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Finya

Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich / P16 / Gen
08.05.2022
02.07.2022
30
38.595
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23.06.2022 1.677
 
Inzwischen war eine Woche vergangen, seit Aaron erstmals von Finyas Blut getrunken hatte. Jeden Tag wurde sie angespannter, rechnete jeden Moment damit, dass ihr Herr erneut über sie herfallen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Jeden Tag holte Dimitri, manchmal auch der etwas brummige Gregori, sie ab, damit sie einer Aufgabe nachkommen konnte. Es waren stets leicht zu bewältigende Aufgaben. Seltsamerweise musste sie immer in den Räumen arbeiten, in denen Aaron sich gerade aufhielt.  
Abgesehen von ihrer Angst, wann Aaron sie erneut beißen würde, entspannte sich Finya mehr und mehr in seiner Anwesenheit. Meist schien er sie nicht einmal zu beachten.
Am Ende der Woche sprach er sie dann doch unvermittelt an. Er saß gerade an seinem Schreibtisch, während sie das Bücherregal abstaubte. „Komm her zu mir, Finya.“ forderte er sie auf und deutete direkt neben sich. Kreidebleich legte Finya das Staubtuch weg und ging zögerlich auf ihn zu. Neben ihm ließ sie sich auf die Knie sinken. Noch immer sträubte sich alles in ihr dagegen, doch welche Wahl blieb ihr schon. Sie zitterte leicht. „Ich werde heute nicht von dir trinken.“ sprach er beruhigend, als Finya ihm in die leuchtend roten Augen sah. „Ich war diese Woche sehr zufrieden mit deinem Verhalten. Gib mir deine Hände.“ zögerlich hob Finya ihre Hände. Aaron schloss sanft seine langen Finger um ihre Handgelenke, strich mit dem Finger über die Ledermanschetten, die Finya nach wie vor trug. Meist spürte sie diese nicht einmal mehr, doch jedes Mal wenn sie sie sah wurde sie schmerzlich an ihr Schicksal erinnert.
„Ich denke, die brauchen wir nicht mehr.“ Er öffnete eine Schublade und entnahm ihr einen speziellen Schlüssel, mit dem er die Manschetten öffnete und diese dann gemeinsam mit dem Schlüssel in die Schublade legte. „Danke, Herr“ kam es daraufhin aufrichtig von dem jungen Mädchen. Als Aaron ihr freundlich zunickte, ergriff Finya erneut das Wort. „Wann werdet ihr wieder von mir trinken, Herr? Eure Augen…“
Immer wieder war Aaron über die Aufmerksamkeit und die Auffassungsgabe des Mädchens erstaunt. „Vorerst gar nicht. Du bist noch nicht soweit.“
Finya schluckte. „Aber ihr habt Durst…“ widersprach sie leise. Erneut schluckte sie schwer. „Es…tut nicht weh, wenn ich mich nicht wehre?“ Aaron neigte zustimmend den Kopf. „Wenn du dein Blut wirklich freiwillig gibst, wird es nur unangenehm sein.“bestätigte er ihr. „Dein Blut schmeckt zwar um ein Vielfaches besser, wenn dein Herz dein Blut durch deine Adern jagt, doch bin ich gewillt, auf diesen Genuss zu verzichten, wenn du mir deinen Hals dafür freiwillig anbietest.“ ergänzte er trocken. Finya wurde sichtlich blass und schluckte schwer.
Obwohl Aaron sie noch nicht dazu aufgefordert hatte, stand sie langsam auf und machte einen unsicheren Schritt auf den Vampir vor ihr zu. Dann strich sie leicht zitternd ihr Haar zur Seite, legte ihren Hals frei. „Bitte… Ich halte diese Ungewissheit über das ‚wann‘ nicht mehr aus und Ihr werdet es irgendwann ohnehin tun. Ob ich will oder nicht.“ „Das ist wohl war.“ Aaron’s Blick ruhte skeptisch auf der jungen Frau.  „Bist du dir sicher? Wenn du verkrampfst, wird es genauso schmerzen wie beim letzten Mal.“
Finya nickte, wirkte aber dennoch angespannt. „Dann komm her.“ Er zog sie vollends zu sich und strich dem zitternden Mädchen beruhigend über den Rücken. „Ich werde es so sanft wie möglich machen“ versprach er ihr. Als sich seine Lippen ihrem Hals näherten, spannte sich ihr Körper noch stärker an.  Fest hielt er sie mit seinen Armen umschlungen. Seine Lippen näherten sich ihrem Hals. Finya schloss die Augen. Dann öffnete sie sie wieder panisch. „Nein...nicht….“ schrie sie panisch. „Ich will doch nicht.“ Genau in dem Moment versenkte Aaron jedoch seine Zähne in ihrem Hals. Finya keuchte auf und verkrampfte gänzlich. Aaron hielt sie einfach nur fest, die Zähne in ihrem Fleisch vergraben, ohne jedoch von ihr zu trinken. Es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung, nicht sofort den köstlichen roten Saft zu trinken, doch er wollte, dass sie sich zunächst entspannte. Finya wimmerte. Tränen liefen über ihr Gesicht. Die Schmerzen waren fast so schlimm, wie beim letzten Mal. Beruhigend strich Aaron ihr über den Rücken, ohne seinen Griff jedoch zu lockern. Eine ganze Weile standen die beiden bewegungslos da. Ob durch die Berührung oder die Regungslosigkeit - irgendwann ließ der Schmerz an Finyas Hals schließlich nach. Sie schluchzte zwar noch leise, entspannte sie aber langsam. Behutsam begann Aaron am Hals des Mädchens zu saugen, verstärkte den Druck, als sich Finya nicht erneut anspannte. Stumme Tränen liefen über das Gesicht des Mädchens.  Schließlich löste Aaron seine Zähne aus Finyas Hals und verschloss die Wunde.
Mit gesenktem Kopf stand Finya vor ihm. „Das war für den Anfang doch gar nicht schlecht.“ lobte er und schob sie zu ihrem Hocker. „Setz dich. Dein Körper ist geschwächt. Mit der Zeit wirst du dich daranngreöhnrn.“ Stumm ließ sich Finya auf den Hocker sinken. Nachdenklich blickte Aaron auf das Mädchen. Was war es nur, was sie an sich hatte? Noch mit keinem anderen Sklaven war er so geduldig gewesen. Selbst seine gesamte Garde schien das Mädchen zu mögen. Ja sogar der raue Gregori wirkte in ihrer Anwesenheit deutlich sanfter. Vielleicht hatte es etwas mit dem Geheimnis ihrer Vergangenheit zu tun, das sie nach wie vor umgab.
Auch Finya ging ihren Gedanken nach. Ihr Herr hatte die Wahrheit gesagt. Es war nicht so schmerzhaft wie beim ersten Mal gewesen - zumindest das Trinken selbst. Als sie sich davor zumindest etwas entspannt hatte, hatten die Schmerzen sogleich nachgelassen.
Langsam hob sie den Kopf und sah Aron an. „Wird es jetzt immer so sein?“
Aaron sah über die fehlende Ansprache hinweg. Finya hatte ihn zumindest teilweise freiwillig von sich trinken lassen. Das wog im Augenblick mehr als eine Anrede. Und solange Finyas Verhalten respektvoll war, war er gewillt, in gewissen Situationen über Derartiges hinweg zu sehen.
„Es ist eine deiner Aufgaben. Also ja.“
Auch Aaron nahm nun wieder Platz. „Dimitri hat mir von eurem kleinen Ausflug erzählt.“ setzte er dann an. „Hat es dir dort oben auf dem Dach gefallen?“ Bei der Erinnerung an die Dachterrasse schien sich Finya sofort zu entspannen. Sie begann sogar leicht zu lächeln. „Ja Herr“ erwiderte sie sogleich. „Es war sehr schön dort oben. Ich…hatte die Sonne und den Wind auf meiner Haut so vermisst.“ fügte sie etwas schwermütig hinzu. „Wärst du gesprungen?“ prüfend lag Aaron’s Blick auf der jungen Frau. „Hätte ich denn eine Chance gehabt, es zu tun?“ fast lächelte Finya, war ihr die Antwort doch klar. „Wohl kaum“kam es auch sogleich leicht amüsiert von Aaron. Finya wurde wieder ernster. „Ich wäre nicht gesprungen. Auch ohne die Anwesenheit von Dimitri nicht“ beantwortete sie dann die ursprüngliche Frage. Aaron musterte sie aufmerksam und erkannte den Ernst und die Aufrichtigkeit in ihren Worten. Zufrieden nickte er. „Ich hänge trotz allem an meinem Leben“ fügte sie etwas leiser hinzu.
„Wo hat mein Bruder dich gefunden, bevor du in seine Dienste kamst?“ hakte Aaron unvermittelt nach. Finya senkte den Kopf. „In meinem Dorf. Es…es hatte einen Überfall gewesen. Wäre ich nicht im Keller…“ Finya sprach nicht weiter, kämpfte wie so oft mit den Tränen. „Du hattest dich im Keller versteckt?“
Sie schüttelte stumm den Kopf. Aaron überlegte. „Du warst dort eingesperrt?“ Finyas Körper begann zu Beben und sie nickte langsam. „Und ich nehme an, dort unten war es dunkel.“ es war eine Feststellung, keine Frage. Finyas Reaktion war Antwort genug. „Daher also deine Angst vor Dunkelheit“ sprach er mehr zu sich selbst, war aber sichtlich erstaunt, als Finya den Kopf schüttelte. „Es war nicht nur dieses eine mal und…“ sie rutschte unwohl auf dem Hocker hin und her, griff sich selbst reflexartig and den Rücken. Aaron’s Augen blitzten rot auf. „Du wurdest dort unten eingesperrt und geschlagen“ stellte er schließlich fest. Finya nickte nur, umschlang ihren Körper mit den Armen und begann, sich vor und zurück zu wiegen.
Aaron betätigte eine Glocke. Kurz darauf erschien ein Diener in der Türe. „Schick mir Dimitri und Gregori.“ Der Diener zuckte bei dem scharfen Tonfall zusammen und blickte mitleidig auf das Mädchen, beeilte sich dann jedoch, dem Befehl nachzukommen.
Keine fünf Minuten später betraten die beiden Gardewachen  den Raum und verneigten sich von ihrem Herrscher. Dimitri seufzte, als er das Mädchen sah, das sich erneut in sich verschlossen hatte. Langsam schüttelte er den Kopf. Mit leisen Worten erklärte Aaron ihm, was geschehen war, wandte sich dann an Gregori. Dimitri nickte und ging auf das Mädchen zu. Sanft löste er ihre Arme, die sich noch immer um ihren schmächtigen Körper krampften und richtete sie auf. Als Finyas Augen auf Dimitri trafen schlang sie ihre Arme reflexartig um den Vampir und klammerte sich Halt suchend an den großen Mann. Fast schon hilflos blickte dieser zu seinem König und begann dann beruhigend auf Finya einzureden. „Wer auch immer dir das angetan hat, er kann dir nichts mehr tun.“ Finyas Körper bebte. „Auch hier war ich schon im Kerker.“ widersprach sie tonlos, hatte den Blick erneut gesenkt. Am anderen Ende des Raumes nickte Gregori seinem König zu und verließ dann den Raum.
Aaron trat neben Dimitri und blickte auf das Mädchen hinab. „Sie mich an, Finya“ forderte er streng von ihr und wartete, bis sie sich von Dimitri löste und seinem Befehl nachkam. „Hör mir gut zu: solange du mir keinen Anlass gibst, habe ich auch keinen Grund, dich zu bestrafen.“ „Ja, Herr“ Finya nickte ergeben. Aaron’s Blick wurde wieder etwas sanfter. „Ich werde dich nicht mehr in die Dunkelheit des Kerkers sperren. Solltest du eine Strafe wider erwarten herausfordern, habe ich andere Möglichkeiten.“ Dankbar sah Finya ihren Herren an. In diesem Augenblick keimte erstmals das Bewusstsein auf, dass es ihr hier in dieser Burg besser erging, als je zuvor in ihrem Leben.
Ja, sie musste sich unterwerfen und des Königs Befehlen nachkommen, doch ansonsten musste sie sich um nichts sorgen. Seit sie hier war, hatte sie -bis auf den einen Tag - nie Hunger leiden müssen. Sie hatte Essen im Überfluss, ein weiches, warmes Bett und ein Dach über dem Kopf.  
Langsam rutschte sie vom Hocker herunter und ließ sich auf die Knie sinken. „Ich danke Euch, Herr.“
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