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2022 05 11: Stolpersteine [by Sira-la]

Kurzbeschreibung
OneshotDrama / P12 / MaleSlash
Booker / Sebastien le Livre Joe / Yusuf ibn Ibrahim ibn Muhammad ibn Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
11.05.2022
11.05.2022
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11.05.2022 523
 
Tag der Veröffentlichung: 11.05.2022
Titel der Geschichte: Stolpersteine
Song: „Stolpersteine“ von GLORIA
Autor: Sira-la
Kommentar des Autors: Den heutigen Tag habe ich ganz spontan übernommen. Entstanden ist ein kurzer Text, der mich doch ziemlich aufgewühlt hat. Bei diesem Thema kann ich nicht guten Gewissens „viel Spaß“ wünschen, daher bleibt mir nur zu sagen, dass die Vergangenheit zwar vergangen, aber nicht vergessen ist.



Stolpersteine


Sie gingen nur langsam. Die Fassaden der Häuser vermittelten ihnen ein Gefühl von Heimkehr. Diese Straße hatte sich nicht so sehr verändert wie manch andere. Hier hatten sie gelebt, damals vor so vielen Jahren, bevor die Nazis gekommen waren.
Sie blieben stehen, als sie die Nummer 6 erreichten. Die rote Tür weckte Erinnerungen. Die beige Fassade war etwas sauberer als damals, aber Sebastien wusste noch genau, hinter welchen Fenstern sie gelebt hatten. Andy und er in der einen Wohnung, Joe und Nicky in der anderen.  Frieden hatten sie hier in Straßburg gesucht, nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges. Freunde hatten sie gefunden.
Sebastien schluckte schwer. Er musste nicht auf den Boden sehen, wo sieben der sogenannten Stolpersteine eingelassen waren. Sebastien erinnerte sich auch ohne diesen Anblick noch genau an das Lachen der fünf Kinder, wenn er mit ihnen auf dem Hof gespielt hatte, damit ihre Eltern ein wenig Ruhe finden konnten. Er erinnerte sich an Einladungen zum Abendessen, an fröhliche Gespräche und guten Wein.
„75 Jahre“, flüsterte Nicky. „Die Kinder wären bestimmt noch am Leben, wenn …“ Er brach ab.
Joe legte einen Arm um seine Hüften und Nicky lehnte sich an ihn.
Sebastien konnte seine Tränen sehen. Die gleichen Tränen, die auch in seinen eigenen Augen brannten. „Wir hätten es nicht verhindern können“, sagte er mit rauer Stimme. Er hatte schon so oft darüber nachgedacht. Er hatte mit Andy darüber diskutiert, mit Joe und Nicky. Sie hätten niemals alle retten können. Am Ende wären sie nur selbst in einer der Gaskammern gelandet und dann unter einem Skalpell.
„Ich weiß“, murmelte Nicky. „Aber sie waren unsere Nachbarn. Wir hätten zumindest etwas tun sollen!“
„Wir waren damals doch gar nicht hier, als sie abgeholt wurden“, sagte Joe mit belegter Stimme. „Wir waren im Norden und haben der Résistance geholfen.“
„Ich weiß“, sagte Nicky erneut.
Sebastien zog einen Flachmann aus seiner Tasche und trank einen großen Schluck. „Es darf nie wieder passieren“, sagte er entschlossen. Er deutete auf den Boden, auf die goldenen Plaketten. „Diese Steine sind ein Mahnmal. Sie bewahren die Erinnerung. Und das müssen wir auch. Wir dürfen nie vergessen, wie viele Menschen gestorben sind nur wegen einem größenwahnsinnigen Diktator.“ Er trank einen weiteren Schluck.
„Wahre Worte“, sagte Joe. „Es darf nie wieder so weit kommen.“ Er nahm Sebastien den Flachmann ab und trank selbst einen Schluck, bevor er die Flasche an Nicky weiterreichte.
„Nie wieder“, sagte dieser und trank ebenfalls.
Es fühlte sich an wie ein Schwur. Sebastien steckte den Flachmann wieder ein, bevor er sich auf den Boden kniete und jeden der sieben Namen einmal kurz berührte. „Wir werden euch nie vergessen“, versprach er. „Wir werden nie vergessen, was euch angetan wurde. Und wir werden nicht zulassen, dass so etwas noch einmal geschieht.“
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