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2022 04 26: Ein außergewöhnlicher Abend [by - Lemmy -]

Kurzbeschreibung
OneshotMystery / P12 / Gen
Eddie Jake OC (Own Character)
26.04.2022
26.04.2022
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2.942
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26.04.2022 2.942
 
Tag der Veröffentlichung: 26.04.2022
Titel der Geschichte: Ein außergewöhnlicher Abend
Song: „Nice dass du dabei bist“ von Die Lochis
Autor: - Lemmy -
Kommentar des Autors: Hier ging es mir nur um das Datum, also musste ich aus dem dazugehörigen Lied etwas machen, egal, welches es sein würde^^. Meine Inspiration war lediglich der Titel des Songs. Der Liedtext passt eher nicht, obwohl der Abend, um den es geht, für Eddie ohne Jake nicht derselbe gewesen wäre. Für Jake ist es das wohl außergewöhnlichste Erlebnis seiner jungen Geisterjäger-Laufbahn, und wäre er an diesem Abend nicht dabeigewesen, hätte er auf jeden Fall was verpasst^^.


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Ein außergewöhnlicher Abend


Unentschlossen stand Jake vor seinem geöffneten Kleiderschrank und überlegte, was er anziehen sollte. Normalerweise griff er hinein und nahm sich die Kleidungsstücke, die ihm spontan zusagten oder nach denen ihm gerade zumute war. Ein Hoodie, ein bequemes Oberteil, eine lässige Jeans. Im Dienst, wenn er zusammen mit Eddie die kleine Geisterjäger-Firma, die ihnen von ihren Vätern übertragen worden war, repräsentierte, unterstützt von Gorilla Tracy, trug er meist seine Anzug-Kombi mit Jeans und Turnschuhen, doch diesmal ... der blonde junge Mann war ratlos.

Unschlüssig strich Jake mit seinen Händen über die Kleidungsstücke, die auf ihren Bügeln hingen. Es war nicht so, dass er keine Auswahl hätte; sein Kleiderschrank war zwar ein bisschen unsortiert, aber nicht unübersichtlich. Normalerweise suchte er sich einfach etwas heraus, doch diesmal stellte ihn die Kleiderwahl vor ein schier unlösbares Problem. Er brauchte etwas, das nicht zu auffällig war, aber auch nicht zu schludrig, zu anders, zu .... was auch immer. Und er hatte noch eine gute Stunde Zeit, um sich zu entscheiden und seelisch vorzubereiten.

Jake seufzte und warf einen Blick auf sein Bett, auf dem sein königsblaues Jackett, sein rosa Hemd, die weiße Krawatte und die hellblaue Jeans lagen. Diese Kleidung war ihm am vertrautesten, auch wenn er sich dafür manchmal zu jung fühlte. Gerne hätte er seinerzeit auf die Krawatte verzichtet, doch sein Dad hatte ihm klargemacht, dass er im Job bitte vernünftig aussehen solle, insbesondere, wenn Kunden ins Ghost Command kamen, und dass er seinen Sohn im Dienst nicht in einem Kapuzenpulli sehen wolle. Es war auf einen Kompromiss hinausgelaufen. Jake hängte sich die Krawatte nur ganz lose um, so dass er es bequem hatte. Na ja, irgendwie sah diese Klamotten-Kombi doch ganz lässig aus ... Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt.

Aber das kam diesmal nicht infrage, und je länger Jake seinen Kleiderschrank anstarrte, desto klarer wurde ihm, dass das Problem, das er hier gerade wälzte, im Grunde nur ein Vorwand war und ihn unbewusst von dem ablenkte, was ihn eigentlich seit ein paar Tagen beschäftigte.

Eddie hatte ihn eingeladen, mit seinen ehemaligen Klassenkameraden zusammen in einer Buchhandlung an einer Lesung teilzunehmen. Danach wollten sie noch in ein Diner gehen. Als Jake gefragt hatte, warum er dabeisein solle, wo er doch Eddies Schulfreunde so gut wie gar nicht kannte, hatte sein bester Freund ihm erklärt, dass er ihn einfach dabeihaben wolle und die Lesung ihm sicherlich gefallen würde. Dabei hatte Eddie geheimnistuerisch getan. Um ihn nicht zu enttäuschen, hatte Jake schließlich zugesagt – und sich dann im Nachhinein darüber geärgert, vor allem, weil er Eddies ehemalige Schulkumpel bis auf einen oder zwei nicht kannte und der Gedanke, in einer Buchhandlung eine Stunde oder länger dazuhocken und sich irgendetwas vorlesen zu lassen, nicht gerade spannend war.

Es wäre noch nicht einmal groß anders, würde er mit seinen eigenen Schulfreunden hingehen, zu denen er mehr Kontakt hatte als Eddie zu seinen, schließlich war Jake noch keine zwei Jahre aus der Highschool heraus, Eddie jedoch schon anderthalb Jahre länger. Er hatte einfach keine Lust auf diese Veranstaltung! Das wurde bestimmt stinklangweilig! Hätte er nicht einen Vorwand erfinden können, um sich aus der Affäre zu ziehen? Andererseits war Eddie sein engster und bester Freund seit Kleinkindertagen, das hätte er ihm nicht antun können. Die Lage war vertrackt!

Beinahe verzweifelt zupfte Jake ein T-Shirt und eine Kapuzenjacke aus dem Schrank. Jetzt fehlte nur noch die Hose dazu ...



‚Barnacle’s Books‘ war ein unscheinbarer, kleiner Buchladen in einer etwas versteckt liegenden Nebenstraße. Er wirkte wie aus der Zeit gefallen mit seinem ockerfarbenen Anstrich und dem leicht schiefen Dach. Der Name stand auf einem Schild über der verwitterten Holztür. In den Schaufenstern stapelten sich viele Bücher, zwischen denen sich Deko in Form von Figürchen, Tieren, Blumen und Schreibutensilien entdecken ließ. In der Nähe gab es einige kleine Lädchen und Cafés.

Jake sah gedankenverloren die Straße entlang, die zu beiden Seiten von Büschen gesäumt war. Eigentlich ganz malerisch, dachte er. „Weißt du, wie lange die Lesung dauern wird?“ fragte er Eddie, der neben ihm stand und schon ganz aufgeregt war. Noch hatte er die Hoffnung, dass er das Ganze schnell hinter sich bringen würde.

„Nun bleib doch mal locker, Kumpel“, Eddie lächelte ihn breit an. „Es dauert so lange, wie es dauert. Und ich bin dankbar, dass du mitgekommen bist. Die anderen müssten auch gleich da sein.“

Er hatte Recht. Sie mussten noch ein paar Minuten warten, dann trafen Eddies ehemalige Klassenkameraden ein. Nun waren sie zu acht. Zwei von ihnen kannte Jake zumindest ein bisschen, so dass er sie mit Namen begrüßen konnte. Die anderen vier waren ihm unbekannt. Eddie stellte sie als Malcolm, Robert, Peter und Barry vor, während Jake bemüht war, sich zu merken, wer wer war.

„Ich dachte, Jake wollte nicht mitkommen“, raunte Malcolm Eddie zu. „Aber umso besser, dann lerne ich ihn mal persönlich kennen.“

Eddie grinste. „Ich musste ihn ziemlich überreden, denn eigentlich hatte er gar keine Lust auf die Lesung. Aber dann hat er es sich doch überlegt.“

„Ja, cool“, Malcolm wandte sich an Jake, der noch immer ein bisschen verloren dastand, und stieß ihm die Faust lässig gegen den Oberarm. „Nice, dass du dabei bist! Ich bin sicher, das wird klasse. Und vielleicht kannst du uns anschließend ja ein bisschen was von Eddies und deinen Geistererlebnissen erzählen, und von eurem Gorilla – wie heißt er noch gleich? Tracy?“

Jakes Miene erhellte sich, und er nickte. „Gerne.“ Vielleicht wurde es ja, zumindest nach der Lesung, doch noch interessant? Wenn er über seinen Job als Ghostbuster plaudern konnte, war der junge Mann in seinem Element.

Eddie sah auf seine Armbanduhr und winkte in Richtung Eingangstür. „Ich glaube, wir können schon mal reingehen. Gleich fängt es an.“



Die Buchhandlung war klein und gemütlich, mit Regalreihen, die mit allen möglichen Büchern gefüllt und mit Schildchen für die verschiedenen Genres versehen waren. Es gab eine Leseecke mit Sofa und einen Bereich für Comics und Kinderbücher. Hier konnte man mit Sicherheit ausgiebig stöbern! Eddie war ganz begeistert.

Mrs. Penny, die Besitzerin des Ladens, eine freundliche, ältere Dame, führte die Gruppe in ein Hinterzimmer, wo die Lesung stattfinden sollte. Der Raum war klein und abgedunkelt. Es gab zwei Kommoden, auf denen Bücher lagen, und an einer Wand ein kleines Podest, auf dem ein gepolsterter Stuhl und ein Tischchen standen. Eingerahmte Bilder, deren Motive bei dem Licht nicht gut erkennbar waren, schmückten die Wände. Überall waren Kerzen aufgestellt, die für eine schummrige Beleuchtung sorgten, und auf dem Fußboden vor dem Podest befand sich eine Kissenlandschaft, auf die sich Jake, Eddie und die anderen nun sinken ließen. Auf dem Tischchen neben dem Stuhl spendete eine altmodische Öllampe genügend Licht fürs Vorlesen. Der Raum wirkte wie aus der Zeit gefallen.

Jakes Miene erhellte sich, als er entdeckte, dass Gläser, Getränke und Kekse bereitstanden. Außerdem gefiel ihm die Atmosphäre. Sie eignete sich wunderbar, um eine Geistergeschichte zu erzählen. Aber genau das würde es bei seinem Glück wohl nicht werden. Er rutschte kurz auf dem dicken, weichen Kissen hin und her und sah auf Eddie, der rechts neben ihm hockte und gebannt auf das noch leere Podest blickte.

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann öffnete sich eine unscheinbare Tür in der linken Wand, und eine Frau trat heraus. Sie war von schlanker Gestalt, gewandet in ein langes hellgraues, zierliches Kleid, und um ihre Schultern lag ein wollenes Tuch in dunklerem Grau. Ihre langen Haare waren weiß, doch ihr anmutiges Gesicht wirkte noch jung. Irgendetwas ging von ihr aus, eine Art Ausstrahlung. In den Händen trug sie ein Manuskript. Mit einer grazilen Bewegung nahm sie auf dem Stuhl Platz, legte die Blattsammlung auf das Tischchen und lächelte die Anwesenden freundlich an. „Hallo, meine lieben Freunde. Ich bin Joanne. Ich freue mich, dass ihr alle erschienen seid“, hier warf sie Jake einen kurzen Blick zu – zumindest kam es diesem so vor. „Bitte bedient euch an den Getränken und dem Gebäck.“

„Wow“, entfuhr es Eddie leise, und er wechselte einen Blick mit Jake und Robert, die zu seinen beiden Seiten saßen. Mehr brachte er nicht heraus, denn seine Aufmerksamkeit war wie gebannt auf die Frau vor ihm gerichtet. Beherzt griff er in eine der Schalen und nahm sich eine Handvoll Kekse.

Es gab noch einige einleitende Worte, und schließlich senkte sich vollkommene Stille über die Gruppe, als Joanne, die in dem Lichtschein der Öllampe saß, mit der Lesung begann. „Der einsame Geist.“ Ihre Stimme war leise, aber dennoch für jeden gut zu verstehen. „Von Eddie Spenser.“

Jake sah seinen besten Freund mit überrascht geweiteten Augen an. Eddie strahlte über das ganze Gesicht. Wow! Damit hatte Jake nicht gerechnet. Nun wusste er, warum sein Kumpel ihn unbedingt dabeihaben wollte. Das gab diesem Abend eine ganz andere Wendung.

Die Geschichte zog Jake und die anderen in ihren Bann. Die flackernden Kerzen und die sanfte Stimme der weißhaarigen Frau, die es mühelos schaffte, ihre Zuhörer in die Handlung hineinzuversetzen, taten ihr Übriges. Ein ums andere Mal spürte Jake, wie ihm ein wohliger Schauer den Rücken hinabrann, und er war noch immer fasziniert, dass diese Geistergeschichte – denn nichts anderes war es – von Eddie stammte, der doch ab und zu mit seinem Job als Ghostbuster haderte. Was hatte ihn dazu gebracht, eine solche Story zu schreiben? Sie war richtig gut! Jake trank einen Schluck Limo, während ihm bewusst wurde, dass sein anfänglicher Wunsch, in diesem Ambiente eine Gespenstergeschichte zu hören, sich tatsächlich erfüllt hatte.

Nach einer halben Stunde gab es eine Pause, in der Eddie von allen gelobt und ausgefragt wurde, wie er denn auf die Idee gekommen sei, nicht nur eine solche Gruselgeschichte zu schreiben, sondern sie auch noch in dieser Buchhandlung vorlesen zu lassen. Der mollige junge Mann beantwortete geduldig alle Fragen, und es kam heraus, dass er die Grundidee eines Nachts geträumt und dann in Textform ausgearbeitet hatte. „So konnte ich mich mal auf meine Weise mit dem Thema Geister auseinandersetzen“, sagte er. „Das Schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht.“

„Da steckt viel Fantasie drin, und du hast einen guten Schreibstil“, Jake klopfte Eddie stolz auf die Schulter. „Ich bin begeistert.“

„Danke“, Eddie ließ sich wieder auf sein Kissen sinken, als Joanne zurückkehrte. „Dein Lob bedeutet mir sehr viel, Jake. Tracy wusste übrigens Bescheid“, er grinste, „und ist deswegen heute Abend nicht mitgekommen. Er kennt die Story bereits.“

Jake beobachtete die graugewandete Frau, als sie nun weiterlas, und wie schon zuvor fühlte er, dass sie etwas Besonderes an sich hatte. Aber was? Er konnte es nicht in Worte fassen. Es war, als strahle sie etwas aus, das für den jungen Mann beinahe spürbar war. Merkten die anderen das denn nicht? Keiner hatte in der Pause etwas dazu gesagt.

Schließlich war die Lesung vorbei, und es gab enthusiastischen Applaus für Joanne und Eddie, dem Röte in die Wangen stieg.

Jake nahm seinen besten Freund in den Arm und drückte ihn herzlich. „Klasse, einfach nur toll. Darauf trinken wir nachher im Diner einen Milchshake!“ Er sah zu Joanne hinüber, die seinem Blick begegnete. Der Ausdruck ihrer Augen war undeutbar, und gleichzeitig war da wieder diese merkwürdige Ausstrahlung.

Als sie sich von den jungen Leuten und insbesondere von Eddie verabschiedet hatte und alle den Raum verließen, blieb Jake dort und sah auf die Seitentür, durch die Joanne soeben verschwunden war. Er atmete tief durch, fasste sich ein Herz und folgte ihr. Warum, das wusste er nicht so genau. Doch inzwischen hatte er eine Vermutung, und die sorgte dafür, dass sein Herz heftig zu pochen begann.

Der Raum war eine kleine, abgesonderte Bibliothek mit Regalen voller besonders alter Bücher und einem Lesepult. Joanne stand mitten im Zimmer und hielt ein dickes Buch mit schwerem Einband in den Händen. Nur der Bereich um das Pult wurde von einer einzigen, altmodischen Lampe mit mattem Licht erhellt. Dort, wo Joanne stand, war es fast dunkel.

Jake stockte der Atem. Die Frau in dem grauen Kleid war nun von einem sanften Schimmer umgeben. Noch bevor er sich entschieden hatte, ob er bleiben oder wieder gehen sollte, wandte sie sich um und lächelte ihn freundlich an. „Willkommen, Jake“, sagte sie mit ihrer melodischen Stimme, trat an das Lesepult und legte das schwere, alte Buch darauf ab. „Komm doch näher.“

Der junge Mann trat zögernd zu der schimmernden Frau, und im Licht der Lampe konnte er erkennen, dass ihr Gesicht die Farbe ihrer Kleidung angenommen hatte, ein helles Grau. Ihre Haare leuchteten in einem sanften Weiß. Nun spürte er es ganz deutlich. „Sie sind ein Geist“, flüsterte er. Es konnte nicht anders sein.

Joanne schenkte ihm ein Lächeln, das ein bisschen traurig wirkte und Jake in der Seele traf. „Du hast es also bemerkt. Du musst etwas Besonderes sein.“

„Ich bin Geisterjäger“, erwiderte Jake, dessen Kehle seltsam trocken wurde. „So wie auch Eddie und Tracy, unser Gorilla-Freund. Ich kann Geister wahrnehmen, dann zuckt meine Nase. Bei Ihnen ist das nicht passiert, und doch habe ich etwas gespürt.“ Er schluckte und konnte den Blick nicht von der Geisterfrau abwenden. Ihre schönen Augen wirkten uralt. „Na ja, das Zucken funktioniert eigentlich auch nur bei bösen Geistern, oder besonderes mächtigen, aber manchmal auch bei normalen Geistern. Ich weiß auch nicht.“ Nun war er ganz durcheinander! Eins wusste Jake jedoch sicher: Joanne war ein guter Geist. Sie würde niemandem etwas tun. Vielleicht hatte seine Nase das gemerkt. Er hatte viele Fragen, doch bekam er kein weiteres Wort heraus, zu sehr war er in diesem besonderen Moment gefangen.

„Vielleicht solltest du zu deinen Freunden zurückkehren, bevor sie dich vermissen?“ schlug Joanne vor. Sie lächelte noch immer, als sie die Faszination, ja, Ehrfurcht, in den tiefblauen Augen des jungen Burschen vor ihr sah. Er war ein guter Mensch, das spürte sie. Jemand, dem sie sich anvertrauen konnte ... aber nicht jetzt. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie musste gehen.

„Ich habe so viele Fragen“, sagte Jake behutsam. „Wer sind Sie? Wie kommt es,  dass Sie in diesem Laden vorlesen? Haben Sie das schon öfter gemacht? Weiß man, dass Sie ein Geist sind? Sie sind wunderschön“, fügte er mit ergriffener Stimme an.

„Und du bist ein wunderbarer Mensch, Jake. Ich danke dir“, erwiderte Joanne sanft, hob ihre durchscheinende, schimmernde Hand und strich dem jungen Mann zärtlich über die Wange. „Leb wohl.“ Damit verschwand sie.

Jake stand da wie erstarrt und blinzelte ein paar Mal. War das alles nur ein Traum gewesen? Er sah sich um. Mit dem Verschwinden der Geisterfrau schien der Raum seinen Zauber verloren zu haben. Wofür nur hatte Joanne ihm gedankt? Nur für sein Kompliment? Und würde er sie jemals wiedersehen? Würde er Antworten erhalten? Jake war ratlos.

Er kam nicht dazu, sich weiter Gedanken zu machen, denn schon hörte er eine wohlbekannte Stimme, die näher kam, und trat rasch wieder in den Vorleseraum.

„Hey, Jake, wo bleibst du denn?“ fragte Eddie kurz darauf. „Wir warten auf dich. Wir wollen doch noch ins Diner.“

Sein Freund sah ihn ein wenig verlegen an. „Ich wollte das Ganze noch ein bisschen nachwirken lassen, tut mir leid.“ Ihm fiel keine andere halbwegs plausible Antwort ein. Sollte er Eddie von dem erzählen, was er eben erlebt hatte? Wohl besser nicht. „Wir können jetzt aber los.“

Als er mit Eddie den Buchladen durchquerte, überlegte Jake, ob er Mrs. Penny, die  Inhaberin, auf Joanne ansprechen sollte. Er entschied sich dann aber dagegen. Vielleicht konnte er irgendwann später einmal Näheres in Erfahrung bringen. Auf jeden Fall war dies eines der ungewöhnlichsten Erlebnisse in seiner noch jungen Ghostbuster-Laufbahn. Überhaupt war es ein fantastischer Abend, und er war noch nicht zu Ende. Plötzlich freute sich Jake auf das Beisammensein im Diner, und er war froh, doch mitgekommen zu sein.

„Auf Wiedersehen, Mrs. Penny“, sagte er im Hinausgehen zu der grauhaarigen, älteren Dame, die gerade Bücher einsortierte. „Es war eine tolle Lesung!“

„Freut mich, dass es dir gefallen hat, mein Junge“, erwiderte Mrs. Penny mit einem Lächeln. „Ich wünsche deinen Freunden und dir noch einen schönen Abend!“ Und sie zwinkerte Jake zu.

Jake, der das bemerkte, stutzte. Dann verließ er den Laden und stand kurz darauf wieder bei Eddie und den anderen. Einen Moment lang überlegte er noch, was das Zwinkern der Buchladenbesitzerin wohl zu bedeuten hatte, als er auch schon in ein Gespräch verwickelt wurde. Zu Hause im Ghost Command würde er die Begegnung mit Joanne noch einmal Revue passieren lassen. Nun ging es erstmal ins Diner. Vielleicht war das auch ganz gut, denn momentan hatte Jake das Bedürfnis nach Normalität, und er wollte unter Leuten sein. Eigentlich hatte er keine Probleme mit Geistern, aber diese Begegnung war vollkommen anders gewesen, sie hatte ihn auf eine Weise berührt, die er nicht zu beschreiben vermochte.

Als die anderen sich in Bewegung setzten, folgte Jake ihnen. Er warf dem Buchladen noch einen letzten Blick zu, dann strich er sich über die Wange. Es war, als könne er Joannes zarte Berührung noch immer wie eine schöne Erinnerung spüren.

Eines war ihm auf jeden Fall klar: Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, mit Eddie und den anderen mitzukommen, denn sonst hätte er etwas verpasst und diesen magischen Moment niemals erlebt.

Jake schloss zu den anderen auf. Heute würde er sich mindestens drei Schoko-Shakes gönnen!
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