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Fluchthelfer

von Sira-la
Kurzbeschreibung
CrossoverMystery / P12 / Gen
Cinderella "Ella" / Ashley Boyd
11.04.2022
11.04.2022
1
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11.04.2022 3.705
 
Hi,
dieses kleine Crossover ist ein Beitrag zum Osterserienkalender im Forum. Mir wurde der Begriff "Osterlamm" zugelost und ich hatte sofort diese Szene vor Augen, wie jemand das detaillreiche Gebäckstück bewundert. Die restlichen 3K Wörter entstanden außenrum XD
Viel Spaß beim Lesen,
Sira


Fluchthelfer
Cinderella lief, so schnell sie konnte, die Küste entlang. Sie wusste nicht, was passiert war. Genau genommen hatte sie nicht einmal eine Ahnung, wo sie war. Sie wusste nur, dass Rumpelstilzchen ihr Kind wollte. Wie auch immer er es geschafft hatte, dem Kerker zu entkommen, für Cinderella stand zweifelsfrei fest, dass er Rache nehmen würde. Sie hatte ihn ausgetrickst. Sie hatte ihm die Feder mit der Tintenfischtinte gegeben. Sie hatte dafür gesorgt, dass Snow und David ihn hatten einsperren können.
Und jetzt war er frei. Frei in dieser komischen Stadt, in der alle so merkwürdig gekleidet waren und ebenso merkwürdig auf Cinderellas Fragen reagiert hatten.
„Das sind nur Märchen“, hatte Snow gesagt.
„Die Schwangerschaft hat dich echt verändert“, war Reds Kommentar gewesen.
Thomas wusste nicht einmal mehr von ihrer Verlobung, Himmel bewahre.
Der einzige, der sie nicht sofort für verrückt erklärt hatte, war ein Junge gewesen, der in dem merkwürdigen Gebäude, in dem Red arbeitete, etwas gegessen hatte. Genau genommen war Cinderella dort zu sich gekommen, dem Jungen gegenübersitzend und ein altes Buch zwischen ihnen auf dem Tisch, in dem Cinderella ein Bild von sich hatte erkennen können. Henry war nett zu ihr gewesen, höflich und neugierig, aber bevor sie ihn etwas Genaueres hätte fragen können, hatte Cinderella erfahren, dass er der Sohn der Bösen Königin war, und hatte schleunigst das Weite und Snow gesucht. Nur dass die nicht mehr zu wissen schien, wer die Böse Königin war.
„Nur Märchen“, wiederholte Cinderella Snows Worte. Ihre Stimme klang belegt, in ihren Augen brannten Tränen. Was war nur geschehen? Das letzte, woran Cinderella sich erinnerte, bevor sie an diesem Tisch gesessen hatte, war dunkelvioletter Nebel, der alles verschlang. Hatte Rumpelstilzchen sie verflucht? Sie alle und die Welt gleich mit? Die Straßen waren aus einem unglaublich harten, schwarzen Stein, darauf fuhren metallene Kutschen ohne Pferde. Und erst diese Kleidung. Sogar Cinderella selbst trug Hosen aus einem blauen Material, das ihr völlig unbekannt war. Zum Glück konnte sie in den Schuhen, die sie anhatte, gut laufen.
Für einen kurzen Moment blieb sie trotzdem keuchend stehen und legte eine Hand auf ihren Bauch. Das Kind war unruhig, vermutlich spürte es Cinderellas Angst. Sie sah sich um, zurück zu der Stadt. Kein Schloss war zu sehen, aber auch keine Reiter, die sie verfolgten, und so konnte Cinderella sich die Zeit nehmen, wieder zu Atem zu kommen. Dennoch, allzu lange durfte sie sich nicht aufhalten.

Sie wartete, bis ihr Herzschlag sich halbwegs beruhigt hatte und das Ziehen in ihrem Bauch aufhörte, dann lief sie wieder los. Nur ein Stück weiter versperrte ihr ein kleines Wäldchen den Weg und sie blieb im Schatten der Bäume stehen, um erneut zu verschnaufen. Inzwischen knurrte ihr der Magen, doch ihre Hoffnung, in dem Wäldchen etwas zu essen zu finden, erfüllte sich nicht. Als sie es auf der anderen Seite wieder verließ, erstarrte sie. Da lag ein Schiff vor Anker, sehr nah am Strand, auf dem nur wenige Schritte von Cinderella entfernt ein Beiboot lag. Zu dem Boot gehörte ein Mann mit langen, dunklen Haaren, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er war dabei, Kisten aus dem Boot zu heben und in einer Felsspalte zu verstauen. Cinderella wollte sich zwischen die Bäume zurückziehen, doch da drehte der Mann sich um und sah sie genau an.
„Woah, hey, wo kommst du denn her?“ Seine Hand huschte zu seinem Gürtel und Cinderella zuckte zusammen, bevor sie bemerkte, dass er kein Schwert trug. „Seit wann werden denn schwangere Jugendliche …“ Er unterbrach sich und musterte sie. „Brauchst du Hilfe?“
Cinderella zögerte. Sie kannte den Mann nicht, und die einzigen, die ihr einfielen, die Kisten in Felsspalten versteckten, waren Piraten. Aber dann, sie brauchte Hilfe und nichts konnte schrecklicher sein als das, was hinter ihr lag. Vorsichtig nickte sie.
Der Mann lächelte. „Lass mich das nur schnell fertig machen, dann kannst du mir sagen, was du brauchst. Ich bin gut darin, Dinge zu beschaffen.“
„Etwas zu essen“, sagte Cinderella leise.
Er hob eine weitere Kiste aus dem Boot. „Ich hab ein paar Sachen an Bord“, meinte er und nickte mit dem Kopf Richtung Schiff. Cinderella beobachtete, wie er die Kiste verstaute. „Das war die letzte“, sagte er und streckte seinen Rücken durch. „Soll ich was zu essen herholen oder willst du mit an Bord kommen?“, fragte er dann, während er das Boot bereits wieder ins Wasser schob.
Cinderella zögerte erneut. Sie kannte den Mann nicht, aber auf einem Schiff würde sie gewiss schneller von hier fortkommen als zu Fuß. Rennen konnte sie mit ihrem Bauch schließlich nicht.
Er sah sie weiterhin erwartungsvoll an, dann schien er zu begreifen, was ihr Zögern verursachte. „Keine Sorge, ich bevorzuge Frauen in meinem Alter.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich fahr nach Haven, dahin könnte ich dich mitnehmen, wenn du willst.“
„Haven?“, wiederholte Cinderella. „Wo ist das?“
Er deutete etwas vage Richtung Meer und zu Cinderellas Erleichterung von dem Wäldchen weg. „Ein gutes Stück die Küste hinauf.“
Cinderella sah noch einmal zurück. Sie war traurig darüber, dass sie Thomas zurückgelassen hatte, aber er hatte sie nicht begleiten wollen und sie so schnell wie möglich fort. „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich Sie begleiten darf“, entschied sie sich und kletterte mit seiner Hilfe in das Boot.
„Ich bin übrigens Duke“, stellte er sich vor, während er das Boot zum Schiff ruderte.
„Cinderella“, sagte sie und las interessiert den Schriftzug an der Seite des Schiffes. ‚Cape Rouge‘, ein Schiff, das komplett aus Metall zu bestehen schien und dennoch nicht versank.
„Deine Eltern waren wohl große Märchenfans“, meinte Duke. Er lenkte das Boot so, dass es seitlich neben dem Schiff lag und er vier Haken, die an Seilen von oben herabhingen, an vier entsprechend positionierten Ösen befestigen konnte.
Cinderella schwieg zu dieser Feststellung und betrachtete stattdessen die schmale Leiter.
„Geht das mit dem Bauch?“, wollte Duke wissen und musterte erst sie, dann die Leiter mit kritischem Blick. „Ich kann dich auch samt dem Boot raufziehen, aber eigentlich wäre es mir lieber, wenn du die Leiter nimmst.“
Cinderella straffte sich. „Das geht.“

Das tat es tatsächlich, auch wenn Cinderella jede Bewegung sehr bedacht wählen musste und äußerst dankbar war, dass Duke zuerst gegangen war und ihr nun über die Reling half. Zu ihrem großen Erstaunen war er der einzige Mann an Deck. „Wo ist der Rest Ihrer Mannschaft?“, wollte sie zaghaft wissen.
Er runzelte die Stirn. „Mannschaft? Die ‚Cape Rouge‘ braucht doch keine Mannschaft, ich steuere sie allein.“
„Alleine?“, wiederholte Cinderella überrascht. Das konnte sie sich kaum vorstellen. „Mit Magie?“, hakte sie nach. Im schlimmsten Fall war sie vor einem bösen Zauberer fortgelaufen, um jetzt dem nächsten in die Falle zu gehen.
„Magie?“ Duke lachte. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Cinderella entspannte sich. Er strahlte etwas aus, das sie ihm vertrauen ließ. Sie nickte. „Ich bin nur hungrig“, sagte sie und beschloss, das Wort ‚Magie‘ nicht nochmal zu erwähnen.
Duke führte sie durch eine Tür und eine metallene Treppe nach unten. Zu Cinderellas Erstaunen befand sich im Inneren des Schiffes eine Wohnung. Sie durfte sich an den Tisch setzen und Duke stellte ein Glas mit Wasser vor sie. Dankbar trank sie einige Schlucke.
„Osterlamm?“ Er sah sie fragend an und Cinderella blinzelte verwirrt.
„Was bitte?“
Er lachte und stellte einen leeren Teller vor sie. „Es ist nur ein Gebäck, keine Sorge. Ich kann ja schlecht ein ganzes Lämmchen mit aufs Schiff nehmen. Hier.“
Duke legte ein Gebäckstück auf den Teller, das tatsächlich wie ein winziges Lamm geformt war. Cinderella betrachtete es fasziniert. Kein Bäcker, den sie kannte, würde so eine detaillierte Abbildung erreichen können. „Vielen Dank, Sir.“
Er setzte sich ihr gegenüber und grinste. „Sir? So hat mich noch nie jemand genannt. Duke reicht“, meinte er, brach seinem Osterlamm den Kopf ab und fing an zu essen. „Es ist nicht giftig.“ Er zwinkerte ihr zu.
Cinderella senkte den Blick und brach ein Stück von ihrem Osterlamm ab. Der Teig war weich und süß, mit einem Aroma, das sie nicht genau identifizieren konnte. Was immer es war, es war köstlich.
Sie aßen schweigend. Als Cinderellas Wasserglas leer war, stand Duke kommentarlos auf und füllte es ihr erneut. Sie lächelte ihn dankbar an und genoss das Gebäck.
„Wir brauchen ein paar Stunden bis Haven“, sagte er, nachdem sie aufgegessen hatte. „Du kannst gerne wieder mit an Deck kommen. Oder du bleibst hier unten. Falls du dich ausruhen möchtest …“ Er deutete an der Treppe vorbei auf eine angelehnte Tür. „Das Bett steht da hinten.“
Cinderella spürte, wie sie rot wurde. Noch nie hatte ein Mann ihr angeboten, sein Bett zu nutzen. Bis auf Thomas, aber bei ihrem Ehemann war das natürlich etwas anderes.
Duke schien keine Antwort zu erwarten. Er ging bereits die Treppe nach oben. Cinderella überlegte noch einen Moment, dann folgte sie ihm.

***

Cinderella stand am Bug der ‚Cape Rouge‘ und schaute neugierig nach vorne. Sie konnte bereits die ersten bunten Häuser erkennen. Haven, der Name der Stadt, versprach Sicherheit, auch wenn alles, was sie sehen konnte, so völlig anders aussah als ihre Heimat.
Noch immer konnte sie nicht glauben, dass das Schiff ohne Mannschaft, ohne Segel und ohne Magie fuhr. Sie wandte sich von der Reling ab, überquerte das Deck und ging die schmale Metalltreppe nach oben. Duke nickte ihr durch eines der vielen Fenster zu und Cinderella ging den schmalen Weg entlang zu einer der Türen, die in den Raum führten, den Duke ‚Brücke‘ genannt hatte. Er hatte ihr verboten, dort etwas anzufassen, aber Cinderella hätte es sich sowieso nicht getraut. Die vielen Knöpfe faszinierten und verwirrten sie gleichermaßen und einige der anderen Dinge, die sich hier befanden, konnte sie nicht einmal benennen.
„Alles in Ordnung?“, fragte Duke, sah sie dabei aber nicht an.
Cinderella lächelte und stellte sich neben ihn. „Ja“, sagte sie. „Ich wollte nur …“ Sie brach ab, unsicher wie sie ihm sagen sollte, dass sie dort vorne Angst bekommen hatte. Was, wenn er das Schiff nicht rechtzeitig bremsen konnte? Schließlich war er hier völlig alleine.
Er grinste. „Keine Sorge. Ich hab das schon öfter gemacht und …“ Er schnaubte. „Großartig“, sagte er dann. „Ein Begrüßungskomitee.“
Cinderella runzelte die Stirn. Am Ufer stand ein Mann, mehr konnte sie auf die Entfernung noch nicht erkennen. „Wer ist das?“, fragte sie.
Duke seufzte. „Sein Name ist Nathan. Er ist Polizist und …“ Jetzt sah er sie doch für einen Moment an. „Es wäre super von dir, wenn du die Kisten nicht erwähnst.“
„Polizist“, wiederholte Cinderella das ihr unbekannte Wort. „Ist das sowas wie ein Sheriff?“
Duke zog an einem Hebel und sie spürte, dass das Schiff langsamer wurde. „Wo kommst du gleich nochmal her?“
„Ich … aus …“ Cinderella stockte. In den letzten Stunden hatte sie sich ein bisschen mit Duke unterhalten und herausgefunden, dass er nicht an Magie glaubte. Ihm zu sagen, dass sie aus dem Zauberwald stammte, erschien ihr daher etwas unklug. „Storybrooke“, sagte sie schließlich. Das hatte zumindest auf einem Schild gestanden, an dem sie vorbeigelaufen war.
„Sagt mir nichts“, meinte Duke. „Ist ja auch egal. Ja, Nathan ist der Sheriff hier.“
„Ich werde nichts sagen“, versprach Cinderella. Sie war viel zu dankbar für seine Hilfe, als dass sie ihn jetzt an den Sheriff verraten würde.

***

„Na, was schmuggeln wir heute?“
Cinderella umklammerte Dukes Hand fester, als sie diese Frage hörte.
Er ließ sich davon nicht beirren und half ihr galant über die Gangway, die er aufgebaut hatte, an Land. Erst dann wandte er sich an den Sheriff. „Nichts.“
„Natürlich“, spottete der Sheriff. „Und das Mädchen ist vom Himmel gefallen?“
„Glaub es, oder glaub es nicht, ich hab sie im Süden aufgelesen, nicht im Norden. Jemanden von Maine nach Maine zu fahren, ist soweit ich weiß kein Schmuggel.“
Cinderella hatte das Wort ‚Maine‘ noch nie gehört. War das das Land, in dem sie sich befand? Aber wie war sie aus dem Zauberwald hierher gekommen? Was genau war das für ein Fluch gewesen?
Der Sheriff lockerte seine strenge Haltung ein wenig. „Wo kommst du her?“, fragte er Cinderella. „Und wie heißt du?“
„Cinderella“, antwortete sie. „Ich komme aus Storybrooke.“ Es fühlte sich falsch an, das zu sagen, und gleichzeitig doch richtig. Es war ein merkwürdiges Gefühl.
„Und wo genau liegt dieses Storybrooke?“, wollte der Sheriff wissen.
„An der Küste“, antwortete Cinderella. „Ich bin eine Weile gelaufen, bevor ich Duke getroffen habe.“
„Das war ein Stück südlich von Portland“, fügte Duke hinzu. „Ich wusste nicht, dass in der Gegend ein Dorf ist, aber ich hab auch nicht nachgesehen. Ella wollte von dort weg.“
„Und da hast du den guten Samariter gespielt und sie einfach mitgenommen?“
„Hochschwanger, keine zwanzig Jahre alt, eindeutig auf der Flucht …“ Duke zuckte mit den Schultern. „Natürlich hättest du zuerst nachgesehen, vor wem sie flieht, bevor du ihr hilfst. Ist die Befragung jetzt vorbei, Detective? Ich würde sie gerne ins Krankenhaus bringen.“
„Natürlich“, sagte der Sheriff. „Ich muss dein Boot trotzdem durchsuchen.“
Duke machte eine spöttische Handbewegung Richtung Gangway. „Tu dir keinen Zwang an. Aber wehe, du bringst meine Sachen durcheinander.“

***

Cinderella verstand diesen Ort immer weniger. Duke hatte sie in einer pferdelosen Kutsche zu einem großen Haus gefahren. Jetzt saß Cinderella auf einem merkwürdigen Bett, das mit Papier belegt war, und wartete auf einen Doktor. Aus den anderen Zimmern hörte sie es piepsen, ein schrilles Geräusch, das ihr in den Ohren wehtat, aber niemanden sonst zu stören schien.
Duke befand sich auf dem Gang. Er sprach in einen kleinen Kasten, was auch immer das war. Sie konnte nur einige Wortfetzen verstehen. „… üblicher Ort … keine Probleme … In ein paar Tagen … Ja, wie immer … Bis dann.“ Duke steckte den kleinen Kasten in seine Hosentasche, als er zurück in das Zimmer kam. „Ich bin sicher, der Doktor kommt gleich“, sagte er zu ihr.
Cinderella lächelte ihn freundlich an. „Ich bin dir sehr dankbar, dass du mich hierher gebracht hast“, meinte sie. „Aber du musst nicht mit mir warten.“
Duke lehnte sich an die Wand neben der Tür. „Ich werde gehen, wenn du mich wegschickst“, sagte er. „Aber ich werde bleiben, solange du möchtest. Also, willst du, dass ich gehe?“
Cinderella schüttelte leicht den Kopf. Nein, sie wollte nicht alleine sein, hier in dieser fremdartigen Umgebung. Aber inzwischen stellte sie sich doch die Frage, was Duke im Gegenzug haben wollte. Er war ein Pirat, nach der Frage des Sheriffs bestand für sie kein Zweifel mehr daran, und soweit sie wusste, taten Piraten nie etwas ohne Gegenleistung. Plötzlich panisch legte sie ihre Hände auf ihren Bauch. Was, wenn er ebenso wie Rumpelstilzchen ihr Kind wollte?!
„Hast du Schmerzen?“ Duke klang nervös und erstaunlicherweise sorgte dies dafür, dass ihre Panik sofort wieder verschwand.
„Nein“, beruhigte sie ihn, merkte aber, dass dies nicht ganz stimmte. „Nur ein leichtes Ziehen“, korrigierte sie sich.
„Ziehen? In welchem Bereich?“
Cinderella zuckte zusammen und sah erschrocken zu der rothaarigen Frau, die gerade das Zimmer betrat. Sie trug einen weißen Kittel und reichte Cinderella die Hand.
„Mein Name ist Doktor Carr.“
„Cinderella“, erwiderte sie und drückte die Hand der Frau kurz.
Doktor Carr gab auch Duke die Hand. „Bist du der Vater, Duke? Hätte ja früher damit gerechnet.“
Duke schüttelte den Kopf. „Ich hab Ella am Strand gefunden. Und ich schwöre, da war sie bereits schwanger.“
Cinderella musste lachen, auch wenn es ihr gleichzeitig das Herz brach, dass Thomas nicht mit ihr zusammen hier war.
„Also, wo ist dieses Ziehen aufgetreten?“ Doktor Carr wandte sich wieder an Cinderella.
„Es ist schon wieder vorbei“, sagte sie. „Mir geht es gut. Ich bin nur ein bisschen müde. Und etwas hungrig.“
„Ich hatte nicht viel an Bord“, sagte Duke. „Ich hab ihr ein Osterlamm gegeben.“
„Mehr nicht?“ Doktor Carr sah ihn streng an und bedeutete ihm, sich umzudrehen.
Duke zuckte mit den Schultern, während er der Aufforderung nachkam. „Wie gesagt, ich hatte nicht viel an Bord. Aber ich kann sie gerne mit zu Rosemary’s nehmen. Sag mir einfach, was sie essen soll.“
„Genug, um satt zu werden“, meinte Doktor Carr, während sie Cinderellas Bauch entblößte und mit ihren Fingern daran entlangstrich. „Und bleib in ihrer Nähe. Ich denke, das Ziehen könnte von Vorwehen kommen. Sollten die Schmerzen stärker werden, dann komm sofort wieder her.“
Cinderella nickte. Sie wusste nicht genau, was sie von dieser Doktor Carr halten sollte. Diese nahm jetzt ein merkwürdiges Ding von dem Tisch im Raum. Es lief spitz zu und fing plötzlich an zu leuchten. Cinderella musterte das Ding verwirrt.
„Ich check dich nur kurz durch“, meinte Doktor Carr, strich Cinderellas Haare zurück und steckte das spitze Ding in ihr Ohr.
Cinderella erstarrte. Sie ließ die Prozedur stocksteif über sich ergehen. So etwas war ihr auch noch nie passiert. Doktor Carr steckte das spitze Ding auch in ihr anderes Ohr, dann nahm sie eine andere merkwürdige Gerätschaft von dem Tisch, die aus einem Knoten mit drei Schnüren zu bestehen schien. Diesmal steckte sie sich selbst zwei Teile in ihre Ohren. Das dritte Ende, an dem eine flache Scheibe hing, legte sie auf Cinderellas Brust. „Tief einatmen“, befahl sie.
Cinderella tat, wie ihr geheißen. Ihre hilfesuchenden Blicke zu Duke hatten keinen Zweck, denn er sah immer noch Richtung Wand.
Doktor Carr legte die Scheibe an verschiedene Stellen auf Cinderellas Brust und dann auch auf ihren Rücken. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie legte die Gerätschaft zurück auf den Tisch und nahm einen Stab, der sofort zu leuchten begann. Diesmal konzentrierte sie sich auf Cinderellas Augen, leuchtete hinein und wies sie an, zu bestimmten Punkten im Zimmer zu sehen.
Cinderella blinzelte heftig, als es endlich vorbei war.
„Mit dir scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte Doktor Carr, nachdem sie zu Cinderellas Leidwesen auch noch ihre Brüste abgetastet hatte.
Endlich drehte Duke sich wieder um. Cinderella streckte eine Hand nach ihm aus und war sehr dankbar, dass er sie tatsächlich ergriff und sich zu ihr stellte. „Das heißt, wir können gehen?“, fragte er.
Doktor Carr nickte. „Besorge ihr was zu essen. Und wenn sie Schmerzen hat …“
„Bringe ich sie sofort wieder zu dir“, sagte Duke. Er half Cinderella von dem merkwürdigen Bett. „Dann lass uns mal zum Bäcker gehen.“

***

Staunend sah Cinderella auf das kleine Bündel in ihren Armen. Ihre Tochter. Sie hielt tatsächlich ihre Tochter in den Armen.
„Alexandra“, flüsterte sie und drückte dem Mädchen einen sanften Kuss auf die Stirn.
Alexandra zog die Nase kraus, wachte aber nicht auf.
Cinderella war selig. Ihre Tochter lebte, war gesund und munter und vor allem: Rumpelstilzchen war weit weg. Er würde ihr Alexandra nicht wegnehmen können.
Ein Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Cinderella drückte ihre Tochter enger an sich, entspannte sich aber schnell wieder, als sie Duke erkannte. „Komm rein“, sagte sie leise.
Duke lächelte und schloss die Tür hinter sich. „Wie geht es dir?“, fragte er.
Cinderella strahlte ihn an. „So gut wie nie zuvor“, sagte sie. „Das ist Alexandra.“ Sie hielt das kleine Mädchen so, dass er es besser sehen konnte.
Duke setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Die letzten beiden Wochen war er zu einem echten Freund geworden. Er hatte Cinderella auf der ‚Cape Rouge‘ schlafen lassen und ihr dafür sogar sein Bett überlassen. „Es ist Frühling“, hatte er gesagt. „Warm genug, dass ich an Deck schlafen kann. Das geht schon.“ Er hatte Cinderella mit Essen und frischer Kleidung versorgt und sie getröstet, wenn sie aus Alpträumen erwacht war. Und Alpträume hatte sie einige gehabt, von einem anderen Leben, in dem keine Magie existierte. Inzwischen vermutete sie, dass der Fluch dieses Leben für sie erschaffen hatte. Sie verstand nur nicht, warum er aufgehört hatte, zu wirken.
„Soll ich jemanden für dich anrufen?“ Dukes Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
Cinderella schüttelte den Kopf. „Nein, danke“, sagte sie. Dank der Alpträume und der Erinnerungen wusste sie zumindest, was er meinte, aber sie kannte keine Telefonnummer von einem ihrer Freunde.
„Ich habe mit Eleanor gesprochen“, sagte Duke. „Du kannst eine Weile hier im Krankenhaus bleiben. Aber ich denke, mit der Kleinen kommst du besser nicht wieder mit auf die ‚Cape Rouge‘.“
Cinderella sah Alexandra an und streichelte sanft über ihr Gesicht. „Nein, vermutlich nicht“, stimmte sie Duke zu. „Ich danke dir, dass du mich so lange aufgenommen hast.“
Duke winkte ab. „Das war doch selbstverständlich. Aber wir sollten dir jetzt eine eigene Wohnung suchen, würde ich vorschlagen.“
Cinderella nickte gähnend.
Duke lachte. „Schlaf ein bisschen. Ich besorge ein paar Unterlagen.“ Er nahm ihr Alexandra aus den Armen und legte sie vorsichtig in die Wiege, die neben Cinderellas Bett stand.
Cinderella schlief, bevor er das Zimmer verlassen hatte.

***

„Ich liebe dich, Ashley.“ Thomas nahm ihre Hand und zog sie eng an sich.
„Ich liebe dich auch, Sean“, hörte Cinderella ihre eigene Stimme sagen. Dann küsste er sie.

Cinderella riss die Augen auf. „Sean?“, murmelte sie. „Ashley?“ Die Namen fühlten sich vertraut an. Sie war Ashley? Sie stemmte sich in eine sitzende Position und sah zu Alexandra, die friedlich in ihrem Bettchen schlief. Zwei Tage war sie inzwischen alt und noch immer konnte Cinderella sich an ihrem Anblick nicht sattsehen.
Seit der Geburt waren ihre Alpträume allerdings schlimmer geworden. Heute hatte Cinderella das erste Mal ihren Namen gehört, der nicht ihr Name war und sich doch so anfühlte als ob.
Cinderella rollte sich aus dem Bett und ging zum Fenster. Sie musste eine Entscheidung treffen. Sie war aus dieser fremdartigen Stadt, aus Storybrooke, geflohen, ohne groß darüber nachzudenken. Aber konnte sie wirklich fortbleiben? Konnte sie wirklich Thomas seine Tochter vorenthalten? Cinderella fühlte sich jetzt stärker, mutiger. Sie würde um ihre Tochter kämpfen. Sie würde nicht zulassen, dass Rumpelstilzchen sie ihr wegnahm. Was auch immer genau dieses Maine für ein Land war, es gab hier keine Magie und das hieß, dass auch Rumpelstilzchen keine Magie nutzen konnte.
Cinderella schlang ihre Arme um sich selbst. Sie würde zurückgehen. Sie würde ihren Freunden helfen. Der Dunkle Fluch hatte sie alle hierher gebracht, in dieses Land, und der Junge, Henry, hatte es irgendwie geschafft, dass Cinderella ihre Erinnerungen zurückerhalten hatte. Sie hoffte, dass es ihm ein weiteres Mal gelingen würde.
Cinderella atmete einmal tief durch und straffte ihre Schultern. Gleich heute würde sie Duke bitten, sie zurückzubringen. Und dann würde sie Thomas und all die anderen vor dem Fluch retten.
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