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Der Kleine Pilzprinz

von Nex
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P6 / Mix
03.05.2022
03.05.2022
1
800
 
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Einst, wo sich dornige Zweige aus Büschen kreuzten und wo dunkle Äste im spärlichen Licht, was gerade noch so die verzwirbelte Decke aus Baumkronen durchbrechen konnte, mündeten, dort fand sich ein kleiner Trampelpfad; ein Pfad, den sogar achtsame Augen schnell übersahen, wenn sie durch den Wald streiften.
Der Weg, bestückt mit wenigen sporadisch verstreuten Kieselsteinen, führte zu einer winzigen, im Dickicht verhüllten Lichtung. Es schien, als würden die Tannen mit ihren Kleidern den kahlen Waldfleck vor neugierigen Blicken schützend umranden, und so schafften sie es, den Bereich verborgen und unbekannt zu bewahren, damit der kleine Pilzprinz dort in Frieden leben konnte — auch wenn die angebliche Ruhe des Friedens trügerisch war.
Schon seit er aus einem kleinen Pilz gewachsen war, entschloss er sich, dass es am besten wäre, hier im zu Schutz der Verborgenheit zu hausen. Und so baute er sich ein zierliches Schloss, eines, wo er sich wohlfühlte, schließlich verbrachte er sein Leben hierin.
In einer Nacht wachte der Pilzprinz wie üblich in seinem Gemach auf, unter den Lichtern seiner glühenden Pilzlampe, an welcher er sich immer den Kopf stieß, weil sie zu niedrig hing. Irgendwas hatte ihn geweckt. Verwirrt und noch vom Schlaf verworren setzte er sich in seinem Bett auf und suchte nach der Quelle seines Erwachens. Seine leuchtenden Augen blitzten forschend in der Dunkelheit auf, ehe sie sich wieder erleichtert schmälerten und er dem Übeltäter wohlgesonnen seine Hand ausstreckte.
„Was treibst du denn hier zu der Zeit, Kleine?“, nuschelte er dem hellen Vogel zu und beobachtete zufrieden, wie die Taube mit ihren Flügeln ein paar Schläge ausführte, ehe sie ihren vorigen Platz auf der Fensterbank zurückließ und ungehemmt auf seinem Arm landete. Auch im spärlichen Schein des Mondes, welcher fast schon geisterhaft durch das Fenster den Raum erhellte, erkannte der kleine Pilzprinz den Ring am Fuß der Taube und so auch die Tatsache, dass das keine wilde Taube war, welche sich in seine Licht verflogen hatte. Am besten wäre es, die Taube ihren Weg weiterfliegen zu lassen, damit sie zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückkehrte, aber irgendwas regte sich beim kleinen Pilzprinzen, während er den Vogel und seine runden, schwarzen Augen musterte.
Der kleine Pilzprinz hatte keinen Kontakt zu Menschen — er pflegte seine Beziehungen zu den Pflanzen, welche ihm Schutz oder ihre Schönheit boten, und zu den zahmen Tieren und Tierchen, mit welchen er sich so gut verstand, aber Menschen waren ihm ein grundlegend fremdes Konzept. Er hatte nur zufällig Bücher dieser zu lesen bekommen, als die zutrauliche Wölfin einige für ihn von einem vorbei reisenden Händler aufgeschnappt hatte. Daher wusste er auch grob, was die Konzepte der Menschheit waren, aber er wusste nicht viel und am liebsten wüsste er mehr. Seine Augen wanderten zu der Taube.
„Ich sollte nicht, oder?“, flüsterte er ihr zu. Die Taube reckte neugierig den Kopf zu ihm. „Ich sollte wirklich nicht...“
Aber trotz seines anfänglichen Versuchs, sich seine Idee auszureden, erhob sich der kleine Pilzprinz von seinem Bett, die Laken fielen unbeachtet zu Boden, und er tapste zu seinem Tisch, welcher eigentlich nur zum Zeichnen gebraucht wurde. Doch diesmal fand das Papier, was er aus einem Fach herauszog, einen anderen Zweck. Schweigsam platzierte er die Taube wieder auf die Fensterbank und sich selbst auf dem Hocker vor dem Holztisch, nahm die Feder aus dem Tintenfass und verlor seine Aufmerksamkeit kurz Flackern der Kerze auf der Ecke seines Tisches. Die Flamme war seit dem Anbruch der Nacht schwächer geworden, doch sie versorgte den kleinen Bereich um die Arbeitsfläche noch mit genug Licht, dass der Pilzprinz alles Wichtige sehen konnte — und dennoch war er tollpatschig genug, dass sobald die Feder in seinen Händen, zittrig über dem Blatt schwebend, kleckste. Ein kleiner Tintenfleck und mehrere Spritzer beschmutzten die Fläche — seinen Brief. Ungeschickt zuckte der kleine Pilzprinz zusammen. War das ein Zeichen, dass er den Brief nicht schreiben sollte? Doch trotz seiner Zweifel setzte er die Federspitze zum ersten Buchstaben an.

Fremder, der das hier zu lesen kriegt.
Mache dir keine Sorgen um deine Taube. Sie hat sich bloß ein bisschen verflogen. Aber ich werde sie zurückschicken, damit sie gut wieder ankommt.
Hoffentlich verfliegt sie sich nicht wieder.

Mit kindlicher Aufregung riss er den unbeschrifteten Rest des Blattes ab, rollte den Zettel in ein Band und befestigte die Botschaft so vorsichtig in den Ring der Brieftaube. Sie schien amüsiert über seine Freude und betrachtete seine feinen Fingerbewegungen dabei munter.
„Komm ja nicht wieder zurück“, witzelte der kleine Pilzprinz und überkreuzte die Arme auf dem Tisch, während er der Taube ein sanftes Lächeln zuwarf. „Pass auf dich auf, kleines Täubchen.“
Und mit einem leisen Gurren hüpfte die Taube näher zum Rand der Fensterbank, würdigte den kleinen Pilzprinzen eines freundlichen Blickes und flog mit festem Flügelschlag aus dem Fenster. Hinfort, in die dunkle Nacht, wo der kleine Pilzprinz den weißen Fleck im Himmel im winziger werden beobachtete.
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