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für wen wirst du kämpfen?

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P16 / Gen
29.04.2022
29.04.2022
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die psyche ist ein abgrund

Ein menschlicher Abgrund in dessen Tiefen es fast so unbekannt ist wie das Meer und doch glauben einige, sie könnten die tiefen der verschiedenen Nervenwindungen mit all ihren Neuronen verstehen oder gar entschlüsseln. Niemand vermag dies. Nicht Mal der Mensch dem all diese Neuronen und Hirnwindungen gehören vermag seine eigenen Tiefen zu entschlüsseln. Warum versuchen wir es auch? Am Ende verlieren wir uns doch nur darin. Wir enden dann nur in einem dunklen Loch, das irgendwo tief in unserem Inneren ist und dort sind wir dann alleine. Dort ist es dunkel. Einsam und kalt. Niemand kann uns dahin folgen.

zumindest niemand reales

Surreales kann es. Surreale Dinge folgen uns in unsere Köpfe in unsere Gedanken und Gefühle. In unsere Seelen und unseren Geist. Lassen wir das zu sind wir nicht länger alleine. Dann haben wir jemanden bei uns im Kopf. Jemand der uns berät, jemand mit dem wir unsere tiefsten Gedanken teilen können. Jemand, der uns Tipps gibt, der uns zuhört wenn kein anderer es will. Das Problem ist nur, das diese Stimmen, diese Existenzen nur erscheinen, wenn wir Mittel nehmen. Sie müssen Teil unseres Körpers werden, damit sie Teil unserer Gedanken , unserer Seele werden können.

am anfang sind sie freunde

Sie sagen dir, das du gut bist. Dass die anderen die Fehler im System sind. Sie eröffnen deinen Horizont. Erweitern ihn. Machen es dir möglich Dinge zu sehen, die für andere ungesehen bleiben.

dann teilen sie Dein bett

Deinen Schlaf. Sie sagen dir, dass du wach bist, keinen Hunger, keinen Durst hast. Sie nehmen dir deine Bedürfnisse, damit du mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben hast. Mehr Zeit für sie, die Stimmen in deinen Kopf.
Du bist bester Laune. Du singst ihre Lieder mit, damit du weiter bester Laune bleibst. Du merkst nicht, was dir fehlt und weißt nicht, was du zur Genüge hast.
Wenn du das zugelassen hast, ist es zu spät.

denn dann kannst Du nicht mehr ohne sie

Du brauchst sie um den Alltag zu überstehen. Um der Hässlichkeit der Realität auch weiterhin entfliehen zu können. Du brauchst sie um nicht im Strudel der Wirklichkeit verloren zu gehen. Benötigst sie, um in der Welt zu bleiben, die dir die Last von den Schultern hält. Dort, wo du nicht zu denken braust, wo deine Gedanken schweigen und treiben. Wo du dahingleitest. Ungesehen von allem und der Welt.
In dem Punkt solltest du reagieren. Du solltest die Stimme ignorieren. Solltest dir deiner selbst wieder bewusst werden und loslassen, was du nicht brauchst.
Du musst dann deinen Willen finden. Deine Seele, deinen Geist.

aber das willst Du nicht

Warum solltest du es auch wollen, schließlich ist mit ihnen doch alles so einfach. Schließlich lassen sie dich denken, das du mehr wert bist als du selbst denkst. Sie geben dir das Gefühl zu fliegen. Sie lassen dich strahlen, auch wenn äußerlich niemand davon sieht. Sie verraten dir Geheimnisse über die Welt. Du wirst zum Insider, du wirst Allwissend.

also bleibst Du bei ihnen

Nimmst sie weiter ein, hältst ihre Hände. Eigentlich ist es dir mittlerweile auch egal, was du nimmst. Eines ist besser als das andere. Denn sie alle sind deine Freunde. Doch kannst du nur die einladen, die du dir gerade leisten kannst. Mal ist es LSD, mal Koks. Alkohol geht immer und wenn der Zufall es will, kommst du sogar an Schmerzmittel. Der Stoff, der dein Hirn so richtig benebelt.

Du nimmst sie weiter


Deine Freunde und Familie wundern sich. Warum ist er so abwesend? Woher kommen die schwarzen Ringe unter den Augen? Er lacht weniger. Er isst kaum. Guck nur an, er ist dünn geworden. Und blass wie ein Vampir. Ob er genug Vitamine nimmt? Ist er abwesender als zuvor? Wer weiß das schon?


die ersten sprechen Dich an

Sie fragen, ob es dir gut geht. Sie sehen das Zittern in deinen Händen, das Zucken um deine übermüdeten Augen, den Gewichtsverlust.
Du sagst, dir geht es gut.
Du lügst. Die Prüfungen stressen dich, so viel lernen, schließlich willst du gut abschneiden, du willst ja studieren.
Sie nicken. Sie stimmen dir zu. Aber eigentlich wollen sie nicht mehr sehen. Eigentlich haben sie nur gefragt, weil man es erwartet. Also gehen sie, haken nicht noch einmal nach.

nur Deine familie, die fragt weiter.


Deine Mutter spricht ihre Sorgen aus und dein Vater betrachtet dich mit diesem Blick. Über die Ränder seiner Brille hinweg.
Sie zu überzeugen dauert. Sie wollen dir nicht glauben, aber solange sie nichts in der Hand haben, müssen sie schweigen. Aber du weißt, dass Mutter dein Zimmer durchsuchen wird. Zufällig natürlich, sie wollt ja nur die Wäsche wegräumen. Also wirst du deinen guten Stoff, deine Begleiter, fortwährend mitnehmen. Sie noch dichter bei dir führen, damit niemand euch trennt.

das stresst Dich

Du fühlst dich verfolgt, du fühlst dich beobachtet. Du bist nicht mehr entspannt, wenn du nach deinen surrealen Freunden greifst. Du hast das Gefühl, das alle sie sehen und dir wegnehmen könnten. Du bist gereizt. Deine Hände zittern stärker, du schwitzt und du beginnst, deine Freunde nur noch in dunklen Ecken einzunehmen, sie in noch dunkleren Ecken zu besorgen. Die Welt um dich herum verschwindet dabei noch mehr, wird fahrig, wird schattig. Du lebst von Moment zu Moment. Von Trip zu Trip dabei merkst du, das die Dosis nicht reicht. Du brauchst mehr, um deine Freunde zum Bleiben zu überzeugen. Du brauchst mehr um zu spüren, was du zu spüren verlangst. Um zu reisen, wohin du reisen willst.
Aber dein Geld wird knapp. Deine Ersparnisse.
Aber Moment, waren da nicht gestern noch über zweitausend Euro auf dem Konto? Waren in der Hosentasche nicht noch zwei Tütchen mit schimmernden Pulver? Wann hast du die genommen? Gestern, vorgestern? Heute? Alle?

das ist der Moment
Da bemerkst du, es ist nicht richtig. Es ist falsch und dein Verhalten ist alles andere als gesund. Die Kontrolle, die hast du verloren.
Durch den dichten Nebel und die Stimmen findest du ... Dich. Du findest deine verlotterte Seele, deinen gebuckelten Geist, der kümmerlich zu dir aufschaut. Mit rotgeränderten Augen, aschfahler Haut und hervorstechenden Wangenknochen.

Du beschließt, Dich zu retten

Du willst kämpfen. Die Stimmen, deine surrealen Freunden sagen nein. Sie sagen dir, das du zu schwach bist um der Realität standzuhalten. Du wehrst dich. Du stemmst dich dagegen. Nein du bist nicht schwach. Doch. Doch das bist du, aber wenn du gekämpft hast, wirst du es nicht mehr sein. Also entfernst du dich. Entfernst sie. Deine surrealen Freunden. Sie schreien, sie greifen nach dir und sie weinen um dich. Schließlich wart ihr doch solange zusammen. Ihr wart euch so nah. Ihr könnt euch nicht aufgeben!

aber Du bist entschlossen

Du stellst dich deiner selbst. Du stellst dich deinem Körper. Du wirst kämpfen.
Es wird einsam, sobald deine surrealen Freunden weg sind. Es wird kalt.
Das Loch in deinem Kopf ist groß. Es ist kalt und einsam. Du frierst. Dir schmerzt der Körper. Dir fehlen die Stimmen. Die Umarmung und die Wärme die sie dir gespendet haben.

Dein körper kämpft

Er windet sich, er schmerzt. Ihm ist übel, er hat so viele Stoffe, die er nicht verträgt, die raus müssen.
Du übergibst dich.
Einmal.
Zweimal.
Beim vierten Mal hörst du auf zu zählen. Schweiß treibt dir den Nacken herunter, du zitterst, an Essen ist kaum zu denken. Dein Körper ist trocken. Die Lippen rissig und die Zunge klebt dir am Gaumen. Dieser Zustand stresst dich. Du hast Angst. Du träumst. Wirre Träume, in denen deine Freunde vorkommen. Die Surrealen, nicht die Echten.
Dein Fieber steigt, aber du frierst. Du bist alleine in deinem Kopf, du bist alleine in dieser Welt. Ein einsamer Krieger, der kämpft. Gegen dich, gegen sich und gegen die Welt. Während die Dunkelheit in dir zunimmt. Das Rauschen in deinen Ohren treibt dich fort, vor deinen Augen siehst du Lichter, die nicht da sein sollten.
Wirst du Sterben?
Nein daran stirbt man nicht. Oder?


Du bist im delirium

Badest in deinem Schweiß während deine Knochen ächzen. Selbst das Atmen erschöpft dich. Schlucken kannst du kaum noch, dein Hals ist kratzig, dein Mund fühlt sich pelzig an. Dir ist übel. Krämpfe jagen wie Elektroimpulse durch deinen Körper, während das Fieber weiter steigt, so als wolle es einen neuen Hitzerekord aufstellen. Deine Welt siehst du kaum noch. Sie ist verschwommen, farblos. Formlos. Einsam und leer. Deine Eltern sind nicht da, deine Freunde haben schon lange nicht mehr mit dir gesprochen. Du warst ja auch nie da. Hast die Schule geschwänzt um deinem Trip zu frönen. Das fällt dir gerade so spontan ein.


Du sitzt im dunklen

In dieser Dunkelheit schwebst du. Gleichzeitig sinkst du. Du schwebst durch deinen Kopf, sinkst jedoch in deine Gedanken. Und dann stehst du da.
Im Nichts
In der Dunkelheit.
In deinem Kopf.
Du kauerst da. Einsam. In der Kälte. Es ist noch immer dunkel. Niemand ist bei dir. Niemand redet dir gut zu. Niemand erhöht dein flehen, deine stummen Schreie. Du willst aufgeben. Nein eigentlich nicht. Eher willst du zu ihnen zurück. Zu den Freunden, die dich verstanden haben. Zu denen, die dich lieben wollten, dir warme Umarmungen geschenkt haben. Aber das darfst du nicht. Es sind falsche Freunde.

Du lachst

Falsche Freunde. Wie im Englischen false friends. Nein, das war etwas anderes, das fällt dir gerade ein. Du denkst an deinen Englischlehrer, du siehst ihn vor dir, nur das er dir diesmal keinen Test reicht, sondern ein Döschen, dessen Inhalt klappert. Es ist doch ein Test. Du streckst die schweißfeuchte Hand aus, sie zittert. Doch dein Körper giert. Er will die Dose. Er will den Inhalt. Du leckst dir über die trockenen, rissigen Lippen.
Ein Test, sagst du dir. Du wolltest Tests immer gut bestehen. Am besten mit einer Eins. Aber wie bekommst du in diesem Test die Eins? Annehmen oder ablehnen? Was ist die richtige Antwort?
Kämpfen! Das ist die Antwort. Du willst – nein du MUSST kämpfen.

aber für wen?

Du blickst auf.
Dein Lehrer ist fort. Er war eigentlich nicht mal wirklich da. Niemand ist für dich da, denn sie alle sind gegangen. Niemanden von ihm warst du wichtig genug. Oder aber du warst ihnen so wichtig, dass sie dein Leid nicht ertragen konnten. Oder sie glaubten an dich. Sie glaubten, dass du eine Weile für dich braust, glaubten, dass du – was auch immer du trägst – es alleine schaffen würdest. Doch das ändert nichts an deinem Kampf.
Du bist alleine. Immer noch alleine. Niemand ist für dich da. Du bist alleine. Ganz alleine.

Also …

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