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Black Rose. Orchid Edenthew – Schatten über Distrikt 1

von Crowl
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Angst / P18 / Het
OC (Own Character)
15.04.2022
12.08.2022
18
46.483
3
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
05.08.2022 1.954
 
„Der Name ist ein Zeichen“ – logisch, dass Zenobia und die Friedenswächter da in ihrem Eifer bloß auf die Täter fixiert sind, also die Schwarze Rose. Aber ich nicht. Ich denke vor allem an ihr Opfer. An Blossom, die Blüte. Die Entführer werden darauf spekuliert haben, dass ich auch diese Perspektive einnehmen würde. Ich allein soll rauskriegen können, wo sie sich aufhalten. Dies ist der ganze Zweck der kryptischen Nachricht, die ja nicht umsonst in Latein geschrieben wurde, das von den Soldaten keiner versteht. Dass sie dann damit zu mir kommen würden, war naheliegend. Aber ich darf ihnen nichts von meinen Schlussfolgerungen verraten, wenn ich meine Schwester nicht gefährden will. Jetzt, wo Zenobia weg ist, kann ich es mir noch mal genauer durch den Kopf gehen lassen.

Also, die Rose und die Blüte. Der Ort, an den sie verschleppt wurde, muss einen Bezug zu beidem haben. Und ich muss ihn kennen, obwohl er wahrscheinlich recht ablegen ist. Ich zermartere mir eine Weile das Hirn, murmle immer wieder die Worte vor mich hin, bis es mir einfällt: Das alles trifft auf die momentan stillgelegte Blumenfarm meiner Familie zu, an deren Abzweigung ich ja auf der Strecke vom Dorf in die Stadt regelmäßig vorbeikomme. Wo normalerweise die Rosen blühen…

Ja, im Prinzip ist das sogar ein ideales Versteck für die Entführer: Niemandem würde doch in den Sinn kommen, ausgerechnet dort nach meiner Schwester zu suchen, oder diesen Hinweis so zu interpretieren – niemandem außer mir. Und um mich geht es dabei letztlich: Die vorangestellte römische Eins, damit bin ich gemeint. Das war mir vom ersten Lesen an klar. Die erste Siegerin des ersten Distrikts; das ist es, was sie wollen. Und auch diese Botschaft steckt darin: Sie wollen mich allein, ohne Begleitung. Ich soll aus der erzwungenen Sicherheit des Hausarrests herausgelockt werden; mit meiner Schwester als Druckmittel.

Natürlich ist es hochgefährlich, darauf einzugehen, auch für das Kind in mir. Aber ich kann Blossom nicht einfach im Stich lassen; all unseren Differenzen zum Trotz. Kann nicht tatenlos hinnehmen, wie sie mit ihrem Leben dafür büßt, dass ich so tief mit den Spielen und dem Kapitol verstrickt bin. Sie ist immer noch meine Familie, ebenso wie meine Eltern, die in diesen Stunden Höllenqualen durchleiden müssen. Und wenn ich andere dorthin schicke, Zenobia und ihre Leute, werden die Entführer es bestimmt bemerken und ihr Opfer umbringen, bevor eine Rettung gelingen kann. Nein, es gibt schlicht keine Alternative: Es mag eine Falle sein, garantiert sogar, aber ich komme nicht drum rum, wenigstens einen Fuß hineinzusetzen. Ganz vorsichtig. Und kann dann nur hoffen, dass es mir schon irgendwie gelingen wird, uns beide daraus wieder zu befreien. Doch erstmal muss ich von hier verschwinden, ohne dass meine Bewacher mir folgen. Und ich hab auch schon eine Idee, wie ich es anstelle.

Mein Weg führt mich zunächst hoch ins Badezimmer. Ich öffne die Spiegeltüren des Schränkchens über dem Waschbecken, nehme eine schmale Schachtel Tabletten heraus und lasse sie in meine Hosentasche gleiten. Dieses Schlafmittel hat mir bereits öfter gute Dienste geleistet, wenn ich nach einem besonders intensiven Albtraum mit Arena-Flashbacks partout nicht mehr zur Ruhe kam. Aber seit der Schwangerschaft habe ich es nicht mehr benutzt – zum Glück, denn so ist genug davon auf Lager, um die drei Männer außer Gefecht zu setzen. Ich brauche es ihnen lediglich noch zu verabreichen.

„Hey Soldat“, spreche ich unten den jüngsten der Friedenswächter, der in der Eingangshalle seinen Posten bezogen hat, betont freundlich an, „willst du nicht deine beiden Kameraden reinrufen? Ich hab nach dieser schlimmen Neuigkeit dringend etwas Ablenkung nötig, sonst dreh ich noch durch! Wir könnten doch was zusammen spielen; am liebsten Karten.“

„Das geht eigentlich nicht“, erwidert er zurückhaltend, anscheinend etwas verunsichert von meiner freimütigen Bitte. „Es wäre gegen die Vorschriften, und außerdem passt dann draußen niemand auf. Würde es nicht reichen, wenn nur wir zwei…“

„Nein!“, schreie ich laut und stampfe mit dem Fuß wie ein bockiges Kind. „Ich möchte Capitol Hold’em spielen, und das macht erst ab vier Spielern halbwegs Spaß!“ Jetzt ein treuherziger Augenaufschlag und die Kleine-Mädchen-Masche, die selbst mit Ende 20 noch wunderbar funktioniert: „Oh, bitte – es würde mir wirklich helfen, meine Sorgen ein bisschen zu vergessen. Und ich würde mich auch viel sicherer fühlen, wenn ihr alle ganz nah bei mir wärt.“

Der Mann errötet leicht und wendet kurz seinen Blick ab. „Du kannst… ich meine, Sie können Capitol Hold’em?“, fragt er schließlich in einer Mischung aus Überraschung und Interesse.

Nun hab ich ihn am Haken! Ich weiß ja aus etlichen mitgehörten Gesprächsfetzen, dass die Friedenswächter sich in ihren Quartieren leidenschaftlich gern die Zeit mit dieser Poker-Variante vertreiben. Und auch unter uns Siegern ist es eine beliebte Gelegenheit, während der Spiele mal auf andere Gedanken zu kommen – so hab ich tatsächlich einige Erfahrung darin, weil Teilnehmer aus dem reichen Distrikt 1 in jeder Runde willkommen sind. „Findet’s doch raus“, antworte ich ihm daher keck. „Oder habt ihr harten Kerle etwa Angst, von einer Frau über den Tisch gezogen zu werden?!“

Ein Grinsen legt sich über sein Gesicht; diese Herausforderung kann er nicht auf sich sitzen lassen. „Na schön“, gibt er nach und hebt mahnend den Zeigefinger. „Aber kein Wort zur Chefin, klar?“

„Natürlich nicht; das ist unser kleines Geheimnis“, versichere ich ihm lächelnd. „Also vielen Dank! Hol die anderen doch schon mal an den Tisch im Esszimmer – ich koche uns in der Küche nur noch eben einen starken Kaffee, damit wir auch alle konzentriert bleiben. Ich hoffe, ihr mögt ihn ein wenig bitter?“



Als den dreien ungefähr 30 Minuten später nahezu gleichzeitig der Kopf auf die Tischplatte sinkt, bedaure ich das fast, denn ich hatte gerade sehr gute Karten und hätte bestimmt gewonnen. Aber nun muss ich mich auf ein anderes Spiel mit höchst ungewissem Ausgang einlassen – da kann eine Absicherung nicht schaden. Deshalb ziehe ich einem der schlafenden Soldaten seine Pistole aus dem Holster und schiebe sie mir vorsichtig seitlich in den Hosenbund. Ich hab zwar keine Ahnung, wie man mit so was umgeht, aber vielleicht hilft es ja schon, sie einfach nur dabei zu haben. Etwas stärker fühle ich mich dadurch auf jeden Fall, und letztendlich kann ich jetzt sowieso nichts mehr vorbereiten oder planen: Ich muss sehen, was mich erwartet, und dann so geschickt wie möglich darauf reagieren. Im Grunde ist es ganz ähnlich wie in den Hungerspielen, und aus denen hab ich es ja auch rausgeschafft. Jede weitere Sekunde des Zögerns gefährdet nur Blossoms Leben – also los! Mit entschlossenen Schritten verlasse ich die Villa, setze mich in mein Auto und brause davon in die Nacht, in Richtung der Blumenfarm, auf der ich meine entführte Schwester vermute.

Die Straßen sind um diese Uhrzeit völlig frei, und ich drücke fest aufs Gaspedal, während die einsame Landschaft in zunehmendem Tempo an mir vorbeizieht. Irgendwie erinnert mich die Situation an den natürlich viel kürzeren Weg mit der Plattform vom Startraum hoch in die Arena; die furchtbare Grübelei, was da wohl auf einen zukommen mag, und daher versuche ich, sie so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

Zwei Kilometer vor der Plantage schalte ich meine Scheinwerfer aus, fahre nun mit reduziertem Tempo im Dunklen, und als es noch etwa 500 Meter bis zur Auffahrt sind, steure ich den Wagen behutsam auf den Grünstreifen und steige aus – eine Entfernung, von der ich hoffe, dass sie weit genug ist, um nicht schon bemerkt worden zu sein, und gleichzeitig nah genug, um bei einer Flucht zu Fuß hierher gelangen zu können. Außerdem wird das Gelände an dieser Seite von einer bewaldeten Anhöhe flankiert, von der aus ich mir erstmal einen Überblick verschaffen will. Also erklimme ich die Steigung und pirsche mich in geduckter Haltung durch die Bäume, penibel darauf bedacht, ja keine Äste oder Zweige knacken zu lassen, bis ich den Rand des Gehölzes erreiche.

Unter mir erstrecken sich im fahlen Mondlicht die ausgedehnten Felder, auf denen sonst bunte Rosen wachsen, die jetzt aber brach liegen. Ganz vorne befinden sich die Wirtschaftsgebäude: Eine längliche Baracke, in der die Arbeiter während des Betriebs verpflegt werden. Und daneben die Lagerhalle aus grau gestrichenem Holz, die das notwendige Material und die Gerätschaften beherbergt. Dort ist auch der Eingang in die unterirdischen Korridore, die zu einzelnen Pumpstationen inmitten der Äcker führen, damit diese und die in den Boden eingelassenen Bewässerungsleitungen leichter gewartet werden können. Ich erinnere mich noch recht gut an diesen Ort, obwohl mein letzter Besuch hier mehr als zwölf Jahre her ist. Es war kurz vor der Ernte, bei der ich mich freiwillig melden würde, als meine Eltern uns Geschwister zur Inspektion dieser Anlage mitnahmen, damit wir ihren Betrieb schon mal besser kennenlernten. Ich war stinkig, weil der unwillkommene Ausflug meine heimliche Vorbereitung auf die Spiele störte, und Blossom, erst elf, war natürlich bald langweilig. So haute sie ab, versteckte sich, und ich musste sie suchen. Bis ich sie schließlich in diesen Gängen aufgespürt hatte, war der Tag quasi gelaufen und ich außer mir vor Wut: Ich beschimpfte sie heftig, hätte ihr sogar beinahe eine geknallt, zum ersten Mal. Weil ihre Aktion mich ein Training gekostet hatte, und das war für mich damals das Wertvollste auf der Welt. Heute dagegen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich sie hier unversehrt vorfinde und in Sicherheit bringen kann. Wie sich die Zeiten doch ändern…

Nur wo genau könnten die Terroristen sie gefangen halten? Ich kneife die Augen zusammen; versuche in der Dunkelheit irgendwelche Auffälligkeiten auszumachen, Bewegungen oder einen schwachen Lichtschein. Aber ich kann nichts entdecken, alles ist ruhig. Soll ich etwa ohne den kleinsten Anhaltspunkt die beiden Gebäude durchsuchen? Das wäre ein extrem hohes Risiko… Oder hab ich die Nachricht doch falsch verstanden; bin ich hier nicht richtig?!

Es sind dann meine Ohren, die mir den rettenden Hinweis liefern: Ein Rascheln.

Etwas bewegt sich! Nicht vor mir, sondern seitlich, im Wald. Und es bewegt sich schnell – schnell auf mich zu! Ja, jemand rennt genau zu meiner Position! Ich muss aufgeflogen sein, trotz der Vorsicht!

Geschwind wirble ich um die eigene Achse, ziehe fieberhaft die Pistole und ziele mit ihr wacklig in die Richtung, aus der die Schritte kommen. Reicht es eigentlich, nur den Abzug zu drücken? Ist das Ding überhaupt geladen? Scheiße, ich hätte mich eher damit beschäftigen müssen!

Aber dafür ist es nun zu spät: Zwischen den Bäumen bricht eine Person hervor, die abrupt stoppt, als sie meine vorgehaltene Waffe bemerkt. „Nicht schießen!“, ruft eine mir nur allzu bekannte Stimme erschrocken. „Orchid, ich bin’s doch!“

„Bl-Blossom?!“, blubbere ich perplex und lasse die Pistole zögerlich wieder sinken. „Bist du’s wirklich?! Wie… wie kann das sein?!“ In meinem Kopf tobt ein Sturm aus Erleichterung und Verwirrung zugleich.

Freudestrahlend läuft meine Schwester auf mich zu und umarmt mich überschwänglich. „Oh, Orchid! Ich bin so froh, dich zu sehen! Diese Verbrecher hatten mich im Lager gefesselt, aber ich konnte mich befreien und durch die Gänge in den Wald fliehen. Nun suchen sie überall nach mir. Zum Glück bist du jetzt da!“ Sie schaut sich mit nervösen Blicken um, dann nehmen ihre Worte einen besorgten Tonfall an: „Bist du etwa tatsächlich ganz allein gekommen? So, wie sie es verlangt hatten?“

„Ja“, bestätige ich hastig, „ja, da ist niemand sonst. Und deshalb müssen wir auch sofort von hier verschwinden, bevor sie uns noch erwischen. Ich hab etwas weiter die Straße runter mein Auto stehen; das schaffen wir dahin – komm schon!“

Ich fasse sie fest an der Hand, will mit ihr lossprinten, da blockiert sie plötzlich und ihre Augen weiten sich in Panik: „Hinter dir!“, schreit sie auf.

Mein Oberkörper fährt herum, ich hebe die Pistole wieder an, doch der Lauf zielt nur in eine dunkle Leere. Nichts zu sehen oder zu hören. Dann spüre ich einen dumpfen Schlag auf den Schädel, meine Beine geben nach, und alles wird schwarz.
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