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Stille.

von AshWrites
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
02.05.2022
02.05.2022
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Stille. Er hasste die Stille. Seine Gedanken hatten in der Stille ihren freien Lauf. Viele Leute würden darin kein Problem sehen. Andere würden ihn verstehen, ihm zuhören.

Diese, die bis tief in die Nacht hinein an die Decke starrten, weil es die einzigen paar Stunden sind, in denen nichts von ihnen verlangt wurde, in denen sie entspannen konnten, sich nicht wie eine Enttäuschung fühlten.

Diese, die jede Minute des Tages mit Musik verbrachten, in dem kläglichen Versuch, die ach so lauten Gedanken zu ertränken.

Diese, die keinen Grund zum Aufstehen fanden, und auch keinen, um weiter zu kämpfen.

Diese, die jeden Tag ihre kleinen Aufgaben abarbeiteten und den Sinn dahinter nicht verstanden und wieso bin ich überhaupt hier? Wieso, wieso, wieso-

Ja, mit diesen Leuten hätte er reden können, hätte er reden sollen. Aber er tat es nicht.

Er tat es nicht - und das weil ein kleiner Teil in ihm immer noch hoffte, dass er nicht krank war. Dass die fehlenden Gedanken über seine Zukunft wieder zurückkommen würden. Dass er immer erschöpft war, weil er noch am Wachsen war (wie seine Mutter immer sagte). Dass es ihm gut ging und er nur überreagierte - schließlich waren andere viel schlechter dran als er. Eigentlich hatte er keinen Grund sich zu beschweren. Wenn er redete, müsste er sich eingestehen, dass dies falsche Hoffnung war. Er wusste, dass ihn die Realität der Situation zerstören würde.

Und trotzdem war sein Kopf so laut.

Und es war noch immer so still.

Die Klingel schaffte kurz Platz für einen einzigen Zweifel. Was wenn sie nicht da ist? Dieser wurde sofort wieder von dem Lärm in seinem Kopf verdrängt. Stimmen, die fragten wieso, wieso, wieso diese Stille?

Die Tür schwang auf und plötzlich war er Angesicht zu Angesicht mit dem Mädchen. Ihre Augen waren immer noch schokoladenbraun, ihre Haare immer noch strohblond. Was hatte er auch erwartet? Dass sie sich genauso stark verändert hatte, wie er in den letzten Monaten? Vielleicht schon. Vielleicht wollte er, dass sich der Schmerz in ihm - den er so offen auf dem Gesicht und abgeschnittenen Haaren trug, auf den dunklen Schatten unter seinen Augen und den langen Pullover, der seine Handgelenke verdeckten, auf der muffigen Hose, die seit zwei Wochen nicht gewaschen wurde und auf dem leeren Lächeln, dass auf seinen Lippen zuckte - auch auf irgendeine Weise in ihr sichtbar war.

Aber da war nichts. Kein einziges Anzeichen, dass sie sich so fühlte wie er. Oder ob sie überhaupt fühlte.

“Hey …”, krächzte er. Seine Stimme war es nicht mehr gewohnt benutzt zu werden.
Keine Antwort. Sein linkes Auge zuckte. Er versuchte es weiter.

“Ich weiß du hast gesagt du brauchst Abstand aber-”, seine Stimme brach und er räusperte sich, “-aber es ist schon 4 Monate her …”

Keine Antwort. Eine Flut von wiesos überschwemmte seinen Kopf und für eine kurzen Moment war er sich sicher, er würde darin ertrinken. Wieso, wieso, wieso sagst du nichts?

Weiter reden. So würde er überleben. Weiter machen. (Wollte er das überhaupt?)

“Ich- okay hör zu.” Sein verzweifelter Blick traf ihren vollkommen neutralen. Es wäre ihm lieber, sie würde ihn anschreien. Ihm sagen, dass er verschwinden solle. Sie tat es nicht.

“Ich will nur wissen, was in deinem Kopf vorgeht. Du hast nichts erklärt und ich weiß nicht was ich falsch gemacht habe. Bitte, rede einfach mit mir.”

Wieder war da diese gottverdammte Stille. Wieso, wieso, wieso bist du so kalt?

Weiterreden. Einfach weiterreden. (Aber es war so unfassbar anstrengend…)

“Maja bitte. Ich flehe dich an.” Er fiel auf die Knie. In jeder anderen Situation wäre es ihm peinlich gewesen, aber nicht jetzt. Nicht wenn sie so still war. “Rede mit mir. Zum Teufel- schrei mich an wenn du willst! Ich kann so nicht weitermachen. Gib mir irgendwas damit ich hiermit abschließen kann.”

Stille.

Er spürte wie etwas nasses auf seinen Handrücken fiel und oh- er weinte. Wieso konnte er auf einmal weinen? Wieso konnte er trotzdem nicht loslassen?

Etwas warmes umschlang ihn, aber es war nicht das stille Mädchen vor ihm. Nein, denn sie war kalt. Er warf sich um den Hals der Person und krallte sich in ihrem Hemd fest. Wieso, wieso, wieso bin ich hier?

“Lass uns nach Hause gehen, Percy”, hörte er die besänftigende Stimme seiner Mutter.

Verstört schüttelte er den Kopf und starrte die verschwommene Gestalt seiner Mutter an. Er konnte ihren bedauernden Blick durch die Tränen nicht erkennen. “NEIN, ich- nein, bitte nur noch ein paar Minuten -”

Sie richtete sich auf. “Ich warte im Auto.” Er hörte dem Knirschen ihrer Schritte auf dem Kies zu, bis es schließlich verschwand.

Er wischte sich die Tränen weg und atmete ein paar mal tief ein und aus. Als er sich wieder gesammelt hatte drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging.


Er ließ ein blasses, stilles Mädchen zurück, gebettet auf Blumen von Menschen, die sie nicht einmal gekannt hatte. Auf dem Bild neben ihr sah sie noch glücklich aus, lebendig. Darunter steht in goldenen Lettern die Aufschrift:
Maja Jones
2006-2022


Wieso, wieso, wieso hast du mich allein gelassen?

Stille.
 
 
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