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Haikuherz

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
02.05.2022
06.08.2022
3
8.349
20
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
06.08.2022 3.895
 
(ノ´ヮ´)ノ*:・゚Es geht weiter. Ich glaube es kaum. Und die Geschichte bekommt noch ein zusätzliches Kapitel, weil es einfach zu gut lief. <3 Hoffe, ihr habt Freude.  







f ü n f



I’m chocking on words
Too scared to say: I love you.
I tell you this way

(JS Parker)



Kummer ist so weird. Zuerst denkt man, alles cool, ich spüre gar nichts. Man fährt voller Tatendrang zu IKEA, beginnt ein Regal aufzubauen und im nächsten Moment ist man das heulende Elend.  

Ich liege auf dem flauschigen Teppich, kuschele mit Elains übergroßem Totoro-Kuscheltier und lenke mein Herz mit Süßigkeiten ab. Elain lümmelt quer auf dem Bett und kommentiert jede zweite Szene von the Mandalorian, obwohl wir die Serie praktisch auswendig kennen. Trotzdem schwört Elain auf den heilenden Einfluss von guten Serien bei Problemen jedweder Art – angefangen von Schlafstörungen über Magenbeschwerden bis hin zu Liebeskummer.

Apropos Liebeskummer!

Kopfüber taste ich nach meinem Smartphone, das irgendwo unter Elains Kopfkissen liegt. Meine Freundin lässt fast ihren Joint fallen, als sie mit der anderen Hand in meinen Oberarm kneift.

„Au!“

„Tzz, du brauchst das Handy nicht. Nicht wegen ihm“, intoniert sie auf ihre typische Art, als wäre sie von allem und jedem genervt oder kurz davor, jemanden unter die Erde zu bringen. Mit Elain will man es sich nicht verscherzen.

Ich seufze leise und schlinge beide Arme um Totoro. Ich weiß, dass sie recht hat. Das bedeutet aber nicht, dass es mir ein ganz klein bisschen guttut, wenn ich Marcs viele Anrufe sehe. Er soll ein schlechtes Gewissen haben. Verdammter herzloser Blödmann.  

Mit Männern ist es, wie mit dieser Mutprobe, in der man sich traut, den elektrischen Weidezaun anzufassen. Man weiß, dass es wehtun wird und dann ist die Spannung so groß, dass man nicht mehr loslassen kann. Vielleicht war es genauso mit Marc.

Es war in unserem letzten Schuljahr, als wir uns das erste Mal küssten. Wir waren beide, erschöpft und verschwitzt, alleine nach einem Basketballspiel in der leeren Umkleidekabine der Schule. Obwohl wir gewonnen hatten, meckerte Marc an meiner laschen Haltung als Team-Captain herum, bis ich es nicht mehr aushielt und ihn an die nächste Wand pinnte, um ihn anzubrüllen. Ohne Vorwarnung lagen plötzlich seine Lippen auf meinen und im nächsten Moment war der Mistkerl auf und davon.  

Wenn es nur dieses eine Mal passiert wäre, hätte ich es als Unfall deklarieren können. Einfach ein Ventil, um mit dem Druck und der Erschöpfung umzugehen. Damals legte ich das Geschehene in eine Kiste, verschloss sie sorgsam und dachte, dass wir nie wieder darüber reden würden. Zumal ich zu diesem Zeitpunkt noch dachte, dass Marc hetero war und mich nur ärgern wollte, weil er bemerkt hatte, dass ich ihm manchmal ein wenig zu lange auf den Hintern guckte.  

Das zweite Mal passierte im Garten auf Nicos Geburtstag. Ich wollte einen Moment der angetrunkenen Wärme des Hauses entkommen und Marc saß auf der Terrasse und rauchte. Unsere Blicke verhakten sich und es wäre möglicherweise gar nichts passiert. Aber ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er mir die Chance geben wollte, den nächsten Schritt in meiner Geschwindigkeit zu tun.

Ich habe damals gedacht, dass ich emotional verkrüppelt wäre, weil ich mich halt nicht so schnell verliebe und noch seltener sexuell von jemanden angezogen bin, aber inzwischen weiß ich es zu schätzen, dass mein Herz seinen eigenen Willen hat. Auch wenn ich mir nicht gerne ein Label verpasse, lese ich mich gerne als demisexuell und dem asexuellen Spektrum zugehörig. Und Marc ist bisher der Einzige, in den ich mich mit Haut und Haaren verliebt habe.

Ich hielt ihn an seiner Jeansjacke auf, als er schweigend an mir vorbeigehen wollte, und er drängte mich im nächsten Moment an die steinerne Hauswand und presste seine Lippen auf meine. Und vermutlich wäre das sanfte Glimmen, das ich fühlte, sofort erloschen, wenn er mich zu sehr unter Druck gesetzt hätte. Aber das hat er nicht. Unsere Finger strichen beinahe bedächtig über jeden Zentimeter erreichbare Haut, während wir uns langsam und zärtlich küssten – als wären wir uns aus genau diesem Grund auf der Terrasse begegnet. Unser Kuss dauerte nicht lange. Nur ein paar Herzschläge. Danach taten wir so, als wäre nichts passiert, stritten uns, berührten uns nicht. Jedenfalls nicht körperlich. Mein Herz war längst verloren.

Unser dritter Kuss endete mit dem hundertsiebzehnten. Es war am Tag nach unserem Abschluss. Ziemlich hinüber entschieden wir Jungs, bei Marc zu übernachten, da seine Eltern verreist waren. Sorin, Nico und Bastien rissen sich so schnell das Gästezimmer und das Sofa unter den Nagel und waren so besoffen, dass ich gar nicht erst versuchte, ihnen zu erklären, warum ich nicht in Marcs Bett schlafen konnte. Weil mich seine Nähe kirremachte und die Küsse, über die wir so hartnäckig schwiegen.

Als ich dann neben ihm im Bett lag, dauerte es keine fünf Minuten, bis zwischen uns wegen irgendeines Nonsens ein Streit vom Zaun brach. Ich weiß gar nicht mehr, wer wen zuerst geküsst hat. Jedenfalls endete unser Disput mit verzehrenden Küssen und verhedderten Gliedmaßen und damit, dass wir uns gegenseitig auszogen. Marc hat überraschend emphatisch gespürt, dass er mich langsam erobern muss und es ist damals wenig Jugendfreies passiert. Aber ich denke sehr gerne an diese erste Nacht zurück. Besonders weil Marc mich am Morgen immer noch in den Armen hielt und auch am nächsten und übernächsten.  

Wir hatten es nie definiert, aber für mich hatte es sich so angefühlt, als wären wir zusammen. Wir waren halt nie das typische ich-muss-immer-deine-Hand-halten-Pärchen. Wir stritten viel, aber gerade das machte unsere Beziehung irgendwie … aufregend. Auch wenn er sich nicht vor der Welt outete, hat er sich vor unseren Freunden nie zurückgehalten. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass Marc nicht zufrieden sein könnte. Oder jemand anderen brauchen oder wollen könnte.

Ich seufze dramatisch, was Elain dazu veranlasst, mir den Joint hinzuhalten. „Vermutlich ist es so, dass wir überhaupt nicht zusammenpassen“, sinniere ich, während sich Elain die Gummibärchen vom Boden angelt. „Niemand regt mich so auf wie Marc. Wir haben einfach zu unterschiedliche Sichtweisen. Ich bin hitzköpfig und idealistisch, Marc ist ein pessimistischer Pragmatiker und geht den Weg des geringsten Widerstands.“

„Ihr wart immer schon wie Hund und Katze und klar, ihr streitet euch ständig, aber Marc hängt viel mehr an dir, als du denkst. Er wollte dem Wunsch seines Vaters nachgeben und Jurist werden. Jetzt ist er mit Leib und Seele Feuerwehrmann und könnte nicht glücklicher sein, Ryo. Dass er die Ausbildung doch gemacht hat, verdankt er dir.“ Ich verdrehe ungläubig die Augen.

„Und deswegen hat er mir auch ständig gesagt, wie wenig er mich leiden kann“, widerspreche ich, obwohl ich nicht umhin komme zuzugeben, dass meine Hoffnung exorbitant riesig war, dass er mich doch irgendwie mag, wenn er mit mir schläft. Für mich bedeutet körperliche Nähe einfach eine komplett andere Ebene als zum Beispiel für Rumi, die auf jeder Party einem anderen Kerl ihre Zunge in den Hals steckt. Emotionale Nähe und Freundschaft rangieren bei mir weit vor Sex. Gerade deswegen fiel es mir immer leicht, enge Freundschaften zu schließen.  Aber umso schwerer war es für mich, mein Herz jemanden anzuvertrauen. Gerade die Schwulenszene wirkt so oberflächlich sexualisiert und One-Night-Stands sind für mich halt undenkbar.

Aber Marc hat es geschafft, meine Panzerschale aufzubrechen. Es ist mir immer noch ein Rätsel, warum gerade er. Vermutlich weil Marc halt Marc ist. Er gibt einfach nicht auf. Und er ist der Einzige, der mir immer und immer wieder die Stirn bieten will und kann.  

„Das hat er gesagt, um dich auf Abstand zu halten, Ryo. Er wollte dich, aber er tut sich schwer mit Sachen, die außerhalb seiner Comfortzone liegen.“

Das Wort Comfortzone betont sie dermaßen schneidend, um zu unterstreichen, dass Marcs Comfortzone winzig ist. Sie seufzt tief. „Ryo, die Hälfte der Mädchen – mich eingeschlossen – war in dich verschossen. Marc hat kein Wort mehr mit mir gewechselt, als ich dich einmal schmachtend angesehen habe. Er konnte seine Gefühle nicht anders zeigen und du hast es nicht verstanden. Zwischen euch entwickelte sich eine erbitterte Rivalität, bei der ihr euch ständig provoziert und ab und zu sogar geprügelt habt. Doch ihr konntet eure Differenzen beilegen, als du anfingst, mit Mr. Abstand rumzuknutschen. Marc hat sich eingestanden, dass er etwas für dich empfindet, und du hast das zwischen euch zugelassen, obwohl er vorher dein Gegner war.“

„Wir streiten uns immer noch.“

„Aber nicht mehr aus Feindseligkeit. Ihr habt Spaß daran.“ Sie hat Recht. Unsere Streitereien sind inzwischen mehr die Überschrift eines Gedichtes, das immer zärtlich endet. Ich mag das. Mochte es.

Nach der Sache mit Amy denke ich nicht, dass Marc besonders tiefe Gefühle für mich hegen kann. Lust vermutlich. Mehr nicht.

„Ich kann dich bis hierhin denken hören.“ Sie seufzt noch einmal tief, als wäre ich ein kleines Kind, dem man alles Offensichtliche zehnmal erklären muss. „Ich will Marcellus’ Verhalten gar nicht verteidigen, Ryo. Er ist ein dummer Idiot. Aber was ich sagen möchte ist, dass er dich niemals grundlos hintergehen würde. Du musst mit ihm reden.“

„Ich rede nie mehr mit ihm.“

„Ryo…“

„Es tat scheiße weh, zuzuhören, wie der Mann, den ich liebe, mit einer anderen vögelt.“

„Den du liiiiiebst?“ Elain beugt sich über mich und grinst. Ich seufze und lasse den Kopf hängen.

„Ich rede trotzdem nicht mit ihm.“

„Ich weiß, aber du kannst ihm nicht ewig ausweichen.“

„Aber ich kann es versuchen.“ Ich lebe mit dem blöden Kerl schließlich seit zwei Jahren zusammen und kenne seinen Tagesablauf ziemlich genau. Trotzdem wird es nicht leicht, weiterhin mit Marc zusammenzuwohnen. Zum Glück haben wir noch Sorin und Rumi als Puffer.



Leider haben die Schicksalsgöttinnen für mich wohl das kurze Streichholz gezogen.

Zum wiederholten Male blicke ich verstört auf mein immer noch positives Testergebnis. Auch wenn Rumi an eine romantische Fügung des Schicksals glaubt, dass es nur Marc und mich erwischt hat, sehe ich darin eher eine Heimsuchung.

Unsere feinfühligen Freunde haben durchaus bemerkt, dass irgendwas im Argen liegt. Aber ich hatte keinen Bedarf meinen Liebeskummer vor ihnen auszubreiten und Marc hat über seine unrühmliche Aktion offenbar auch geschwiegen, denn Sorin und Rumi warfen uns gleichermaßen neugierige und beunruhigte Blicke zu.

Obwohl ich es schrecklich finde, mit Marc in unserer Wohnung eingesperrt zu sein, tröste ich mich ein wenig damit, dass es Marc sehr viel schlechter geht als mir. Obwohl ich weiß wie fies das klingt, kann ich nicht aus meiner Haut. Dieser Idiot hat mich so verletzt und die verdammte Wunde denkt gar nicht daran zu heilen. Wie soll sie auch, wenn ich mit ihrem Verursacher auf engsten Raum zusammenleben und mich auch noch um ihm kümmern muss. Aber ich könnte leider nicht damit leben, Marc sich selbst zu überlassen. Doch ich gebe zu, dass ich das ein oder andere Mal darüber nachgedacht habe, ihm mit einem Kochmesser aufzuschlitzen.

Meine Großmutter würde mich für meine Gedanken lynchen. Das Kochen ist ihr heilig und alles, was ich weiß, habe ich von ihr gelernt. Ich habe schon als Kind im Ramen-ya meiner Großeltern mitgearbeitet, bis mein Vater aufs Land versetzt wurde. Es war für mich irgendwie immer klar, dass ich mal Koch werde. Meine Großeltern waren überglücklich, dass ich in ihre Fußstapfen trete und wir können uns wirklich nicht über zu wenige Gäste beklagen. Die japanische Szene in dieser Stadt ist wunderbar und authentisch.

Am liebsten würde ich in einem echten Ramen-ya in Tokio oder Osaka Erfahrungen sammeln, aber das würde bedeuten, dass ich für ein paar Jahre nach Japan ziehen müsste. Bisher habe ich den Gedanken immer verworfen, weil ich nicht von Marc getrennt sein wollte, aber jetzt …

Meine linke Hand streicht über meine schmerzende Brust, während ich die Miso-Brühe für die Udon abschmecke. Ich finde ja, dass Ramen auch das perfekte Gericht sind, wenn man krank ist. Marc hat zwar bisher noch nichts Essbares angerührt, aber ich lasse nichts unversucht. Leise Sorge zupft an meinem Herzen und ich kann das Gefühl nur schwer ignorieren. Er hat es verdient, zu leiden, aber das bedeutet nicht, dass sein Zustand spurlos an mir vorübergeht.

Ich drehe die Herdplatte herunter und schaue kurz nach Marc. Der Raum liegt still vor mir. Ich muss an das letzte Mal denken, als ich die Wohnung betreten habe und es in diesem Zimmer deutlich lauter war. Die Wut, die ich viel lieber empfinden würde, wird immer noch von bohrendem Schmerz überlagert. Ich komme mir wirklich so dumm vor, dass ich mir ausgemalt habe, wie Marc mich in zwanzig Jahren nach der Arbeit in meinem eigenen Ramen-ya besucht und meine selbstgemachten Udon mit einem Kuss lobt. Selten dämlich.

Marc liegt zusammengerollt in seinem breiten Bett und atmet flach. Kühle Nachtluft schlägt mir entgegen und streicht über meine bloßen Arme. Ich schleiche durch den Raum, um die Fenster wieder zu schließen, die ich eben zum Lüften geöffnet habe. Obwohl ich versuche kein Geräusch zu verursachen, um Marc nicht zu wecken, hört sich das Klicken der Scharniere doch ohrenbetäubend an.

„Ryo…“ Marc ist so leise, dass sich seine Stimme fast im gedämpften Straßenlärm von draußen verliert. Es fällt ihm schwer die Augen offen zu halten und er legt angestrengt die Stirn in Falten, als würde dahinter eine heavy metal band eine nicht enden wollende Nightsession abhalten. Sein Fieber ist zwar etwas gesunken, aber seine Temperatur liegt immer noch über 39 Grad. Zum Glück werden wir von unseren Freunden und Marcs Mutter gefühlt stündlich mit dem Apothekenbestand der kompletten Nachbarschaft und allen Hausmitteltipps, die unsere Wohnung theoretisch hergibt, versorgt. Sonst würde ich vermutlich auch vor Hilflosigkeit durchdrehen. Ihn so krank zu sehen, nagt ziemlich an mir und ich habe seit zwei Tagen nicht wirklich geschlafen. Zum Glück lenkt mich Kochen immer ab.

Ich knie mich vor Marcs Bett und lege sanft die Hand auf seine Stirn. Eine durchaus legitime Berührung, obwohl ich meine Hand länger als nötig auf seiner Haut liegen lasse. „Hast du Hunger?“, frage ich leise.

„Udon?“, höre ich ihn murmeln und kann ein knappes Grinsen nicht verhindern.

„Natürlich.“

Marc gibt ein genießerisches Brummen von sich und wirft mir dann aber einen entschuldigenden Blick zu. „Vielleicht später. Mein Magen ist … irgendwie hin.“

„Oke.“ Ich nehme die Hand von seiner Stirn und streiche dabei noch über seinen halben Kopf. Legitime Berührung am Arsch. Ich seufze leise und greife nach der Wasserflasche, die neben Marcs Bett steht.

„Willst du was trinken?“ Marc schlägt kraftlos die Augen auf und nickt langsam. Ich helfe ihm sich aufzurichten und stütze seinen Rücken, während er ein paar Schlucke aus der Wasserflasche trinkt und sich zurück in das Kissen fallen lässt.

„Ryo…“ Marcs sanfter Tonfall gefällt mir nicht.

„Was?“, frage ich misstrauisch. Wenn er auf nur ein Wort über Amy sagt, raste ich aus und er darf sich ab jetzt selber verarzten. Ist ja nicht so, als ob ich es mir ausgesucht hätte, mit ihm hier alleine festzusitzen.

„Mir ist so kalt“, murmelt er und sein Körper zittert seine Worte untermalend. Ich taste nach der molligen Wärmflasche, die ich ihm vor einer Stunde erst ins Bett gelegt habe und auch die zweite Decke bringt offenbar nicht den gewünschten Effekt.

Liegt möglicherweise an dem eiskalten Ding in deiner Brust, rutscht es mir fast heraus und ich könnte mich selbst in den Hintern treten. Man kann jemanden seine Verletztheit wohl kaum offensichtlicher zeigen. Und im Moment verfolge ich den Plan ‚tu so als wäre nichts passiert‘. Und damit meine ich sowohl Amy als auch mich und Marc.

„Und?“, frage ich verwirrt, als wüsste ich nicht, worauf er hinauswill.

Ich fahre zusammen, als ich plötzlich Marcs Hand an meiner Hüfte spüre, wie er mich mit schwachem Griff am T-Shirt festhält. „Kannst du bleiben?“ Seine Worte sind kaum hörbar, weil er genau weiß, wie anmaßend sein Wunsch ist. Es muss ihm wirklich schlecht gehen, wenn er mich um sowas bittet, denn Marc ist der typische Alleinkämpfer.

Ich zupfe nachdenklich an seiner Decke und schüttele den Kopf. „Denkst du wirklich ich lege mich zu dir in ein Bett, in dem du… fuck…“ Ich balle die Hände zu Fäusten und versuche meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, bevor ich doch wieder anfange zu heulen.  

Marc stemmt sich ächzend hoch. „In deinem Bett ist es okay, oder?“

Ich blicke auf und erwarte eine provokante Grimasse oder wenigstens ein triumphierendes Grinsen, aber Marc erwidert demütig meinen Blick. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Zucken seiner Lippen sogar als Furcht deuten.

„Okay“, sage ich und weiß nicht, warum ich das tue. Mir antue. Habe ich denn gar nichts gelernt? Fuck. Aber ich kann meine Gefühle auch nicht ausknipsen wie das Licht. Den Schalter zu installieren braucht eine Kraft, die ich gerade nicht habe. Nicht, wenn wir hier aufeinander hocken, Marc so krank ist und mich in keiner Weise herausfordert oder provoziert.

Ich ziehe Marc in die Senkrechte und stütze ihn, bis wir im Bad sind, das er praktischerweise einschieben will, wenn er schon mal steht. Seine Haut glüht und er schwankt bedenklich, aber versichert mir, dass ich ihn alleine pissen lassen kann. Vielleicht lasse ich ihn gleich kurz mal aus Versehen fallen. Ich grinse hämisch über meine Gedanken, während ich den Topf mit den Udon auf den Tisch stelle. Die schmecken auch morgen noch super.

Dann gehe ich in mein Zimmer und schlage die Bettdecke zurück. Ich lüfte kurz und lasse meinen Blick über die gegenüberliegende Häuserwand wandern. Schade, dass wir keinen Balkon haben. Dann würde ich mich vielleicht nicht so eingesperrt fühlen.

Ich höre Geräusche hinter mir und sehe Marc im Türrahmen stehen. Der kurze Weg hat ihn sichtlich erschöpft und sein ganzer Körper bebt. Zum Glück hatte ich nur eine leichte Erkältung, die kaum der Rede wert war. Ich helfe ihm ins Bett und ziehe mir dann bequemere Sachen an, bevor ich mich zu ihm lege. Er hat sich zusammengerollt und zittert erbärmlich.

Ich rutsche näher, ziehe den Idioten in meine Arme und stelle mir vor, dass wir gerade in einer Schneelawine verschüttet sind und ich ihm nur so das Leben retten kann. Ich kann mir noch so oft sagen, dass er mein Ex und das größte Arschloch des Universums ist, aber im Moment bin ich einfach ein besorgter Mann, der Angst um den Menschen hat, den er liebt.

Marc seufzt leise, als er sich an meine Brust drängt. „So warm… Danke…“ Und ich sage einfach mal nichts, denn keines der bösen Worte, die mir auf der Zunge liegen, hätten etwas an dem warmen Gefühl in meinem Magen geändert.



Ich habe tatsächlich viele Stunden geschlafen und fühle mich nahezu ausgeruht, als ich wieder wach werde. Marc atmet noch ruhig in meinen Armen und ich lasse einfach zu, dass es ist wie es ist. Ich genieße seine Nähe und seinen Geruch und störe mich nicht daran, dass sich mein Penis etwas versteift, der mein Vergnügen offenbar teilt. Es ist für mich eh schwer genug, mich zu verlieben. Daher ist der Verlust umso bitterer.

Ich höre mein Smartphone vibrieren und greife über Marcs Kopf danach. Lächelnd entnehme ich dem Display, dass Marcs Mutter noch eine Apotheke überfallen haben muss und unseren Briefkasten mit deren Inhalt bestückt hat. Isolde war immer schon sehr fürsorglich. Vielleicht um die Hartherzigkeit ihres Mannes auszugleichen, dem Marc nie etwas recht machen konnte.

„Ryo…“, murmelt mein Sorgenkind und ein erleichterter Ton entkommt seinen Lippen, als er offenbar feststellt, dass ich noch immer neben ihm liege. Er dreht sich in meinen Armen und betrachtet mich unter halb geöffneten Lidern.

„Geht’s dir besser?“

Er gähnt und streicht sich die Haare aus der Stirn. „Schubst du mich aus dem Bett, wenn ich bejahe?“, scherzt er tonlos und mir fällt ein Stein vom Herzen, dass es ihm wohl wirklich besser geht.

„Vielleicht schubse ich dich so oder so aus dem Bett.“

„Verdient habe ich es“, sagt Marc ernst und überschreitet damit eine unsichtbare Linie. Die verdammte Amy-Linie. Wut brodelt in mir hoch und ich ziehe meine Brauen zusammen.

„Ich will nicht über Amy reden“, bestimme ich nachdrücklich und bedenke ihm mit einem bösen Blick. Mein Gesichtsausdruck bildet offenbar meine Gedanken perfekt ab, denn Marc neigt zerknirscht den Kopf.

„Ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt“, erklärt er leise und übergeht meine Bitte. „Sie hat mir im Remembrall ihre Nummer zugesteckt und ich sah keine Veranlassung, ihren Namen zu behalten.“

„Dein Schwanz in ihr und du weißt ihren Namen nicht? Boah, du bist echt ein Narzisst“, gifte ich und rolle mich auf den Rücken, weil ich es keinen Moment mehr ertrage, ihn anzusehen. Die Lockerheit von eben ist vorbei und das unangenehme Schweigen zerrt an meinem eh fragilen Mauerwerk. Aber ich werde nicht so tun, als hätte er mir nicht scheiße wehgetan.

„Ich wollte dir nicht wehtun, Ryo“, sagt Marc überraschend emphatisch. „Um ehrlich zu sein, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass ich dir damit wehtun könnte. Ich dachte wirklich, dass es dir egal ist, wen ich nebenbei ficke…“ Ich höre ihn laut schlucken, als würden ihm die Worte an die Nieren gehen, und drehe leicht den Kopf, um ihm zu zeigen, dass ich zuhöre und warte, dass er weiter spricht.

„Genaugenommen dachte ich, dass du einfach nur darüber lachst und mir erklärst, dass ich auch nicht der Einzige bin, den du fickst. Ich war richtig überrumpelt, als du da in der Küche geraucht hast und so wahnsinnig verletzt aussahst.“ Ich schnaube aufgebracht, weil das irgendwie ein bisschen nach einem Vorwurf klingt. Als ob ich nicht das Recht dazu hätte, verletzt zu sein. Aber Marc greift nach meiner Hand, um mir zu zeigen, dass er es nicht als Vorwurf gemeint hat. „Ich hatte ’ne scheiß Angst, mich dir komplett hinzugeben und dich im nächsten Moment an einen anderen Kerl zu verlieren, der nicht sooft mit dir aneinander kracht. Ich habe das Mädchen abgeschleppt, um mir zu beweisen, dass ich dich nicht brauche.“

„Und zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?“, frage ich ironisch.

„Dass du unersetzbar bist.“

Mein Herz zuckt aufgeregt in meiner Brust. Das dumme Ding. Ich bin allerdings ein nachtragender Mensch und kann nicht aus meiner Haut. Ich entziehe ihm meine Hand und richte mich auf.

„Tja, jetzt wirst du mich ersetzen müssen“, sage ich spitz und wieder flackert dieser bedrückte Ausdruck über Marcs Gesicht. Er streckt die Hand nach mir aus, aber ich weiche bis zum Rand des Bettes zurück.

Er wirft mir einen traurigen Blick zu. „Am liebsten würde ich alles ungeschehen machen, aber das kann ich nicht.“

„Nein.“

Wir schweigen wieder, während ich über Marcs komplizierten Monolog grübele. Vermutlich hätten wir viel früher über alles reden sollen, aber Reden hat zwischen uns einfach noch nie geklappt. Und auch wenn er wirklich schöne Sachen gesagt hat, hat mich auch vieles daran noch mehr verletzt. Schließlich hat unsere Beziehung ihm kein sicheres Gefühl gegeben. Und das sollte sie doch, oder? Und schlimmer noch: Ich habe seine Unsicherheit zwar wahrgenommen, aber immer die Schuld bei ihm gesucht.

Marc seufzt tief und wirft mir ein zaghaftes Lächeln zu. „Ich habe tierischen Hunger, Ryo. Was hältst du von Udon im Bett? Ich glaube zum Aufstehen bin ich noch zu kaputt.“

„Ist doch perfekt!“, erwidere ich lächelnd und klettere von der Matratze. Ich bin ein bisschen sehr froh, dass ich Marcs irritierender Nähe entkommen kann und wir das Gespräch erst einmal nicht weiterführen können.

Und ich habe tatsächlich auch großen Hunger. Mein Herz auch. Aber es gibt nichts, was ich gegen seinen Hunger tun kann. Denn es will etwas, was ich ihm nicht geben kann. Wäre wie Reiszwecke essen.
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