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Häng dich doch auf!

von Arkia
Kurzbeschreibung
GeschichteTragödie, Historisch / P16 / Het
13.04.2022
15.06.2022
5
10.966
 
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1 Review
Dieses Kapitel
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13.04.2022 1.524
 
Titel: Häng dich doch auf!
Fandom: Kirsten Boies Jugendroman „Heul doch nicht, du lebst ja noch“
Rating: P 16
Genre: Historisch, Tragödie
Länge: ca. 14.000 Wörter
Beta: nein
A/N: Manchmal gehen einem Ideen nicht mehr aus dem Kopf. Als ich vor einigen Wochen Kirsten Boies Jugendbuch gelesen habe, ist mir genau das passiert. Abends beim Einschlafen und auch morgens beim Aufwachen war ich gedanklich in ihrer Geschichte, so dass ich meine Gedanken hierzu einfach zu digitalem Papier bringen musste.
Durch den Kriegsausbruch in der Ukraine hat die Geschichte leider nochmal mehr an Aktualität gewonnen.
Die siebenteilige Geschichte ist bereits fertiggestellt und wenn nichts dazwischenkommt, wird es alle zwei Wochen mittwochs ein neues Kapitel geben.      
* kennzeichnet Zitat aus „Heul doch nicht, du lebst ja noch“
Warnung: Traumata, Depression, Suizid



Abends
„Ärrh!“
Mit einem lauten Ächzen lässt sich Fiete vom Rücken seines 14-jährigen Sohnes auf die dünne, vom Gestank seiner eigenen Pisse getränkten Polsterung des Küchensofas sinken.
„Ich gehe noch einmal hinaus“, sagt Hermann.
„Wohin willst du?“, fragt Fiete seinen Sohn.
„Hinaus“, wiederholt dieser lediglich und ist auch schon verschwunden. Ursel stellt die Tasse, diese kleine Kostbarkeit, die er heute bei einem seiner Jähzornanfälle fast zerstört hätte, in das Regal.
„Ich muss auch noch einmal kurz hinunter“, meint seine Ehefrau. Auf seinen wohl nicht gerade freundlichen Blick hin erklärt sie: „Margot und ich müssen noch etwas wegen der Trümmerarbeit besprechen.“
Fiete nickt nur und dann ist er auch schon allein in der kleinen Küche.
Von wegen „etwas wegen der Trümmer besprechen“, das können sie doch morgen auf dem Weg dahin. Ist schließlich über eine Stunde Fußmarsch.
Aber immerhin hat seine Frau zumindest die Freundlichkeit besessen, ihn nett zu belügen. Eine erneute Welle von Wut steigt in Fiete hoch. Plötzlich weiß er nicht, ob ihn Ursels Art nicht noch wütender macht als Hermanns Ignorieren seiner Person. Aber letztlich ist es auch einerlei.
Denn er weiß natürlich, warum sie in Wahrheit gegangen sind: nämlich um dem Gestank – zumindest für eine kleine zusätzliche Weile – zu entkommen, den Ausdünstungen seiner Körperflüssigkeiten, die sich inzwischen wohl in jede Ritze des Zimmers gefressen haben. Fiete selbst riecht es nicht mehr, und das nicht erst, seit er hier – im wahrsten Sinne des Wortes – festhockt.

Nein, auch damals schon im Felde. Irgendwann war normal geworden, nicht mehr wahrnehmenswert, dieser Geruch von Krieg, diese merkwürdige Mischung aus Dreck, Kot, Urin, Wichse, Schweiß, Tränen und Blut. Im Lazarett war sie noch intensiver gewesen, diese Mischung, nur der Dreck hatte überwiegend gefehlt.
„Damit werden Sie wieder springen können wie ein junges Reh“*, hatte der Arzt im Lazarett zu ihm gesagt.
Die Prothesen hatte er damit gemeint. Damals hatte Fiete es noch geglaubt, aber wahrscheinlich hätte er diese Lüge schon zu dieser Zeit enttarnen können, aber das hatte er ja nicht gewollt, er hatte ja so gerne glauben wollen, dass es genau so kommen würde. Genauso wie er noch an den Sieg geglaubt hatte, obwohl auch seinerzeit schon alle Zeichen in eine andere Richtung gedeutet hatten. Nachts hatten die anderen Versehrten getuschelt, von den Gerüchten über näher rückende Feinde geflüstert. Fiete hätte sie melden müssen. Er hatte es gewollt, aber nicht gekonnt. Damals ist zum ersten Mal diese Schwere über ihn gekommen, die die Zeit zwar schneller vergehen, aber die einen das Leid umso deutlicher spüren lässt.
Drei Tage nach ihm war ein junger Bursche, vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt, in das freigewordene Bett zu seiner Linken gekommen. Der Vorbesitzer war seinen Verwundungen erlegen. Dass Betten aufgrund von Genesung frei wurden, war nur äußerst selten vorgekommen; und Fiete war lange dort gewesen, über drei Wochen, weil Transporte in die Heimat immer wieder durch Feindfeuer verhindert worden waren. Dieser Jüngling war nicht wegen seines verlorenen rechten Auges völlig außer sich gewesen, sondern weil er gefürchtet hatte, man würde es ihm als Heimatschuss auslegen, ihn als Feigling abstempeln, der sich selbst verletzt hat, um der Front zu entkommen.
„Baim Schorsch is des so g'wesen. Der Schorsch hat vors Kriegsgericht g'musst. Had jimmer g'schworn, des er si ni selbst in de Hoand g'schossn had, aber des hoam die ihm ni gegloabt. Un jetz issa hi, der Schorsch“, hatte der Junge immer öfter panisch wiederholt.
Auch wenn sein breiter bayrischer Dialekt es Fiete erschwert hatte, so hatte er ihn dennoch gut genug verstanden. Und Versicherungen hatte der bayrische Junge von ihm gewollt, dass es bei ihm schon nicht so kommen würde, dass bei ihm schon alles gut werden würde.
„Gloabst oach, des si mi ni voor G'richt bring?“
Fiete hatte sie ihm nicht geben können, diese Versicherung. Zu Beginn hatte er sich noch zu einem „Dat wart schon warn, mien Jung“ hinreißen lassen. Mehr aber auch nicht, und das Hamburger Platt hatte der bayrische Junge bestimmt nicht verstehen können, vielleicht aber dennoch den aufmunternden Tonfall, in dem die Worte gesprochen worden waren. Mit der Zeit war der Junge Fiete jedoch immer gleichgültiger geworden.

Und jetzt ist Fiete nicht mehr dort, obwohl es ihm manchmal in seinen Gedanken so erscheint, als sei er es. Jetzt sitzt er hier in der kleinen Küche in Hamburg. In seinem schönen Hamburg, das jetzt nicht mehr schön, sondern eine einzige Trümmerwüste ist, die ihm genauso trostlos erscheint wie er selbst.
Fiete senkt den Blick, lässt ihn über den Tisch wandern, bis zur Kante. Er hält inne, kneift die Augen zu, bis es wehtut, und öffnet sie wieder, lässt – nein, zwingt sich – den Blick weiter wandern zu lassen, bis er seinen eigenen Rumpf erblickt. Denn viel mehr ist da ja nicht; das eine Bein haben sie kurz überm Knie amputiert, das andere noch weiter oben. Damit er auf den Stümpfen halbwegs gerade sitzen kann, haben sie ihm unter den kürzeren ein Kissen geschoben. Zu seiner Rechten, neben dem Küchensofa auf dem Boden, steht die Pissbuddel. Jetzt ist sie leer. Hermann hat sie am späten Nachmittag entleert.
Als er am Nachmittag nach ihm hat sehen sollen, so wie abgemacht alle zwei Stunden, um ihn zu Tante Meier zu tragen, da ist er wieder einmal zu spät gekommen. Fiete hat es so lange zurückgehalten, in der Hoffnung, dass Hermann noch rechtzeitig kommen würde, dass es einmal mehr zu spät gewesen ist, und das obwohl die Buddel sogar in Reichweite auf der Küchenbank gestanden hat. Verkrampft, weil er schon so nötig gemusst hat, hat Fiete seinen Hosenstall geöffnet und sein Geschlecht herausgeholt. Normalerweise geht es, wenn er sich gegen die Lehne des Küchensofas lehnt, um das Gleichgewicht zu halten, dann trifft er auch meistens ganz ordentlich. Aber da hat es einmal mehr nicht funktioniert. Er hat, weil er so verkrampft gewesen ist, das Gleichgewicht nicht halten können, und das Meiste ist infolgedessen daneben gegangen.
So eklig es auch ist, Fiete versucht, wenn möglich, sich nicht einzunässen, sondern sich außerhalb der Hose Erleichterung zu verschaffen, nicht nur, weil er es einfach nicht erträgt, in der nassen Hose zu hocken, so lange, bis sie wieder getrocknet ist, sondern auch, weil Ursel sie sonst immer saubermachen will. Und Seife, die ist in diesen Tagen eben enorm kostbar, wie auch Kleidungsstücke überhaupt.
Nur deshalb läuft Hermann noch immer in dem nun von allen Abzeichen befreiten HJ-Hemd herum. Nur deshalb hat sein Sohn gekrümmte, von Blasen übersäte Füße, weil die Schuhe einfach zu klein geworden sind. Denn sie haben nun einmal keine Schuhe. Also, bis auf Fietes natürlich, aber die braucht er ja selbst, wenn er die Prothesen bekommen wird.
Was lügst du dir die Hucke voll?!, zischt eine bösartige Stimme in seinen Gedanken. Woher sollen denn die Prothesen kommen? Hamburg ist ausgebombt, es gibt fast keine Krankenhäuser mehr. Krüppel gibt es dafür überall. Zähl doch nur einmal die, die mit dir im Zug Richtung Heimat gewesen sind! Haufenweise Krüppel gibt es jetzt, aber so gut wie keine Krankenhäuser, keine Handwerker, keine Fabriken... Denn irgendwo und von irgendwem müssen Prothesen ja hergestellt werden, nich?
Nein, seine Schuhe kann Hermann nicht bekommen, die braucht Fiete bald, wenn die Prothesen...
Und selbst dann, wenn es das alles gäbe... Es gibt auch kein Geld!
Heiß laufen Fiete die Tränen über die Wangen, als sein Tagtraum einmal mehr zerplatzt wie eine Seifenblase eines Schaustellers auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Nein, er wird keine Prothesen bekommen, und ohne Prothesen sind die Krücken, die am Küchensofa lehnen, völlig nutzlos. Er wird auf ewig hier auf dem Küchensofa gefangen sein wie ein Seemann, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Fiete ist genauso gefangen in seinem verkrüppelten Körper wie die einst so stolze Hansestadt im eisernen Griff der Tommys; die Granate eines Russen hat ihm seine Freiheit genommen, und die Besatzung durch die Engländer haben die Stadt ihrer Freiheit beraubt. Einen Unterschied gibt es zwischen Hamburg und ihm aber doch: Er selbst ist im tapferen Kampf seiner Beine beraubt worden. Gauleiter Kaufmann hat die Stadt kampflos dem Feind überantwortet. Offen einzugestehen, dass alles verloren ist, das kann Fiete einfach nicht. Und nur deswegen hat er Hermann verboten, seine Schuhe anzuziehen. Weil diese Erlaubnis das kleine Körnchen Hoffnung, das er noch im Leibe trägt und das einmal mehr, einmal weniger zum Vorschein kommt, endgültig und unwiederbringlich zerstört würde, weil er sich dann vollends aufgeben würde.
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