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2022 04 17: Da unten [by - Lemmy -]

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
17.04.2022
17.04.2022
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Dieses Kapitel
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17.04.2022 2.333
 
Tag der Veröffentlichung: 17.04.2022
Titel der Geschichte: Da unten
Song: „Hochhaus“ von Gloria
Autor: - Lemmy -
Kommentar des Autors: Hier hat mich wieder nur der Titel des Liedes zu einer spontanen Idee inspiriert. Im Filmation’s Ghostbusters-Fandom spielt ein Hochhaus zwar nur eine sehr untergeordnete Rolle, aber in dieser Geschichte kommt es dafür groß heraus. Nun ja, indirekt^^.


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Da unten


Es war eine schöne, kleine Wohnung, in die Martha und Bernard Hipp unlängst gezogen waren, eine Wohnung ganz nach ihrem Geschmack. Zwei Zimmer, von ihnen gemütlich eingerichtet, ein hübsches Badezimmer und eine kleine, aber feine Küche. Das alte Ehepaar hatte sich sofort in sein neues Zuhause verliebt, und nun wohnten sie hier bereits seit fast zwei Wochen. Zum Glück gab es einen Fahrstuhl, denn ihre Wohnung befand sich in einer ruhigen Wohngegend in einem Hochhaus. Diesem direkt gegenüber lag ein gleichartiges Gebäude, das sich mit in der Sonne glitzernden Fenstern gen Himmel reckte. Martha und Bernard hatten die Stockwerke noch gar nicht so genau gezählt, aber es waren einige, mindestens zwanzig. Ihre Wohnung lag im zwölften Stock, das war weit genug oben, um einen fantastischen Ausblick zu haben und sich dem Himmel schon recht nah fühlen zu können.

Allerdings hatten die beiden bereits nach wenigen Tagen festgestellt, dass das eigentlich Interessante gar nicht die Aussicht oder der Blick nach oben war, sondern im Gegenteil der Blick nach unten! Zwischen den beiden Hochhäusern befand sich nämlich ein kleines Haus. Genau genommen war es eine schon recht alte Villa, die von einem Garten umgeben war. Seit Martha das Häuschen entdeckt hatte, war sie der Meinung, dass es schon vor den großen Gebäuden dort gestanden haben musste und die Hochhäuser seinerzeit darum herum gebaut worden waren.

Seitdem hatte die beiden alten Leute der Gedanke nicht wieder losgelassen, wer in der Villa wohl wohnte. Ein paar Mal waren sie auf der Straße daran vorbeigegangen und hatten sie sich angesehen. Dabei war ihnen aufgefallen, dass das Haus aussah, wie aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Erker zierten die Fassade, ein kleines Türmchen das Dach, und links gab es eine Art Anbau, der auf Stützpfeilern stand. Am merkwürdigsten jedoch waren die bunten Lauflichter und Leuchtpfeile, die am Dach angebracht und nachts in Betrieb waren, als wollten sie auf die Villa aufmerksam machen.

Die Hipps fanden das faszinierend und hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, aus dem Fenster zu schauen, wenn es dunkel war und die Lichter an der Villa leuchteten und blinkten. Das war ein bisschen wie auf dem Rummelplatz.

Wie konnten sie nur mehr herausfinden?



Es war Nachmittag, und die Hipps waren von einem ausgiebigen Spaziergang im Park heimgekommen. Nun wollten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich machen.

„Schatz, der Tee ist fertig!“ rief Martha ihrem Mann zu, der am geöffneten Fenster stand und wieder einmal auf das Objekt ihrer gemeinsamen Neugier herabschaute. Noch nie hatten sie jemanden in die Villa hineingehen oder aus ihr herauskommen sehen. Bewohnt war sie doch aber auf jeden Fall, wer sollte denn sonst nachts die Beleuchtung anmachen? Und Licht in den Fenstern sahen sie auch regelmäßig. Hoffentlich spukte es dort nicht! Sie stellte das Tablett mit Teekanne, Tassen und einer Schale mit Gebäck auf dem Wohnzimmertisch ab. „Bernard?“

Plötzlich wedelte ihr Mann mit den Händen. „Da tut sich was! Mensch, sie haben einen Oldtimer! Komm schnell her!“

„Einen Oldtimer?“ Martha eilte ebenfalls ans Fenster und sah nach unten. Sie bekam gerade noch mit, wie ein roter, offener Wagen auf die Straße fuhr, der seiner Bauart nach etwa aus den zwanziger Jahren stammen mochte. „Kannst du sehen, wer drinsitzt?“ Sie bemühte sich, Genaueres zu erkennen.

Bernard kniff ebenfalls die Augen zusammen. „Mehrere Personen, glaube ich. Mehr kann ich nicht erkennen. Was für ein schöner Wagen! Diese Leute sind mir schon jetzt sympathisch.“ Er hatte ein Faible für alte Autos, insbesondere für Oldtimer, die ihn an die gute alte Zeit erinnerten. „Irgendwie passt das zu diesem Haus.“

„Vielleicht sollten wir hingehen und uns einfach mal vorstellen?“ schlug Martha vor.

„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Schließlich sind wir keine direkten Nachbarn, sondern nur Mieter in diesem Hochhaus. Ich fände das unpassend.“

Martha stemmte die Hände in ihre rundlichen Hüften und überlegte. „Hm, ich könnte natürlich auch mal unsere Nachbarn hier auf der Etage fragen, ob sie Näheres wissen. Die Flanigans und Dermotts, du weißt schon. Und vielleicht die Chandlers, mit denen verstehen wir uns doch auch gut.“

„Das kannst du gerne machen, meine Liebe“, Bernard wandte sich vom Fenster ab und tätschelte seiner Frau zärtlich den Arm. „Aber nun lass uns erstmal Tee trinken.“



In den nächsten Tagen brachte Martha Hipp Folgendes in Erfahrung: In der alten Villa wohnten junge Leute, und offenbar hatten sie ein großes Tier. Welches, darüber war man sich nicht so ganz einig. Kein Nachbar, mit dem Martha sich unterhalten hatte, hatte es jemals näher gesehen oder kannte die Leute persönlich. Die Bewohner des Hauses fuhren manchmal mit einem roten Oldtimer in der Gegend herum. Allgemein gab es nichts allzu Spannendes zu berichten. Somit waren Martha und Bernard keinen Schritt weitergekommen, außer, dass sie nun das Gefühl hatten, mit ihrem Interesse für die alte Villa und ihre Bewohner allein zu sein. Vielleicht hatten sie sich in die ganze Sache zu sehr hineingesteigert, und das musste ja nun nicht sein.

So wandten sie ihre Aufmerksamkeit allmählich wieder anderen Dingen zu, sahen nur noch gelegentlich auf das merkwürdige Haus hinab und beschäftigten sich nicht mehr regelmäßig damit. Es würde einfach ein Kuriosum bleiben.



Bis zu dem Moment, als sie eines Nachmittags wieder einmal bei Tee und Gebäck am Wohnzimmertisch saßen und von einem Geräusch aufgeschreckt wurden, das wie eine Art Raketentriebwerk klang. Sie hatten dieses Geräusch zwar vorher schon ein paar Mal gehört, sich jedoch nichts dabei gedacht, da es meist recht leise gewesen war. Nicht jedoch dieses Mal!

Martha und Bernard sprangen gleichzeitig vom Tisch auf und eilten zum Fenster. Beide rissen erstaunt die Augen auf, als sie sahen, was das Geräusch verursachte. Eine Art Flugobjekt sauste in einiger Entfernung an ihrem Hochhaus vorbei, doch höher, als ihre Wohnung gelegen war, so dass sie nicht genau erkennen konnten, was es war. Zwar riss Bernard schnell das Fenster auf, und Martha und er steckten rasch die Köpfe hinaus und verrenkten sich den Hals, um noch etwas erblicken zu können, doch zu spät. Sie sahen nur noch das Etwas hoch über ihnen um das Gebäude herum verschwinden. Das dazugehörige Geräusch wurde immer leiser und war schließlich nicht mehr zu hören.

Bernard schloss das Fenster wieder und blinzelte ein paar Mal. „Wenn ich es nicht besser wüsste“, sagte er mit schwankender Stimme, „würde ich sagen, dass das ein Auto war. Ich habe es aber nicht wirklich erkennen können, es ging alles viel zu schnell.“ Er stieß die Luft aus und wandte sich vom Fenster ab.

„Ich habe es auch gesehen, Liebling“, Martha schüttelte irritiert ihre grauen, kurzen Locken. „Es war ein rotes Auto, und es flog.“

„Autos fliegen nicht“, befand Bernard pragmatisch und ging wieder zum runden Wohnzimmertisch, wo er sich förmlich auf den gepolsterten Stuhl sacken ließ. Er brauchte unbedingt einen Moment, um sich wieder zu sammeln! Aber das, was er auf die Schnelle hatte erkennen können, ließ ihn nicht mehr los, und da seine Frau dasselbe gesehen hatte ... ja, hatten sie denn beide Halluzinationen?

Martha setzte sich ebenfalls wieder und goss sich und ihrem Mann duftenden Tee aus einer zierlichen, kleinen Kanne nach. „Ich sage dir, es war ein Auto! Und ich könnte schwören, dass es ein altes Auto war. Da waren so eine Art Flügel dran.“

„Ein altes, rotes Auto ...“ Bernard krauste die Stirn. „So wie der Oldtimer, den wir von der alten Villa da unten haben wegfahren sehen?“ Als seine Frau ihm einen vielsagenden Blick zuwarf, seufzte er tief. „Entweder, wir spinnen jetzt beide, Liebes, oder die Leute, die in dem komischen Haus wohnen, sind wirklich sehr merkwürdig.“

„Oder interessant“, Martha lächelte.

Damit war das Gespräch zu diesem Thema beendet. Die Hipps genossen ihren Nachmittags-Tee und plauderten über andere Dinge.

Doch kreisten ihrer beider Gedanken immer wieder um das, was sie eben mit eigenen Augen miterlebt hatten, und ein Gedanke kam ihnen immer mehr ins Bewusstsein: Was ging da unten in der alten Villa nur vor sich?

Als sie am späteren Abend schließlich im Bett lagen, fasste sich Martha endlich ein Herz, drehte sich zu ihrem Mann um und sagte: „Ich werde mir das alte Haus morgen Abend, wenn es dunkel ist, mal ein bisschen näher ansehen, Schatz.“

Bernard lächelte milde. Er kannte seine Martha nun schon seit 55 Jahren, und er wusste, dass sie einen Hang zur Neugier hatte. Das hatte im Laufe der Jahrzehnte schon zu der einen oder anderen kuriosen Situation geführt. Er wusste aber auch, dass er sie von ihrem Vorhaben nicht würde abbringen können, denn wenn erst einmal irgendetwas oder irgendjemand ihr Interesse geweckt hatte, musste sie der Sache nachgehen, sonst ließ es ihr keine Ruhe! Und Bernard musste zugeben, dass er selbst noch immer ein bisschen neugierig war, mehr über die alte Villa und ihre Bewohner zu erfahren. „Ich komme mit“, erklärte er daher kurzentschlossen.

„Ich wusste, dass du mich damit nicht allein lässt“, Martha nahm ihren Mann in den Arm und gab ihm einen innigen Kuss. „Danke! Du bist einfach der Allerbeste.“

Damit wurde das Licht gelöscht, und die beiden alten Leute schliefen mit dem Gedanken ein, dass sie morgen Abend ein womöglich interessantes Erlebnis vor sich hatten.



Es war schon seit einer Weile dunkel, und ebenso seit einer Weile spazierten Martha und Bernard Hipp die Straße auf und ab, in der die alte Villa, umgeben von den beiden Hochhäusern und mit einem dritten hohen Gebäude im Rücken, lag. Sie flanierten die gegenüberliegende Straßenseite entlang, damit sie das Haus zunächst unauffällig beobachten konnten und wie ganz normale Passanten wirkten, obwohl sie die einzigen Spaziergänger in der Straße waren. Wer sollte sie um diese späte Stunde denn auch beobachten? Es war schon fast 23 Uhr. Normalerweise saßen die Hipps um diese Uhrzeit gemütlich vor dem Fernseher, doch heute Abend waren sie auf einer ganz besonderen Mission!

An dem alten, etwas windschiefen Haus war wieder die Beleuchtung eingeschaltet. Auf dem Dach blinkten die Leuchtpfeile und bunten Lauflichter, so dass sich die Hipps wieder einmal fragten, auf was diese Villa aufmerksam machen wollte. Oder sollte das eine Art von ganzjähriger Weihnachtsbeleuchtung darstellen? Die Fenster waren, bis auf zwei, allesamt dunkel. Es musste jemand zu Hause sein …

Nachdem das alte Ehepaar seit fast einer halben Stunde immer wieder in beiden Richtungen an dem Objekt ihrer Neugier entlanggegangen war und sich in dem Haus nichts rührte, überquerte Martha, mutig geworden, plötzlich die Straße und blieb vor der niedrigen Steinmauer, die den Garten einrahmte, stehen. Sie wollte sich das Ganze nun endlich einmal näher ansehen!

Bernard zögerte kurz, dann fasste er sich ein Herz und folgte seiner Frau.

„Das Haus ist wirklich alt“, Martha ließ ihren Blick schweifen. Zum Glück befand sich eine Straßenlaterne in direkter Nähe, so dass sie einiges erkennen konnte. Sie bemerkte, dass sie den Lichtkegel der Laterne mied und, wie ihr Mann, im Dunklen am Zaun stand. Für einen kleinen Moment kam sich Martha wie eine Geheimagentin vor, doch das sagte sie ihrem Mann wohlweislich nicht. Spannend war es aber auf jeden Fall. Doch nur hier herumzustehen, brachte auch keine neuen Erkenntnisse.

Ein Gartentor gab es nicht. Ein kurzer Weg führte zur Eingangstreppe, die nach oben zur Haustür ging. Es war mucksmäuschenstill, die Nacht hatte sich nun über die Straße gesenkt. In den Hochhäusern, die die Villa umgaben, leuchteten die Fenster wie warme, gelbe Quadrate, doch hier unten, vor diesem seltsamen Haus, spendete nur die Straßenlaterne ein bisschen Licht vor der umgebenden Dunkelheit.

Martha lauschte noch einmal, hörte jedoch nichts außer ihrem eigenen Herzschlag, der sich wegen ihrer Aufregung beschleunigt hatte. Kurzentschlossen betrat sie das Grundstück und schritt die Treppe zur Haustür hinauf, wobei sie darauf achtete, kein Geräusch zu verursachen.

„Was tust du denn da, Liebes?“ fragte Bernard überrascht, doch da er unbewusst die Stimme gesenkt hatte, konnte seine Frau ihn natürlich nicht hören. Sie würde sich sowieso nicht aufhalten lassen. Ebenso leise folgte er ihr. Da es eine Holztreppe war, knarrte hier und da eine Stufe, zu Bernards großer Erleichterung jedoch nur ganz leise.

Schließlich standen sie vor dem Eingang, einer massiven, alten Holztür.

„Siehst du das Bild da, Bernard?“ fragte Martha flüsternd und wies mit einem vor Aufregung zitternden Zeigefinger auf das quadratische Motiv, das in Kopfhöhe die Tür zierte. „Sieht das nicht aus wie ein Gespenstergesicht?“

Ihr Mann nickte. „Und es ist von Knochen umgeben.“ Er hatte Recht. Es sah so aus, als befinde sich das Bild in einem knöchernen Rahmen. Er sah sich verunsichert um. Als er den Blick nach oben richtete, stockte er. „Ist dir jemals das Schild auf dem Dach aufgefallen?“ fragte er verunsichert. So oft, wie sie an der alten Villa schon vorbeigekommen waren, hatte er das noch nie bemerkt! Auf einer kurzen Stange erhob sich vom Dach des linken Anbaus ein Schild, das ebenfalls ein rundes Geistergesicht zeigte. „Langsam wird mir das unheimlich, Liebes. Was wohnen denn hier bloß für Leute?“ Er fasste seine Frau am Arm. „Vielleicht ist es besser, wenn wir gehen. Ich weiß ja nicht, aber vielleicht spukt es in diesem Haus!“

„Ich dachte immer, du glaubst nicht an Gespenster“, flüsterte Martha zurück. Aber ganz geheuer war auch ihr die Villa nicht. Der fliegende Wagen fiel ihr wieder ein. Irgendetwas Seltsames ging hier vor! Sicherlich gab es Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich der Vorstellungskraft entzogen. Sie zuckte zusammen, als sie glaubte, aus dem Inneren des Hauses leise Geräusche zu hören. „Du hast Recht, wir sollten besser wieder gehen.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen und ihr Mann und sie sich zum Gehen gewendet, hörten sie, wie drinnen aufgeschlossen wurde. Viel zu schnell drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die beiden alten Leute standen da wie erstarrt.

Schwungvoll öffnete sich die Tür.

Das war der Moment, in dem sich das Leben von Martha und Bernard Hipp auf unerwartete und wundersame Weise für immer veränderte.
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