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Tomorrow is Unknown

von Bruna
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Het
Gimli Legolas Meriadoc / Merry Brandybock OC (Own Character) Peregrin / Pippin Tuk Thranduil
20.04.2022
22.09.2022
23
39.209
19
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22.09.2022 1.962
 
„Wie kommt Ihr darauf?“ Legolas krauste die Stirn.
„Ich könnte Euch die gleiche Frage stellen, wie Ihr mir heute Nachmittag.“
Einen Augenblick lang schien er nachzudenken, bevor er sagte: „Weshalb ich so kurz angebunden war.“
„Ja.“ Eigentlich hatte ich die Sache ruhen lassen wollen. Aber sie war mir nicht aus dem Kopf gegangen. Er hatte seine Antworten bekommen, natürlich war die ein oder andere Halbwahrheit dabei gewesen, aber ich hatte mich weiterhin gefragt, weshalb er so ungehalten gewirkt hatte.
„Ich war mir nicht sicher, ob Ihr mich dabei haben wolltet“, sagte er nach einer längeren Pause.
„Das verstehe ich nicht.“
„Nun“, er wirkte als würde er jedes Wort vorsichtig wählen, „Ich kann nachvollziehen, dass Ihr es mir nachgetragen habt, dass ich Euch so lange im Dunkeln gelassen habe.“
Ich senkte den Blick. Genauso wie ich zog er sich auf diesen sicheren Posten zurück. Oder anders ausgedrückt: Er nahm mich beim Wort und überließ es mir die andere Sache selbst anzusprechen. Immerhin war ich diejenige, die behauptet hatte, sie wäre mir nicht wichtig. Ich war selbst schuld.
Also holte ich tief Luft und sagte: „Ich denke eher, dass das etwas mit dem Moment zu tun hat, indem Ihr weggelaufen seid.“
„Ich bin nicht weggelaufen“, schoss er zurück und klang dabei ein wenig empört. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, um mir ein Grinsen zu verkneifen. Treffer. Er war zwar alt, aber offensichtlich schien man auch Elben noch bei ihrem Stolz packen zu können.
„Es kam mir ganz so vor.“
Er stieß die Luft aus. „Dann irrt Ihr Euch.“
„So. So.“ Jetzt konnte ich doch nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zuckten. „Wisst Ihr, ich kann verstehen, dass das eine einmalige Sache war und es nicht wieder vorkommt. Und das nehme ich Euch auch überhaupt nicht übel. Ihr wart neugierig. Daran ist nichts schlimmes.“
„Aber?“
„Ihr solltet es zumindest zugeben. Ich bin nicht dumm.“
„Das wollte ich niemals andeuten.“
Ich seufzte. „Das ist mir klar. Aber ich denke, solange das unausgesprochen zwischen uns steht, wird es sich zumindest für mich weiter so anfühlen, als könnte ich nicht frei sprechen.“
Jetzt zuckten seine Mundwinkel auch. „Ich hatte nie den Eindruck, dass Ihr Euch davon abhalten lassen würdet, zu sagen, was Ihr sagen wollt, selbst wenn die Welt dabei abbrennt.“
„Da könntet Ihr recht haben.“ Pause. „Gimli hat es auf sich genommen, mich über elbische Gewohnheiten aufzuklären.“
Jetzt bildete ich mir das belustigte Schmunzeln nicht mehr ein. „Meint Ihr, ein Zwerg ist für derlei Informationen die richtige Quelle?“
Ich sah ihn an. Legolas war nur unwesentlich größer als ich, was daran lag, dass ich für eine Frau recht groß war. Deshalb befanden wir uns beinahe auf Augenhöhe, was mir eine gewisse Autorität verlieh. „Hättet Ihr das übernommen, wäre es vielleicht nie zu dieser… Situation gekommen. Er hat mir erzählt, dass Elben nur ein einziges Mal heiraten und es möglich aber unüblich sei, Gefühle gegenüber mehr als einer Person zu artikulieren. Lag er damit falsch?“
„Nein“, sagte er. Ich spürte, dass er darüber nachdachte, das Gespräch abzubrechen. Offenbar entschied er sich dagegen. „Wir heiraten mit dem Wissen, unseren Partner für immer zu behalten und ihn nach unserem Tod oder nachdem wir in den Westen gesegelt sind, in Valinor wiederzusehen.“
„Euren elbischen Partner.“
„Ja.“
„Weil es Menschen oder Zwergen nicht gestattet ist, nach Valinor zu segeln?“ Ich wollte das ein für alle Mal verstehen. Ich wusste zwar, dass Elben technisch gesehen unsterblich waren, aber was hieß das konkret?
„Es ist ihnen gestattet, aber nur, wenn sie eingeladen wurden. Das wollte ich damit aber nicht sagen.“
„Sondern?“
„Ihr seid nicht unsterblich.“
„Offensichtlich“, sagte ich und dachte an das erste graue Haar, das ich dieses Jahr entdeckt hatte. „Danke, dass Ihr mich daran erinnert.“
Er senkte den Blick. „Elben sterben nicht wie Menschen. Wenn wir getötet werden, dann fahren unsere Seelen in die Hallen von Mandos. Dort halten wir uns eine Weile auf und haben danach die Wahl: Dort weiter als Geistwesen zu wandeln oder nach Valinor oder Mittelerde zurückzukehren.“
„Ihr reinkarniert also, interessant.“
„Ihr habt für alles eines Eurer Wörter, nicht wahr?“
„Merkt es Euch lieber, es wird nicht das letzte gewesen sein.“
Er grinste verhalten, bevor er fortfuhr: „Wenn unser Partner vor uns getötet wird, ist er nicht verloren. Wir haben die Gewissheit, dass wir ihn oder sie wiedersehen, wenn wir nach Valinor kommen – auf die eine oder andere Art.“
„Das ist eine schöne Gewissheit.“
„Ja“, sagte er leise.
„Und Menschen? Was passiert mit uns?“
„Das kann ich Euch nicht sagen. Eure Seelen verlassen diese Welt. Sie sind nicht an sie gebunden, wie unsere.“
Wunderbar. Und ich hatte schon gehofft, eines der größten Mysterien unserer Zeit durch die Hilfe eines Wesens aufzudecken, von dessen Existenz ich bis vor wenigen Jahren nichts gewusst hatte. „Das heißt also, dass jede Beziehung zu einem Sterblichen für Elben bedeutet, denjenigen früher oder später an den Tod zu verlieren“, stellte ich fest.
„Ja.“
„Warum ist Euer bester Freund dann einer?“ Immerhin schien ihn dieser Aspekt imminent zu stören. War es da nicht nur folgerichtig eher Freundschaften und Beziehungen zu anderen Elben einzugehen?
Legolas ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Schließlich sagte er: „Sterbliche haben mir einen Blick aufs Leben ermöglicht, den Elben niemals haben können.“
„Und welcher wäre das?“
„Nicht in der Vergangenheit zu leben oder für eine ferne Zukunft zu planen, sondern die Gegenwart zu gestalten.“
Ich runzelte die Stirn. „Was soll das bedeuten?“
Wieder ließ er sich Zeit, suchte mit seinem Blick den Himmel ab, als würde er dort Antworten finden. „Elben füllen ihr Leben mit vielen Dingen. Aber zumindest für mich hat es sich nie so erfüllt angefühlt, wie bis zu dem Zeitpunkt, als ich mich dazu entschlossen hatte, Mitglied der Ringgemeinschaft zu werden.“
„Ihr habt also die Perspektive auf ein unendliches Leben gehabt, aber erst dann gelernt richtig zu leben, als es Euch Personen gezeigt haben, deren Zeit begrenzt ist?“
Er nickte. „Das kann man wohl so sagen.“
Darauf wäre ich ohne ihn getroffen zu haben wohl nie gekommen. Die eigene Sterblichkeit war etwas, was ich noch nie hinterfragt, geschweige denn infrage gestellt hatte, wie es wohl wäre, wenn sie nicht da wäre. „Habt Ihr Euch Gedanken darüber gemacht, was Ihr tun werdet, wenn Eure Freunde sterben?“, fragte ich unvermittelt. Erst danach fiel mir auf, dass das wahrscheinlich ein wunder Punkt für ihn war. „Tut mir leid, Ihr müsst diese Frage nicht beantworten.“
„Ich will es aber.“
„Okay…“
Er wandte sich mir zu. „Vermutlich werde ich dem Ruf der See folgen und nach Valinor segeln. So, wie es viele meines Volkes schon getan haben.“
„Meint Ihr, dass Ihr dort glücklich werdet? Wenn Euch die elbische Perspektive hier in Mittelerde schon stört, wird das dort doch nicht besser werden?“
„Das kann ich nicht sagen“, erwiderte er nachdenklich. „Aber was ist mit Euch, Aspen?“
„Was soll mit mir sein?“
„Wenn Ihr zurückkehrt – und Ihr scheint Euch nichts sehnlicher zu wünschen – was werdet Ihr tun? Wer seid Ihr?“
Gerade die letzte Frage berührte etwas in mir. Ich war nie ganz hier angekommen, weil ich mich nicht als Teil dieser Welt fühlte. Ich hatte eine Persönlichkeit angenommen, die meiner Umgebung angepasst war. Aber wer ich hier war, das hatte ich nie wirklich herausgefunden. „Ich weiß nur, was ich damals tun wollte“, gab ich schließlich zu. „Ich wollte die Welt sehen. Und danach… wollte ich einen Job anfangen, der etwas an den Missständen meiner Zeit ändert. Etwas, das Sinn ergibt. Aber ob ich das jetzt noch kann? Das weiß ich nicht. Das kommt auch darauf an, wann ich zurückkomme: Wenn es ist, als wäre ich nur wenige Tage fort gewesen, dann könnte ich vermutlich an mein altes Leben anknüpfen, aber wenn vier Jahre hier auch vier Jahre dort sind, dann muss ich von vorne anfangen.“
„Wollt Ihr das denn?“
„Was?“
„Von vorne anfangen?“
Ich brach unseren Blickkontakt. Er hatte direkt ins Schwarze getroffen. Denn genau diese Frage hatte ich mir in letzter Zeit auch schon unzählige Male gestellt. Und wenn ich es nicht wollte: Weshalb versuchte ich dann überhaupt nach Hause zu kommen? Statt einer Antwort auf seine Frage, entgegnete ich: „Wisst Ihr, was die Alte zu mir gesagt hat?“
„Die Frau aus dem Dorf?“
Ich nickte. „Sie meinte, dass sie daran glaubt, dass ihre Reise nach Mittelerde einen tieferen Sinn hatte und dass vielleicht alles genau so kommen sollte, wie es gekommen ist. Manchmal frage ich mich, ob das auch für mich gilt. Aber woher soll ich wissen, welcher der richtige Weg ist?“
„Ich denke, das ist eine Frage, die sich jeder von uns stellt.“
„Und ich dachte, Euer Alter hätte Euch so weise gemacht, dass Ihr mir darauf eine Antwort hättet geben können.“
Wieder schmunzelte er. „Ich habe Euch vielleicht an Jahren einiges voraus und bestimmt auch an Erkenntnissen, aber ich bin mir sicher, dass Ihr in anderen Bereichen mehr wisst als ich.“
Das konnte ich mir kaum vorstellen. „Welche sollten das sein?“
„Der zwischenmenschliche Bereich.“ War es bis eben noch windstill gewesen, fuhr jetzt eine Böe unter meinen Umhang. Ich fröstelte. „Euch ist kalt, Ihr solltet rein gehen“, stellte der Elb fest.
„Ja, ich denke, das sollte ich.“ Unser Gespräch hatte meine Gedanken soweit beruhigt, dass ich schlafen können würde. „Danke für Eure Ehrlichkeit.“
„Ich muss mich bedanken.“
Ich lächelte kurz, dann sagte ich etwas, was mir schon seit einigen Minuten durch den Kopf ging: „Ich kann Eure Beweggründe gut verstehen. Hoffentlich überwindet Ihr Eure Angst vor dem Tod irgendwann.“
Als ich mich abwenden wollte, fragte er: „Wie meint Ihr das?“
„Nun ja, von dem, was Ihr mir über Eure Perspektive auf die Sterblichkeit und uns Sterbliche erzählt habt, schätzt Ihr unsere Art zu leben.“
„Das ist wahr.“
„Und daraus schließe ich, dass Ihr Euer Leben gerne ähnlich gestalten würdet. Weil Euch der Fokus, den Elben für gewöhnlich haben, nicht gefällt.“
„Ja.“
„Aber Ihr könnt nur dann wirklich verstehen, was es heißt, wie ein Sterblicher zu leben, wenn Ihr aufhört den Tod als etwas zu betrachten, das Euch etwas wegnimmt.“
Legolas sah mich einen Augenblick lang an. Hinter seiner Stirn arbeitete es, das sah ich ganz genau. „Wie könnte ich das, der Tod wird mir etwas wegnehmen.“
„Wenn Ihr in der Gegenwart leben wollt, müsst Ihr den Tod als etwas Gegebenes hinnehmen. Er ist ein großer Gleichmacher, er gewinnt in jedem Fall. Ihr müsst nur etwas mit der Zeit anfangen, die Euch gegeben wurde. Alles, was danach kommen mag, ist irrelevant. Warum verschwendet Ihr sie und tut genau das, was Ihr an der elbischen Sicht der Dinge kritisiert habt, wenn es ganz einfach ist?“
„Wie meint Ihr das?“, fragte er erneut, dieses Mal hatte seine Stimme einen scharfen Unterton.
„Ob für mich als Sterbliche oder für Euch als Unsterblichen: Die Gegenwart ist jetzt und alles, was nach dem Tod Eurer Freunde kommt, müsst Ihr auch erst dann angehen. Es bringt nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ihr ändert es ohnehin nicht.“
Er starrte mich an, schien wieder über das nachzudenken, was ich gesagt hatte. Dieses Mal wandte ich mich ab, weil ich wusste, dass er Zeit brauchte, alles sacken zu lassen. „Ich wünsche Euch eine gute Nacht“, sagte ich im Gehen.
„Die wünsche ich Euch auch“, erwiderte er abwesend.
Als ich die Treppe beinahe erreicht hatte, sagte er so leise, dass ich es fast nicht verstand: „Ich habe unsere Begegnung sehr genossen, Aspen.“
Mein Herz machte einen Satz. Ich wusste instinktiv, dass er nicht den Tag meinte, an dem wir uns in der Gasse hinter der Bibliothek zum ersten Mal gesehen hatten. Er meinte die Nacht, in der wir miteinander getanzt hatten.
Ich schluckte mein Herzklopfen hinunter und erwiderte: „Das geht mir genauso.“
Ein Blick zurück verriet mir, dass es noch mehr sagen zu wollen schien, sich aber dagegen entschied. Also verließ ich den Wehrgang – mit mehr Fragen im Kopf als ich auf dem Hinweg gehabt hatte.
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