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Societas et Solitudo - The Story of Boston

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Romance / P18 / Het
Angela Rizzoli Frank Rizzoli jr. Jane Rizzoli Maura Isles Vince Korsak
12.05.2022
28.09.2022
5
57.618
3
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Dieses Kapitel
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12.05.2022 10.270
 
Leise Radiostimmen rauschen durch den Raum. Es war kurz vor 8 Uhr. Die immer gut gelaunten Moderatoren prasselten mit ihren Berichten auf ihre Zuhörer ein, welche vermutlich gerade beim Aufstehen oder schon auf dem Weg zur Arbeit waren. Jedoch interessierte sich Detective Jane Rizzoli weder für den Verkehr auf den morgendlichen Straßen von Boston noch wie es den Zuhörern ging. Hoffnungsvoll rufen diese den Radiosender an, nur um über ihren kommenden Tag sprechen zu können. Jane hatte noch nie verstanden, wieso man so etwas tun sollte. Wen interessierts? Wahrscheinlich nicht mal den Radiomoderatoren.

In Gedanken versunken liefen ihre trägen Augen über das mit Klebezetteln zugeklebte Whiteboard. Seit Stunden versuchte sie einen Schritt weiter in ihrem Fall zu kommen. Niemand hatte sie seit letztem Abend gestört gehabt. Niemand wusste aber auch, dass sie sich in diesem Büro aufhielt. Normalerweise teilte sie sich einen Raum mit weiteren Kollegen, wo sie nur einen Schreibtisch besaß. Jedoch befand sich dieses Büro, in dem sie sich gerade befand, im Untergeschoss des Bostoner Police Department, um genauer zu sein in der Gerichtsmedizin. Seit Tagen hatte sie sich dort aufgehalten und war zwischenzeitig nur selten nach Hause gefahren. Höchstens zum Duschen.

Ihre Augen bewegen sich über das Foto, welches an dem Whiteboard angehangen war. Eine Frau im besten Alter mit langen, dunkel blonden Haaren, die seichte Wellen schlugen. Maura Isles war kein normales Opfer von Detective Rizzoli. Seit fast zwei Monaten war ihre beste Freundin und Kollegin wie vom Erdboden verschluckt. Ohne eine Anmerkung oder Kommentar, kam sie von dem einen Tag auf den anderen nicht mehr zur Arbeit. Keine Reaktion auf Anrufe. Jane wusste, dass Maura nicht einfach verschwinden würde. Es war nicht ihre Art. Wenn sie weggehen wollte, dann würde sie ordnungsgemäß eine Kündigung verfassen und sich bei ihren Kollegen abmelden. Außerdem wüsste Jane über ihre Pläne Bescheid. Es kam ihr zu merkwürdig vor, um es unbemerkt zu lassen.

In den ersten Wochen ihrer Suche kamen sie und ihre Kollegen zu dem Schluss, dass es keine Videobilder von Maura gab, die ein Zeichen von einer Entführung abbildeten. Jedoch waren einige Mitglieder des Ermittlungsteam eher darüber besorgt, dass das Department nun nicht mehr über eine Gerichtsmedizinerin verfügte. Andere Mordfälle blieben wochenlang bis zu diesem Tag liegen. Jane interessierte sich nicht für die Gerüchte, dass es bald einen neuen Gerichtsmediziner geben würde. Sie war entsetzt, dass es anscheinend niemanden interessierte, dass Dr. Maura Isles verschwunden war.

Ihre Beine schmerzten vom vielen Stehen, weswegen sie diese leicht einknicken ließ. Ihre schwarze Stoffhose passte sich geschmeidig der Beinform an. Mit schwachen Fingern fuhr sie durch ihre leicht angefetteten, schwarzen Haare. Sie versuchte diese zu richten, jedoch fielen immer wieder einzelne Locken in ihr Gesicht. Schnell streifte sie sich einen Haargummi von ihrem Handgelenk ab und band sich einen Pferdeschwanz, sodass sie nicht mehr durch ihre Locken gestört werden konnte.

Sie hörte Schritte vor dem Büro, war aber zu müde ihre Aufmerksamkeit umzuwenden. Ganz genau kannte Jane diese Schritte. Schwer und langsam. Ein leichtes Schlürfen hörte man auch. Die Tür des Büros stand offen, weswegen die Person keine Schwierigkeiten hatte hineinzukommen.

„Du bist schon lange hier drin.“ Die tiefe, bassige Stimme ihres Partners traf sie wie eine Morgendusche. Ihr Augen schreckten auf und sofort konnte sie klarer sehen. Ohne sich umzudrehen, konnte sie orten, dass Detective Vince Korsak weiter in den Raum trat und auf sie zu kam.

„Du hast gar nicht das Sandwich gegessen, was ich dir gestern gebracht hatte!“ Korsak war der Einzige, der von Janes Aufenthaltsort wusste.

Jane schaute links von sich zum Schreibtisch, wo der Teller mit mehreren belegten Broten stand. Keins war in den letzten Stunden angefasst worden.

„Ich hatte keinen Hunger.“ flüsterte sie mit einem trockenen Hals und räusperte sich sofort. Ihre Stimmbänder fühlten sich eingerostet an.

„Wie auch die letzten Tage…“ murmelte Korsak und ging zum Schreibtisch. Aus dem Augenwinkel konnte Jane beobachten, wie der ältere Detective mit breiten Schultern und Gewichtsproblem sich ein Sandwich nahm.

Genervt durch die Situation und dem fehlenden Schlaf rollte sie die Augen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder zum Whiteboard.

„Lass das Whiteboard in Ruhe, Rizzoli! Wir haben einen Fall!“ nuschelte Korsak mit vollem Mund und rieb sich gleich darauf seinen Lippen trocken. Jane schloss die Augen und ballte ihre Hände zu Fäusten, da sie von ihm aus ihren Gedanken gerissen wurde.

„Und wir haben keine Gerichtsmedizinerin.“ stellte sie mit gereiztem Ton da.

Egal, wie gestresst Jane mit Korsak redete, er blieb stets ruhig, sowie jetzt auch. „Doch haben wir!“ Neue Wut entfachte in Jane, weswegen sie sich ruckartig zu ihm umdrehte. Ihr Pferdeschwanz schwang von der einen Seite zur anderen. „Maura ist nicht mal zwei Monate verschwunden. Wir sollten uns lieber auf die Suche nach ihr machen, als einen neuen Gerichtsmediziner zu suchen.“

Korsak hielt Augenkontakt mit ihr. Jedoch nicht lange, bevor er seine Augen schloss und das Sandwich aufaß. „Ich weiß, dass Maura dir viel bedeutet. Mir auch. Aber wir müssen weitermachen!“ Als er lautstark den letzten Bissen des Sandwiches runterschluckte wandte er sich zurück zur Tür. „Deswegen ist vorübergehend ein Gerichtsmediziner frisch aus New York eingetroffen. Gestern hatte er sein Bewerbungsgespräch und wird sofort eingesetzt.“

Jane schnaubte verachtend und verschränkte ihre Arme ineinander.

„Mal schauen, wie sich Dr. Henry Morgan so schlägt.“ meinte Korsak, um sie zum Gehen zu animieren. Seine Kollegin rollte die Augen und griff sich ihre Jacke. „Noch ein Mann…“



Einige Stunden zuvor.

Regelmäßig tippte er mit seinen drei mittleren Fingern auf sein Handgelenk. Sein eines Bein war elegant über das andere überschlagen und er war entspannt nach hinten an den Stuhl gelehnt. Sein Blick schweifte langsam durch das Büro. Er erkannte einige Bilder auf den Kommoden. Jedes einzelne betrachtete er für einen Moment, während die Person ihm gegenüber Tasten mit der linken Hand an seinem Computer drückte. Es musste seine schwache Hand sein, weil das Tempo beim Tippen sich in Grenzen hielt. Vielleicht lag es aber auch am Alter des Lieutenants. Mit der rechten Hand hielt er außerdem seine Bewerbungsmappe.

„Sie sind ein erstaunlicher Mann, Dr. Morgan.“ kam Lieutenant Miller endlich nach einigen Minuten zur Sprache.

Dr. Henry Morgan hob etwas seine Augenbrauen an und schmunzelte charmant. „Bin ich?“

Der ältere Lieutenant nickte schwach, behielt aber seinen Blick am Bildschirm. „Ihre Bewerbung liest sich, wie eine Lobrede an sich selbst. Jahrgangsbester in Oxford, verschiedene Auszeichnungen für Ihre Arbeit als Arzt, ein sehr gutes Arbeitszeugnis von Ihrem letzten Arbeitsgeber, Besitzer eines Antiquitätengeschäftes.“

Verlegen lächelte er und fuhr sich durch seine braunen Haare am Nacken. „Naja… eigentlich bin ich nicht alleiniger Besitzer des-“

„Und dennoch wurden Sie beim Nacktbaden mitten in der Stadt erwischt.“ Die hellen Augen des Lieutenants zuckten nach oben zu Henry. „Und das mehrfach.“

Sein Herz schlug plötzlich schneller. Wäre er noch ein wenig nervöser, würde er anfangen zu schwitzen. Er nahm seine Hand vom Nacken runter und legte beide Hände ordentlich auf seinen Schoß ab. „Uhm…“ murmelte er und hielt für einige Sekunden mit dem Lieutenant Augenkontakt. „Ich kann das erklären.“ pustete er aus und kramte in seinem Gehirn nach Ausreden.

„Brauchen Sie nicht. Ich verlange nur, dass dies in diesem Department nicht passieren wird. Sie machen sich sonst noch lächerlich.“ sagte Lieutenant Miller deutlich. „Sie haben Glück, dass wir im Moment dringend einen Gerichtsmediziner brauchen. Nur deswegen sehe ich über Ihre, ich nenne sie mal, Missgeschicke hinweg.“

Henry nickte und hob dann verlegen seine Mundwinkel. „Ja, Lieutenant.“ Daraufhin stand er auf und schob den Stuhl zurück an den Schreibtisch ran, bevor er zur Tür des Büros lief.

„Dr. Morgan.“

Abrupt blieb er stehen und schaute über die Schulter zurück zu seinem zukünftigen Chef.

Dieser fuhr sich über seinen Bart um seinen Mund herum. „Haben Sie schon mal über eine Therapie nachgedacht?“

Sofort schossen Henry die Erinnerungen an seinen letzten Therapeuten ins Gedächtnis. Sein Stalker hatte sich als Therapeut ausgegeben und ihn für einige Stunden therapiert, bis er herausgefunden hatte, dass er es war, der ihn verfolgte und ihm sogar einen Mord zuschieben wollte. Henry blinzelte mehrfach und hob gestellt seine Mundwinkel nach oben. „Nein, noch nicht.“

Lieutenant Miller nickte nur und schaute zurück auf seinen Computerdesktop. „Vielleicht ziehen sie es mal in Erwägung eine zu besuchen, wenn dieses Missgeschick mit dem Nacktbaden so häufig vorkommt.“

Das Schmunzeln verschwand aus Henrys Gesicht und erwiderte das Nicken. „Ja, Sir.“

Er atmete genervt durch und verließ endlich das Büro. Seine Schultern entspannten sich und er schloss hinter sich die Tür, als er auf dem Flur angekommen war. Für einen Moment verweilte seine Hand auf der Türklinke, während er die unzähligen Polizisten und Detectives im Raum beobachtete, wie diese sich wie Ameisen wimmelten. In der Menge der verschiedenen Bewegungen fixierte seinen Blick eine bestimmte Person. Er wusste nicht, ob es daran lag, dass sie die einzige Person war, die bewegungslos an ihrem Schreibtisch saß, oder weil sie die einzige Frau war. Ihre Hände waren in ihren voluminösen, dunklen Haaren eingegraben und ein strenger Blick war auf ein Dokument auf ihrem Tisch gerichtet, welches Henry nicht erkennen konnte.

Er neigte seinen Kopf zur Seite und bemerkte, dass ihr Fuß unterm Tisch unruhig zuckte. Sie schien gestresst zu sein. Ohne Vorwarnung ergriff sie das Blatt Papier und legte es auf einen großen Stapel, welchen sie auf den Arm nahm. Im Schnellschritt lief sie mit wehendem Haar zu einer Treppe und stieg diese hinab, wodurch sie aus seinem Blickfeld verschwand.

Henry blinzelte kurz und wandte seine Aufmerksamkeit von seinen zukünftigen Kollegen ab. Seine eine Hand fuhr in seine Hosentasche und spürte sofort das kalte Metall. Es hatte sich über seinen Aufenthalt im Police Department nicht aufgewärmt. Obwohl es schon April war, hielten sich die Temperaturen noch im einstelligen Bereich auf. Er holte eine goldene Taschenuhr hervor, welches die Initiale seines Familiennamens trug. Es war ein Familienerbstück gewesen, welches von seinem Urgroßvater zu seinem Großvater, über zu seinem Vater und an ihm weitervererbt wurde. Jedoch war es bisher die letzten 200 Jahre an ihm hängengeblieben.



Conley Terminal, Boston Harbor

Ein Schwall der salzigen Seeluft drang in das Auto, als Korsak die Tür öffnete und ausstieg. Jane hielt für einige Momente Inne und ließ ihren Blick über die Kulisse schweifen. Um sie herum stapelten sich riesige, stählerne Container auf den Beton-Stegen. Vor ihr lag der Hafen und der Atlantik. Naja, um genau zu sein liegt vor ihr der Tatort.

Ein letztes Mal atmete sie durch und stieß dann die Tür auf. Langsam stieg sie mit ihren hochhakigen Boots aus dem Zivilwagen aus und schaute bereits zu ihrem Opfer. Leicht hob sie ihre eine Augenbraue, als sie die Tür zu schmiss und zu Korsak lief.

Korsak steckte sich neben ihr seine Hände in die weiten Hosentaschen und begutachtete deren neuer Fall.

Jane verschränkte ihre Arme in einander und versuchte das Objekt zu identifizieren. Von einem Kran hing ein Seil herunter an jenem eine Art Knäul gehangen war. Nur das Blut, welches langsam die Bänder rotfärbte und auf den Boden tropfte, verriet, dass dort ein Körper versteckt sein musste. Wenn man es versteckt nennen konnte. Der Tatort war nicht zu übersehen. Das Seilknäul hing wenige Meter über den Boden für jeden sichtbar und hinterließ am Boden eine Blutlache. Der Mörder hatte es nicht versteckt.

„Das sieht man auch nicht alle Tage.“ murmelte Korsak.

Neben dem Knäul war eine Leiter aufgestellt auf jener einer ihrer männlichen Kollegen in diesem Moment die Leiche versucht zu inspizieren. Jedoch drehte sich die Leiche unkontrollierbar immer wieder, wodurch ein leises Fluchen vom Kollegen bis zu ihren Ohren drang.

Jane beobachtete es skeptisch. „Was? Eine Leiche in Bungeeseilen oder der Mann, der mit dieser kämpft?“

Beide sahen über die Augenwinkel zueinander, während Korsak leise gluckste.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit zurück an den Gerichtsmediziner. Mit blauen Handschuhen tastete er die Bungeeseile ab und legte beim Drehen der Leiche eine Hand frei. Wartend lief ihr Blick weiter zu ihm. Seine ungewöhnliche Kleidung fiel besonders auf. Ihre Freundin Maura war auch immer zu schick für ihren Beruf gekleidet gewesen. Unter seinem längeren, dunklen Mantel trug er einen dunkelblauen Sako und die dazu passende Weste. Natürlich rundete eine Krawatte und ein einfaches, weißes Hemd das overdressede Outfit ab.

Als Korsak sich von ihr löste und weiter zu der Leiter lief, folgte Jane.

Kurz räusperte er sich, bevor er seine Stimmer erhob. „Was können Sie uns zu der Leiche sagen, Doc? Oder tanzen Sie noch weiter mit ihr?“ Leise kicherte er selbst über seinen Witz.

Sofort drehte der Gerichtsmediziner seinen Kopf zu ihnen um und ließ das blutige Bündel los. Für wenige Sekunden lag sein Blick auf ihnen, bevor er vorsichtig die wacklige Leiter hinunterstieg. Leicht bewegte sich sein lockiges Haar, als er zu ihnen über den Betonboden gelaufen kam. Lässig strich er die Handschuhe ab.

Grimmig betrachtete Jane ihn von oben bis unten, blieb aber stumm.

„Ich bin Detective Vince Korsak und das ist meine Kollegin Detective Jane Rizzoli. Wir ermitteln in diesem Fall.“ stellte Korsak sie vor und hielt dem neuen Gerichtsmediziner seine Hand hin. Dieser nahm sie höflich an und hob seine Mundwinkel.

„Dr. Henry Morgan.“ Seine braunen Augen zuckten zu Jane, als er ihr auch seine Hand hinhielt. Sie wusste nicht wieso, aber sie spürte sofort eine Vertrautheit, auch wenn ihr sein Gesicht unbekannt war. Zögernd starrte sie ihn an, bis sie auch seine Hand ergriff. Eine Wärme breitete sich beim Händedruck aus, weswegen sie fast zurückgeschreckt wäre.

Leicht schmunzelnd neigte er seinen Kopf zur Seite. „Sei parente di Bruna Rizzoli?“

Sofort verbreiteten sich tiefe Falten auf Janes Stirn und sie ließ seine Hand los. „Hm?“ Ihre Arme verschränkten sich erneut.

Er war anscheinend genauso verwirrt, wie sie. „Oh, tut mir leid. Ich dachte, Sie wären Italienerin.“

Jane verengte ihre Augen. „Das bin ich auch.“ Ein unangenehmer Schauer lief vor Verlegenheit über ihren Nacken. „Zumindest zur Hälfte.“ Ihre Wangen glühten und ließen Jane schwitzen. Ihre innere Hitze kämpfte mit dem kalten, äußerlichen Schauer, wodurch ein Anflug von Schüttelfrost sie überlief.

Henry behielt seinen Blick bei ihr und schluckte kurz. „Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich war nur neugierig, ob Sie Bruna Rizzoli kennen.“

Argwöhnisch schaute Jane aus dem Augenwinkel zu ihm. „Woher sollte ich sie kennen?“

„Sie haben immerhin denselben Nachnamen. Außerdem ist sie eine großartige, italienische Opernsängerin. Möglicherweise-“

Doch Jane schüttelte nur den Kopf. „Seien Sie leise! Sagen Sie lieber etwas zur Leiche!“ forderte sie und ging einen Schritt weiter auf das blutige Seilbündel zu.

Der Doktor drehte sich zurück zum Opfer um. „Richtig. Im Moment kann ich noch nicht viel sagen, außer, dass das Opfer weiblich ist und sich in echten Bungeeseilen unkontrollierbar dreht.“

Während Korsak konzentriert nickte, rollte Jane die Augen und stieß ein leises Stöhnen aus.

„Soweit wie ich es erkennen konnte, ist sie mit einigen tiefen Schnitten übersäht. Das Gesicht ist jedoch unberührt. Im Labor werde ich dann überprüfen, ob-“ setzte Henry zum Satz an, wurde aber wieder durch Jane provozierend unterbrochen. „Ist Ihnen schon aufgefallen, dass hier ein merkwürdiger Ort für einen Bungeeseilsprung ist?“

Einige Mitarbeiter des Hafens beobachteten sie von ihren Arbeitsplätzen aus.

Sie sah, wie er ruhig durchatmete. Sein Lächeln verschmälerte sich allmählig und seine Augen lagen glanzlos da. „Wie ich bereits sagen wollte, will ich im Labor überprüfen, ob die Leiche bereits tot war, bevor sie in die Seile gelegt worden war oder durch den Sturz starb. Jedoch vermute ich, dass der Tod bereits durch die vielen Schnitte eingetreten war. Dies bedeutet, dass der Täter sich bewusst für diese Darstellungsweise entschieden hat. Wahrscheinlich hat es eine tiefere Bedeutung.“

Jane verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust und rümpfte ihre Nase. „Ja, es ist aber unsere Aufgabe das herauszufinden! Machen Sie Ihre Tests und fahren zum Labor!“ Bevor Henry etwas entgegnen konnte, lief Jane an ihm vorbei, ohne ihn mit einem Blick zu würdigen, und näherte sich der Leiche.

Korsak, welcher bis dahin still geblieben war, trat weiter zu Henry. „Es ist nicht wegen Ihnen. Rizzoli hat die letzten Nächte nicht geschlafen.“

Die beiden drehten sich zur Polizistin um.

Henry runzelte nachdenklich seine Stirn. „Aber nicht genug Schlaf kann sich zu neurologischen Krankheiten entwickeln und zu Herzrhythmusstörungen führen, an welchen man sterben kann. Sie sollte den Schlaf nachholen!“

Ein tiefes Glucksen drang aus Korsaks Rachen. „Das will ich sehen, wie Sie sie zum schlafen bringen!“ Daraufhin ließ er den Doktor stehen und folgte seiner Partnerin.

Jane wurde nicht durch Korsaks Anwesenheit abgelenkt und starrte die hängende Leiche an. Eine bleiche Hand hing aus dem Knäul heraus. Sie neigte ihren Kopf zur Seite, als sie einen schwarzen Ring an ihrem Finger erkannte.

„Falls sie einen Ehemann hat, sollten wir diesen schnellstmöglich kontaktieren.“ murmelte Jane.

Zustimmend nickte ihr Partner und fuhr mit seinen Händen in seine Hosentaschen. „Ich überprüfe die Vermisstenanzeigen, bis wir wissen wer sie ist, und schaue, ob eine Anzeige mit ihr übereinstimmt.“

Sie sah wie er versuchte den Ring zu fokuszieren. Korsak wollte es zwar nicht zugeben, aber seine Sehstärke hatte über die letzten Jahre deutlich abgenommen. Stören tat es aber seiner Arbeit nicht.

„Ist dir aufgefallen, was für eine merkwürdige Farbe der Ring hat?“

Auf einmal grinste Jane verschmitzt und verengte ihre Augen. „Du solltest nicht ihren Geschmack kritisieren. Dein Ring passt nicht mal um deinen Finger!“

Sofort schreckte Korsaks Blick zu ihr um und er weitete empört seine Augen. „Stimmt doch gar nicht!“ platzte es aus ihm heraus. Grummelig wandte er sich zurück zu der Leiche und brubbelte: „Er ist nur unpraktisch bei unserer Arbeit!“

Wenig überzeugt von seiner Ausrede, schnaufte Jane belustigt, folgte seinem Blick zur Leiche. „Aber du hast recht. Es ist wirklich eine merkwürdige Farbe für einen Ehering.“

„Um genau zu sein, besteht er aus Carbon!“

Als Dr. Morgans Stimme hinter ihnen erklang, senkten sich Janes Mundwinkel abrupt und sie musste ein starkes Augenrollen unterdrücken. Als er auch noch vor ihnen trat, drehte sie ihren Kopf in die andere Richtung, um seinem Anblick zu entfliehen.

„Die meisten Menschen, so wie ich auch, bevorzugen zwar Gold, aber jeder das seine. In meiner Straße gibt es ein Juwelier, wo ich auch meine Uhr zur Reparatur abgegeben habe. Dort werden auch ähnliche Ringe verkauft.“

Genervt zog Jane ihre Augenbrauen zusammen und biss sich auf ihre Zähne. „Mr. Morgan!“

„Dr. Morgan!“ Bevor sie überhaupt die Zeit hatte darüber nachdenken, wie sie ihn vom weiteren Sprechen abhalten wollte, hatte er sie einfach unterbrochen und korrigiert.

Ungläubig starrte sie ihn an. Sie hatte Schwierigkeiten ein Augenzucken zu unterdrücken und versuchte sich unter Kontrolle zu halten „DR. Morgan. Sie sind nicht hilfreich! Machen Sie Ihre Arbeit und wir unsere!“

Ohne eine Miene zu verziehen, hielt er Augenkontakt und nickte ruhig. „Natürlich.“

Korsak sah überfordert zwischen den beiden hin und her und tippte mit seinen Fingerspitzen aneinander. „Am besten ist es, wenn wir herausfinden, wer unser Opfer ist und suchen danach ihren Mann.“

Henry bemerkte, wie Janes Pulsadern bebten. Wie auf Kommando nickten beide gleichzeitig ohne etwas Weiteres zu erwähnen.



Electronic plus, Boston

Langsam schritt Jane mit ihrem Partner in die Eingangshalle. Es fühlte sich an, als währen sie in einer anderen Welt. Zumindest war Jane aus ihrem Police Department keine Marmorböden und teure Lichtinstallationen gewöhnt. Korsak lief zum Portier und meldete ihre Ermittlung an.

Seelenruhig wollte sich Jane umblicken, während sie wartete. Doch kaum hatte sie ihren Blick gedreht, erblickte sie Dr. Morgans Gestalt neben sich. Deutlich zuckte sie zusammen und fasste sich an die Stirn. „Oh Gott, Sie sind ja auch noch da.“ Warum auch immer. Maura war nie zu den Befragungen mitgekommen. Er sollte eigentlich im Department sein und sich um die Leiche kümmern. Jane hatte ihn anscheinend so verdrängt, dass sie vergessen hatte, dass er mit im Auto fuhr.

Sie spürte seinen Blick auf ihr, würdigte ihm aber keinen Blick. Sie beobachtete den Fahrstuhl gegenüber dem Eingang, wo Menschen mit Anzügen und schicken Blusen ausstiegen.

„Es ist erstaunlich, was Sie für eine Abneigung mir gegenüber zeigen, obwohl wir uns nicht mal kennen.“ meinte er ruhig und sah rüber zu Korsak, welcher nach dem Gespräch mit dem Portier rüber gestakst kam.

Für eine Sekunde zuckte Janes argwöhnischer Blick zu ihm nach oben. Sie konnte nicht sagen, was ihr an ihm missfiel. Er scheint nett zu sein und er war nicht der Hässlichste. Vielleicht lag es auch daran. In ihrem Department musste sich Jane immer gegenüber den männlichen Kollegen beweisen. Sie entspannte ihr Gesicht und überlegte weiter. War es ihr unangenehm, dass mal jemand freundlich zu ihr war? Moment mal. Hatte er angedeutet, dass sie gemein zu ihm ist? Sofort änderte sich Janes Einsicht in Wut. „Ich bin nicht unfreundlich!“ platzte es aus ihr raus. Ihre Augenbrauen waren wieder zusammengezogen.

Henry hatte keine Chance etwas zu entgegnen. Er machte auch keine Anstalten sich zu rechtfertigen. Korsak unterbrach, bevor es von Janes Seite aus hitziger werden konnte.

„Wir dürfen nach oben.“ sagte er und wollte sich gerade zu dem Fahrstuhl umdrehen, jedoch brummte es in seiner Hosentasche. Die beiden blieben still, als er an sein Telefon ging. Für einige Sekunden murmelte er, bis er sich von ihnen abwandte und zum Ausgang lief. „Geht schon mal ohne mich hoch!“ rief er ihnen zu und verließ das Gebäude.

Janes Blick erstarrte und sie schaute entgeistert auf den Boden. Musste sie jetzt mit ihm alleine die Befragung durchführen? Sie ballte aufgebracht ihre Hände zu Fäusten und hatte nicht bemerkt, dass Henry bereits vorgelaufen war.

„Kommen Sie, Detective?“

Ruckartig folgten ihre Augen seiner Stimme. Er wartete vor der geöffneten Fahrstuhltür. Sein erwartender Blick traf sich mit ihrem. Grummelig setzte sie sich in Bewegung und stieg mit ihm in den Fahrstuhl. Henry betätigte dem Etagenknopf. Als sich die Fahrstuhltür schloss, konnte sie deutlich sein weiches Parfüm riechen. Eigentlich wollte sie es tief einatmen, unterließ es aber und wollte nicht weiter über seinen Geruch nachdenken. Immer noch genervt schaute sie zu Henry und betrachtete ihn für einen Moment. Lag es an ihr, oder wieso traf sie immer auf die merkwürdigen Gerichtsmediziner. Maura hatte auch eine sehr speziell Art. Er zeigte leider auch eine ähnliche Intelligenz. War jeder Gerichtsmediziner ein komischer Vogel?

Ihre Gedanken wurden sofort unterbrochen, als er aus dem Augenwinkel zu ihr sah. Erschrocken zuckten ihre Augen weg und starrten ertappt auf die Fahrstuhltür.

„Also, Detective…“

Ihre Gedanken lagen blank. Sie hoffte, dass er nun keinen Smalltalk halten wollte.

„… wen haben wir gleich vor uns?“

Erleichtert stieß Jane kurz Luft aus und richtete ihr Gesicht. „Bruce Williams. Er ist der Ehemann unseres Opfers Paula Williams. Jedoch hat er keine Vermisstenanzeige aufgestellt Eine Freundin von unserem Opfer kam schnell zum Department und konnte ihre Identität bestätigen.“

Henry stutzte und neigte nachdenklich seinen Kopf zur Seite. „Merkwürdig. Einem muss doch auffallen, wenn die liebste Person fehlt.“

Während sich die Fahrstuhltür öffnete, hielten sie Augenkontakt, bis es Jane zu unangenehm wurde in seine Augen zu schauen. Als sie jedoch ihren Blick nach vorne richtete, sah sie etwas was schlimmer war als Dr. Morgans Augen.

Als Henry den Schock in ihrem Gesicht sah, folgte er ihrem Blick und erstarrte ebenso.

Ein Mann mit dunklen zurück gegelten Haaren stand vor seinem Schreibtisch. Um ihn herum schlangen sich die Gliedmaßen einer Frau, welche ihn genüsslich küsste. Ab und zu drang ein leises Aufstöhnen aus ihrer Kehle, als der Mann seinen Schritt an ihr rieb.

„Anscheinend ist seine Frau nicht seine liebste Person.“ murmelte Jane immer noch erstarrt. Henry konnte nur zustimmend nicken.

Bei ihrer Stimme schreckte der Mann auf und schaute über seine Schulter. Als sie nun endlich seine Aufmerksamkeit hatten, stieß Henry ein leises „Hallo.“ aus.

Erschrocken über den Besuch, trat er einen Schritt vom Tisch weg. Zu Henry und Janes Erleichterung war er weder nackt noch hatten sie Sex gehabt.

Die Frau fuhr sich kurz über ihre Lippen und stieg vom Tisch runter. Unruhig zupfte sie an ihrem Rock.

„Was wollen Sie?“ fragte er pampig und verschränkte seine Arme vor seiner Brust. „Wer sind Sie?“

Jane ging mit ihrer Hand zu ihrer Polizeimarke und zeigte sie ihm deutlich. „Ich bin Detective Rizzoli und das ist Dr. Morgan. Wir haben ein paar Fragen an Sie, Mr. Williams.“

Sein Blick betrachtete die beiden von oben bis unten, bis er ein abwertendes „Aha.“ murmelte. „Weswegen werde ich beschuldigt.“ Nebenbei schickte er seine Angestellte raus.

Jane trat weiter in den Raum und stellte ihre Hände an ihrem Gürtel auf. „Wann haben Sie zuletzt Ihre Frau gesehen?“ Henry schlich durch das Büro und kam schließlich an der breiten Fensterfront an. Gardienen zogen sich über sie, weswegen er sie leicht zu Seite streichen musste, sodass er raussehen konnte.

„Was hat das mit meiner Frau zu tun?“ fragte Mr. William und zog verwirrt seine Augenbrauen zusammen.

Ihr Gesicht wurde weicher. „Ihre Frau wurde heute tot am Conley Terminal am Hafen gefunden.“ Als Jane aber pure Angst in seinem Ausdruck sah, wurde sie wieder strenger und durchlöcherte ihn mit ihrem Blick. Er starrte vor ihr auf den Boden und verharrte in seiner Position. Langsam lief sein Blick ihren Körper nach oben, bis sie Augenkontakt hielten. Jane runzelte ihre Stirn als er nach einigen Sekunden immer noch nicht reagierte. Ohne Vorwarnung wandte sich Mr. Williams um und sprintete zur Tür.

Henry und Jane rissen beide überrascht ihre Augen auf und rannten hinterher.

„Hey!“ rief Jane wütend. Henry war näher an der Treppe und kam als Erster im Treppenhaus an. Für eine Sekunde sah er sich um, bis er ihn ein Stockwerk höher sah und folgte ihm. Jane preschte wenige Augenblicke später hinein und nahm auch die Verfolgung auf. Lauter Atmen schallte durch das unendlich wirkende Treppenhaus.

Henry holte auf und konnte die Enden von Mr. Williams Sakko fliegen sehen. Ein lauter Knall ertönte, als hätte der Gejagte eine Tür aufgestoßen. Als Henry um die nächste Kurve hochstieg, blendete ihn sofort das Sonnenlicht, welches durch die geöffnete Tür fiel. Er spürte, wie der Wind hineinpfiff, als er näher zum Ausgang lief. Schwer atmend kam er auf dem Dach an und sah sich um. Von Mr. Williams keine Spur. Sein Blick lief über die Skyline von Boston. Wie konnte er weg sein? Im Hintergrund hörte er, wie Jane die letzten Stufen nach oben stakste. Gerade als er sich zu ihr umwenden wollte, spürte er einen starken Stoß. Beinah hätte Henry sein Gleichgewicht verloren, jedoch fing er sich schnell und riss seinen Blick auf. Mr. Williams stürzte sich erneut auf ihn und sie rangelten etwas.

Geschockt beobachtete Jane es für eine Millisekunde, bis sie ihre Waffe zückte „Aufhören!“ schrie sie. Ihre Hände waren ruhig und sie würde schießen, wenn Mr. Williams nicht locker ließ. Jedoch bewegten sie sich so schnell, dass sie auch Henry treffen könnte. Außerdem bestand die Chance, dass beide vom Rand des Daches fielen.

Mr. Williams störte sich nicht an der Waffe und zerrte an Henry, welcher versuchte so gut wie möglich dagegen zu halten.

Gerade als Henry aus dem Augenwinkel sah, wie Jane nähertrat, spürte er, dass sein Gegner in sein Hemd griff und ihn mit sich näher zum Abgrund zog. Seine Augen weiteten sich, doch Mr. Williams war stärker. Bevor Henry oder Jane reagieren konnten, verlor Henry seinen Halt. Panisch krallte er sich in Mr. Williams Arm und riss ihn mit über den Abgrund.

Erstarrt blickte Jane zu dem Dachende. Mit zitternden Händen steckte sie ihre Waffe wieder in ihren Holster und rannte los. „Mr. Morgan!“ rief sie mit bebender Stimme. Ihr Herz raste. Ihr Gerichtsmediziner konnte doch nicht am ersten Tag sterben.

Hastig rutschte sie zum Ende und krallte sich in den Rand fest. Eigentlich wollte sie nicht runtersehen. Zu sehr hatte sie Angst zusehen, was unten lag. Aber ihr Polizisteninstinkt setzte sich durch, weswegen sie vorsichtig über den Rand nach unten sah. Deutlich zuckte sie zusammen, als sich ihr Blick mit Henrys wenige Meter unter ihr traf.

Er schmunzelte leicht zu ihr nach oben und stützte sich auf der Plattform des Fensterputzers ab. „Es ist immer noch Dr. Morgan.“ Langsam fasste er sich an seinen Hinterkopf. Es war zum Glück kein Blut zu sehen. Der verstörte Fensterputzer zitterte neben ihn und hatte seinen Eimer verschüttet. Mr. Williams hockte in der anderen Ecke der Plattform und hatte seine Beine an seinen Körper gezogen.

Henry schaute rüber zu ihrem Verdächtigen und beobachtete ihn kurz, wie dieser stark bibberte. „Ich glaube er hat eine Panikattacke!“

Innerlich war sie erleichtert, dass es beiden gut ging. Und sie sollte sich auf Mr. Williams konzentrieren. Dennoch stieg Wut in ihr auf. „Was denken Sie sich einfach vor zu rennen?“ rief sie aufgebracht nach unten.

Henry konnte nur mit einem schmerzenden Kopf verwirrt zu ihr aufsehen.



Boston Police Department

Stumm verfolgten Jane und Henry, wie Korsak Mr. Williams verhörte.

Nachdem ihr Verdächtiger sich von seiner Panikattacke erholte hatte, führten sie ihn ins Department ab. Dort wurde er in den Verhörraum gebracht. Währenddessen bekam Henry etwas Eis für seinen Kopf.

Mr. Williams erklärte seit einigen Minuten, dass er seine Frau nicht umgebracht hätte.

Jane verschränkte ihre Arme vor ihrem Bauch. „Er wird garantiert verurteilt.“ Ihr Blick zuckte zu Henry. Er sah nachdenklich auf den Boden und legte langsam seinen Eisbeutel ab.

„Sie sehen nicht begeistert aus.“ stellte sie fest.

Deutlich sah sie, wie er mit seiner Antwort zögerte. Henry neigte seinen Kopf zur Seite und schaute zurück zu Mr. Williams. „Was hat er für Motive?“

Tief atmete Jane durch. Sie verstand immer noch nicht, warum er so interessiert an den Ermittlungen war. Maura hatte sich nie in den Fall eingemischt. Vor allem hatte sie nicht solche brenzlichen Situationen wie Mr. Morgan verursacht.

„Er hat keine Vermisstenanzeige aufgestellt und er hat eine Affäre. Außerdem ist er vor uns geflohen. Er wollte Sie von dem Haus stürzen!“

Doch Henry runzelte seine Stirn. „Er ist nur geflohen, weil er keine Chance sah zu gewinnen. Wir haben ihn mit seiner Affäre erwischt. Er hatte keine andere Möglichkeit.“

Jane zog ihre Augenbrauen zusammen. „Er wollte Sie umbringen und hätte es beinah geschafft, hätte euch kein Fensterputzer aufgefangen.“

„Er war panisch. Er wusste, wie es aussieht und wird dafür jetzt hinter Gitter gebracht.“

„Verteidigen Sie ihn?“

Ruckartig wandte er seine braunen Augen zu ihr um. „Es ergibt keinen Sinn!“

Sie spürte deutlich, wie seine Gedanken rasten. Bei ihr pulsierte nur Blut. „Was macht keinen Sinn? Er musste seine Frau umbringen, um etwas mit seiner Assistentin anzufan-“ Doch sie merkte, wie er desinteressiert seinen Blick zurück zur Scheibe drehte. „Hören Sie mir überhaupt zu?“

„Er trägt keinen Ring.“ flüsterte er und fixierte seinen Blick auf der Hand von Mr. Williams.

Immer noch sauer, dass er ihr nicht zugehört hatte, folgte sie seinem Blick. Aber sie zuckte nur mit den Schultern. „Viele Männer tragen keine Eheringe. Vor allem-“ Erneut ließ Henry sie mitten im Satz stehen und stürmte aus der Tür raus. „HEY! WAS MACHEN SIE?“

Im nächsten Moment sah sie, wie Henry in den Verhörraum platzte. Korsak schreckte auf, konnte aber nicht so schnell reagieren, wie Henry den schwarzen Carbon Ring in einem Tütchen auf Tisch legte. „Haben Sie diesen Ring schon mal gesehen?“

Henry erkannte deutlich, wie aufgelöst Mr. Williams war. Dieser verzog seine Stirn und betrachtete verwirrt den Ring. „Nein… Wieso fragen Sie?“

Ohne auf die Frage zu antworten, fuhr Henry fort. „Könnte es ein Ring Ihrer Frau sein?“

Mr. Williams schüttelte den Kopf. „Paula trägt eher Silber. Sie hat keinen schwarzen Schmuck, vor allem keine Ringe.“

Er schaute dem Verdächtigen mit einer ruhigen Miene ins Gesicht. „Sicher?“

Bevor Mr. Williams antworten konnte, stand Korsak schnell von seinem Stuhl, wodurch dieser fast umgekippt wäre. „Was tun Sie da, Dr. Morgan?“

Schnell sah Henry zum älteren Detective. „Ich wollte nur-“

„Detective Rizzoli hatte Recht, dass Sie sich auf Ihre Arbeite konzentrieren sollten.“

Für einige Sekunden hielten sie schweigend Augenkontakt, bis Henry den Ring aufnahm und wie ein gestraftes Kind den Raum verließ.

Unsicher sah Jane ihm nach, bis er aus ihrem Sichtfeld lief.



Nachdenklich betrachtete Henry den aufgeschlitzten Körper auf seinem Obduktionstisch. Nur die Lampe über seinen Tisch erhellte den sonst dunklen Raum. Niemand war mehr um diese Uhrzeit in der Gerichtsmedizin. <<<<

Langsam zog er das Leichentuch über den Körper der Frau und begann sein Obduktionsbesteck zu reinigen. Er lehnte sich an eine Tischkante und desinfizierte sein Besteck. Eigentlich müsste er die Leiche fertig für den Abtransport machen. Mr. Williams wird höchst wahrscheinlich als Mörder seiner Frau angeklagt und verurteilt. Doch Henry zweifelte immer noch. Aber anscheinend hatte niemand dasselbe Bauchgefühlt wie er.

Neben dem Klirren seiner Messer hörte er vorsichtige Schritte die Treppe runterkommen.

„Was tun Sie noch hier?“

Sofort erkannte er Detective Rizzolis Stimme.

„Ich arbeite.“ meinte er ohne sich zu ihr umzudrehen. Sein Blick lag immer noch auf dem weißen Tuch der Leiche.

Die Schritte kamen näher, bis Jane schließlich neben ihm am Obduktionstisch ankam. „Jetzt noch?“

Er erwiderte nichts, sondern wedelte mit dem einen sauberen Messer nur zur Leiche. „Wieso sollte ein Mörder sein Opfer an einen Ort platzieren, wo er von seiner größten Angst konfrontiert wird?“

Erschöpft stieß Jane einen Atemzug aus. „Sprechen Sie von Mr. Williams ‚Höhenangst‘?“

Sein Blick zuckte zu ihr um. Sie trug ihre Haare nun offen. „Er hatte nicht nur Höhenangst. Er hatte eine Panikattacke und hätte sich wahrscheinlich ein anderes Ende für seine Frau ausgesucht.“

„Mörder denken nicht rational. Wenn Mr. Williams wirklich seine Frau hätte umbringen wollen, dann hätte er es auch gemacht!“

Doch Henry neigte nur nachdenklich seinen Kopf zur Seite. „Aber auch auf diese Weise? Ich habe noch nie bei einem Mord, der aus Liebe begangen wurde, solche eine Brutalität gesehen. Diese Inszenierung passt nicht zu seinem möglichen Motiv. Außerdem passt der Ring nicht dazu.“

„Was meinen Sie?“

„Wir haben vermutet, dass der Carbon-Ring der Ehering sei. Jedoch erkannte Bruce Williams den Ring nicht. Vielleicht wurde er von dem Mörder platziert.

„Sie wissen schon, wie unwahrscheinlich das ist.“

Pause. Henry wandte sein Gesicht komplett zu ihr und trat näher an die Leiche. „So wahrscheinlich wie das hier?“ Dabei zog er die Decke wieder ab und entblößte den Körper.

Verwirrt ließ Jane ihren Blick über den Körper schweifen, bis Henry fortfuhr.

„Mir ist es erst nicht aufgefallen, da die Wunde durch die vielen Schnitte kaum zu erkennen war. Aber dem Opfer wurde die Gebärmutter vor ihrem Tod entfernt.“

Abrupt ging Jane einen Schritt zurück. Ohne darauf zu achten sprach er weiter und wandte seinen Blick auf die Leiche.. „Es ist sehr merkwürdig. Dieser Eingriff und ihn dann zu vertuschen war viel zu aufwändig für einen normalen Mord. Er hat eine zu große Symbolik.“

Aufgeregt zuckten Janes Hände und sie spürte einen kalten Schauer auf ihrem Rücken. Übelkeit kam auf. „Weil es kein normaler Mord war!“

Nun war Henry verwundert und schaute wartend zu ihr auf.

Jane fuhr sich einmal durch ihre Haare und in ihren Handflächen kam ein Stechen auf.

„Vor ein paar Jahren hat es angefangen. Ein Mann wurde gefesselt und tot in seiner Wohnung gefunden. Die Frau wurde später an einem Ort gefunden. Nachdem sie vergewaltigt wurde, wurde ihre Gebärmutter entnommen. Charles Hoyt entführte Frauen, nagelte sie an den Boden und ermordet alle. Naja…“ Sie hielt ihre vernarbte Hand hoch, wodurch Henry einen deutlichen, weißen Riss in ihrem Handteller erkannte. „Fast alle.“ endete sie flüsternd. Er trat näher zu ihr und nahm ihre Hand in seine. Vorsichtig strich er über ihre Narbe und betrachtete diese. Sie erkannte seinen Schock, aber er blieb ruhig.

„Wir dachten eigentlich, dass er tot sei, aber…“ Jane blickte zurück zur Leiche und sagte fast tonlos: „…anscheinend nicht.“ Sie schüttelte den Kopf, um reine Gedanken zu bekommen. „Es klingt wahrscheinlich verrückt. Aber… meine beste Freundin Maura ist verschwunden.“ Während sie sprach holte sie ihr Portmonee heraus und zeigte ihm ein Bild von ihr und Maura. „Ich vermute, dass ihr etwas zugestoßen ist und jetzt wo ich weiß, dass es Hoyt sein könnte, habe ich Angst, dass er sie hat. Und das vermutlich wegen mir.“ Verzweiflung stieg in ihr auf. Ihr Herz raste.

„Wegen Ihnen?“

„Ja. Ich bin die Einzige, die ihm entfliehen konnte. Und das stört ihm gewaltig. In der Vergangenheit hat er schon oft versucht mich zu bekommen.“ Ihre Stimme verschnellerte sich und wurde leicht panisch. „Vermutlich hat er Maura etwas angetan, um sie als Köder für mich zu benutzen.“ Nun ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hätte besser auf Maura achte geben müssen. Als Henry sie jedoch ruckartig an den Schultern packte, wurde sie zurück in die Realität geholt.

„Hey! Wir wissen nicht mal, ob es Hoyt war. Es gibt einige Psychopathen, die ähnliches vorgehen würden. Außerdem ist die Herangehensweise des Mörders anders als das, was Sie mir geschildert haben.“

Jane musste nun in seine Augen sehen und versuchte sich durch ruhiges Atmen zu entspannen. Sie versuchte klare Gedanken zu formen. „Wie würden Sie jetzt weiter machen?“

Für einen Moment betrachtete er sie und ließ sie los. Er ordnete selber seinen Kopf und schluckte sichtbar. „Ich weiß es nicht.“



Leichter Niesel prasselte auf die Straßen von Boston und ließ zusammen mit den Straßenlichtern die Umgebung glitzern. Henry störte der Regen nicht. Der Eingang seines Hauses war nur noch wenige Meter entfernt.

Er war immer noch in Gedanken versunken. Was wäre, wenn dieser Hoyt es wirklich getan hätte? Sollte Jane nicht Polizeischutz bekommen? Wenn die Männer der Oper eigentlich auch ermordet werden, sollte Mr. Williams auch beschützt werden. Es gab so viel zu tun. Jedoch durften sie wahrscheinlich nichts von all dem machen, weil Mr. Williams der vermutete Täter war. Es war zum Haare raufen.

So in seinen Überlegungen vertieft, hätte Henry beinah nicht bemerkt, dass der Juwelier noch hell erleuchtet war. Henry schaute durch das Schaufenster und wunderte sich, wieso er noch um diese Uhrzeit aufhatte. Als er jedoch die schwarzen Carbon-Ringe im erleuchteten Schaukasten sah, dachte er nicht viel darüber nach, sondern öffnete die Ladentür. Ein kleines Glöckchen am Türrahmen kündigte ihn an, wodurch der alte Ladenbesitzer aufsah.

„Ah, Dr. Morgan! Schön Sie zu sehen!“

Er nickte höflich den schnauzbärtigen Mann zu und sah sich kurz im Laden um. „Hallo, Roberto.

Während der Mann seinen Pult weiter polierte, hatte er weiterhin seinen Blick auf Henry gerichtet. „Wie geht es Ihrer Uhr?“

Ein schmales Lächeln kam auf Henrys Lippen. „Sehr gut. Sie läuft tadellos!“

Roberto nickte anerkennend. „Das ist schön zu hören. Man sieht nicht oft solch eine alte Uhr. Was meinten Sie? Zweihundert Jahre?“

Henry schaute sich den Schmuck in dem Laden an. „Knapp Dreihundert…“ Daraufhin richtete er seinen Blick zurück zum Verkäufer. „Aber das ist nicht wichtig! Ich bin wegen etwas anderem hier.“ Er ließ von den Vitrinen ab und ging zum Pult. Vorsichtig legte er den schwarzen Ring des Opfers in einem Tütchen auf den Tisch. „Haben Sie diesen Ring verkauft?“

Zögern kam im Gesicht von Roberto auf. Sein Zeigefinger zuckte. „Sind Sie ein Polizist?“

Henry neigte seinen Kopf. „Ich bin Arzt.“

Ohne weiter zu warten drehte sich Roberto zu dem hinteren Arbeitsbereich, welcher normalerweise für Kunden unzugänglich war, und winkte ihn zu sich. Henry lief um den Pult herum und folgte ihm nach hinten.

Roberto klickte langsam auf dem alten PC herum bis ein Kamerabild auf dem Desktop erschien. „Eigentlich dürfte ich es Ihnen nicht zeigen. Datenschutz und so. Aber es ist anscheinend wichtig“ Er spulte ein paar Wochen zurück. Die Menschen bewegten sich wie Ameisen auf dem Videoband. „Nicht viele Menschen kaufen Carbon-Ringe. Vor allem nicht als Eheringe. Aber ich hatte vor ein paar Wochen eine Kundin gehabt, die genau dieses Modell erworben hat.“ Die Aufnahme wurde wieder in normaler Geschwindigkeit abgespielt. Es dauerte noch einen Moment, bis Roberto den Besuch der Frau gefunden hatte. Henrys Blick suchte nach Paula Williams. Doch als Roberto stoppte und auf eine Frau zeigte, war es nicht ihr Opfer.

„Das ist sie!“

Verwirrt runzelte Henry die Stirn. Er hätte nicht gedacht, dass sein Gedanke nicht aufgeht. Hatte er sich so sehr getäuscht? Als er sie aber genauer betrachtete, erkannte er sie plötzlich. Seine Augen weiteten sich und er blickte zu Roberto auf. Dieser wunderte sich über Henrys Reaktion.

Für einen Moment sammelte er seine Gedanken, bis er wieder reden konnte. „Kann ich kurz telefonieren?“



„Wie kann das sein?“ Der Regen prasselte lautstark gegen die Windschutzscheibe. Jane starrte ungläubig ihr Lenkrad an. Ihre Gedanken rasten. „Wieso hat Maura den Ring gekauft?“

Henry zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht wurde sie gezwungen. Ein Puzzleteil fehlt noch.“ meinte er und schaute aus dem verregneten Fenster.

Sie nickte zustimmend. „Etwas fehlt noch.“ wiederholte sie murmelnd und schloss ihre Augen, um ihre Gedanken besser ordnen zu können. Sie stieß mit ihrer Stirn gegen das Lenkrad. „Wir haben am Tatort festgestellt, was für ein merkwürdiger Ort der Hafen für einen Bungeesprung ist.“

Henry nickte. „Der Mörder wollte uns etwas mit der Darstellungsweise sagen.“

Jane richtete sich ruckartig auf. „Was wenn es der Ort im Allgemeinen ist?“

Ihre Augen trafen sich. Es ist wahrscheinlich der erste Augenkontakt, den sie nicht als unangenehm empfand.

Er lächelte schwach. „Ich war lange nicht mehr in der Nacht an einem verlassenden Hafen.



Conley Terminal, Boston Harbor

Das Licht der Taschenlampen flog über den breiten Betonboden. Ruhig trafen die Wellen gegen den Hafen. Wie ausgestorben reihten sich die Container an einander und wurden von den nicht endenden Regen eingenässt. Deutlich hörte Jane Henrys Schritte durch die Pfützen laufen.

„Nach was suchen wir?“ fragte er. Durch den Regen konnte sie ihn nur schwer verstehen.

„Das werden wir sehen, wenn wir es finden!“ Sie kamen an der Anlegestelle an, wo das Opfer an einem Kran in Szene gesetzt wurde. Schon längst war der Tatort geräumt worden. Spuren würden sie keine mehr finden.

Auf der anderen Seite des Wassers erstreckte sich eine glitzernde Skyline von Boston. Für einen Moment hing Henrys Blick an ihr, bis er sich zu Jane wandte.

„Auch wenn Boston eine sehr schöne Stadt ist, kann sie New York nicht schlagen.“

Jane wollte eigentlich protestieren, dass er weiter arbeiten sollte, aber ihr Blick verharrte sich auch auf den unzählbaren Lichtern. „Ich habe nicht viel Gutes von New York gehört. Laut, voll, unpersönlich.“

Ein schmales Lächeln kam auf sein Gesicht. „Ist das nicht in jeder Großstadt so?“ Für einen Moment warfen sie sich Blicke zu, bis sich beide wieder zurück zur Stadt wandten. „New York hat ein anderes Lebensgefühl als Boston. Aber ich kann auch nicht objektiv darüber urteilen. Den größten Teil meines Lebens habe ich dort gewohnt und in Boston bin ich erst wenige Monate.“

Sie schaute wieder zu ihm auf. „Wieso dann weggezogen?“

Deutlich verfinsterte sich Henrys Miene. „Private Konflikte.“ Daraufhin wandte er sich vom Anleger ab und lief zurück auf den großen Betonplatz. Jane brauchte einige Sekunden, bis sie ihm folgte.

„Wir sollten die Gebäude dort hinten durchschauen.“ meinte Henry und zeigte auf zwei flache Lagerhallen rechts von ihnen.

Jane zögerte. „Wir haben keine Befugnis da reinzugehen!“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er grinste. „Haben wir hierfür eine Befugnis?“

Wo er recht hat… Ein schmales Grinsen kam auch auf ihr Gesicht. Sie liefen in die Richtung der Hallen und Jane wollte gerade zum Satz ansetzen, bis sie etwas hörte. Es war eine Stimme. Sofort spürte sie auch, dass Henry unruhig wurde. Müssen sie abhauen? Nach einigen Sekunden erkannte Jane, dass es eine weibliche Stimme war und dass sie aus der Lagerhalle kam. Umso näher sie ihr kamen, desto deutlicher verstand Jane es.

„Jane.“ Henry hatte kein Wort gesagt. Plötzlich rasten ihre Gedanken. „Maura?“ rief sie.

Verwirrt neigte Henry seinen Kopf und fiel einige Meter zurück, als Jane zügig vorlief.

„Hilfe, Jane!“ Ihre Augen weiteten sich und sie steckte ihre Taschenlampe weg. So schnell sie konnte rannte sie zu dem einen riesigen Tor der Lagerhalle. Erneut ertönte Mauras Stimme. Jane zerrte an der Tür. „Ich komme!“ Allmählig kam Henry auch an dem Tor an, half aber nicht beim Aufmachen. Sein Blick zuckte zweifelnd über die Außenwand der Halle. „Jane… Ich glaube es ist eine-“

Doch Jane hatte es geschafft das Tor für einen Spalt zu öffnen. Ohne dass Henry sie aufhalten konnte, huschte sie hindurch. Panik breitete sich nun auch bei ihm aus.

„Jane!“ stieß er aus und folgte ihr hastig. Als er in die Dunkelheit der Halle eingedrungen war, sah er Jane vor ihm. Sie schaute sich unbewegt um. Riesige Regal, welche bis zu Decke reichten, reihten sich auf.

Es herrschte Stille. Henry wurde unwohl im Magen. „Jane, ich glaube wir sollten-“

Erneut erklang die Stimme und unterbrach Henry. „Jane! Hilfe!“ Es rauschte.

Jane sah sich panisch um. „MAURA!“ schrie sie und wollte weiter in die Halle treten, spürte aber einen festen Griff um ihrem Handgelenk. Schmerzen verbreiteten sich und sie blickte erschrocken zu Henry zurück. Wut baute sich in ihr auf. „Hey! Lassen Sie mich los!“

Er starrte in ihre Augen, weswegen sie sich für einen Moment unwohl fühlte. Was passierte hier?

„Jane, hören Sie nicht das Rauschen. Ihre Stimme wird nur abgespielt. Es ist ganz klar eine Falle!“

Sie spannte ihre Arme an und wartete auf die Stimme. Als sie aber nicht erklang befreite sie sich aus seinem Griff. „Ich habe nichts gehört!“

„Denken Sie rational!“ Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Ihr war die Geste unangenehm, verharrte aber in dieser. „Wir dürfen nicht überstürzt handeln!“ Doch Jane riss sich erneut los als sie die Stimme hörte. „Halten Sie mich nicht auf! Es geht hier um das Leben von Maura! Aber das interessiert Sie ja nicht!“

Sofort sprang Verwirrung auf Henrys Gesicht. Er zog seine Augenbrauen zusammen. „Wie bitte?“

Jane steigert ihre Wut. „Wenn sie wieder da ist, bekommt sie Ihren Job und Sie werden entlassen. Das wollen Sie bestimmt nicht!“

Zum ersten Mal bemerkte sie Zorn in Henrys Gesicht und er neigte seinen Kopf zur Seite. „Sie kennen mich nicht! Ich würde nie mein Leben über das eines anderen stellen! Ich bin Arzt!“ Verblüfft über ihr fehlendes Vertrauen ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. „Außerdem wusste ich bis jetzt nicht einmal, dass Maura Gerichtsmedizinerin ist!“

Es traf Jane wie ein Schock. Unbehaglich stockte sie. „N-Na und? Das muss ja nicht heißen-“ Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, stürzte sich Henry auf sie, wodurch sie beide hinter ein Regal fielen. Panik stieg in Jane auf. Wie konnte sie mit jemanden, den sie nicht wirklich kannte, zu einem verlassenden Hafen gehen? Offensichtlich war es eine Falle. Henry hatte sie in die Falle gelockt! Doch nur ein Bruchteil einer Sekunde später erklangen Schüsse und trafen den Platz, wo sie gerade noch gestanden hatten.

Unbeholfen fiel Henry auf sie, rollte aber durch den Schwung noch etwas weiter. Durch Janes Kopf rauschte das Blut und es schmerzte ihr hinten. Sie war durch den Sturz mit ihrem Hinterkopf auf den Betonboden geprallt. Dennoch richtete sie sich schnell wieder auf und sah die Schussspüren, welche sich in den Boden eingefräst hatten.

„Wir müssen sie finden!“ Das Adrenalin ließ sie schnell aufstehen. Henry brauchte länger um sich aufzusetzen. Er stöhnte leise und fasste sich selbst an den Kopf.

Jane achtete nicht darauf, dass Henrys Hände aufgeschürft waren. Vorsichtig schaute sie um die Ecke des Regals. Es herrschte Stille und nichts bewegte sich. „Und los!“ flüsterte sie und sprintete schräg rüber zum nächsten Regal. Ihr Blick scannte den Raum, bis sie etwas sah, was nicht in den Raum gehörte. Es lag Stoff auf dem Boden. Sofort erkannte sie den Stoff. Bilder schossen in ihren Kopf. Es war der letzte Tag an dem Jane Maura gesehen hatte. Sie trug den beigen Mantel, als sie sich verabschiedet hatten. Erneut zischte ihr Blick durch die Halle und sah niemanden. Schnell huschte sie rüber zum nächsten Regal. Pfützen plätscherten unter ihren Schritten. Beim Regal angekommen, blickte sie durch dieses hindurch. Es war schwer an der Ware vorbei zu schauen. Nach einigen Sekunden erkannte sie einen Stuhl. Sie brauchte etwas länger bis sie eine Person erkannte. Der Kopf hing zur Seite und ihre Augen und Mund waren mit Tüchern verbunden. Sofort erkannte Jane die hellbraunen Haare und konnte sich nicht mehr halten. „Maura!“ flüsterte sie zu sich selber und rannte um das Regal zu ihr. „Ich hole dich hier raus!“ Erst als Jane die Fesseln um ihren Armen und beinen löste, merkte sie, dass Maura nicht bei Bewusstsein war. Ihr lief es kalt über den Rücken. Als konnte Maura wirklich nicht die Stimme gewesen sein. Schnell fühlte sie den Puls. Er war schwach, aber spürbar. „Ich bin nicht alleine. Henry ist-“Sie wollte sich zu Henry umdrehen. Doch hinter ihr war niemand. Sie sah ihn bei keinem anderen Regal. Saß er immer noch dort, wo sie fast erschossen worden waren?

Gerade als sie sich zurück zu Maura drehen wollte, hörte sie die Geräusche, die ihr so bekannt waren. Der Teaser hatte sich so in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie sogar davon träumte.

„Suchst du ihn hier, Jane?“

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und sie zog ihre Waffe blitzartig aus ihrem Holster.

Eine Gestalt zerrte den am Boden keuchenden Henry aus dem Schatten eines Regals.

Jane sah Blut an Henrys Hals, wo sich eine Schlinge um diesen spannte. Als das Mondlicht auf das alte, zerfallene Gesicht von Charles Hoyt traf, drehte sich Janes Magen um. Deutliche Narben ritzten sich in sein Gesicht. Er zog Henry weiter in den offenen Bereich und hielt ihm eine Pistole an dem Kopf.

Wut schoss durch Janes Körper und zielte auf Hoyt. „Maura und Henry haben nichts damit zu tun. Das betrifft nur Sie und mich!“

Herablassend grinste Hoyt und holte gekonnt ein Feuerzeug aus seiner Tasche. Er klappte es auf, sodass eine Flamme aufstieg. „Aber wer sich einmischt, muss nun mal leiden!“ Ohne zu zögern warf er das Feuerzeug zur Seite, wodurch es in die Pfütze fiel, durch welche Jane gerannt war. Sofort entflammte sich diese. Rasend schnell verbreitete sich die Flamme bis sie vom Eingang abgeschottet waren. Eine Hitze verbreitete sich, wodurch Janes Haut brannte.

„Ich ewig auf diesen Moment gewartet. Wir haben zwar nicht viel Zeit, aber dafür ist es mein Höhepunkt. Zuerst kümmere ich mich um Ihren kleinen Freund hier!“ Ruckartig zog er die Halsschlinge samt Henry nach oben. Dieser stöhnte unter Schmerzen auf und rang nach Luft. „Dann um Maura. Und zum Schluss kommst du, Jane!“ Das Feure verbreitete sich, bis sie von diesem umringt waren.

Jane konnte kaum ihre Waffe halten, da ihre Hände zu schwitzen begingen. Ihr Herz schlug schnell, sodass es zu schmerzen begann.

„Flieh!“ stieß Henry kraftlos aus. Hoyt übertönte das mit einem Lachen und zog kräftig an der Schlinge, wodurch Henry zu Boden fiel. Doch Henrys Blick wandte sich nicht von Jane ab. Ihre Gedanken rasten.

„Es ist zwecklos, Jane! Dieses Mal gewinne ich!“ Daraufhin explodierte ein Benzinfass einige Meter von ihnen entfernt. Jane zuckte zusammen, richtete ihren Blick aber wieder zu Henry. Erschöpft nickte er. Die Flammen stiegen die Wände nach oben und würden in wenigen Minuten den gesamten Raum einnehmen. Wenn nicht sogar schnell, wenn noch ein Fass explodierte. Wollte Hoyt sich einschließlich umbringe?

„Niemals!“ hauchte Jane und schoss ohne zu zögern auf die Hand, welche die Waffe auf Henry gerichtet hatte. Blut spritzte und Hoyt fluchte. Die Waffe fiel zum Boden und Hoyts Griff an der Schlinge löst sich. Henry nutzte blitzartig die Chance und drehte sich, sodass er mit einem festen Kick Hoyts Beine wegriss. Unsanft fiel dieser auf den Rücken. Während Henry die Zeit nutzte um sich aufzurappeln, nickte er zu Jane zu. „Los! Hilf Maura!“

Jane löste sich aus der Starre und vergeudete keine Zeit. Sie raste zu Mauras Stuhl und befreite sie endgültig. Angestrengt zog sie einen Arm über ihre Schulter und wickelte ihren eigenen Arm um die Hüfte von Maura. Als sie beide standen, schaute sich Jane nach einem Ausgang um, der nicht von Flammen versperrt war. Hinter einer kleinen Feuerwand wurde ein Ausgang angeleuchtet. Ohne weiter zu zögern schleppte sie sich über den Boden und durch das Feuer. Es war heiß und es schmerzte Jane an den Beinen. Doch sie achtete nicht darauf. Sie hatte nur den Ausgang vor den Augen. Rauch verbreitete sich und Jane hustete. Erschöpft prallte sie gegen die Tür und betätigte die Klinke. Bevor sie die Tür öffnete, schaute sie durch den Rauch zu Henry. Er stand nun auch und taumelte in ihre Richtung.

Schnell stieß Jane die Tür auf und zog Maura nach draußen. Sie erkannte, dass Maura wie sie auch Verbrennungen an den Beinen hatte. Das spielte momentan keine Rolle.

Jane blickte zurück zu Henry. Er musste nur noch durch die Feuerwand, welche jetzt einige Zentimeter höher war, als bei Jane und Maura. Doch bevor er zum Sprung ansetzen konnte, erklang ein ohrenbetäubender Schuss. Henry hielt abrupt an und hielt mit Jane Augenkontakt. Sie sah seine Panik, bevor er zusammenbrach und von den Flammen gefressen wurde. Hinter ihm stand Hoyt mit der Waffe in der Hand. Nur für eine Sekunde sah sie ihn, bis eine viel größere Explosion den gesamten Innenraum vernichtete. Jane wurde durch die Druckwelle durch die offene Tür geschleudert und rollte einige Male über den Boden. Mit schmerzenden Gliedern blieb ihr Körper am Boden liegen und schaute in den Nachthimmel. Er war klar und es sah nicht so aus, als hätte es erst vor Kurzem geregnet.



Boston Medical Center

Die helle Morgensonne schien durch das Krankenhausfenster. Erschöpft stützte Jane ihren Kopf mit ihrem Arm ab. Ihre Schrammen wurden bereits letzte Nacht behandelt, als sie von den Rettungskräften zum Krankenhaus gebracht worden waren. Nur ihre Verbrennungen juckten an ihren Knöcheln.

Ihre trüben Augen liefen zu Maura, welche immer noch bewusstlos in ihrem Bett lag. Zum Glück trug sie kaum Verletzungen von dem Vorfall. Nur leichte Verbrennungen, wie Jane.

Aber zu welchem Preis? Sie hat ein Leben für ein anderes eingetauscht. Maura war ihre beste Freundin, dennoch hätte sie Henry nie den Tod gewünscht. Sofort kamen Bilder der letzten Nacht auf. Sie erinnerte sich ganz genau an den Moment, als Henry durch die Flammen springen wollte, aber blutrünstig durch Hoyt erschossen wurde. Sie sah in ihrem inneren Auge genau, wie Henry leblos von dem Feuer gefressen wurde. Wahrscheinlich blieb nicht mal ein Körper von ihm übrig. Wie konnte sie so selbstsüchtig sein und seine Sicherheit vergessen. Es war ein klares Selbstmord-Kommando gewesen. Sie wollte nie wieder jemanden in die Schusslinie von Hoyt bringen. Und jetzt? Jetzt war wegen ihr jemand gestorben.

Sie würde nicht sagen, dass sie Henry gemocht hatte. Aber sie kannte ihn auch nicht wirklich. Entsetzt über sich selber haute sie mit ihrer eigenen Faust gegen ihre Stirn. Jane wusste nicht mal, wen sie von Henrys Angehörigen über seinen Tod informieren musste.

Tränen stiegen in ihre Augen. Wieso war sie so emotional?

Als jedoch leise die Tür aufging unterdrückte sie sofort die Tränen und rieb sich ihre Augen.

Korsak streckte seinen Kopf durch den Türspalt.

„Wie geht es ihr?“ fragte er und hielt einen Blumenstrauß in das Zimmer.

Ein schwaches Lächeln kam auf Janes Gesicht. „Gut.“ Erschöpft blinzelte sie. „Wir warten darauf, dass sie aufwacht.“

Verstehend nickte ihr Partner und betrat vollständig den Raum. Er legte den Strauß auf seinem Schoß ab, als er sich zu ihr setzte. „Gut…“

Jane ließ ihren Kopf gegen die Wand prallen. Sie wollte schlafen. Jedoch hatte sie Angst von den Bildern der letzten Nacht zu träumen. Wie sollte sie jemanden sagen, dass ihr neuer Gerichtsmediziner tot ist?

„Hast du das von Morgan gehört?“

Korsaks Worte stachen in ihrem Herz, weswegen sie dachte, dass dieses aussetzte. „Ja.“ brachte sie nur raus. Ihre Hände zitterten.

„Er soll einfach geflohen sein und euch alleine gelassen haben.“ meinte Korsak und verschränkte die Arme. „Euch hätte viel Schlimmeres passieren können!“

Jane blinzelte auf, unterdrückte aber das Runzeln der Stirn. Henry hatte Hoyt aufgehalten, sodass sie fliehen konnten. Spielte ihr Gehirn einen Streich? Henry konnte unmöglich leben.

„Jeder reagiert anders in solch einer Situation.“



Einen Monat später

Entspannt legte Jane ihre Hand um ihre dunkle Flasche. Für einen Moment beobachtete sie Maura, wie sie ihr Weinglas auf dem Bar-Tisch schwenkte. Ein Monat war der Brand der Lagerhalle her. Maura durfte nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt wieder ihre Arbeit aufnehmen. Theoretisch. Sie schrieb sich noch zwei Wochen krank und war nun seit genauso vielen Wochen wieder da.

Jane hatte von da an Dr. Morgan genau beobachtet. Wie Korsak sagte, war dieser am Leben. Jedoch war seit dem Vorfall sein Ruf um einiges gesunken. Viele betitelten ihn als Feigling. Er hätte die Polizei rufen sollen. Maura und Jane wurden erst durch die Feuerwehr gerettet, welche den Brand gesehen hatten. Eigentlich war er im Department als neuer Frauenschwarm bekannt geworden, was Jane sehr genervt hatte. Jetzt aber schaute ihn niemand mehr an.

Jane war immer noch verwirrt. Sie wusste, dass er erschossen wurde. Aber wie sicher konnte sie sich sein?

Trotzdem war sie glücklich, dass Maura neben ihr in der Barsitzen konnte.

„Endlich wieder Normalität!“ hauchte sie und nahm einen Schluck von ihrem Bier. Maura wandte sich lächelnd zu ihr um und nickte zustimmend. „Das kannst du laut sagen. Ich hatte so große Angst in den letzten Wochen.“

Korsak, welcher bis dahin still geblieben war, hob seine Bierflasche. „Jetzt ist die Angst aber vorbei! Hoyt ist endgültig tot.“

Jane war sie unsicher. Wenn sie sich Henrys Tod nur eingebildet hatte, dann konnte sie sich dasselbe auch mit Hoyt denken. „Es wurde keine Leiche gefunden!“

„Ja, weil die gesamte Fabrik abgebrannt und nur noch Staub übrig ist.

Gerade als Jane etwas erwidern wollte unterbrach Maura sie durch ein leises „Oh…“ Sofort folgte Jane Mauras Blick zum Bareingang. Sie wusste gleich was Maura meinte. Ihr Bruder Franky stand zusammen mit Dr. Morgan in der Tür und kam langsam zu ihrem Tisch gelaufen. Korsak renkte seinen Kopf ebenfalls zu den beiden um, wandte sich aber schnell wieder bei Henrys Anblick zu ihnen um. Er lehnte sich über den Tisch zu ihnen „Wieso hat Franky Dr. Morgan mitgenommen?“

Maura überlegte. „Sie arbeiten zusammen. Es kommt mir logisch vor, dass sie dann außerhalb der Arbeit auch etwas trinken gehen. Vielleicht hat er ihn auf Freundlichkeit eingeladen.

„Aber er ist mir irgendwie suspekt.“ murmelte Korsak und nahm einen schnellen Schluck aus seiner Flasche. „Wart ihr schon mal in seinem Büro? Da stehen Fotos von seiner Mutter. Er hat bestimmt einen Mutterkomplex!“

Grinsend lehnte sich Jane zu Maura und zeigte auf Korsaks leere Bierflaschen. „Er hat bestimmt schon etwas zu viel getrunken.“ Maura stimmte ins Lächeln ein und nickte zustimmend. „Wahrscheinlich.“

Grummelig verschränkte Korsak seine Arme vor seiner Brust. „Stimmt doch!“

„Was stimmt?“ Alle Blicke wandten sich zu Franky um, welcher vorne am Tisch stand. „Hey Janie!“ Hinter ihm lugte Henry hervor, welcher allen kurz zunickte.

Jane sah zu ihrem Bruder auf. „Nichts.“

Franky nickte nur und setzte sich neben Jane auf die Bank. Henry setzte sich neben Korsak hin, welcher ein Stück von ihm wegrückte.

„Ihr kennt ja noch Dr. Morgan!“ Alle nickten mehr oder weniger begeistert. Daraufhin wandte sie sich zurück an ihre Gespräche. Jane beobachtete Henry für einen Moment. Deutlich sah sie, dass er sich nicht wohlfühlte. Kein Wunder. Er wusste garantiert, was sie von ihm hielten, weswegen er wahrscheinlich auch die ganze Zeit schwieg.

Sie wusste nicht, was sie von ihm halten sollte. Sie wusste nicht einmal, was in der Nacht passiert war, als sie von Hoyt angegriffen worden waren. War er wirklich einfach geflohen?



Eine Stunde verging. Franky klopfte kräftig auf Korsaks Rücken. „Ich fahre dann mal Korsak nach Hause! Er hatte jetzt genug!“

Der ältere Detective protestierte. „So viel hatte ich noch gar nicht.“ Jane konnte ihn deutlich schwanken sehen. „Ich könnte sogar noch fahren!“

Janes Bruder grinste nur und schüttelte den Kopf. „Das glaubst auch nur du!“ Mit seinem kräftigen Griff packte er Korsaks Schulter und zog ihn mit sich von der Bank. Henry hatte sich über die letzte Stunde auf einen Stuhl gesetzt und saß nun am anderen Ende des Tisches als Jane.

„Wir sehen uns Morgen!“ verabschiedete Franky den Rest. Korsak konnte nur winken und folgte Franky raus.

Es herrschte Stille bis Maura sich zu Jane rüber lehnte. „Ich müsste mal wohin!“ flüsterte sie und stand auch auf. Henry und Jane sahen ihr nach, wie sie zur Toilette ging.

Nun waren sie alleine. Gleichzeitig wandten sie sich zurück zum anderen. Sie beobachtete, wie er nervös seine Fingerspitzen aneinander tippte.

Jetzt wäre die Möglichkeit ihn darauf anzusprechen. Jane zögerte und räusperte sich, bevor sie zum Satz ansetzte. „Wie konnten Sie überleben?“ Sein Blick zuckte nach oben in ihre Augen, doch er antwortete nichts. „Die Fabrik ist abgebrannt und Hoyt ist auch tot.“

Henry nahm sein Glas auf und holte den letzten Tropfen heraus. „Ich konnte entkommen. Ich hatte nur leichte Verbrennungen“ Doch Jane ließ nicht locker. „Korsak meinte, dass Sie nackt gefunden wurden.“

„Kleidung brennt gut. Deswegen habe ich sie ausgezogen!“

„Aber wieso alles?“

„Reflex!“

Pause. So kam sie nicht weiter. Intensiv hielten sie Augenkontakt, welcher Jane fast unangenehm wurde. Leise stieß sie Luft aus. „Wieso haben Sie niemanden korrigiert? Sie sind nicht geflohen. Sie haben uns gerettet!“

Überraschenderweise kam ein sanftes Schmunzeln auf Henrys Gesicht und er schaute auf den Tisch. „Es ist manchmal besser nicht der Held zu sein. Helden bekommen Aufmerksamkeit. Feiglinge werden von der Geschichte vergessen. In den Augen unserer Kollegen bin ich ein Feigling. Und das soll auch so bleiben.

„Sie wollen vergessen werden?“ fragte Jane verwirrt.

Deutlich nickte er. „Es macht das Leben einfacher.“

Jane wollte ihren Mund öffnen, um etwas zu sagen, aber Maura kam von ihrem Toilettengang zurück. Bevor sich Maura hinsetzen konnte, stand Henry von der Bank auf.

„Ich muss los. Es ist schon spät.“

Überfordert blickte sie zwischen Henry und Jane hin und her. „Oh, okay. Bis morgen!“ sagte sie zu schnell.

Henry nickte kurz und hielt erneut mit Jane Augenkontakt. „Wir sehen uns!“ Daraufhin verließ er die Bar. Jane versuchte ihn so weit wie möglich noch hinterher zu sehen. Er rief sich an der Straße ein Taxi.

„Endlich allein!“ Mauras Stimme riss Janes Blick von Henry weg. „Über was habt ihr gesprochen?“

Stumm schaute sie Maura an und atmete ruhig durch. Sie war immer noch verwirrt über seine Worte. Wirklich durchschauen konnte Jane sie nicht. „Nichts…“ Ihre Augen zuckten wieder zur Fensterscheibe, wo vor wenigen Sekunden noch Henry gestanden hatte, bevor er ins Taxi eingestiegen war. „Wir haben über nichts gesprochen.“

Maura runzelte die Stirn. „Merkwürdig… Er scheint die Stille zu bevorzugen!“

„Ja…“
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