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Die Gefangenen des Grauens

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dante Dragos Gabrielle Lucan Renata Tess
12.04.2022
19.04.2022
3
3.910
 
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12.04.2022 908
 
Gabrielle

„Komm schon Lucan. Bitte.“
„Ich habe nein gesagt.“
Langsam wurde ich wütend. Wie konnte er nur so stur sein und mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen hatte? Ich ließ mich die Matratze heruntergleiten, von der aus ich Lucan beobachtet hatte, hüllte mich in einen Satinbadmantel und lehnte mich mit verschränkten Armen an den Bettpfosten des Himmelbetts, wie er es so oft tat.
„Ich weiß, dass du Angst um mich hast. Aber ich werde ja nicht allein gehen. Die anderen kommen auch alle mit.“ Wenn sie es schaffen, ihre Männer zu überreden, fügte ich in Gedanken hinzu. „Zusammen wird uns schon nichts passieren. Die Chance, dass wir einem Lakaien über den Weg laufen, ist gering. Und Elise wird uns rechtzeitig vor ihnen warnen können, wenn sie ihre wirren Gedanken liest“, versuchte ich ihn umzustimmen.
Deutlich konnte ich sehen, wie er sich dagegen sträubte, mir recht zu geben. Er lief im Zimmer auf und ab, während er nach und nach seine Kleidung und Waffen für die nächste Jagd anzog. Als er sein Ärmel nach oben schob, um sich einen kleinen Gürtel mit einem Messer an seinem Unterarm zu binden, sah ich wie seine Dermaglyphen in den unterschiedlichen Farben der Wut und Sorge pulsierten.
Nachdem er fertig war, ging er stumm auf mich zu und sah mir fest in die Augen. Ich musste mich zu voller Größe aufrichten, um meiner Überzeugung Halt zu geben, aber dennoch überragte er mich noch um Weiten und ich war gezwungen zu ihm aufblicken. Auch wenn dieser Anblick den meisten einen Schauer über den Rücken gejagt hätte, wusste ich genau, dass es nichts zu befürchten gab. Er würde mir nie wehtuen.
„Gabrielle, wenn dir oder irgendeiner der anderen etwas passiert, können wir nicht helfen. Wir sind hier eingesperrt, bis die Sonne untergeht. Wir können euch nicht beschützen. Es würde jeden von uns wahnsinnig machen, wenn wir auch nur den leisesten Verdacht hätten, dass euch etwas zugestoßen ist“, sagte Lucan, während er mir seine Hände auf die Schultern legte und sein Blick unendlich sanft wurde. Selten hatte ich ihn so erlebt, aber er schien mich förmlich mit seinen Augen anzuflehen.
Ich nahm seine Hände in meine, die diese nur notdürftig umfassen konnten. „Früher war ich doch auch allein in der Stadt unterwegs, um Fotos zu machen.“
Deutlich konnte ich sehen, wie sich sein Kiefer anspannte und er daran dachte, wie ich die ersten Monate nach meiner Ankunft immer noch nach draußen gegangen war, um für den Orden neue Rougesverstecke zu suchen. Es war meine Gabe, die mich jedes Mal unbewusst zu ihren Nestern führte. Ich war damit eine große Hilfe für die Krieger, die sich in der Nacht aufmachten, um ihre wildgewordenen Brüder zur Strecke zu bringen. Bei der Gelegenheit hatte ich auch viele normale Fotos von der Welt und ihren Menschen bei Tageslicht gemacht, die nur für Lucan bestimmt waren, da ihm dieser Anblick auf ewig verschlossen bleiben würde. Doch es waren die Ereignisse des vergangenen Jahres, die Lucan empfindlicher gegen meine kleinen Spaziergänge gemacht und sie mir schließlich ganz verboten hatte.
„Ja, aber das war etwas Anderes. Jetzt ist Dragos da draußen“, sagte er eindringlich und ich sah, wie in seinen Augen kurz das bernsteinfarbene Glitzern eines Stammesvampires aufblitzen, was verriet wie sehr ihn dieses Thema aufbrachte. Wir wussten beide, was es heißen würde als Stammesgefährtin in die Fänge von Dragos zu geraten.
„Es ist nur dieser eine Tag. Wir sind vorsichtig und Renata ist auch noch da. Immer nur im Garten auf dem Grundstück zu sein, ist einfach nicht das Gleiche, wie sich unter anderen Menschen frei in der Stadt zu bewegen“, fuhr ich beharrlich fort, obwohl mir die Gedanken an Dragos eine Gänsehaut bescherten.
Nur zu gut konnte ich mir vorstellen, wie gerade alle anderen Stammesgefährtinnen, die beim Orden wohnten, genauso ergiebig versuchten ihre Gefährten zu überreden, dass wir am Tag in die Stadt gehen durften. Am helllichten Tag, wenn sie durch ihre empfindlichen Gene dazu gezwungen waren, im Hauptquartiert auf den Sonnenuntergang zu warten. Keinem von ihnen hatte es gefallen, als wir alle gemeinsam zu ihnen gegangen waren und unseren Wunsch geäußert hatten.
Still wartete ich nun erneut auf das Urteil von Lucan und sah, wie er sich leicht entspannte, langsam ausatmete und sich sein starrer Blick zusammen mit einer Brust senkte. Er schien immer noch mit sich zu hadern.
„Aber ihr müsst vorsichtig sein. Du weißt, was das eine Mal passiert ist, als du allein außerhalb des Hauptquartiers warst.“ Lucan machte eine Pause und sah mich wieder genau an. Er musste mich nicht daran erinnern, wie ich damals von Marek gefangen genommen wurde, der sicher keine edleren Absichten gehabt hatte als Dragos zu dieser Zeit. Mein Gefährte hob seine Hände an mein Gesicht und gab mir einen Kuss. Er ließ wieder von mir ab, aber hielt meinen Kopf weiter fest und sah mich an, als wolle er abschätzen, ob ich den Gefahren seiner Welt – unserer Welt – gewachsen war. „Passt einfach nur auf, okay? Wenn euch irgendetwas komisch vorkommt, macht ihr euch sofort auf den Rückweg. Hast du verstanden?“, fragte er eindringlich.
Ich sagte nichts, sondern schlang meine Arme um seinen Hals, musste mich dabei auf die Zehnspitzen stellen und küsste ihn erneut. Das sollte als Antwort genügen.

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Das erste Kapitel meiner neuen Geschichte ist etwas kurz, aber die Szene gab einfach nicht mehr her. Ich hoffe, es wird euch gefallen und ihr schreibt mir fleißig ein paar Reviews. Gerne höre ich eure Meinung :D

Eure Chappy
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