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Nur zehn Sekunden

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character) Samu Haber
13.04.2022
30.06.2022
15
26.686
8
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23.06.2022 1.742
 
Natürlich kommen wir zu spät. Bis auf Sami haben alle ihre Teller bereits leer gegessen und das Büffet wird gerade abgebaut, als wir den großen Saal betreten. Die tiefe Furche zwischen Mikkos dunklen Augenbrauen spricht Bände und während Samu das alles unbekümmert hinnimmt, verstecke ich mich hinter einer Weinkarte. Die ich falsch herum halte.

»Schön, dass ihr es doch noch geschafft habt.« Unbarmherzig schießt Mikko seinen Pfeil ab. Gleichzeitig wirft er mit einem Löffel nach dem blonden Finnen, der zielsicher an Samus Schläfe landet. Denn Mikko ist effizient – in jeder Hinsicht.

»Aua, hey, du Arsch!«, knurrt Samu und reibt sich die Stelle, an der ihn Mikko getroffen hat.

»So, nachdem wir es ja endlich ALLE«, dabei taxiert Mikko Samu und mich, »geschafft haben, zum Abendessen zu erscheinen, möchte ich kurz mit euch besprechen, was für morgen auf dem Plan steht. Wir werden ziemlich früh abreisen. Und vor allem… pünktlich.« Wieder huschen seine Augen zu Samu, der Anstalten macht, aufzustehen.

»Du bleibst sitzen, Haber.« Mikko deutet mit dem Zeigefinger auf Samus Stuhl und sieht dabei aus, als würde er einen unartigen Hund zurechtweisen. Seufzend sinkt der Blonde zurück. Wow, alle Achtung. Der Kerl hat wirklich Macht. Ich muss mich heftig räuspern, um ein aufkeimendes Kichern zu unterdrücken. Doch Samu hat das längst bemerkt und kneift mich in die Seite. Mir entwischt ein leises Quieken, das Mikko sofort mit seinem unerbittlichen Todesblick bestraft.

»Kann ich dann weitermachen? Ihr solltet aufpassen, sonst habt ihr morgen keinen Peil. Also. Morgen sind wir in… Hamburg. Das heißt, wir sollten so früh wie möglich aufbrechen. Ich habe 5:00 Uhr angesetzt. Einwände? Keine? Gut.« Mikko macht so schnell weiter, dass sich Samu gar nicht dagegen wehren kann. An seinem Grunzen jedoch merke ich, dass er mehr als nur nicht einverstanden ist.

»Paula?« Prompt beiße ich mir auf die Unterlippe. Mikko hat mich im Visier. »Ich habe da noch was für dich.« Er kramt in seiner großen, superwichtig wirkenden Manager-Tasche herum. Um Himmels Willen, was holt er daraus hervor? Eine Pistole? Eine Machete? Eine Handgranate?!

Nein. Es ist nur ein I-Pad.

»Das wirst du brauchen, meine Liebe.« Damit überreicht er mir feierlich mein erstes, eigenes I-Pad. Mit großen Augen starre ich ihn an. Sein Ernst?

»Glotz mich nicht so an. Das ist mein Ernst«, murrt er, »nun nimm es schon.«

Vorsichtig nehme ich das Gerät an mich. Drehe und wende es, begutachte es von allen Seiten wie einen wertvollen Schatz.

»Schon gut. Sowas kann man kaufen. Das kommt nicht aus dem Weltall.« Mikko zieht eine Augenbraue hoch.

»Ich… Mikko… Vielen Dank«, stammle ich und weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Für Mikko scheint das kein großes Ding zu sein. Für mich ist es das schon. Mit dem Gerät überreicht er mir nämlich symbolisch einen Haufen Verantwortung. Er zeigt mir, dass er mir zutraut, es zu schaffen.

»Musst dich nicht bedanken. Ist dein Arbeitsgerät und wie gesagt – du wirst es brauchen. Für morgen habe ich dir schon mal alle bandtechnischen Termine vorgemerkt. Du musst uns nur noch eine Fahrgelegenheit, ein Hotel und bestenfalls etwas zu Essen besorgen. Wir brauchen die Adresse der Gala und du musst den Interviewtermin bestätigen. Der Fototermin steht schon. Die Liste mit den Fragen, die tabu sind, hab‘ ich dir als PDF hinterlegt. Die brauchst du nur noch durchmailen. Okay, noch Fragen?«

Wie, wo, was, wann? Mir schwirrt der Kopf von so vielen Informationen und ich habe keine Ahnung, ob ich alles richtig verstanden habe. Doch Mikko nimmt darauf keine Rücksicht. Er spult seine To-Do-Listen einfach in bahnbrechendem Tempo herunter und mir wird ein kleines bisschen schlecht. Aufbruchsbereit klatscht er in die Hände und steht auf. »Also, ihr Lieben, ich verabschiede mich für heute. Denn ich werde euch morgen alle aus dem Bett scheuchen.«

Sami, Raul und Osmo folgen ihm. Zurück bleiben nur Riku, Samu und ich.

»Alles okay?«, fragt Riku einfühlsam, dabei ruht seine Hand auf meiner Schulter.

»Wie? Was?« Er reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bin total durch den Wind. »Ich… weiß nicht, wie ich das bis morgen hinkriegen soll…«, gebe ich kleinlaut zu und halte das Tablet so fest umklammert, dass meine Knöchel weiß hervortreten.

»Ach, das schaffst du schon.« Riku ist wirklich lieb. Überhaupt ist es toll, wie die Jungs hinter mir stehen, obwohl sie mich kaum kennen.

»Danke, das ist nett von dir. Ich sollte dann wohl auch mal los…«

»Du schaffst das!«, muntert mich auch Samu auf.

Im Hinausgehen höre ich, dass die beiden Männer leise über etwas diskutieren und dass es sich ernst anhört, dann jedoch schließt sich die Tür des Speisesaals hinter mir.

Mit einem tiefen, langen Seufzer stoße ich die Tür meines Hotelzimmers zu. Ich habe das Gefühl, meiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Wahrscheinlich enttäusche ich Mikko, Samu und alle anderen. Bestimmt vergesse ich irgendetwas und Mikko wird mich aufschlitzen, ausweiden und als Drohung für alle Tourmanager, die nach mir kommen werden, auf einem Pfahl auf der Kühlerhaube ihres Tourbusses aufspießen. Ich setze mich im Schneidersitz auf mein Bett, wo sich Samu zurück in meine Gedanken schleicht und mich wenigstens lächeln lässt.

»Konzentrier dich, Paula!«, feuere ich mich selbst an und verbanne den blonden Finnen aus meinem Kopf. Zuerst muss ich die Adresse des Magazins in Hamburg herausfinden. Das ist gar nicht so schwierig. Wesentlich komplizierter ist es, um 19 Uhr noch irgendwo einen Mietwagen aufzutreiben. Ganz abgesehen von einem Tourbus. Das Busunternehmen, das bisher den Nightliner für die Tour zur Verfügung gestellt hat, hat sich verplant und so müssen wir für diesen einen Termin auf ein anderes Gefährt ausweichen. Das hat mir Basti per WhatsApp mitgeteilt und mir einen mittelmäßigen Herzinfarkt beschert. So stalke ich alle Autoverleihe im näheren Umkreis und schaffe es doch tatsächlich, einen noch halbwegs fahrtauglichen VW-Bus ausfindig zu machen. Die Reservierung des Hotelzimmers verlege ich auf morgen, weil ich keine besetzte Rezeption mehr erreichen kann und nicht das billigste Hotel nehmen will. Fürs Essen kann ich, wenn nötig, auch selber sorgen. Darum mache ich mir jedoch auch keinen Kopf. Wenn Sunrise Avenue irgendwo essen will, dann wird Sunrise Avenue auch irgendwo essen. Samus Bekanntheitsfaktor ist nach einer Castingshow scheinbar beträchtlich gestiegen, was ich einem Diagramm auf dem Tablet entnehme. Ich maile Mikkos Tabu-Liste durch und bestätige schriftlich den Termin für morgen. Angespannt gehe ich nochmal sämtliche Aufgaben durch und hoffe, keine davon vergessen zu haben.

Der Job ist um einiges aufwändiger, als ich zunächst angenommen habe. Andererseits bin ich froh, nicht einfach als Anhängsel von Samu durch die Gegend tingeln zu müssen. Ich habe das Gefühl, gebraucht zu werden und mir meine Anwesenheit auch zu verdienen. Mikko kümmert sich um alles, was die Band betrifft. PR, Studioaufnahmen, Konzert-Termine, Fotoshootings. Ich bin nur dafür zuständig, dass das ganze Drumherum irgendwie funktioniert. Und dabei gibt es eine Menge zu bedenken. Wer kümmert sich um das Make-Up? Wer frisiert die Jungs? Wo kriegen sie etwas zu essen? Wie kommen sie von A nach B? Und sind die Tontechniker schon vor Ort? Wo kann der LKW für ihr Equipment parken und wie lange wird es dauern, die Instrumente auszuladen und aufzubauen? Wann muss die Security bereitstehen? Hat der Veranstalter überhaupt schon eine Security gebucht? Das alles sind die Fragen, die mich in den nächsten Monaten rund um die Uhr beschäftigen sollen. Ich bin froh, im Notfall auf Basti zurückgreifen zu können. Nach einem schweren Sturz beim Downhill Mountain-Biking liegt er mit vielen, komplizierten Brüchen im Krankenhaus und wird anschließend auf Reha gehen. Aber er ist ansprechbar und soweit stabil. Ich nehme mir vor, mich per Facetime so bald wie möglich halbwegs persönlich bei ihm vorzustellen.Denn obwohl ich ein strukturierter Mensch bin, schüchtert mich die Fülle an Aufgaben ein und ich fühle mich damit überfordert. Ich habe keine Ahnung von diesem Business und ich habe das Gefühl, mir keine Fehler leisten zu dürfen. Hoffentlich lässt Mikko mich nicht auflaufen. Kopfschütteln vertreibe ich diese dummen Gedanken, die sich da in mir einnisten und mich aus der Bahn werfen wollen. Wieso sollte er das tun? Wieso sollte er mich sabotieren und damit den Plan der Band gefährden? Wieso sollte ich nicht einfach darauf vertrauen, dass alles gut gehen wird und dass es Menschen gibt, dir mir bei meinen Aufgaben zur Seite stehen? Entschlossen angle ich nach meinem Smartphone, um Caro anzurufen. Sie hat tagsüber ein paar Mal versucht, mich zu erreichen, nachdem Samu sie gestern so nonchalant einfach weggedrückt hat. Jetzt schaffe ich es endlich, zurück zu rufen. Natürlich ist meine Schwester wenig begeistert davon, abgewürgt worden zu sein, deshalb erzähle ich ihr zur Besänftigung von Samus Aktion und sofort ist Caro wieder hellauf begeistert. Eine Weile schaffe ich es, ihr zuzuhören, wie sie von ihren neuesten Plänen, Influencerin zu werden, erzählt, aber irgendwann hüllt mich bleierne Müdigkeit ein und ich verabschiede mich von ihr.

Es dauert nicht lange, bis ich einschlafe. Dafür empfinde ich die Zeit, die ich überhaupt mit Schlafen verbringe, viel zu kurz. Um vier Uhr klingelt mein Wecker und reißt mich unbarmherzig aus Träumen, in denen ständig Samu durchs Bild hüpft. Mit verquollenen Augen quäle ich mich aus meinem schlafwarmen Laken und tapse ins Bad. Mein Kopf ist voll mit Dingen, die ich noch erledigen muss, deshalb beeile ich mich mit meiner Morgentoilette. Ich will alles so gut wie möglich machen.

»Guten Tag, Bernard, Tour-Management von Sunrise Avenue«, melde ich mich am Telefon, klinge dabei aber weniger selbstbewusst, als ich es mir vorgenommen habe »wir brauchen unbedingt noch Zimmer für heute Abend.« Ich erinnere mich an die Rezeptionistin von gestern und habe Angst, nicht überzeugend genug zu wirken, doch meine Bedenken sind umsonst. Freudig sichert man mir ein Zimmer zu und sendet mir per Mail die Bestätigung.

Ich fühle mich wie gerädert, als ich über meiner dampfenden Tasse Kaffee hänge und beobachte, wie Samu in den Frühstücksraum stolpert.

»Guten Morgen«, begrüße ich ihn und fühle, wie schlagartig wieder Leben in meine schweren Glieder fährt.

»Was soll daran gut sein?«, murrt der Finne morgenmuffelig, während er sich ebenfalls eine Tasse Kaffee eingießt.

Allmählich trudelt auch der Rest der Truppe ein und um Punkt fünf Uhr fegt Mikko herein, die Sonnenbrille trägt er lässig auf dem Kopf und sein Handy klemmt zwischen Schulter und Ohr.

»Ladies – wir müssen los!«

Na, hat Paula wohl an alles gedacht? Wird alles klappen oder muss sie doch damit rechnen, von Mikko aufgeschlitzt und ausgeweidet zu werden?  Wir lesen uns nächsten Montag.
Und nächstes Mal bei „Nur zehn Sekunden“: Ein Interview der etwas anderen Art.
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