Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Vati-Test

von Julie55
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor / P12 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller Sonja Wirth
07.04.2022
15.04.2022
4
8.843
3
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
07.04.2022 2.157
 
„Mei, vielen lieben Dank, Jungs, dass ihr mir beim Entrümpeln g'holfen habts!“, sagte Anja, nachdem Hansi und Hubsi schnaufend die letzte Kommode aus ihrer Wohnung geschleppt und zu dem übrigen Sperrmüll unten an der Straße gestellt hatten.
„Kein Problem!“, erwiderte Hansi und dehnte ächzend seinen Rücken.
Auch Hubsi tat nach der Aktion alles weh, aber er sagte nichts und wischte sich nur stumm leidend mit dem Pulloverärmel über die Stirn, als Anja gerade nicht hinsah.

Zufrieden betrachteten sie den Haufen aus alten Stühlen, Schuhschränken, Regalbrettern und Kartons, vollgestopft mit Krimskrams. Ein kaputter Wäscheständer und ein Lampenschirm waren auch dabei und vermutlich wusste nicht einmal Anja, warum sie das ganze Zeug jahrelang in einem kleinen Nebenzimmer gehortet hatte, bis sie schließlich nicht einmal mehr die Tür richtig aufbekam, dachte Hubsi im Stillen.

„Wahnsinn, was sich da immer alles so ansammelt“, sagte Hansi. „In meinem Keller schauts auch so aus. Vielleicht könnt mer den ja auch amal…“
„Vergiss es, Hans!“, schmetterte Hubsi den Vorschlag sofort ab.
Dass er heute, an einem Sonntagnachmittag, den Möbelpacker spielte, war eine absolute Ausnahme und auch nur der Tatsache geschuldet, dass Hansi Anjas Anfrage sofort mit einem begeisterten „Ja“ beantwortet hatte, bevor Hubsi protestieren konnte, und dass es eben Anja war, die Hilfe brauchte.

So war das eben, Scheidung hin oder her, sobald Frau Dr. Licht mit dem Finger schnippte, stand Franz Hubert immer noch treu auf der Matte, egal, ob sie eine Reifenpanne, einen Radlunfall oder eben einfach nur zu viel Müll in der Wohnung hatte, der weg musste, und das Verrückteste war, dass er es insgeheim auch noch gern, wenn auch mit etwas gemischten Gefühlen tat. Wobei diese Gefühle seit diesem einen speziellen Vorfall vor einigen Wochen besonders gemischt waren...

„Wie schauts denn aus bei euch: Kann i euch vielleicht zum Dank noch auf ein Bier einladen?“, fragte Anja plötzlich und nickte hinauf zu ihrer Wohnung.
Hubsi spürte ein unangenehmes Zucken in seinen Eingeweiden. Anja und Alkohol? Das war schon immer eine ganz schlechte Kombination für ihn gewesen und jetzt ließ sie ihn sofort wieder an Löschschaum, Hotelzimmer und schmerzhafte Schmetterlingsraupen im Bauch denken. „Naaa, das muss jetz net sooo...“
„Klar, gerne!“, posaunte Hansi dazwischen.
Grinsend sah er von Anja zu Hubsi und wieder zurück und spielte lockend mit den Augenbrauen und Hubsi wünschte sich, er wäre beim Möbelschleppen die Treppe heruntergeknallt und ins Koma gefallen.

Kaum zurück in der Wohnung verdrückte er sich erst einmal in Anjas Bad.
„Aber bitt'schön hinsetzen!“, rief Anja ihm nach.
Dann hörte er sie zu Hansi sagen: „Immer noch wie ein Mädchen, der Hubsi. Noch gar nix getrunken, aber er muss schon pieseln.“
Vor lauter Ärger über diese Bemerkung biss Hubsi sich auf die Unterlippe. War das seine Schuld, dass er ständig musste, wenn er nervös war?
Am liebsten hätte er sich jetzt hingestellt und ihr, wie früher, absichtlich die Klobrille vollgetropft, aber irgendwie konnte er ihr im Moment einfach nichts Böses tun und so entschied er sich dafür, lieber ein artiger Ex-Mann zu sein.

Wie er dann auf dem Klo saß und seinen Blick in Anjas moderner Nasszelle schweifen ließ, fiel ihm plötzlich ein kleiner, länglicher Gegenstand ins Auge, der halb verborgen hinter einem Blumentopf in der Fensterbank lag. Erst hielt Hubsi es für ein Fieberthermometer, aber er wusste, dass Anja bei der Führung ihrer Hausapotheke sehr penibel war. Da lag nichts einfach so herum, sondern befand sich genauestens sortiert in einem eigens dafür vorgesehenen Kästchen, das er auch sogleich oben auf dem Hängeschrank über der Waschmaschine lokalisierte. Außerdem war Anja noch vor ihrer Scheidung auf ein professionelles Thermometer-Modell aus der Klinik umgestiegen, das man sich nicht mehr in den Mund oder eine sonstige Körperöffnung stecken musste, sondern nur noch irgendwo an den Kopf zu halten brauchte oder so ähnlich...

Kurzum: Jetzt war Hubsis Ermittlergeist geweckt. Einen Moment lang kreisten seine Finger noch etwas unschlüssig über dem mysteriösen Objekt, dann griff er blitzschnell zu und betrachtete sich das Ding etwas genauer.

Es war definitiv kein Fieberthermometer, soviel stand schnell fest für ihn. Erstens hatte es eine rosa Verschlusskappe, zweitens ließ es sich nirgendwo anschalten und drittens hatte es nicht nur ein Anzeigefeld, sondern gleich zwei und bei Hubsi schrillten sofort alle Alarmglocken los.
War das nicht so ein Ding aus der Fernsehwerbung, mit dem Frauen testen konnten, ob sie… ob sie… Hubsi traute sich gar nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.  Dachte Anja etwa, dass sie... oder, noch schlimmer, war sie vielleicht sogar...?

„Um Gottes Willn!“, entfuhr es Hubsi.
Sein Herz raste. Seine Gedanken und Gefühle fuhren plötzlich Achterbahn und katapultierten ihn augenblicklich zurück zu Anjas 25-jährigem Dienstjubiläum vor knapp zwei Monaten. Schaumleiche, Sektorgie, ausgelassenes Grölen und Kreischen, Nasenpiercing, Yazid im Kofferraum… Dann dieses Hotelzimmer, Anja in seinen Armen, ihre weichen Hüften an seinem Becken, sein verschwitzter Kopf auf ihrer bebenden Brust, heftiges Atmen, Stöhnen, Seufzen, sie beide scharf wie zwei Zuchtpferde...

Heftig zuckte Hubsi auf der Kloschüssel zusammen. Zuchtpferde?
Er sah wieder auf das unheilvolle Ding und schluckte. Oh Gott! Was war, überlegte er, wenn er hier tatsächlich das Ergebnis dieses Zuchtversuches in den Händen hielt, wenn seine kleinen Hubsi-Bienchen sich in jener Nacht trotz Alkohol und einer ordentlichen Ladung Betäubungsmittel irgendwie zu Anjas Blümchen verirrt hatten?

Ihm wurde heiß und kalt zugleich. Waren Anja und er aber nicht schon viel zu alt für so ein einschlagendes Resultat? War das biologisch überhaupt noch möglich?
Hubsi hatte keine Ahnung, sich ja auch noch nie mit diesem Thema auseinandersetzen müssen. Kinder hatten für Anja nie ernsthaft zur Diskussion gestanden und er konnte auch nicht behaupten, dass er unbedingt welche gewollt hatte. Nach seiner Vorstellung gehörten sie zwar irgendwie zu einer guten Ehe dazu, aber mit „gut“ konnte man die Ehe von ihm und Anja ja nun nicht gerade treffend beschreiben. Sie hatten ja auch beide ihre Jobs gehabt und immer viel zu sehr mit sich selbst zu tun. Anja hatte immer dafür gesorgt, dass da bloß kein Kind dazwischen kam und die angespannte Situation zuhause noch verschlimmerte. Daher waren sie nie in die Verlegenheit gekommen, so einen Mutti-Test machen und Angst haben zu müssen, dass da etwas Ungeplantes im Anmarsch sein könnte.

Wenn er doch nur besser Bescheid wüsste, wünschte sich Hubsi jetzt, wenn er wenigstens wüsste, was die Streifen da überhaupt zu bedeuten hatten! War Anja denn wirklich schwanger, oder hatte sie den Test nur zur Sicherheit gemacht und er war, natürlich, negativ?

Da fiel Hubsi ein, dass es zu dem Ding doch auch eine Verpackung und so etwas wie eine Gebrauchsanweisung geben musste.
Fieberhaft sah er sich um.
Praktischerweise stand der Mülleimer direkt neben dem Klo. Dummerweise lag die rosa Packung zum Test aber inmitten benutzter Damenbinden, Wattestäbchen, Einwegrasierer und Wattepads mit Make-up.
Hubsi schüttelte es allein bei der Vorstellung, da hineingreifen zu müssen. Auch wenn alle diese Sachen von Anja waren ging das gar nicht!

Frustriert schlug Hubsi den Deckel wieder zu… und wieder auf.
Damenbinden?
„Bitte net!“, dachte er.
Das bedeutete, Anja war noch nicht in der Menopause und sie konnte, rein biologisch betrachtet, also durchaus noch schwanger werden.
Dann aber, schoss es Hubsi gleichzeitig durch den Kopf, konnte es doch auch sein, dass sie eben nicht schwanger war, denn Schwangerschaft und Erdbeerwoche, das wusste sogar er, schlossen sich doch gegenseitig aus… oder wie war das doch gleich?

Oder was war, fiel ihm plötzlich noch ein, wenn Anja gar nicht von ihm schwanger war, sondern von einem anderen Kerl? Hubsi konnte zwar nicht behaupten, dass ihm diese Vorstellung besser gefiel als die, dass er selbst der Verursacher des potentiell positiven Testergebnisses war, trotzdem begab er sich sogleich auf Spurensuche.
Gab es hier in diesem Bad vielleicht etwas, was auf einen neuen Mann an Anjas Seite hindeutete? Eine zweite Zahnbürste vielleicht? Einen Rasierapparat? Herrenunterwäsche im Wäschekorb? … Gott sei Dank, der war leer! … Rasierwasser? Männer-Deo? Teurer Damenschmuck, den Hubsi nicht kannte? … Seine Augen suchten weiter.

Am Ende war er dann doch irgendwie erleichtert, dass er nichts dergleichen fand, auch wenn er wusste, dass das nicht zwangsläufig heißen musste, dass Anja nichts mit einem anderen Kerl gehabt hatte, oder noch immer hatte. Sie konnte ja auch ein Techtelmechtel mit diesem Pathologie-Praktikanten oder Assistenten, oder was immer der war, haben. Oder sie hatte ihren Neuen nur noch nicht mit in ihre Wohnung geschleppt. Irgendetwas sagte Hubsi aber, dass es da gerade niemanden an ihrer Seite gab. Jedenfalls hatte sie schon lange keine Blumen mehr geschenkt bekommen, schmalzige Telefonate geführt oder eben irgendwie so gewirkt, als wenn sie verliebt war…

„Hubsi?“, drang plötzlich Anjas Stimme durch die Tür. Sie klopfte zaghaft. „Bist eing'schlafen da drinnen?“
„Na, na, i bin gleich fertig!“, rief Hubsi schnell.
Panik stieg in ihm auf.
Was sollte er jetzt tun? Warten, bis Hansi weg war und Anja dann auf die Sache ansprechen? Nein, entschied er aber schnell. Dazu war er überhaupt noch nicht bereit. Dann würde sie ihm auch sofort unterstellen, dass er absichtlich geschnüffelt hatte und sie würden sich nur wieder streiten und das war wirklich das Allerletzte, was Hubsi jetzt wollte.
Auf jeden Fall aber musste er das Beweismittel sichern. Da er es aber nicht einfach mitnehmen konnte ohne Anjas Verdacht auf sich zu lenken, machte er schließlich schnell ein Foto mit seinem Handy und schob das unheilvolle Objekt dann zurück in das Versteck hinter den Blumentopf.

Fünf Minuten später saß er bei Anja und Hansi im Wohnzimmer und schwitzte wie verrückt.
Ihm fiel auf, dass Anja keine Bierflasche vor sich stehen hatte, sondern sich mit einer Tasse Kräutertee begnügte.
Sah sie nicht auch ganz schön blass und müde aus? Hatte sie nicht vorhin nur die leichten Sachen nach unten geschleppt, obwohl sie sonst immer kräftig mit anpackte?
Plötzlich kam Hubsi ein schlimmer Verdacht:
„Was hast'n du jetz eigentlich vor mit dem leeren Zimmer?“, wollte er wissen.
Das Lächeln, mit dem Anja ihm antwortete, gefiel ihm nicht. Es war so verschlossen und geheimnisvoll.
„Mal sehn“, sagte sie nur.
„Das wär doch jetz ein super Hobbyraum“, warf Hansi ein. „Für eine Modelleisenbahn zum Beispiel.“
„I glaub net, dass die Anja jetz das Eisenbahnspieln anfängt, Hans“, sagte Hubsi, aber vielleicht, dachte er, würde ja bald ganz wer anders in diesem Raum mit einer Eisenbahn spielen, oder mit einem Puppenhaus oder mit was auch immer das moderne Kind von heute so spielte?

Während Hansi Anja nun in ein Gespräch über seine vielen Hobbys verstrickte, die er hatte oder zumindest zu haben glaubte, konnte Hubsi nur noch an diesen Test im Badezimmer denken und daran, dass da drüben, ihm gegenüber, in dieser kleinen, blonden, wundervollen Frau mit den unglaublich schönen dunklen Augen gerade etwas heranwuchs, das alles verändern konnte.
Aber was eigentlich genau? Dass Anja ihn endgültig bis an ihr Lebensende hassen würde? Dass er noch mehr Unterhalt abdrücken musste? Sein Leben als unbeschwerter Junggeselle bald ein Ende hatte? Nichts mehr mit einsamen Radtouren, Fußball gucken und Angeln an den Wochenenden, stattdessen auf seine alten Tage noch Windeln wechseln, Flaschen warm machen und Babykotze wegwischen? Ständige Diskussionen mit Anja darüber, wer das Kind wann aus dem Kindergarten abholte und am Wochenende haben durfte, was es essen, spielen und im Fernsehen schauen durfte und was nicht, wer für die Kita-Gebühren aufkam, wer das größte und beste Weihnachtsgeschenk gekauft hatte und so weiter?

Hubsi wurde ganz übel und je mehr er über alles das nachdachte, umso stärker wurde sein Verlangen, einfach aufzuspringen und abzuhauen.
„Hubsi? Geht's dir net gut?“
„Hm?“ Erschrocken stellte Hubsi fest, dass Anja ihn plötzlich mit ganz besorgten großen Augen anstarrte.
„Du schaust auf einmal so blass aus?“, stellte sie fest.
„Was? Na, na. Es is nix. Überhaupt nix. Was soll denn sein? Alles prima!“ Hubsi zwang sich zu einem breiten Grinsen. „I hab nur ein bissl Durscht jetz“, behauptete er. Dann griff er zur Bierflasche und kippte sich den Inhalt ohne abzusetzen hinter.
Anja hob die Augenbrauen. „Magst noch eins?“
„Na.“ Jetzt wurde Hubsi erst so richtig heiß. „I glaub, wir müssen dann auch langsam mal los, gell, Hansi? Is schon spät und wir müssen ja morgen alle wieder früh raus.“
Anjas Augenbrauen hatten inzwischen fast ihren Haaransatz erreicht. „Wann gehst'n du neuerdings ins Bett, Hubsi? Es ist doch net amal 18 Uhr.“
Puh. Hubsi atmete tief durch. „Ja, aber die ganze Schlepperei da heut... Und i hab noch so viel tu tun daheim, abwaschen und so weiter...“
Anja schmunzelte.
„Is schon recht, Hubsi.“

Wie bedrückt sie dabei geschaut hatte! Das verfolgte Hubsi bis in das Treppenhaus.
„Du, Hans, i muss noch amal zurück. I glaub, i hab meinen Schlüssel oben liegen lassen“, behauptete er auf halbem Weg nach unten und noch bevor Hansi etwas sagen konnte, trabte Hubsi auch schon die Stufen in entgegengesetzter Richtung zurück.

Anja war genauso überrascht darüber, dass er schon wieder vor ihrer Tür stand wie er selbst. „Hubsi! Hast was vergessen?“
„Ja!“, japste Hubsi außer Atem und rang nach Luft und den richtigen Worten. „Ja, i… i wollt dich noch was fragen...“
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast