Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

2022 05 06 : Wendepunkte [by Liana-Medea]

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie / P6 / Gen
06.05.2022
06.05.2022
1
1.282
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
06.05.2022 1.282
 
Tag der Veröffentlichung: 06.05.2022
Titel der Geschichte: Wendepunkte
Song: “Lebe laut” von Kerstin Ott
Autor: Liana-Medea
Kommentar des Autors: Ich habe dieses Musikvideo gesehen und irgendwie war Mirandas Geschichte fast sofort da.  Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.



Wendepunkte


„Verdammt“, schimpfte Miranda, es war draußen schon hell und sie hätte schon ewig im Büro sein sollen. Hatte ihr Wecker etwa nicht geklingelt oder hatte sie ihn im Halbschlaf ausgemacht? Es war egal, sie hatte verschlafen.

Für eine Dusche blieb keine Zeit mehr, Miranda trank etwas Wasser und aß ein Marmeladebrot im Stehen. Schnell die Haare noch hochgesteckt, etwas Make-Up aufgetragen und das Business-Kostüm angezogen– sie war fertig fürs Büro.

Auch wenn Miranda eigentlich gar keine Lust darauf hatte. Manchmal hatte sie diese Tage, an denen sie einfach ihr Kostüm ausziehen, die Stöckelschuhe Stöckelschuhe sein lassen und ihre Haare offen tragen wollte.  Wie sie es als Mädchen oft getan hatte. Oder als sie mit Letizia zusammen war: Sie hatte ihr Haar offen getragen, wenn sie gemeinsam etwas unternommen hatten, wie im nahegelegenen See zu schwimmen.

Aber Letizia und sie waren schon lange nicht mehr zusammen und Miranda hatte sich nach der Trennung in die Arbeit gestürzt. Wirkliche Freunde hatte Miranda kaum – ein paar Studienkameradinnen und ein, zwei Schulfreundinnen, aber niemand, der direkt in ihrer Nähe wohnte.  Sie hatte einfach nach der Arbeit nie wirklich Zeit dafür gehabt, neue Menschen kennenzulernen – auch wenn sie das schade fand.

Diese Tage wurden immer häufiger und Miranda immer unglücklicher, auch wenn sie nicht wirklich wusste, wie sie etwas ändern konnte.  Bis sie eines Tages auf der Arbeit einen Anruf von ihrer Mutter erhielt.

„Miranda, Süßes – du musst jetzt stark sein. Oma Regina ist gestorben und sie hat dir das Café am See hinterlassen“- es waren die Worte ihrer Mutter, die Miranda aus dem Alltagstrott holten. Wie viele Stunden hatte sie in dem Café zugebracht? Wie viele Stunden hatte sie ihrer Oma geholfen, die Gäste zu bewirten? Das Café mit seinen altmodischen roten Tischen, die Kuchen, die ihre Oma gebacken hatte, eine perfekte Idylle am See.

Miranda reichte Urlaub ein – sie musste auf die Beerdigung ihrer Oma und sie wollte bei ihrer Mutter sein, niemand sollte in dieser Zeit allein sein. Schon als Miranda das Büro verließ, fühlte sie sich viel besser als in all den Wochen zuvor, obwohl sie gerade gehört hatte, dass ihre Oma gestorben war.

Kaum hatte sie das Büro verlassen, öffnete Miranda die Haarspange und ließ ihr Haar offen über ihre Schultern fallen. Sie nahm sie die Straßenbahn nach Hause,  packte schnell einen Koffer und fuhr in ihre Heimat.  Das letzte Mal war sie hier gewesen, als ihre Eltern sie eingeladen hatten. Da aber damals alles mit Letizia noch relativ frisch gewesen war, war sie nicht lange geblieben. Ein Fehler, wie Miranda mittlerweile zugeben konnte – die Gegend war immer noch so schön, wie sie sie in Erinnerung hatte – hier der See, dort die alten Häuser – selbst Oma Reginas Café sah so aus, als würde sie jeden Moment zurückkommen. Auf den Tischen standen Wildblumensträuße, genau dieselbe Art, wie sie Oma Regina immer auf die Tischchen gestellt hatte und Miranda roch Kuchen – offensichtlich hatte das Café trotz allem geöffnet. Als Miranda näher kam, sah sie eine junge Frau nahe der Theke stehen.

„Hi, ich bin Tamara. Regina hat gemeint, ich sollte mich um alles kümmern, bis du kommst oder bis du dich entschieden hast, was du hier am liebsten machen würdest“, stammelte die Frau. Miranda lächelte sie nur an: „Und das machst du gut. Es sieht so aus, als wäre Regina immer noch hier. Sie hätte es auch nicht anders gemacht. Die Tischdekoration sieht fantastisch aus und die Kuchen und Torten riechen herrlich.“

Tamara lächelte zurück und wirkte überrascht: „Wirklich? Ich habe zwar versucht alles so zu machen, wie es deine Oma haben wollte, aber ich habe immer gedacht, dass hier immer noch etwas fehlt – sie selbst hatte nämlich auch eine gewaltige Präsenz. Ich habe immer gedacht, dass die Menschen wegen ihr kommen, nicht wegen der Kuchen oder des Essens oder der Tees oder was auch immer willen“.

„Da hast du nicht mal so unrecht. Oma Regina war einfach etwas besonderes – ich habe hier ganze Sommer ausgeholfen, und ich habe es immer genossen, jeder war hier willkommen, egal, wer er war.“, erklärte Miranda.

„Das stimmt, deswegen habe ich auch hier anfangen wollen. Nicht jeder wollte eine Kellnerin wie mich, aber deine Oma hat mich nur einmal angesehen und gemeint,  du passt hier perfekt rein und mich eingestellt“, Tamara lächelte, „Sie hat mir eine Chance gegeben und dafür werde ich ihr immer dankbar sein – die meisten hätten mich mit meiner mangelnden Erfahrung, mit meinen schlechten Noten und meinen Tattoos einfach weggeschickt“.

„So war Oma Regina – sie hat nicht auf das Äußere geschaut, sondern auf den Menschen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, hat sie immer gesagt“, meinte Miranda.

„Der kleine Prinz – ja, sie hat Zitate geliebt. Weißt du schon, was du machen wirst?“, fragte Tamara dann.

Miranda zögerte, auf der einen Seite wollte sie Oma Reginas Café nicht verlieren, auf der anderen Seite hatte sie immer noch einen Job, eine Wohnung am anderen Ende Deutschlands. „Ich bin ehrlich – ich weiß es noch nicht, auch wenn es mich wirklich in den Fingern jucken würde, aus dem Café hier etwas zu machen, meine Art von Oma Reginas Café – ein Café, in dem wirklich jede Person willkommen ist, egal, wer sie ist und wen sie liebt“ Miranda hatte sich das schon die ganze Zeit überlegt, während sie hierher gefahren war. „Aber ich habe immer noch einen Job am anderen Ende Deutschlands und ob ich das wirklich alles aufgeben möchte, für ein Café, ich war auch noch nie selbstständig, ich weiß nicht“.

Aber das Café ging Miranda einfach nicht aus dem Kopf. Oma Regina hatte es ihr hinterlassen und ihr Job machte ihr schon seit einer ganzen Zeit keinen Spaß mehr. Andererseits wusste sie auch, dass sie dann die komfortable Angestelltentätigkeit gegen das Risiko der Selbstständigkeit eintauschen würde.

Unter Oma Regina hatte das Café floriert, aber wer sagte, dass es das auch in der Zukunft tun würde – wer sagte, dass nicht noch ein ganzer Haufen Reparaturen auf sie zukommen würde.

Aber gleichzeitig war diese Wunschvorstellung eines Cafés immer noch da: der Traum eines Stammtisches für alle Menschen, die nicht in die Raster der Gesellschaft passten. Ein Refugium für die bunten Vögel, für alle schrillen und wenigen schrillen Vögel, die nicht wirklich an den einen und den anderen Platz passten.

Als Miranda sich die Unterlagen des Cafés anschaute, wusste sie, dass sie ihr Eindruck nicht getäuscht hatte – das Café hatte floriert. Zudem hatte Oma Regina in den letzten Jahren das ganze Café renoviert – ganz als hätte sie das Café übergeben wollen. Als Miranda das hörte, stand ihr Entschluss fest: Sie würde das Café übernehmen.

Nach und nach nahm sich Miranda der Herausforderung an – sie kündigte ihren Job, ihre Wohnung und zog wieder zurück in ihre Heimat und in die Wohnung über dem Café, in der Oma Regina immer gelebt hatte. Tamara wurde ihre rechte Hand, wie sie es auch schon bei Oma Regina gewesen war, und gemeinsam begannen sie Stammtische zu planen. Bald war bekannt, dass Miranda wirklich jeden willkommen hieß, egal, wer es war.

Und auch Miranda selbst wurde immer glücklicher – als sie eines Abends nach der Arbeit im Café in den See sprang, um sich abzukühlen, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auch wenn das mit der Freundin als einziges noch nicht perfekt geklappt hatte - aber das hatte ja noch Zeit und wer weiß, vielleicht würde sich eines Tages eine Frau mit den Worten: „Entschuldigung, ich möchte auch zur Queergruppe“, vorstellen...
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast