Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Young Adult / Gelb

 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Gelb

von LordZissa
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
03.05.2022
23.06.2022
5
6.915
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
23.06.2022 2.038
 
Lian: Guten Morgen :)
Alekseeva: Sechs Uhr morgens?!
Lian: Ich bin aufgeregt…

Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte man bei so etwas Banalen wie dem Betreten eines Hauses nur so aufgeregt sein? Irgendwie ähnelte das einem Kind am Weihnachtsabend, sehr süß. Ich war um neun Uhr aufgestanden, hatte ihn also drei Stunden warten lassen. Ich rechnete durch, ich würde frühestens um 10:30 Uhr fertig sein.

Alekseeva: Ist 10:45 okay? Kann ich dich da abholen?
Lian: Ja perfekt!

Ich stieg also aus meinem Bett und suchte nach Klamotten. Ich fand einen roten Pullover und eine schwarze Jogginghose. Die mussten es tun. Damit begab ich mich nun ins Bad, um zu duschen. Ich würde meine Dusche nicht ausfallen lassen und auch nur minimal verkürzen. Frühstücken konnte ich beim Gehen, ein Apfel würde reichen.

Der Rollstuhl dürfte auch mit Leichtigkeit in unserer Wohnung fahren können. Es gab keine zu engen Stellen außer in Lanetas Zimmer, aber dort musste Lian auch nicht hin. Die Küche, das Wohnzimmer und mein Zimmer dürften keine Probleme bereiten. Um das Bad machte ich mir noch ein paar Sorgen aber hofften wir mal das Beste. Ich stieg nun endlich aus der Dusche und griff nach meinem Handtuch. Hier war es auch breit genug. Ich hatte nur um ehrlich zu sein keine Ahnung, ob Lian diese Toilette benutzen könnte. Er war der erste Mensch, welcher im Rollstuhl saß und diese Wohnung hier betrat. Ich entschloss mich aber dazu mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Ich hoffte darauf, dass er einfach sagen würde, was er brauchte und wie er es brauchte.

Ich zog mich nun endlich an. Ging noch dem Rest meiner Morgenroutine nach und suchte dann nach Obst. Ich fand meinen gewünschten Apfel. Jetzt fehlte nur noch meine Jacke und meine gelbe Mütze. Als ich die nun hatte schrieb ich Lian kurz an, dass ich los gegangen war.

Er wartete draußen vor der Tür und kam mir entgegen als er mich sah. „Hey.“, grinste ich. „Hi.“, gab er zurück: „Ich habe den Nintendo deiner kleinen Schwester dabei. Du hattest ihn gestern wieder liegen gelassen.“ „Ah danke.“, ich nahm ihn an mich und steckte ihn in meine Jackentasche. Ich hatte es endlich geschafft und alle Sachen waren wieder dort, wo sie hingehörten. Jedoch sah ich es nicht mehr als Last an zu Lian zu gehen. Irgendetwas an meiner Sichtweise veränderte sich langsam. Vor allem in Bezug auf ihn.

„Der Weg ist länger als ich dachte.“, offenbarte Lian mir nach einiger Zeit.
„Schlimm?“
„Nein. Es wird nur langsam etwas kalt und ich habe keine Decke, die ich über meine Beine legen könnte.“
Ich hatte mal etwas davon gehört. Unser Körper wärmte sich draußen durch die Bewegung auf, ein Rollstuhlfahrer hatte diese Bewegung in den Beinen nicht. So fror wohl auch Lian viel schneller als ich. Ich zog meine Jacke aus und legte sie ihm auf den Schoß, ich stopfte sie zwischen Rollstuhl und seinen Beinen fest.
„Danke.“, murmelte er und wurde leicht rot dabei.

„Ab hier ist es nicht mehr weit. 4 Minuten noch.“
„Ist jemand zuhause bei dir?“
„Nein. Mama arbeitet, Laneta auch. Die kommen später.“
Er nickte nur als Antwort, wirkte aber immer noch unglaublich nervös. Ich wusste auch nicht, woran das lag und wie ich ihm helfen konnte.

Vor meiner Haustür nahm ich Lian meine Jacke wieder ab und schloss dann die Tür auf. Ich warf den Schlüssel auf die Kommode und hing die Jacke an die Garderobe. Als ich das erledigt hatte stellte ich den Türstopper vor die Tür damit diese nicht auf mich oder Lian fallen konnte. „Bereit?“, fragte ich ihn. „Ja.“, stimmte er zu. Ich schob meine Arme unter seine Kniekehlen und beugte mich hinunter: „Leg die Arme um meinen Hals und halt dich fest.“ Er tat was ich ihm sagte und so konnte ich ihn nach oben hieven. Er war etwas schwerer als gedacht, aber das war kein Problem für mich.

Ich trug ihn über die zwei Stufen hinauf und zur Haustür rein. „Bin ich nicht zu schwer?“, fragte er nun. „Wen von uns Beiden willst du damit beleidigen?“ Er schnaubte nur belustigt aus.

Ich brachte ihn in mein Zimmer und setzte ihn auf mein Bett. „Darf ich dir Schuhe und Jacke abnehmen?“, fragte ich. Mutter würde mich umbringen, wenn er Schuhe in der Wohnung anhaben würde. „Ja. Kannst du bei den Schuhen helfen? So geht es schneller.“ Ich sagte nichts und machte mich einfach nur an die Arbeit, wenn er mich danach fragte, half ich ihm gerne. Als ich beide Schuhe in der Hand hatte, hielt er mir auch seine Jacke entgegen. „Komm gleich.“, gab ich Bescheid und ging den Rollstuhl holen.

Ich hob ihn über die Treppen und konnte ihn dann einfach schieben. Ich war erleichtert. Es war alles breit genug. Ich holte noch kurz Trinken aus der Küche. Cola und Wasser, hoffentlich mochte er irgendetwas davon. Die Beiden Flaschen und die Becher stellte ich auf die Sitzfläche des Rollstuhls. Schob diesen dann in mein Zimmer wo auch schon Lian auf mich wartete. Er war etwas nach hinten gerutscht und hatte sich an die Wand gelehnt. „Willst du Cola oder Wasser?“, ich stellte die Sachen auf meinen Nachttisch und warf mich ebenfalls auf mein Bett. „Wasser bitte.“

Ich nahm die Flasche und schenkte uns Beiden was ein. Ich gab ihm dann noch ein Glas und rutschte neben ihn. „Ist es auch wirklich okay, dass ich auf deinem Bett sitze?“ „Ja. Hätte dich wohl kaum hier abgesetzt, wenn ich was dagegen hätte.“

„Bei mir setzt du dich nie aufs Bett.“
„Bei dir steht ein Stuhl bereit. Fände es unhöflich einfach so aufs Bett zu sitzen.“
„Wäre entspannter, wenn du dich aufs Bett setzen würdest. Da könnte ich mich auch neben dich setzen.“
„Wenn du was willst, musst du es nur sagen.“, ich zuckte mit den Schultern. Wenn Lian das so wollte, dann konnte ich das gerne tun. „Dein Zimmer ist schön.“, sagte er zu mir. „Danke. Das hat hauptsächlich Laneta eingerichtet, die hatte Spaß daran und mir war es sowieso egal.“

„Du verstehst dich ziemlich gut mit deiner Schwester.“
„Meistens. An manchen Tagen ist sie ein kleines Monster aber sonst verstehen wir uns schon. Du und dein Bruder nicht so?“
„Nein. Nicht so. Er ist ziemlich verzogen und wohl auch etwas eifersüchtig, weil ich manchmal etwas mehr Aufmerksamkeit bekomme. Ich bin mir sicher, dass er mich hasst.“
„Hass ist ein starkes Wort. Das glaube ich nicht. Wie alt ist er?“
„Zehn.“
„Mit Zehn war ich auch so.“
„Wirklich?“
„Ja. Ich war unglaublich verzogen und hab immer den anderen Kindern absichtlich weh getan.“
„Warum?“
„Ich bin nicht damit klar gekommen aus Polen hierher zu müssen.“
„Bist du mit zehn hierhergekommen?“
„Mit acht. Und die deutschen Kinder waren echt gemein zu mir. Mit zehn schlug es dann um und ich war gemein zurück. Er bessert sich sicher auch noch.“
Lian zuckte mit den Schultern: „Ich hoffe. Kannst du mein Glas bitte irgendwohin stellen?“ „Klaro.“, ich nahm es ihm ab: „Wenn du Hunger hast sag Bescheid, dann mach ich uns was.“
„Du kannst kochen?“
„Ich vermute. Hat sich noch keiner beschwert.“

Wir redeten noch ein bisschen über belanglose Sachen. Es war kein erzwungenes Gespräch und ich merkte, dass Lian wirklich aufrichtig an mir interessiert war. Gott weiß wieso. Ich unterbrach das Gespräch als Lians Magen knurrte. „Hungrig?“, fragte ich. „Ein bisschen.“, antwortete er. „Dann ab in die Küche.“, ich stand auf und schob den Rollstuhl näher ans Bett: „So?“ „Ja danke.“, er rutschte hinein und folgte mir in die Küche. „Irgendwelche Wünsche oder Unverträglichkeiten? Isst du etwas nicht?“, fragte ich ihn. „Nein. Du kannst machen wonach dir ist.“, meinte er dazu. „Gast ist König also, wenn du Wünsche hast.“, ich ließ den Satz offen und wartete auf seine Antwort. „Es ist wirklich alles in Ordnung.“, sagte er erneut. Ich zuckte mit den Schultern: „Okay, dann entscheidet der Kühlschrank und die Vorratskammer das.“

Ich fand Nudeln, Schinken, Brokkoli und Streukäse. Daraus konnte man einen Auflauf machen. Es war zwar nicht aufwendig aber würde dafür umso besser schmecken. Ich war also zufrieden mit meiner Wahl. „Alekseeva?“ „Ja?“ „Könntest du einen Stuhl bitte auf die Seite stellen?“ Er wollte sich wohl an den Tisch setzen. Ich kam seiner Bitte nach und trug den Stuhl ins Wohnzimmer. In der Küche würde er sonst im Weg stehen.

Lian beschäftigte sich mit seinem Handy und ich beschäftigte mich mit der Auflaufform. „Was guckst du dir an?“, fragte ich nach einer Weile. „Instagram.“, gab er nur als Antwort. Ich stellte mich hinter ihn und sah ihm über die Schulter. Er scrollte einfach weiter und beschwerte sich nicht darüber. „Katzenvideo.“, informierte ich ihn. „Ich sehe es. Liebst du Katzen so sehr?“, fragte er mich. „Ja unglaublich. Ich liebe alle Tiere.“, beantwortete ich ihm das. Wandte mich nun aber kurz dem Ofen zu, nicht das hier noch was anbrannte.

„Kann ich dich was fragen?“, wollte Lian nun wissen.
„Immer doch.“
„Wofür steht der 07.05 in deiner Bio?“
„Ah das. Ist mein Geburtstag.“, ich hatte ihn irgendwann mal auf Instagram verewigt. Warum wusste ich wohl selbst nicht mehr. Ich ging aber auch unsensibel mit meinen Daten um, konnte man meinen ganzen Namen dort auch finden.
„Verarsch mich nicht.“, kam es nun sehr unerwartet von Lian.
„Ich verarsch dich nicht.“, verwirrt drehte ich mich zu ihm.
„Das ist mein Geburtstag.“, meinte Lian nun dazu.
„Ne. Meiner.“, ich nahm meinen Geldbeutel vom Küchenschrank und warf ihm meinen Ausweis hin. Dort konnte er schwarz auf weiß lesen. Alekseeva Jagodzinski geboren am 07.05.2003.

„Hol mal bitte meinen Geldbeutel aus meiner Jackentasche.“, verlangte er. Ich machte es und war nun gespannt was er mir nun vorlegen würde. Er legte seinen Ausweis neben meinen. Lian Kruger geboren am 07.05.2004. Wir teilten tatsächlich den Geburtstag. „Wir können gemeinsam feiern.“, grinste Lian. „Nächstes Jahr erst. Wir haben jetzt schon September.“, gab ich zurück. Etwas anderes zog nun jedoch meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich nahm seinen Ausweis in die Hand: „Lian Kai Manuel?“ „Ja.“ „Was macht man mit drei Vornamen?“ „Die sind hauptsächlich da, weil meine Mutter nicht wusste, dass Lian und Kai geschlechtsneutral sind.“, erklärte er mir. „Lian und Kai sind geschlechtsneutral?“ „Ja sind sie.“

Man lernt wohl wirklich jeden Tag etwas Neues dazu. Selbst wenn es nur die Information ist, dass Kai und Lian geschlechtsneutrale Namen sind. „Du hast nur einen Vornamen.“, stellte er fest. „Aber der ist schon lang genug.“, ich öffnete den Ofen. Der Auflauf war fertig, die Menge war etwas übertrieben aber so würde es auch noch für Laneta und Mama reichen. Ich stellte das Essen auf den Tisch und holte dann noch Teller sowie Besteck. Ich stellte einen Teller vor Lian ab: „Bediene dich.“ „Dankeschön.“, murmelte er.

Beim Essen herrschte Stille. Wir waren mit kauen beschäftigt. Ich nutzte die Zeit etwas und sah mir Lian genauer an. Er hatte dunkelblondes Haar und seine Augen waren eine trübe Mischung aus dunklem blau und hellem grün. Es war jedoch etwas schwer seine Augenfarbe genauer einzuordnen, da seine Brille schon wieder unglaublich dreckig war. Ich mochte diese Brille an ihm, sie stand ihm. Außer einem Muttermal unter seinem rechten Auge gab es keine Auffälligkeiten. Seine Kleidung war auch eher dezent und er war weder sonderlich dünn noch sonderlich dick.

„Was guckst du?“
„Nichts. Du solltest mehr Essen.“
„Bist du meine Oma? Aber der Auflauf ist wirklich sehr gut.“
„Danke. Freut mich, wenn es dir schmeckt.“
Er blieb eine Weile still, sprach mich dann aber wieder an: „Hast du wirklich gar keine Freunde? Nicht mal jemanden mit dem du nur in der Schule redest?“
„Nein. Keine Freunde und auch niemand der mit mir redet. Nur manchmal mein Mathelehrer. Warum stört dich das so sehr?“
Er wurde wieder etwas rot: „Ich empfinde dich einfach als tollen Menschen. Du warst Anfangs zwar etwas stur und verschlossen aber nie unfreundlich oder abwertend. Du hast eine besondere Ausstrahlung und ich kann die Leute um dich nicht verstehen. Ich würde einiges tun damit du mich magst.“
Ich wusste darauf wirklich keine Antwort. Ich sah ihn eine gute Minute perplex an. „Aber ich mag dich doch. Wir sind doch Freunde.“ Ich wusste nicht, wieso ich das gesagt hatte, wusste ich doch nicht einmal wirklich, wie man Freunde definieren konnte aber das Lächeln auf Lians Lippen war es mir irgendwie wert.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast