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Osterhasi

von Mujuchu
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Freundschaft / P6 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller Martin Riedl Sabrina Rattlinger Sonja Wirth
14.04.2022
14.05.2022
10
18.039
2
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14.04.2022 1.769
 
Die Sonne schien schon in sein Schlafzimmer, als Hubsis Wecker um sieben Uhr klingelte. Trotzdem schaltete der verschlafene Mann das dumme Ding mit geschlossenen Augen aus und drehte sich auf die andere Seite, wo ihn keine Sonnenstrahlen in der Nase kitzelten. Warum war es eigentlich gerade dann besonders gemütlich im Bett, wenn der Wecker klingelte? Am Abend hatte er schlecht einschlafen können, da er sich wieder einmal so einsam gefühlt hatte in dem großen Doppelbett. Anja und er waren nun schon seit fünf Jahren geschieden, doch er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass sie nicht mehr neben ihm lag, insbesondere wenn er sie an dem Tag auch getroffen hatte. Warum musste sie ihm auch am späten Abend über den Weg laufen, als er gerade noch eine Runde durch den Wald drehen wollte! Wie flüchtige Bekannte hatten sie sich nur kurz gegrüßt und er wäre beinahe über eine herausstehende Wurzel gestolpert vor lauter Wegsehen. Abends im Bett hatte er sich dann das Hirn zermartert, warum er sie nicht zumindest angelächelt hatte, denn eigentlich hatte er sich gefreut sie zu sehen.

Zehn Minuten später klingelte der Wecker ein zweites Mal und Hubsi quälte sich aus dem Bett. Schwerfällig stellte er ein Bein nach dem anderen auf den Bettvorleger und hievte sich mühselig empor. Dann gähnte er ausgiebig und streckte sich. Seine Knochen knackten und sein Körper zeigte ihm wieder einmal deutlich, dass er nicht mehr der Jüngste war, auch wenn er sich für sein Alter recht gut gehalten hatte. Wie immer begab er sich zuerst ins Badezimmer und als er wieder ins Schlafzimmer trat, öffnete er etwas wacher seinen Schrank. Als Polizist hatte er es einfach bei der morgendlichen Kleiderwahl und das war ihm ganz recht so. Er fasste nach der erstbesten Unterhose und dem erstbesten Unterhemd, nahm eins der Uniformhemden heraus und zog sich danach die Uniformhose und ein paar Socken an. Zum Schluss hängte er sich noch die bereits gebundene Krawatte um den Hals und es störte ihn nicht, dass sie wieder einmal schief hing.

Als nächstes trabte er die Treppen hinunter und warf einen kurzen Blick in die kalte Küche. Doch er entschied mit Hansi später im Café Rattlinger zu frühstücken und zog sich im Flur die schweren Dienststiefel und seine Lederjacke an. Dann öffnete er die Haustüre und die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Geblendet blieb er einen Moment auf den Stufen stehen und zog seine Nase kraus. Ein leichter Wind wuschelte ihm durch das lockige Haar und er überlegte, wann er das letzte Mal beim Friseur gewesen war. Mit der Hand fuhr er sich über den Kopf und beschloss noch heute einen Termin zu vereinbaren. Hubsi legte großen Wert auf gepflegtes Aussehen und zu seinen Schwächen gehörte es, dass er tatsächlich etwas eitel war, weswegen er auch nie seine Dienstmütze trug.  

Es war kurz nach halb acht. Hubsi schloss seine Haustüre ab und machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Revier. Den morgendlichen Weg zur Arbeit genoss er sehr, solange es nicht regnete oder schneite. Zum Glück war heute das Wetter fantastisch und in vielen Vorgärten schauten schon die Frühblüher aus der Erde. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen und er fühlte sich plötzlich gut.  

Vor dem Revier traf er auf Sonja, die gerade die Eingangstür aufschloss. “Du bist heute aber früh dran”, wunderte sich die junge Frau und setzte sich gleich an die Zentrale. Hubsi ging zuerst in sein Büro, das er mit seinem Partner Hansi teilte, und schloss noch einmal die Augen, um etwas zu dösen. Doch kaum hatte er es sich bequem gemacht, stapfte sein Kollege herein und grüßte laut: “Servus Hubsi!” Dann ließ sich Hansi auf seinen Stuhl fallen und sah seinen Partner an, der aufgeschreckt war und planlos die Unterlagen auf seinem Tisch von der einen Seite auf die andere räumte. “Hast eigentlich gestern Obend des Protokoll no dem Girwidz gebn?”, fragte Hansi gutgelaunt, doch noch bevor Hubsi antworten konnte, erschallte die Stimme des Polizeirats aus dessen Büro: “Hubert! Staller!” “Seit wann is der denn scho so früh da?”, murrte sich Hubsi, der sich in dem dunklen Büro auf einmal eingesperrt fühlte, und erhob sich aus seinem gemütlichen Schreibtischstuhl. Hansi zuckte mit den Schultern und folgte seinem Kollegen in das Büro des Chefs. “Gut, dass Sie beide schon da sind!”, begann Girwidz, “Anwohner haben am frühen Morgen schon sich beschwert, dass auf ihrem Müllplatz alles durcheinandergeworfen wurde. Fahren Sie da mal hin und schauen nach dem Rechten!” Noch bevor die Beamten etwas entgegnen konnten, wedelte er mit seiner Hand und machte Ihnen damit klar, dass sie nun das Büro verlassen konnten.  

Ohne etwas zu erwidern, erhoben sich Hubert und Staller und an der Zentrale bekamen sie von Sonja die Adresse. Entspannt stiegen sie in ihren Streifenwagen, der fahrbereit auf dem Parkplatz stand. “Sind mir jetzt bei der Müllabfuhr”, brummte Hubsi, doch eigentlich war er ganz froh, dass er bei diesem Wetter nicht in seinem Büro sitzen musste und längst fällige Berichte schreiben.

Gemütlich gondelten sie über die Landstraße und Hubsi öffnete das Fenster. Er steckte seine Nase heraus und atmete die frische Frühlingsluft ein, doch nur solange, bis er auf einen Gülle fahrenden Traktor stieß und schnell das Fenster wieder nach oben kurbelte. Plötzlich bremste Hansi scharf und bog in eine Sackgasse ein. Hubsi sah seinen Partner strafend an und versuchte auszusteigen, was gar nicht so einfach war, da direkt vor der Beifahrertür das Park- und Halteverbotsschild stand. Notgedrungen hievte sich Hubsi zu Fahrerseite hinüber und kroch dort aus dem Wagen. “Ja, spinnst jetzt völlig?”, schimpfte er mit Hansi, der bereits auf einen Hausbewohner zuging, der planlos mit einer Mülltüte in der Hand vor den Mülltonnen des Mehrfamilienhauses stand. Vor ihnen lag ein riesiger Müllhaufen, denn alle Tonnen waren ausgeleert worden.  

Angewidert blieb Hubsi davorstehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Hansi dagegen fragte den Mann mit dem Müllbeutel: “Servus, was is denn hier los? Sieht das bei Eahne immer so aus?” “Na”, widersprach ihm der Anwohner, “normalerweise is des hier bei uns ganz ordentlich!” Hansi besah sich den Müllberg genau und drehte sich danach zu seinem Partner um: “Du, Hubsi, da liegt a totes Tier oder so.” Zögernd trat Hubsi näher und sah ein weißes Fell mit einem rosafarbenen Puschel und langen Fellohren. “Des is koi Tier, Hans, des i a Kostüm”, meinte der dann und zeigte seinem Partner den Vogel. “Aber da steckt no oiner drin”, behauptete nun Hansi und stieg mit seinen langen Beinen über den Müll. Schließlich erreichte er den Fellberg und wandte sich wieder an seinen Partner. “I glaub, mir brauchen die Anja!”

Etwa eine Viertelstunde später hielt Anjas SUV neben dem Streifenwagen und Hubsi beobachtete verstohlen seine Ex-Frau, die eben aus ihrem Auto stieg. Sie hatte ihren weißen Polizeioverall wie immer schon halb angezogen und schlüpfte nun noch in die Ärmel. Dann holte sie ihre schweren Koffer aus dem Auto und zwängte sich zwischen den beiden Beamten durch. “Servus! Was habt ihr denn heit wieder für mi!”, wollte sie interessiert wissen. “Was ganz was Bsonders”, grinste Hubsi seine Ex-Frau an und machte ihr Platz. Zuerst sah die Pathologin ihn befremdet an, doch als ihr Blick auf die Leiche im Hasenkostüm fiel, wusste sie, was er meinte. Hansi reichte ihr die Hand und half ihr über den Müllberg, damit sie überhaupt zur Leiche gelangen konnte. “Jetzt Hubsi, räum mal den ganzen Müll da weg, so geht des net!”, schimpfte sie. “Wieso i?”, beschwerte sich der Angesprochene und sah sich nach jemandem um, der die Aufgabe für ihn erledigen konnte. Dabei fiel sein Blick auf den Anwohner, der noch immer mit der Mülltüte in der Hand neben ihm stand. “Des is doch ihr Müll!”, meinte Hubsi und forderte ihn auf, den Unrat aus dem Weg zu räumen. Inzwischen waren auch andere Anwohner auf das Geschehen aufmerksam geworden und packte gemeinsam mit an. Bald lagen die Müllbeutel gehäuft neben dem Müllplatz und Anja konnte die Leiche mit Stallers Hilfe auf den Boden legen.  

Hubsi informierte unterdessen den Revierleiter von ihrem Leichenfund und forderte Riedl an, um den Tatort abzusperren. Dann begannen die beiden Polizisten die Herumstehenden zu befragen. “Wer von Eahne hat eigentlich auf dem Revier angrufen, wegen der Sauerei auf dem Müllplatz?”, wollte Hansi zuerst wissen. Eine ältere Frau meldete sich und bahnte sich einen Weg durch ihre Nachbarn hin zu dem fragenden Polizisten. “I war des. Des hat’s ja no nie gebn bei uns. Mir send a ordentliches Haus und au die Mülltonnen wern hier immer ordentlich befüllt”, gab sie zu Protokoll, “aber heit Nacht, da gab’s plötzlich a Riesenkrach und jemand hat die Mülltonnen umgworfn!” Die anderen Anwohner nickten und ein Mann im Unterhemd rief: “Ja, des waren zwei! Einer ist dann fortgrannt, des hab i genau gsehn!” Immer mehr Anwohner erschienen und die beiden Beamten waren froh, als Riedl mit dem Fahrrad ankam und den Tatort absperrte. Als er damit fertig war, beauftragten die Kollegen den jungen Polizisten damit, die Personalien der Menschen aufzunehmen, die um sie herumstanden.

Anja war inzwischen fertig mit ihren Untersuchungen und reichte Hubsi ein Tütchen, in dem eine Visitenkarte und ein Schlüssel waren. “Der Osterhase liegt da scho a paar Stund. So im Kostüm kann i no net viel sagn, aber des hat der Tote in seinen Taschen ghabt”, erklärte sie dazu und warf noch einmal einen Blick auf die Leiche, “Paulchen Puschel hoaßt er, laut Kartn!” “Tja Anja, da findest dieses Jahr nix in deim Osterkörbl!”, meinte Hubsi und grinste sie an. Ihre Blicke trafen sich, doch als Staller nach seinem Partner rief, drehte sich Hubsi von Anja weg und ging zu Staller, der mit einer hübschen Frau sprach. “Des is die Frau Weilering, die wohnt au do in dem Haus. Sie sagt, sie hat den Mann im Hasenkostüm scho gestern da herum gsehn. Da hat er an weißen Lieferwagen gfahrn mit der Aufschrift: Hühnerhof Pichelmeier.” Die beiden Beamten befragten die Frau, doch sie konnte ihnen keine weitere Auskunft geben. Den Lieferwagen hatten aber auch einige der anderen Anwohner gesehen.

Anja packte ihre Koffer und verabschiedete sich von den Polizisten. “Pfiat eich! I ruf dann an, wenn i mit der Obduktion durch bin!” Sie warf noch einen kurzen Blick auf Hubsi, der für sie die Absperrung hochhob, und stieg dann in ihren Wagen. Hubert und Staller überließen Riedl das Feld und funkten Sonja an. “Du Sonja”, meinte Hubsi, während Staller das Auto startete, “kannst du mal die Adresse des Hühnerhofs Pichelmeier raussuchen?” Dann rieb er sich über seinen Bauch und erinnerte sich daran, dass er noch immer nicht gefrühstückt hatte. “Fahr z’erst zur Rattlinger”, forderte er deshalb seinen Partner auf, der zustimmend nickte.
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