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Not you

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P12 / Gen
11.05.2022
11.05.2022
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Die Tür fiel hinter ihr fiel ins Schloss und es war wieder leise um sie herum. Keine gut gemeinten Worte, keine lustigen Geschichten aus der Vergangenheit, keine halb ernstgemeinten Hilfsangebote.
Fahrig strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und ihr Augen wanderten durch den offenen Eingangsbereich. Da standen die ausgetretenen Hauspuschen, ordentlich neben den anderen Schuhen aufgereiht. Und da hing diese Fotokollage aus seinem letzten Einsatz. Sie hatte sie nie schön oder dekorativ gefunden, aber ihm war es so wichtig gewesen. Also hatte sie es geduldet. Diesen optischen Störenfried in der sonst so harmonisch eingerichteten Wohnung.
Auf dem Teller lag der Schlüsselbund an einer Schlaufe aus dunkelblauem Tau. Ein Geschenk zu letztem Weihnachten.
Es war so leer in der Wohnung, so kalt. Er würde nie wiederkommen. Nie wieder. Nie wieder.
Sie war allein.

Drei Mal war er im Einsatz. Zweimal in Afghanistan, einmal in Mali. Er war Soldat, genauso wie sein Vater, sein Großvater und dessen Vater. Und er war stolz darauf.
Jeden einzelnen Tag hatte sie Angst, er könnte nicht wieder nach Hause kommen. Die Gefahr besteht immer. Und sie hatte sie in Kauf genommen.
Doch er hat einen anderen Kampf verloren. Einen Kampf, mit dem sie nicht gerechnet hatten.
Er war schleichend und er fraß ihn von innen heraus auf. Nie zuvor hatte sie ihn so schwach gesehen, eingefallen, ausgemergelt, hilflos. Die sonst so strahlenden Augen blickten müde in seinem Krankenhauszimmer herum, als er die Kraft verlor zu sprechen und zum letzten Mal ihre Hand drückte. So sacht, dass es auch Einbildung hätte seien können.
Sie hatten es zu spät bemerkt. Die Diagnose war ein Todesurteil und jede Hilfe kam zu spät.

Sie sank zu Boden. Als könnte sie das vorm freien Fall bewahren. Ihr Mund war zu einem Schrei geöffnet, doch kein Ton erklang. Ihre Kehle war zugeschnürt und ihre Brust tat so unendlich weh, als würde man ihr das Herz herausreißen. Tränen rannen ihr unaufhaltsam über die Wangen und auch der Kragen ihres hochgeschlossenen schwarzen Kleides konnte sie nicht stoppen. Die Karten und Umschläge mit Beileidsbekundungen glitten ihr aus der Hand und verteilten sich vor ihr auf dem Boden.
Sie weinte solange, bis keine Tränen mehr kamen, ihr Hals weh tat und der Kleidkragen und Ärmel vollkommen durchnässt waren. Und noch länger blieb sie auf der Fußmatte sitzen. Ganz still, als könnte sie einfach so tun, er würde nebenan im Bett liegen und schlafen.

Das Ende seines Lebens war kein großer Knall, als Soldat in den Diensten seines Landes. Das hätte ihn stolz gemacht. Nein, es kam leise, in der Nacht vom 25. März. Und sie war nicht dort. Er war alleine. So wie sie jetzt.
 
 
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