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Silvers Entscheidung

Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
24.04.2022
24.04.2022
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4.173
 
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24.04.2022 4.173
 
Es gibt viel zu wenig Fanfics zu "Die Schatzinsel".
Ich entschuldige mich in aller Form bei Robert L. Stevenson. :-)
Dieser Oneshot basiert hauptsächlich auf dem Anime.



Silvers Entscheidung

Es ist als hätte Silver ihn für vogelfrei erklärt. Bisher hatten sie sich aus Respekt vor seiner Sympathie mit dem Jungen, und Angst vor seiner Rache, mit Gewalt weitgehendst zurückgehalten. Unglaublich grob zerren zwei Piraten Jim nun die Hände hinter den Rücken und fesseln sie mit rauen Stricken. Ganz fest ziehen sie zu, während ein anderer den 13-Jährigen in Schach hält. Um sie herum stehen weitere Männer, die höhnisch lachen, als der Junge vor Schmerz aufschreit und sich krümmt, weil ihm das Fleisch eingeklemmt wird. Genau auf diesen Moment haben sie gewartet. Endlich scheint auch der Boss einzusehen, dass dieses lästige Balg bestraft werden muss. Es war süßeste Musik in ihren Ohren, als Captain Silver ihm mit Schlägen drohte, damit Jim sein Wissen um die Schatzkarte preisgibt. Nun sind sie voller Vorfreude auf den Moment, in dem der gefürchtete Pirat seine Drohung wahrmacht.

Silver hat es indessen nicht eilig. Er gibt den Umstehenden Anweisung, ihr Nachtlager aufzuschlagen. Hier, auf diesem Berg, an der Stelle, an der er bis eben noch annahm, dass der Schatz von Flint dort versteckt sei. Um die Sache schneller voranzubringen, packt er sogar selbst mit an. Decken werden rausgeholt und Brennmaterial gesammelt. Immerhin hat die Dämmerung eingesetzt und nach dem Misserfolg fehlen ihm und den anderen die Lust, heute noch weiterzuwandern. Zudem hat er gerade keine Idee, wo sie suchen müssen und der Tag war anstrengend. Der lange Marsch bei der heißen Sonne der Südsee.
Hin und wieder wirft der Pirat einen Blick auf das Geschehen um Jim. Seine Leute fesseln den Jungen an einen der dünnen, aber durchaus stabilen, Bäume. Wie er es befohlen hatte. Obwohl es überflüssig ist, den körperlich schwächlichen 13-Jährigen derart festzumachen, binden sie ihm zusätzlich zu den Stricken um die Handgelenke außerdem welche um den schmalen Oberkörper und befestigen ihn damit zusätzlich am Stamm. Schmerzerfülltes Keuchen dringt an Silvers Ohren. Erneut ziehen die Piraten sehr stark an und er beobachtet die Szene kritisch, um abzuschätzen, ob Jim genug Luft kriegt. Am Ende fesseln die Piraten noch dessen Fußgelenke aneinander. Hans krallt sich noch einmal in Jims dunkelblondes Haar und beschimpft ihn auf wüste Art, kündigt ihm Strafen an, sollte er weiteren Ärger verursachen. Silver erkennt wie der Junge vor Angst die Augen zukneift. Dann wird er sitzen gelassen und die Piraten beteiligen sich am Aufbau des Lagers.

Es dauert nicht lang, bis es vollständig dunkel ist und sie sitzen gemeinsam um ein Lagerfeuer. Silver verteilt dünnen Eintopf auf Teller und reicht sie an die Mannschaft weiter. Er fühlt sich zurückversetzt in die vergangenen Wochen auf der Hispaniola, die er als Schiffskoch zugebracht hat. Diese Verkleidung passte einfach zu gut. Viele Jahre hat er ein Restaurant in Bristol betrieben und auch dort mit Leidenschaft selbst gekocht. Die Gäste haben seine Bemühungen nicht schlecht honoriert, so dass er ein passables Auskommen hatte. Seiner Frau hätte es zweifellos auch gefallen. Aber sie wollte die Südsee nie verlassen, was Silver durchaus oft bedauerte.
Jim sitzt an seinem Baum etwas abseits. Wachsam betrachtet Silver die kleine Gestalt. Der Junge jammert leise vor sich hin, den Kopf gegen den Stamm gelehnt, das blasse Gesicht verzerrt. Energisch wendet er sich ab von diesem Bild, das in ihm den Wunsch aufkommen lässt, dem Kind zu helfen. Die Wut darüber, in der alten Kiste, die sie vorhin ausgegraben hatten, nur einen alten Schädel gefunden zu haben anstelle von Gold und Juwelen, überwiegt zur Zeit. Vielleicht haben seine Leute Recht und Smollet, Dr. Livesey und der dicke Trelawney haben Flints Schatz tatsächlich bereits anderswo gefunden und ihnen deswegen die Karte überlassen. Im Wissen, dass sie nichts nützt. Und Silver geht davon aus, dass auch Jim Kenntnis darüber hat. So kurz davor war er, den Jungen zu schlagen. Bis der alle seine Geheimnisse ausplaudert. Aber das brachte Silver dann doch nicht fertig...
Seine Gedanken kreisen wieder um den Schatz. Irgendwas muss es mit diesem Schädel in der Truhe auf sich haben. Silver braucht unbedingt etwas Ruhe zum Nachdenken. Dann wird er das Rätsel sicher lösen. Das gesamte Leben hat er gut daran getan, sich auf den eigenen Verstand, die eigene Stärke zu verlassen. Das wird ihm auch in dieser Situation helfen.
Prüfend schweift sein Blick über die Runde der Piraten, die auf Kisten oder Decken um das Lagerfeuer hocken. Die Stimmung ist gedrückt. Natürlich sind auch sie enttäuscht, dass sie den ersehnten Schatz noch nicht in den Händen halten. So viel haben sie dafür riskiert und tun es noch immer, seit Jahren. Einige unterhalten sich leise, andere essen schweigend. Löffel klirren auf Tellern.

Um tatsächlich Zeit für sich zu finden, übernimmt Silver nur zu gerne die erste Wache. Außerdem macht es ihn zu einem guten Vorbild für seine Leute. Die anderen legen sich schlafen. Hin und her grübelt Silver unterdessen über das Rätsel, das der alte Flint ihm hinterlassen hat. Wo nur mag der Schatz wirklich vergraben sein? Angestrengt starrt er in die munter tanzenden Flammen des kleinen Feuers, das er hat schrumpfen lassen. Nur ab und zu füttert er es mit dünnen Ästen und sonnengetrocknetem Gras. Glücklicherweise sind die Nächte auf der Schatzinsel nicht sonderlich kalt.
Die Stunden verrinnen - ohne, dass ihm die Erleuchtung kommt. Über dem Piraten leuchten stumm die Sterne, in der Ferne rauscht das Meer.

Jim hat sich eine ganze Weile überhaupt nicht gerührt und Silver glaubt schon, dass der Junge eingeschlafen wäre. Aber dann ertönt ein halb ersticktes Geräusch von ihm und er bewegt sich ein wenig. Vielleicht ein Schluchzer? Silver stutzt. Viel ist nicht zu erkennen aufgrund der Entfernung und Dunkelheit der Nacht.
Wie von allein steht er auf.

Jim hält die Beine angezogen, den Kopf auf die Knie gelegt, um eine annähernd aushaltbare Sitzposition einzunehmen. Das Atmen bereit ihm Schmerzen, denn die scharfen, dicken Seile um seinen Oberkörper drücken gewaltsam in die Haut. Ebenso die um seine Handgelenke, welche seine Hände hinter dem Rücken an den Stamm zwingen. Seinen Fußknöcheln ergeht es nicht anders und die knochigen Schultern verkrampfen. An Schlaf ist nicht zu denken.
Der Junge spürt zudem Hunger und Durst. Die Piraten haben ihm seit heute morgen nichts mehr gegeben und auch da war es nur ein winziges Stück Brot und ein Becher Wasser. Hier allein in der Dunkelheit ist es unmöglich, die Hoffnung zu bewahren, dass Smollet und die anderen ihn rechtzeitig befreien. Bis heute wurden die Aggressionen der Piraten gegen ihn durch Silver erfolgreich in Schach gehalten. Sie haben akzeptiert, dass der Mann ihn für eine wichtige Geisel erachtet. Aber nachdem sie vorhin nur eine alte Truhe mit einem Totenschädel ausgegraben hatten, und nicht den ersehnten Schatz voll Gold und Juwelen, richtete sich auch die Wut des Piratenkapitäns erstmalig gegen Jim und er glaubt, dass der nun nicht länger bereit ist, ihn vor seinen Leuten zu schützen.
So schlecht behandelt haben sie ihn wahrhaftig noch nie. Es ist unnötig, ihn derart brutal zu fesseln und bis vorhin reichte es ihnen, lediglich seine kleinen Hände zusammenzubinden. Mit Seilen, die nicht so scharf in seine Gelenke schnitten, dass sich das Blut staut. Und Silver gab ihm regelmäßig Nahrung, sprach freundlich mit ihm und versicherte, dass ihm nichts passieren würde, dass Jim bald nach Hause zurückkehren dürfe. Wenn Silver sich nun auch von dem 13-Jährigen abwendet, werden die anderen Piraten ihrer Wut freien Lauf lassen. Sie werden ihn töten.
Verzweifelt schluchzt Jim auf. Er erinnert sich wie Silver selbst damit drohte, ihn zu verprügeln. Schon der Gedanke daran schmerzt, weil er diesen Mann einmal für einen Freund gehalten hat.
Das plötzliche Geräusch von Schritten lässt den Jungen erstarren. Furchtsam hält er den Atem an.

"Jim?", nennt Silver das Kind beim Namen und bleibt stehen. Er hat das Schluchzen durchaus bemerkt. Der Junge ruckt sichtlich erschrocken mit dem Kopf hoch und im Lichte des Feuers ein paar Meter entfernt erkennt der Pirat Tränenspuren auf den blassen Wangen. Als er näher treten will, fängt Jim an zu zittern und versucht vergeblich von ihm wegzurutschen. Die zusammengebundenen Füße treiben schmale Furchen in den Untergrund.

Unterdessen glaubt Jim, dass Silver nur herkommt, um seine Drohung umzusetzen. Als er begreift, dass seine Fesseln ihm nicht die kleinste Möglichkeit zur Flucht geben - nicht mal wenige Zentimeter kann er Abstand zwischen sie bringen - lässt er den Kopf erneut auf die angezogenen Knie sinken und kneift die Augen zu. Weitere Schluchzer schütteln ihn und er spürt sein Herz machtvoll gegen die Rippen trommeln in Erwartung von Schlägen.

"Ich bin hier, um nach dir zu sehen", versichert Silver schnell und beeilt sich, auf Augenhöhe mit Jim zu sein, indem er sich vor ihn hockt.

Der Pirat erkundigt sich mit ruhiger Stimme, ob er Schmerzen habe. Anscheinend ist er momentan nicht verärgert. Zögerlich hebt Jim den Kopf und sieht Silver misstrauisch ins Gesicht. Dessen aufmerksame, meerblaue Augen wandern an seinem Körper auf und ab - suchen nach Verletzungen. Im Stillen wundert sich der Junge. Macht der Mann sich doch Sorgen? Er hat angenommen, dass es dem von nun an egal ist, was mit ihm geschieht.
Nass spürt er die schweren Tränen auf seinen Wangen und schafft ein knappes Nicken. "Kannst du die Fesseln abmachen? Es tut so weh und ich bekomme schlecht Luft. Bitte...", antwortet Jim mit brüchiger Stimme. Bang wartet er auf die Antwort.

Silver beginnt bereitwillig damit, die dicken Stricke um Jims Oberkörper zu lösen, die ein paar Mal drumgeschlungen wurden. Um zu sehen, welchen Schaden sie bei dem 13-Jährigen verursacht haben, will er anschließend dessen Hemd hochschieben. Erschrocken zieht Jim die Luft ein und zuckt heftig zusammen, als seine Haut freigelegt wird. Sofort lässt Silver den Stoff los, ohne wirklich etwas gesehen zu haben. Abgehacktes Schluchzen folgt und verursacht bei ihm einen Stich in der Magengegend. Es ist verständlich, dass das Kind Angst vor ihm hat - nach allem, was in den letzten Tagen passiert ist - aber Silver stört sich daran.
Der Pirat fährt in seiner Tätigkeit fort, auch Handgelenke und Füße von den Fesseln zu befreien. Zumindest dort kann er feststellen, dass sie viel zu eng angelegt waren, denn sie hinterlassen tiefe Druckstellen und blutig gescheuerte Haut.

Jim lässt es mit sich geschehen. Er zittert noch mehr, weil der Mann ihm so nah kommt. Die gelösten Fesseln lassen den Schmerz leider nicht verschwinden und er hat vielmehr den Eindruck, dass er sich verstärkt. Wenigstens kann er jetzt besser atmen. Silver zieht ihn auf wacklige Beine, auf denen er sich ohne Hilfe nicht halten könnte. Stützend wird dem Jungen ein Arm um die Schultern gelegt und notgedrungen klammert er sich in Silvers Hemd. Das Gefühl erinnert ihn tatsächlich an eine Umarmung. Aber er mag dem Piraten nicht noch einmal sein Vertrauen schenken. Die Enttäuschung sitzt tief.
Am Rande registriert er die schlafenden Piraten, die sich hier und da im Gras, auf Decken oder sogar unter kleinen Zelten zum Schlafen niedergelegt haben.

"Ich habe eine gute Salbe dabei", erklärt Silver und bringt das Kind zu seinem Platz am Lagerfeuer. Dort lässt er ihn sich setzen. Jim wehrt sich nicht und versucht auch nicht zu fliehen, als er kurz zu dem Haufen Gepäck geht, das seine Leute abgelegt haben, um eine Tasche zu holen.

Der Pirat strahlt Gelassenheit aus. Wie bereits zu Beginn von Jims bisher größtem Abenteuers ist er derjenige, der selbst bei Gefahren klar denken kann und sinnvolle Pläne schmiedet, anstatt sich von Gefühlsausbrüchen - seien sie ausgelöst durch Wut, Trauer oder Freude - mitreißen zu lassen. Als Jim und die meisten anderen der Mannschaft aufgeregt waren, weil ein Piratenschiff sie angreifen wollte, blieb Silver besonnen. Als ob er keine Angst kennen würde. Aber er ist ja auch viel klüger als die meisten anderen und sich wohl bewusst, dass er ihnen überlegen ist. Diese Zuversicht wirkte sich jedes Mal auf Jim aus und gab ihm etwas Sicherheit zurück. Seine eigene Furcht wurde zumindest erträglich.
Und auch jetzt stoppen seine Tränen, weil der Mann sehr sanft mit ihm umgeht. Weder wird Jim geschlagen noch angeschrien. Ganz vorsichtig streicht er ihm kühlende Salbe auf die zarte Haut seiner verletzten Handgelenke und wickelt anschließend einen Verband herum. Jim wird merklich ruhiger, auch wenn die Angst nicht völlig verschwindet.
Dasselbe mit den Fußgelenken.
Silver verzichtet hinterher sogar darauf, ihn wieder zu fesseln.

Bis hierhin ist Silver mit seinem Werk zufrieden. "Jim, würdest du das Hemd kurz für mich ausziehen?", bittet er das Kind freundlich. Noch sind sie nicht fertig.

Würde der Mann ihn zwingen, wenn er sich weigert? Dieser Gedanke schießt dem Jungen durch den Kopf. Doch dann überlegt er, dass das Unsinn ist. Silver hat bereits seine Hand- und Fußgelenke versorgt, die Salbe ist angenehm kühl und schafft Erleichterung. Ganz bestimmt plant er mit seinem Oberkörper nichts anderes. Nervös öffnet Jim das Bändchen am Kragen seines hellen Hemdes und zieht sich das Kleidungsstück anschließend über den Kopf. So halbnackt fühlt er sich trotz seiner vorherigen Gedankengänge schutzlos und vermeidet es, den Piraten anzusehen.
Dessen Finger arbeiten die Salbe erneut behutsam in seine Haut, einmal rund um den Oberkörper, wo sich die schmerzenden Druckstellen befinden. Hin und wieder stoppt Silver, damit Jim Pause machen kann. Der ist ihm dankbar, denn diese Verletzungen tun mehr weh als an Händen und Füßen. "Dankeschön...", wispert Jim erschöpft.

Silver macht sich daran, einen Verband anzulegen. Ihm fällt auf, dass das Kind sehr dünn geworden ist. Zwar war Jim schon die ganze Zeit schlank, aber die vergangenen Tage haben ihm sichtlich zugesetzt. "Bestimmt hast du Hunger", sagt er zu ihm und erhebt sich. Vorhin war er so wütend, dass es ihm egal war, ob das verängstigte Kind Essen und Wasser bekommt. Jetzt spürt Silver deshalb das schlechte Gewissen. Es ist ungerecht, seinen Ärger über die Situation an dem Jüngsten unter ihnen auszulassen.
Ein paar Schritt entfernt befinden sich die Kisten mit ihrem Proviant. Leise öffnet der Pirat den Deckel und holt Brot und auch einen Becher heraus. Mit dem Becher schöpft er Wasser aus einem kleinen Fass und kehrt anschließend zu Jim zurück.

Der 13-Jährige hat sein Hemd in der Zwischenzeit wieder angezogen und sieht angespannt zu dem Mann auf, der sich neben ihm niederlässt. Er mag kaum glauben, dass Silver so freundlich ist. Als wäre nichts geschehen.
Weil Jim Dank der verletzten Handgelenke Schwierigkeiten hat, den Becher zu halten, hilft der Pirat ihm beim Trinken. Das Brot schafft er selbstständig zu essen. Es ist weich, so dass es einfach ist, kleine Stücke abzureißen. Eines der Brote, die er auf dem Schiff immer gegessen hat. Zweifellos hat Silver es gebacken.

Geduldig wartet der Pirat, bis das Kind fertig ist. "Musst du noch ins Gebüsch?", erkundigt er sich.

"Ja, bitte", bestätigt Jim und mag gar nicht daran denken, dass er hinterher wieder an den Baum gebunden wird. Seine einzige Hoffnung ist, dass Silver die Fesseln nicht so eng zieht. Lieber er als einer der anderen.

Der Pirat wendet sich zur Seite und deutet auf eine Reihe von Büschen und niedrig gewachsenen Bäumen ein paar Meter vom Lager entfernt. "Geh' da rüber, aber mach keinen Unsinn", fordert er das Kind auf.
Er beobachtet wie sich Jim müde erhebt und zu den Büschen wankt. Wahrscheinlich fehlt dem sogar die Kraft für einen Fluchtversuch. Die kleine Gestalt verschwindet hinter den Blättern, um wenige Minuten später wieder aufzutauchen. Obwohl der Rückweg wahrhaftig nicht lang ist, gelingt es Jim, über einen Stein zu stolpern und hinzufallen. Silver hört das schmerzerfüllte Keuchen gefolgt von einem Fluch.
Dann steht der 13-Jährige vor ihm, lässt sich neben ihn sinken vors warme Feuer. "Hast du dir was getan?", hakt Silver vorsichtshalber nach.

"Nein, nichts Schlimmes", erwidert Jim und starrt in die lustigen Flammen. Ihn fröstelt ein wenig um die Schultern und die nackten Waden. Eine Weile sitzen sie schweigend beisammen.
Aus dem Augenwinkel nimmt Jim eine Bewegung wahr und er wendet sich alarmiert in die entsprechende Richtung. Einer der Piraten nähert sich ihnen. Unbewusst rutscht er dichter an Silver heran.

"Ich komme, um dich abzulösen", verkündet der Mann gähnend an den Kapitän gewandt und streckt sich ausgiebig. Dass der unsägliche Bengel neben ihrem Captain sitzt, belässt er unkommentiert. Es ist ein nicht gerade seltenes Bild auf ihrer Reise.

"Das ist nett, Morgan", kommentiert Silver amüsiert, "Penn' nur nicht ein. Sonst schießen uns Smollet und seine Leute noch über den Haufen." Aus seiner Kehle ertönt ein verrücktes, fröhliches Lachen, für das er sich extra Zeit nimmt. Morgan macht es sich ihm gegenüber am Lagerfeuer bequem.
Silvers Blick fällt auf ihre erschöpfte junge Geisel und er denkt einen Moment nach. "Du kannst bei mir schlafen", bietet Silver schließlich an, "Du musst dich unbedingt ausruhen, Jim." Und das wird er nicht, wenn er die ganze Nacht an dem Baum verbringt. Morgen müssen sie wieder viel laufen und Jim würde vor Anstrengung zusammenklappen.

Der Pirat hilft ihm sanft auf die Füße und führt ihn vom Feuer weg zu einer Gruppe kleinerer Gesteinsbrocken. Dazwischen erkennt Jim das Nachtlager. Anscheinend hat Silver sich die Mühe gemacht, ein Zelt aufzubauen, das nach vorn geöffnet ist. Jim weiß gar nicht, was er davon halten soll, bei dem Mann übernachten zu dürfen. Unbestreitbar ist es bequemer für seinen entkräfteten Leib. Aber Silver ist auch derjenige, der sein Vertrauen missbraucht hat, nachdem es ihm ohnehin anfangs schwerfiel, es ihm zu schenken.
Dennoch legt sich der 13-Jährige dort nieder. Die Decken unter ihm sind wirklich kuschelig und scheinen ihn trösten zu wollen. Silver legt sich neben ihn, auf die Innenseite, und Jim dreht sich von dem Mann weg, den Blick nach draußen gerichtet. Als der Pirat das Zelt schließen will, hält er ihn auf. "Bitte lass die Plane oben", murmelt er und zieht die Knie Richtung Brust.

Silver breitet eine weitere Decke über Jim und noch eine über sich selbst. Dessen Wunsch akzeptiert er und lässt das Zelt offen. Das Kind liegt von ihm abgewandt zur Seite gerollt. Auf Silver wirkt er angespannt und es wundert ihn nicht. Kurz überlegt er, ob es helfen würde, mit ihm zu sprechen. Aber möglicherweise wühlt es Jim nur mehr auf und der Pirat findet es wichtiger, dass der Junge schläft.
Also belässt er es dabei und driftet nach einigen Minuten in Schlaf.

Jim hat Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen. Über ihnen funkeln die Sterne mit silbernem Licht. Wie sehr wünscht er sich, dass das alles nicht passiert wäre. Dass sie alle gemeinsam auf Schatzsuche gegangen wären und ihn hinterher gerecht geteilt hätten. Niemand wäre gestorben und Silver noch sein Freund, zu dem er aufsieht. Diese Gedanken verursachen einen stechenden Schmerz in seiner Brust...
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Mitten in der Nacht schreckt Jim heftig zuckend und mit Herzrasen aus dem Schlaf. Er zittert am ganzen Leib und ihm friert. Angestrengt horcht der Junge, ob er den Piraten geweckt hat, der hinter ihm liegt. Seine Atmung geht keuchend und er umklammert verzweifelt seine an den Körper gezogenen Knie. Zuerst glaubt er, dass Silver nichts bemerkt hätte, aber dann regt sich hinter seinem Rücken etwas. Sofort erstarrt Jim. Ihm ist nicht danach, von dem Mann zur Rede gestellt zu werden. Aufeinmal spürt er eine Hand an seiner Schulter und er fährt erneut zusammen.

"Jim?", spricht Silver das Kind an, das noch immer auf der Seite, von ihm abgewandt liegt, "Was ist? Tut dir was weh? Hattest du einen Alptraum?" Besorgt setzt er sich auf, ohne Jims Schulter loszulassen. Zunächst erhält er keine Antwort. Daher greift Silver auch nach Jims Oberarm und dreht ihn auf den Rücken. Der Junge sieht ihn mit riesigen blauen Augen argwöhnisch an und sein Brustkorb hebt und senkt sich nervös.

Schwer schluckt Jim und ringt um Worte, die zunächst nicht kommen wollen. Leise räuspert er sich. "Ich kann schon seit Tagen nicht mehr richtig schlafen, ständig wache ich auf und meine Gedanken stehen nicht still", berichtet er schließlich traurig. Verstehend nickt der Pirat ihm zu und lässt nun den Arm los.

Nachdenklich seufzend sieht Silver auf das Kind runter. "Das hier ist schon ein großes Abenteuer für einen 13-Jährigen", sagt er anerkennend, "Du bist viel mutiger und schlauer als viele Männer auf dieser Insel." Er zieht Jim die Decke in aller Fürsorge bis zum Kinn. "Zumindest heute Nacht brauchst du dir keine Gedanken machen, hier traut sich keiner her. Du kannst in Ruhe schlafen", fügt er mit einem freundlichen Lächeln hinzu und macht es sich wieder neben Jim bequem.

Seine Worte tragen erst mal wenig zu Jims Sicherheitsgefühl bei. Und morgen spätestens wird die Angst mit voller Kraft zurückkehren, wenn der Pirat ihn zur Rede stellt. "Ich weiß nicht, wo der Schatz ist. Genau wie ihr alle dachte ich heute, dass wir ihn gefunden haben, als du auf die Kiste gestoßen bist", beteuert er und hofft, dass Silver nicht merkt, dass er etwas verschweigt. Für ihn ergibt die Geheimschrift auf der Karte, die nur im hellen Feuerschein sichtbar wird, ohnehin keinen Sinn.
Aber möglicherweise für den äußerst klugen Piraten?
Bisher hat Silver ihm nicht eigenhändig weh getan und die Vorstellung allein verursacht Jim Übelkeit. Es würde den Verrat noch verschlimmern. Während ihrer Reise hat der 13-Jährige mehrere Male beobachtet wie Silver andere Männer verprügelte, Männer die viel stärker sind als Jim selbst, und er weiß daher wie viel Kraft er hat, obwohl ihm ein Bein fehlt. Die meisten fürchten ihn, und das zu Recht.

Silver rollt herum, Jim zugewandt, und betrachtet den Jungen im Profil. "Karten auf den Tisch: Ich denke nicht, dass der gierige Trelawney uns einfach so die Karte schenkt und du weißt etwas, das sehe ich dir an. Wie du auch wusstest, was wir wirklich vorhaben, noch ehe wir die Schatzinsel erreichten", sagt er ernst. Er sieht das Kind nervös schlucken.
Mitfühlend legt er Jim eine Hand auf die knochige Schulter und freut sich heimlich, dass er dieses Mal nicht zusammenzuckt. Wie so oft will er ihn schützen, doch sein Wunsch, Flints Schatz nach 10 Jahren endlich zu finden, ist ebenso stark. "Jetzt, mitten in der Nacht, ist nicht der richtige Moment, um darüber zu reden. Das können wir morgen noch. Sag mir in deinem eigenen Interesse einfach, was du weißt. Ich werde dich mit einem großen Anteil am Schatz belohnen", verspricht er und lässt seinen Daumen über Jims Schulter kreisen.

Tränen treten Jim hinter die Lider und üben Druck aus in seinen Augen. Angestrengt presst er die Lippen aufeinander, um sich zu beherrschen. Hilfe suchend greift er seinerseits nach der sanften Hand auf der Schulter und hält sie fest. Es ist schon ein Akt der Gnade, dass Silver ihn heute Nacht hier schlafen lässt anstatt draußen am Baum. Traurig wendet er sich ebenfalls Silver zu, wobei er die Hand leider freigeben muss und sie verschwindet, und rutscht noch ein winziges bisschen dichter an den Piraten heran. Bis seine Nase dessen Oberkörper fast berührt. Er riecht nach Meer. So wie Jims Vater früher.

Silver zieht nun doch die Plane hinter dem überforderten Kind zu. Zwar ist es dunkel, aber auf neugierige und missbilligende Blicke seiner Leute kann er auch im Morgengrauen verzichten. Dann hebt er seine Decke an und breitet sie über Jim - zusätzlich zu dessen eigener. Die schmalen Schultern beginnen leicht zu beben und ersticktes Schluchzen ertönt. In dem Augenblick wird dem Piraten etwas völlig klar. Wie von allein findet seine Hand den Weg in Jims Haar, wo sie vorsichtig zu streicheln beginnt.
Dieses Kind beeindruckt ihn seit er es das erste Mal sah. Das war, als Silver damals heimlich das Gasthaus seiner Mutter, das "Admiral Benbow", beobachtete. Auf der Suche nach dem alten Billy und der Schatzkarte. Jim hat in dem Gasthaus gearbeitet wie ein Erwachsener. Sogar nachts stand er hinter dem Tresen und bediente die zahlreichen Leute. Haus und Hof fand der Pirat in einem sehr guten Zustand. Nachdem seine Männer die halbe Einrichtung zerstört hatten, hat der Junge gemeinsam mit seiner Mutter alles wieder repariert und schon nach kurzer Zeit war von dem Überfall nichts mehr zu sehen. Jim verfügt über bemerkenswertes handwerkliches Geschick. Seine Leute berichteten ihm von der Widerspenstigkeit des "lästigen Kindes", aber Silver hat es beeindruckt, dass der 13-Jährige bereit war, gegen die gefährlichen Piraten zu kämpfen. Das gesamte Wesen erinnert ihn an ihn selbst und wenn er ein Kind hätte, wäre es sicher so geraten wie dieser Junge.
"Ich würde dir nie etwas tun, kleiner Jim", fasst er seine Gedanken sodann in leise gehauchte Worte.

Das endlich bringt Erleichterung. Zärtlich spürt er Silvers Finger in seinen dunkelblonden Strähnen wie sie hindurch gleiten. Seufzend überbrückt Jim auch das winzige, letzte Stück und sinkt schließlich Halt suchend gegen die Brust des Piraten, lehnt sein Gesicht dort an. Er kann den Herzschlag vibrieren fühlen. Die gleichmäßigen Töne tragen ebenfalls zur Beruhigung bei. Außerdem ist es so noch eine Spur wärmer und das Kind fühlt sich mit jeder Minute sicherer und wohler.

Zufrieden stellt der Pirat irgendwann fest, dass Jim erneut eingeschlafen ist.
 
 
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