Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Alter Freund

von monett
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Rumpelstilzchen / Mr. Gold
24.04.2022
24.04.2022
1
6.877
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
24.04.2022 6.877
 
Mein verspäteter Beitrag zur Wichtelaktion Alternative Universen 3 von Valentia. Mein Wichtelkind war Ehrentraud. Mein AU war: Stripper, welches ich hier aber weitläufig ausgelegt habe, da es nicht recht zur Vorgabe gepasst hat.

Mein Vorgaben waren:
Fandom 1: Once upon a time
Charaktere 1: Alle anderen, die vorkommen (z.B. Snow, Charming, Regina, Rumpelstilzchen…)
Pairing 1: OC x Dr. Henry Jekyll und Mr Edward Hyde
No Go's: Ich will keinen Horror und keine Erotik. Bei Krimi bis P12 und nicht blutig und keine Gewalt. Das gilt für Lesen und auch Schreiben. Ich kann detailliert beschreiben, wie das Pairing vom von mir gewählten Fandom meines Wichtelkindes im Bett landet, wenn mein Wichtelkind bei mindestens einem Fandom ein Pairing angegeben hat und ich es für gut spüre, eine Prise Sex in die Geschichte zu streuen. Dieses detaillierte Beschreiben des ersten "miteinander intim werden" des Pairings ist für mich bei Erotik beim Schreiben eine Ausnahme.
Maximales Rating: P12
Sonstiges: Hallo mein lieber Wichtel. Ich bin gespannt, welche schöne Geschichte du aus einer von meinen beiden Vorgaben erschaffen wirst. Bei den Charakteren kannst du bestimmen, wer von den anderen Personen aus dem Fandom (es können auch Nebencharakter sein, die in der Serie manchmal auftauchen) einen Gastauftritt bekommen. Wenn dir meine beiden angegebenen Pairings nicht gefallen, weil du einen von den angegebenen Herren nicht magst (als Beispiel), kannst du diesen Herrn durch einen eigenen Charakter (ob Mann oder Frau, kommt drauf an, ob du Hetero oder Maleslash schreibst) ersetzen. Dies geht auch, wenn du den unliebsamen Mann lieber mit einer anderen Person aus dem Fandom statt mit einem eigenen Charakter ersetzen willst. Hier ist es egal, ob es ein Mann oder eine Frau aus dem Fandom ist. Hauptsache es ist bei beiden (ich nenne es) Jokern eine erwachsene Person. Bei Inspiration 2 würde ich sagen, dass die beiden Herren sich auf einem Jahrmarkt oder auch woanders zufällig wiedersehen, über die Vergangenheit und die letzten Jahre seit der Trennung unterhalten und danach diese verflixte Liebessache zwischen ihnen und der jungen Frau erfahren, sodass sie sich lieber wieder für paar Jahre aus den Augen verlieren wollen. Aber bei den beiden Inspirationen überlasse ich dir freie Hand, wie du sie einsetzt. Auch kannst du entscheiden, ob OC ein Mann oder eine Frau ist, der/die den vier Herren den Kopf verdreht und damit einen Keil zwischen ihnen zu treiben droht, je nachdem ob du Hetero oder Maleslash schreibst. In diesem AU ist und Mr Edward Hyde ein eigenständiger Mensch und nicht die böse Seite von Dr. Jekyll, der geboren und nicht durch Jekyll mithilfe eines Serums zum Vorschein gebracht wird. Du kannst auch so machen, dass Jekyll und Hyde plötzlich entdecken, dass zwischen ihnen mehr herrscht, was sie anfangs sehr verwirrt, wo sie doch Freunde waren und jahrelang keinen Kontakt zueinander hatten. Gern kannst du, wenn du dich für diese Variante entscheidest, die beiden Pairings durch die Liebe zum gleichen Mann/zur gleichen Frau feststellen lassen, dass zwischen ihnen mehr herrscht, als sie dachten. Obwohl ich bei No-Go's keine Erotik angegeben habe, kannst du detailliert beschreiben, wie einer von den angegeben Herren mit der Herzdame/dem Herzbuben im Bett landet. Da bestimmst du, ob es einer von dem gewählten Pairing macht oder ob beide unabhängig voneinander mit der Herzdame/dem Herzbuben schlafen.

Kleine Bemerkung: Um keine Verwirrung zwischen Henry Mills und Henry Jekyll hervorzurufen, habe ich mich dazu entschieden Jekyll die meiste Zeit beim Nachnamen zu nennen.


Alter Freund


Teil 1: Der Jahrmarkt

„Hey…“ „Ah…“ „Letzte Runde… letzter Aufruf!“ Kreischen. Lachen. Typische Musik und Geräusche schallten aus der Senke in der der leuchtend bunte Jahrmarkt seine Fahrgeschäfte und Buden aufgebaut hatte. In der kalten Frühlingsluft bildeten sein Seufzen weiße Wölkchen als seine Füße ihn direkt darauf zu trugen. Warum er sich die fröhlichen Familien und aufgeputschten Teenager ansehen wollte, erschloß sich selbst ihm nicht. Seine Stimmung konnte nicht konträrer sein zu der des Jahrmarkts, den er gerade betrat.

Kaum das er die ersten Schritte im Gelände gegangen war, fühlte es sich wie eine eigene Welt an und nicht nur die bunten Lichter malten abstrakte Bilder auf sein Gesicht, sondern fügten ihm ein wehmütiges Lächeln hinzu. Wie gerne würde er mit den Kindern tauschen, die abwechselnd lachend und heulend auf den sich drehenden Pferden saßen. Wie gerne erinnerte sich an die unbeschwerten Kindertage. Wo die Erwachsenenprobleme soweit weg schienen. Als würde er am Abgrund auf einer grünen Wunderwiese stehen und gegenüber die graue apokalyptische Welt der Erwachsenen zu der mit jedem Jahr, welches er älter wurde, eine Brücke gebaut wurde. Wie dumm kam ihm nur der kindliche Wunsch vor schneller erwachsen zu sein… Nichts als Ärger brachte es einen und am Ende fühlte man sich wie ein Kind in einem viel zu großen Körper.

Mit den Händen in den Taschen blieb er stehen, abwesend beobachtete er das Karussell ohne sich für einen bestimmten Teil von zu interessieren. Vielleicht wollte er sich einfach von der Magie des Ortes wegtragen lassen, welche ihn als Kind immer wieder gefangen genommen hatte. Er erinnerte sich an die Kindertage, die er auf den Schultern seines Vaters Zuckerwatte essend, verbracht hatte. Damals kam ihn alles so groß vor. So voller Geheimnisse und Versprechungen.
Heute sah er die billigen Dekorationen, die überteuerten ungesunden Speisen und an manchen Ecken den unangenehmen Geruch nach Erbrochenen gemischt mit Urin. Wo die Schausteller früher ein spannendes Leben führten, sah er sie heute mit hohlen Gesichtern ihre Arbeit nachgehen. Eine Zigarette im Mundwinkel während sie auf Kunden warten, damit sie das Geld für den Stellplatz und die Preise oder Wartung haben würden. Nein, der Zauber war nicht mehr da.

Obwohl dieser Zauber nicht mehr da war und er ihn vermutlich auch nicht mehr finden würde, ging er nicht wieder zum Ausgang. Wenn er schon einmal hier war, konnte er sich ein bisschen umsehen oder vielleicht fand er jemand, der ihm ein Bier bezahlen würde… Nicht einmal für einen anständigen Rausch, der seine Sorgen weg tragen würde, hatte er genug Geld. Hin und wieder sah er in die vollen Plätze. Teenager, Eltern, Geschäftsmänner. Zu viele Menschen. Zu wenig bekannte Gesichter.

„Jekyll“

Eine tiefe sonore Stimme, die durch die kreischende Musik schnitt, ließ ihn zusammen fahren. Es war zu spät sich umzudrehen. Zu spät, um zu tun, als hätte er ihn nicht bemerkt. Zu spät, irgendetwas anderes zu tun.

„Edward“, begrüßte er den alten Schulfreund, der gerade mit großen Schritten auf ihn zu kam.

Wie immer klebte ein überhebliches Lächeln auf seinem Gesicht. Etwas zu breit. Etwas zu wissend. So wie Edward immer war. Ein bisschen zu sehr beliebt. Zu charmant. Ein bisschen attraktiver. Die Stimme ein bisschen tiefer. Die Augen zu durchdringend. Ein bisschen zu sehr im Mittelpunkt des Raumes.

Ein bisschen zu sehr das, was er selbst gerne wäre.

Deshalb blieb er stehen. Auch mit einem Doktortitel in der Tasche, fühlte er sich in Hydes Anwesenheit wieder wie der Junge, der er in der Schule war. Stolz darauf jemanden wie Edward Hyde seinen Freund nennen zu können. Gleichzeitig hätte kein Feind ihn mehr treffen können als Hyde während er tief im Inneren sich wünschte genauso sein zu können wie Edward Hyde. Doch wenn er sich im Spiegel sah, dann war nicht der große breitschultrige Mann mit den dunklen Haar zu sehen, sondern immer nur er. Der Junge, der nie richtig in seinen Körper rein gewachsen war. Das Haarstyling wirkte immer wie gewollt, aber nie gekonnt. Ganz zu schweigen von der runden Brille ohne die er quasi blind war.

Edward Hyde ertrank bestimmt nicht in Schulden.

„Trink einen mit mir.“ Er schlug es nicht vor, er befahl es. Seine große Hand legte sich in sein Kreuz und führte ihn zu einem Tisch.

„Erinnert ihr euch noch an Henry Jekyll?“

Jekyll konnte den Trinkkumpanen ansehen, dass sie sich nicht an ihn erinnerten. Er allerdings auch nicht. Sein Blick galt immer nur Hyde.

„Lange nicht mehr gesehen. Was machst du?“, fragte Edward, nachdem nur undefinierbares Gemurmel kam. Man konnte daraus ableiten sie würden sich erinnern. Es war ausreichend.

„Ich… hab meinen Doktor in Chemie gemacht und eine Weile in einer Regierungseinrichtung gearbeitet. Wo genau darf ich nicht sagen.“ Denn es klang aufregender, wenn man ein Geheimnis daraus machte, anstatt zu sagen, dass man trotz seiner überragenden Intelligenz nur dazu verdammt war, tagein, tagsaus Makrophagen zu beobachten.

„Und dann kommst du zurück nach Storybrooke?“

Hörte er da Erstaunen in seiner Stimme oder merkte Edward, dass er sich versuchte interessanter zu gestalten? Wusste er, das er selbst beim Makrophagen zählen versagt hatte? Nun ja… nicht versagt. Man hatte von seiner Spielsucht Wind bekommen. Technisch gesehen war Storybrooke gerade sein einziger Zufluchtsort. In einem beklemmend kleinen Apartment, welches er sich gerade noch leisten konnte. Nachdem er seine Stelle verloren hatte, gab es nur noch den Weg nach unten. Kein Halt sondern direkt in den Abgrund.

Edward schob ihm eine Flasche zu. Es roch nach Bier, schmeckte aber anders. Die Jungs grinsten dümmlich, als sie sahen, wie er sein Gesicht verzog.

„Ist das?“, fragte er nach. Der Geschmack weckte verborgene Erinnerungen an eine Zeit im Sommer, als sie zusammen im Wald campen waren. Wie Edward es machte, wusste er nicht, doch er schaffte es jedes Mal den Inhaber des 24 Stunden Shops oder der Tankstelle zu überzeugen ihnen nicht nur Bier, sondern auch harten Alkohol wie Wodka, Rum oder Tequila zu kaufen. Sie wollten sparsam sein, weshalb sie immer zwei, drei große Schlucke aus der Bierflasche nahmen, bevor sie die fehlende Menge mit Spirituosen auffüllten. Einer behauptete man würde es so in Asien machen. Henry war nie in Asien gewesen. Es war ihm auch egal, denn sein Kopf war nach ein paar solcher Biere immer wunderbar weich gewesen.

„Das ist es“, lachte Hyde. „Also?“

„Hm?“

„Was führt dich nach Storybrooke?“

„Ich brauchte eine Pause.“ Hyde sah ihn so durchdringend an, als wusste er, es war eine Lüge. Er zitterte, ob er ihn nun bloß stellen würde. Ein bisschen zu lautes Lachen, welches allen verraten würde, was für ein Verlierer er war. Doch nichts. Nur ein Brummen.

Er hielt die Flasche hin, damit sie anstoßen konnten. „Auf alte Freundschaften.“

Irritiert folgte er dem Trinkspruch, bevor ein langer warmer Fluss von Bier mit Rum gemixt sich brennend den Weg nach innen bahnte. Das rauchig kratzige Gefühl in seiner Kehle kam sicher nicht nur davon. Alter Freund.

„Was hast du nach der Schule gemacht?“, erkundigte sich Jekyll. Er trank das Bier viel zu schnell, denn er wünschte sich das warme, schwerelose Gefühl des Alkohols in seinem Kopf. Es schien als hätte er jemanden gefunden, der ihn seinen Wunsch nach einem Rausch erfüllen würde. Mit einer Methode, die er selbst schon längst vergessen hatte.

„Dies und das. Ich hab einiges ausprobiert…“ Hyde hielt sich ebenso vage, wie er selbst. Vielleicht war in dem Leben des Größeren auch nicht alles gut gelaufen? Nein. Unmöglich. Edward stand die Welt offen. Sie wartete auf ihn.

„Gerade leite ich einen Club.“
Da, da war es doch. Einen Club. Besser als Makrophagen zählen. Gerade als er fragen wollte, wo dieser Club war, war Hyde schon wieder zum nächsten Thema gesprungen. Manchmal war es schwer ihm zu folgen. Seine Gedanken sprangen von einem Thema zum anderen, gerade wenn er betrunken war und gerade wollte sich Jekyll nur von Hydes angenehmer Stimme tragen lassen.

„Wisst ihr noch…“ Damit versanken sie in einem Strudel aus Erinnerungen, die durch die Biere, die sie tranken immer verwaschener wurden bis sie am Ende des Abends betrunken in einem Strudel von falschen Erinnerungen hinweg geschwemmt wurden.

Teil 2: Jekylls Wohnung

„Letzte Mahnung… letzte Mahnung… letzte Mahnung“, seufzte er als er die Stufen zu seiner kleinen Wohnung hoch lief und die Briefe durchsah. Nichts erfreuliches. Nur letzte Mahnungen. Der Abend auf den Jahrmarkt mit Hyde kam ihn soweit weg vor, dabei war er doch ein heller Lichtblick gewesen. „Denken die, dass ich nach drei Briefen das Geld wie durch Zauberhand habe?“ Er steckte den Schlüssel in das marode Schloss. Aber es griff nicht. Er drückte die Klinke nach unten und der Lichtstrahl des Flures erfasste zwei dreckige schwere Boots.

Vorsichtig drückte er sich in den offenen Türspalt hinein. Überlegte er noch, ob es zu spät weg abzuhauen? Aber wenn er angegriffen werden würde, hätte derjenige ihn nicht schon längst angegriffen?

„Komm rein“, schallte eine monotone jugendliche Stimme.

Jekyll seufzte, folgte jedoch der Aufforderung. Er schloss die Tür hinter sich und betätigte den Lichtschalter. Das Licht gab seinen Besucher preis. Ein großer schlaksiger Junge mit wilden blonden Locken und einer langgezogenen Narbe im Gesicht lümmelte in seinen Sessel. Jemand, den er nicht eingeladen hatte.

„Wer bist du? Was machst du in meiner Wohnung?“

Der Junge hob einen Mundwinkel als er seinen Blick durch die kleine Wohnung gleiten ließ. Jekyll wusste was er sah. Stockflecken, Dreck, Risse und Schimmel gesellten sich zu ihm in dieser abgewohnten Behausung. Er konnte die Antwort auch ohne seine Worte hören.

Schwungvoll kam er auf die Beine und grinste ihn herablassend an während er von oben auf ihn herab blickte. „Ich hab dir ein Angebot zu machen. Komm morgen Abend dahin.“ Er hielt ihn einen Zettel hin, den er fallen ließ, bevor Jekyll danach greifen konnte. Ein amüsiertes Grinsen bekam er kostenlos, als er sich danach bückte.

„Wenn du deine Wohnung behalten und die Schulden los werden willst, bist du um 10 dort. Komm an die Bar.“

Mit lässigen Schritten ging der Junge hinaus. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, dann war Jekyll alleine mit seinem Zettel. Es war nur eine Adresse darauf geschrieben. Nichts weiter. Die Handschaft kannte er nicht. War es verwunderlich? Bis auf ein paar alte Bekannte und Hyde war er ein neues Gesicht in dieser eingeschworenen Gemeinschaft der Kleinstadt.

Wer wollte ihn helfen? Aber vor allem wie? Es musste doch einen Preis geben. Niemand war so philanthropisch unterwegs und würde ihn helfen, oder? Oder hatte jemand sein Genie erkannt? Erinnerte sich noch jemand an den genialen Henry Jekyll… und wollte ihn fördern? Ihn aus dieser schwierigen Situation helfen?
War der Abend auf dem Jahrmarkt ein Durchbruch gewesen und es war am Ende Hyde, der ihn helfen konnte? Hyde, der einen Club besaß. Er musste doch bestimmt gut verdienen, wenn er einen eigenen Club am Laufen halten wollte. Die Erinnerungen an den Abend waren nur noch bruchstückhaft und er erinnerte sich nicht daran irgendetwas über seine Schulden gesagt zu haben. Doch ausschließen konnte er es auch nicht. Fest stand, wenn er nicht hingehen würde, würde er es nicht erfahren… und er konnte noch immer ablehnen, richtig?

Jekyll sank auf den durchgesessenen Sessel während er auf die Adresse starrte.

Teil 3: Rabbit Hole

Noch einmal sah er auf den Zettel, den er in den Händen hielt. Das hier war die richtige Anschrift. Eindeutig. Es gab keinen Zweifel. Trotzdem… das Rabbit Hole? Der schwarze Hase im weißen Loch auf roten Untergrund blickte ihn gleichsam herausfordernd an, wie er ihn auch davon jagen wollte. Bisher kannte er den Laden nur vom hören sagen… aber bei dem vermeintlichen Angebot, das er bekommen würde, war es auch nicht verwunderlich, dass es auch in dazugehörigen schäbigen Ambiente passierte. Er war kurz davor zu gehen, wirklich. Doch er steckte seine Hände in die Hosentasche, spürte dort nur ein paar Münzen klimpern. Alles Geld, was er gerade noch besaß. Mit einem tiefen Seufzer ging er nach drinnen.

Der vordere Teil war dunkel. Ein paar dunkel Nischen mit Tischen und schäbigen lederbezogenen Sitzen. Ein paar Billardtische standen hell angestrahlt in der Nähe einer Jukebox und waren durch halbhohe Wände vom Rest getrennt. Eine Bar mit verspiegelter Rückwand, die eine unfassbare große Auswahl an Spirituosen bot, war der Blickfang der Bar. Er ließ seinen Blick gleiten, doch weit kam er nicht. Ein wissendes Grinsen empfing ihn. Der Barkeeper lehnte sich scheinbar entspannt gegen den Tresen, doch seine Augen ruhten auf ihn. Er schluckte hart. Sein Blick sagte ihm, was er schon die ganze Zeit gewusst hatte. Jekyll war zu verzweifelt um Hilfe abzulehnen. Er sehnte sich nach einen einfachen Weg aus seiner Situation herauszukommen. Vor allem, war es auch sein Einziger.

„Bist du überhaupt alt genug hier zu arbeiten?“, begrüßte er ihn. Weniger bissig, als er es eigentlich wollte.

„Entspann dich.“ Ein mokierendes Grinsen später stand ein Glas Gin vor ihm. „Geht aufs Haus.“

Jekyll griff danach aber er war viel zu aufgeregt, um auch davon zu trinken. Wenn er hier den Wohltäter treffen sollte, wollte er einen klaren Kopf behalten. Mit dem Glas in der Hand sah er sich um, drehte sich auf den Barhocker in der Hoffnung ein bekanntes Gesicht zu sehen, doch sie verschwammen in der Masse während die Minuten wie Stunden zerrannen. Niemand kam auf ihn zu. Keiner würdigte ihn eines Blickes. Nun ja keiner außer der Barkeeper, dessen selbstgefälliges Grinsen ihn in den Wahnsinn trieb. Er sollte lieber gehen. Das war sicher nur ein dummer Scherz gewesen und dieser Schuppen bot ihn rein gar nichts.

Plötzlich erklang ein lautes Johlen. Sein Kopf drehte sich in die Richtung aus der es kam. Ein schwerer dunkler Vorhang trennte den Raum dahinter von der Bar. Da diese große Spiegelwand mit den vielen Flaschen den Blick auf sich lenkte war es leicht ihn zu übersehen. Doch jetzt… wollte er unbedingt wissen, was sich dahinter verbarg.

„Jekyll, mein Freund, wie ich sehe, hat dir Felix schon einen Drink gegeben. Nimm ihn mit. Komm, wir gehen an einen Ort an dem wir besser reden können.“

Hyde hatte ihn ein bisschen zu fest auf den Rücken geschlagen, als er das vorschlug. Ein Schauer erfasste ihn. War es doch die Stimme, die er gleichsam fürchtete und auf die er gehofft hatte. Oder war es nur ein Zufall, dass sie hier wieder aufeinander trafen? Es schien ihn fast so, als sei Hyde überall, wo er auch war. Aber vielleicht beobachtete er ihn nur, weil er ihn von Vorteil war? Weil er ihn helfen wollte?
Jekyll konnte nicht nein sagen, weshalb er sein Glas nahm und Hyde in den hinteren Teil der Bar folgte. Direkt auf das Johlen zu und Jekyll erfasste ein vorfreudiges Prickeln als Hyde den schweren Vorhang zur Seite schob. Dahinter war eine Bühne zu sehen, die in blaues Licht getaucht war. Spiegel reflektierten das Licht, um sie größer erscheinen zu lassen. Ein bisschen Kunstnebel sowie der Song machten den schäbigen Look der Bühne komplett. Aber wen kümmerte das schon? Für ein bisschen Ablenkung vom Alltag sorgten auch solche Orte.

Hyde ließ sich in eine Nische fallen, deren Ledercouch nicht ganz so zerschlissen war und grinste Jekyll an, dann machte er eine Handbewegung, dass er sich ebenfalls setzen sollte. Fasziniert verschwand er mit Hyde in der dunklen Ecke während vor ihnen die Männer johlend und klatschend auf die Bühne starrten.

Eine brünette junge Frau in engen glitzernde Shorts und einen dazu passenden Bh war auf der Bühne erschienen. Ihr Kleid darüber war schon verschwunden. Auch, wenn ihre Bewegungen behäbig waren, verschwommen, als hätte sie ein bisschen zu tief schon ins Glas geschaut, war sie anmutig. In einem Wort...wunderschön. Er verstand die johlende Menge. Ihre Bewegungen zu dem Lied während sie nach und nach ihre Kleidung abstreifte.

„Die kleine Lacey hat etwas, nicht wahr?“, fragte Hyde amüsiert.

„Ähm…Nun ja…“, stotterte Jekyll verlegen.

„Kein Grund sich schlecht zu fühlen. Jeder Mann hat doch Bedürfnisse.“

Mann… Dümmlich grinste Jekyll bei dem Gedanken daran, dass Hyde ihn als Mann sah. Als richtigen Mann. Gleichberechtigt.

„Ich wusste, dass du kommen würdest. Du kannst einen guten Handel nicht ausschlagen. Ich habe von deinen Problemen gehört und das tut mir leid. Wirklich. Lass mich dir helfen diese Unpässlichkeit zu überwinden.“

War es so offensichtlich oder hatte der Alkohol bei ihren letzten Treffen ihn doch gesprächig gemacht? Er wusste nicht direkt, wie er darauf reagieren sollte. Sein Gesicht spiegelte alle Emotionen wieder, die er gerade zu fühlen vermochte. Von empört aufstehen und diese Hilfe als Unterstellung und infame Lüge abtun bis hin zum kriecherischen Danke war alles dabei. Er sah keine Bösartigkeit in seinen Blick, nein nur Ehrlichkeit und Freundlichkeit.

Bevor er fragen konnte, wie die Hilfe aussehen sollte, schob er ihn einen Zettel zu in dem eine Bestellmenge stand. Es brauchte nicht lange bis er verstand, was er da herstellen sollte. Er biss sich auf die Lippe. Zwar er verzweifelt, aber war er so verzweifelt? Konnte er das machen? Rein technisch gesehen war es nicht besonders schwer, doch moralisch?

„Unten im Keller steht alles bereit. Wie lange brauchst du dafür?“

„Ich schätze ein halbes Jahr… aber…“

„Gut. Ich wusste, du triffst die richtige Entscheidung.“

„Aber…. Aber…“

Hyde winkte ab. Er ließ keine Einwände gelten und Jekyll verstummte. „Lass uns nicht mit Kleinigkeiten herum streiten. Mary, bring Lacey zu uns. Du hast doch nichts dagegen“, sagte er mit einem gönnerhaften Grinsen.

„N-N...nein. Aber…“

Wenig später stand die hübsche Brünette vor ihm. Sie nahm das Glas Gin und kippte es runter. „Willst du hier oder wollen wir privat gehen?“, fragte sie gleich. Ihr Lippenstift war verschmiert und auch das Augen Make-Up saß nicht mehr ganz so gut. Das Bühnenoutfit schien sie schnell wieder angezogen zu haben, denn die Shorts hingen schief auf ihrer Hüfte. Aber das machte nichts. Sie sah trotzdem wunderschön aus.

„Geh mit ihm nach hinten.“

Teil 3: Rabbit Hole

Seit drei Monaten ging er schon im Rabbit Hole ein und aus. Jeden Abend kam er ein bisschen früher in die Bar. Bestellte sich bei Felix einen Gin Tonic und ging damit in das Hinterzimmer. Nur um Lacey tanzen zu sehen. Zumindest jeden Tag außer Mittwoch. Mittwochs war Ladies Night und Mittwoch war sein neuer Lieblingstag. Heute war zum Glück Mittwoch.

„So früh schon da“, begrüßte ihn Lacey. Ihr Grinsen war hinreißend. Er verstand nicht, warum Hyde sie nicht öfter an die Bar ließ. Es war wesentlich angenehmer sie anzusehen als Felix zerschnittenes Gesicht mit dem immer gleichen herablassenden Grinsen. Bildete sich der Rotzbengel ein besser zu sein als er? Aber Mittwochs war es Felix Aufgabe sich um die Stange im Hinterzimmer zu wickeln und die Frauen zu bedienen. Nun ja… wem es gefiel. Aber an Mittwochabenden konnte er sich mit Lacey kostenlos unterhalten. Die Drinks gingen aufs Haus, wobei Lacey nicht so genau wie Felix darauf achtete, dass er sich nicht betrank bevor er mit seiner Arbeit fertig war.

Lacey schob ihn ein Glas über die Bar und lehnte sich dagegen. Sie sah heute besonders hübsch aus in ihren engen roten Kleid, welches so schön mit ihren roten Lippen harmonierte. Unwillkürlich leckte er sich über die Lippen, als er das Glas nahm und seine Kehle anfeuchtete, bevor er ein Ja stotterte.

„Viel zu tun?“

„J-J-j...ja“

„Schade, ich dachte schon, du kommst wegen mir.“ Ihr Schmollmund war bezaubernd und sie sah ihn von unten durch ihre Wimpern an. So wunderschön… Er versuchte die Röte zu bezwingen, die in seinen Inneren aufstieg. Aber die Hitze blieb. Es war offensichtlich. Natürlich war es offensichtlich, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte. Hyde hatte es gleich am ersten Tag
bemerkt, wie seine Augen auf ihr lagen.

„Lacey?“

„Hm?“

Sie setzte ein Shotglas an und kippte es hinunter. Vermutlich war es ein Grund, warum sie nicht hinter die Bar sollte. Sie war selbst die beste Kundin. Aber wenn sie ihn so direkt ansah. Dann konnte er sie nicht fragen, ob sie gerne eine Stripperin war. Gerne in dieser beschissenen Bar arbeitete und ob sie den Alkohol gerne trank oder nur trank, weil sie vergessen wollte, was aus ihr geworden war. Es kam ihn auch nicht über die Lippen sie zu fragen, ob sie mit ihm auf ein Date gehen wollte.

„Gib mir auch einen.“

Doch bevor er den Shot trinken konnte, deckte eine große Hand diesen ab und die andere lag auf seinen Rücken.

„Wir wollen doch nichts riskieren. Am Ende fackelst du den Laden ab“, lachte Hyde und Jekyll wollte erwidern, dass er sehr wohl wusste, was er tat. Es bestand keine Brandgefahr. Wenn dann doch nur deswegen, weil es kein richtiges Labor war in dem er arbeiten musste. Er wollte nicht schwach vor Lacey wirken. Doch außer verlegen auf den Boden sehen und von dem Barhocker gleiten blieb ihm nichts weiter übrig.

„Gehen wir nach unten. Ich muss mit dir reden.“

Jekyll wollte nicht, doch er wollte auch nicht widersprechen. Nicht nach allem, was er Hyde alles zu verdanken hatte. Auch wenn es nicht gerade der legale Weg war seine Schulden abzuarbeiten. Was hätte er sonst tun sollen mit seinen Lebenslauf? Nein, es war eine Sache, die er hier abzuleisten hatte.

Trotzdem warf er Lacey einen entschuldigenden Blick zu, den sie mit einem knappen Lächeln erwiderte und sich ein weiteres Glas einschenkte.

Er folgte Hyde in das kleine Labor im Keller. Im Moment war alles still, aber gleich würde es wieder blubbern und brodeln. Der Zauber der Chemie würde wirken. Jekyll ging zu einem Waschbecken, um sich ordentlich die Hände zu waschen während er gespannt auf Hydes Anliegen wartete. Wollte er ihn etwa sagen er würde schlecht arbeiten? Das konnte nicht sein… er machte es penibel genau.

„Ich bin sehr zufrieden mit dir, Henry.“

Erleichterung. Ein großer Stein fiel von ihm ab. Er hatte gar nicht gemerkt, wie angespannt er gewesen war und merkte, wie nach all der Zeit er noch immer das Lob des anderen brauchte. Wollte er ihn vielleicht ein weiteres unmoralisches Angebot machen? Wenn ja… würde er es annehmen? Genau genommen konnte Hyde ihn jederzeit mit noch mehr erpressen und wenn er hier wäre, würde er Lacey sehen können. War das ein Preis, den er zu zahlen bereit war?

„Wirst du es in der Zeit schaffen?“

„Ja.“

„Sehr gut.“

Hyde schenkte ihn ein undurchsichtiges Lächeln. Es kam Jekyll so vor, als wollte er noch etwas sagen, aber stattdessen drehte er sich um und ging mit auf den Rücken verschränkten Armen wieder nach oben.

Sehr zufrieden...

Teil 4: Rabbit Hole

„Ist es nicht furchtbar langweilig hier unten allein zu sein?“, fragte Felix, der auf einem Podest lag und mit seinem Handy spielte. Die Schutzausrüstung und sterilen Umgebung kümmerten ihn wenig. Dafür fand es viel zu amüsant Jekyll hier unten auf die Nerven zu gehen. Warum sich ausgerechnet der Junge zu ihm gesellen musste, verstand er nicht. In unregelmäßigen Abständen schien er es sich zur Aufgabe gemacht zu haben ihn hier zu piesaken. Nun ja vielleicht nicht aus diesen Grund. Er wusste schon, warum er hier unten war. Die Zeit im Rabbit Hole ging zu Ende. Die bestellte Menge war fast erreicht. Doch das letzte halbe Jahr war es zu einer schönen Routine geworden hier her zu kommen. Den Geruch nach Rauch, Spirituosen, billigen Deo und Kunstnebel zu riechen. Zu wissen, dass hinter den dunkeln Vorhang eine kleine Welt für sich wartete. Er konnte jeden Abend hier verbringen, etwas trinken, hatte ein bisschen Geld für sein Essen. Brauchte sich keine Gedanken um Miete und die Drinks machen. Sogar Felix, der ihn jeden Abend mit demselben Grinsen bedachte, gehörte zu dieser Routine. Aber je näher der Tag X kam an dem er fertig werden würde, desto langsamer wurde er. Hatte er zunächst nur daran gedacht, wie unmoralisch und falsch es war, die Stadt mit dieser Droge zu versorgen… war es jetzt eine Routine. Er dachte nicht mehr darüber nach, was sie anrichtete. Die Menschen wurden nicht gezwungen sie zu nehmen und wenn er sie nicht herstellte, dann machte es jemand, der nicht so versiert war wie er. Dann würden die Menschen schlechte Drogen nehmen. Stoffe, die verunreinigt waren, weil die Menschen sich nicht um die Gesundheit der anderen scherte und nur minderwertigen Dreck verkauften. Mit diesen Gedanken ließ es sich nun doch erstaunlich leicht einschlafen.

Aber je langsamer er arbeitete, desto öfter besuchte Felix ihn hier unten. Warum hätte es nicht Lacey sein können? Aber sie musste oben ja tanzen und die Gäste unterhalten. Er hörte ihr Johlen. Diese übergriffigen Kerle, die Lacey gar nicht kannten. Die auch nicht daran interessiert waren sie besser kennenzulernen. Es reichte für sie, dass sie komplett blank zog. Ab und an einen Lapdance. Dabei hatte sie bestimmt viel Potential. Wenn er sich nur trauen würde, mit ihr auszugehen. Dann könnte er ihr zeigen, wie wunderbar die Welt war und wie schön das Leben an seiner Seite sein könnte. Natürlich war er nicht so eindrucksvoll wie Hyde. Doch er hatte auch seine guten Seiten, richtig? Er konnte sich auch ändern. Ab und an mal ins Fitnessstudio gehen, sie könnten zusammen in Therapie gehen, damit sie ihre Sucht besiegen konnten.

„Nicht so furchtbar, wie wenn du hier bist“, murmelte er während er gerade den nächsten Schritt durchführte und dafür eigentlich seine volle Konzentration brauchte. Doch nicht nur Felix Anwesenheit, sondern auch seine Sorge um die Zukunft lenkte ihn ab. Er wollte nicht weg. Er wollte hier bleiben. Seinetwegen auch weiterhin die Menschen mit Drogen versorgen, wenn es sein musste. Aber er war gerade warm geworden mit all dem hier… da sollte es nicht wieder vorbei sein. Die Abenden an denen er nicht nur mit Lacey trank, sondern auch mit Hyde. Wenn sie immer wieder die gleichen Geschichten ausgruben. Diese wohlig warme Gefühl, wenn man irgendwo angekommen war. Es sollte nicht so einfach vorbei sein.

„Komplimente verteilen kannst du“, sagte Felix mit einem süffisanten Grinsen und drehte sich auf dem Podest um. Das Handy klatschte auf den nackten Beton. „Wie lange brauchst du noch? Ich muss noch ausliefern.“

„Ich kann nicht zaubern.“

„Aber dich beeilen.“

Jekyll verdrehte die Augen während er sich wirklich konzentrieren musste, sonst würde er wirklich noch Hydes Bar abbrennen. Würde man ihn glauben, dass es nicht seine Schuld war? Denn genau genommen war es dann Felix Ungeduld gewesen.

„Apropos Komplimente…“

Er konnte das Gift schon in Felix Stimme hören. Sie triefte vor Spot und Niedertracht.

„Lacey wartet oben auf dich. Sie will noch einen Absacker mit dir trinken… Du kennst ihren Zug. Am Ende hat sie sich schon unter den Tisch getrunken.“

Jekyll biss die Zähne fest zusammen. Nein, Felix würde ihn so nicht aus der Reserve locken. Nein… nein… Trotzdem, seine Finger arbeiteten schneller und am Ende war eine halbe Stunde eher fertig, als er vor hatte.

„Den Rest kannst du ja.“ Er sah zum Endprodukt, welches jetzt von Felix abgefüllt werden konnte. Ein kleines selbstzufriedenes Grinsen konnte er sich nicht verkneifen bei dem Gedanke daran, dass Felix jetzt die Drecksarbeit machen konnte. Denn bevor er es ausliefern konnte, musste er es noch portionieren. Er hörte, wie der Junge aufstand und nach dem Handy griff, welches neben ihn gelegen hatte. Die ganze Zeit vibrierte es, was er aber ignorierte während er Jekyll beobachtet hatte.

„Jekyll…“, sagte Felix und sah ihn an. Dieses Mal ganz untypisch ohne sein markantes Grinsen. „Mach dir nicht zu viel Hoffnung“, gab er ihn als Abschiedsgruß mit als Jekyll nach oben stieg. Jekyll tat es ab. Felix eben.

Mit jeder Stufe, die er nahm, wurde er nervöser. Sein Herz schlug schneller und er versuchte das Grinsen wieder zurück zu drängen. Noch einmal putzte er die Brille, die er schon gesäubert hatte. Aber nachdem er die Schutzbrille und den Anzug ausgezogen hatte, fühlte er sich immer ein bisschen dreckig. Er richtete die Sachen und ging in Richtung Bar. Er würde sie jetzt fragen. Seine Zeit hier war fast vorbei, dann würde er nicht mehr hier arbeiten. Dann konnte sie doch wenigstens ein Date mit ihm gehen? Er kam der Bar immer näher und damit wuchs auch sein Entschluss sie zu fragen. Er würde jetzt keinen Rückzieher machen. Mit festen Schritten erreichte den Tresen. Doch… keine Lacey. Nur leises Schnarchen.

„Ich schätze du warst zu langsam“, sagte Hyde, der auf einen Barhocker saß und vor dem ein Glas stand. Er hatte ihn gar nicht mitbekommen, weshalb er leicht zusammen zuckte. War er so auf sein Ziel fokussiert?

Jekyll knirschte mit den Zähnen, wollte sich gerade beschweren, als Hyde ihn den Wind aus den Segeln nahm indem er ein Glas hinstellte. Sie sollten doch wenigstens Lacey etwas bequemer hinlegen? Die Sitzgelegenheiten waren allesamt leer. Die Bar war geschlossen. Da konnte sie doch nicht wirklich auf den Boden schlafen.

„Dann trinken wir einen Absacker, alter Freund.“

Teil 5: Grannys

„Heute frag ich sie…“, sprach er sich selbst Mut zu. Er war beim Friseur gewesen, hatte etwas Eau de Cologne aufgetragen und ein neues Hemd angezogen. „Heute. Heute ist der Tag.“ Ja, heute war der Tag. Felix Worte waren vergessen. Es war nichts gewesen. Felix wollte ihn nur aufziehen und ihn wissen lassen, dass er trotzdem zu langsam war. Das es seine Strafe war. Egal. Heute würde sein Tag werden.
Schwungvoll öffnete er die Tür des Diners und stieß dabei das kleine Glöckchen an. Fröhlich verkündete es sein Eintreten. Munter und frei. So wie er sich heute auch fühlte. Wann immer er in der Stadt unterwegs war sah er in die Gesichter der Menschen, wobei er versuchte festzustellen, ob sie einer derjenigen war, die seinen Stoff nahmen. Er wusste es nicht, wem Felix das Zeug verkaufte, aber es machte ihn unterschwellig stolz, wenn er die Menschen sah, die sich nun ein bisschen Ablenkung gönnen konnten. Auch wenn sie nicht wussten, wem sie das zu verdanken hatten. Wenn Felix den ganzen Ruhm einsackte.

„Einmal Burger mit Pommes und Cola“, bestellte er und sah sich um. Auch jetzt konnte er nicht lassen die Menschen zu mustern in der Hoffnung ein Anzeichen zu finden, dass sie bei ihm Kunden waren. Kunden bei ihm… das klang doch gut. Vielleicht sollte er doch mal in der Apotheke nachfragen, ob sie eine Stelle für ihn frei hätten. Oder im Krankenhaus. Irgendwo würde er sicher gebraucht werden. Wenn Lacey und er erst einmal aus der Sache raus waren, dann würde ein gutes Leben auf sie warten. Er würde sich von den Spielcasinos fernhalten. So wie er es jetzt auch tat. Obwohl es ihn in den Fingern juckte. Er hatte ein bisschen Geld. Wie schön wäre es, wenn er es vermehren könnte? Schnell vermehren. So eine Therapie war nicht billig und die Miete für ein kleines Häuschen musste auch drinnen sein. Nein, er konnte ihr gemeinsames Leben nicht auf einem Blackjack Tisch aufbauen, richtig?

„Lacey“, sagte er überrascht, als ihr plötzliches Erscheinen ihn aus seinen Gedanken riss.

Er hatte die Frau noch nie außerhalb des Rabbit Holes gesehen. Beschämt sah er zu Boden. Ihr Gesicht war noch immer leicht schwammig, aber das kam sicher von der Menge Alkohol, die sie konsumierte. Sie sah frischer aus. Ihr Make-Up saß. Aber die Vorliebe für enge Kleider, die war geblieben. Wussten die Menschen, dass sie als Stripperin arbeitete? Wollte ihr niemand helfen? War er der Einzige, der sich wirklich um sie kümmerte? Sie musste doch nicht hier alleine sitzen und doch… war es eine perfekte Gelegenheit.

„Jekyll… was machst du hier?“

„Ich hol mir etwas zu essen“, sagte er nervös und deutete auf den Counter hinter sich. Zu fragen, was sie machte, wäre nicht gerade intelligent. Er wollte nicht dumm wirken. Sie waren offensichtlich in einem Diner. Aber sie waren nicht im Club. Kein Hyde, kein Felix. Niemand von den Gästen. Er bräuchte hier keine Angst haben, dass sie zu betrunken war, um zu vergessen, was er sie gefragt hatte. Sie war gerade nüchtern und sah so zuckersüß aus mit dem leicht offenen Mund und den großen blauen Augen. Er würde es jetzt tun. Heute war der Tag. Heute war sein Tag. Kein Grund zu zögern. Wenn er es jetzt nicht tun würde, dann würde er es nie tun… Jekyll musste sich nur einen Ruck geben.

„Lacey… ich wollte dich schon die ganze Zeit fragen, ob du… mal mit mir essen gehen würdest.“

Angespannt wartete er auf eine Antwort. Sein Herz schlug ihn bis zum Hals während er mit einem erwartungsfrohen Lächeln zu ihr sah.

Die Antwort bekam er nicht, denn sie brach lauthals in Gelächter aus und aus dem Waschraum trat Gold, der sich auf den Sitz ihr gegenüber setzte.

„Lacey, ist alles in Ordnung, Liebes?“, fragte Gold irritiert.

Liebes… War es möglich? Erschrocken sah er zwischen den beiden hin und her. Nein, das konnte doch nicht sein. Er konnte sich nicht so einfach getäuscht haben? Die Abende an denen sie zusammen getrunken hatten und sich unterhielten. Da war etwas zwischen ihnen. Er hatte es in ihren Augen gesehen. Sie war nicht nur nett gewesen. Sie war interessiert. Sie hatte gelauscht während er ihr von seiner Arbeit erzählte. Da war etwas zwischen ihnen. Ganz einfach. Warum lachte sie dann? War sie stattdessen mit diesem alten Mann aus?

Jekyll wollte mit mir ausgehen“, brachte Lacey prustend raus.

Mit zur Faust geballten Händen stürmte Jekyll raus ohne auf sein Essen zu warten.

Teil 6: Rabbit Hole

Die Schmach vor der halben Stadt ausgelacht zu werden saß tief. Die Bestellung hatte er heute Nacht beendet und saß nun an der Theke. „Solltest du nicht feiern. Schuldenfrei“, grinste Felix als er ein Glas Gin vor ihn hinstellte und sich selbst eines nahm.
„Mir ist nicht danach.“

Felix trank einen kleinen Schluck. Bisher war ihm noch nie aufgefallen, dass der Jüngere auch etwas trank. Solche Kleinigkeiten waren ihn sonst nicht entgangen, aber seine Aufmerksamkeit war gleich von der jungen hübschen Stripperin gefangen genommen.

„Du kannst es gebrauchen.“

War da Sorge in Felix Stimme? War seine Aussage von letztens nicht nur so dahin gesagt, sondern wusste er davon, dass Lacey und Gold ein Paar waren? Oder wie auch immer sie es nannten. War er als Einziger so blind gewesen es nicht zu bemerken? Aber wie hätte er es merken sollen… wenn ihn niemand etwas sagte.

„Felix, Peter wartet draußen… mach Feierabend“, befahl Hyde, der sich auf den Platz neben Jekyll setzte und sich das Glas nahm an dem Felix eben noch genippt hatte.

Jetzt kam das Gespräch, oder? Er war fertig. Würde Hyde ihn mit einem Händedruck wegschicken? Gut gemacht und das wars? War er so herzlos? Sie waren doch Freunde und in den letzten Monaten war er immer um ihn herum gewesen. Immer besorgt. Sie waren Freunde. Sicher da waren die kleinen Unstimmigkeiten und er dachte, es wäre wegen Lacey. Aber was war, wenn Hyde und sogar Felix versuchten ihn von dieser Dummheit abzuhalten indem sie immer wieder ablenkten… Dabei dachte er nur, es wäre, weil Hyde selbst ein Auge auf sie geworfen hätte. Und mal ehrlich? Wer ließ seine Freundin in einen Schuppen wie diesem arbeiten? Damit sie von anderen Männern begehrt wurde. Das hätte er nicht ahnen können… Er seufzte leise. Hyde war eben doch sein Freund gewesen. Wenn auch auf seine Art und Weise. So wie es eben nur Hyde war. Trotzdem war er froh zurück gekommen zu sein. Seine Schulden waren abgetragen und wenn er schon keine Frau bekommen hatte, dann wenigstens eine alte Freundschaft aufleben lassen. Ein Freund war doch viel mehr Wert als irgendeine Stripperin, richtig?
Dabei war er so überzeugt davon gewesen, dass sie sich für ihn entschieden hätte. Das sie sich mal nicht für den großen Hyde interessierte, sondern für ihn. Den kleinen Jekyll. Aber scheinbar waren sie dieses Mal beide leer ausgegangen.

„Du hast gute Arbeit geleistet.“

Jekyll wartete ab und sah zu ihm, ob noch mehr kam. Da musste doch noch mehr kommen, oder? Er war sein Freund. Ein wahrer Freund, der ihn in der Not geholfen hatte… sie könnten jetzt als Partner weitermachen? Er würde nicht nein sagen, wenn er ihn fragen würde… er musste nur fragen.

„Kann ich nicht…“, begann er leise, als nichts weiter kam. Hyde hatte nur ein Schluck von dem Gin genommen.

„So gerne ich ja sagen würde… aber nein.“

„Und wer soll das jetzt machen? Du brauchst mich.“

„Felix.“

„Felix?“ War das der Grund gewesen, warum der Junge so oft bei ihm unten herum gehangen war? Weil er ihn ersetzen sollte? Jekyll griff fester um das Glas in seiner Hand. So einfach ließ er sich nicht von einem einfachen Stripper ersetzen. Egal, wie gut er hier hinter der Bar war oder er die Beine um eine Stange wickeln konnte, er würde ihn niemals ersetzen. Niemals an die Qualität heran kommen und trotzdem fühlte er sich benutzt. Er hatte noch extra langsam gearbeitet, damit er länger hier war. Dabei hatte Felix noch mehr Zeit gehabt sich alles genau anzuschauen. Jeden einzelnen Schritt zu analysieren und sich genau einzuprägen. Mit offenen Mund sah er zu Hyde. Das war ein Scherz, richtig?

„Henry… du hättest Lacey nicht fragen sollen.“

„Was? Warum? Was hat das jetzt mit Lacey zu tun?“

„Dem Besitzer hat es nicht gefallen.“

Jekyll sah ihn entgeistert an. Er war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Hyde diese Bar gehörte. Auf dem Jahrmarkt hatte er doch laut getönt ihm würde diese Bar gehören. Er war der Besitzer und jetzt deutete er an, dass sie Gold gehörte? Mehr noch, dass er für Gold arbeitete? Das er die ganze Zeit für Gold gearbeitet hatte… Einem Mann ohne Gewissen und Skrupel. Dem Mann, dem Lacey ihr Herz geschenkt hatte.

„Was? Aber kannst du nicht…“

„Es hat ihm nicht gefallen, dass er dir eine Chance gegeben hat deine Schulden abzuarbeiten und du ihn so hintergehen willst. Wir sind keine alten Freunde, Jekyll… ich schulde dir nichts. Ich hab mich schon genug für dich stark gemacht.“

Hyde stand auf und drückte seine Schulter etwas fester, ließ ein Bündel Dollarscheine neben ihm liegen und ging mit einem letzten Grinsen. „Gib nicht wieder alles am Blackjack Tisch aus“, verabschiedete er ihn.

Fassungslos starrte Jekyll ihm hinterher.

Das war ein abgekartetes Spiel gewesen… seit er seinen Fuß in diese verfluchte Stadt gesetzt hatte.

Wir sind keine alten Freunde, Jekyll…

Nein… und vermutlich waren sie nie Freunde gewesen.

 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast