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Das Geld

von AshWrites
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
02.05.2022
02.05.2022
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1.080
 
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Gelangweilt schaltete Hektor den Fernseher an, um die Nachrichten zu sehen, so wie er es jeden Abend tat. Nicht etwa, um sich über die Geschehnisse in der Welt zu informieren, nein. Was draußen passierte war ihm schon vor einigen Jahren egal geworden. Sie hatte ihm sowieso noch nie etwas Gutes getan, die Außenwelt. Seine Arbeit hatte er verloren, genauso wie seine Freunde und seine Eltern.

Also lebte er allein, die Jobsuche schon längst aufgegeben, da ihn ja sowieso niemand einstellen würde und langweilte sich zu Tode. Deshalb hatte er, nur zum Zeitvertreib natürlich, angefangen Lotto zu spielen. Er wusste selbst, dass es eigentlich nur aus dem Fenster geworfenes Geld war, doch irgendetwas daran ließ ihn einfach nicht aufhören.

Vielleicht war es die winzige Hoffnung, dass er doch gewinnen würde, auch wenn die Chancen noch so klein waren. Vielleicht hatte er aber auch seine Vorliebe für das Glückspiel von seinem Vater geerbt. Ach ja sein Vater …

Hektor wusste noch genau, wie er jeden Abend betrunken nach Hause gekommen war, wieder ein neues Los in der Hand haltend. Und wie ihn die Mutter angeschrien hatte, sie seien doch knapp bei Kasse und wie er nur so verantwortungslos sein konnte. Der sechsjährige Hektor hatte damals noch nicht verstanden wieso seine Mutter so wütend war. Es war doch lustig abends gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen und zu beobachten, welche Zahlen gezogen wurden.

Wenn Hektor ehrlich mit sich selbst war, vermisste er diese Zeit mit seinem Vater. Als dieser sein großes Vorbild war und er am liebsten jeden Tag mit ihm verbracht hätte, um genauso zu werden wie er: Groß, stark und selbstbewusst. Doch wenn er so darüber nachdachte, war sein Vater nichts von alledem gewesen.

Groß war er schon gewesen, doch eher in die Breite, wegen seinem riesigen Bierbauch. Stark, natürlich, aber nur körperlich.

Auch wenn ihm diese Erinnerung schmerz bereitete, wusste Hektor doch, dass sein Vater nie einen Streit mit seiner Mutter gewonnen hatte. Einmal hatte er ihn, auf dem Weg in die Küche für ein Glas Wasser, weinend am Tisch sitzen sehen, nachdem die Mutter ihn mal wieder angeschrien hatte und eine Stehlampe nach ihm geworfen hatte.

Damals hatte Hektor dafür gehasst, was sie seinem Vater angetan hatte, doch heute, da er erwachsen war und selbst Geldprobleme hatte, konnte er sie verstehen. Sie hatte ein Kind zu ernähren gehabt und er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als sich abends zu betrinken und das wenige Geld, das sie hatten aus dem Fenster zu schmeißen.

„Und nun kommen wir zu den Lottozahlen“ Die Moderatorin riss ihn aus seinen Gedanken. Gespannt umklammerte er sein Los und lehnte sich in dem alten modrigen Sessel nach vorn, die Augen fest auf den Bildschirm fixiert. „6“ 6? Hatte er sie richtig verstanden? Schnell sah er zwischen seinem Blatt und dem Fernseher hin und her. Tatsache. Nur einmal in seinem ganzen Leben hatte er die erste Zahl richtig gehabt. „30“ Schon wieder richtig? Wie konnte das sein? „33“ Nun war er sich sicher, dass er träumen musste. Es war unmöglich, dass er so viel Glück hatte. „36“ Langsam erhob er sich aus seinem Sessel und starrte die Moderatorin ungläubig an. „40“ Geschockt schlug er sich die Hand vor den Mund. Wie? Wie konnte das gerade passieren? „Und die Superzahl 43“

Das konnte nicht wahr sein. Es musste ein Fehler sein. Er war doch der Pechvogel, dem nie irgendetwas Gutes zustieß. Der war er schon immer gewesen und würde er auch immer sein. Immer wieder schaute er auf das Los, um sich zu vergewissern. Und doch, die Zahlen waren eindeutig identisch. Das konnte nicht möglich sein.

Energisch zwickte er sich in den Arm, um aus diesem Traum zu erwachen. Aus diesem schrecklichen Traum, der ihn nach dem Aufwachen nur hoffnungslos zurück ins Bett fallen lassen würde, da es nicht die Realität war und auch niemals sein würde.

Doch er wachte nicht auf. Er war immer noch in seiner kleinen Wohnung, völlig fassungslos den Bildschirm anstarrend. Er wollte sich schon über seinen Gewinn freuen, als er plötzlich seinen Vater vor sich sah.

Eines abends war er heimgekehrt, ein Abend so wie jeder andere auch. Der Geruch von Alkohol hatte ihn umnebelt, doch den jungen Hektor hatte das nicht gestört. Er hatte sich schon längst daran gewöhnt. „Na kleiner? Willst du wieder mit mir die Losung ansehen?“ Er hatte ihm die Haare verwuschelt. Hektor hatte gelacht. Aufgeregt hatte er sich mit einem Kissen auf den Boden gesetzt, während sein Vater ein paar Mal energisch auf den alten Röhrenfernseher geklopft hatte, um ihn anzuschalten. Hektor hatte das Los halten dürfen. Für einen kurzen Moment war es der beste Moment in seinem Leben gewesen, als er gehört hatte, dass alle Zahlen richtig gewesen waren.

„Papa?“ „Was ist?“, hatte er gegrummelt, schon im Halbschlaf. „Wir haben gewonnen“ „Ach red keinen Unsinn“ Dennoch hatte er sich aufgesetzt und das Los an sich gerissen. Einige Sekunden hatte er nur darauf gestarrt, den Mund leicht geöffnet.

Als er sich wieder gefasst hatte, war er ohne ein weiteres Wort auf den Dachboden gelaufen, Hektor dicht hinter ihm. „Papa was machst du da? Wir haben gewonnen! Wo gehst du hin?“ Sein Vater hatte ihm nicht geantwortet, sondern stattdessen einen Koffer die Treppen herunter und in sein Zimmer geschleppt. „Was willst du denn damit-“

Die Tür war vor seiner Nase zugeschlagen worden. Mit Tränen in den Augen war Hektor in sein Zimmer gelaufen und war erst spät nachts wieder herausgekommen, da er von wütenden Schreien geweckt worden war. Seine Mutter musste wohl von der Arbeit zurückgekommen sein. Leise tapste er die Treppen hinunter und sah gerade noch, wie sein Vater mit einem großen Koffer verschwand.

Damals hatte er noch nicht gewusst, dass dies der letzte Moment sein würde, an dem er ihn sehen würde. Hektor wollte nicht mehr so sein wie sein Vater. Er hatte ihn verlassen. Für Geld. Er hatte seine Mutter mit ihm allein gelassen. Für Geld. So selbstsüchtig war sein Vater gewesen. Nicht einmal teilen hatte er es wollen. Wieso ging es in dieser Welt nur um Geld?

„Es macht alles kaputt, das Geld“, murmelte er zu sich selbst und starrte das Los voller Hass an. Er befreite sich aus seiner Schockstarre und machte sich auf den Weg in die kleine schmutzige Küche, wo er ein Feuerzeug herauskramte. Er wusste, dass er diese überstürzte Entscheidung spätestens dann bereuen würde, wenn er seine Miete nicht mehr bezahlen konnte.

Doch als er die Flammen dabei beobachtete, wie sie das Stück Papier gierig fraßen, war ihm alles egal.
 
 
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