er sich zu ihr, lief aber rückwärts weiter. „Nein, ich arbeite!“
„Ich dachte Sie haben gekündigt.“
Henry kam an seinem Büro an und stoppte, um weiter mit ihr reden zu können. „Hatte. Lieutenant Miller ist es sehr willkommen gewesen, dass ich weiter mache, da Sie jetzt auf Kur gehen.“
Maura richtete sich auf und hob ihr Kinn an. „Ich gehe nicht auf Kur. Ich nehme eine Auszeit.“
„Verständlich.“ Als Henry in sein Büro verschwinden wollte, unterbrach Maura ihn dabei.
„Wieso haben Sie sich umentschieden?“
Ohne jegliche Emotionen zu zeigen, neigte er seinen Kopf zur Seite. „Es gab eine Planänderung. Mehr nicht.“
„Aha. Wurden Sie bei ihrer neuen Stelle nicht genommen.“ stachelte Maura weiter. Er kam ihr immer wie eine entschlossene Person vor. Mit Jane hat er auch einfach Schluss gemacht. Wieso dann nicht bei seinem Job?
Überraschenderweise reagierte er nur mit einem sanften Lächeln. „Dr. Isles, es gibt noch andere Dinge im Leben, als die Arbeit.“

Von ihrem Platz aus konnte sie Korsaks Magen knurren hören. Kurz schmunzelte Jane bei dem Geräusch auf. Man konnte ihn aber auch nicht verurteilten. Es war fast 20 Uhr. Sie hatten beide kaum etwas gegessen. Wahrscheinlich würde er auch gleich nach Hause fahren. Jane blieb noch eine Zeit. Normalerweise würde sie mit Henry zu ihm fahren. Jedoch wollte sie auch nicht zu aufdringlich sein. Langsam angehen!
Als sie aus dem Augenwinkel Maura erblickte, wandte sie sich von ihrer Arbeit ab und schaute zu ihrer Freundin auf. „Hi!“
„Hey, ich würde jetzt gehen.“
Jane stand von ihrem Stuhl auf und trat näher zu ihr. „Wir sehen uns aber noch, auf wenn du auf Kur bist, oder?“
„Ich habe mich dazu entschlossen weg zu fahren.“
Sofort schossen Jane die Gedanken von Hoyt in ihren Kopf. Henry war sich unsicher, ob er wirklich tot war. Wenn Maura jetzt die Stadt verlassen würde, war sie sicher. Aber Jane konnte sie dann nicht mehr beschützen. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, nickte Jane. „Ah okay. Wohin geht’s?“
„Kalifornien. Dort sind ein paar Forensik-Konferenzen. Mich mal wieder etwa sehen lassen.“
Als sie das breite Lächeln ihrer Freundin sah, musste sie es erwidern. Es war schön sie nach dem Vorfall wieder so zu sehen.
„Ich hätte jetzt an am Strand liegen und Cocktails trinken gedacht. Das ist zumindest das, was ich unter Kur verstehen würde.“
Korsaks Stuhl knatschte, als er sich zu ihnen wandte. „Ich würde mit Kiki eine Sightseeing-Tour machen, wenn ich schon mal in Kalifornien bin.“
Bevor er noch etwas anderes sagen konnte, unterbracht Jane ihn da. „Aber mach was dir guttut!“
Maura nickte. „Danke. Wir telefonieren.“ Sie atmet aus und setzte bei einem anderen Thema an. „Dr. Morgan ist wieder da.“
Unschuldig nickte Jane. „Habe ich auch schon gehört.“
„Die Kündigung hielt lange.“
Korsak wandte sich ein. „Wir brauchen einen Gerichtsmediziner hier. Deswegen hat ihn Miller zurückgenommen.“
Sie sah zurück zu Jane und betrachtete sie für einen Moment. „Wie geht es dir damit?“
„Mir ist es relativ egal.“ Sofort bemerkte sie, wie die beiden verwirrt mit den Stirnen runzelten. Ihre Gelassenheit war zu auffällig gewesen. „Ähm…Ich meinte, er ist mir egal. Wir werden es hoffentlich professionell angehen.“
Korsak neigte seinen Kopf zur Seite. „Nichts ist professionell nachdem du ihn deine Meinung im offenen Büro gesagt hast.“
Sofort färbten sich Janes Wangen rot. Das hatte sie völlig vergessen. Henry schien es ihr einfach verziehen zu haben. Dieser Gedanke ließ kurz ihr Herz höherschlagen, bis sie sich wieder hundertprozentig an ihre Kollegen wandte. „Jetzt wo ich darüber nachdenke, war es schon etwas unfair ihm gegenüber.“
„Ihr seid quitt.“ meinte Korsak knapp.
Mit sehr wenig Interesse noch weiter über Henry zu reden, nickte Maura nur. „Du hältst mich auf dem Laufenden!“
Jane nahm sie daraufhin in den Arm. „Klar.“
„Dann bis irgendwann.“

Wie bereits erwartet, hatte sich Korsak schnell, nachdem sich Maura verabschiedet hatte, auch abgemeldet. Die meisten Kollegen in Büro hatten auch bereits die Arbeit verlassen. Jedoch zog Jane nichts nach Hause. Ihre Mum war ihr im Moment zu anstrengend. Zum einen wollte Angela, dass sie wieder mit Henry zusammen sein sollte, zum anderen verurteilte sie ihn immer noch wegen ihrer Trennung. Egal was Jane machen würde, Angela würde immer die nicht passende Reaktion wählen. Es wäre das Beste für alle, wenn wirklich niemand was von ihr und Henry zweiten Versuch erfahren würde.
Außerdem hatte sie noch ihren Fall, wo sie nicht vorankamen.
Müde blinzelte Jane die Akte an und las sich immer wieder die gleichen Zeilen durch. Sie verglich sie mit denen auf ihren Monitor.
Erst als sie ein Rascheln im Department hörte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit ab und sah sich um. Jemand musste noch hier sein. Schnell zuckte ihr Blick zu ihrer Waffe, welche neben ihr auf dem Tisch lag. Normalerweise war niemand hier um diese Uhrzeit. Jane beruhigte sich aber wieder, als Henry in das offene Büro getreten kam. Sie atmete erleichtert durch und lehnte sich nach hinten an ihren Stuhl. „Du bist‘s nur.“
Er nickte grinsend. „Ich bin es nur.“
Während er in ihre Richtung gelaufen kam, neigte sie fragend ihren Kopf zur Seite und beobachtete ihn. „Was machst du hier?“
„Ich wusste, dass du wahrscheinlich noch an eurem Fall arbeitest. Ich wollte dir etwas Gesellschaft leisten. Außerdem…“ Henry hob daraufhin eine Tüte hoch. „…hast du wahrscheinlich noch nichts gegessen.“
Wie aufs Stichwort knurrte Janes Magen, weswegen sie sich ihn rieb. „Danke.“ murmelte sie grinsend und beobachtet ihn wie er das Essen auspackte und sich ihr gegenüber setzte.
„Um was geht’s?“ fragte er und zeigte auf die Akten.
Jane nahm sich eine der Schachteln, die er mitgebracht hatte, und fing an ihre Portion zu essen. „Es wurde ein Mann gefunden, der eine Axt in seinem Brustkorb stecken hatte.“
Er öffnete auch seine Schachtel. „Verdächtige?“
„Wir konnten uns schon auf 100 Besitzer reduzieren, die so eine Axt gekauft haben. Von denen hatte niemand Kontakt mit ihm. Keine Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder. Es gibt kein Motiv. Es scheint wie ein zufälliger Mord.“
Henry rutschte mit seinem Essen in der Hand um den Tisch und betrachtete die Bilder vom Tatort. „Wie wahrscheinlich ist es, dass man alle Käufer von einer stupiden, einfachen Axt erfassen kann? Mir kommt es so vor, als hätte ich sie letztens beim Einkaufen gesehen. Wenn man auch noch in bar bezahlt, ist man nicht nachverfolgbar. Es könnte jeder sein.“
Jane atmete leise durch und rieb sich ihr eines Auge. „Ich weiß nicht weiter.“ Enttäuscht über sich selbst piekte sie in ihrem Essen rum.
Jedoch wirkte er gelassener. „Vielleicht sollten wir uns weniger auf die Axt konzentrieren.“
„Hast du eine Idee?“ In der Vergangenheit hat Henry schon oft mit seinen Gedanken geholfen.
Während er seinen letzten Bissen hinunterschluckte, zeigte er auf eins der Tatortbilder, auf jenen man deutlich die Leiche von oben erkennen konnte. „Die Axt steckt nicht tief drin. Hätte also eine Person ihn damit erschlagen wollten, hätte sie aus Affekt mehrfach zu geschlagen. Unser Opfer hat aber nur eine Eintrittsstelle und hat wahrscheinlich noch nach dem Eindringen der Axt gelebt.“
„Maura hat Verblutung festgestellt.“
„Ist gut möglich. Aber man hätte ihn retten können.“
Leicht schmunzelte Jane. „Hast du Erfahrung mit Äxten?“
Herausfordernd verengte er seine Augen, als er verstand worauf sie hinaus wollte, und lehnte sich an den Stuhl an. „Ich bin noch nicht durch eine Axt gestorben. Ich kann aber sagen, dass es nicht schön ist.“ Er zeigte erneut auf die Leicht. „Wir können also feststellen, dass der Tod entweder durch einen Wurf oder durch einen Fall der Axt zustande gekommen war.“
„Einen Fall?“
„Ich hatte einen Mord, wo eine Axt von einem Dach gefallen war und das Opfer im Kopf getroffen hat.“
Ungläubig blinzelte Jane und stellte ihre Schachtel ab. „Wie wahrscheinlich ist das?“
„Puh… Es gibt glaube keine Aufzeichnungen, wie oft sowas vorkommt.“
„Es wurde in einer Garage gefunden. Es wäre also möglich.“
Zustimmend nickte Henry und war auch mit seiner Schachtel fertig. „Dann müsst ihr nur noch überprüfen, ob er eine solche Axt besessen hat.“
Jane überlegte. „Das klingt zu einfach.“ Aber es war eine Theorie.
„Überprüfen schadet ja nicht. Ich kann auch falsch liegen.“
„Danke.“
„Kein Problem.“
Als Henry anfing ihre Reste aufzuräumen, kam Jane ein Gedanke. „Rein theoretisch. Wenn dir jemand mit einer Axt die Beine abhackt, würden sie wiederkommen, wenn du stirbst?“
Für einige Sekunden hielt er Inne, bis er sich verwirrt zu ihr wandte. „Ich habe es noch nicht ausprobiert. Aber ich denke ja.“
Sie ließ ihr Gedankenexperiment weiterlaufen. „Was passiert mit den abgehackten Beinen? Hast du dann neue und irgendwo liegen Henry Beine, oder verschwinden sie auch?“
Nun kam ein Grinsen auf Henrys Gesicht. „Ich dachte nicht, als du gefragt hast, ob ich Geschichten von meinem Leben erzählen könnte, dass du solche meintest.“

„Wenn du an Krebs stirbst, hast du nach deinem Tod immer noch Krebs oder ist es auch weg?“
Was am Anfang noch süß und interessiert gewirkt hatte, reizte nun Henrys Nerven. Dennoch versuchte er jede ihrer Fragen zu beantworten, auch wenn er selbst keine Ahnung hatte.
„Ich war noch nie wirklich krank, außer einer gelegentlichen Erkältung. Ich denke, dass ich immun gegen vieles bin.“ murmelte er müde und schob sein Fahrrad neben sich her.
Jane ließ ihre Hände in ihre Hosentaschen gleiten. Mit einem verschmitzten Grinsen sah sie zu ihm auf und stieß ihn gegen seinen Ellenbogen. „Du denkst, dass du gegen Krebs immun bist, aber nicht gegen Grippeviren?“
Er musste wegen ihrer Feststellung auch lächeln. „Unterschätze Viren nicht.“
Sie kicherten leise in der leeren Straße und kamen an Janes Auto an. Während sie über eine andere Frage nachdachte, betrachtete sie seine dunklen Augen, in jenen sich die Laternenlichter spiegelten. „Wenn du nackt stirbst, hast du dann Kleidung an, wenn du im Wasser auftauchst?“
Das wurde Henry etwas zu absurd. „Sei doch leise.“ Aus Reflex legte er seine Lippen auf ihre, sodass sie nichts weiter sagen konnte. Für einen Moment genossen es beide, bis sie es gleichzeitig realisierten und verlegen sich wieder entfernten.
Jane stammelte undeutliche Sätze, bis Henry sie unterbracht. „Sorry. Wir sollten es langsam angehen.“
Unruhig fuhr sich Jane durch ihre Haare und starrte auf den Boden. „Ja…“ Zögernd sah sie zu ihrem Auto. Es war merkwürdig ihm so weit zu sein. Bevor sie sich getrennt hatten, hätte er sie sofort zu sich eingeladen. Aber jetzt? „Wir sehen uns morgen.“
Er nickte zustimmend. „Bis morgen.“

Eine Woche war vergangen. Maura war gut in Kalifornien angekommen und zu Janes Erleichterung besuchte Maura auch den Strand, als nur in irgendeiner Messe zu hocken. Vielleicht vergaß sie auch nach der Auszeit, dass sie einen Wettstreit mit Henry führte. Sie war froh, dass Henry nicht auf Mauras Stichelleien einging. Wer wusste, was sonst in der Gerichtsmedizin passieren würde.
Zwischen ihr und Henry lief es gut. Es war jedoch anstrengend ihre Beziehung geheim zu halten. Korsak würde Fragen stellen, wenn sie zu viel Zeit mit Henry in der Gerichtsmedizin verbrächte. Sie haben auch ausgemacht, dass Jane nicht bei ihm übernachten würde. Die meiste Zeit funktionierte das gut. Jedoch war es auch einmal vorgekommen, dass sie einfach eingeschlafen sei.
Seitdem Maura in ihrer Auszeit war, hatten Jane und Korsak den Fall mit der Axt beendet. Henry arbeitete bereits an der Leiche zu ihrem neuen Fall.
Ungeduldig schaute Jane zur Treppe und wartete auf Henrys Ergebnisse. Solche Gespräche waren Janes einzige Chance ihn zu sehen ohne sich vor Korsak erklären zu müssen.
Jedoch richtete sie ihre Aufmerksamkeit zum Eingang des Büros, da diese mit einem lauten Quietschen aufgegangen war. Verwirrt runzelte sie ihre Stirn, als ihre Mutter hineintrat und zielstrebig zu ihrem Tisch gelaufen kam.
„Ma, was machst du hier?“ fragte Jane müde und schwenkte einmal ihren Kaffee.
Mit einem breiten Lächeln legte sie ihr eine Tüte auf den Schreibtisch. „Ich habe dir ein Frühstück mitgebracht. Seitdem du jeden Abend bei Maura bist, habe ich keinen Überblick mehr, ob du etwas gegessen hast.“
Sofort trat sie die Tüte von ihrem ersten Frühstück, welches Henry ihr besorgt hatte, weiter unter dem Tisch. Gleichzeitig spürte sie Korsaks Blick auf ihr ruhen. Er wusste, dass sie nicht bei Maura sein konnte.
„Ich bin alt genug, um mich selbst zu versorgen.“
„Eingeschnappt verschränkte Angela ihre Arme vor der Brust. „Nicht mal dankbar kann meine Tochter sein.“
„Doch, Ma. Ist sehr lieb von dir.“ Ohne weiter zu zögern, stand Jane auf und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange.
Überrascht blinzelte ihre Mum. „Das war unerwartet.“
„Hast du mir auch etwas mitgebracht?“ drang Korsaks Stimme von seinem Tisch aus zu ihnen. Angela wandte sich mit einem Grinsen zu ihm, bevor sie eine zweite Tüte hochhielt. „Natürlich.“ Daraufhin ging sie zwei Schritte weiter zu Korsak und übergab ihm die Tüte.
Während Jane ihr Lunchpaket durchschaute, meinte sie murmelnd: „Trotzdem kommt es mir wie ein Vorwand vor.“
„Jane Clementine Rizzoli, eine Mutter kann sich immer nach ihren Kindern erkundigen!“
Innerlich zuckte Jane bei der Nennung ihres vollständigen Namens zusammen. „Bitte sprich nicht diesen schrecklichen Namen aus.“ Als sie ihre Augen von den geschmierten Broten abwandte, bemerkte sie, dass Henry auch nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war. Schnell musste sie sich ein Schmunzeln unterdrücken.
„Was hast du gegen ihn? Clementine ist ein traditionsreicher Name.“ Bei seinem Kommentar musste sie sich keine Mühe mehr geben ihn genervt anzuschauen.
Bevor Jane etwas sagen konnte, wandte sich Angela sofort ein und stellte sich beschützend zwischen die beiden.
„Sie sind mal ganz leise! Was Sie mit Jane gemacht haben, war inakzeptabel.“ Sie machte eine wedelnde Bewegung mit ihren Händen. „Husch, zurück mit Ihnen in den Keller.“
Verwundert zog Henry seine Augenbrauen zusammen. „Husch?“ Sein Blick zuckte an Angela vorbei zu Jane, wodurch sie kurz Augenkontakt hielten. „Ich weiß, dass es falsch war, wie ich Jane behandelt habe.“
Provozierend stemmte Angela ihre Arme auf ihrer Hüfte auf. „Und wieso sind sie hier?“
Noch verwirrter ließ Henry demonstrierend seinen Blick durch das Büro laufen. „Ich… arbeite hier?!“ Daraufhin gab er Jane den fertigen Bericht der Obduktion. Angela konnte nicht etwas hinzufügen, da er sich wieder von ihnen abwandte und zurück zur Treppe lief. Als Jane aber ein kurzes Schmunzeln auf seinem Gesicht sah, während sie für eine Sekunde Augenkontakt hielten, wusste sie, dass Angela ihn nicht beleidigt hatte.

Müde saß Jane auf ihrem Bett und hatte sich an die anliegende Wand gelehnt. „Es tut mir so leid… Mum hätte sich nicht so äußern dürfen.“ Sie presste ihr Telefon an ihr Ohr und ließ ihren Blick nervös durch ihr Zimmer laufen.
„Jane, ich habe schon schlimmere Dinge gehört. Mach dir darüber keine Sorgen.“ beruhigte Henry sie.
„Wie können wir das nur regeln?“
„Offiziell daten wir noch. Es muss keiner von unserer Beziehung erfahren.“
„Ja, aber stört es dich nicht, dass alle dich wegen mir anfeinden.“
Als würde er mit den Schultern zucken, machte er eine Pause. „Es ist halt so. Wir sollten aber auch noch nicht jedem erzählen, dass wir es nochmal versuchen. Das würde momentan nichts besser machen.“
„Stimmt schon.“
„Ich muss jetzt noch die Ratte füttern.“
Überrascht durch den Themenwechsel, blinzelte Jane wacher auf. „Klingt wie eine Ausrede.“ Kurz kicherte sie. „Wolltest du sie nicht freilassen?“
„Wollte ich, aber sie wollte nicht. Sie ist nicht weggerannt. Ich habe es dann nicht übers Herz gebracht, sie zurückzulassen.“
Jane konnte nur grinsend den Kopf schütteln. „Wenn du sie behältst, braucht sie aber einen Namen.“
„Ich habe über den Namen ‚Sir Percival‘ nachgedacht.“
Er überraschte sie immer wieder. „Ehm… Ich hoffe, dass du niemals für ein Kind einen Namen aussuchen darfst.“
„Wieso das?“
„Deine komischen Ideen und Mas Namengeschmack würden zu nichts Gutem führen.“ murmelte Jane lachend. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was für Vorschläge da zustande kommen.
„Sir Percival ist ein Ritter der Tafelrunde. Ich würde mein Kind nicht nach einer Sagenfigur benennen. Aber für eine Ratte ist es okay.“
Jane konnte sich nicht erklären, wie sie zu diesem absurden Thema gekommen waren und konnte darüber nur lachen. Hoffentlich hörte ihre Mum sie nicht.
„Ich finde deinen Namen übrigens nicht schlimm. Auch wenn Clementine für die Gnädige und Sanftmütige steht, was nicht wirklich-“
„Hey! Du bist doch doof.“ unterbrach Jane ihn, weswegen er jetzt auch lachte.
Jetzt wo sie schon mal beim Thema waren, wollte Jane ihn etwas fragen. Es war wichtig für ihre zukünftige Beziehung.
Nervös wickelte sie eine ihrer Haarsträhnen um ihren Finger. „Willst du eigentlich Kinder haben?“
Er ließ eine Pause, als würde er überlegen. „Ich weiß nicht. Ich hatte Abe und… ich liebe ihn über alles. Ich bin schon neugierig, ob man sein leibliches Kind anders liebt. Aber Kinder sind nicht unbedingt auf meiner Liste. Eigentlich wollte ich meinen letzten Tod haben. Aber das hat ja nicht funktioniert.“
„Ich vergesse immer wieder, dass du Vater bist.“
„Abe ist ungefähr 1944 geboren. Man sieht es uns nicht an. Da kann man es vergessen. Er wurde schon so oft als mein Vater angesprochen. Wir haben uns aber daran gewöhnt.“
Bei der Vorstellung musste Jane wieder leicht schmunzeln. „Ich habe ihn noch nicht getroffen.“
„Du wirst es. Jetzt wo ich anscheinend länger in Boston bleibe, wird er wahrscheinlich nachkommen.“
Seine Worte ließen ihre Wangen erröten. Er blieb wirklich hier. „Freu mich drauf.“
Durch eine kurze Stille hatte Jane Zeit zu ihrer Uhr aufzusehen. Fast 23 Uhr.
„Willst du Kinder haben?“ Eigentlich hätte sich Jane es denken können, dass er die Frage erwidern würde.
Zögernd überlegte sie wie sie es sagen sollte. „Ich war schon mal schwanger gewesen. Ich habe es aber durch einen Schuss verloren.“ Auf keinen Fall würde sie erzählen, dass das Baby von Casey war. Wer weiß, wie er dabei reagieren würde.
„Oh… Es ist eins der schrecklisten Dinge, das einer Person passieren kann.“
Nervös knabberte sie an ihren Fingernägeln. „Ja… Ich weiß nicht, ob ich es nochmal probieren wollen würde.“
„Verständlich.“
„Außerdem weiß ich nicht, ob ich eine gute Mutter wäre.“
Sofort kam ein Widerspruch von ihm. „Das kannst du nicht wissen. Für jedes Elternteil ist es eine unbekannte Mission und niemand weiß, worauf er sich wirklich einlässt beim ersten Kind.“
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und blieb deswegen ruhig.
„Aber du willst es nicht. Das ist ein vollkommen solider Grund.“
Als Jane wieder stumm blieb, merkte sie wie er auf der anderen Seite des Telefons unruhiger wurde. „Tut mir leid, falls das beleidigend rüberkam.“
„Du musst dich nicht entschuldigen.“ Leise atmete sie durch. „Ma versucht schon seitdem ich mit meiner Ausbildung fertig war, dass ich ihr endlich ein Enkelkind schenke. Es… stresst mich. Vor allem wenn sie jeden Mann fragt, wann er mit mir ein Kind zeugt.“
„Deswegen die Frage beim Grillen.“
„Ja…“
„Ich wäre auch ohne Kinder mit dir glücklich.“
Langsam hoben sich Janes Mundwinkel wieder. Bevor sie etwas sagen konnte, hörte sie Stimmen von draußen kommen. Kurz schob sie sich an der Wand hoch und schaute aus dem Fenster. Ein Pärchen lief auf der Straße entlang. Da es sie wenig interessierte, wandte sie sich schnell wieder an Henry.

Das Pärchen lief Hand in Hand über den Fußweg, bis sie an ihrem Haus ankamen. Es war nur wenige Häuser von Jane entfernt, trotzdem kannte Jane sie nicht.
Vergnügt gab sie ihn immer wieder einen Kuss auf die Wange, während er versuchte seinen Schlüssel aus der Tasche zu kramen und den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ab und zu flüsterte sie ihm zu, was sie gleich mit ihm machen würde, wenn sie im Schlafzimmer waren. Das half ihm zwar nicht beim Aufschließen, aber es steigerte seine Lust um einiges.
Als die Tür endlich auf war, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken, weswegen sie unkoordiniert in das Haus stolperten. Gerade als die Tür ins Schloss fiel, bildete er sich ein eine Art Teaser-Geräusch zu hören. Wahrscheinlich war es nur der Kühlschrank, der mal wieder brummen würde.
Daraufhin richtete er seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf seine Frau.
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