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Einmal Verbrecher immer Verbrecher?

von Sinsin
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
16.04.2022
28.06.2022
14
20.411
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16.04.2022 1.069
 
Es war spät am Abend und die Winterluft war eisig kalt.
Marc stand wartend am Eingang einer U-Bahnstation und richtete seinen Schal, der sich etwas gelöst hatte.
Er hatte schwarze kurze Haare und dunkelblaue Augen, aber keinen Bart. Er mochte Bärte nicht. Sonderlich groß war er nicht. Zwar auch nicht klein mit 1,80, aber unter Männern war er eher normal. Schuhkäufe bereiteten ihm immer wieder Schwierigkeiten und stundenlange Anstrengungen, da seine Füße viel zu schmal waren für ihre Größe und…

„Marc! Komm’ endlich, du Schnecke!“, rief sein Kollege vor ihm. Er stand am unteren Ende der Treppe zur U-Bahn und winkte ihn hinter sich her.
Marc drehte sich verwundert zu ihm um, denn er hatte noch gar nicht bemerkt, dass er schon dort war.
„Ich komme ja schon!“, rief er und beeilte sich, ihm zu folgen.
Schließlich wollten sie die Bahn nicht verpassen. Sein Kollege, Manuel, war größer als er und hatte sich offensichtlich nicht warm genug angezogen. Keine Handschuhe und er zog ständig den kleinen Kragen seiner Jacke höher.
„Es ist wirklich arschkalt!“, fluchte Manuel und rieb sich seine frierenden Hände.
Selbst am Bahnsteig war es noch kalt, doch wenigstens zog der Wind dort unten nicht.
„Du hättest einfach mal aus dem Fenster schauen sollen, bevor du losgehst.“, meint Marc, aber Manuel schüttelte den Kopf.
„Ich war nicht Daheim. Konnte mir nichts anderes anziehen.“, erklärte er knapp und mit leiser Stimme.
Nun nickte Marc wissend. Sein Kollege hatte die Nacht also wieder bei jemand anderem verbracht.
So wie er ihn kannte, vermutlich bei einer Prostituierten.
„Da ist die verdammte Bahn ja endlich.“, sagte Manuel, als er die Lichter der U-Bahn entdeckte.
Die beiden Männer stiegen in den vollen Zug. Eine halbe Stunde lang standen sie zwischen den anderen Fahrgästen und schwiegen.
Sie waren Kollegen, aber definitiv keine Freunde. Im Gegenteil. Manuel ließ kaum eine Gelegenheit verstreichen, Marc spüren zu lassen, dass er ihn nicht leiden konnte.
Nachdem sie ausgestiegen waren, mussten sie noch eine Weile laufen, bis sie in einer gehobenen Wohngegend ankamen.
Manuel sah sich prüfend um.
„Ich muss telefonieren.“, sagte er und ging los, um eine Telefonzelle zu suchen, während Marc vor einem Garten wartete.
Das Telefonat würde nicht lange dauern und danach würde Manuel mit einem sehr kleinen Päckchen zurückkommen.
Nach ein paar Minuten kam er wieder in Sicht und winkte Marc zu, damit er ihm folgte.
„Es ist zwei Blöcke weiter.“, erklärte Manuel knapp und ging wieder voraus.
Marc lief seinem Kollegen nicht gerne hinterher, doch er sagte ihm nicht die Adressen, zu denen sie unterwegs waren und gab sowieso nur so wenige Informationen wie möglich an ihn weiter.
Schließlich blieb Manuel vor einem großen Haus stehen, dessen Garten von einer Mauer umgeben war.
„Geh du rein. Ich will endlich eine rauchen.“, meinte Manuel unfreundlich und holte eine Schachtel Würfelzucker aus seiner Tasche, die er Marc in die Hand drückte.
Marc verzog das Gesicht.
„Warum? Es hat doch einen Grund, dass wir immer zu zweit unterwegs sind.“, sagte Marc angesäuert.
„Jetzt mach’ dir nicht ins Hemd! Dir passiert schon nichts!“, meinte Manuel laut und steckte sich eine Zigarette an, aber Marc war nicht einverstanden.
„Der Chef wird toben, wenn er das mitkriegt!“
Manuel winkte ab.
„Das ist doch bloß ein einsamer Junggeselle und wir besuchen ihn nur selten. Kein Grund zur Sorge.“, sagte Manuel locker.
Marc atmete einmal tief durch und gab sich geschlagen. Er würde Manuel nicht umstimmen können.
Er ging zum Eingangstor und betrat die Auffahrt. In den Fenstern brannte Licht und vor der Garage stand ein dunkelblauer Mittelklassewagen, blitzsauber, als käme er frisch aus der Waschstraße.
Da war wohl jemand zu faul gewesen, den Wagen in die Garage zu fahren.
Marc klingelte zweimal an der Tür, doch es dauerte sehr lange, bis schließlich ein Mann die Tür öffnete.
Er war Mitte dreißig und wurde sehr nervös, als er Marc sah.
„Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren nicht sehr zuverlässig heute. Soll ich kurz reinkommen?“, sagte Marc höflich und lächelte.
Der Mann schluckte angespannt.
„Ich äh… habe gerade Besuch. Sie sollten nicht reinkommen. Aber ich muss noch… etwas holen.“, stammelte er.
Marc nickte verstehend.
„Tun Sie das. Ich warte.“, bestätigte er und die Tür wurde wieder geschlossen.
Er machte sich keine Sorgen wegen der Nervosität des Mannes. Das kam öfter vor.
Nach ein paar Minuten öffnete er wieder die Tür und reichte Marc ein Röllchen, in dem normalerweise Tabletten aufbewahrt wurden.
„Ich hatte nur das im Haus.“, sagte der Mann erklärend.
„Kein Problem. Ich kann Kopfschmerztabletten immer gebrauchen.“, entgegnete Marc lässig und gab dem Mann die Schachtel mit dem Würfelzucker. Der Mann gab ihm dafür das Röhrchen und beide überprüften kurz den Inhalt.
Unter der zweiten Schicht Zuckerwürfel war ein Tütchen versteckt.
In Marcs Röhrchen hingegen war ausreichend Geld.
„Sehr schön. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Man sieht sich.“, sagte Marc und machte sich wieder auf den Weg.
„Ihnen auch!“, rief ihm der Mann hinterher und Marc hob danken eine Hand.
Manuel tippte schon ungeduldig mit dem Fuß, als Marc zurückkam.
„Das hat viel zu lange gedauert! Das ist meine vierte Kippe.“, beschwerte er sich.
„Ich prügle die Leute eben nicht verbal, so wie du.“, sagte Marc gereizt.
„Das solltest du aber. Was glaubst du, wer du bist? Auf jeden Fall kein Freund von diesem Typen! Komm schon.“, sagte Manuel unfreundlich.
Marc reichte ihm das Tablettenröhrchen und folgte ihm wieder in Richtung U-Bahnstation.
Dieses Mal warteten sie alleine am Bahnsteig. Zu dieser späten Zeit fuhren nur Leute, die Nachtschicht hatten, oder lange feierten.
„Das versteht sich zwar von selbst, aber…“, begann Manuel bedrohlich, während er sich seine noch immer kalten Hände rieb.
„Wehe der Chef hört auch nur ein Wort!“
Marc verdrehte die Augen.
„Ja, ich weiß. Du wirst dich schrecklich an mir rächen. Leg mal eine neue Platte auf.“, sagte Marc wenig beeindruckt.
Sein Kollege machte einen Schritt auf ihn zu, kam ihm gefährlich nahe und griff nach dem Ende seine Schals, um daran zu ziehen.
„Nimm das gefälligst ernst!“, warnte er ihn leise.
Der Schal schnürte sich zu und Marc nickte eifrig.
„Das mache ich doch!“, sagte er, während er immer schlechter Luft bekam, und hob seine Hände.
Manuel ließ ihn los, fixierte ihn aber noch einen Moment lang mit seinem Blick, ehe er sich wieder dem Bahnsteig zuwandte.
Zuerst schluckte Marc, aber dann atmete er erleichtert aus. Sein Kollege war nicht gerade einer von der umgänglichen Sorte.
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