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Wohngemeinschaft der Hipster und Hoes

von Tanistly
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P16 / Mix
Jakob Lundt Jeannine Michaelsen Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Palina Rojinski
04.04.2022
29.06.2022
13
18.076
3
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23.06.2022 1.073
 
Klaas

Warten. Ich hasse warten, wenn man nicht mal weiß worauf.
Genau genommen hasse ich warten auf dem Flur eines Polizeipräsidiums, halb betrunken, warten darauf, dass wir vielleicht Pech mit den Polizisten haben und die ungeduldig sind wie sonst was.
Keine Ahnung.
Ich muss herunterkommen.
Wie macht Jeannine das, wie machen Nichtraucher das nur?
Ist sie Nichtraucherin?
Verdammt, die falschen Fragen.
Ich muss laut reden, in meinem Kopf scheinen sich alle Gedanken zu verselbstständigen, Türen mit Erkenntnissen klappen zu schnell zu.
Seit wann so viele Metaphern?
Hier drin dreh ich noch durch.
Isi. Helfen.
Verteidigungsmodus. Unterstützung.
Los.

,,Ich hab das immer noch nicht alles klar. Isi, du sagst gar nichts. Gar nichts! Du hast sie nur verteidigt, okay? Das war Hilfeleistung und du hast nichts falsches gemacht."
Ich gucke Zustimmung suchend in Richtung Palina, die sich im Schneidersitz an die Wand unter mir lehnend befindet, doch die guckt direkt zu Isi, und jetzt verstehe ich auch warum.

Man kann gerade gar nicht anders.
Obwohl ihr bis vor ein paar Minuten unaufhörlich ein Blutrinnsaal quer über das blasse, verschwitzte Gesicht geflossen ist, das nun gar nicht mehr so zuversichtlich erscheint wie vorhin in dem stark gedimmten Licht, strahlt sie eine Unantastbarkeit aus, die nicht nur ich zu spüren scheine, sondern genau so Jeannine, Joko, und alle anderen auch.
Selbst, wenn sie normalerweise immer sehr nahbar und empathisch wirkt, jetzt gerade ist sie eine entschlossene, Mensch gewordene Mauer.
Ihre neue Freundin, Bekanntschaft, was auch immer, lehnt an ihrer Schulter und streicht ihr immer wieder über den Arm.
Man muss die beiden ungefähr eine Minute ansehen, um zu merken, was diese Situation gerade für eine implodierende Vertrautheit zwischen den beiden entstehen lässt.
Auch, wenn der Anlass natürlich schlimmer nicht sein könnte.
So etwas findet man nicht oft im Leben.
Auch wenn wir vor einem Jahrzehnt, jedenfalls gefühlt, den stickigen Wartebereich hinter uns gelassen haben, zittert die junge Frau mit den blond gelockten Haaren immer noch kaum merklich, wenn auch schon deutlich weniger.

Isi starrt immer noch in gefährlicher Ruhe die weiße, unverputzte Wand des Warteflurs des Polizeipräsidiums an und nickt ungefähr eine halbe Minute lang.
,,Ja. Was?"

,,Hier, trink das, du brauchst den mehr als ich."

Palina reicht ihr ihren Drink, den Isi erst skeptisch mustert, und dann achselzuckend entgegennimmt.
Sie nimmt einen Schluck und atmet tief durch. Die kurzen, strubbeligen Haare fallen ihr vorne strähnig in die Stirn, dort, wo das Kühlpack aufgelegen hat.
Immerhin blutet sie nicht mehr knapp über der rechten Augenbraue.
Als sie das Glas vor ihren Augen bemerkt, was eine Weile dauert, sie ist gerade zu in sich gekehrt, um die Außenwelt für voll zu nehmen, zuckt sie trotzdem nicht zusammen, sondern lehnt sich auf fast schon humorvolle Art und Weise zurück.

,,Wer bin ich, Michael Corleone?"

,,Bei deiner Gewaltbereitschaft - nicht, dass ich nicht auf deiner Seite wäre, aber das war schon eindrucksvoll."

,,Positiv gesprochen also."

Mit uns taut Isi ein bisschen auf, sie grinst mir sogar wirklich zu.
Entweder sie dreht jetzt doch angemessen frei oder sie macht das ganze so fassungslos, dass sie ein bisschen wohldosierte Albernheit braucht, um das zu verkraften.

,,Wenn hier irgendwer anzweifelt, dass Isi richtig gehandelt hat-"

Joko hält es nicht länger sitzend aus und geht ein paar Schritte auf und ab, blickt alle in der Gruppe prüfend an.
Ich lege ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm.
,,Ist jetzt auch mal gut. Wir sind alle hier, und keiner zweifelt eine Sekunde daran, dass das eine extreme Reaktion erfordert hat."
Das Nicken fällt aufgrund der zähen Wartestimmung unterschiedlich stark aus, aber keiner wirkt annähernd, als verstünde er oder sie den Ernst der Lage nicht.
Wir sind alle aufgewühlt, aber deswegen trotzdem nicht verwirrt.
Ich reiche Joko erst einmal eine annähernd heruntergekühlte Wasserflasche, die er in einem Zug halb austrinkt und mir mit dankendem Blick zurück gibt.

,,Ach scheiße, klar, natürlich."
Und auf einmal umarmt er mich, fast schon reflexartig, und scheint selbst überfordert damit zu sein, dass er das gerade tut, schüttelt ungläubig den Kopf, und umarmt mich sofort wieder.
Diesmal lässt er mich nicht so schnell wieder los.

Der Körperkontakt macht mir seltsamerweise gar nichts aus, ich erwische mich dabei, wie er mich nicht wie sonst bei vielen Menschen einengt, sondern wie ein Mensch gewordenes Zuhause inmitten dieser ungewissen Situation.
Obwohl es nicht um mich geht, und irgendwie vielleicht doch, vielleicht müssen wir alle aussagen und ich hoffe, ich bringe klare, schlüssige Sätze heraus.

In den Gesichtern meiner Freunde sehe ich keine angesüßte, kitschige Rührung, sondern viel mehr, eine Art allumgreifendes Verständnis, es ist fast so, als hätten wir uns gerade alle umarmt, und vielleicht fände ich diese Rührung gerade doch nicht so schlimm.
Jeannine wischt sich hastig eine Träne weg, vielleicht hat sie beschlossen, immer mit dem Auftauchen eines Polizeibeamten zu rechnen, und ich kann gar nicht sagen, wie viel Bewunderung ich gerade dafür übrig habe.
Diese Mischung aus Sonnencreme, Alkoholgeruch und erstaunlich resistentem Deo bringt ein Fitzelchen Unbeschwertheit in diese Situation, die davon viel, viel zu wenig besitzt.
Weil wir ja genau deswegen hier sind, weil der ganze Spaß abrupt ein Ende fand, mit einer Begegnung, die die ganze Dekadenz und Freude des Abends gewaltsam beendet hat.
Ich merke, wie ich bei dem Gedanken kurz vorm Losheulen stehe, also entscheide ich, dass jetzt genug sein muss.
Joko schiebt mich auf den letzten freien Stuhl, zündet mir eine Zigarette an, was hier garantiert verboten ist, schiebt sie mir zwischen die Lippen und ich atme das erste mal bewusst ein, als ich den ersten Zug nehme.

,,Danke, dass ihr alle hier bleibt."

,Die Blonde lächelt uns, noch immer wie verschoben durch den Schock, an.
Für einen Moment scheint sie gelöster zu werden, doch dann bricht sie wieder ein und vergräbt das Gesicht an Isis Rücken, die uns nur milde anlächelt und zustimmend nickt.
Wie gemeinsam atmen wir anderen langsam aus, als die Blonde wieder den Blick ins Licht wagt.
Niemand sagt ,,klar doch" oder ,,ist doch selbstverständlich".
Niemand wagt es, sich selbst so in den Mittelpunkt zu rücken, die Stimme zu erheben.
Ein einziger Blickkontakt pro Person, eine weitergereichte Zigarette.
Alles an ihr schreit, dass sie Nichtraucherin ist, eigentlich das rational betrachtet überwiegende Risiko dieses kleinen verdammten Glimmstängels erkennt, doch sie nickt entschlossen und zieht so heftig daran, dass ich innerlich respektvoll husten muss.
Fast zeitgleich geht ein paar Meter weiter eine Tür auf.
Ausdrücken, jetzt. Oder vielleicht auch gerade nicht.
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