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Tempus Gratiae

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Romance / P16 / Het
Hermine Granger OC (Own Character) Severus Snape
11.05.2022
23.05.2022
4
25.217
91
Alle Kapitel
39 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
11.05.2022 4.653
 
Setting: 6./7. Schuljahr und darüber hinaus
Kommentar:
Diese Geschichte entstand vor über 12 Jahren und ist damals hier im Rahmen eines der Rudel-Kalender veröffentlicht worden. Ich hatte ein paar Vorgaben, die attack09 mir gegeben hatte. Sie wollte etwas Klassisches mit Hermine und Severus, eine Reise ins Mittelalter und einen Kreuzzug. Es sollte lustig und romantisch sein und – natürlich – mit Happy End.
Ich habe diese Geschichte nun überarbeitet, wodurch die eine oder andere Vorgabe streng genommen nicht mehr so ganz erfüllt wird, aber ich nehme mal an, nach so langer Zeit ist das auch irgendwie okay. Sie ist dafür länger geworden und ich habe aus den ursprünglichen zwei Kapiteln vier gemacht. ^^
Ein Dankeschön fürs Betalesen und für die Hilfe mit den historischen Details geht auch dieses Mal an Moana Nahesa. :)
Warnings: none

Obwohl ich schon länger mit dem Gedanken gespielt habe, auch meine Beiträge zu den Kalendern des Rudels mal zu überarbeiten und zusätzlich auf meinem Account zu veröffentlichen, hat diese Überarbeitung und Veröffentlichung jetzt noch einen anderen Grund. Nach gut 15 Jahren mit dem Nicknamen WatchersGoddess brauche ich nämlich mal was Neues. ^^ Und weil ich nicht einfach klammheimlich meinen Namen ändern und euch mit einem etwaigen neuen Projekt irgendwann verwirren wollte, weil ihr euch gar nicht erinnern könnt, jemals einen Autoren mit diesem Namen abonniert zu haben, habe ich beschlossen, diese Geschichte dafür zu nutzen. ;)
Wenn ich das nächste Kapitel poste, werde ich das also – sofern die Technik mich nicht im Stich lässt – unter einem neuen Namen tun. Ansonsten ändert sich aber nichts, versprochen! XD

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Tempus gratiae
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Part I – Hermine
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 „Wie spät ist es?“ Hermines Stimme klang gedämpft hinter dem Stapel Bücher, den sie auf ihren Armen balancierte. Sie schaffte es nur gerade so, darüber hinwegzuschielen, und wäre trotz Harrys Begleitung schon zweimal beinahe in jemanden hineingelaufen – einmal sogar in Filch, der weniger Verständnis für sie aufgebracht hatte als der Ravenclaw vorher und der mit Daumenschrauben und Kaugummis-von-den-Tischen-Kratzen gedroht hatte, während Harry versucht hatte, nicht zu lachen. Filch war auch der Grund dafür, dass sie die Zeit aus den Augen verloren hatte.

 „Zehn vor acht“, antwortete Harry. Er trug nur zwei Bücher – und die befanden sich in seiner Tasche. „Bist du dir sicher, dass ich dir nichts abnehmen soll?“ Er betrachtete ihren Balanceakt mit scheelen Blicken.

 „Ganz sicher. Ich kann meine Bücher auch selbst fallen lassen.“ Sie ächzte leise.

 „Warum belegst du sie dann nicht wenigstens mit einem Federleichtzauber?“

 Sie keuchte. „Madam Pince überprüft die Bücher auf Spuren von Magie, was …“ Noch ein Keuchen. „… du wüsstest, wenn du dir mal Bücher ausleihen würdest.“

 „Tut sie?“, fragte Harry überrascht.

 Hermine warf ihm einen genervten Blick zu. „Ja, Harry, tut sie! Wenn Schüler nicht anständig mit den Büchern umgegangen sind und sie mit Magie repariert haben, will sie das natürlich wissen!“

 Er verdrehte die Augen. „Wie du meinst … Warum musst du all diese Bücher eigentlich unbedingt jetzt zurückbringen?“

 Sie verdrehte die Augen und seufzte. „Ich war gestern Abend noch nicht fertig mit dem Durcharbeiten und die Warteliste für diese Bücher ist so lang, dass ich sie vor den Prüfungen nicht noch einmal in die Finger bekommen hätte. Und da ich sie innerhalb von zwei Wochen nach dem Ausleihen zurückbringen muss …“ Hermine stockte und wuchtete den Bücherstapel auf ein Fensterbrett gegenüber der Flügeltür, die in die Bibliothek führte. Sie atmete einmal tief durch und schüttelte ihre Arme aus. „… blieb mir keine Zeit mehr, es nach dem Unterricht zu machen“, beendete sie dann ihren Satz. „Jetzt ist es exakt dreizehn Tage, dreiundzwanzig Stunden und …“ Sie griff nach Harrys Handgelenk und studierte das Ziffernblatt seiner Uhr. „… achtundfünfzig Minuten her. Also los, bevor ich doch noch Strafgebühr zahlen muss.“

 Harry schüttelte den Kopf, während er sich umwandte und die gewaltige Halle des Wissens betrat. Hermine hatte ihm angeboten, genauso wie Ron noch am Frühstückstisch zu bleiben und sie später vor dem Klassenraum zu treffen, doch er hatte darauf bestanden, sie zu begleiten. Und Hermine wusste auch warum; er konnte die Blicke, die Ginny ihm über ihr Porridge zugeworfen hatte, einfach nicht mehr ertragen. Und Hermine wollte es sich ersparen, den letzten Abend zu wiederholen. Immerhin war sie es gewesen, die Ginnys Tirade über Harrys fehlendes Feingefühl hatte zuhören müssen (deswegen hatte sie es auch nicht – wie geplant – gestern geschafft, die Bücher zurückzubringen). Was er dieses Mal angestellt hatte, war ihr allerdings entgangen, und an diesem Punkt traute sie sich nicht mehr nachzufragen.

 Mit einem lauten Knall ließ sie die Bücher kurz darauf auf den Tisch von Madame Pince fallen und musste rasch zugreifen, damit die oberen nicht zur Seite wegrutschten. Mit einem zufriedenen Nicken wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem Umhang ab und trat einen Schritt zur Seite, so dass die Bibliothekarin sie sehen konnte.

 „Sie sind zu spät!“, stellte die fest.

 „Falsch! Es ist jetzt exakt dreizehn Tage, dreiundzwanzig Stunden und …“ Wieder griff sie nach Harrys Handgelenk. „… neunundfünfzig Minuten her, dass ich mir die Bücher ausgeliehen habe. Ich liege voll in der Zwei-Wochen-Frist.“ Sie schloss mit einem zufriedenen Grinsen, wagte es sogar, mit ihren Augenbrauen zu wackeln.

 Madame Pince hingegen sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sie stierte Hermine böse an, dann schnappte sie sich ihren Zauberstab und prüfte die Bücher (wobei Hermine Harry einen triumphierenden Blick zuwarf und der wieder die Augen verdrehte). Und weil sie keine Spuren von Magie daran fand, wurde ihre Miene noch säuerlicher, bevor sie die Lektüre nahm, als wöge sie keine einhundert Gramm, und damit in die geheimen Räume hinter ihrem Tisch entschwand.

 „Lass uns bloß verschwinden“, murmelte Harry und zupfte an Hermines Umhang.

 Die allerdings deutete auf das Buch, das ein anderer Schüler neben ihnen gerade auf den Tresen gelegt hatte. „Auf das Buch bin ich schon seit Monaten scharf …“ Jeder Gedanke an den Unterricht, der in wenigen Minuten begann, verblasste für einen Moment und Hermine rückte dem Slytherin mit einem gierigen Blick auf die Pelle.

 „Nicht jetzt!“, zischte Harry und zerrte an ihrem Arm.

 Schmollend und nur äußerst widerwillig folgte sie ihm zurück in die Flure der Schule. Hätte in der ersten Stunde nicht Verteidigung gegen die Dunklen Künste auf dem Plan gestanden, wäre sie direkt in Versuchung gekommen, eine Verspätung in Kauf zu nehmen. Professor Flitwick hätte das verstanden und Professor McGonagall kam meistens ohnehin zwei Minuten später zur ersten Stunde. Professor Sprout übersah regelmäßig Schüler zwischen den Pflanzen und Professor Vektor hatte Gerüchten zu Folge schon Unterricht vor leeren Klassenräumen gehalten, weil sie vergessen hatte, dass Wochenende war. Professor Snape hingegen …

 Harry fluchte leise und begann plötzlich zu laufen. „Wie spät ist es?“, fragte Hermine, die Schwierigkeiten hatte, mit ihm Schritt zu halten.

 „Vier Minuten vor!“, rief er zurück und klang nicht mal minimal angestrengt, als er die letzten Stufen einer Treppe hinuntersprang. Dort wartete er ungeduldig, bis Hermine aufgeholt hatte. „Beeil dich!“

 „Mach ich ja!“ Sie klemmte sich ihre Schultasche unter den Arm und sprintete neben Harry durch die Gänge der Schule.

 Eine gefühlte Ewigkeit später kam die Gruppe ihrer Mitschüler in Sicht und Hermine stützte die Hände auf die Knie, als sie endlich stehenbleiben durfte. „Ist er … schon … da?“

 „Nein“, erwiderte Ron gelangweilt, der neben Neville an der Wand lehnte und seine Büchertasche achtlos auf den Boden geworfen hatte.

 Harry atmete auf und tat es seinem Freund gleich. Hermine sank an eben jener Wand zu Boden. „… völlig … umsonst …“, flüsterte sie erschöpft. Ihr zitterten die Knie.

 „Lieber so als andersrum“, stellte Harry fest. Sein Atem ging nur wenig schwerer als in Binns' langweiligstem Unterricht.

 Als Hermine es schließlich schaffte, sich wieder aufzurappeln, sah sie sich mit gerunzelter Stirn im inzwischen verlassenen Gang um. „Wie spät ist es jetzt?“

 „Fünf Minuten später als das letzte Mal, dass du gefragt hast“, murmelte Harry und Ron grinste.

 „Das heißt?“, fragte sie trotzdem.

 Er warf einen Blick auf sein Handgelenk – und zog überrascht die Stirn kraus. „Drei Minuten nach acht.“

 „Kann nicht sein“, stieß Ron aus. „Die Fledermaus kommt nie zu spät. Deine Uhr geht falsch.“

 „Tut sie nicht“, wandte Hermine ein. „Ich habe sie mit einem Funkuhrzauber belegt.“

 „Dann ist er w-wirklich zu spät?“ Neville sah mit großen Augen zwischen ihnen hin und her.

 „Anscheinend“, murmelte Harry. Auch er sah jetzt den Gang hinauf und hinunter.

 „Merkwürdig.“

 „Nein, nein …“, sagte Ron. Seine vorher fassungslose Miene wich einem Grinsen, das dem von Fred und George so ähnlich war, dass Hermine eine Augenbraue hochzog. „Das ist nicht merkwürdig, das ist absolut wundervoll!“

 Und diesem Urteil stimmte – zu Hermine stillem Missfallen – die ganze Klasse zu.

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 Hermine schämte sich. Sehr sogar. Doch erst mal konnte sie es nicht so richtig bedauern, dass Snape an diesem Montagmorgen nicht aufgetaucht war. Nachdem sie eine Viertelstunde lang auf dem Korridor herumgestanden hatten, war Professor Sinistra zu ihnen gekommen, hatte sie in das leere Klassenzimmer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste gelassen und eine Doppelstunde lang theoretische Astronomie mit ihnen durchgenommen. Entspannter als dieselbe Zeit mit Snape war es allemal gewesen.

 Doch als der auch die ganze restliche Woche verschwunden blieb, beschlich sie ein schlechtes Gefühl – und Neugier. Insbesondere Neugier.

 „Professor Snape hat einige wichtige Dinge in London zu erledigen“, wiederholte Harry am Donnerstagabend das, was Professor Dumbledore bei einem ihrer privaten Treffen gesagt hatte, und imitierte den Tonfall des Schulleiters so perfekt, dass sogar Hermine grinste, „er wird bald wieder zurück sein.

 „Zu schade“, seufzte Ron und zog eine Schnute.

 „Mehr hat er nicht gesagt?“, hakte Hermine nach.

 „Nicht ein Wort.“ Harry zuckte mit den Schultern und ließ sich in den freien Sessel vor dem Kamin fallen.

 „Irgendetwas stimmt da doch nicht“, sinnierte sie und kaute auf ihrer Unterlippe. „Snape ist noch nie ausgefallen. Und wenn er etwas Wichtiges zu erledigen hatte, warum haben wir dann nicht beim Frühstück am Montag Bescheid bekommen? So unvorbereitet, wie selbst Professor Sinistra gewesen ist …“ Hermine schnalzte mit der Zunge. „Niemand hat gewusst, dass er nicht da sein würde, da bin ich mir sicher.“

 „Vielleicht hat er sich dazu entschieden, wieder ein Vollzeit-Todesser zu werden und hat Hogwarts verlassen.“ Harrys Stimme klang düster.

 „Dann würde Professor Dumbledore dir kaum sagen, dass er bald zurück sein wird“, erinnerte Hermine ihn.

 „Bist du dir da sicher? Vielleicht hofft er noch, ihn umstimmen zu können …“

 Nein, sicher war sie sich nicht und so schwieg Hermine.

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 Die ganze Sache war ein Rätsel, das – Hermine traute sich nicht, es vor Harry und Ron zu sagen – so sonderbar wie interessant war. Und es wurde noch sonderbarer und interessanter, als Snape am nächsten Montag wie gewohnt zum Unterricht zurückkehrte.

 Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er überhaupt fort gewesen war. Er erschien pünktlich am Klassenraum, brachte sie alle mit einem Blick zum Schweigen und ließ sie mit grimmiger Miene hinein, während er selbst an der Tür stehenblieb und sie durchzählte – vermutlich in der Hoffnung, sich auf einen oder gar mehrere Verspätete freuen zu können.

 Hermine, die ihre Nase mal wieder in ein Buch gesteckt hatte, räumte es eilig in ihre Tasche, war aber dennoch die Letzte, die den Klassenraum betrat. Sie warf dem dunklen Mann einen Blick zu, während ihr der Umhang zusammen mit dem Riemen ihrer Tasche von der Schulter rutschte. Zuerst erwiderte er ihren Blick mit derselben Abscheu, die sie von ihm gewohnt war. Doch gerade, als sie wegsehen wollte, um es sich nicht schon vor Unterrichtbeginn mit ihm zu verscherzen, veränderte sich etwas.

 Hermine bekam es nur noch beinahe mit, das rasche Zwinkern und das dezente Rucken seines Kopfes, so als hätte er sich gerade noch davon abhalten können, sie anzustarren. Als sie ihn noch einmal ansah, unsicher, ob sie sich das Ganze nicht nur eingebildet hatte, trug er wieder seine übliche ausdruckslose Miene.

 „Wollen Sie in der Tür Wurzeln schlagen, Miss Granger?“, schnarrte er und zog die Augenbrauen hoch.

 „Natürlich nicht“, murmelte sie und eilte auf den letzten freien Platz in der ersten Reihe zu. Mit gerunzelter Stirn zog sie den Stuhl hervor und setzte sich.

 „Kapitel 4, 5 und 6“, verkündete Snape, „lesen, zusammenfassen, anwenden. Sie haben eine Dreiviertelstunde Zeit.“

 Ein leises, wirklich sehr leises Raunen ging durch die Klasse; anscheinend hatte er es sich in den Kopf gesetzt, den Stoff von zwei Wochen in einer durchzunehmen. Doch niemand konnte sich so leise beklagen, dass ein Severus Snape es nicht hörte.

 „Und wer nicht augenblicklich damit beginnt, darf Kapitel 7 noch hinzufügen“, sagte er laut. „Ruhe jetzt!“

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 „Er hat gesagt, dass es mich nichts angeht.“ Über Harrys Kopf hatten sich unsichtbare Gewitterwolken aufgetürmt, als er am Mittwochabend von einem Treffen mit Professor Dumbledore zurückkehrte.

 „Das hat Professor McGonagall auch gesagt“, berichtete Hermine verstimmt.

 „Aber es geht uns etwas an!“, wandte Ron ein. „Wir sollten es wissen, wenn Snape versucht, dich im Auftrag von Du-weißt-schon-wem zu töten.“

 „Dumbledore hat auch gesagt“, fuhr Harry fort, „dass mir keinerlei Gefahr von Snapes Seite droht.“ Er verdrehte die Augen.

 „Vielleicht ist das ja auch so“, überlegte Hermine.

 „Weil …“, animierte Ron sie mit hochgezogenen Augenbrauen zum Weitersprechen.

 „Weil Snape …“ Sie stockte und biss sich auf die Unterlippe. Das Ganze klang selbst in ihren Ohren sonderbar. Dennoch hob sie das Kinn und begann nochmal: „Weil Snape mich so merkwürdig angesehen hat, als er uns letztens in den Klassenraum gelassen hat.“

 Für einen Moment kam weder von Ron noch von Harry eine Antwort. Dann lachte ersterer kurz auf und wechselte einen Blick mit letzterem. „Hermine, das ist Snape! Er guckt immer merkwürdig.“

 Eine Falte bildete sich zwischen Hermines Augenbrauen. „Etwas, das immer so ist, ist nicht merkwürdig, sondern normal, Ron. Und Snape hat mich definitiv nicht normal angesehen!“

 „Das musst du dir eingebildet haben. Warum sollte die Fledermaus dich komisch ansehen? Harry ist doch derjenige, der Du-weißt-schon-wem die Stirn bieten soll.“

 „Ich habe es mir nicht eingebildet“, beharrte Hermine und verschränkte die Arme vor der Brust.

 „Selbst wenn er dich komisch angesehen hat“, schaltete Harry sich nun ein, „warum sollte das bedeuten, dass er nicht wieder auf Voldemorts Seite steht?“

 Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihm sagen sollte, dass Snape sie auf eine andere Art komisch angesehen hatte, doch Hermine schluckte die Worte. „Vielleicht hast du recht“, murmelte sie stattdessen und wandte den Blick zum kalten Kamin. Sie sollte wohl einem flüchtigen Blick von Snape nicht so viel Bedeutung beimessen – selbst wenn ein Teil von ihr es so unbedingt wollte.

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 „Wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, werde ich Sie in eines dieser Bücher hineinzaubern!“

 Hermine sah widerwillig von ihrer Lektüre auf. Madame Pince stand vor ihr, die Hände in die Hüften gestemmt. „Das würden Sie Ihren Büchern niemals antun“, erwiderte sie.

 „Wollen Sie es darauf ankommen lassen?“, drohte die Bibliothekarin. „Auch ich habe ein paar Werke, von denen ich denke, sie wären besser niemals verlegt worden.“

 Hermine rieb die Zähne gegeneinander, hielt es aber für schlauer, den Rückzug anzutreten. Nachdem sie ihre Sachen zusammengeräumt hatte, schlug sie allerdings einen kleinen Bogen zu einem der Regale, schnappte sich ein Buch, über das sie vorhin gestolpert war und schnaubend den Kopf geschüttelt hatte, und ging dann weiter zum Tresen, um geduldig zu warten, bis Madam Pince, die sich schon als Gewinnerin des kleinen Duells gesehen hatte, sie bemerkte. „Was denn nun noch?“, fragte sie gereizt.

 „Ich möchte mir dieses Buch gern ausleihen. Es klingt äußerst spannend.“ Sie schob das Exemplar von Das suspekte Paarungsverhalten der Flubberwürmer über den Tresen und musste sich angesichts von Madame Pinces konsterniertem Blick ein Grinsen verkneifen. „Im Ernst, Madame Pince, ich werde Sie vermissen, wenn meine Schulzeit hier vorbei ist“, sagte Hermine, während sie das Buch entgegennahm und unter ihren Arm klemmte.

 „Machen Sie, dass Sie wegkommen!“, war die Antwort.

 Hermine schüttelte schmunzelnd den Kopf, als die Türen der Bibliothek mit einem lauten Knall hinter ihr geschlossen und verriegelt wurden. Dann ging sie zum Fensterbrett auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges und sortierte in Ruhe ihre Sachen. Sie warf einen weiteren Blick auf das Buch und grinste; vielleicht würde sie tatsächlich mal hineinlesen. Erst als sie sich sicher war, dass der Beginn der Sperrstunde überschritten war, machte sie sich gemächlich auf den Weg zurück in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Sie hatte keine Eile, dort anzukommen. Und sie hoffte auf eine Begegnung, bevor es dazu kam.

 Wenn man es darauf anlegte, zufällig einem Severus Snape über den Weg zu laufen, dann war eine der vielversprechendsten Strategien, auf den Beginn der Ausgangssperre zu warten und sich trotzdem noch außerhalb des Schlafsaals aufzuhalten. Hermine feixte in sich hinein. Nervös. Vielleicht auch ein bisschen bang. Aber sie feixte.

 Und sie machte mehrere Umwege, unterhielt sich mit diversen Portraits, blieb immer wieder stehen und sah durch die alten Fenster hinaus auf die Ländereien, auch wenn ihre Hände mit jeder verstreichenden Minute feuchter wurden und sie von einem Bein aufs andere trat.

 Erst eine halbe Stunde nach Beginn der Sperre hatte sie endlich Glück – oder zumindest bekam sie, was sie wollte.

 „Miss Granger …“ Snapes Stimme klang eher zufrieden als maßregelnd, während er wie ein Racheengel durch den Gang im dritten Stock auf sie zuschritt. „Man sollte meinen, eine talentierte Hexe wie Sie wäre in der Lage, den Beginn der Ausgangssperre auf einer Uhr zu bestimmen.“

 „Das bin ich tatsächlich, Sir“, erwiderte Hermine höflich und umklammerte ihre Tasche fester.

 „Und dennoch treffe ich Sie jetzt in den Gängen des Schlosses an.“ Er war zwei Schritte vor ihr stehen geblieben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.

 „Dass ich den Beginn grundsätzlich bestimmen kann, bedeutet nicht, dass ich auch das entsprechende Werkzeug bei mir habe. Meine Uhr ist kaputt. Sir!“ Dabei zitterten ihre Beine so sehr, dass sie glaubte, er müsse es durch den Boden spüren.

 „Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, dass Sie längst in Ihrem Gemeinschaftsraum sein sollten“, grollte Snape, wurde aber von einem Pferd, das durch eines der Portraits neben ihnen galoppierte, abgelenkt. Er verengte die Augen und beobachtete die danach wieder verlassene Landschaft einige Sekunden lang.

 Hermine ihrerseits beobachtete ihren Lehrer. Seine Kiefermuskulatur war angespannt, ein Muskel unter seinem Auge zuckte, seine Haare waren fettiger als sonst und er blasser. „Irgendetwas wird passieren“, sagte sie leise und Snapes Kopf zuckte zu ihr zurück.

 „Nonsens!“, zischte er. „Zwanzig Punkte Abzug von Gryffindor wegen Streunen durch das Schloss nach Beginn der Ausgangssperre. Machen Sie, dass Sie wegkommen!“

 Hermine trat vorsichtig einen Schritt zurück, doch die Worte, die Snape gesagt hatte, erreichten ihren Verstand nur verzögert. „Hat es mit Voldemort zu tun? Es ist das Ende des Schuljahres, es würde ins Muster passen“, überlegte sie laut.

 Snape kam urplötzlich ganz dicht an sie heran. „Ich empfehle Ihnen, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Gehen Sie! Gehen Sie in Ihren Turm und verlassen Sie ihn nicht vor dem Morgengrauen!“

 Seine eindringliche Stimme und der intensive Blick aus diesen schwarzen Augen ließen Hermine kapitulieren. Sie mochte eine Löwin sein, doch sie mochte auch ihr Leben. Also wirbelte sie herum und steuerte im Laufschritt die Treppe an, die sie ins richtige Stockwerk führen würde.

 Hinter sich jedoch glaubte sie noch einmal die Stimme des Tränkemeisters zu hören und die Worte, die er sagte, blieben hängen, selbst nachdem er in dieser Nacht den Schulleiter tötete und mit den Todessern aus Hogwarts floh: „Pass auf dich auf, Hermine.“

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 Nicht ganz ein Jahr später saß sie in einem Sessel im Fuchsbau und starrte den zerschlissenen Teppich an, der auf den kalten Dielen lag. Sie war müde, erschöpft, sogar absolut ausgelaugt. Und dabei hatte sie schon zwanzig Stunden geschlafen, seitdem es geendet hatte. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr in einem richtigen Bett.

 Mühsam hob sie den Blick vom Boden und sah aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf, eine scharf begrenzte, hellgelbe Scheibe hinter den Schleiern des Nebels. Hermine holte tief Luft und stieß sie dann leise wieder aus ihren Lungen.

 Im nächsten Moment hielt ihr jemand eine Tasse über die Schulter und sie blinzelte mehrmals. Verdutzt sah sie den Arm entlang, zu dem die Hand an der Tasse gehörte, und fand am anderen Ende das Gesicht von Minerva McGonagall – mindestens ebenso müde. „Trinken Sie!“, forderte sie sie auf.

 Hermine grub sich einen Weg durch die Decken, die sie um sich geschlungen hatte, und nahm den Tee entgegen. „Danke“, sagte sie mit heiserer Stimme. Sie hatte so viel geschrien im Kampf um Hogwarts, ihre Stimmbänder hatten sich davon noch nicht erholt. „Haben Sie ihn gefunden?“, fragte sie dennoch und bezog sich damit auf Professor Snape.

 Unwillkürlich sah sie ihn wieder in der Heulenden Hütte. Sah sein Blut, das sich langsam über den alten Holzboden ausbreitete, und die Angst, die in seinen sonst so kalten Augen gestanden hatte. Sie wurde sie nicht los, die Bilder von Tod und Zerstörung.

 Minerva seufzte. „Nein, haben wir nicht.“ Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch den Sessel, als die neue Schulleiterin sich mit der Hüfte dagegen lehnte und nun ihrerseits die aufgehende Sonne beobachtete. „Man sieht die Spuren …“ Sie unterbrach sich und senkte den Blick. „Aber er ist nicht dort.“

 Hermine sah mit großen Augen zu ihr auf. „Das ist nicht möglich“, hauchte sie. „Ich habe gesehen, wie er gestorben ist! Er muss dort sein.“

 Professor McGonagall schüttelte den Kopf. „Ich befürchte nicht, Hermine. Es ist viel Zeit vergangen, bevor wir dazu gekommen sind, in die Heulende Hütte zu gehen. Und es sind einige Todesser entkommen.“ Sie ließ diese beiden Tatsachen in der Luft hängen, presste sogar die Lippen aufeinander, vielleicht um die Schlussfolgerung nicht laut aussprechen zu müssen.

 Hermine hörte sie trotzdem und schluckte hart an etwas Großem, das ihr die Kehle zuschnürte. Dann senkte sie abrupt den Blick und starrte die bebende Oberfläche des Tees an.

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 Ein Jahr. Hermine schüttelte langsam den Kopf und blätterte durch die Seiten des kleinen Notizbuches.

 Ein Jahr lang hatte sie versucht herauszufinden, was mit Professor Snape passiert war. Nicht nur nach seinem Tod, sondern auch in der einen Woche, die er während ihres sechsten Schuljahres verschwunden gewesen war. Doch bis heute, einen Tag bevor sie Hogwarts mit einem der besten Abschlüsse aller Zeiten verlassen würde, hatte sie zwar viel erfahren, von dem sie nichts gewusst hatte, aber nichts darüber.

 Trotzdem hatte sie all die anderen Kleinigkeiten aufgeschrieben. In das Notizbuch, das sich warm anfühlte unter ihrer Hand. Zärtlich strich sie über den ledernen Einband, in dem ein paar Geheimnisse des Professor Severus Snape ruhten.

 Wenn sie an all die Dinge dachte, die Professor McGonagall und Professor Sprout ihr erzählt hatten, Professor Dumbledore in seinem Portrait und Madame Pomfrey während der ruhigen Stunden im Krankenflügel, sogar Madame Pince, wenn auch erst, nachdem Hermine ihr versprochen hatte, danach niemals wieder in der Bibliothek aufzutauchen … All diese Menschen hatten einen völlig fremden Severus Snape für Hermine gemalt, einen Mann, der einen ganz eigenen Humor gehabt hatte, der geholfen hatte, wenn man ihn gebraucht hatte und der seine Brummigkeit zur Schau getragen hatte wie andere ein Abzeichen. Der eine Tasse starken Kaffees jedem Tee vorgezogen hatte – außer der Tee war richtig zubereitet worden. Professor Sprout hatte ihr jeden einzelnen Schritt erklärt.

 In diesem letzten ihrer Schuljahre, das Hermine einsamer verbracht hatte als alle anderen zuvor, da Harry und Ron bereits ihre Ausbildung im Ministerium begonnen hatten, hatte sie Severus Snape kennengelernt. Und nun war es an der Zeit, ihn gehen zu lassen.

 „Sie waren ein Mensch voller Geheimnisse, Sir. Und ein paar davon werden Sie wohl mit ins Grab nehmen. Ich muss das akzeptieren.“

 Noch einmal strich Hermine über den Einband des Buches, dann legte sie es in die Holzschachtel, die sie eigens für diesen Zweck aus einem Stück Treibholz erschaffen hatte. Sie schob den Deckel darauf und versiegelte ihn mit einem Zauber, der den für sie so wertvollen Inhalt für die Ewigkeit bewahren würde – insbesondere vor neugierigen Blicken. Niemand musste hiervon erfahren. Dann verstaute sie die Schachtel tief unten in ihrem Koffer.

 Es klopfte an ihrer Tür. „Ja?“ Hermine stand auf und strich ihr Kleid glatt.

 „Kommst du?“ Rons Augen wurden größer, als er sie sah. „Wow …“

 Hermine lächelte und biss sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe. Er war extra für ihre Abschlussfeier hergekommen, sie hatte ihn seit Wochen nicht gesehen. Nicht nur, weil er sich mit Begeisterung in seine Ausbildung gestürzt hatte, sondern vor allem, weil sie verbissen versucht hatte, die Geheimnisse des Severus Snape noch vor ihrer selbst gesetzten Deadline zu lüften. Vergeblich. Es wurde Zeit, dass sie in ihr eigenes Leben zurückkehrte.

 „Lass uns gehen, Ron.“ Sie ging zu ihm und hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam verließen sie den Gryffindor-Gemeinschaftsraum und gingen hinunter in die Große Halle.

- - -

 Hermine erwachte mit einem kleinen Schrei und stand von einer Sekunde auf die andere neben ihrem Sessel. Ihr Herz raste und ihre Augen waren weit aufgerissen, hektisch blickte sie sich um.

 Eine Eule flatterte derweil mindestens ebenso entsetzt durch ihr Wohnzimmer und schaffte es nur knapp, der Deckenleuchte auszuweichen. Dafür flog sie direkt in die Gardinen und rutschte an dem Stoff hinunter, bis sie kreischend hinter der Couch liegen blieb.

 „Bei Merlin …“, murmelte Hermine und schloss kurz die Augen, presste eine Hand gegen ihre Brust. Vom offenen Fenster her wehte der erste warme Frühlingswind ins Zimmer. Sie musste eingeschlafen sein, obwohl sie sich nur kurz hatte setzen wollen nach der anstrengenden Nachtschicht im St.-Mungos.

 Das offene Fenster war auch der Grund dafür, dass die Eule ungehindert hereinkommen und sich auf Hermines Kopf hatte niederlassen können. Und das wiederum war der Grund gewesen für den Schrecken, der sie aus ihrem Nickerchen gerissen hatte.

 Es erklang ein weiteres Kreischen und Hermine erinnerte sich daran, dass ihr gefiederter Gast ein Problem hatte. Mit geröteten Wangen schlängelte sie sich zwischen Sessel und Wohnzimmertisch hindurch und kniete sich auf die Couch. Sie schielte hinter eben jenes Möbelstück und runzelte die Stirn. „Tut mir leid“, sagte sie trotzdem und streckte die Hand nach dem magischen Postboten aus. Prompt wurde sie in den kleinen Finger gezwickt und zuckte zurück. „Hey! Nicht beißen! Sonst lass ich dich für immer da unten.“

 Diese Drohung schien der Eule zwar nicht zu gefallen, doch das versöhnliche Pfeifen ließ Hermine vermuten, dass sie sich auf den Deal einlassen würde. Ein weiteres Mal streckte sie ihre Hand aus und dieses Mal ließ die Eule sich anstandslos packen und nach oben heben. Kaum war sie mit dem Fensterbrett auf Augenhöhe, wand sie sich allerdings flatternd aus Hermines Griff, warf ihr Päckchen ab und verschwand so unerwartet, wie sie gekommen war.

 „Ich hab doch noch Eulenkekse!“, rief Hermine ihr mit einem entschuldigenden Blick hinterher. Es hielt die Eule nicht auf.

 Seufzend sank sie auf ihre Füße zurück und sah sich schuldbewusst um. Zumindest bis ihr Blick auf das Päckchen fiel, das die Eule ihr gebracht hatte. Es war in einfaches braunes Packpapier gewickelt und trug keinen Absender. Neugierig nahm sie es in die Hand, drehte und wendete es und löste dann die Schnüre, die es zusammenhielten.

 Ein schlichtes, in dunkelbraunes Leder gebundenes Buch kam zum Vorschein. Hermine zog die Augenbrauen zusammen. Die Wachsamkeit des Krieges war in den letzten sechs Jahren immer weiter verschwunden, denn weitere Angriffe hatte es auch von den entkommenen Todessern nie gegeben. Die gesamte magische Welt hüllte sich mittlerweile in Frieden und Vertrauen wie in ein goldenes Tuch. Ob dieses Tuch stabil war, würde sich zeigen.

 In diesem Fall allerdings entschied sie, dass eine genauere Prüfung angebracht war, und griff nach ihrem Zauberstab. Erst als sämtliche gängige Analysezauber negativ ausfielen, wagte sie es, das Buch zu öffnen.

 Und wurde von einem Schlag der besonderen Art getroffen.
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