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The shifted reality

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 / Het
10.05.2022
30.05.2022
2
8.668
1
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10.05.2022 4.511
 
Ich blätterte genervt durch die Aufträge des Tages, schüttelte immer wieder den Kopf und strich etwas durch, notierte mir eine Frage auf den für mich typischen pastellrosa Sticky Notes und klebte sie auf das entsprechende Formular. War es denn so schwer für unsere Fahrer, Gewicht und Länge des Aufliegers und der Cargo richtig aufzuschreiben? Oder besser… Warum hatte der Azubi vergessen, nach diesen Daten zu fragen? In solchen Situationen würde ich am liebsten alles hinschmeißen, da ich diese Idiotie einfach nicht ertrug… doch dann schaue ich auf meinen Meisterbrief und vergesse alles Negative. Als erste Frau in meiner Firma habe ich nicht nur die Ausbildung zur Fachkraft in der Lagerlogistik geschafft, sondern auch meinen Logistikmeister. Und das als Klassenbeste.

Doch danach? Ich wollte nicht ewig in meinem Ausbildungsbetrieb bleiben, ich schaute mich bereits um und dank des nahen Flughafens könnte ich in den internationalen Bereich der Logistik wechseln. Als wenn mein Chef mich gehen ließ, wollte er im Moment noch nicht auf mich verzichten, obwohl ich bereits meine Stunden drastisch gekürzt habe, um mehr Zeit für den E-Sport zu haben.

Es war nicht wirklich E-Sport, ich streamte regelmäßig meine WoW Sessions, je nachdem auf was ich in dem Moment Lust hatte. Meistens spielte ich meine Blutelfin Sindala, eine Kriegerin und mein PvP Charakter. Für Dungeons und Raids nutze ich lieber meine Dschungel Troll Druidin Zanyá, ich weiß nicht wieso ich ständig zwischen den beiden wechsle, aber hey, Abwechslung ist gut. Und meine Viewer haben mich schon davon überzeugt, zusammen mit ihnen einen komplett neuen Charakter anzufangen und nach den ersten Leveln mit der Story anzufangen. Also beim Nullpunkt zu starten und bis zum aktuellen Patch zu spielen. Inklusive allen Cinematics und Cutscenes. Es war nicht ganz so einfach, als die Cinematic mit Zappy Boi und Saurfang kam… Ich musste das Spiel danach kurz stoppen und mich sammeln. Beide sind meine absoluten Lieblinge und egal wie oft ich die Cinematic sehe, ich heule. OK, erst bekomme ich ne Gänsehaut und dann heule ich. Und zwar immer in genau der Reihenfolge.

Lächelnd legte ich die Formulare ab und streckte mich auf meinem Stuhl, die Uhr immer im Auge. Eigentlich hätte ich heute frei, doch ein Anruf meiner liebsten Büropartnerin und schon saß ich wieder im Büro, versuchte Fehler auszubügeln, bevor sie drastisch wurden.

"Alex… sag mir bitte, dass ich verschwinden kann. Ich habe alles erledigt, was der Azubi versaut hat und will eigentlich nur noch nach Hause." Meine Stimme klang tatsächlich so weinerlich wie ich mich fühlte, denn in der letzten Zeit war es oftmals meine Aufgabe, den Azubi auf seine Fehler hinzuweisen und die Fehler dann wieder auszubügeln. Als wenn mein Meisterbrief eine Einladung gewesen wäre. Dafür hatte ich ihn nicht gemacht, ich wollte eigentlich nur allen beweisen, dass eine Frau in diesem Beruf genauso gut sein kann wie Männer. Und wenn ich mir überlege, dass keiner meiner 'Klassenkameraden' ihren Meister gemacht haben… Es erfüllte mich mit Stolz und einer gewissen Häme.

"Klar, ich sag dem Chef Bescheid, dass er sich keine Sorgen machen muss, dass ihm der Kunde ins Gesicht springt. Also zisch ab und tu was auch immer du tun willst Saskia." Alex grinste mich an und ich wusste, ich sehe sie später im Stream. Sie spielte zwar nicht, aber es machte ihr Spaß und für sie war die Welt von Azeroth ein bisschen wie Urlaub fürs Gehirn. Ich loggte mich aus und packte mein Zeug zusammen, bevor ich aufstand und zu Alex ging. "Pass auf, dass dir der Azubi nicht alles abreißt. Ab nächster Woche bin ich im Urlaub und ich will wirklich mal ausspannen und mir keine Sorgen um dich machen." Lachend umarmte sie mich und wedelte in Richtung Tür. "Ist ja schon gut, du hast dir deinen Urlaub ja auch wirklich verdient. USA oder?" Ich nickte und ja, ich freute mich auf meinen USA Urlaub… auch weil ich auf die Blizzcon eingeladen war und mich schon wirklich drauf freute und mir sogar meine Blutelfin als Cosplay gebaut hatte. Ansonsten war es eher ein Abenteuerurlaub mit ein paar Besuchen bei Freunden. Auch wenn die USA im Winter garantiert eiskalt werden würden, freute ich mich extrem, was vielleicht auch mit der Tatsache zusammen hing, dass ich eine Führung durch das Stadion der Minnesota Vikings gebucht hatte… Die offseason war der ideale Zeitpunkt dafür und auch sonst war für die Zeit drüben viel geplant.

Ich schnappte mir meinen Rucksack und den Helm und verschwand so schnell es ging aus der Firma, schwang mich auf mein Motorrad und wollte gerade losfahren, als mein Handy vibrierte. Ein Blick auf die Smartwatch und ich entschied mich, den Anruf zu ignorieren. Ich würde später zurückrufen, wenn ich es als wichtig erachtete. Wobei das wohl nie der Fall sein würde, denn unbekannte Nummern rief ich nie zurück, alle wichtigen Nummern waren eingespeichert. Ich startete meine Bonnie und genoss das aufröhren des Motors, bevor ich Gas gab und in Richtung Grenze fuhr. Denn der schnellste Weg nach Hause führte mich durch die Schweiz, wenn auch nicht lange. Es reichte aber aus, um komplett durchgefroren daheim anzukommen.

Ich stellte die Street Twin auf meinen Parkplatz und lief in Richtung der Haustür, als mich meine Nachbarin abfing und wie immer darüber jammerte, dass meine Maschine viel zu laut sei und ich dabei die Kinder wecken würde. Komischerweise war sie die einzige, die sich je darüber beschwert hatte… Ich ignorierte sie und schloss meine Haustür auf.

Ich betrat meine Wohnung und befreite mich von meiner Schutzkleidung und versorgte sie ordentlich, ich wollte nicht über die Jacke oder gar meinen Helm fallen, wenn ich nachts mal wieder am ‘geistern’ war. Mit einem Stöhnen sank ich auf die Couch und verbarg mein Gesicht in den Händen. Es war noch zu früh für Alkohol, auch wenn ich jetzt wirklich einen Drink gebrauchen könnte. Dieser Azubi brachte mich irgendwann noch ins Grab… so viel Dummheit im zweiten Jahr. Aber wie ich nun mal war, ich sammelte erst und teilte dann aus. Ich schnappte mir meine Kopfhörer und versuchte mich zu entspannen, jedoch fühlte ich mich nicht sonderlich gut und entschied mich für ein Bad und danach ein kurzes Nickerchen… oder erst das Nickerchen und dann das Bad? Die letzte Option schien gerade zu verlockend, also blieb ich auf der Couch liegen, zog mir eine meiner Fleecedecken über und es dauerte nicht lange, bis ich einschlief.

Das Gefühl zu fallen weckte mich auf. Ich fiel tatsächlich und zwar nicht nur von der Couch runter, sondern durch ein schwarzes Loch, durchzogen mit bunten Schlieren. Schreiend versuchte ich mich aus diesem Albtraum zu befreien, als ich hart auf dem Boden aufkam und mir sämtliche Luft aus der Lunge gepresst wurde. Also kein Albtraum.

Das erste, was ich unternahm, als ich wieder atmen konnte, war die Kontrolle auf eventuelle Verletzungen. Sollte diese Bestandsaufnahme negativ sein, hatte ich noch genug Zeit mich auf meine Umgebung und diesen seltsamen Fall zu konzentrieren.
Bis auf meinen lädierten Rücken, die dadurch verursachte Kurzatmigkeit und einige Kratzer konnte ich keine Verletzungen feststellen, also richtete ich mich endgültig auf und rieb mir über die Augen, auf der Suche nach meiner Brille, die ich definitiv noch getragen habe, als ich mich hingelegt hatte - kein kluger Schachzug, aber was solls. Doch ich stutze, denn weder fand ich das zarte Gestell meiner Brille, noch sah ich die Welt verschwommen. Ich war doch blind wie ein Maulwurf ohne Brille, wieso sah ich jetzt also alles gestochen scharf? Nachdenklich blickte ich mich um und entdeckte meinen Rucksack… Ich war mir jedoch sicher, dass ich den nicht in der Hand hatte, als ich einschlief, wie kam der da also hin? Mittlerweile grollte ich leise, wie immer, wenn mich irgendwas total aus der Fassung brachte, jedoch konzentrierte ich mich auf meinen Rucksack, vielleicht fand ich ja etwas, das mir helfen könnte. Ich fand tatsächlich einen Brief in der Seitentasche, jedoch an "Sindala" adressiert… allein das hätte mich stutzig werden lassen, doch leider war ich auch extrem neugierig und öffnete den Brief, auch wenn ich das ungute Gefühl im Magen nicht länger ignorieren konnte.

“Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar,
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht,
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht.” (Johann Wolfgang von Goethe - Faust 1)

Ein Rätsel? Und dann noch ein so komisch verfasstes? Aber irgendwie kam es mir bekannt vor, auch wenn ich es nicht sofort identifizieren konnte. Es beantwortete auf gar keinen Fall, wo ich war, was ich hier sollte und vor allem… wer für dieses Schlamassel verantwortlich war. Die Frage nach dem ‘wo’ sollte sich schnell klären lassen, ich musste einfach nur aus dieser komischen Gasse… Moment. Das war keine Gasse, das sah eher aus wie eine Hauswand… und ein Zaun aus Holz… umgeben von rotem Sand und etwas, das aussah wie Termitenbauten. Es hatte Ähnlichkeit mit einer Wüstenstadt aus Tunesien oder so… Ich stutzte, der Brief war an ‘Sindala’ adressiert, nicht an Saskia… Wieso war er an meinen Warcraft Charakter… stop. Es gab in Azeroth zwei Gegenden, die mich an Tunesien erinnerten und das waren Durotar und Uldum. Aber wie war das möglich? War ich wirklich in Azeroth gelandet? Und wenn ja, wo genau war ich?

Ok, Kapitulation. Das konnte nur ein verrückter Traum sein, auch wenn mein schmerzender Körper genau das Gegenteil behauptete. Mit einem tiefen Seufzer richtete ich mich auf und ging vorsichtig los, noch traute ich meinen Beinen nicht wirklich. Kaum stand ich auf einer staubigen Straße, bewahrheitete sich meine Vermutung. Das war definitiv Durotar. Meine Umgebung sah auch wie ein Dorf, da blieb nicht viel Auswahl. Wenn ich wetten müsste, würde ich auf Klingenhügel tippen, was wiederum eine Nähe zu Orgrimmar bedeuten würde und somit eventuell jemanden, der mir helfen könnte, das ganze Chaos zu verstehen.

Nachdenklich rieb ich mir den Nacken, spürte die erhobene Haut des frischen Tattoos und lächelte. Na wenigstens konnte man mich nicht für den Feind halten, schließlich trug ich das Zeichen der Horde im Nacken. Das war zumindest ein kleiner Lichtblick, der mir diesen verrückten Traum etwas erträglicher machen würde. Sollte sich meine Befürchtung bewahrheiten und ich wäre wirklich in Azeroth gelandet, würde mir zumindest das Tattoo ein wenig Sicherheit bieten. Ich tastete vorsichtig mein Gesicht und Ohren ab, nicht willig irgendetwas dem Zufall zu überlassen. Im Gesicht konnte ich keine Veränderung feststellen, selbst meine Piercings waren alle noch da… doch meine Ohren? Sie fühlten sich seltsam lang… und wieder einmal stoppte ich meine Gedanken und seufzte. Ich hatte Elfenohren! Könnte nicht einmal etwas passieren, ohne dass ich komplett durchdrehe? Wenigstens waren sie nicht so lang wie die der normalen Elfen, standen allerdings leicht zur Seite ab.

Ich beobachtete die Straße, bis mir ein Ork auffiel, der in meine Richtung lief. Da ich mir immer noch nicht sicher war, wo ich gelandet war, blieb mir nichts anderes übrig, als jemanden anzusprechen. Doch was soll ich sagen? Ich konnte ja schlecht die Wahrheit sagen… und wie sollte ich mich überhaupt vorstellen? Saskia ging ja schlecht, also blieb mir ja nur ‘Sindala’. Und was soll ich sagen, wenn nach meiner Vergangenheit gefragt wird? Durch die Erfahrungen mit Dungeons & Dragons und vielen geschriebenen Fanfiktions wusste ich, dass eine zu tragische Backstory selten gut kam, am besten blieb ich vage und ging nicht allzu tief ins Detail. Doch wie erkläre ich meine kürzeren Ohren? Die Elfenrassen von Azeroth hatten alle deutlich längere Ohren als ich jetzt… Vielleicht konnte ich als Halbelfe durchgehen. Gott, was dachte ich da eigentlich? Das war doch alles nur ein verrückter Traum, nichts davon passierte wirklich.

Nachdem ich ein paar Minuten mit mir gerungen hatte, trat ich auf den Ork zu und musste erstmal den Kopf in den Nacken legen, um ihn überhaupt sehen zu können. An meiner Körpergröße hat sich anscheinend nichts verändert und ich war klein wie eh und je. Mit einem leichten Lächeln legte ich meine Hand auf seinen Unterarm - höher kam ich nicht- und wartete, bis er mich registrierte. "Was gibt es?" Ich trat zerknirscht auf der Stelle, nicht fähig, den Wächter anzuschauen. Ich spürte den Blick des Wächters auf mir ruhen, ich sah wahrscheinlich ziemlich derangiert aus und schluckte. Backstory, komm schon, ich brauch dich jetzt.

“Ich glaube, ich habe die Orientierung verloren… ich sollte nach Orgrimmar, jedoch bin ich hier gelandet und bin etwas unsanft aufgekommen.” Meine Stimme war schwach, zitterte sogar etwas. “Meine Sturmkrähe ist weg und ich brauche wahrscheinlich einen Heiler.” Ich hielt mir den Kopf und versuchte mich zu konzentrieren. Der Wächter schaute mich seltsam an und packte mich an der Schulter. "Du bist in Klingenhügel, also nicht weit weg von Orgrimmar. Ich habe hier keinen Heiler, daher musst du definitiv nach Orgrimmar, dort wird sich schon jemand finden, der dich zusammen flicken kann. Gibt ja genug von denen.”

Okay, wenigstens etwas. Und auch meine Befürchtung hatte sich endgültig bewahrheitet, ich war tatsächlich in Azeroth, in meinem Lieblingsspiel World of Warcraft. Ich wollte einfach nur schreien, das ganze war doch einfach nur irre. Völlig verzweifelt sank ich auf den Boden und versteckte mein Gesicht hinter den Händen. Ich wollte einfach nur noch aufwachen, das ganze war doch einfach nur Bullshit. “Ist alles in Ordnung?” Oh, der Ork war ja immer noch da. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und schaute ihn von unten herauf an. “Geht so. Hatte schon bessere Tage. Gibt es eine Möglichkeit, wie ich von hier aus schnell nach Orgrimmar komme?” Der Ork reichte mir eine seiner Pranken und zog mich auf die Füße. Mit einem Wink deutete er an, dass ich ihm folgen sollte, also packte ich meinen Rucksack fester und rannte schon fast hinter ihm her, da er bei weitem größere Schritte machte als ich. Er führte mich zu einem kleinen Gebäude, neben dem ein Windreiter lag und sprach ein paar Worte mit einem anderen Ork, bis er mich zu sich winkte. “Reiten oder fliegen?” Ich zog eine Augenbraue hoch und beobachtete den Windreiter. “Reiten. Ich hasse Fliegen, habe extreme Höhenangst und nach dieser Erfahrung mit der Krähe bleibe ich jetzt lieber am Boden.”

Er nickte und führte mich in das Gebäude, wo zu meiner Freude neben einigen Wölfen auch ein Pferd stand. So sehr ich Wölfe auch liebte, als Reittiere waren sie mir nicht geheuer. Jedoch wunderte ich mich über die Anwesenheit eines Pferdes… die hatten in der Horde doch nur die Paladine der Blutelfen… war wahrscheinlich ein solches Tier. “Nimm das Pferd, die Wölfe sind nicht einfach zu händeln.” Die Stimme kam von der Tür, wo der zweite Ork stand und mich beobachtete.
Ich nickte und trat näher an das Tier heran, das überraschenderweise ruhig in der Box stand, obwohl es von Wölfen umgeben war… Kobi wäre nie so ruhig gewesen, der fand ja schon die Hunde unheimlich.

Der Stallmeister zeigte mir das Sattelzeug und ich machte mich an die gewohnte Aufgabe, das Tier aufzusatteln. "Du scheinst das nicht zum ersten Mal zu machen." Ich zuckte mit den Schultern und stellte die Steigbügel auf die richtige Länge ein, so dass es für mich angenehm war. “Tue ich auch nicht. Ich reite seit zwei Jahrzehnten, das Ganze ist also reine Routine.” Ich packte die Zügel und führte das Tier nach draußen, wo ich nach einer Möglichkeit suchte, um besser aufsteigen zu können. Doch auf einmal wurde ich hochgehoben und fand mich im Sattel wieder. “Das war jetzt nicht wirklich nötig, aber vielen Dank.” Ich nickte dem Ork zu und wartete, bis er auf seinen Wolf aufgestiegen war.

"Wie heißt du eigentlich? Ne reine Blutelfe scheinst du ja auch nicht zu sein, so klein wie du bist." Was sollte das denn jetzt bedeuten? Natürlich war ich klein, ich gehörte ja noch nicht einmal in diese Welt. Doch ich schluckte meine bissige Antwort herunter und lächelte schüchtern. “Sindala… Sinda wenn es schnell gehen muss. Und nein, ich bin keine reine Blutelfe, keine Ahnung was da noch mit drin steckt. Darf ich dann auch deinen Namen erfahren?” Er lachte und es war ein angenehmes, tiefes Lachen. “Ich bin Ga’khul, Hauptmann der Orgrimmar Wachen.” “Ich freue mich dich kennen zu lernen Ga’khul und danke noch einmal für deine Hilfe, ich wäre wohl echt verloren gewesen.” War ich eine gute Schauspielerin? Keine Ahnung ehrlich gesagt, aber anscheinend schien es den Ork zu überzeugen. Doch ich konzentrierte mich schnell wieder auf mein Pferd, nicht das es mich auch noch abwerfen würde.

Wir ritten in einem gemütlichen Tempo aus dem Dorf heraus, den Canyon war ich in game so oft lang geritten, dass ich die Abzweigung fast schon vergessen hatte. Doch ein Schrei aus genau dieser Richtung schreckte mich auf und ich zügelte mein Pferd. “Was ist los Sinda?” Ga’khul klang besorgt, ich konzentrierte mich auf meine Umgebung, bis ich mir gedanklich auf die Stirn schlug… Harpyien. “Ach, ich bin es einfach nicht gewohnt… Meine Umgebung war ruhig und abgeschieden, ich werde mich wohl noch einige Zeit lang vor so ziemlich allem erschrecken. Kannst du mir eine kurze Übersicht über alles geben, was in Azeroth so geschehen ist? Neuigkeiten kamen bei uns nur selten an.” Ich zuckte verlegen mit den Schultern und setzte mich zurück in den Sattel.

Das war eigentlich die perfekte Lösung, so konnte ich herausfinden, wie tief ich in der Scheiße saß.
"Wir leben gerade in friedlichen Zeiten, der dritte Krieg liegt etwa ein Jahrzehnt zurück und somit hatten wir die Möglichkeit, alles wieder aufzubauen und unsere Beziehungen zu den Völkern der Horde zu festigen. Was hat dich auf die Reise nach Orgrimmar gebracht?" Wir ritten weiter, also konnte ich kurz überlegen, wie ich meinen Background plausibel erklären könnte. Wenigstens eine gute Nachricht hatte es, aber ich war ausnahmsweise mal nicht völlig ins Güllesilo gefallen. Theoretisch müsste ich mich jetzt also im Jahr 31 oder 32 nach dem Öffnen des dunklen Portals befinden. Jetzt kam mir mein Wissen doch mal zugute, zumindest soweit das ich nicht völlig hilflos herumirren würde und auch auf gewisse Ereignisse richtig reagieren könnte.

"Meine… Ich kann es nicht Familie nennen… eher eine Ansammlung an Waisen, die von zwei älteren Frauen großgezogen wurden. Als eine der Ältesten unter den Kindern war ich schon immer neugierig auf die Welt außerhalb unseres Tals und habe irgendwann die Möglichkeit ergriffen, mein Tal zu verlassen.” Ich streichelte mein Pferd und freute mich, als es schnaubte. “Wie weit ist es noch bis Orgrimmar?” Meine Frage klingt naiv, aber ich sollte ja das unerfahrene Mädchen darstellen, das noch nie in der großen Stadt war.

“Nicht mehr weit, wenn wir gemütlich weiter reiten, sind wir in wenigen Minuten dort. Klingenhügel ist bei weitem nicht so weit entfernt von Orgrimmar wie andere Dörfer. Du bist garantiert über einige hinweg geflogen, bevor deine Krähe dich los geworden ist.” In seiner Stimme konnte ich das Lachen hören, weshalb ich ihm diesen Kommentar nicht übel nahm. Er konnte ja nicht wissen, was mich von all den anderen unterschied. Er zog das Tempo ein wenig an, sodass wir in einem entspannten Trab auf das große Tor zu ritten.

Ich zügelte mein Pferd und blickte zu den Toren Orgrimmars. Oh du heilige… die sahen im Spiel schon so gigantisch aus, ein festes Bollwerk aus Stein und Metall. Doch wenn man direkt davor stand, waren sie nicht nur gigantisch, sondern auch bedrohlich. Überall diese Dornen… Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie dieses Bollwerk wohl im Krieg aussah. “Die Dranosh Blockade… wirklich beeindruckend nicht wahr” Ich schluckte einen fetten Kloß runter und suchte nach Worten. “Es ist… unheimlich.” Ga’khul lachte und drehte sich leicht um, um mir das Areal außerhalb der Mauer zu zeigen. “Eigentlich ist das ganze hier die Dranosh Blockade, das ist nur unser Haupttor… aber viele nennen das Tor auch die Blockade, vor allem unter uns Wachleuten ist diese Bezeichnung gängig.”

Gedanklich verdrehte ich die Augen, das war natürlich klar… Aber ich war ja das Dummchen vom Lande, also staunen und schaudern. Das ganze sah aber auch düster aus, da konnte die Umgebung noch so schön sein.
Ga’khul ritt durch das Tor und folgte dem Gang, die verteilt stehenden Wachen nickten ihm zu und ich wunderte mich, wie hoch er in den Ränken stand, wenn die ihn schon so ehrfürchtig begrüßten. Er sagte zwar, dass er der Hauptmann der Wachen war, aber das konnte ja nicht bedeuten, dass er der Chef war… musste ich mal nachfragen, wenn es zeitlich passte.

Wir passierten den zweiten Torbogen, wo meinem Begleiter wieder einmal zugenickt wurde. Ein paar Schritte später wurde er jedoch zurückgerufen und ich zügelte mein Pferd. “Ga’khul warte! Wieso kommst du reitend zurück in die Stadt? Dachte du seist mit einem der Windreiter los geflogen.” Er grinste und deutete auf mich, was ich als Aufforderung verstand, näher zu kommen. “Die Kleine hier ist der Grund, sie ist über Klingenhügel abgeworfen worden und ich habe ihr angeboten, sie zum Heiler zu begleiten.”
Das war mir neu… aber gut, ich hatte eigentlich nicht vorgehabt jemanden zu fragen, ich wusste wo ich hin wollte… aber vielleicht war es sogar von Vorteil, wenn ich ihn mitnehmen würde… so wäre ich zumindest in sicheren Händen, bis ich beim Heiler war. Neugierig legte ich den Kopf schief und wartete, doch Ga`khul unterhielt sich mit den Wachen in einer Sprache, die mir entfernt bekannt war. “Swobu. Wir werden darauf achten Ga’khul.”
Ah, sie sprachen orkisch, Swobu war glaube ich ‘wie du befiehlst’. Ich kannte nur wenige Wörter, aber gewisse Dinge bleiben einfach hängen.

Nach wenigen Minuten schloss Ga’khul zu mir auf und lächelte. “Tut mir leid Sindala, aber manche Dinge lassen sich nicht aufschieben… wie etwa meine Arbeit. Also, ich glaube am besten wärst du im Tal der Weisheit aufgehoben, die Tauren können…” Ich verdrehte die Augen und unterbrach ihn. “Ginge nicht auch das Tal der Geister? Die Leiterin hatte davon gesprochen und meinte, die Heiler von dort seien gut.” Ich schaute verlegen nach unten, diese ganze Lügerei war auf die Dauer echt nicht angenehm, doch es ging nicht anders, leider. Der Ork nickte und ritt langsam los, immer wieder wich er anderen Reitern und Fußgängern aus und ich folgte ihm gemütlich.

Und einmal war ich froh, dass ich teilweise tagelang gespielt hatte und mich auch viel in Orgrimmar herumgetrieben hatte, sonst wäre ich jetzt etwas überfordert gewesen, egal ob Ga’khul mich führte oder nicht. Es war einfach etwas anderes, wenn man es erlebt, anstatt es nur über den Screen zu sehen. Deswegen akzeptierte ich seine Begleitung und ließ die Umgebung auf mich wirken.
Wir ritten an der Bank und der Schmiede im Tal der Stärke vorbei, folgten dem Weg nach oben und kamen kurz darauf bei der Botschaft an, wo wir von den Tieren abstiegen und sie an einem Zaun fest banden.

“Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, in welchem Haus der Heiler lebt… bin nicht ganz so oft hier im Tal der Geister, ich bin eher vorne im Tal der Stärke und eben im Tal der Ehre.” Ga’khul wirkte etwas verlegen, doch ich lächelte und ging weiter ins Tal hinein, bis ich eines der Kinder sah und mich immer noch lächelnd in eine kniende Position begab. “Hallo du. Kannst du uns eventuell helfen? Mein Freund hier weiß leider nicht so genau, wo Euer Heiler wohnt…” Ich deutete auf Ga’khul als der Junge mich fragend ansah und grinste. “Ja, auch einer von der Orgrimmar Wache kann nicht immer alles wissen.”
Der Junge strahlte mich an und zog an meiner Hand, ich kam gar nicht so schnell auf die Füße, wie er rennen wollte. “Mach langsam, ich brauche nicht umsonst einen Heiler.”

“Oh, tut mir leid. Aber Doth’mah ist unser einziger Heiler hier im Tal, er ist der beste.” Und damit zog er mich immer weiter ins Tal hinein, bis zu einem Haus in der Nähe des Tores zum nördlichen Brachland. “Er ist da, einfach rufen.” Und damit war der Kleine weg, typisch Kinder eigentlich. Mit Gak’hul in meinem Rücken trat ich in das Haus und rief eine Entschuldigung in den leeren Raum und hörte es erst fluchen, dann rumpelte etwas und ein älterer Troll kam aus einem verborgenen Hinterzimmer.
War mir so noch nie wirklich aufgefallen, aber vielleicht waren so Kleinigkeiten einfach Nichtigkeiten, die sich von dem unterschieden, was ich kannte.

Der Troll war deutlich älter, sein weißes Haar schien ein Eigenleben zu haben, so wild wie das abstand. Ich lächelte, er hatte etwas Ähnlichkeit mit einem verrückten Professor, sah aber freundlich aus. “Wie kann ich dir helfen, mon?” Ich holte tief Luft, doch bevor ich überhaupt ein Wort sagen konnte, fing Ga’khul an zu sprechen. “Die Kleine braucht Eure Hilfe, sie ist über Klingenhügel abgestürzt…”

Ernsthaft jetzt? Ich hob meine Hände und sah den Ork vorwurfsvoll an, ich konnte verdammt nochmal selbst sprechen. Mein Gesichtsausdruck war wohl für den Troll genug, um zu ahnen, dass ich im Moment nicht sonderlich gut gelaunt war.
“Welche Probleme hast du, mon?” Ah endlich mal Klartext reden können. “Rippen, von einer Prellung gehe ich schon gar nicht mehr aus, wahrscheinlich an- oder gar komplett durchgebrochen… die Kurzatmigkeit ist bereits weg.”

Man nahm mich jetzt genauer in Augenschein und bedeutete mir, das Oberteil auszuziehen, was ich auch ohne mit der Wimper zu zucken machte. Ich war froh, dass ich eine Art Sport-BH trug, die Farbe war auch ok…ein warmes, dunkles Gelb. Was mir jedoch auffiel, waren die vielen blauen Flecken und das Fehlen meines Tattoos… Moment. Ich schaute genauer hin und wollte heulen, meine gesamte Steinrüstung, die Runen und die Erinnerung an meine Uroma waren einfach weg. Wo sonst Tinte war, war nur noch nackte Haut. Na vielen Dank auch, man ließ mir mein Tattoo im Nacken, aber nahm mir sonst anscheinend jedes Tattoo. Wenn ich Ruhe hatte - was ich in der nächsten Zeit definitiv nicht haben würde - würde ich nach den restlichen Tattoos schauen, sowie nach den versteckten Piercings.

Ein leichtes Drücken auf die rechte Seite ließ mich aufheulen, holte mich aber auch sofort zurück in die ‘Wirklichkeit’. Fuck, das tat höllisch weh und ich verzog mein Gesicht. “Du scheinst den Segen eines Loas zu haben, mon. Da ist nichts durch, nur angebrochen.” Der Heiler war selbst überrascht das ich ‘kaum’ verletzt war.
Ich legte den Kopf schief und überlegte, was ich als nächstes sagen könnte. “Theoretisch… wenn ich vorsichtig bin und sich die Knochen nicht verschoben haben… vier bis sechs Wochen bis zur vollständigen Heilung, wenn ich keine Tränke nehmen würde?”
“Du bist Heilerin?” Der Troll war überrascht, doch schien meiner Vermutung zuzustimmen. “Nein, ich kann es nur rudimentär und wollte hier in Orgrimmar nach einem Lehrmeister suchen, da in meinem Tal keiner war.” Und da war es wieder, dieses unangenehme Gefühl einer Lüge. Wobei ich bei einer Sache nicht log, ich hatte ein recht großes medizinisches Wissen, da meine Mutter Krankenschwester war und mir immer Zugang zu ihren medizinischen Büchern gewährt hatte. Ich wartete, bis mir der Heiler einen Verband angelegt hatte und suchte dann nach einer Möglichkeit mich hinzusetzen, ich war einfach nur erledigt und wollte durchatmen.


EDIT 01.09.22
Grammatik + Rechtschreibung erneut korrigiert
Quellenangabe hinzugefügt
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