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Abschied vom Tod

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
29.04.2022
29.04.2022
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1. Kapitel

„Was machst du denn schon wieder hier?“, braust eine aufgebrachte Stimme über mich hinweg.
Ich frage mich, ob die Stimme meinem Vater gehört, der doch früher nach Hause gekommen ist. Ich öffne langsam und mit seltsam großer Anstrengung meine Augen. Ich bin ein wenig überrascht, als ich erkenne, dass ich nicht auf meinem Bett liege, wo ich meine Augen zum letzten Mal geschlossen habe. Ich habe wirklich gehofft, es würde das letzte Mal bleiben.
Ich sehe mich um und merke: nein, eigentlich bin ich nicht überrascht. Um überrascht zu werden, müsste es mich interessieren, was mit mir passiert. Das tut es nicht. Hinzu kommt, dass der Raum, auf dessen dunklem Boden ich aufgewacht bin, mir seltsam bekannt vorkommt - wie aus einem Traum, den man seit Jahren vergessen hat und jetzt erneut erlebt.
„Was hast du wieder angestellt?“
Da ist die Stimme wieder, diesmal kein Sturm mehr, sondern nur noch ein resignierter Windstoß. Ich setze mich auf und mein Kopf pocht unangenehm. Mein Blickfeld füllt sich mit kleinen Sternen und wirren Farben und Formen. Ich kenne das schon, schließe die Augen, warte zehn Sekunden und öffne sie dann wieder.
Mir bleibt fast der Atem weg beim Anblick der Gestalt, die da vor mir aufragt. Er trägt eine schwarze Jeans, an den Beinen aufgekrempelt, darüber ein weißes Shirt, das ganz hervorragend zu seinen schwarzen Flügeln passt. Das Wort Flügel scheint noch untertrieben, es sind riesige Schwingen, tausende und zehntausende von Federn, angeordnet zu den Flügeln, mit denen der Tod die Sterbenden ins Nichts des Nicht-Lebens trägt.
Es gibt keinen Zweifel daran, er ist der Tod, hier um mich endlich gehen zu lassen und mich zu befreien. Ich erkenne es nicht an den Flügeln oder dem Raum mit seinem dunklen Boden und den hellen Wänden, der mir so bekannt vorkommt. Ich erkenne es an seinen Augen - heute sind sie grau - nicht braun, wie beim letzten Mal - doch die Art, wie er mich anschaut, würde ich überall wiedererkennen.
„Das letzte Mal waren deine Flügel weiß.“, sage ich und lasse es wie einen Vorwurf klingen, in der Hoffnung, ich könne mir so etwas Zeit verschaffen. Ich muss dieses Gefühl zuordnen. Es ist ein Gefühl, dass ich nur aus meinen Träumen kenne: Geborgenheit, Sicherheit und die Hoffnung, endlich zuhause zu sein. Heute kommt noch etwas anderes dazu, ist es Freiheit?
„Na und? Du hast dich auch verändert.“
„Ich bin ein Mensch, ich werde älter.“
„Das meine ich nicht.“ Ich belasse es bei seiner kryptischen Aussage, vermutlich ist der Tod einfach so.
„Nimmst du mich jetzt mit?“
„Nein.“
Es war so einfach. Ein einzelnes Wort und meine Hoffnung und dieses verwirrend angenehme Gefühl lösen sich in Luft auf. An diese Enttäuschung erinnere ich mich auch. Leider. Ich spüre Tränen kindlicher Verzweiflung in mir aufsteigen.
„Bitte, ich will nicht zurück. Lass mich gehen.“ Jetzt weine ich wirklich und flehe den Tod förmlich an, mich zu befreien. Ich sitze auf dem Boden und er ragt ein paar Schritte entfernt hoch über mir auf. Unter anderen Umständen könnte mir dieser Größenunterschied, das Ungleichgewicht zwischen uns unangenehm sein, aber ich habe wichtigere Sorgen als das.
„Ich kann jetzt nicht zurück! Alles um mich herum fällt in sich zusammen, ich kann das nicht mehr. Warum weigerst du dich, deine Aufgabe zu erledigen? Nimm mich mit!“
„Ich werde dich nicht mitnehmen. Du wirst zurück in dein verdammtes Leben gehen und nie wieder hier her kommen!“
Seine aufbrausende Antwort überrascht mich. Beim letzten Mal war er freundlicher, wie eine Lichtung im Wald, wie eine geheimnisvolle Höhle, wie die Natur. Ich habe ihn schon damals angefleht, mich in das unendliche Nichts des Todes zu entlassen. Ich wollte endlich das Gefühl von Sicherheit erleben, das ich schon damals nur aus Fantasiewelten und Tagträumen kannte. Ich sehnte mich nach genau der Geborgenheit, die sein warmer Blick und seine ruhigen Worte mir versprachen.
Wahrscheinlich war ich als sechsjähriges Kind nicht besonders durchsetzungsfähig und er konnte mich irgendwie zurück schicken, doch dieses Mal habe ich nicht vor, so leicht aufzugeben.
Ich stehe auf und sehe ihm direkt ins Gesicht. Er sieht geradezu verunsichernd gut aus, als kleines Kind fiel mir das nicht so sehr auf. Ich lasse mich von seinen sturmgrauen Augen und den zerzausten dunkelblonden Locken nicht ablenken und spreche mit einer, wie ich hoffe, sicheren Stimme.
„Ich werde nicht zurück in mein verdammtes Leben gehen. Kannst du, als der Tod, sehen, was passiert? Siehst du meine Eltern, die Schule? Siehst du mich, allein in meinem Zimmer, wie ich mir Tag für Tag nichts mehr auf dieser Welt wünsche, als endlich frei von diesem Leben und all meinen Problemen zu sein? Wir sterben alle irgendwann, warum sollte ich nicht ein bisschen früher gehen dürfen als die anderen? Was hat mein verdammtes Leben mir noch zu bieten?“
Ich versuche meine Verzweiflung und meine grenzenlose Hoffnungslosigkeit hinter Wut zu verstecken. Ich will einen aufgebrachten Sturm durch mich und den Raum fegen lassen, doch bei dem Gedanken daran, wie viel hier auf dem Spiel steht, bringe ich nicht mehr als eine leichte Brise zustande.
„So denkst du jetzt, aber ich werde dir ganz sicher nicht das Leben nehmen. Du bist zu jung, du hast noch zu viel vor dir und ich weigere mich, dir das alles zu entreißen.“
„Heißt es nicht immer, der Tod kenne keine Gnade? Warum rettest du mich?“
„Weil ich es will! Deine Zeit ist noch nicht gekommen, daran werde ich nichts ändern und ich werde dich gnadenlos zurück in dein Leben werfen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis jemand kommt und dir hilft. Sobald du aufwachst, wirst du hier rausgerissen und bekommst die Hilfe, die du brauchts.“
„Und wenn ich nicht aufwache?“, frage ich provokant, während meine Panik immer weiter wächst. Einem sechsjährigen Kind glaubt man noch, wenn es einem sagt, es wäre ausversehen in den Fluss gefallen und beinahe ertrunken. Einem 14-jährigen Teenager glaubt man bestimmt nicht, der Alkohol und die Hand voll Tabletten seien ein Unfall gewesen.
Wenn der Tod mich jetzt nicht sterben lässt, würde das ernsthafte Folgen haben. Allein der Gedanke daran lässt mich mit jeder Faser meines Körpers hoffen, nicht mehr aufzuwachen.
„Es tut mir leid, dir das zu sagen, aber du wirst aufwachen. Danach wirst du viel Zeit haben, um nachzudenken. Nutze diese Zeit und mache so etwas nie wieder. Du verstehst nicht, was du damit tust.“
Seine überheblichen Worte machen mich wütend. Ich bin es leid, wie ein kleines Kind belächelt zu werden. Das passiert mir in meinem Leben schon oft genug, damit muss jetzt nicht auch noch der Tod anfangen.
„Ich verstehe nicht, was ich tue? Ich glaube du verstehst nicht, wie sich sowas anfühlt! Immer und immer wieder versage ich in allem. Ich habe keine Freunde und werde nie welche haben. Ich bedeute niemandem etwas und kann niemandem vertrauen. Ich denke jeden einzelnen Morgen darüber nach, ob ich den Abend noch erlebe und bin am Abend enttäuscht, dass ich es wieder nicht geschafft habe, hier raus zu kommen. Es ist eine unendliche Spirale aus Verzweiflung und ich will einfach nur noch frei davon sein. Ich will da raus.“
Der Tod lächelt mich seltsam an. Ich weiß nicht, was an meinen Worten so amüsant ist.
„Du wirst aus dieser Spirale heraus kommen. Sobald du wieder aufwachst, wird sich alles verändern. Ist das nicht genau das, was du willst?“
Ich fange an zu weinen und sinke zu Boden. Die Erkenntnis, dass ich nichts tun kann, umweht mich wie ein eisiger Windstoß. Ich weiß nicht mehr, was ich will. Ich bin nur noch unendlich erschöpft. Ich antworte nicht auf seine Frage, ich weine nur immer weiter.
„Ich wünsche dir alles Gute in deinem Leben, du hast es verdient. Jetzt geh und sei dankbar, für deine zweite Chance. Nicht jeder hat so viel Glück.“
Durch meine tränenverhangenen Augen sehe ich, wie der Tod sich vor mich kniet und mir unendlich behutsam einen Kuss auf die Stirn gibt. Ich glaube, das hat er damals auch schon getan, jedenfalls kommt mir diese Geste seltsam bekannt vor.
Ich kann mich an wenig von damals erinnern, nur die Träume sind mir geblieben. Es sind die einzig schönen, die ich in den letzten Jahren je hatte. Ich hoffe, ich träume auch von diesem Mal, bei dem das Gefühl der Freiheit und der Erlösung kurz so nah war, wie noch nie zuvor.
Ich werfe einen letzten Blick auf sein wunderschönes Gesicht und die mächtigen schwarzen Flügel an seinem Rücken.
Komisch, es sieht so aus, als würden sie sich entfernen. Falle ich? Ich fühle mich nicht so, als würde ich fallen. Eher so, als würde ich von einem starken Windstoß in eine Richtung gedrängt werden.
Ein letzter kleiner Punkt Schwarz entfernt sich immer weiter von mir, dann ist alles hell und weiß. Ich bin aufgewacht.


AN: Soo, das war das erste Kapitel. Es folgen noch zwei weitere und ein sehr kurzer Epilog. Ich hoffe, es gefällt euch, lasst gerne Kritik da. Wie gesagt, es ist mein erster hochgeladener Text und ich freue mich über wirklich jedes Feedback :)
 
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