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Under The Surface

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
G'raha Tia Y'shtola Rhul
21.04.2022
15.08.2022
3
7.195
 
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21.04.2022 4.436
 
G'Raha Tia • Angst/Hurt • Feels • Comfort • Hint of Depression • Trauma

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Also war Rahas Auftauchen kein Zufall gewesen. Es war Kana‘a von Anfang an klar gewesen, dass seine Schwester ihre Finger mit im Spiel hatte sodass ihre Enthüllung alles andere als eine Überraschung war.

„Ist schon in Ordnung.“

Er versuchte ihre Sorgen, ihre Hilflosigkeit damit zu beschwichtigen, doch stattdessen bildeten sich Tränen in ihren Augen. Sie zog hörbar ihre Nase hoch und fiel ihm schließlich in die Arme, drückte ihn fest an sich und vergrub ihr Gesicht in seinem Haar. Automatisch erwiderte er die Umarmung und wusste nicht so recht wie er damit umgehen sollte.

„Ich weiß, dass du mir nicht sagen kannst was dich bedrückt, aber bitte, bitte Kana‘a, lass dir stattdessen von ihm helfen.“

Sie wisperte ihm so leise ins Ohr, dass er sich anstrengen musste Lehfo überhaupt zu hören. Schuld lud sich schwer auf seine Schultern, denn er wusste genau wovon seine Schwester sprach. Kana‘a hatte gelernt eine Rolle zu spielen, die eines Helden der voran ging ohne zu Zögern, ohne Zurückzusehen und Diese abzulegen war nach all der Zeit mehr als schwierig. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Ohren legten sich schuldbewusst an.

„Es tut mir Leid Lehfo.“

Sanft strich er ihr über den Rücken, unterbrach dies aber sogleich als sich seine Schwester soweit von ihm löste um ihn anzusehen. Sie rieb sich mit dem Handrücken über die Augen und schniefte einmal herzhaft.

„Das braucht es nicht. Wirklich…“

Sie schüttelte leicht mit den Kopf.

„Wir haben uns verändert über die Jahre, aber du bist immer noch mein kleiner Bruder und ich will dir helfen. Das nicht tun zu können schmerzt sehr.“

Wieder bildeten sich Tränen, die sie versuchte mit einem Blinzeln zurückzutreiben. Sie lächelte traurig, was Kana‘a einen Stich im Herzen versetzte.

„Ich liebe dich, hörst du?“

Sie gab ihm einen kräftigen Kuss auf die Wange, der einen von Tränen getränkten Abdruck hinterließ und drückte ihn noch einmal.

„Hör auf deine grosse Schwester und öffne dich jemanden. Das hilft, wirklich.“

Sie hoffte sehr, dass Kana‘a diesen Schritt gehen würde. Kalt liess ihn das ganze nicht, das konnte sie, auch wenn er versuchte das ganze hinter einer unerschütterlichen Maske zu verstecken, deutlich erkennen. Es waren Kleinigkeiten, die ihr das verrieten, die Art wie die Bewegung seines Schwanzes für eine Sekunde stockte, wie seine Ohren sich eine Nuance senkten, wie sein Kiefer sich kaum sichtbar anspannte. Die Sinne der Miqo‘te waren scharf und spielten ihr zu.
Sie löste sich endgültig von ihrem Bruder und erhob sich, wandte sich ihrem Gast, der die ganze Zeit schweigend dabei gesessen hatte zu. Sie wusste, dass sie viel von ihm verlangte, hatte es gewusst, als sie Kana‘as Kontaktperle genutzt hatte um ihn zu erreichen, dennoch konnte sie nicht behaupten ein schlechtes Gewissen zu haben.
Raha erwiderte ihren Blick und lächelte warm, was sie nicht anders als mit einem eigenen Lächeln beantworten konnte. Sie war froh ihn gerufen zu haben und erhoffte sich viel von seiner Anwesenheit. Der Kloß in ihrem Hals wuchs erneut und so nickte sie dem Seeker lediglich zu.

„Wohin gehst du?“

Kana‘a sah zu ihr hoch und schien sie nicht aufhalten zu wollen, er wusste wohl genau, dass er gegen ihren Sturkopf nicht ankommen würde. Sie lächelte.

„Ich besuche Jhana also rechnet heute nicht mehr mit mir.“

Sie zwinkerte ihren Bruder mit einem verschmitzten Lächeln zu und verabschiedete sich.

„Ich hoffe wir sehen uns morgen.“

Meinte sie an Raha gewandt und hob ihre Hand zum Abschied. Dann verliess sie den Raum, von den Blicken der beiden Männer verfolgt.

Stille erfüllte den Raum für einige Zeit, bis Kana‘a schließlich das Wort erhob.

„Tut mir leid, das muss gerade unangenehm für dich sein.“

Kana’a wusste nicht so recht was er sagen sollte, was man ihm auch anhörte.

„Nein, überhaupt nicht. Um ehrlich zu sein bin ich derselben Auffassung wie deine Schwester.“

Raha sah seinen Freund an. Er konnte dessen Anspannung spüren. Auch er war sich nicht sicher was jetzt eigentlich passieren sollte, was sich Lehfo eigentlich vorstellte, doch wenn es etwas gab was er tun konnte um die Sorgen des Helden zu mindern, so würde er es mit Freude tun.

„Also, wir haben uns schon eine Weile nicht gesehen, wie ist es dir ergangen? Wie ist es wieder Zuhause zu sein?“

Er entschied sich mit etwas unverfänglichen anzufangen. Raha wusste um Lehfos Sorgen, dass sich Kana‘a zeitweise seltsam verhielt, aber stets auswich wenn sie ihn danach fragte. Es erschien ihm besser erst einmal selbst zu beobachten wie sein Freund sich verhielt, was er sagte und zu hoffen, dass er vielleicht von sich aus ansprach was ihn bedrückte.

„Es ist… seltsam.“

Die Antwort kam langsam, bedächtig als sei sich der Keeper nicht sicher was er antworten sollte.

„Wir haben uns entschlossen wieder in unser altes Haus zu ziehen anstatt in Gridania selbst zu leben. Ich bin hier quasi aufgewachsen musst du wissen dementsprechend hängen in diesen Wänden viele Erinnerungen. Wir mussten viel reparieren, weil es die letzten Jahre kaum genutzt wurde. Ich war ja immer unterwegs und Lehfo musste auch immer häufiger mit der Bruderschaft ausrücken, sodass sie irgendwann mehr in der Kaserne lebte als hier.“

Letzteres war Raha bekannt, schließlich hatte er Kana‘a zum Camp Splitterglas begleitet um dessen Familie bestehend aus Lehfo, Luna‘to und einigen anderen aus der Einheit der weissen Wölfe zu besuchen bevor sie nach Ultima Thule aufgebrochen waren. Damals hatten sie nicht gewusst ob sie jemals wieder einen Fuß auf Etheiris setzen würden, dementsprechend schwer hatte sich der Abschied angefühlt.

„Wir mussten das Dach reparieren und einige andere Dinge. Wir haben die Gelegenheit genutzt unser Heim neu einzurichten. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen.“

Raha nickte.

„Leben nur du und Lehfo hier? Das Haus scheint mir recht gross zu sein für zwei Personen.“

Es war ein recht untypisches Haus, mehr rund als eckig und für ihn sehr fremdartig. In der Mitte des Hauses befand sich ein grosses Feuer, an dem sie saßen, um das Feuer herum lagen ausgebreitet Kissen, Decken und allerlei andere Dinge um sich bequem niederzulassen. In der Mitte der Decke war ein Ausschnitt, wo der Qualm des Feuers abziehen konnte. Lediglich eine Art Küche war noch zu sehen und eine Ecke die der Seeker nicht so recht identifizieren konnte, aber er als eine Werkelecke abtat. Es gab eine Treppe nach oben, wo sich die Schlafräume befanden, die allerdings ebenfalls offen zur Mitte hin waren. Es gab nur wenig Privatsphäre in diesem Haus, was für Keeper wohl normal war. Er konnte nicht behaupten, dass es sich nicht heimisch anfühlte, doch die Möglichkeit sich ungestört zurückziehen zu können würde er vermissen.

„Luna‘to und Zhlea’a wohnen hier ebenfalls, aber sie sind noch in Garlemald und helfen bei den Aufbauarbeiten. Keine Ahnung wann sie wiederkommen.“

Wehmut war aus der Stimme herauszuhören und Kana‘as Gesicht verfinsterte sich, sein Blick war einige Momente lang auf eine Stelle hinter Raha fixiert.

„Thanae’a und Grena hätte die neue Einrichtung sicherlich gefallen.“

„Haben sie…?“

Raha war sich nicht sicher wie er fragen sollte ohne seinen Freund zu verletzen, doch er wollte wissen ob seine Vermutung sich bestätigte.

„Sie werden nicht aus Garlemald  zurückkommen?“

Kana‘as Blick fixierte nun Raha und war schwer zu lesen.

„Sie sind zurückgekommen, mit vielen Anderen und haben eine angemessene Bestattung bekommen.“

Kana‘a schloss die Augen und für einige Momente lang wirkte er unendlich erschöpft. Dann öffnete er die Augen wieder und lächelte bitter. Es versetzte Raha einen Stich im Herzen, dass sich sein Freund trotz dieser traurigen Nachricht zu einem Lächeln zwang.

„Das tut mir leid, ich kannte sie nicht wirklich, aber ich bin froh die Gelegenheit gehabt zu haben sie wenigstens einmal zu treffen.“

„Es braucht dir nicht Leid zu tun, dass die letzten Tage nicht mehr Opfer gebracht haben ist Personen wie ihnen zu verdanken. Sie sind gestorben wie sie gelebt haben, mit Stolz und erhobenen Hauptes und vorallem waren sie sich ihrer eigenen Person bewusst.“

Dennoch hatte der Tod der Beiden Wunden geschlagen, auch wenn Kana‘a versuchte diese zu relativieren.

„Aber zurück zu deiner Frage: Es hat einige Wochen gedauert das Haus wieder auf Vordermann zu bringen, vorallem da mein Aether noch am regenerieren war und ich somit grosse Schwierigkeiten hatte lange zu arbeiten. Und danach, es ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder ein Buch gelesen habe. Dass ich Aufstehe und in den Tag hineinlebe ohne Aufgaben, ohne die Sorge, dass die Welt untergeht. Es ist friedlich und noch immer fühlt es sich ungewohnt an.“

„Ungewohnt gut oder schlecht?“

„Einfach nur ungewohnt. Ich war so viel unterwegs und jetzt so lange an einem Ort zu sein fühlt sich seltsam an.“

Da war noch mehr, das konnte Raha deutlich spüren und seine Instinkte sagten im deutlich, dass Kana‘a damit nicht von sich aus herausrücken würde.

„Ja, über die letzten Jahre hinweg hattest du nicht viel Zeit über das nachzudenken was passiert ist. Die Entwicklung von einem einfachen Abenteurer, der Äthersand sammeln musste, zu einem Helden, der die Verzweiflung selbst niederschlägt hat nicht viel Zeit gelassen für andere Dinge. Sicherlich kommen dir gerade auch viele Gedanken in den Kopf, die eingeordnet werden wollen.“

Kana‘a schwieg eine Weile, wich seinem Blick aus, indem er in das züngelnde Feuer starrte.

„Ja…“

Meinte er schließlich tonlos und schien sich zu verschließen. Nichts an ihm zeigte Raha was sein Freund dachte oder fühlte, vielmehr wirkte er wie eine Puppe..

„Was beschäftigt dich?“

Kana‘a rührte sich kein Stück und würde er seinen Freund nicht gut kennen, hätte Raha sicherlich gefragt ob er ihn gehört hatte. Als eine ganze Weile Stille den Raum beherrschte erhob Raha wieder das Wort.

„Vielleicht sollte ich beginnen. Mal sehen… In letzter Zeit muss ich oft an Lyna denken. Ich frage mich wie es ihr geht und stelle mir gerne vor wie sie pflichtbewusst die Garde und jetzt das Crystarium führt. Ich vermisse sie sehr, aber ich spüre auch eine grosse Schuld. Ich habe ihr scheußliche Schmerzen angetan und es gibt nichts, was das schmälern könnte. Egal wie gut die Grunde auch sind. Und ich habe auch dir Schmerzen bereitet, das ist mir bewusst und du kannst dir nicht vorstellen wie leid mir das tut.“

Sein Blick war ebenfalls zum Feuer gewandert, doch nun richtete er ihn erneut auf Kana‘a, der in einer Mischung aus Verwirrung, Unverständnis und Widerwillen ihn ansah.

„Bitte? Du willst doch nicht die alten Geschichten wieder aufwärmen?“

All das schien so weit zurückzuliegen, dass es sich wie ein anderes Leben anfühlte. Wollte er jetzt wirklich genau diese Dinge ansprechen?

„Abgesehen von dem Offensichtlichen, worüber ich ebenfalls gerne reden würde, gibt es etwas anderes was ich dich fragen wollte.“

Raha war das unangenehm, was man ihm deutlich ansah. Es war ihm bewusst, dass er nun vielleicht eine Grenze überschritt die seinen Freund dazu bringen könnte sich von ihm zu entfernen, dass es zu persönlich war, als dass er es ansprechen sollte. Doch er hatte sich in dem Moment dazu entschlossen Kana‘a zu erreichen, als Lehfo von ihrer Sorge berichtet hatte. Auch wenn es vielleicht dazu führte, dass sein Idol ihn von sich stieß. Dieser Gedanke machte ihm Angst, weswegen er ihn noch im Keim erstickte.

„Als wir alle unsere Pläne für die Zukunft offenbart haben, mit den verschiedenen Vorhaben, mit der Aussicht, dass wir uns auf unbestimmte Zeit nicht mehr sehen. Mit der offiziellen Auflösung der Morgenröte, hast du dich da verraten gefühlt?“

„Wie kommst du darauf?“

Kana‘as Miene war wie versteinert. Raha war sich nicht sicher was das bedeuten sollte, aber es fühlte sich nicht gut an den stechenden Blick des Helden standzuhalten.  Eines war er sicher: er hatte ins Schwarze getroffen. Etwas arbeitete in dem Keeper.

„Ich… muss zugeben, dass ich mich mit den Gepflogenheiten der Keeper nur wenig auskenne, aber ich weiss, dass ihr der Familie einen sehr hohen Stellenwert gebt. Wenn man darauf-„

„G‘Raha.“

Kana‘a unterbrach ihn und sofort verstummte er. Es war vor allem der Tonfall, der ihn dazu brachte sofort still zu sein. Kana’a hatte seine Stimme nicht erhoben, war weder besonders leise noch laut gewesen, doch die Warnung dahinter war unmissverständlich. Sein Freund sah wütend aus, seine Augen funkelten und sein Kiefer wirkte angespannt. Er schien nicht einmal zu blinzeln, was Raha das Gefühl gab in Gefahr zu sein. Sein Freund würde ihm nichts tun, darauf vertraute Raha blind, dennoch schnürte sich etwas in seinem Hals zu, als er so fixiert wurde. Er schluckte schwer und fasste all seinen Mut zusammen.

„Was ist es? Was bedrückt dich Kana‘a?“

„Kannst du damit aufhören?“

„Was macht dir Angst? Was beschäftigt dich?“

„G‘Raha! Lass das!“

„Was kann so schlimm sein, dass du nicht redest?“

„Tu nicht so als würde dich das interessieren!“

Kana‘a fauchte ihm wütend ins Gesicht, begleitet von einem kehligen Knurren. Er hatte seine Oberlippe hochgezogen und zeigte seine Fangzähne, die deutlich beeindruckender waren als die des Seekers. Dieses Verhalten war inzwischen untypisch für Kana’a, doch es erinnerte Raha an früher, als sie den Kristallturm erkundet hatten und der Keeper deutlich hitziger gewesen war. Schon damals hatte sich Raha von dem Fauchen und Knurren nicht wirklich beeindrucken lassen und auch jetzt machte es ihm keine Angst. Es war nur sehr lange her, dass jemand so mit ihm umgegangen war.

„Seit Monaten höre ich nichts und jetzt wagst du es hier her zu kommen und so zu fragen? In meinem Haus? Ich habe alles erreicht, die Welten gerettet, Frieden gebracht, Leben wird im Universum wieder einkehren. Ich bin in ein friedliches Leben zurückgekehrt, kann tun und lassen was ich will, wo ich will. Es ist alles in Ordnung!“

Kana‘a spie ihm diese Worte entgegen. Ganz offensichtlich hatte der Seeker seinen Freund in den Grundfesten erschüttert, was dessen Problem war allerdings noch nicht erkannt. Kana‘as Stimme beruhigte sich langsam, die dämonische Fratze entspannte sich wieder ein wenig.

„Ich lebe, bin gesund und habe sogar noch alle Gliedmaßen, was soll also mit mir sein? Alles ist perfekt.“

Er starrte Raha an, offensichtlich eine Bestätigung erwartend. Doch das konnte, wollte Raha nicht einfach so stehenlassen, er konnte jetzt nicht aufhören und so tun als sei nichts gewesen.

„Und dennoch bist du nicht glücklich.“

Kana‘a knurrte, wenn auch deutlich leiser als zuvor.

„Sturer, alter Mann, was willst du von mir? Was willst du hören?“

„Die Wahrheit Kana‘a... Ist dir aufgefallen, dass seit Beginn des Gespräches du mich bei meinem vollen Namen nennst? Du versuchst mich auf Abstand zu halten, aber ich lass dich nicht allein, nicht dieses Mal.“

Schon lange sprach Kana‘a ihn nicht mehr mit seinem Titel an, dass er gerade jetzt damit anfing sprach Bände.

„Wie heroisch.“

„Was beschäftigt dich Kana‘a?“

Kana‘as Kiefer presste sich aufeinander, dass Raha die Zähne knirschen hörte.

„Worüber denkst du nach? Was fühlst du?
Bitte, lass mich teilhaben.“

„Nein!“

„Warum nicht?!“

Verzweiflung spiegelte sich in Rahas Stimme wieder und auch Frustration. Kana‘a war so ein Sturkopf! Eine Eigenschaft, die ihn oft das überleben gesichert hatte, jetzt gerade aber ihn daran hinderte sich helfen zu lassen.

„Kana‘a!“

Kana‘a zitterte, Raha vermutete, dass es die unterdrückte Wut war, die seinen Freund im Griff hatte. Kana’a öffnete den Mund, schloss ihn dann allerdings wieder ohne etwas gesagt zu haben.

„Sprich mit mir!“

„Ich- kann nicht.“

Es war keine Wut.

„Doch, du kannst und du solltest. Ich verspreche, dass nichts diesen Raum verlassen wird. Deine Worte sind bei mir sicher.“

Kana‘a wirkte nicht überzeugt. Es fiel dem Seeker schwer, doch er gewährte dem Anderen einige Moment des Ringens ohne sich einzumischen. Er war kurz davor die Schale zu knacken, das spürte er.
Er stand auf und setzte sich direkt neben Kana‘a, zögerte einen Moment lang, legte dann aber seine Hand auf dessen Schulter und drückte sie sanft.

„Egal was es ist, wir finden eine Lösung. Du hast die Katastrophen dieser Welt gelöst. Ich verstehe, dass daneben die eigenen Probleme klein und unbedeutend wirken, aber das sind sie nicht Kana’a.“

Er konnte diese Gefühle gut nachvollziehen. Nachdem er in den Ursprung zurückgekehrt war wurde Raha von ähnlichen Gedanken heimgesucht worden und hatte sich oft hinter der Aufgabe, die vor ihnen lag, versteckt. Dank seiner Freunde war er darüber hinweg gekommen und dachte nicht mehr ständig daran, auch wenn es wohl immer ein Teil seiner Identität bleiben würde.

„Ich…“

Es fiel Kana’a unendlich schwer Worte zu finden und sie auszusprechen. Raha wartete, legte seinen Arm nun deutlicher auf der Schulter des Miqo’te ab und lächelte sanft, auch wenn Kana’a ihn gerade nicht ansah. Dass er mit sich kämpfte sah man ihm an und noch deutlicher konnte es Raha spüren.

„Ich weiß nicht womit ich anfangen soll.“

„Fang mit dem an, was dir durch den Kopf geht. Oder, wenn es dir hilft kannst du meine Frage von eben beantworten.“

„….“

„Es ist okay, du brauchst jetzt nicht Stärke beweisen, das hast du oft genug getan Kana’a. Sei ehrlich und sprich mit mir. Denk nicht darüber nach wie ich reagieren könnte, was ich darüber denken könnte. Du kannst mir vertrauen.“

Kana’a senkte den Kopf, seine Schultern spannten sich zum Zerreißen an. Er seufzte frustriert, geschlagen, verzweifelt.

„Ich weiß nicht was ich tun soll. In den letzten Jahren hatte ich immer ein Ziel, eine Richtung in die ich gehen musste, jetzt… ich fühle mich verloren. Ich bin frei zu tun und zu lassen was ich will, aber… ich habe viel darüber nachgedacht während ich in Sharlayan mich auskuriert habe und auch als ich hier angekommen bin. Ich dachte es wird besser, wenn ich erst einmal meinen Aether regeneriert habe, dass ich mich nicht so nutzlos mehr fühle, aber es hat sich nicht geändert. Ich bin das Schwert, das in Zeiten des Friedens keine Verwendung findet. Ihr Scions habt alle Ziele, Fähigkeiten die ihr jetzt auch nutzen könnt, aber ich? Meine Stärke wird nicht gebraucht.“

„Was ist mit all den Geheimnissen und Anstößen, die Emet-Selch genannt hatte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich all das nicht interessiert.“

„Es interessiert mich – sehr, aber… ich…“

„Irgendetwas hält dich zurück.“

Kana’a nickte.

„Fühlst du dich verpflichtet hier zu bleiben?“

„Ich. Mh. Nein.“

„Wegen Lehfo?“

Kana’a schwieg, was Raha als Zustimmung interpretierte.

„Kana’a, bitte sieh mich an.“

Es dauerte einige Momente lang bis sich der Keeper dazu durchgedrungen hatte den Blick zu heben und schließlich Raha anzusehen. Nur selten hatte er die Gelegenheit gehabt den Helden Eorzeas so direkt anzusehen. Zumeist versteckte er seine Augen hinter einer Maske um seine empfindlichen Augen vor der Helligkeit zu schützen. Wie alle Keeper hatte auch Kana’a die Fähigkeit im Dunkeln besonders gut sehen zu können. Seine stark geweiteten Pupillen waren am Tag allerdings ein Nachteil. Gerade aber trug Kana’a keine Maske und Raha konnte ihm direkt in die grünen Augen sehen, die ihn voller Unsicherheit ansahen. Es brodelte in dem Keeper, Raha versuchte ihn mit einem sanftem Lächeln zu vermitteln, dass er da war, dass er ihn nicht verurteilte und dass er ihm beistand, wenn Kana’a es zuließ.

„Sei ehelich Kana’a, vorallem zu dir selbst. Du kannst deine Deckung fallen lassen. Atme durch. Teile deine Bürde mit mir. Deine Sorgen, deine Ängste, egal wie dunkel sie auch sein mögen.“

Es fiel Kana’a schwer den Blickkontakt zu halten, immer wieder zuckte sein Blick weg, bis er sich zwang Raha wieder anzusehen. Dann senkte sich sein Blick vollends, er verharrte und lehnte schließlich seine Stirn an Rahas Schulter. Es musste sich wie eine Niederlage anfühlen, doch es war genau das Gegenteil. Wie ein Jäger sich in seine Beute verbiss um sie nicht zu verlieren hielt auch Kana’a an seiner Fassade fest, das Schlimmste erwartend würde sie nicht mehr halten. Raha drehte sich ein wenig, hob den anderen Arm und legte ihn ebenfalls um Kana’a, hielt ihn sanft fest um ihm den Halt zu geben, den er gerade bei ihm suchte.

„Ich bin so müde Raha. Von allem. Die Erwartungen zu erfüllen. Antworten auf alle Fragen liefern zu müssen. In diesem Haus zu sein. Lehfos Blicke. Sie weiß, dass ich Alpträume habe. Dass ich in manchen Situationen Flashbacks habe. Jetzt, wo es ruhig ist, werden mir die Verluste bewusst und ich denke viel darüber nach was ich hätte anders machen können. Ich versuche mich nicht zu sehr darin zu vertiefen, ändern kann ich es schließlich nicht mehr, aber manchmal kommen mir einfach diese Gedanken. Ich kann nichts dagegen tun. Vorallem das was Zenos zu mir gesagt hat beschäftigt mich mehr und mehr.“

Bei der Erwähnung von Zenos‘ Namen stellten sich Rahas Nackenhaare sofort auf. Dieser Mann war tot und trotzdem hatte er immer noch einen so starken Einfluss auf seinen Freund.

„Wir wissen alle um Zenos Vorstellungen, ich hoffe du denkst nicht darüber nach, dass er recht haben könnte.“

„… Doch.“

Das gefiel Raha überhaupt garnicht. In seinem Kopf waren Kana’a und Zenos so weit voneinander entfernt wie Himmel und Erde.

„Ich habe nicht gelogen, aber ich habe euch in Sharlayan nicht alles erzählt. Ich konnte nicht. Ich wollte nicht. Ich wollte nicht wahrhaben, dass Zenos Recht haben könnte. Ich sehe ihn nicht als meinen Freund, so wie er es tat und ich bereue nicht ihn getötet zu haben.“

„Es ist nicht so als hätte er dir eine grosse Wahl gelassen.“

„Doch, das hat er. Er hätte mich gehen lassen, aber ich wollte nicht. Ich wollte ihn nicht gehen lassen. Ich wollte ihn bluten lassen für das, was er euch angetan hat. Was er mir angetan hat. Ich wollte ihn töten und das möglichst schmerzvoll. Ich habe ihn und mich angelogen nur damit er nicht in der Gewissheit stribt zu wissen wer ich bin. Daran ist nichts schönzureden. Es war eine Genugtuung und als wir beide da lagen und er endlich tot war, sein nie enden wollender Dialog zu Ende war, war ich im Reinen mit mir. Ich wollte sterben. Der Schmerz wurde dumpfer, meine Gedanken träger und ich war bereit die stille Dunkelheit zu umarmen, alles hinter mir zu lassen.“

„… Du klingst, als würdest du dich immer noch danach sehnen.“

„Es wäre einfach gewesen. Ich müsste mich nicht mit meinem Balast herumschlagen, darüber nachdenken und eingestehen, dass Zenos vielleicht Recht hatte, dass wir am Ende vielleicht garnicht so verschieden waren.“

„Da muss ich einharken Kana’a, ich denke nicht, dass ihr euch in so vielen Punkten ähnelt, dass du dir Sorgen machen musst. Selbst mit Hydaelins Segen bist du immer noch sterblich mit all den Stärken und Schwächen. Sicherlich, wenn man danach sucht wird man Gemeinsamkeiten finden, aber das bedeutet nicht, dass du wie Zenos bist! Ich weiß nicht welche vergifteten Worte er dir in den Kopf gepflanzt hat, aber wenn ich Eines mit Sicherheit sagen kann, dann dass du nicht wie Zenos bist! Dass du ihn, nach all dem was er getan hat, tot sehen willst macht dich nicht zu dem Monster, das Zenos war. Erinnere dich, wie er damals in Garlemald mit Jullus gesprochen hat. Mit welcher Kälte, dazu wärst du nicht fähig!“

„Bist du dir sicher Raha? Ich habe viele getötet, viele Galear fürchten und hassen mich weil ich ihre Männer und Frauen getötet habe. Kinder sind Waisen geworden. Es mag alles zu höheren Zwecken gewesen sein, doch das ändert nichts an all dem.“

„Sehnst du dich deswegen nach dem Tod? Weil du diese Schuld verspürst?“

„Ich sehne mich nicht danach…“

„Aber du denkst darüber nach wie viel einfacher es wäre, wärst du nicht vom Ende der Welt zurückgekehrt.“

Kana’a antwortete nicht.

„Ich kenne dieses Gefühl der Müdigkeit, die Schuld des Überlebenen, die Einsamkeit und das Gefühl, dass niemand verstehen kann, was in mir vorgeht und letzteres stimmt wohl auch. Es wird niemals jemand wirklich verstehen können was in jemand anderen vor sich geht. Aber man sollte niemals aufhören es zu versuchen. Kana’a, ich verstehe was du versuchst zu sagen und es ist in Ordnung, dass du so fühlst. Du bist immer noch hier, du lebst und du musst vorallem mit all den Gedanken und Gefühlen leben, das kann dir niemand abnehmen, aber ich werde dir immer versuchen zu helfen wenn du es erlaubst.“

Er lehnte seine Wange an Kana’as Kopf, was zu einer kurzen Anspannung beim Anderen führte.

„Ich für meinen Teil bin dankbar, dass du zurückgekehrt bist. Hätten wir dich am Ende der Welt verloren… ich weiß nicht was das mit mir gemacht hätte.“

Kana’as Gedanken waren die letzten Wochen an sicherlich noch dunkleren Orten gewesen als er gerade zugeben wollte und auch wenn er das nicht aussprach war Raha froh darüber, dass er sich schon soweit geöffnet hatte. Unter keinen Umständen durfte er ihm das Gefühl geben ihn wegen seiner Gedanken zurückzustoßen oder gar zu verurteilen, womit er scheinbar Erfolg hatte, denn Kana’as Anspannung verschwand wieder.

„Ich denke du solltest erst einmal aus deiner Lethargie heraus. Schnapp dir deine sieben Sachen und zieh los, spüre den Wind auf deiner Haut, lausche dem Rauschen der Blätter, sieh die Gezeiten des Meeres. Es ist nicht wichtig wohin du gehst, immerhin bist du ein Abenteurer, richtig? Oder wusstest du damals als du das erste Mal ausgezogen bist wohin es dich verschlägt? Die Welt hält noch so viele Geheimnisse bereit. Ich bin auf jeden Fall neugierig und will jedes Einzelne mit dir entdecken. Es wird so sein wie damals. Schlaflose Nächte in denen ich dich voller Begeisterung mit meinen Theorien wachhalte, ob du es willst oder nicht.“

Es war nicht schwer für Raha die Vorfreude zu zeigen, die diese Gedanken auslösten. Kana’a war ein Abenteurer, neugierig, wissbegierig und soviel mehr als die Waffe, die er von sich behauptet zu sein, er musste sich nur daran erinnern, dann würde es ihm auch leichter fallen seinen Balast zu stemmen. Der Illusion, dass Dieser einfach verschwinden würde, erlag Raha nicht, dazu wusste er selbst zu gut wie sich das anfühlte, aber Kana’a durfte nicht daran zerbrechen.

„Das klingt ja beinahe wie eine Drohung.“

Kana’a klang belustigt.

„Aber wirst du überhaupt Zeit finden, jetzt wo du ein Gelehrter Baldesions bist?“

„Kana’a – für dich werde ich immer Zeit haben.“

Das war ein Versprechen.

„Wenn du etwas auf den Herzen hast, wenn es dir nicht gut geht, melde dich bei mir, ja?“

„Okay…“

„Wirklich?“

Kana’a lachte leise.

„Du wirst also dieses Mal nicht verschwinden?“

„Ja.“

„Wirklich?“

„Ich verspreche es.“

Stille erfüllte den Raum. Kana’a hob seine Arme und legte sie um Raha, was ein seltsames Gefühl war, aber nicht unangenehm. Sicherlich gab es noch viel zu bereden, viel zu klären und Kana’as Schwierigkeiten würden damit nicht beseitigt sein, doch es war ein Anfang.
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