Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Am dritten Tage auferstanden von den Toten

Kurzbeschreibung
OneshotRomance / P6 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert
18.04.2022
18.04.2022
1
875
3
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
18.04.2022 875
 
Sonnenstrahlen schienen durch die zugezogenen Vorhänge und kitzelte sie langsam aus dem Schlaf. Es war ein Tag wie jeder andere. Zumindest für sie. Sie würde heute nicht feiern wie jeder andere Mensch, sie hatte keine Kinder, denen sie Eier und Geschenke verstecken musste, sie hatte keine Familie, mit der sie feiern würde. Ihre Eltern und ihr Bruder wohnten in München und sie hatte keine Lust, sich heute durch den städtischen Verkehr zu kämpfen. Heute wollte sie ihre Ruhe haben, ein wenig spazieren gehen, den Gedanken freien Lauf und alles Negative ruhen lassen.
Sie ging an der Kirche vorbei, die Straße entlang bis zu einer Brücke. Es war nicht die Andreas Brücke, die hier öfter besucht wurde, sondern die andere, die ruhigere. Das Wasser rauschte hier kleine Abhänge hinunter und in Sichtweite war eine Gans zu sehen, die hin und wieder ihren Kopf bewegte. Die Lampen waren mit Staub und Spinnweben bedeckt, aber sie zog sich gern hierher zurück, hin und wieder ging sie danach oder auch davor einkaufen.
Sie fantasierte über alles Mögliche, dachte sich auch Geschichten aus, lief ein paar Mal auf und ab und ließ sich schließlich auf der einzigen Bank dort nieder. Sie schloss ihre Augen und lauschte dem Wasserrauschen, was beruhigend auf sie wirkte.
Früher war sie hier mit ihrem Exmann gesessen, hatte sich an seine Schulter gelehnt und seine Hand ihren Arm auf- und abstreichen spüren. Sie versank in Erinnerungen, an welche sie heute eigentlich nicht denken wollte, welche sie aus ihren Gedanken zu verbannen versuchte. Sie wurde sentimental. Immer wenn sie alleine war und zu viel nachdachte, wurde sie sentimental.Und sie hasste es. Hin und wieder schaffte sie es, aber heute scheiterte sie wieder vergeblich.
Nach einiger Zeit der Stille, hörte sie auf einmal Schritte. Wer bitte kam hier denn her? Schnell versuchte sie halbwegs normal zu wirken und nicht wie ein mentales Wrack, dass an Feiertagen einsam verzweifelte, weil sie es nicht auf die Reihe brachte, eine intakte Familie zu gründen. Kurzerhand entschied sie sich zu gehen, stand auf und drehte sich um, doch als sie sah, wer vor ihr stand, blieb sie wie angewurzelt stehen.
„Servus Anja“, begrüßte er sie. „Franz… Wos mochst du?“ „Des kannt i di aa frong. Wieso bist du denn ned bei deiner Familie?“ Anja musterte ihn genau, während er näher zu ihr kam. „I hob einfach koa Lust ghobt, de anderen zu sehn und so lang zu fohrn. Ober jetzt erzähl du.“ Er kam zu ihr und stützte seine Arme auf das Geländer, wo sich Anja mit dem Rücken anlehnte. „Zeitvertreib. De Zeit muas i ja aa irgendwie totschlagen.“
Die beiden schwiegen sich eine Zeit lang an, bis Anja den Mut fand und ihren Stolz überwand. „Irgendwie schade, dass es nimmer so is wie früher. War ja doch a scheene Zeit.“ Sie drehte sich um, sodass sie ihre Unterarme nun auch auf das hölzerne Geländer stützen konnte. Hubsi nickte leicht, dann begann die zweite Runde der Stille, die dieses Mal er beendete. „Am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Verdutzt sah sie ihn an. Er besuchte so gut wie nie die Kirche und sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er auch das Beten mied, aber diese Zeile aus dem Glaubensbekenntnis, die er ihr hier entgegenwarf, verwunderten sie. „Vor drei Jahren hom mir uns getrennt“, klärte er sie auf und jetzt fiel es ihr auch auf.
„Drei Jahre… Stimmt… Des fühlt si ober vui länger an. Ober wieso host du des jetzt gsogt?“ „I… Egal, ignorier es einfach.“ Anja musterte ihn genau, dann das Ufer und die Isar. „Meinst du, dass auch unsere Liebe mehr oder weniger „auferstehen“ kann? Neu entflammen?“ Dabei musste sie an den brennenden Herz-Emoji denken, den sie zwar schön fand, aber nie benutzte, hatte ja auch keinen Grund dazu.
Er schwieg, während sie sich tief in die Augen sahen. „Wieso genau host du eigentlich dieses Zitat gewählt? Du hättest so vui song kinna, ober du host genau des gsogt?“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist Ostern. Ein kirchlicher Feiertag. A Tag, wo Familien zusammen sind. I hob eben aa gmoant, dass du bei deiner Familie bist. I hob ja koane mehr. Oder, anders gesagt, i bin grod bei ihr.“ Er stellte sich gerade auf und drehte Anja so, dass sie mit dem Rücken an dem Geländer lehnte und ihm in die Augen sehen musste. „Achso… Also soi i dei Familie sei?“ Er nickte und langsam näherten sich ihre Gesichter, bis ihre Lippen zu einem Kuss verschmolzen. Es war ganz zärtlich und noch sehr unsicher, trotzdem vertraut. Keiner wollte etwas überstürzen und den wunderschönen Moment durch einen kleinen Fehler zerstören.

Mittlerweile war es dunkel und sie saßen zusammen auf Hubsis Couch, Arm in Arm. Sie hatten sich ausgesprochen, wollten es noch einmal miteinander versuchen. Am nächsten Tag hatten beide frei, also planten sie, sich treffen und nochmal über alles zu reflektieren, wieso es denn überhaupt so weit gekommen war und was sie besser machen mussten. Obwohl Anja an diesem Abend vorhatte, wieder nach Hause zu fahren, schlief sie in seinen Armen ein und weil er sie nicht wecken wollte, trug er sie nach oben ins Schlafzimmer und deckte sie dort liebevoll zu, bevor er sich neben sie legte und ihr beim Schlafen zusah.

Ende
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast