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Ein schönes Paar

von Bibi77
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Freundschaft / P12 / Gen
Franz Hubert Johannes Staller Reimund Girwidz Sabine Kaiser Yazid
10.05.2022
26.05.2022
4
7.684
3
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Dieses Kapitel
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10.05.2022 1.856
 
„Manchmal träume ich schwer, und dann denk ich es wär
Zeit zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war…“

So schallt es aus den Lautsprechern des Autoradios und Johannes Staller singt jedes Wort lauthals mit und begleitet es mit mehr oder weniger rhythmischen Kopfbewegungen. Einfach genial, dieses „Heute hier, morgen dort“! Manchmal könnte er fast denken, der Wader hätte dieses Lied extra für ihn geschrieben.

Knapp vier Jahre hat Hansi nun mit der Sybille in Rom gelebt und Kuchen gebacken und gedacht: das ist es jetzt. Einfach dem Herzen folgen und mal rauskommen aus dem immer gleichen Trott. Wo waren Sie gestern zwischen Zehn und Zwölf? Gibt es dafür Zeugen? Hatte Ihr Mann Feinde? Jetz halt doch mal's Maul, Hans! – Er hat das alles so satt gehabt! Und wie dann die Sybille gekommen ist und Bella Italia ihm fröhlich zugewunken hat, da hat er natürlich nicht lange gefackelt und seine Zelte in Bayern gleich abgebrochen, ehe er es sich vielleicht noch einmal anders hätte überlegen können. Und was war das schön gewesen, zu Anfang! Jeden Tag mit der Sibylle einschlafen und wieder aufwachen, backen lernen, lieben lernen, neue Sprache, neue Leute (so ganz anders als im eher verstockten Bayern und viel mehr nach seinem Temperament), auf den Spuren der alten Römer wandeln, Pizza, Pasta, erstklassiger Wein in lauen Sommernächten auf der Terrasse…
Aber irgendwie ist es dann so gekommen, wie es bei ihm immer kommt, und er hat immer häufiger an die guten alten Zeiten mit Partner Hubsi im Streifenwagen zurückdenken müssen, die ihm mit der Zeit immer rosafarbener und wunderschöner erschienen sind, je weiter er sich von ihnen entfernt hat. Was hätte Hansi an so manchem heißen und stressigen Tag in der Backstube nicht alles gegeben, wenn er nur noch einmal, nur einen einzigen Tag noch, mit Hubsi hätte Streife fahren dürfen!
Ja, so ist das halt mit ihm: Das, was er gerade nicht macht, das würde er gerne machen und umgekehrt. Das ist bei ihm alles immer total verdreht.

Jedenfalls hat er jetzt mal eine Pause gebraucht von dem vielen Backen und ohnehin das Gefühl gehabt, die Sybille wäre nicht unglücklich über ein paar Tage Ruhe vor seinem Geseufze und seinen Anekdoten über die alten Zeiten mit Hubsi. Zumindest ist sie, zu Hansis großen Erleichterung, sofort einverstanden gewesen mit der Idee, er könne seinem Kumpan in der alten Heimat ja mal einen spontanen Besuch abstatten für ein paar Tage, und hat auch gleich sehr engagiert beim Kofferpacken geholfen.
Die ganze Nacht ist Hansi durchgefahren und nun ist es gleich soweit…

Hinter einer leichten Kuppe taucht auch schon Wolfratshausen vor ihm auf. Wie ein kleines Spielzeugdörfchen schaut es aus mit seinen Kirchtürmen und Bauernhäuschen im Sonnenschein. Sogar den großen Klotz des Kreisklinikums kann Hansi sehen. Dahinter glitzert idyllisch der Starnberger See mit den vielen kleinen weißen Segeln auf dem Wasser. Und überall, wohin man schaut: Wiesen und Felder, Bäume und Kühe – und Pferdeäpfel auf der Landstraße, die übrigens noch genauso holprig ist wie damals, als Hansi in die entgegengesetzte Richtung gen Süden zur Sybille gefahren ist. Das Komische ist, dass es sich auch genauso anfühlt, als wäre das erst gestern gewesen, als wäre er überhaupt nie weggewesen, und obwohl die Worte vom Wader ihn gerade mahnen:

„…denn was neu ist wird alt, und was gestern noch galt stimmt schon heut oder morgen nicht mehr…“

ist es Hansi, als hätte sich nichts verändert und – ja, als würde er nach Hause kommen.

Auf einmal sind Hansis Augen ganz komisch feucht und er muss erst einmal herzhaft in eines seiner guten alten Baumwolltaschentücher schnäuzen. Doch schon der nächste Gedanke lässt ihn wieder schmunzeln.
Was wohl der Hubsi sagen wird, wenn er gleich mit seinem alten Schweinslederkoffer und der fluffigen Mandeltorte mit extra dick Zuckerguss vor seiner Haustür stehen wird? Erst jetzt kommt Hansi die Idee, dass er sich vielleicht hätte ankündigen sollen – oder, besser gesagt, eindeutiger hätte ankündigen sollen. Denn versucht hat er es natürlich schon, gestern, weil er ja weiß, dass der Hubsi Überraschungen überhaupt nicht mag. Aber der ist gar nicht erst ans Telefon gegangen. Beim ersten Mal nicht und beim zehnten Mal auch nicht. Muss total im Stress gewesen sein, denn zurückgerufen hat der Hubsi bis heute nicht. Und deswegen muss er nun halt mit der Überraschung leben, ob er will oder nicht. Aber er wird schon wollen, ist Hansi sich sicher, schließlich ist heute ja auch Samstag und Hubsis Geburtstag obendrein, und da wird er sich bestimmt freuen über ein bisschen Gesellschaft und einen selbstgemachten Kuchen – auch wenn er es wahrscheinlich nicht so zeigen wird.  

Kurz darauf steht Hansi auch schon vor dem alten Bauernhaus und das Herz klopft ihm jetzt bis zum Hals. Immer wieder hat Hansi sich unterwegs ausgemalt, wie der Moment wohl ablaufen wird, wenn Hubsi die Haustür aufmachen und ihm gegenüberstehen wird, aber eine richtige Vorstellung davon hat Hansi immer noch nicht. Wird Hubsi ihm in die Arme fallen oder vielleicht doch ein wenig böse sein? Ob er sich sehr verändert hat, seit sie sich zum letzten Mal gesehen haben? Ob wohl auch anderer Besuch bei ihm sein wird, an seinem heutigen Ehrentag, der neue Kollege vielleicht oder ganz und gar eine Freundin?

Am Haus hat sich jedenfalls nichts verändert, stellt Hansi fest, und er könnte schwören, dass sogar die vertrockneten Blumen im Kübel noch die gleichen sind, die schon vor vier Jahren neben der Tür gestanden haben.
Aufgeregt drückt er auf die Klingel mit der Aufschrift „Hubert“, klappt schon mal den Deckel vom Kuchenkarton hoch, damit der Hubsi auch sofort den „Herzlichen Glückwunsch“ lesen kann, den die Sybille ihm auf die Mandeltorte gemalt hat, und Hansi grinst schon jetzt von einem Ohr zum anderen vor Vorfreude… und grinst…und grinst…und grinst. Aber es tut sich nichts. Die Tür bleibt zu.

Hansi klingelt noch einmal.
Wieder nichts.
Langsam tun ihm schon die Wangen weh von der Grinserei.
Ob der Hubsi so viel Stress hat, dass er sogar heute, zum Samstag, arbeiten muss?
Hansi stellt den Kuchen auf einer Bank ab und versucht, Hubsi telefonisch zu erreichen, doch jetzt hat er das Telefon sogar ausgestellt.
„Herrschaft, dass der sich auch immer so anstellen muss, wenn er Geburtstag hat!“, schimpft Hansi, schließlich kennt er Hubsis diesbezüglichen Fluchtinstinkte nur zu gut. Es wäre nicht das erste Mal, dass er das Telefon einfach ausmacht, um nur ja keine Glückwünsche entgegennehmen zu müssen.
Vielleicht ist er ja nur kurz zum Einkaufen, fällt Hansi dann ein und er beschließt, einfach auf der Bank zu warten und derweil ein bisschen Schlaf nachzuholen, der ihm über Nacht abhandengekommen ist.

Als Hansi wieder aufwacht, steht die Sonne hoch am Himmel und ihm ist irrsinnig heiß. Erschrocken schaut er auf die Uhr: Schon Nachmittag!
Hubsis Telefon ist immer noch tot.
Also gut, da hilft jetzt alles nichts, findet Hansi, dann wird er den Hubsi eben auf dem Revier, direkt vor den Augen der Kollegen überraschen. Ist vielleicht sogar noch besser als so ein kleines, stilles Wiedersehen im ganz intimen Kreis. Und bei der Gelegenheit kann er auch gleich mal schauen, was die anderen Kollegen so treiben, der Girwidz und der Riedl und die Lena… Das wird vielleicht ein Hallo geben!

Doch wie Hansi auf das Gelände gegenüber dem Bahnhof einbiegt muss er feststellen, dass dort gar kein Revier mehr steht. Ungläubig starrt er auf die Brachfläche. Was ist denn da passiert?
Er braucht eine Weile, um zu begreifen, dass sein alter Arbeitsplatz weg ist. Gut, weg ist er ja im Prinzip vorher schon gewesen, aber nicht SO weg, weg im Sinne von abgerissen. Einfach ausgelöscht!
Dieser große, leere, von Unkraut überwucherte Platz hat auf einmal so etwas Endgültiges, dass Hansi erst jetzt so richtig bewusst wird, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist und dass der Wader vielleicht wirklich Recht gehabt hat und nichts bleibt, wie es war...
Aber gut, etwas Anderes muss ja nicht automatisch etwas Schlechtes bedeuten, und irgendwo müssen der Hubsi und das Revier ja hin sein.

Suchend wuselt Hansi die Straße rauf und runter, bis er endlich auf eine ältere Eingeborene trifft, die ihm sagen kann, wo die Wolfratshauser Polizei hingezogen ist. Und wie er das große, neue Revier draußen im Grünen erblickt, da fühlt er sich gleich wieder etwas besser. Oh la la! Vom Container zum rustikalen Landhaus, mit bodentiefen Fenstern und roten Geranien in den Blumenkästen - da haben die Kollegen sich aber ordentlich verbessert!

Nur der Streifenwagen, der da auf dem Parkplatz steht, der ist immer noch derselbe. Hansi muss automatisch grinsen, wie er das treue alte Gefährt sieht, und erinnert sich gleich an so manches Abenteuer, das Hubsi und er gemeinsam damit erlebt haben, an rasante Spritztouren in und um Wolfratshausen, an durchpflügte Äcker, umgefahrene Verkehrsschilder und Feuerwehrhydranten, aber auch an die unzähligen lebensphilosophischen Gespräche, die sie in diesem Auto geführt haben, an die vielen gemütlichen Pausen und Geschwindigkeitsmessungen…
Ganz verträumt berührt seine Hand das kalte, zerschrammte Metall der Motorhaube und Hansi verspürt plötzlich große Lust, sich hinter das Steuer zu setzen und eine Runde mit Wagen 3 durch den Ort zu drehen. Das wär jetzt ein Ding!
Hansi zieht seine Hand wieder zurück. Vielleicht darf er ja später mal… Im Moment fehlt ihm ja ohnehin noch der passende Hubsi für so eine Unternehmung.

Nervös wischt Hansi sich die schwitzigen Finger an der Hose ab. Dann holt er noch einmal tief Luft und tritt durch die offenstehende Eingangstür des neuen Reviers.
Er braucht einen Moment, bis er sich orientiert und die neue Zentrale gefunden hat. Eine hübsche junge Blonde in Uniform sitzt mit ernster Miene hinter dem Tresen und tippt irgendwas in ihren Computer ein. Hansi hat sie noch nie gesehen.
Entsprechend verlegen tritt er an sie heran.
„Äh, Entschuldigung, dass ich hier jetz so hereinplatz…“ Die junge Dame horcht sofort auf und starrt ihn mit großen dunklen Augen an, die irgendwie so einen leicht asiatischen Touch haben. Sie ist wirklich hübsch, findet Hansi, so hübsch, dass er beinahe vergisst, was er sie eigentlich fragen wollte. „Wo is’n die Lena?“, kratzt er heraus und lächelt.
Nun schaut sie verwirrt. „Ähm, welche Lena?“
„Na…“ Hansi schluckt, „die, die sonst immer da g’sessen hat, wo Sie jetz sitzen. Also, im alten Revier, mein i jetz.“ Herrschaft, wie hieß die denn mit Nachnamen? Es will ihm nicht mehr einfallen.
Sein Gegenüber weiß offensichtlich immer noch nicht, wen er meint.
„Tut mir leid, aber hier arbeitet keine Lena“, erklärt sie ihm freundlich.
„O-okay“, sagt Hubsi verunsichert. Dann ist die Lena bestimmt versetzt worden und das da ist ihre Nachfolgerin, vermutet er. „Und Sie san jetz wer?“
Jetzt lächelt sie endlich. „Mein Name ist Christina Bayer. Kann ich Ihnen vielleicht trotzdem irgendwie weiterhelfen?“
Hansis Grinsen wird immer breiter. „Bestimmt. I bin der Johannes Staller, ehemaliger Polizeiobermeister hier in Wolfratshausen. Da san Sie aber noch net da g’wesen. I hab eigentlich zum Hubsi wollen. Is der da?“
Ihr Lächeln wird unsicher. „Sie meinen den Herrn Hubert?“
Hansi nickt eifrig. „Ja, sag ich doch.“
„Oh.“ Ihr Lächeln ist jetzt endgültig verschwunden. „Tut mir leid, aber der ist zurzeit nicht im Dienst.“
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