Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Pikdame und Herzbube

von Miss-i
Kurzbeschreibung
SammlungDrama, Schmerz/Trost / P16 / Het
Ryōhei Arisu Yuzuha Usagi
06.04.2022
29.04.2022
4
5.772
 
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
06.04.2022 1.567
 
Während der Nacht im Zelt wird Arisu von seinen Erinnerungen an das Herz 7 Spiel eingeholt.

- - - - -

Albtraumland



Mit einem tiefen Atemzug setzte Arisu sich auf und starrte an die bläuliche Zeltwand vor sich. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen und einen Moment lang hatte er das Gefühl, es würde explodieren. Genauso wie-

Ihm wurde schlecht, als er wieder an das Spiel dachte. Er hörte den Reißverschluss der Zeltöffnung kaum, als er ihn aufzog. Zu sehr dröhnten sein pochendes Herz und sein rasender Atem in seinen Ohren. Er zwang sich auf die Füße und stolperte aus dem Zelt, einige Schritte weiter über die dunkle Rasenfläche, bis er auf Händen und Knien zum Halten kam. Jeder Atemzug klang, als würde jemand seine Luftröhre zusammendrücken, als würde sein Hals zerquetscht und seine Lungen von innen verbrannt werden.

Er versuchte zwanghaft, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Dunkle Punkte tanzten vor seinem inneren Auge, sollte er sich nicht bald beruhigen, würde er sicher ohnmächtig werden. Der Gedanke trug allerdings herzlich wenig dazu bei, dass er besser Luft bekam. Im Gegenteil – der Gedanke, nicht mehr atmen zu können, machte ihn nur noch panischer.

Bevor er noch einen weiteren Gedanken fassen konnte, übergab er sich und würgte die winzige Mahlzeit auf das Gras, die er vorhin runterbekommen hatte. Er dachte an Blut, das auf sein Gesicht und in seinen Mund spritzte. Er schluckte den erneuten Würgereiz runter und setzte sich zurück auf seine Füße, zwang sich zu einem tiefen Atemzug. Die kalte Nachtluft reizte seinen Hals, aber es war besser als das schmerzvolle Gefühl, nicht atmen zu können.

Auf den einen Atemzug folgten noch andere, und überraschender Weise schaffte er es mit der Zeit, wieder relativ ruhig zu atmen. Er starrte in die Dunkelheit, während er gierig den Sauerstoff in sich aufnahm. Dann schob sich eine durchsichtige Wasserflasche in sein Sichtfeld. Er sah auf und folgte der Hand und dem Arm, die die Flasche hielten, zu Usagis Gesicht. Sie sah ihn nicht direkt an, auch nicht, als er die Flasche annahm.

„Danke.“ Seine Stimme war leise, und einen Moment lang fragte er sich, ob er das Wort nur gedacht oder doch ausgesprochen hatte.
„Du solltest was trinken, sonst hast du morgen sicher Kopfschmerzen.“

Er nickte und drehte den Verschluss auf. Sie setzte sich in seine Nähe, während er einen ersten Schluck trank. Das Wasser war wirklich eine gute Idee gewesen. Es fühlte sich an wie Balsam auf seinem gereizten Hals. Außerdem spülte es den unangenehmen Geschmack in seinem Mund runter, und die angenehme Kälte half dabei, seine Gedanken ein wenig zu beruhigen.

„Ich wollte dich nicht wecken, tut mir leid.“
Usagi zuckte die Schultern. „Macht nichts. Was ist denn passiert?“
„Nichts.“ Ertappt mied er ihren Blick. Er wusste, dass er nicht lügen konnte. Er wusste, dass sie ihm das gar nicht glauben konnte. Niemand wachte ohne Grund mitten in der Nacht auf und kotzte sich die Seele aus dem Leib.

Aber als er endlich eingeschlafen war und kurze Zeit später Karube und Chota durch seine Gedanken geschossen waren, als Karubes letzte Worte sich in seinem Kopf wiederholten und sich die Bilder in seinen Träumen immer und immer wieder abspielten, in denen dessen Kopf explodierte, hatte sein Gehirn ihn wieder in den Wachzustand gerissen. Und er wollte wirklich nicht davon sprechen, dass er seine besten und einzigen Freunde auf dem Gewissen hatte. Vielleicht hatten sein Vater und sein Bruder ja doch vollkommen recht, und er war wirklich ein riesiger Versager.

Am Anfang hatte er die Spiele noch nicht ganz furchtbar gefunden. Leute starben, aber er war gut darin, zu überleben. Er verstand die innere Logik der Rätsel, er verstand, wie man die Spielemacher ein bisschen austricksen konnte. Arisu hatte endlich mal das Gefühl, dass er etwas konnte. Dass sein bisheriges Leben sich auf irgendeine Weise auszahlte. Und dann kam die Herz Sieben, und er hatte nichts mehr, was ihn am Leben hielt. Nur blöd, dass Usagi anscheinend niemand war, der einfach aufgab, und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihn am Leben zu halten.

„Na ja, nicht nichts. Nur… Erinnerungen.“
„Hattest du vorher schon mal eine Panikattacke?“, fragte sie leise. Als er endlich zu ihr sah, bemerkte er, dass sie den Blick auf den Boden gerichtet hatte, und ihn gar nicht erst ansah. Auf seltsame Weise fand er das sehr nett von ihr, als wüsste sie, wie unangenehm es ihm war, so offen und verletzlich vor ihr zu sitzen.

„Nicht wirklich. Vielleicht in dem Moment, in dem… es passiert ist, aber noch nie, bevor alle verschwunden sind.“
„Dann ist das natürlich noch gruseliger. Dafür bist du gut damit umgegangen.“

„Wie viel hast du mitbekommen?“, fragte er nervös, in der leisen Hoffnung, dass es ihm wenigstens erspart blieb, zu wissen, dass sie das komplette Ausmaß seines Zusammenbruchs gesehen hatte.
„Alles?“, sie sah vorsichtig zu ihm hoch und Arisus Hoffnungen zerschmetterten in tausende von Teilen. „Du… äh… du sprichst im Schlaf.“

„Oh.“ Er spürte seinen Nacken kribbeln, eines der Anzeichen dafür, dass ihm das Blut ins Gesicht schoss. Zum Glück war es dunkel, sodass sie sein rotes Gesicht nicht richtig sehen konnte.
„Also davon bin ich wach geworden, nicht von… dem Rest.“ Er nickte und Usagi stieß langsam die Luft aus. „Wer sind Karube und Chota? Deine Freunde?“

Er presste die Lippen aufeinander und atmete einmal tief durch, sein ganzer Körper unangenehm angespannt. „Ja. Und jetzt sind sie“, er stoppte sich selbst mitten im Satz, unfähig, die Wahrheit auszusprechen, „nicht mehr da.“
Usagi nickte still und sah ihn dann zögerlich direkt an. „Das tut mir leid.“

Beide schwiegen eine Weile, unsicher, was noch gesagt werden könnte. Usagi seufzte schließlich. „Ich bin irgendwie froh, dass ich alleine hier gelandet bin. Zu sehen, dass jemand den ich kenne und mag ein Spiel verliert, ich kann mir das gar nicht vorstellen.“
„Es ist so unfair. Die beiden… waren die besten Freunde, die ich je hatte. Und es ist meine Schuld, dass sie nicht überlebt haben.“

„Umso wichtiger, dass du jetzt überlebst.“
„Ich weiß nicht, ob ich die Chance wirklich verdient habe.“ Usagi drehte sich im Sitzen, sodass sie nun neben ihm kniete. Sie fasste ihn an den Schultern und schüttelte den Kopf.

„Natürlich hast du das. Wir alle verdienen es, das hier zu überstehen. Und wenn sie gestorben sind, damit du leben kannst, dann kannst du sie nicht im Stich lassen, indem du kampflos aufgibst.“ Sie sammelte sich kurz und brach den Blickkontakt mit ihm ab. „Ich weiß, was du fühlst. Ich kenne diese Ausweglosigkeit, ich kenne das Gefühl, dass es doch sowieso alles keinen Sinn mehr hat.“

„Usagi“, er sah sie flehend an, „bitte. Du musst nicht meinetwegen darüber sprechen.“
„Ich habe viel zu lange nicht darüber gesprochen… und das war glaube ich mein Fehler. Ich habe es in mich reingefressen, und das hat mich fast kaputt gemacht“, sie schwieg einen Moment, dann sah sie ihn doch wieder an, „Mein Vater ist verschwunden. Er ist Bergsteiger und war vor einiger Zeit in einen Skandal verwickelt. Es wurde behauptet, dass seine größten Erfolge nur Schwindel waren. Er ist zu einer weiteren Tour aufgebrochen, aber seitdem nicht mehr zurückgekommen.“

„Glaubst du, dass er…?“, Arisu traute sich nicht, den Rest seiner Frage auszusprechen.
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Die Zeitungen vermuten es, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich allein lassen würde. Wenn ich das hier überlebe, mache ich mich auf den Weg, ihm zu folgen und ihn zu finden.“ Usagi zuckte die Schultern. „Ich muss es wenigstens versuchen.“

„Ich hoffe, dass er okay ist“, Arisu bemühte sich um ein Lächeln, dass Usagi sogar erwiderte. „Deswegen bist du also in dem Apartmentkomplex durchs Fenster ins Ziel gekommen. Du bist da hochgeklettert.“
„Ja.“

„Wahnsinn“, er schüttelte den Kopf, „Ich hätte viel zu viel Angst, runterzufallen.“
„Wenn du daran gewöhnt bist, ist das gar nicht mal so schlimm. Ich hing schon an höheren Abgründen.“
„Ich bin nur froh, dich auf meiner Seite zu haben. Du wärst ein harter Gegner.“

„Das kann ich nur zurückgeben“, sie lächelte ihn von der Seite an, „Ohne dich wäre ich beim letzten Spiel ertrunken.“
„Ach“, er machte eine wegwerfende Handbewegung, „Wir hatten nur Glück, dass Takuma im Bus bleiben musste und ich ihm helfen wollte.“

„Trotzdem, du bist schlau und verstehst die versteckten Hinweise der Spiele viel schneller als ich. Und du lässt niemanden hängen. Das finde ich beachtlich.“
„Ich würde sagen, dass wir quitt sind, oder? Ohneeinander wären wir jetzt wohl beide nicht mehr hier.“ Arisu trank noch mehr von seinem Wasser.

„Stimmt. Aber mein Tod wäre spektakulärer gewesen“, sie lachte leise, als Arisu sie nur geschockt ansah, „Was denn? Du hättest nur auf der Straße gelegen und auf den Laser gewartet.“
„Gut, da könntest du recht haben“, Arisu erlaubte sich ein kurzes Lachen. Usagi stand auf und hielt ihm ihre Hand hin.

„Komm, wir sollten versuchen, noch ein paar Stunden zu schlafen, bevor die Sonne aufgeht.“
Er griff nach ihrer Hand und ließ sich auf die Beine ziehen, dann folgte er ihr ins Zelt, in der Hoffnung, noch ein bisschen schlafen zu können.

Seine Hoffnung erfüllte sich allerdings nicht, und während Usagi friedlich neben ihm schlief, lag Arisu die nächsten Stunden lang wach und starrte ans Zeltdach. Ob das an der Sorge vor weiteren Flashbacks oder der Nähe zu Usagi lag, wusste er nicht genau. Vielleicht war es auch beides.

- - - - -

Ich hoffe, es hat irgendwem gefallen und würde mich über ein Review oder eine Nachricht sehr freuen!^^
Bleibt gesund!
Lg,
- Missi
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast