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Ungeheuer

von Tasha88
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18 / Gen
08.04.2022
18.04.2022
7
18.716
2
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08.04.2022 1.211
 
Ich möchte noch einmal auf die Triggerwarnung hindeuten:
Vergewaltigung
Es wird nur die Zeit danach beschrieben, die aber auch sehr hart ist.
Bitte nur lesen, wenn ihr mit der Geschichte umgehen könnt.

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Das Telefon klingelte und im Nachhinein ging Mario soweit zu behaupten, dass sich schon alleine der Ton unheilvoll angehört hatte.
"Bei Hongo", nahm er das Telefonat an.
"Mario …"
"Gregor, was gibt es? Es ist schon spät." Mario klemmte das Telefon zwischen seine Ohren und ging damit in sein Zimmer.  
"Kannst du dich hinsetzen?"
Bei diesem Satz zog sich alles in Mario zusammen und ihm wurde ganz anders. Gregors Stimmlage … die gute Laune, die sonst immer darin mitschwang, war nicht zu hören. Stattdessen klang er abgehetzt, vielleicht sogar verängstigt. Mario ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken, seine Hand umklammerte das Gerät an seinem Ohr.
"Was ist mit Elsa?", fragte er ängstlich, während das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann. "Verdammt Gregor, sag endlich! Was ist mit Elsa!", brüllte er regelrecht in den Hörer, als dieser einfach nicht weitersprach.
"Sie …", brachte Gregor hervor. Man konnte ihm anhören, wie er sich zu sammeln versuchte.
In diesem Moment ging auch Marios Zimmertüre auf und seine Mutter steckte ihren Kopf herein, sie hatte Mario schreien gehört.
"Ist alles in Ordnung?", fragte sie und hielt inne, als sie das blasse und angespannte Gesicht ihres Sohnes sah.
Der ballte eine Hand zu Faust und versuchte ruhiger zu werden. "Gregor, bitte, sag mir endlich, was los ist. Was ist mit Elsa? Ist ihr etwas passiert? Hatte sie einen Unfall? Ich mache mir wirklich Sorgen!"
"Sie … sie war vorher joggen … im Park …", brachte sein bester Freund langsam und bruchstückhaft hervor. "Und dort …"
Mario wurde schlecht. Ihm schossen viele Bilder durch den Kopf, doch das Schlimmste …
"Was ist mit ihr?", fragte er leise.
"Sie wurde überfallen …"
Marios Ängste nahmen zu. "Wurde sie …" Er konnte es nicht aussprechen.
Einen Moment herrschte Stille in der Leitung, dann erklang ein zitternden Ausatmen und erst jetzt wurde Mario klar, dass Gregor es mit Mühe zurückhielt, in Tränen auszubrechen.
"Ja", antwortete er krächzend.
Einen Augenblick schien alles still zu stehen. Mario beugte sich nach vorne und zog tief die Luft ein. Zahlreiche Emotionen prasselten auf ihn ein. Angst um Elsa, Unsicherheit, was er tun sollte, Wut auf sich selbst, dass er nicht bei ihr gewesen war und sie beschützt hatte. Und Zorn - Zorn auf denjenigen, der ihr das angetan hatte. Er sprang auf.
"Ich komme", brach aus ihm heraus.
"Sie ist mit unseren Eltern im Krankenhaus", erklärte Gregor.
Mario hielt inne, dann schüttelte er seinen Kopf. "Das … das ist mir egal. Ich will bei ihr sein, ich warte bei euch. Und … dann sind wir beide nicht alleine."
"Mario …", Gregor klang erleichtert, "in Ordnung, ich warte auf dich."
"Bis gleich."

Mario beendete das Telefonat, warf den Hörer auf seinen Schreibtisch und sprang auf. Er griff nach seiner Sporttasche und begann fahrig Kleidung hineinzuwerfen. Erst als er eine Hand auf seinem Unterarm spürte, hielt er inne und bemerkte erstaunt seine Mutter. Er hatte es ganz vergessen, dass sie ins Zimmer gekommen war.
"Was ist passiert?", fragte sie sanft und sah ihn an.
Mario konnte den Blick nicht erwidern. Er blickte, ohne etwas direkt anzuvisieren, in seinen Kleiderschrank hinein. Seine Hand klammerte sich um die Türe von diesem, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
"Elsa … sie … sie war im Park … und dort hat sie jemand überfallen und ver…"
Er konnte es wieder nicht aussprechen. Stattdessen schluchzte er auf und Tränen traten in seine Augen. Seine Mutter keuchte auf und ihr Griff an seinem Arm festigte sich schon fast schmerzhaft, das nahm er aber gar nicht wahr.
"Oh Gott", brachte sie ungläubig hervor und dadurch kam wieder Bewegung in ihn.
Er wischte sich die Tränen aus den Augen und griff wieder in seinen Kleiderschrank.
"Ich fahre zu ihr, jetzt sofort." Er hielt erneut inne. "Sie … sie ist im Krankenhaus. Also … eigentlich fahre ich zu Gregor … Aber ich warte, bis sie kommt, heute noch, morgen, ich weiß es nicht. Aber ich warte auf sie. Ich muss für sie da sein … auch wenn … ich es nicht war als sie mich gebraucht hat und … Oh Gott … es ist meine Schuld! Wäre ich bei ihr gewesen, dann …"
Noch ehe er weiter sprechen konnte, griff Frau Hongo nach ihm und ihm und zog ihn zu sich herum, griff nach seinen Oberarmen und sah in seine Augen, die wieder mit Tränen gefüllt waren.
"Nein! Nein, Mario Hongo! Du bist nicht daran schuld! Das ist nur dieser Kerl, der ihr das angetan hat, nicht du!"
"Aber …", schluchzte er auf, "wäre ich bei ihr gewesen, wäre ihr nichts passiert! Dann hätte ich auf sie aufgepasst und …"
Seine Beine gaben unter ihm nach, als ihm das volle Ausmaß dessen bewusst wurde, was geschehen war. Das Mädchen, das er liebte, diesem war weh getan worden, sie hatte furchtbares erlebt. Er schlug seine Hände vors Gesicht und schluchzte auf, ehe es aus ihm herausbrach und er bitterlich zu weinen begann.
"Mario, du hast nichts Falsches gemacht, bitte rede dir das jetzt nicht ein." Seine Mutter ging neben ihm in die Knie und schlang beide Arme um ihn, um ihn an sich zu ziehen und sanft über seinen Rücken zu streicheln. "Deine Freundin wird dich jetzt brauchen. Sie braucht ihren starken Freund, der ihr Kraft gibt und sie liebt, bedingungslos. Das kannst du nicht, wenn du dir die Schuld daran gibst was passiert ist, denn die hast du nicht! Sei für sie da, sei an ihrer Seite, dränge sie zu nichts. Sie wird jetzt sicher viel Zeit brauchen, um zu heilen, äußerlich und innerlich. Du kannst nicht viel machen, außer für sie da zu sein, ja?"
Mario brauchte ein paar Minuten, um sich einigermaßen zu beruhigen, sammeln zu können, dann löste er sich aus der Umarmung seiner Mutter, schluchzte noch einmal leise auf, ehe er die Tränen mit seinem T-Shirt abwischte. Er nickte zögerlich auf ihre Worte. Das wollte er ja auch … aber … Er rappelte sich auf und griff nach seiner Tasche.
"Ich mache mich besser auf den Weg, Gregor wartet auf mich. Ich weiß nicht, ob ich heute Nacht nochmal nach Hause komme und …", gab er von sich, wollte, konnte es nicht noch einmal aussprechen, was passiert was, denn dann würde an Ort und Stelle zusammenbrechen und das konnte er sich jetzt nicht erlauben.
"In Ordnung, ich weiß ja wo du bist. Ruf bitte an, wenn etwas ist und melde dich bitte auch, wenn Daichis etwas brauchen. Ich werde dich für die restliche Woche in der Schule abmelden." Auch seine Mutter war wieder aufgestanden.
Mario nickte dankbar. Auf die Schule würde er sich vermutlich nicht konzentrieren können, nicht in dieser Situation.
"Soll ich dich fahren?
Nun schüttelte er seinen Kopf.  "Nein, ich laufe … ich denke … die frische Luft tut gut und …"
"In Ordnung. Melde dich einfach, wenn du mich, uns brauchst."
 
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