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Wie ein Bock zum Gärtner wurde

von Sachama
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor / P6 / Gen
06.05.2022
06.05.2022
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06.05.2022 552
 
Anmerkung: Diesen Text hatte ich bereits im März 2020 auf einer anderen Plattform gepostet (dort ist er nicht mehr vorhanden).
Ich bin auf dieser Plattform unter einem anderen Nicknamen vertreten; wer diesen Text also zufällig wiedererkennt: Ja, der ist tatsächlich von mir.
Das Thema damals war übrigens "Fake-News" - auch wenn der Text hier mehr Satire darstellt.


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Erster Preis bei ‚Innovativster Kleingarten‘ – Bock wird zum Gärtner

(wtf) In Klein-Kleckersdorf (Kaff irgendwo in Deutschland) gewann ein Bock den ersten Preis bei einem Wettbewerb um den innovativsten Kleingarten. Die Kommune hat dem Bock bereits ein attraktives Angebot für eine Vollzeitbeschäftigung beim städtischen Gartenamt gemacht.

In der Kleingartenanlage „Ein Fleckchen Himmel“ am Rande der kleinen Gemeinde findet alljährlich ein Wettbewerb statt, der jedes Jahr in einer anderen Kategorie den besten Garten auszeichnet.
In diesem Jahr sollte es bei dem Wettbewerb abseits der bisher vorherrschenden Norm einfach etwas Anderes sein und so hatte man den Pächtern keine spezifischen Vorgaben bei der Gestaltung gemacht.

Ein Juror des Bewertungs-Komitees meinte dazu: „Wissen Sie, dieses Jahr wollten wir etwas Besonderes sehen. Fast jeder hier hat schon mal einen Preis in den letzten Jahren gewonnen – die stacheligsten Rosen, den grünsten Rasen, die blauesten Veilchen; das alles hatten wir schon. Ja, und dann haben wir den Garten dort gesehen und ich habe gleich gewusst: Das ist mal etwas anderes, etwas Neues.“

Die Parzelle, um die es geht, hatte laut dem Leiter des Vereins schon seit fast einem Jahr keinen Pächter mehr. Sie wurde als nicht bewohnt geführt. Jedoch stand wohl das Tor offen, als die Juroren zur Punkte-Bewertung in den Garten kamen.
Was sie vorfanden, war für die an Akkuratesse gewohnten Damen und Herren ein ungewöhnlicher Anblick. Ein Geißbock hatte sich wohl dort im Frühling niedergelassen und die Restbestände der Bepflanzung zum Teil kahlgefressen. Auch war er ungeniert abseits der Wege herumgelaufen und hatte zum Teil Schneisen dabei hinterlassen.

Als die Juroren die Parzelle betraten, war der Bock den Berichten zufolge aufgeschreckt unter lautem Meckern zum Trennzaun am anderen Ende des Gartens geflüchtet; hatte jedoch nicht direkt das Weite gesucht, sondern war scheinbar auf Beobachtungsposten gegangen.
Die Juroren hatten sich davon nicht abhalten lassen, beinahe jeden Winkel des Gartens aufs genaueste zu inspizieren. Bei der Bewertung betrachteten sie dabei den künstlerischen Aspekt besonders.

Die teilweise zertrampelten Beete mit den noch vereinzelt stehenden Blumen sahen sie als ein „gelungenes Werk der Asymmetrie“, den stückweise umgepflügten Boden im Rasen als „Ebene der Unvollkommenheit“ und einen zerwühlten Laubhaufen als „Einschnitt im Perfekten“.

Ein halb kahlgefressener Strauch mit einer einzelnen Blüte, an die der Bock scheinbar nicht herangekommen war, hatte es ihnen aber besonders angetan.

„Ich würde es als ‚Symbol der Vergänglichkeit mit einem Funken Hoffnung‘ bezeichnen“, meinte einer der Juroren, wobei er sein Handy hervorzog und darauf ein Bild des Strauches präsentierte. „Für die Nachwelt musste das festgehalten werden“, sagte er.

Da einige der Parzellen auch von städtischen Mitarbeitern gepachtet wurden, war man sogleich auf den talentierten Bock aufmerksam geworden.

„Gute Mitarbeiter werden immer gebraucht, und unsere langweiligen Staudenrabatte auf dem Marktplatz können wirklich wieder etwas mehr Innovation vertragen“, meinte ein Angestellter aus dem Rathaus. „Wir werden dem Bock einen Vertrag mit sehr guten Konditionen anbieten. Das wird auch eine Innovation sein. Ich meine, wann wird schon mal ein Bock zum Gärtner?“, fügte er noch abschließend hinzu.
 
 
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