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Black Rose. Orchid Edenthew – Schatten über Distrikt 1

von Crowl
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Angst / P18 / Het
OC (Own Character)
15.04.2022
12.08.2022
18
46.483
3
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15.04.2022 3.299
 
Gerade als ich denke, es wäre vorbei, krampft sich mein Magen wieder zusammen und kriecht das Würgen langsam, aber unerbittlich meinen Hals hinauf. Schon spüre ich dieses verräterische Zittern am Gaumen, drehe schnell den Kopf zurück über die Toilettenschüssel und erbreche mich erneut. Der säuerliche Geschmack füllt meinen ganzen Mund aus; es ist so widerlich! Bloß raus damit, nur raus – Schwall um Schwall! Ich kneife die Augen fest zu, um nicht auch noch sehen zu müssen, was ich schon zur Genüge schmecke und rieche. Als der Anfall endlich aus ist, betätige ich sofort die Spültaste und sinke erschöpft neben dem rauschenden Klo zu Boden. Das sollte es jetzt aber wirklich gewesen sein! Ich verstehe sowieso nicht, woher mein Körper das alles überhaupt nimmt – ich hab heute Morgen noch nicht mal etwas gegessen. Das geht nun schon einige Tage so.

Eine kurze Weile bleibe ich sitzen, um ein bisschen zu Kräften zu kommen, und fühle an meinem Hintern das leichte Vibrieren des Zuges bei seiner rasanten Fahrt über die Gleise. Schließlich rapple ich mich hoch, wanke zum Waschbecken, spüle gründlich meinen Mund und die brennende Kehle mit kaltem Wasser aus und tupfe mir mit einem Papiertuch die Lippen ab. Der Blick in den Spiegel zeigt ein zwar bleiches, aber wenigstens von den unmittelbaren Spuren der Kotzerei bereinigtes Gesicht. Mit immer noch weichen Knien verlasse ich das Bad und mache mich auf den Rückweg in den Speisewagen, wo gerade das Frühstück aufgetischt wurde, als ich abrupt hinausgestürzt bin. Appetit hab ich allerdings überhaupt keinen, selbst wenn das Brechen nicht gewesen wäre. Ich hasse diesen Zug, dessen üppige Mahlzeiten ebenso wie die pompöse Einrichtung nur überdecken sollen, dass er in Wahrheit nichts anderes ist als der Karren zum Schafott. Der Mummenschanz, der hier für die wenigen Passagiere aufgeführt wird, ist total grotesk – besonders jetzt, bei der Wiederkehr aus dem Kapitol in unseren Distrikt, da wir sowieso nur noch zu zweit an Bord sind.

Als ich an den Tisch trete, nimmt Raff mich mit besorgter Miene in Empfang. „Geht’s wieder?“, fragt mein Lebensgefährte und streichelt meine Wange sanft mit der Hand, die anscheinend gerade noch den Teebecher gehalten hat.

Die warme Berührung tut mir gut, und ein mattes Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Na ja, so einigermaßen“, antworte ich wahrheitsgetreu, während wir uns nebeneinander auf die gepolsterte Bank setzen und ich mir etwas Kamillentee eingieße. „Ich musste schon wieder spucken.“

Seine Stirn kräuselt sich leicht, und er legt seinen Arm um meine Schulter. „Beschäftigt dich die Sache mit Jade und Glam etwa immer noch so? Ihr Tod ist doch jetzt schon zweieinhalb Wochen her…“

Grimmig lache ich auf: „Um die beiden selbst tut es mir bestimmt nicht leid! Das ist eine der guten Seiten der Akademie: Seit es sie gibt, sind unsere Tribute so unausstehlich arrogant geworden, dass man nicht mehr um sie trauern muss. Immerhin macht das den Mentoren-Job weniger belastend.“ Ich drücke mich etwas fester an ihn heran. „Aber trotzdem: Dass sie sich gleich am Füllhorn gegenseitig massakrieren, war eine Katastrophe. So etwas hätte niemals passieren dürfen; wir hätten sie besser unter Kontrolle haben müssen. Snow hat das bestimmt nicht gefallen, und ich hab Angst, dass er es uns noch büßen lässt.“ Nein, diese 42. Hungerspiele sind wirklich nicht gut für uns gelaufen…

„Nun mal nicht gleich den Teufel an die Wand“, versucht mein Schatz mich zu beruhigen. „Wir haben ihm doch schon zwei weitere Sieger beschert; den letzten erst vor einem Jahr. Und auch sonst hat es immer mindestens einer unserer Tribute in die Endphase geschafft. So konnte es nicht ewig weitergehen; die übrigen Distrikte müssen auch zu ihren Erfolgen kommen. Das weiß er – und das will er sogar.“

„Ja, eigentlich sollte es so sein. Aber ich traue ihm nicht. Es bereitet ihm zu viel Vergnügen, andere seine Macht spüren zu lassen“, beharre ich auf meinen Bedenken.

„Du hast natürlich recht, dass er völlig skrupellos ist“, erwidert Raff. „Aber er handelt nicht irrational. In gewisser Weise braucht er uns auch und wird uns nicht gleich für den ersten Fehlschlag bestrafen, wenn er vorher zufrieden gewesen ist.“ Er streicht mir die immer noch etwas wirren Haare aus der Stirn. „Du wirst sehen, wenn wir erstmal zuhause sind und ein wenig Abstand gewonnen haben, fühlst du dich bald wieder gut.“

Kann sein. Es ist tatsächlich so, dass mir Sorgen ziemlich schnell auf den Magen schlagen. Vielleicht ist das auch jetzt der Grund für die dauernde Kotzerei. Aber da sind noch ein paar andere Dinge an meinem Körper, die mich inzwischen stutzig machen. Besser, ich kläre das rasch ab. Es ist zwar eigentlich unmöglich, doch ich sollte wohl lieber sichergehen.



Der einzige Vorteil der Nähe unseres Distrikts zum Kapitol ist, dass die Fahrt in diesem elenden Zug nicht allzu lange dauert: Schon nach wenigen Stunden kommen wir am Bahnhof der Stadt an. Abgesehen vom Stationspersonal ist keine Menschenseele am Bahnsteig, um uns zu empfangen. Das ist mal wieder typisch: Wenn es Erfolge gibt, haben alle zusammen gesiegt und feiern enthusiastisch. Aber in der Niederlage lassen sie uns allein. Egal. So oder so ist es mir auch angenehmer, niemanden sehen zu müssen. Sie haben ja doch keine Ahnung, was die Spiele wirklich bedeuten.

Vor dem Gebäude wartet bereits ein Friedenswächter mit einem Wagen, um uns sofort zurück ins Dorf der Sieger zu bringen, das abseits gelegen ist. „Geh schon mal vor“, meine ich zu Raff, „ich besorg mir noch eben eine Medizin für meinen Bauch.“ Er nickt zustimmend, nimmt unsere Koffer, und ich lege die paar Schritte zur Apotheke auf der anderen Seite des Bahnhofsplatzes zurück. Als ich das Geschäft einige Minuten später mit einer braunen Papiertüte in der Hand wieder verlasse, befindet sich darin außer dem Magenmittel auch noch etwas anderes – etwas, bei dem der Apotheker unangemessen auffällig die Augenbrauen hochgezogen hat, als er den Preis in die Kasse tippte. Aber sein Berufsethos verbietet es ihm ja wohl, darüber zu tratschen, wenn eine Prominente, wie ich es nun mal leider bin, so etwas kauft. Ich kann jedenfalls gut darauf verzichten, dass solche Gerüchte die Runde machen, und auch Raff muss davon jetzt nicht gleich was erfahren. Zuerst will ich selbst Gewissheit haben. Und wahrscheinlich ist ja auch gar nichts – hoffe ich zumindest.



Auf der Autofahrt bleibe ich zum Glück von der Übelkeit verschont, denn im Beisein eines Kapitol-Schergen will ich bestimmt keine Schwäche zeigen, vor allem nicht nach diesen desaströsen Spielen. Dabei profitiere ich auch vom guten Zustand der Straßen sogar in den äußeren Gebieten unseres Distrikts – unebene Schlaglochpisten, wie es sie vermutlich in den ärmeren Regionen Panems gibt, wären für meinen empfindlichen Magen im Moment recht heikel. Aber so geht alles gut, wir erreichen das Dorf ohne irgendwelche Zwischenfälle, und schließlich hält der Friedenswächter direkt vor meiner Villa, in der Raff und ich mittlerweile gemeinsam wohnen. Er lädt noch unser Gepäck aus dem Kofferraum, salutiert kurz und fährt dann ohne weitere Worte sofort wieder ab, was mich wenigstens etwas beruhigt – keine Vorladung zum Obersten Kommandeur, auch keine irgendwie doppeldeutigen Bemerkungen. Bis jetzt immerhin…

Während die Motorgeräusche des Wagens langsam verhallen, vernehme ich ein dumpfes, monotones Dröhnen umso deutlicher. Es fällt mir nicht schwer, seinen Ursprung auszumachen: Das Haus rechts neben meinem. Terras Villa, vor der mal wieder ungefähr ein Dutzend Autos kreuz und quer parken. Natürlich.

Terra Kinnimonth, die Siegerin der 39. Hungerspiele. Der erste Erfolg für Raff und mich; in unserem dritten Jahr als Mentoren-Team. Ja, Team. Denn das ist die wichtigste Lehre aus den Intrigen bei unseren eigenen Spielen: Dass wir uns nie wieder von der perversen Mechanik der Spiele spalten lassen wollen, nach der jeder nur seinen eigenen Schützling fördern und durchbringen kann. Also teilen wir die Tribute eben nicht auf – die Jungen für ihn, die Mädchen für mich, wie es ja naheliegend wäre –, sondern coachen zu zweit beide so ausgeglichen wie möglich. Im tödlichen Wettstreit mit den anderen Distrikten herrscht schon mehr als genug Konkurrenz; da braucht es nicht auch noch Verrat im eigenen Lager. Das Dumme ist nur, dass es leider Tribute gibt, die es genau darauf anlegen. Tribute wie Jade, Glam… und Terra.

Sie war schon damals als 18-Jährige sehr reif, um es mal so zu formulieren. Dementsprechend setzte sie dann auch ihren Körper ein, umgarnte den männlichen Mentor in der Absicht, sich auf diese Weise Vorteile gegenüber ihrem Distriktpartner zu verschaffen: Noch nie hab ich so viele „zufällig“ verrutschte Top-Träger und Tanga-Blitzer gesehen wie an diesen Tagen im Kapitol, wenn Raff in ihrer Nähe war; jedes Mal garniert mit lasziven Wimpernschlägen… Aber das Seltsamste war die Erkenntnis, wie sehr mich Terras kaum verhohlene Avancen störten – noch weitaus mehr als drei Jahre zuvor während Raffs eigenen Spielen seine enge Beziehung zu Mia aus Distrikt 8, bei der ich vor allem besorgt gewesen war, mein Tribut würde verführt, ausgenutzt und hintergangen werden. Danach hatte ich ihn hauptsächlich als vertrauten Freund gesehen; als die einzige Person, mit der ich offen über die Spiele und all meine Erfahrungen und Gefühle dazu sprechen konnte. Weil er wegen seines finalen Betrugs an Mia, den er allein mir gebeichtet hat, ja auch selbst nur zu gut wusste, welche Schuld man zwangsläufig auf sich lädt, wenn man die Arena lebend verlassen will. Schuld – das war es, was uns verband, was wir teilten, und dieser Trost war genug. Zumindest dachte ich das bis dahin. Doch nun kam dieses Luder daher, und bei jeder ihrer aufreizenden Flirtereien kochte mir das Blut weiter hoch, bis ich endlich verstand, was in mir vorging. Ich brauchte erst diesen Umweg über die blanke Eifersucht, um zu begreifen, dass das, was ich für Raff empfand, tatsächlich… Liebe war.

Äußerlich ließ ich mir zwar nichts anmerken, blieb weiter professionell, zumal Raff nicht unbedingt der Typ ist, der auf eine derart billige Anmache reinfallen würde. Trotzdem schienen sich mir die Vorbereitungstage viel länger hinzuziehen. Und auch als Terra dann endlich in die Arena kam, war ich gewissenhaft, schickte ihr nützliche Geschenke von den Sponsorengeldern, die für sie natürlich in Strömen flossen – gegen die üblichen Garantien ihrer körperlichen „Zuwendung“ nach den Spielen, die ich dieses Mal wirklich sehr bereitwillig abgab. Am liebsten wäre mir allerdings trotzdem gewesen, sie wäre in der Schneewüste jenes Jahres von einer Lawine überrollt oder von einer dieser riesigen Eisbär-Mutationen zerfleischt worden. Aber wie das bei den Spielen halt häufig so ist: Die überleben sollten, sterben. Und die sterben sollten, überleben…

Das Schlimmste war, dass Terra auch nach ihrem Sieg hier im Dorf weiter um Raff herumscharwenzelte, und ihre sehr selbstbewusste Beharrlichkeit ließ mich nun ernsthaft befürchten, dass sie irgendwann doch noch Erfolg haben könnte. So beschloss ich, um ihn zu kämpfen; versuchte, in seiner Gegenwart besonders witzig, charmant, attraktiv zu sein. Und obwohl ich gar keine richtige Ahnung hatte, wie man so etwas eigentlich anstellt; obwohl ich bei jedem unserer langen Gespräche, ausgedehnten Spaziergänge und gemeinsamen Essen, die ich arrangierte, immer das Gefühl hatte, alles falsch zu machen – die falschen Worte, die falschen Gesten, die falschen Klamotten –, kam eines Tages doch dieser Moment, in dem sich einfach unsere Blicke trafen und hielten und wir beide endlich sicher wussten, dass der andere ganz genauso fühlte. Weil jeder von uns schon seine dunkelsten Seiten offenbart hatte, und wir uns trotzdem noch nah sein konnten. Nah sein wollten.

Der schönste Moment meines Lebens.

Das war wirklich mal ein Sieg, und Terra hatte verloren, was es noch besser machte. Aber allein ist sie trotzdem nie gewesen, im Gegenteil: Seitdem geht’s in ihrer Villa in schöner Regelmäßigkeit ordentlich rund; und es dürfte wohl kaum noch einen jungen Mann aus dem Distrikt geben, der nicht schon bei einer ihrer „Partys“ zu Gast war. Kein Wunder – es muss ja für die Kerle auch die denkbar größte Trophäe sein, eine Siegerin flachzulegen, und ganz offensichtlich ist nicht jede so vernünftig wie ich, sich nicht für so etwas herzugeben. Jedenfalls dauert es meistens bis weit in den nächsten Tag, bis auch der letzte der vor Terras Haus abgestellten Wagen verschwunden ist…

Überflüssig zu erwähnen, dass sie für Raff und mich keine große Hilfe bei unseren Mentoren-Pflichten darstellt und so auch gar nichts zum Triumph unseres nächsten Siegers, Struve Ballantynn, bei den 41. Hungerspielen letztes Jahr beigetragen hat. Natürlich musste sie, wie jeder Sieger, während der Spiele im Kapitol anwesend sein, aber sie verließ mal wieder fast nie das Appartement und beschäftigte sich kein bisschen mit den Tributen oder den Sponsoren. Zum Glück war das auch nicht nötig, denn schon während der Parade und des Interviews hatte sich die Tochter eines Ministers heftig in den charismatischen Struve verguckt und ihren steinreichen Vater dazu gebracht, seine sämtlichen Geschenke ganz alleine zu bezahlen. Als wir dann vor einem halben Jahr am Ende seiner Sieger-Tour wieder vor Ort waren, hat es auf der Feier im Präsidentenpalast wohl auch bei ihm gefunkt. So haben die beiden die jetzigen Spiele gleich dazu genutzt, öffentlich ihre Verlobung bekanntzugeben, und es hat wirklich den Anschein, dass diese Verbindung auf ehrlicher gegenseitiger Zuneigung beruht. Nun werden sie als festes Paar natürlich im Kapitol wohnen, also ist er gleich dort geblieben und seine Villa hier steht künftig wieder leer. Die absehbare Hochzeit wird bestimmt eine gigantische Inszenierung – was Struve garantiert gefällt, aber Raff und besonders mich davon abhält, unsere durchaus bekannte Beziehung mit einer Heirat zu „krönen“. Denn die Vermählung zweier Sieger wäre letztlich nur eine willkommene Propagandamöglichkeit für das Regime, und da lassen wir es lieber so, wie es ist.

Während Struve jetzt in die obersten Kreise der Hauptstadt aufsteigt, hat Terra dieses Jahr ihre Bockigkeit auf die Spitze getrieben und sich tatsächlich erdreistet, überhaupt nicht mehr zu den Spielen mitzukommen. Dafür hat sie sich ein Attest besorgt, dass sie krank und nicht reisefähig wäre. Na klar, ich kann mir schon denken, wie sie das angestellt hat – ihr Arzt ist eben auch nur ein Mann… Nun kehren Raff und ich von der wochenlangen Arbeit zurück nach Hause, wünschen uns etwas Ruhe, und hier ist schon wieder Remmidemmi!

Natürlich bemerkt mein Freund meine missbilligende Miene sofort; schließlich kennt er mich gut genug. „Komm schon, du hast doch nicht wirklich etwas anderes von ihr erwartet, oder?“, fragt er schmunzelnd, als er unsere beiden Koffer anhebt.

„Wenigstens heute hätte sie sich mal zurückhalten können“, erwidere ich säuerlich. „Gerade, nachdem die Spiele so beschissen für uns waren, ist diese Feierei total daneben!“

Raff zuckt mit den Schultern. „Sie denkt halt nur an sich. Das war schon in der Arena so und hat sich hier nicht geändert. Wird es wohl auch kaum mehr.“

Na, mir ist seine Haltung da eine Spur zu lax. Auf Dauer lasse ich mir das von Terra jedenfalls nicht mehr bieten. Aber ich will jetzt wegen dieser Göre grad auch keine Debatte vom Zaun brechen, also schlucke ich meinen Ärger für den Moment hinunter und folge Raff in unsere Villa.

Er trägt das Gepäck nach oben ins Schlafzimmer, und während ich in der Küche eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nehme und damit zwei Gläser fülle, kommt er schon wieder zurück. „Bevor wir hier auspacken, lass uns doch am besten jetzt gleich zu meinen Eltern gehen“, schlägt er vor. „Sie freuen sich immer so, uns nach den Wochen im Kapitol wiederzusehen. Und Sammy erst recht…“

Sammy, unser Hund. Ein glatthaariger Jack Russell Terrier, den wir kurz nach den letzten Spielen bei einem Spaziergang im Wald nahe des Dorfes gefunden haben – an einen Baum gebunden, herzlos ausgesetzt, noch im Welpenalter! Das ist auch so eine Unsitte in unserem Distrikt: Erst werden die Tiere den Kindern zu Geburtstagen und anderen Festen mit großem Tamtam geschenkt, und wenn die feinen Leute dann feststellen, dass die neuen Hausgenossen auch Arbeit und Dreck machen, nur allzu oft schnell wieder entsorgt. Aber wir beide haben Sammy mit seinen hübschen braunen Flecken im weißen Fell und seinen niedlich dreinblickenden Äuglein sofort liebgewonnen, und allein der Gedanke an ihn zaubert direkt ein kleines Lächeln in mein Gesicht. Und auch über meine Quasi-Schwiegereltern, die nach Raffs Einzug bei mir in seiner Villa nebenan wohnen geblieben sind, kann ich mich eigentlich nicht beklagen: Sie sind zwar manchmal recht aufdringlich, vor allem seine Mutter, geben mir so aber auch das Gefühl, überhaupt noch irgendwie zu einer Familie zu gehören, nachdem ich mich von meiner eigenen so entfremdet habe… Nur brennt mir jetzt halt erstmal etwas anderes unter den Nägeln.

„Geh lieber eben allein rüber, Schatz“, bitte ich ihn. „Deine Mom hat bestimmt wieder ihren üppigen Butterkuchen gebacken, und ich fühl mich immer noch ziemlich flau im Bauch – es ist wohl besser, wenn ich das Magenmittel nehme und ein wenig schlafe. Aber grüß sie beide schön von mir.“

„Kommst du denn klar? Soll ich dann nicht auch hierbleiben?“, erkundigt er sich so fürsorglich, dass mir ehrlich warm ums Herz wird – aber tatsächlich passt es sogar ganz gut, wenn er kurz weg ist.

„Mach dir keine Sorgen“, beruhige ich ihn, stelle mich auf die Zehenspitzen und hauche einen Kuss auf seine Lippen. „Lass dich ruhig direkt bei deinen Eltern blicken – ich weiß doch, wie sehr sie ihren Sohnemann vermissen“, füge ich neckisch hinzu.

„Na gut, wenn du meinst…“, gibt er zögerlich nach. „Ich beeil mich auch und sehe danach sofort nach dir.“

„Ja, und dann machen wir es uns zusammen ein bisschen gemütlich – nur wir beide, du weißt schon“, zwinkere ich ihm zu. „Also, bis nachher.“

Seine Augen glänzen erwartungsvoll. „Ich werd mich wirklich beeilen!“



Nachdem Raff das Haus verlassen hat, gehe ich hoch ins Badezimmer, schließe es sicherheitshalber ab falls er zu früh wiederkommt und widme mich meinem Apotheken-Einkauf – aber nicht dem Magenmittel... Ich lese aufmerksam den Beipackzettel und folge penibel allen Anweisungen. Dann lege ich das weiße Stäbchen behutsam auf den Rand der Badewanne, setze mich daneben und warte. Zur Ablenkung versuche ich, die feinen Äderchen in den hellbraunen Marmorfliesen an der Wand zu studieren, aber mein Blick wandert automatisch immer wieder zum kleinen grünlichen Anzeigefeld.

Nichts außer digitalen schwarzen Pünktchen, die unermüdlich von links nach rechts wandern, nur um dann zu verschwinden und ihren Weg von Neuem anzutreten.

Immer noch kein Ergebnis.

Meine Güte, das ist ja, als würde man auf glühenden Kohlen sitzen!

Nach wie vor bloß tanzende Punkte.

Warum dauert das denn so lange – es sind jetzt bestimmt schon mehr Minuten rum als angegeben!

Nichts.

Ob der Test kaputt ist? Oder hab ich was falsch gemacht? Vielleicht hätte ich lieber mehrere Packungen mitnehmen sollen…

Und dann scheint plötzlich doch das von mir so gefürchtete Wort auf:

Schwanger

Oh, verdammt!



Hallo da draußen!

Ich hoffe, euch hat dieser Wiedereinstieg in Orchids Leben gefallen und ihr habt einen ersten Überblick bekommen, was seit dem Ende des vorherigen Teils so alles passiert ist. Insbesondere hoffe ich auf Nachsicht, dass auch die „Romanze“ zwischen Orchid und Raff in dieser Zeit schon stattgefunden hat, und dass Orchids Rückschau dann doch in relativ wenigen Sätzen rüberbringen kann, wie und warum es dazu gekommen ist. Der Fokus soll auf einer festen Partnerschaft zwischen zwei SiegerInnen liegen; wie sie darin miteinander umgehen und mit diversen Problemen.

Würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn ihr bei der Geschichte dabei bleibt – neue Kapitel kommen immer am Freitag. Und falls ihr bis hierhin gelesen habt, ohne die Vorgänger zu kennen, wäre ich besonders glücklich, sollte dieses Kapitel genug Lust gemacht haben, noch die ersten beiden Teile anzugehen – man hat dann definitiv auch mehr von dieser Story.

Ansonsten hab ich lange überlegt, ob ich eine Triggerwarnung aussprechen soll und in welcher Form. Ich will hier keinen übermäßig drastischen Eindruck erwecken, und auch nicht zu sehr der Handlung vorgreifen. Deshalb nur der recht allgemeine Hinweis: Die Geschichte berührt sensible Themen, die unter Umständen schockieren können. Wer sich gerade in irgendeiner Weise unwohl oder verletzlich fühlt, sollte vielleicht lieber nicht weiterlesen.

Das wollte ich noch mit auf den Weg geben. Künftig werde ich nicht mehr in die Geschichte „reinquatschen“, aber wer über sie sprechen mag, natürlich immer total gerne im Review-Bereich :)

Liebe Grüße

Kim
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