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Somewhere Only We Know

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Het
26.04.2022
24.07.2022
30
75.012
10
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Dieses Kapitel
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17.06.2022 2.503
 
„Die Wohnung hat zwei Schlafzimmer.“, erklärte er und deutete auf die beiden Türen, die vor uns lagen. „Such dir eins aus“, beendete er seinen Satz und stand an den Türrahmen gelehnt im Flur.
Wir hatten das Essen auf dem Wohnzimmertisch stehen lassen und die schmale Treppe nach oben genommen. Ich spürte den weichen Teppich unter meinen Füßen und die wohl angeschaltete Fußbodenheizung.

„Blind oder darf ich vorher gucken?“, entgegnete ich ihm.
„Du kannst vorher gucken“, antwortete er lachend. „Einen großen Unterschied gibt es auch nicht“, fügte er hinzu und sah mich abwartend an.
„Ich nehm das hier.“, entschied ich mich schnell und nahm das Zimmer, an dessen Türrahmen er sich lehnte.
„Ausgezeichnete Wahl“, antwortete er und stieß sich ab. „Ich glaube, alles, was du brauchst, ist im Zimmer. Handtücher, Decken, Snacks, Wasser. Ach ja, und da liegt auch ein Pyjama. Vielleicht etwas übergriffig - aber kann man immer gebrauchen, oder?“, stammelte er gegen Ende vor sich hin und wurde etwas verlegen.
„Hat das Wasser Kohlensäure?“, fragte ich.
Unsicher schaute er mich an.
„Was soll das heißen?“, fragte er und scheinbar war unser gemeinsamer Wortschatz bei dem Wort Kohlensäure, am Ende angelangt. Ich antwortete nicht und ließ mich überraschen.

Meinen Koffer hatte Valen bereits mit nach oben gebracht und vor die Tür gestellt.
Befangen standen wir nun im Flur und überlegten scheinbar beide, was jetzt der schlauste nächste Satz sein würde.
„Na dann…“, begann ich und drehte nervös meinen Koffer umher.
Schnell ging er zur Seite und öffnete die Schlafzimmer Tür weiter, damit ich hineingehen konnte.
„Wenn du etwas brauchst, weißt du wo du mich findest.“, sagte er leise und strich mir über die Haare.
Ich nickte zögerlich und lief in das Zimmer, drehte mich nicht mehr um und zog die Tür hinter mir zu.
Ein kleiner Haufen Steine fiel plötzlich von meinen Schultern und lag vor meinen Füßen. Jetzt bloß nicht darüber stolpern, dachte ich und schaute mich um.

Das Zimmer war ebenfalls in einem angenehmen grau gehalten. Neben dem riesigen Bett befand sich ein bodenlanges Fenster mit einer kleinen Sitzmöglichkeit davor. Hier könnte ich stundenlang sitzen und einfach nur zuschauen, wie draußen das Leben spielte. Wenn es nachts schon so aufregend war, wie musste es erst bei Tag sein?
Neben der Tür stand ein Schrank, der der Wand glich, sodass man es auch leicht übersehen konnte. Das Zimmer wirkte eher wie ein Hotel, mit dem kleinen Schreibtisch und dem großen Sessel, der schräg davor stand.

Erst jetzt wurde mir bewusst, wie abgefahren es war, dass er mir einfach ein eigenes Zimmer anbieten konnte. Und wenn ich noch weiter darüber nachdachte, war es so zuvorkommend, dass sich mein Magen wie ein Spritzbeutel zusammen zog.
Ich meine, wir kannten alle die Tinder Geschichten der Freundin, einer Freundin, die bestenfalls nicht nur mit im Bett, sondern auch noch obendrauf schlafen sollte.
Vielleicht sollte ich einmal das tun, was ein deutscher Rapper vor zehn Jahren gepredigt hat. Auf mein Herz hören, vielleicht würde es irgendwann eine klare Sprache sprechen und mich einweihen.

Ich breitete meinen Koffer vor dem Kleiderschrank aus und begann damit, alles auseinander zu rupfen und wild im Raum zu verteilen. Revier markiert - würde ich sagen.
Nachdem ich meine Schlafsachen zusammengesucht hatte, fand ich den Pyjama und die Snacks, von denen Valen gesprochen hatte.
Unabhängig davon, dass der Schlafanzug wahrscheinlich teurer als mein ganzer Kofferinhalt war, war er schön. Fast zu schön um damit zu schlafen. Denn wer schlief nicht gern in einem tanzenden Avocado Anzug aus einer Kaschmir-Seide Mischung?
Seine Snack Auswahl bestand aus dem halben Sortiment eines Convenience Stores und so gern ich jetzt schon loslegen würde, umso mehr pochte mein Kopf, der langsam eine Reiz Pause brauchte.

Nur kurz ausruhen, eine Badezimmer Runde konnte ich immer noch einlegen. Bestenfalls, wenn Valen schlief und ich ihm nicht im Gammellook über den Weg lief.

Ich scrollte durch mein Handy und beantwortete ein paar Nachrichten. Meine Schwester war etwas besorgt wegen meines Urlaubs. Ein so weit entferntes Land, ein junges Mädchen, keine Sprachkenntnisse und dann ein fremder Mann. Klang fast wie in Fall bei Aktenzeichen XY. Obwohl ich den Part mit dem fremden Mann unterschlagen hatte.
Ich grinste bei dem Gedanken an das Gespräche mit meinen Schwester und schickte ihr ein Foto von meinem Schlafplatz und der Aussicht.
Ich rollte mich auf meinem Bett zusammen und sah nach draußen. Dunkelheit schien hier etwas seltenes zu sein und Trotz einer nie schlafenden Stadt, war es merkwürdig leise. Geräusche von draußen waren kaum zu hören und auch im Gebäude schien es sehr still. Ich drehte mich auf die andere Seite und versuchte endlich ein bisschen Schlaf zu finden, aber sobald ich die Augen schloss, dachte ich über die letzten Stunden nach.
Ich fühlte die unruhige Nacht, oder was davon noch übrig war, und griff wieder nach meinem Handy um mir die Zeit zu vertreiben.
Doch irgendwann würde mir das nicht-schlafen zum Verhängnis werden. Aber wer konnte unter diesen ganzen Umständen auch einfach schlafen? Ich sollte mir das wohl ebenfalls antrainieren, obwohl ich selbst darin scheitern würde.

Ich stand leise auf und öffnete die Tür meines Zimmers und lauschte. Nichts zu hören, weder aus seinem Zimmer noch aus dem Wohnzimmer.
Ich überlegte ob ich mich einfach noch etwas ins Wohnzimmer setzten sollte oder einfach wieder in mein Zimmer gehen sollte. Was tat ich hier überhaupt auf dem Flur? Mein Gehirn traf Entscheidungen wohl grade ohne Herz und Bauch mit einzuweihen. Doch neben der Müdigkeit, hatte mich auch die innere Unruhe gepackt.
Ich zögerte, lief dann aber die Treppen nach unten und setzte mich auf die Couch. Der Fernseher war nicht zu sehen und der Wohnzimmer Tisch aufgeräumt. Kurzerhand legte ich mich auf dem Rücken und beobachtete die Lichtpunkte an der Decke, die sich von draußen spiegelten. Langsam aber sicher wurden meine Augen schwerer und der Abstand der Augenaufschläge wurde immer geringer.
In Deutschland hörte ich oft Podcasts zum Einschlafen oder lies irgendwelche Dokumentationen auf YouTube laufen. Die Geräusche halfen mir manchmal beim einschlafen. Diesmal entschied ich mich für eine Dokumentation, legte das Handy neben meinen Kopf, schaltete den Ton so leise wie möglich und rollte mich auf die Seite. Die monotonen Stimmen über den Reaktorausbruch in Tschernobyl wanderten in meinen Gehörgang. Die Decke die zu meinen Füßen lag, nahm ich kurzerhand als Kopfkissen. Nur ein bisschen runter kommen - nicht schlafen, nur ein bisschen runter kommen…bloß nicht einschlafen.

#
Ich träumte wirres Zeug. Neben einem verlorenen Koffer am Flughafen, bestelle ich in einem Restaurant Nudeln und meine Schale leerte sich nie. Ein typischer Alptraum wie sie mich schon oft aus dem Schlaf gerissen haben. Wenn ich nicht nur zu Gast wäre, würde ich sagen, gut dass das nicht die ersten Träume in meiner eigenen neuen Wohnung waren.

Das Geräusch von plätscherndem Wasser und der Schmerz im Nacken ließen mich aufwachen. Verwirrt sah ich an die Decke, nur um festzustellen, doch auf der Couch eingeschlafen zu sein. Wer hätte es gedacht. Vielleicht schaffe ich es ja noch ohne bemerkt zu werden nach oben zu rennen und diese peinliche Situation ungeschehen zu machen.  
Die Sonne strahlte am Himmel und ließ nur erahnen, wie kalt es draußen sein mochte. Ich blinzelte einige Male und starrte an die Decke, die hell weiß leuchtete.
Kurzerhand überlegte ich, ob ich mich weiter schlafen stellend sollte, denn ich fühlte genau, dass mich jemand oder etwas, beobachtete.
Die Fenster waren mit Stoffrollos leicht abgedunkelt worden und neben der Wolldecke als Kopfkissen, lag auch eine Bettdecke über mir. Es wurde immer besser. Hoffentlich trug ich wenigstens noch mein ausgewähltes Schlafoutfit.  
Langsam, ohne viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, streckte ich meinen Nacken durch und und ließ sich die angespannten Muskeln lockern.
Das war wieder ein Meisterleistung, Juna. Anstatt mit dem Hintern in dem komfortablen Bett zu liegen, nichts besseres zu tun als auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen.
Meine Augen verengten sich und die Falten auf meiner Stirn kamen zum Vorschein, während ich mir innerlich eine Predigt hielt.
„Ist das so ein Ding in Deutschland?“, fragte Valen. Schnell schlug ich die Augen auf und versuchte ihn zu lokalisieren.
„Mh?“, gab ich fragend von mir und sah ihn unten an der Treppe stehen, während ich leicht den Kopf anhob.
„Nachts umher wandern…“, sagte er lachend, während ich mich in das Kissen zurückfallen ließ.
Ich antwortete nicht und schaute ihn an, beobachtete wie er näher zum Sofa kam.

Der Schlaf verließ mich langsam und ein bekannter Geruch stieg in meine Nase. Verschlafen fuhr ich mir mit der Hand durchs Gesicht und ärgerte mich maßlos über meine eigene Blödheit.
Wahrscheinlich wirkte es wir der traurige Schrei nach Aufmerksamkeit.
„Hey, schöner Mann. Schau zu mir rüber. Ich bin so anders, ich schlafe auf der Couch und schaue nach dem Aufstehen sentimental auf die aufgehende Sonne…“, schimpfte ich innerlich.
Der Geruch der in meiner Nase begann mein Hirn wach zu rütteln, war nichts anderes als Kaffee. Auf dem gläsernen Wohnzimmertisch befanden sich zwei große Starbucks Becher - der Geruch stieg durch die kleine Öffnung hinauf und ließ mich weiter realisieren, wo ich mich befand.
„Wie hast du geschlafen?“, fragte er und nahm einen der Becher und einen Schluck von seinem Kaffee. Trotz der frühen Zeit, sah er viel zu gut aus. Auch er hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber es war ihm nicht anzusehen.
Ich zog die Decke etwas höher und schaute zu dem anderen Kaffeebecher.
„Ein paar wirre Träume, aber ansonsten in Ordnung. Ich hoffe es ist okay, dass ich den Schlafplatz gewechselt habe“, sagte ich leise und wollte noch eine Erklärung nachlegen.
„Kein Problem“, sagte er grinsend. „Du hättest aber auch einfach zu mir kommen können“, beendete er seinen Satz und nahm einen großen Schluck, schaute eher an mir vorbei, als mich direkt an. Auch wenn es eine andere Art war, die er jetzt an den Tag legte, wusste ich nicht damit umzugehen.
„Ja, ich war da! Du hast geschlafen wie ein Baby - ein Hörspiel lief im Hintergrund, da wollte ich nicht stören. Außerdem hattest du liebevoll ein Stofftier im Arm“, versuchte ich mich mit einer dummen Geschichte rauszureden und nahm den Deckel von dem Kaffeebecher ab, pustete kurz.
Valen öffnete den Mund, verschloss ihn aber schnell wieder. Höchstwahrscheinlich hatte ich genau getroffen - also mit meiner Aussage.
Wenn ich über die „auf der Couch-Schlaf-Aktion“ nachdachte, würde ich mich am liebsten Ohrfeigen und den nächsten Flug zurück nach Deutschland nehmen. Es war mir so unangenehm, dass es kein weiteres Wort beschreiben würde - also beschloss ich es bis zu meinem Tod zu ignorieren. In meinem Kopf war es nie geschehen.
Nachdem ich mich selbst noch mehr bemitleidet hatte, atmete ich tief durch und wartete gespannt, was der Tag noch bringen würde.
Ich war merkwürdig ausgeruht, der Kaffee gab sein bestes und fühlte mich, ohne meinen Ausrutscher zu beachten, ziemlich bereit für Alles.
„Was möchtest du heute machen?“, fragte er und kam zum Sofa. Kurz begutachtete er das kleine Chaos auf der Couch, warf ein Stück der Decke zur Seite und setzte sich direkt neben mich.
Hätte ich mir nicht wenigstens schon die Zähne putzen können.
„Können wir in eine Mall gehen? Und zu diesem Fluss? Vielleicht können wir einfach irgendwo rumlaufen? Ich habe absolut keine Ahnung, aber allein wenn man aus dem Fenster schaut, ist es so anders - das ich gar nicht weiß, was man alles machen kann?!“, antwortete ich und verschluckte mich fast an der Schnelligkeit meiner Worte und dem Kaffee.
Er schaute mir beim reden zu und grinste.
„Okay…“, sagte er leise, nickte und nippte an seinem Getränk „Ich würde sagen, ich übernehme heute. Damit es auch… wie soll ich es beschreiben; Regel-Konform läuft“, erklärte er.
„Was heißt das?“, hakte ich nach.
„Na ja, ich bin schon oft draußen unterwegs, aber natürlich so, dass nicht gleich jeder weiß wer ich bin. Also immer mit viel Vorsicht - deshalb würde ich den Tagesplan heute übernehmen“, beendete er seinen Satz und fügte schnell ein „Wenn es für dich in Ordnung ist“, hinzu.
Ich zeichnete Kreise über den Rand meines Kaffeebechers und streckte meinen Daumen in die Luft.
„Abgemacht!“

Wie von einer Horde Paparazzi gejagt lief ich in das obere Schlafzimmer, nahm neue Klamotten und den restlichen halben Inhalt mit ins Bad, um wieder ein Mensch und nicht wie die kleine Schwester von Samara aus The Ring auszusehen.
Doch bevor ich mich in die aufregendsten Klamotten schmeißen konnte, begutachtete ich das Badezimmer Sortiment. Mit meinem gefährlichen Halbwissen stellte ich fest, dass alles wahrscheinlich unglaublich teuer war und verfiel in kurze Panik, nichts runter zu schmeißen. Ein Fläschchen Parfüm war deutlich leerer als der Rest, das auf der riesigen Ablage unter dem Spiegel stand. Heimlich, ohne das jemand zu sah und wer sollte mir schon im Bad zusehen, gönnte ich mir zwei kleine Spritze an den Handgelenken. Der angenehme Duft von Tannengrün stieg wieder in meine Nase. Sein Geruch.

Nachdem der Geruch sich verteilt hatte, warf ich den ersten richtigen Blick in den Spiegel und zuckte leicht zusammen. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben mal wieder komplett abgeräumt. Ein Wunder dass Sie erkannt worden sind. Wir habe Sie das hinbekommen? Ist das ein Vogelnest in Ihrem Haar oder ein Knoten in der Form des Mount Everest? Bitte verraten Sie, Frau Juna, wie haben Sie den wunderschönen lila Schatten unter Ihren Augen in dieser Symmetrie hinbekommen? Da kann man nur vor Neid erblassen.

Ich gab mein Bestes und damit meine ich wirklich, mein Bestes. Das lose Puder flog in weißen Staubwolken durch das Badezimmer und hinterließ überall einen dünnen Film. Nach ganzen zehn Minuten war das Ergebnis wirklich akzeptabel.
Sollte ich jetzt einfach ins Wohnzimmer gehen und warten? Oder war das jetzt zu schnell? Oder würde es ihn nerven wenn ich zu lange brauchen würde?
Ich öffnete die Tür einen Spalt und hörte Geräusche, die von unten zu mir hoch drangen.
Mit einem Griff sammelte ich mein Zeug zusammen und brachte es in das Schlafzimmer. Einige von den Snacks sahen bei Tageslicht noch interessanter aus, also warf ich sie kurzerhand in meine Tasche und schaute mich in dem bodenlangen Spiegel an.
So konnte ich gehen. Konnte ich so gehen? Kurzerhand wünschte ich mir die Meinung von Clara und den anderen Mädchen herbei. Irgendwann vielleicht.

„Bereit wenn du es bist!“, sagte ich während ich die Treppe runterlief und war wiedermal erstaunt über die Berg und Talfahrt meines Selbstbewusstseins. Erst jetzt schaute ich Valen richtig an und stellte fest, dass er bereits heute Morgen fertig gemacht gewesen sein musste. Im Gegensatz zu mir, hatte er sich das wahrscheinlich vorher überlegt und einen Wecker oder so gestellt.
Die Haare trug er im Gesicht, was ihn definitiv jünger erschienen ließ. Er war heute ebenfalls dunkel gekleidet und hatte eine Sonnenbrille in der Hand. Lässig stand er am Fenster und schaute nach draußen, die Jacke locker in der einen Hand. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich fragen warum er nicht auf einem Magazincover modeln würde.
Eine kleine Gänsehaut machte sich auf meinen Armen breit und ließ erneut die Unwirklichkeit der Situation in meinen Kopf steigen. Die ganze Situation ließ sich irgendwie nur wellenförmig in meinem Kopf verarbeiten - Stück für Stück ein bisschen mehr.
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