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Rot wie das Leben

von Coronet
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16 / Het
Cato Clove
10.05.2022
15.06.2022
5
16.947
11
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ROT WIE DAS LEBEN


- Clove. Eine Tragödie in fünf Akten -


***


A K T
I


MIT VOLLER ABSICHT


***


»Ohne Tod gäbe es kein Leben. Und ich will überleben
Cloves Worte ziehen den Schlussstrich unter eine Konversation, derer sie schon seit Monaten überdrüssig ist. Sehr zum Missfallen der anderen am Tisch, aber an der Entscheidung hindern kann sie niemand. Nicht heute, denn sie wird erwartet, und genauso wenig in vier Wochen. Wenn darauf keine Strafe stünde, dann würde ihr Vater sie liebend gerne in der Werkstatt einsperren, zwischen staubigen Poliermaschinen und Kisten voller Gestein. Aber das hier ist Panem und die Teilnahme an der Ernte für alle von zwölf bis achtzehn verpflichtend.
Clove ist sechzehn und überzeugt. Leben heißt Überleben. Die Existenz, die ihre Eltern pflegen, ist kein Leben. Höchstens der bloße Schatten dessen. Tagein, tagaus Marmor für die Architekten des Kapitols bearbeiten, die damit Böden und Wände ihrer Prunkbauten bedecken – das ist kein Zustand, sondern eine Zumutung.
Mit vierzig an einer Staublunge zu versterben, ohne etwas für die Nachwelt zu hinterlassen, außer kaltem Marmor in einer kalten Welt, wäre in Cloves Augen nur das Hinauszögern des Unvermeidlichen. Ein Tod auf Raten, eine Illusion von Freiheit – ein kaltes Leben. Aber nicht mit ihr. Lieber verlischt sie wie Feuerwerk am Himmel des Kapitols. Mit einem Knall.
Sie lässt ihre Eltern, die Unterhaltung und schließlich das Haus hinter sich. Läuft die Straßen ihres Viertels entlang, von denen sie jede Unebenheit kennt; jedes Steinchen, das sich durch die Sohlen ihrer ausgetragenen Turnschuhe drückt und jedes Loch, über das sie springen muss. Sie läuft, bis das Shirt an ihrem Körper klebt, aber sie hält nicht inne. Ihr Herz schlägt, die Muskeln brennen und ihr Blut kocht. Sie lebt, mit jedem Schritt ein bisschen mehr.
Anstatt in die Zahnradbahn zu steigen, die in den Kessel hinabfährt, folgt sie den Schienen Richtung Innenstadt zu Fuß. Ihre Schuhe kennen diesen Weg ebenso gut wie sie und von der Last des Denkens befreit, breitet sich endlich, endlich Leere in ihrem Kopf aus. Keine Echos ihrer Eltern mehr, die ihr die Entscheidung ausreden wollen. Die Ruhe vor dem Sturm, weil sie ihrer Meinung nach ins Verderben läuft, und die sie Atemzug für Atemzug genießt. Wenn die Luft bloß nicht so staubig wäre.
Cloves ganzer Weg ist gesäumt von den Gründen, ihren Wohnort zu hassen. Die gedrängten kalkfarbenen Häuser, der flirrende Steinstaub, das Knirschen der Bahnen. Distrikt Zwei ist ein ewig graues Meer aus Stein, genauso unbeweglich und hässlich wie die Lüge namens Leben, in der seine Bewohner gefangen sind. Aber heute wird sie diesem Ort Farbe bringen. Ihre Lieblingsfarbe. Rot. Rot wie das Leben, schlagende Herzen, Liebe – und Blut.
Der Weg vor Clove verbreitert sich. Die Schienen biegen nach links ab, zum zentralen Umsteigepunkt, doch sie läuft weiter geradeaus, auf der marmornen Blumenallee entlang. Von den Armen weiß lackierter Straßenlaternen hängen Körbe voller Rosen hinab, die ebenso farblos wie ihre Umgebung sind und der Straße ihren viel zu klangvollen Namen geben. Mit jedem Schritt hinterlässt Clove eine staubige Spur. Davon lässt sie sich nicht stören. Nicht heute. Vor ihr kommt der Festplatz in Sicht und das Adrenalin in ihr schäumt. Unterhalb der Stufen des Justizgebäudes, genau gegenüber von dem Siegerdenkmal, ist eine Empore aufgebaut.
Keuchend bremst Clove ihre Schritte ab. In sicherer Entfernung bleibt sie stehen und nimmt den Anblick in sich auf. Vier Stufen führen hinauf zu den Waffenständern. Schwertklingen, Messerspitzen und Pfeilschäfte reflektieren die Mittagssonne. Der warme Sommerwind streichelt Cloves verschwitzten Nacken. Ihre Arme erzittern unter einer Gänsehaut und sie wendet ihre Aufmerksamkeit dem Justizgebäude zu. Jetzt nur nichts anmerken lassen.
In großen Schritten überquert sie den leeren Platz und betritt das Repräsentationszentrum des Kapitols. Hier drinnen findet sie die einzigen Farben des Distrikts vor – einen weichen blauen Teppich, der jedes Geräusch dämpft und den Staub an ihren Sohlen schluckt. Brutus wartet bereits. Stumm wie immer händigt der Trainer und einstige Hungerspielsieger ihr einen flachen Karton aus. Ein Friedenswächter geleitet Clove den Flur hinab. Ehe sie sich versieht, steht sie in einem Zimmer mit Paravent und Spiegeln, in dem sich die restlichen Mädchen ihrer Trainingseinheit befinden.
Clove sieht niemanden an, während sie den Karton öffnet, das Seidenpapier zur Seite schlägt und ihre Zeremoniekleidung freilegt. Ein Kleid. Natürlich farblos weiß. Der asymmetrische Schnitt, der eine Schulter freilässt, tut nichts für ihren drahtigen Körper. Sie ist verkleidet. Wie eine dieser antiken Statuen, die in den Lehrbüchern für frühgeschichtliche Steinbearbeitung abgebildet sind. Durch den Schlitz des bodenlangen Stoffs sieht man ihre bleichen Schenkel, denen so gar nichts Alabasternes anhaftet. Ihre Konkurrentinnen sind allesamt einen Kopf größer als Clove, mit seidigem Haar und weichen Gesichtern, die über die Kälte in ihren Augen hinwegtäuschen. Neben ihnen sieht Clove kein bisschen wie die Göttinnen aus, die dem Geist hinter dieser Kleidung vorgeschwebt haben dürften. Wenn es nicht notwendig für ihr Überleben wäre, würde Clove sich weigern, diese Verkleidung anzulegen. So aber bindet sie ihren Zopf neu und folgt den anderen Studentinnen der Trainingsakademie zurück auf den Festplatz.
Inzwischen hat sich das Stadtzentrum gefüllt. Schaulustige drängen sich hinter dem Podest mit den Waffen. In einer Phalanx davor reihen sich Friedenswächter aneinander, eine menschliche Mauer zwischen den zehn besten Studenten der Akademie und dem Rest der Welt. Rechts fünf Jungen, links fünf Mädchen, stehen die jüngsten Hoffnungstragenden für die Hungerspiele auf den Stufen des Justizgebäudes. Und Clove ist eine von ihnen. Endlich.
In der erwartungsvollen Stille könnte man beinahe die Explosionen aus dem Steinbruch weiter oben hören. Doch der Wind weht aus Richtung des Kapitols und es bleibt ruhig. Ein schöneres Bild könnte dieser Tag nicht abgeben. Der Himmel ist blau, der Distrikt von dreckigem Weiß und bald wird sich die Farbe des Lebens dazugesellen.
Die Türen des Justizgebäudes öffnen sich erneut. Flankiert von zwei Friedenswächtern wird ein Mann hinausgeführt, dessen Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind. Den Kopf hoch erhoben, lässt er sich auf das Podest führen. Fast schon unbekümmert gleitet sein Blick über Clove und ihre Konkurrenz. Sie kennt ihn nicht – natürlich nicht. Der schwarze Overall mit der vierstelligen Zahl ist Indiz genug, dass es sich um einen Verurteilten aus der untersten Ebene des Gefängnisses handelt.
Mord? Vergewaltigung? Hochverrat? Fasziniert untersucht Clove das Gesicht des Schwerverbrechers. Doch weder an den braunen Augen, noch dem schmalen Mund oder seiner durchschnittlichen Statur lässt sich festmachen, was diesen Mann von jenen auf der anderen Seite der Friedenswächtermauer unterscheidet. Nur eines steht fest: Er hat es verdient. Sonst stünde er nicht dort, wo nur diejenigen landen, deren Schicksal Präsident Snow höchstpersönlich im Kapitol mit Wachs und Stempel besiegelt.
»Cato!«, bellt Brutus und sofort tritt ein Junge aus ihrer Reihe vor.
Er schafft es, in dem weißen Gewand der männlichen Anwärter nicht lächerlich auszusehen. Im Kontrast zu dem Stoff schimmert seine Haut nahezu bronzen in der Sonne und seine Muskeln unterstreichen das Bild des antiken Adonis bestens. Clove bemüht sich um einen neutralen Gedanken, ehe ihre Abneigung sie dazu zwingt, die Lippen zu verziehen oder schlimmer noch – mit den Augen zu rollen.
Cato erklimmt das Podest und schon verliest ein Friedenswächter das Urteil des Mannes, der zu seinem ersten menschlichen Opfer werden soll. Mord. Ein Echo der Tat hallt über den Festplatz, als Cato die Fingerspitzen von einem angebotenen Hinrichtungsmittel zum nächsten gleiten lässt. Sein Blick liegt fest auf dem Publikum und mit einer Handgeste fordert er die Zuschauer auf, ihre favorisierte Waffe zu kommunizieren. Zögerlich klatschen die Ersten für den Bogen, pfeifen angesichts der Axt und brechen beim Schwert in Begeisterung aus.
Es ist eine knappe Angelegenheit, trotz aller Bemühungen Catos, sie in vollen Zügen auszukosten. Er zwingt den Verurteilten mit einem Griff in die Haare auf die Knie und biegt seinen Hals zurück, sodass seine Kehle den Schaulustigen angepriesen wird. Ein Schlag trennt Kopf und Körper. Dafür, dass Cato sein Spiel mit dem Publikum beherrscht, ist es fast eine Verschwendung. Für wenige Sekunden zucken Cloves Mundwinkel, ehe sie die Kontrolle zurückerlangt. Denn das bedeutet auch, dass er nicht gezögert hat.
Bevor sie an der Reihe ist, greifen die konkurrierenden Tributanwärter zwei Mal zum Schwert und je einmal zu Speer und Bogen. Rote Sprenkel zieren Podest und Festplatz, doch kaum genug. Trotzdem klopft Cloves Herz begehrlich gegen ihre Rippen. Leben, sie will leben. Wirklich leben. Als Brutus endlich ihren Namen ruft, hält sie das Lächeln nicht zurück. Sie weiß, dass sie ihre Sache gut machen wird.
Oben auf der Bühne erwartet sie eine hochgewachsene, blonde Frau, die in den Reihen ihrer Konkurrentinnen kaum aufgefallen wäre. Sie hat blaue Augen, die Clove unweigerlich an den See erinnern, den sie früher immer mit ihren Eltern besuchte, wenn die Ernte vorbei war. An dem einen Tag im Jahr, den sie frei hatten. Den sie leben durften.
Clove steht still da, während das Urteil ihres noch atmenden Opfers verlesen wird. Eine Mörderin hätte sie begrüßt, alleine der Ironie des Schicksals halber, wenn der einen Verbrechen der anderen Triumph wird, doch das ist ihr nicht vergönnt. Sie lacht der Hochverrat an, im wahrsten Sinne des Wortes. Was immer dieses Vergehen bedeuten mag. So oder so ist es das Messer, zu dem Clove greift.
Kein Spiel mit dem Publikum, nicht einmal ein kurzer Blick. Das hier ist ihr Moment, da will Clove nicht die winzigste Regung im Gesicht ihres Gegenübers verpassen. Die Straßenkatzen, denen sie bisher im Training die Kehle durchschneiden durfte, haben ihr nie in die Augen geblickt und so viele Emotionen gezeigt. Und falls doch, hat sie es nicht gesehen. Dieses Mal aber ist alles anders. Ihr Opfer schaut auf sie hinab und obwohl ihre Hände auf den Rücken gefesselt sind, bleibt eine Illusion von Wehrhaftigkeit.
»Du tust mir leid«, wispert der Hochverrat. »So muss es nicht sein.«
Leben heißt Überleben, hält Clove den verräterischen Worten entgegen. Es ist spielend einfach, die Messerklinge an das Gesicht ihres Opfers zu legen. So eine hübsche Frau, fast so schön wie die Tributinnen aus Distrikt Eins. Die Schlampen. Der Gedanke führt Cloves Hand und rote Tränen folgen ihrer Spur hinab zum Hals der Verurteilten. Sie merkt kaum Widerstand. Sie fühlt sie wie eine Künstlerin – wohin sie die Klinge gleiten lässt, folgt ihr Farbe. Zuletzt hat sie in der Grundschule mit Pinsel und Tusche gemalt, mehr schlecht denn recht. Die Erinnerung an das Bild eines Apfelbaumes bringt sie zum Lachen. Wie schön Rot ist, wusste sie immer. Die Lippen, die eben noch Lügen flüsterten, zittern.
Es ist eine Schande, dass ihr keine Zeit bleibt, den Moment zu genießen. Doch Clove darf nicht zögern. In der Arena kann sie es auskosten – nein muss sogar. Das hier ist nur eine Übung. Hauptsache Brutus ist glücklich damit, dass und wie sie es zu Ende bringt. Schnell und überzeugt. Also hebt Clove den Arm und stößt ihr Messer hinab, bis zum Heft in die Brust des Hochverrats.
Keine ihrer Erwartungen erfüllt sich. Die lebensauslöschende Bewegung verlangt kaum Kraft. Es gibt keine Barriere, die sie mit Gewalt überwinden muss. Die Grenze zwischen Verletzen und Töten verschwimmt vor Cloves Augen in ihrer Lieblingsfarbe. Rot wie das Leben. Es passiert, ohne dass ihre Überzeugung gefordert wird. Nichts hindert sie daran, erneut zuzustechen. Einmal. Und noch einmal.
Die Katzen haben sich mehr gewehrt. Aber das Blut ist ebenso warm, die Schreie laut. Und Clove lebt wieder.
Niemand hält sie auf oder entwindet ihr die Waffe. Brutus sagt einfach nur ihren Namen und da hört der Drang, das Messer zu versenken, auf. Als hätte er nie existiert. Und doch ist nichts wie zuvor. Clove ist eine Mörderin. Staatlich anerkannt, mit Wappen und Siegel. Die Verräterin ist an den eigenen Worten erstickt, der See in ihren Augen kalt wie im Dezembergrau.
Clove wischt die Messerklinge an ihrem Kleid ab, hängt es zurück in die Halterung und nimmt ihren Platz in der Reihe tödlicher Statuen wieder ein. Noch vier Mal wird sie Zeugin, wie ein Leben endet und Mörder erstehen. Noch vier Mal wird das Schwert gewählt. Noch vier Mal weiß sie, dass sie besser war.
Brutus nickt ihr zu, als sie das Justizgebäude schließlich wieder verlässt, geduscht, zurück in ihren staubigen Klamotten und der eigenen Haut. Spätestens da ist sie überzeugt, dass er sie dieses Jahr ziehen lassen wird. Der Gedanke verleiht ihr Rückenwind und trägt sie den Berg hinauf, immer auf den Spuren der Zahnradbahn.
Daheim erwartet sie niemand. Die Poliermaschinen in der Werkstatt kreischen. Weißer Staub legt sich auf Clove wie ein Leichentuch. Sie sieht es in dem Spiegel, der im Flur hängt. Der Steinstaub wird sie ersticken, langsam und qualvoll. Bereits jetzt überdeckt er die Spuren des Lebens, das eben noch so wild in ihr pulsierte.
»Hast du ... hast du es getan?« Ihre Mutter steht plötzlich im Türrahmen. Die Worte stolpern aus ihr aus dem Mund wie eine Steinlawine. »Ich meine ... bist du ... es?«
Es. Als wäre es ein Verbrechen, die Tat auch nur mit einem Wort zu würdigen. Clove hebt das Kinn. »Ich habe getötet.«
Ihre Mutter stolpert rückwärts, die Hand vor den Mund geschlagen. »Du – du siehst gar nicht ... anders aus.«
»Sollte ich?« Die Fäuste geballt, macht Clove ihrerseits einen Schritt auf die Frau zu, die ihre Mutter sein soll – in der sie aber nichts als eine Fremde erkennt.
Sollte sie anders aussehen? Hatte sie nicht angesichts der Mörder auf dem Festplatz dieselben Überlegungen, hat nach den Anzeichen ihrer Tat in normalen Gesichtern gesucht und war enttäuscht, nichts zu finden?
Cloves Gedanken rasen, genauso wie die ihrer Mutter. Letztlich senkt diese als Erstes die Hand. »Nein. Ich erkenne dich schon lange nicht mehr.«
Die ausgebliebenen Vorwürfe bekommt Clove von ihrem Vater zum Abendessen serviert. Er fragt sie, was sie in ihrer Erziehung falsch gemacht haben, ob sie denn gar nichts empfinde und warum sie ihnen das Herz brechen wolle. Sie sollte doch nur ein paar Selbstverteidigungskurse in der Akademie besuchen und keine Mörderin werden. Vielleicht macht er sich diese Vorwürfe auch selber; wünscht sich, sie nie dorthin geschickt zu haben, wo sie begriff, was leben heißt.
Clove verkneift es sich, zu sagen, dass man ein Herz, was nie geschlagen hat, nicht brechen kann.
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