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Das Jahr, das niemals war.

von Golo
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller Reimund Girwidz Sonja Wirth Yazid
23.04.2022
15.05.2022
3
3.058
5
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7 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
23.04.2022 858
 
Großes Danke an luluandronja, die mich ermutigt hat, diese Geschichte zu schreiben, obwohl die Welt nicht unbedingt auf Stubert Slash gewartet hat. Zwei Kapitel sind fertig. Wer mehr will, sagt Bescheid :D

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Das Jahr, das niemals war.


Kapitel 1 - Fallen


Was macht aus einem Ereignis einen Schicksalsschlag? Was ist so furchtbar daran, wenn etwas Unerwartetes passiert? Warum zieht es dir so den Boden unter den Füßen weg, wenn dir selbst dabei eigentlich gar nichts geschieht? Wie kommt dieses plötzliche Gefühl in der Magengegend zustande, als wenn du im Fahrstuhl ganz schnell nach unten fährst, obwohl du doch sitzt. Warum wird dir kalt, obwohl es warm ist? Warum schwitzen deine Finger? Warum saust dir das Blut in die Füße? Sind das nur neurologische Stressreaktionen? Oder ist der schockierende Kontrast zwischen Vorher und Nachher zu viel für das fragile Konstrukt, dass du Leben nennst?


Vorher – Da ist alles gut. Normal. Wie immer.


Polizeiobermeister Franz Hubert von der Polizeiwache Wolfratshausen saß an seinem Schreibtisch und schob Dienst nach Vorschrift. Langweilig, aber ermüdend. Er war allein, was ungewöhnlich, aber nicht weiter schlimm war. Seinen Kollegen und, in Ermangelung eines besseren Wortes, Freund Johannes Staller, ebenfalls Polizeiobermeister, hatte er auf Streife geschickt – die Leitstelle hatte irgendwas von einer Ölspur auf der Straße durchgegeben - weil er für den Polizeibericht zum Fahrraddiebstahl von vor zwei Monaten, den er weder dem Riedl noch der Sonja aufs Auge gedrückt bekommen hatte und der von seinem genauso energischen, wie inkompetenten Chef Polizeirat Reimund Girwidz inzwischen mit Ausrufezeichen in der Stimme eingefordert wurde, Ruhe brauchte.

Franz Hubert, von seinen Kollegen, Freunden und seiner Ex-Frau Dr. Anja Licht, die sich, wie Schroedinger's Katze, gleichzeitig inner- und außerhalb dieses Zirkels bewegte, nur Hubsi genannt, war ein Mann der Tat, nicht unbedingt des Wortes. Auch nicht im Mündlichen, wo er es, nach Möglichkeit, mit Zwei- bis Drei-Wort-Sätzen und trockenen bis beißenden Floskeln bewenden ließ. Auf Bayrisch. Der Polizeibericht stellte für Hubert daher eine besondere Form der Folter im Dienst dar, denn er erforderte zwei Dinge, die ihm komplett gegen den Strich gingen. Erstens – sachliche und wortreiche Erklärungen zu völlig belanglosen Vorfällen, die man mit einer sauberen Watschen weit effektiver aus der Welt geschafft hätte. Mit Nebensätzen, Interpunktion und allem Drum und Dran. Und Zweitens – in Beamtendeutsch, was in seiner pedantischen Kleinkariertheit noch schlimmer war, als Hochdeutsch an sich.

Er hatte den Hansi weggeschickt, weil er sich über ihn geärgert hatte, wie der ihn breit und schief angegrinst hatte mit seinem großen, kantigen Gesicht, und das lange Streichholz hochgehalten hatte. Und weil er keine Zuschauer brauchte, wenn er dasaß und sich widerwillig abmühte. Vor ihm die uralte Schreibmaschine, die er seit Jahren vor der Inventur rettete, um sich des Umstiegs auf moderne Büroausstattung zu erwehren. Die Zunge zwischen den Zähnen. Die Lesebrille auf der Nase, von der Niemand wissen sollte, dass er sie hatte. Die gefurchte Stirn und die lautlos vorgetragenen Worte, die seine Lippen formten, während er sich stumm die Sätze vorsprach, um sie wieder zu verwerfen, oder auch nicht.

Polizeimeisterin Sonja Wirth, kompetent und mitfühlend, wie sie war, brachte ihm eine dampfende Tasse pechschwarzen Kaffees an den Schreibtisch, ohne ein Wort zu sagen – nicht zur Schreibmaschine, nicht zur Lesebrille, nicht zum Polizeibericht – und ging dann wieder. Guter Mann, die Sonja. Viel zu gut, um in der Provinz zu versauern. Sobald ihr das klar würde, wäre sie weg. Aber darüber nachzudenken wäre kontraproduktiv. Hubsi schaute aus dem Fenster. Graue Straße, blauer Himmel, grünes Gras. An Normalität nicht zu übertreffen. Und dann...

Dann kam der Anruf.

Der Anruf auf sein Handy, von dem auch keiner wissen sollte, dass er es hatte.

Dessen Nummer nur drei Menschen überhaupt bekannt war.

Und die sie nur für Notfälle benutzen durften.

Ja, und dann – dann kam der Schlag.


Und hinterher – hinterher ist plötzlich nichts mehr, wie es war.


„Hubert. Ja..? Ja... Was? Der Hansi!...........Was genau heißt...?“

Huberts Stuhl kippte nach hinten als er aufsprang.

„Ich.... Ja, alles klar.“

Eine riesengroße, fette Lüge.

„Ich... Nein, ist gut. Gut... Ja, ich komme sofort...Wiederhören.“

Sonja steckte fragend den Kopf in die Tür und Hubert konnte sie nur ansehen, stand da mit dem Handy in der einen Hand und der Lederjacke in der anderen. Der Lederjacke, die über der Stuhllehne gehangen hatte und die er vom Boden aufgehoben hatte, weil er jetzt los musste. Ganz schnell los musste. Unbedingt, sofort LOS MUSSTE.

„Was ist denn passiert?“, fragte die schlanke Blondine. Was immer sie in seinem Gesicht las, ließ sie die richtigen Schlüsse ziehen. Denn sie sprach leise und ernst und eindringlich. Wie zu einem Angehörigen. Hubert wurde ganz kurz übel, doch er fing sich schnell wieder. Zerquetschte wahrscheinlich gerade das verfluchte Handy in seiner Rechten und es war ihm scheißegal.

„Ich muss ins St. Vinzenz. Kannst mich fahren?“

Sonja nickte und stellte keine dummen Fragen. Hubert war ihr lächerlich dankbar dafür. Denn wenn er jetzt die Worte Hans und Autounfall in einem Satz unterbringen müsste, dann würde er die Fassung verlieren. Hier und jetzt. Und er war zu alt und zu lange Polizist für solchen Scheiß.

„Du wartest vorne, ich hol' mein Auto.“

Hubert nickte und setzte sich in Bewegung.



tbc
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