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Der Professor und die Magie

von Arielen
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
Doctor Strange / Stephen Vincent Strange Dr. Christin Palmer OC (Own Character) Schwebemantel Wong
10.04.2022
23.09.2022
12
35.305
5
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Dieses Kapitel
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23.09.2022 3.242
 
(In Zusammenarbeit mit P.Gwainbenn)


Zwei Tage später beschloss er, dass es Zeit wurde mit Terry wegen des Mantels zu reden. Doch bevor er das tat, ging er noch einmal hinauf in den Artefakteraum. Er hatte sowieso eine Verabredung mit dem Auge von Agamotto.

Nach seinem Blick in die Zukunft wandte er sich der Vitrine mit dem Medizinmantel zu. Da er ohnehin schon in einer leichten Trance war, fiel es ihm nicht sonderlich schwer ihn zu fragen: ‚Hast du über meine Worte nachgedacht?‘

Wieder übersetzte Lev im Hintergrund und der Medizinmantel raschelte zustimmend.
‚Er stimmt zu‘, erklärte Lev unnötigerweise und fügte dann trocken hinzu: ‚Etwas anderes wäre ihm auch nicht übrig geblieben... Immerhin ist er ganz scharf darauf deinen Freund zu beanspruchen und selbst der Federmuff dürfte nicht so dumm sein und sich mit dir anlegen wollen. Er wird nicht aus der Reihe tanzen.‘

‚Gut. Dann ruf ich jetzt Terry an. Mal sehen, was er dazu sagt.‘

Das tat er auch postwendend, sobald er in seinem Büro war – dieses Mal auf seiner privaten Nummer. Er hatte Glück, sein alter Mentor schien gerade etwas Zeit zu haben.
„Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich den Gefallen von neulich zurückgeben und dich zum Abendbrot einladen. Maureen würde sich sicher freuen. Und danach können wir uns auch noch privat unterhalten.“
„Das wäre sehr schön, danke. Wann soll ich bei dir sein?“
„Ich würde sagen gegen 18.00 Uhr. Du kannst ja ein Portal nehmen, das hast du ja neulich erst demonstriert. Klingel einfach!“
„Prima, danke Terry! Dann sehen wir uns gegen 6! Bis dann!“
„Bis dann, Stephen!“
Damit legte er auf und lächelte kurz. Das klang doch sehr gut. Nun würde er nur sehen müssen, wie er Terry am Besten beibrachte, dass ein Medizinmantel der Lakota sich für ihn interessierte...


* * *


Pünktlich um sechs Uhr öffnete er ein Portal zu Terrys Haus und klingelte. Zum gegebenen Anlass hatte er sich standesgemäß in einen Anzug geworfen, auch wenn er auf eine Krawatte verzichtet hatte. Die würde eh nicht zu Lev, der in Schalform um seine Schultern lag, passen.
Terry öffnete ihm und strahlte ihn gleich an.
„Stephen! Schön, dass du gekommen bist. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert, dass du so schnell schon wieder mit mir sprechen wolltest?“
Stephen schüttelte den Kopf. „Nein, nichts Schlimmes. Aber es hat sich etwas ergeben, wegen dem ich gerne später noch mit dir sprechen möchte.“

Terry nickte. Er verstand den Wink offenbar, verschob das private Gespräch aber auf später. So begrüßte Stephen nur Maureen, Terrys Frau, die er auch von früher her noch kannte und sie bat ihn ins Wohnzimmer an den Tisch. Allzu oft war Stephen gar nicht hier gewesen und so sah er sich neugierig um, nachdem sein Hilfsangebot abgelehnt worden war.

Er bemerkte auch die indianischen Kultgegenstände, die sorgfältig an den Wänden präsentiert wurden. Offenbar lebte Terry sein Erbe mehr, als ihm selbst bisher bewusst gewesen war. Nun, da würde der Mantel sicher noch gut dazu passen und gar nicht sonderlich auffallen. Ein Nichtmagier würde ihn nicht als magisches Artefakt erkennen, für jeden normalen Menschen wäre er einfach nur eine Antiquität.

Tatsächlich musterte Stephen von seinem Platz am Tisch eingehend die anderen Kultgegenstände, während er darauf wartete, dass Maureen mit dem Essen wieder kam.
„Gefallen sie dir? Es ist natürlich nicht so wie in eurem Artefakteraum und sie sind auch nicht magisch, aber es ist mein kleiner Beitrag zur Erhaltung der Lakota-Kultur“, sagte Terry, der seinen neugierigen Blick bemerkt hatte.
„Ich finde sie sehr interessant. Hast du denn noch Kontakt zum Stamm deines Großvaters?“
„Manchmal. Eher selten. Ich habe zu wenig Zeit um bis ins Reservat zu fahren und ich glaube, ein wenig blicken die schon auf mich herab, weil ich „den Stamm im Stich gelassen habe und mich den Weißen anbiedere““, erklärte Terry und zuckte die Schultern. Dennoch sah ihm Stephen an, dass ihn das schon ein wenig störte.
So nickte er nur langsam.
„Verstehe...“
„Warum fragst du?“
„Das erkläre ich dir später. Jetzt sollten wir uns ganz auf dieses leckere Essen hier konzentrieren, oder?“, lenkte Stephen das Gespräch in ungefährlichere Bahnen, denn gerade war Maureen mit den Schüsseln herein gekommen.

Terry, der den Wink verstand, nickte nur und so unterhielten sie sich über den neuesten Tratsch. Maureen, eine grauhaarige, aber sehr rüstige und immer noch lebhafte Frau, war natürlich neugierig, warum Stephen wieder aufgetaucht war und was an den Gerüchten dran war.

Stephen beruhigte sie so gut es ging ohne allzu ausführlich werden zu müssen.

Sie unterhielten sich gut, denn obwohl Maureen sehr bodenständig war, liebte sie doch ihren Mann und vertraute seinem Urteil. Außerdem kannte sie Stephen auch noch von früher und sie war wohl auch der Meinung, dass er sich eher zu seinem Besseren verändert hatte – trotz des exzentrischen Schals um seine Schultern, den er trotz der Wärme im Zimmer nicht abgenommen hatte.


* * *


Nach dem Essen bat Terry Stephen in sein Arbeitszimmer, bot ihm noch einen Drink an – den er nach einem energischen Schütteln seines Schales ablehnte und sah ihn dann abwartend an.
„Nun, du bist doch nicht ohne Grund gekommen? Was ist also passiert? Nervt Porter schon wieder? Bisher ist mir nichts in der Richtung aufgefallen...“

Stephen schüttelte den Kopf und setzte sich bequem. Automatisch legte er eine Hand auf das Schalende, das in seinem Schoß lag, strich sanft über den samtigen Stoff, der sich prompt liebevoll um seine Finger wickelte.

So richtig wusste er noch nicht, was er sagen sollte, so begann er einfach: „Ich hatte dir ja die Artefakte unter dem Dach gezeigt und Lev kennst du ja mittlerweile auch. Was ich dir noch nicht erzählt habe, ist, wie Artefakte eigentlich funktionieren.
Sie sind eigentlich „nur“ Gefäße für Magie, die die Macht und Energie aufbewahren, die für uns Menschen zu viel ist. Dadurch bekommen sie bestimmte Fähigkeiten und manchmal auch Intelligenz, die durchaus ähnlich oder sogar höher als die eines Menschen sein kann. Allerdings ist das eher eine Ausnahme, die meisten Artefakte sind gerade in der Lage zu verstehen, was ihre Besitzer von ihnen wollen und sich sehr rudimentär zu verständigen.“

„Ich nehme an, Herr Lev gehört zu der seltenen Gruppe mit Intelligenz?“, fragte Terry dazwischen und Stephen nickte mit einem Lächeln.
„Ja, er ist mindestens so klug wie ein Mensch, auch wenn er andere typische Eigenheiten hat. Zum Beispiel einen ausgesprochenen Kuschelfimmel...“
Terry musste nun auch lächeln und warf einen bezeichnenden Blick auf Stephens Hand.
„Das erklärt einiges...“

„Oh ja, tut es. Aber um mal zum Thema zurück zu kommen: die meisten Artefakte können nicht von jeder beliebigen Person benutzt werden. Sie wählen sich ihren Träger selbst aus – was dann in den meisten Fällen eine lebenslange Bindung ist. Nur dieser ausgewählte Mensch kann sie und ihre Fähigkeiten nutzen. Interessanterweise gilt das, soweit ich das überblicke, auch für die intelligenten Artefakte. Lev könnte durchaus auch dich oder jeden Anderen tragen, aber er würde das wohl nur im absoluten Notfall tun, dafür hängt er sonst fast pausenlos an mir.“

‚Du bist mein Auserwählter und niemand sonst!‘, brummte Lev wohlig, der durch seine Streicheleinheiten wohl schon halb weggetreten war und rückte sich etwas zurecht. ‚Ich bin kein Transportunternehmen, dass einfach jeden, dem es gerade passt, durch die Gegend trägt!‘
‚Das weiß ich ja, ich will es bloß Terry erklären, damit er weiß, was auf ihn zukommt!‘

Der Professor nickte auch zustimmend, zog aber gleichzeitig fragend eine Augenbraue hoch.
„Mich würde nur interessieren, warum du mir das alles erzählst... Da steckt doch ein Hintergedanke dahinter?“, bohrte er dann.
Stephen seufzte. „Ja, tut es. Du erinnerst dich an die Führung durch den Artefakteraum? Den Medizinmantel der Lakota?“
Terry nickte und plötzlich hatte er einen seltsamen Gesichtsausdruck, der Stephen, der ihn eingehend beobachtete, nicht entging. Er zögerte einen Moment, fuhr dann aber fort. Er hatte jemanden versprochen mit seinem Freund zu sprechen und das würde er auch tun.

„Der Mantel hat dich als einen Nachfahren der Lakota erkannt... und er hat Interesse gezeigt.“
Lev schüttelte sich amüsiert. ‚Er hätte ihn am liebsten gleich da umgerannt, aber das geht in dem blöden Glaskasten ja nicht...‘

Stephen nahm den Kommentar zwar zur Kenntnis, konzentrierte sich aber eher auf Terry. Der sah etwas überrascht aus, aber längst nicht so erschreckt, wie er das wohl hätte sein können. Nun, wirklich wunderte Stephen das auch nicht mehr. Sein Mentor hatte bereits bewiesen, dass er mit der Magie klar kam und sie akzeptierte. Warum also auch nicht den Gedanken, dass ein Artefakt ihn als Besitzer in Betracht zog?
„Und was bedeutet das nun genau?“, fragte Terry, als Stephen nichts weiter sagte, sondern ihn lediglich eingehend musterte.

„Das hängt von dir ab. Ich habe dem Mantel klar gemacht, dass er sich benehmen soll aber es ist auch immer noch deine Entscheidung, ob du es versuchen willst. Du solltest dir nur darüber im klaren sein, was auf dich zukommen könnte.“
„Und das wäre? Wenn er so anhänglich ist wie Lev, dann muss ich ablehnen. Ich kann es mir nicht leisten mit einem mit Federn besetzten Umhang in eine Vorstandssitzung zu marschieren!“

Stephen nickte. „Das weiß ich und das habe ich dem Umhang auch gesagt. Aber ich denke, er wird schon froh sein, wenn er in deiner Nähe sein kann. Der Umhang ist nicht so intelligent wie Lev, er verfügt nur über eine rudimentäre Intelligenz, aber er wird dennoch mit dir kommunizieren können, wenn sich das Band vollständig geschlossen hat. Über Gefühle, Bilder, Erinnerungen... So ähnlich war es auch mit Lev am Anfang, deshalb kann ich dir sagen, dass du lernen wirst sie zu interpretieren. Ich denke, du wirst dich sogar schneller, als du selbst denkst, daran gewöhnen.
Und obwohl du kein ausgebildeter Magier bist, wirst du, als der menschliche Part dennoch die Oberhoheit über den Bund haben. Wenn du es wirklich wolltest, könntest du ihn also auch wieder lösen – aber ich denke nicht, dass du das wirst. Nicht, wenn du einmal gemerkt hast, was es bedeuten kann...“

Lev hatte unwillkürlich den Stoff gesträubt, als Stephen gesagt hatte, dass der menschliche Teil die Befehlsgewalt hatte und Stephen strich beruhigend über das Schalende, was in seinem Schoß lag.
Keine Sorge, ich habe nicht vor, das auszunutzen. Du bist ein eigenständiges, lebendes Wesen, eine eigene Person. Ich habe gar nicht das Recht dich unter meinen Willen zu zwingen, schließlich bist du nicht mein Sklave!‘
‚Die meisten anderen Magier würden das nicht so sehen...‘, wisperte Lev in seinem Geist und wickelte sich um seine Finger.
Stephen grinste kurz. ‚Zum Glück bin ich nicht wie die Anderen und tendiere ohnehin dazu ständig die Regeln zu ignorieren!‘
Doch dann konzentrierte er sich wieder völlig auf Terry, der ohnehin schon etwas nachdenklich dreinsah. Er hatte sicher seine kleine Unterhaltung bemerkt, wenn er auch natürlich nicht wusste, worüber sie gesprochen hatten.

So fuhr Stephen fort: „Ich kann dir nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ein Artefakt eine Bereicherung in deinem Leben sein kann – sogar eine sehr große. Und da du dich auch immer noch für die Kultur deiner Vorfahren interessierst, habt ihr sicherlich auch viele gemeinsame Interessen.“
Terry seufzte. „Ich nehme an, eine Probevariante gibt es nicht?“, fragte er dann halb scherzhaft.
Stephen schüttelte leicht den Kopf. „Nein... Einmal geschlossen, muss die Verbindung vollständig wieder getrennt werden – was so traumatisch sein dürfte, dass danach keiner von euch beiden es noch einmal versuchen wollen würde. Allerdings... diese Bindung ist keine Einbahnstraße. Das Artefakt bindet sich an dich, aber du auch an es. Und auch wenn die Bindung noch nicht vollständig geschlossen wurde, müsstest du jetzt schon etwas davon spüren können... Ein Gefühl von Unvollständigkeit?“


* * *


Terry hatte Stephens Worten aufmerksam gelauscht, auch wenn er nicht sofort wusste, was er davon halten sollte. Ein echtes, magisches Artefakt interessierte sich für ihn? Einen Nichtmagier? Wie konnte das sein? Und was bedeutete das für ihn? Was würde geschehen, wenn er für den Rest seines Lebens an das Artefakt gebunden war und es sich nicht kontrollieren ließ? Und was konnte der Mantel eigentlich?

Die Fragen schwirrten nur so durch Terrys Kopf und auch, als Stephen kurz schwieg um sich – seinem etwas abwesenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen – mit Lev zu unterhalten und ihm damit ein paar Sekunden Ruhe zum Nachdenken gab, wurde es nicht besser. Er würde das gründlich durchdenken müssen – und seinen alten Freund noch einmal ausgiebig ausfragen.

Doch vorerst hörte er erst einmal, was der von sich aus zu erzählen hatte – und das war mehr als interessant.

Als er ihn fragte, ob er selbst ein Gefühl von Unvollständigkeit spürte, schluckte Terry unwillkürlich. Diese Frage hätte er sofort mit ‚ja‘ beantworten können. Seit er von der Besichtigung des Sanctums wieder gekommen war, hatte er das unterschwellige Gefühl, dass etwas fehlte. War es das? Kam es von dem Mantel, der ihn unbedingt als seinen Besitzer haben wollte? Aber was würde passieren, wenn er wirklich annahm?

So versuchte er wenigstens ein paar der Fragen loszuwerden, die ihm immer noch wild auf der Zunge herumtanzten.
„Kannst du einen magischen Gegenstand überhaupt einem Normalsterblichen wie mir einfach so überlassen? Was passiert, wenn ich ihn nicht kontrollieren kann? Und was kann der Mantel überhaupt?“, sprudelte er so statt einer Antwort auf Stephens Frage heraus.
Doch der antwortete ohne zu zögern.
„Es ist zu großen Teilen eine Frage, was das Artefakt will. Und im Laufe der Geschichte gab es anscheinend viele Artefakte, die ganz normalen Leuten gehört haben. Es ist nur gut zu wissen, was man da hat. Was die Kontrolle angeht... ich habe dem Mantel sehr klar gemacht, dass er auf dich zu hören hat. Wenn er aus der Reihe tanzt, sag Bescheid und ich werde dafür sorgen, dass er ganz sicher nicht mehr aufmuckt.“
Terry nickte und war sich ziemlich sicher, dass er nicht in der Haut des Artefaktes stecken wollte, wenn Stephen es sich vornahm.

Der wartete einen Moment, damit er diese Informationen sacken lassen konnte, dann fuhr er fort: „Und die Fähigkeit des Mantels... In den Aufzeichnungen steht, dass sie im gewissen Sinn von den Fähigkeiten seines Meisters abhängen. In den Händen eines voll ausgebildeten Schamanen oder eines mächtigen Magiers kann er seinen Besitzer schweben lassen, ihm teilweise Vogelgestalt verleihen, das heißt ihn mit Flügeln und einer Federhaube ausstatten und Gewitter und Regen kontrollieren. Aber ich bezweifle, dass du das schaffen wirst, dafür fehlt dir das entsprechende Wissen. Aber zumindest bis zu einem Regenschauer könntest du es durchaus auch schaffen.“

Terry ertappte sich dabei ziemlich breit zu grinsen. „Er lässt seinen Besitzer schweben? Wie Lev?“
Doch Stephen schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig die Schultern. „Lev dürfte da weitaus besser für geeignet sein. Aber ein paar Meter über dem Boden dürfte der Medizinmantel auch schaffen.“

Daraufhin schwieg Stephen und musterte ihn lediglich geduldig, während er auf seine Entscheidung wartete. Terry lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte nach.

Sollte er es wagen? Stephen hätte ihn sicher nicht gefragt, wenn er nicht vorher jede Gefahr so gut es ging, ausgeschlossen hätte – und er hatte ja auch deutlich gesagt, dass er persönlich dafür sorgen würde, dass der Mantel nicht aus der Reihe tanzte, sollte der sich nicht benehmen können. Dass Stephen das konnte, daran gab es keinen Zweifel …

Unwillkürlich sah Terry wieder zu ihm hinüber. Sein alter Freund saß völlig entspannt in seinem Sessel, ließ ihm die Zeit, die er brauchte und wartete einfach nur ab. Doch obwohl der Großteil von ihm völlig ruhig war, so spielten seine Finger doch mit einem Ende des Schals, strichen sanft über den Stoff, der sich im Gegenzug fast zärtlich um seine vernarbten Hände wickelte. Es war eine so unauffällige beiläufige Geste, dass jemand, der Stephen nicht gut kannte, sie gar nicht bemerkt hätte, aber Terry wusste, dass sein ehemaliger Schüler nicht viel auf Berührungen und körperlichen Kontakt gab.

Dass er jetzt so wie nebenbei die Berührung und den Kontakt zu seinem Artefakt suchte und sich dabei offensichtlich nicht unwohl fühlte – sondern ganz im Gegenteil Trost und Zuspruch zu finden schien, gaben ihm schon zu denken.
Nicht nur seine Zeit in Tibet und die Magie hatten Stephen verändert, sondern auch die Bekanntschaft mit Lev, erkannte er dabei. Und offenbar hatte der Umhang einen durchweg positiven Einfluss auf seinen alten Freund und war weitaus mehr als nur ein guter Bekannter und nützliches Artefakt.

Aber könnte er es in seinem eigenen Leben unterbringen? Stephen mochte beschlossen haben, dass eine Beziehung zu Christine zu gefährlich werden würde, aber er selbst war verheiratet und hatte Freunde und Bekannte. Was, wenn der Medizinmantel sich einen größeren Platz in seinem Leben erstritt?
Doch das war eine dumme Idee, wurde ihm gleich darauf klar. Nur weil er einen neuen Freund bekam, würde das nicht bedeuten, dass er seine Familie zurückstellen musste. Stephen hatte ja auch noch Freunde, mit denen er sehr gut auskam – besser sogar als noch vor seinem Unfall.
Nach allem, was er sehen konnte, dann war Lev nur eine Bereicherung für Stephens Leben (wenn man mal von einem gewissen Unvermögen ins Freibad zu gehen absah, was auf ihn selbst aber hoffentlich nicht zutreffen würde).

Sollte er es also wagen, mit seinem eigenen Artefakt? Er konnte nicht verhehlen, dass ein Teil von ihm vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen war. Echte Magie, die nur ihm gehören würde! Und ein Teil seiner Ahnen noch dazu!

Und außerdem war da immer noch dieses Gefühl, dass ihn schon seit Tagen nicht mehr losließ: Diese Ahnung unvollständig und einsam zu sein, als würde er etwas verpassen, als hätte er etwas Wichtiges zurückgelassen …
Sollte er nicht doch noch einmal darüber nachdenken? Sich eine längere Gedenkzeit ausbedenken? Sollte er mit Maureen darüber sprechen?
Terry seufzte tief.

Stephen wartete immer noch geduldig auf eine Antwort und würde sicherlich auch weitere Bedenkzeit akzeptieren. Die Frage war eher, brauchte er Bedenkzeit? Er bewegte sich hier in ein für ihn unbekanntes Gebiet und konnte die Gefahren immer noch nicht völlig abschätzen. Aber würde er das in ein paar Tagen können?

Nein, war die betrübliche Antwort. Hier konnte er sich nur auf seinen Instinkt verlassen, bei der Magie versagte der Verstand und die Logik. Hier musste er auf sein Herz hören und sein Herz sagte: Schlag zu! So eine Chance bekommst du nie wieder!

Dazu kam, dass Stephen ihm versichert hatte, dass es ungefährlich sein sollte – und der war von ihnen Beiden definitiv der Experte. Und so nickte Terry, ehe er sich daran hindern konnte. „Ich mache es!“, sagte er und stand schon halb auf. „Wollen wir gehen?“

Stephen blinzelte verdutzt. „Jetzt gleich?“
„Nun, es macht wohl kaum einen Unterschied, wenn ich noch länger warte, oder? Also können wir auch gleich gehen! Wenn du nichts dagegen hast, natürlich...“
Doch Stephen schüttelte den Kopf und stand ebenfalls auf.
„Nein, natürlich nicht. Aber du solltest Maureen Bescheid sagen.“
Terry nickte. „Mach ich gleich.“

Damit verließen sie sein Büro und Terry steckte den Kopf noch schnell ins Wohnzimmer. „Schatz, ich gehe nochmal kurz weg. Stephen hat mir eine original Lakota-Antiquität angeboten – kostenlos!“
Stephen sah über seine Schulter und meinte erklärend: „Die hängt bei uns eh nur nutzlos rum und Terry hier ist ja sowohl Experte als auch Liebhaber. Er kann damit sicher mehr anfangen, als wir.“
„Sie wollen ihm das einfach so schenken?“, fragte Maureen überrascht.
Stephen nickte mit einem Lächeln. „Betrachten Sie es als kleines Dankeschön für all das, was er für mich getan hat. Außerdem ist es mehr eine lebenslange Leihgabe.“
Damit schien Maureen zufrieden zu sein, denn sie nickte mit einem Lächeln.
„Aber bleibt nicht so lange weg, es ist schon spät!“
„Keine Sorge, Liebes, wir werden bald wieder da sein! Bis dann!“

Damit schloss er die Tür wieder und folgte dann Stephen, der das Portal ins Sanctum dieses Mal gleich im Hausflur erschuf.


* * *
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