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Klara

von earlybird
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
04.04.2022
09.06.2022
4
18.188
 
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04.04.2022 3.048
 
Kapitel 1

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, dass der Golffahrer, der seit Vockerode an meinem Auspuff hängt, jetzt plötzlich flott aufholt und schon zum Überholen ansetzt. Aber nicht mit mir! Ich beschleunige meinen BMW dramatisch, viel mehr als in der Stadt erlaubt war, aber was soll´s.  Endlich freie Fahrt, diese Schleicherei durch die DDR mit Tempo einhundert, endlich vorbei. Dreilinden passiert, die Avus entlang, Hüttenweg raus und nach Richtung Dahlem rein. Es ist Nacht, keine Menschen auf der Straße, die Sterne funkeln und die nächste Ampel ist noch weit. Sie kommt dann aber doch eher als ich gedacht hätte. Sie ist rot! Immer sind die Ampeln rot, wenn ich komme.

Dem Golffahrer scheint es auch egal zu sein und ich zögere nur ganz kurz bevor ich noch ein bisschen mehr beschleunige und geradezu über die rote Ampel fliege. Ha! Der Golffahrer hat wohl doch noch Muffensausen bekommen, er hat plötzlich stark abgebremst und scheint sogar die Richtung zu wechseln. Feigling! Der grelle Blitz aus der Ampelkamera irritiert mich nicht besonders, bekomme ich halt wieder einen Strafzettel und schlimmstenfalls einen Punkt oder auch zwei in Flensburg. Ist ja nichts weiter passiert. Der Golf hinter mir ist verschwunden und zufrieden fahre ich nach Hause, muss mich schnell umziehen, bevor ich mich gleich wieder auf den Weg mache zu unserem heutigen Auftritt in Schöneberg.

 

Ich bin mächtig gespannt was sie zu meiner neuesten Komposition sagen. Ich war gestern auf einer Hochzeit in meiner Heimat in Süddeutschland und es war so schön. Das Wetter spielte mit, die Blasmusik spielte auf, und über allem wehten die schönen bunten Fahnen. Diese Fahnen haben mich inspiriert, über sie zu schreiben. Den Text hatte ich gleich im Kopf, noch während der Trauzeremonie, ich war dadurch doch etwas abgelenkt denn ich bemühte mich, alles gleich aufzuschreiben.



Fahnen


Ruhig, unbeachtet und stumm
so stehen sie oft lange Zeit
das Leben fließt um sie herum
sie warten und sind stets bereit.


Da kommen die Männer, alle in Tracht
und holen die Fahnen heraus
sie tragen sie freudig, es wird leis´ gelacht
hinaus aus dem Gotteshaus.

Durch´s Dorf scheint die Sonne, der Frühlingswind rauscht
ein Lachen liegt in der Luft.
Die Fahnen, so fröhlich jetzt aufgebauscht
tanzen im Lindenduft.

´s ist Hochzeit, der Brautzug formiert sich geschwind
die Musiker fangen schon an.
Die Fahnen, sie flattern so fröhlich im Wind
in leuchtenden Farben, dem Zug voran.

Weiß-blau, mit rot, mit gelb oder grün
gold-silbern und schwarz der Grund
bestickt mit Motiven wunderschön
ein fröhliches, flatterndes Begleiten – so bunt.

Hoch über den Köpfen der Menschen,
geführt von starker Hand
jubelnd im Licht der Sonne, einzigartig ein jedes Gewand
sie knistern, rascheln und klappern so nett
und sehen gar prächtig aus,
sie werden bestaunt und bewundert
die Fahnen aus dem Gotteshaus.

Doch trägt man sie beim nächsten Mal
vielleicht zum Friedhof hin;
ein Tag voll Schmerzen, Kummer, Leid, den Toten nur im Sinn.
Die Fahnen weh´n leis hin und her
man meint, sie flüstern sacht.
Sie geben ernst und feierlich
das letzt´ Geleit in aller Pracht.

In Freud und Leid, was auch geschieht begleiten sie uns treu
die Fahnen aus dem Gotteshaus sind immer mit dabei.
Sie sind so schön, wir mögen sie
und wir sind stolz darauf.

Jetzt steh´n sie wieder ruhig und stumm
im Kirchlein an der Bank;
und warten voll Geduld darauf
dass man sie wieder braucht.

Die Musik dazu entstand von ganz allein, die musste ich auch sofort aufschreiben, um sie nicht zu vergessen, was mir irritierte Blicke meiner Banknachbarn einbrachte. Für solche Fälle habe ich immer einen Block und mehrere Stifte dabei, falls mal einer nicht funktioniert. Denn was für eine Vorstellung, ein großartiges Stück im Kopf zu haben und es nicht sofort aufschreiben zu können nur weil der Kugelschreiber nicht funktioniert, schrecklich.

Das Stück fängt leise an, pianissimo, und steigert sich dann zu einem fröhlichen forte, bis es dann zum Ende hin wieder tragend und piano wird.

Ich freue mich darauf, das Stück in der Band vorzustellen. Schnell kopiere ich noch die Notenblätter und mache mich eilig auf den Weg.

Einige Tage später hole ich aus meinem Briefkasten ein Schreiben vom Polizeipräsidenten. Also war diesmal ein Film drin gewesen in der Kamera, dumm gelaufen. Auf dem Brief stand: An Frau Klara Marianne Brunhild Hagermeier, sie schreiben immer meinen vollständigen Namen. Eigentlich sollte man bei einem solchen Namen keine weiteren Probleme haben, nicht wahr? Das hatten meine nibelungenbegeisterten Eltern nicht bedacht, damals. Ob sie nicht auch damit gerechnet hatten, dass ich zu meinem Namen auch noch die Haarfarbe meiner Mutter geerbt hatte? Diese weithin leuchtenden roten Locken? Ihre irische Herkunft. Zum Glück habe ich mich inzwischen damit angefreundet und finde sie sogar ziemlich reizvoll. Heute trage ich sie offen, sie reichen mir bis knapp über die Schultern und fallen in tausenden dichten kleinen Löckchen herunter. Wenn ich den Kopf schüttele, dann umflirren sie mein Gesicht und kitzeln meine Nase. Ja, inzwischen finde ich meine roten Haare richtig schön, ich finde, sie passen zu mir. Ich muss sie allerdings aufwendig pflegen, sonst sind sie spröde und widerspenstig und ähneln eher einem Strohbesen. Aber wenn sie so wie heute, glänzend und locker nach unten rieseln, dann gefallen sie mir schon recht gut.

Die vielen Sommersprossen meiner Mutter habe ich glücklicherweise nicht geerbt, da bin ich schon froh. Aber ansonsten gleiche ich ihr sehr, sie ist genau so lebhaft wie ich, tanzt genau so gerne wie ich und redet auch schon mal, ohne erst zu überlegen – wie ich. Wir haben sogar die gleiche zierliche Figur, was manchmal die Kleiderwahl erleichtert und manchmal erschwert. Sie bedient sich nämlich allzu gerne an meinen Sachen. Mir passt das nicht immer, aber darauf nimmt sie keine Rücksicht. Im Gegenzug überlässt sie mir großzügig ihren gesamten Schrankinhalt, nur bin ich darauf gar nicht so scharf. Ich liebe meine Sachen, die sind bequem, sehen ziemlich modisch aus und sie sind pflegeleicht.

Sorglos nehme ich nun den Brief mit der anderen Post an mich und steige in den Fahrstuhl. Ich liebe es, so hoch oben im dreizehnten Stock zu wohnen. Und meine kleine Wohnung ist mein ganzer Stolz. Naja, nach meinem schnellen Auto natürlich, versteht sich.

Meine Nachbarn, das Ehepaar Berlin, sind sehr angenehme, alte Leute. Manchmal kümmere ich mich ein bisschen um sie. Wenn sie Hilfe beim Einkaufen brauchen oder bei Behördengängen. Manchmal klingele ich bei ihnen einfach so und unterhalte mich mit ihnen.

Alberich, mein niedlicher kleiner Kater, miaut schon hinter der Wohnungstüre. Wahrscheinlich hat er den Fahrstuhl gehört und hofft nun, dass er Futter bekommt. Etwas umständlich öffne ich die Tür, in der linken Hand die Post und unter den Arm geklemmt meine große Tasche mit den neuen Schmuck-Katalogen. Alberich miaut wieder und schaut mit großen Augen zu mir hoch, dann verschwindet er in der Küche.

„Hallo mein Kleiner“ begrüße ich ihn, aber er reagiert nicht drauf. Seine Zuneigung muss ich mir jeden Tag aufs Neue erkaufen, mit dem leckeren Katzenfutter in den kleinen Döschen, von denen ich überzeugt bin, dass sie etwas enthalten, was Katzen süchtig werden lässt. Denn seitdem ich einmal aus Versehen diese teuren Dinger gekauft habe, frisst Alberich nichts anderes mehr. Ärgerlich! Andererseits – die kleinen Döschen sind so schön klein, dass es immer genau eine Portion ist und nichts übrigbleibt.

Ich lass also die Post und meine Tasche erst einmal auf das kleine Sideboard fallen, schlüpfe aus den Schuhen und öffne für Alberich eine dieser sündteuren Futterdöschen. Thunfisch heute. Der Kater beschnuppert es erst eine ganze Weile und fängt dann an zu fressen.

Jetzt komme ich dazu, meine Post durchzusehen. Reklame, eine Postkarte von Siegfried aus Ägypten, ein Schreiben der Hausverwaltung und eben der Brief vom Polizeipräsidenten. Den lege ich erst mal ganz nach unten.

Die Reklame wandert ungelesen in den Papiermüll und der Hausverwaltungsbrief interessiert mich im Moment auch nicht, ich lege ihn in die Holzschale.  Meine neuen Schmuckkataloge lege ich vorerst auf dem Sideboard ab. Die Karte von Siegfried freut mich. Er schreibt immer so viel, nicht einfach nur so was wie: Essen gut, Hotel gut, Wasser gut. Nein, von Siegfried erfährt man immer was es zu essen gegeben hat, wie die Kellner heißen, welche Musik gerade angesagt ist, wie das Nachtleben ist. Solche Dinge eben. Auf seiner heutigen Karte steht: Meine liebe kleine Schwester, ich erhole mich hier überhaupt nicht, bin jede Nacht auf Achse, die Mädchen hier sind toll, das Essen ist nicht so mein Ding, viel zu scharf und zu viel Gemüse. Ich habe eine kleine Bar entdeckt, in der sie richtig gute Musik machen, würde dir auch gefallen! Ich habe schon viele Sachen gekauft, kriege wahrscheinlich gar nicht alles in meine Koffer. Tauchkurs war doof, viel zu viele Leute in einem Boot. Viel Armut im Lande! An jeder Ecke hungernde Kinder, man traut sich gar nicht, etwas zu essen. Und wenn man einem etwas zusteckt, kommen zig andere an und wollen auch was haben. Ich komme bald wieder nach Hause, dann lassen wir es wieder richtig krachen, nicht? Bis dann – dein Lieblingsbruder Siegfried!

P. S.: Und versuch doch bitte, einmal ein paar Wochen lang keine Strafzettel zu bekommen, sonst wirst du deinen Lappen irgendwann los, ich warne dich!

Ich muss lachen. Das ist so typisch mein großer Bruder. Er ist ein Siegfried durch und durch. Groß, stark, blond, sportlich, erfolgreich im Beruf und im Privatleben. Die Frauen verehren ihn. Er ist jetzt Mitte dreißig und denkt nicht im Traum daran, eine Familie zu gründen. Warum auch, das Leben ist doch so schön! Er hat unzählige wechselnde Beziehungen mit den verschiedensten Frauen, zum Leidwesen unserer Eltern. Und sein Beruf ist sein Traumberuf – Staatsanwalt in West-Berlin.

Krachen lassen – so bezeichnet er unser gemeinsames Musizieren gerne. Ich finde das ja ein bisschen abfällig für das was wir da machen. Immerhin schaffen wir es mit unserer kleinen Band regelmäßig, die Leute über mehrere Stunden zum Tanzen zu bringen. Ich finde, das ist doch was. Siegfried spielt Klarinette wie ein junger Gott, keiner macht ihm was vor und ich spiele seit meinem zwölften Lebensjahr Gitarre. Mit Leib und Seele. Damals noch die braven Alpenländischen Lieder meiner Heimat, heute eher aufmüpfige und rebellische Stücke. Die meisten von mir geschrieben, aber auch die anderen Bandmitglieder komponieren, wir haben nie Mangel an neuen Stücken. Schlagzeug spiele ich auch, aber nur wenn ich Adrenalin abbauen muss. Inzwischen muss ich das nicht mehr so oft, gelegentlich halt noch.


Schmunzelnd sehe ich unsere kleine Band direkt vor mir – neben Siegfried und mir noch Wolfgang, der stets ruhige und überlegende Bassist, Björn dazu das ganze Gegenteil, immer in Bewegung und ein Ass am Keyboard, Rita am Schlagzeug und unseren Sänger – den Dieter. Ja, wir sind schon eine kleine, feine und anspruchsvolle Band. Wir spielen häufig in der „Traube“, unserem Lieblingslokal. Aber auch an anderen Orten. Neulich erst spielten wir in einem vornehmen Segelclub an der Havel, ein bisschen steif war es dort schon, aber dann haben sie doch angefangen zu tanzen. Und oft spielen wir privat, nur so für uns. Mindestens einmal in der Woche treffen wir uns irgendwo, um zu musizieren.

 
Schließlich wende ich mich doch diesem Schreiben vom Polpräs zu. Was sie sich wohl diesmal für mich ausgedacht haben? Ein ganz kleines schlechtes Gewissen habe ich ja schon. Immerhin ist dies nicht die erste Post dieser Art.  Genau genommen könnte ich einen ganzen Ordner damit füllen. Oder, wie Siegfried mir immer vorschlägt, das Badezimmer damit tapezieren.

Entschlossen öffne ich den Brief und überfliege den ersten Teil – ich weiß ja, weshalb sie mir schreiben. Mich interessiert eigentlich nur, was unten steht. Und dann traue ich meinen Augen nicht! Zwölf Monate Fahrverbot! Ja sind die noch zu retten? Die vier Punkte tun mir ja nicht weh, aber so lange ohne Auto? Wie soll ich das machen? Haben die eine Ahnung, wie ich mich fortbewegen soll? Wie sehr ich auf mein Auto angewiesen bin? Nein, das geht nicht. Ich brauche meinen Führerschein, ganz dringend. Jeden Tag. Ohne bin ich verloren. Nein, das geht nicht, überhaupt nicht. Siegfried muss mir helfen.

 

Ich weiß jetzt nicht genau, wann mein Bruder aus Ägypten wiederkommt, er schreibt nur, er käme bald wieder. Und auf diesem blöden Zettel vom Polpräs steht, dass ich acht Wochen Zeit hätte meinen Lappen abzugeben. Zeit genug also, dass Siegfried sich der Sache annehmen kann.

Tja, Siegfried hat sich der Sache angenommen, gleich nach seiner Rückkehr aus Ägypten, aber nicht so, wie ich es mir erhoffte. Erklärt er mir doch eiskalt, dass er da gar nichts machen kann. Erstens bin ich vierzig zu schnell gefahren, innerorts wohlgemerkt, zweitens bin ich über eine rote Ampel gebrettert und drittens, und das ist das Entscheidende, habe ich jetzt achtzehn Punkte in Flensburg, bin ich allein im letzten Jahr dreimal über rote Ampeln gefahren und habe ich eine dicke Akte bei der Verkehrsüberwachung Berlin, in der sämtliche Vergehen meinerseits aufgelistet sind. Angeblich tausende von Strafzetteln. Und irgendeiner von denen da oben ist jetzt wohl auf die Idee gekommen, dass mir nur noch mit einer drastischen Maßnahme zu helfen wäre. Eben mit einem zwölfmonatigen Fahrverbot.

Gar nichts könne er da machen, sagt mir mein Lieblingsbruder mit einem Grinsen im Gesicht. Ich soll froh sein, dass ich nach zwölf Monaten überhaupt wieder die Möglichkeit habe, meinen Führerschein zurückzubekommen. Eine Prüfung ist dazu fällig und auch der Idiotentest.

Und dann legt er mir eine Broschüre mit dem fetten Aufdruck - BVG - vor die Nase und rät mir, die mal zu studieren.  Und dann muss er auch schon wieder gehen, hat eine Verabredung mit einer Frau. Diese Broschüre legt er mir genau mitten auf den Couchtisch.

BVG – ich weiß nicht einmal was das ist. Ein großer Bus ist darauf abgebildet. Und im Moment interessiert es mich auch nicht, ich muss nachdenken. Wie soll ich denn zwölf Monate ohne mein Auto auskommen? Wie soll ich zu meinem Geschäft am anderen Ende der Stadt kommen, oben in Hermsdorf? Und zu meinem Boxstudio? Das liegt wieder ganz wo anders. In so einer Situation war ich noch nie. Die Geldstrafe interessiert mich nicht so sehr, war zwar ärgerlich, tat aber nicht besonders weh.

Früher, als ich noch in die Grundschule ging, bin ich immer mit dem Bus gefahren. Zuerst auch noch zum Gymnasium. Bis dann die Sache passiert ist, die alles verändert hat. Niemals mehr bin ich seither mit irgendeinem Bus gefahren.  Das heißt, einmal noch habe ich es getan, bin in den Bus gestiegen und genau eine Haltestelle weit gefahren, dann hat der Busfahrer einen Notarzt gerufen, weil ich keuchend und mit verdrehten Augen auf dem Boden gelegen und auf nichts mehr reagiert habe. Einen Riesenschreck hat der Busfahrer bekommen und die anderen Fahrgäste ebenso. Das war´s dann mit den Öffentlichen für mich.

 
Mein Vater hat mich jeden Morgen zur Schule und später zum Gymnasium gebracht und auch wieder abgeholt. Manchmal auch meine Mutter. Mein Vater konnte seine Zeit als Bühnentechniker immer selbst einteilen und meine Mutter als Opernsängerin sowieso. Niemand hätte mich jemals wieder dazu gebracht, in einen Bus zu steigen.

Und als ich nach Berlin zog zum Studium, da hatte ich ja bereits ein Auto. Den Führerschein habe ich noch in München gemacht, mit achtzehn. Also alles kein Problem. Finanziell ging es mir schon immer recht gut dank einer Erbschaft von meiner Großtante Emmi. Ich war zwölf Jahre alt als sie starb, ich mochte sie gerne. Und sie mich offenbar auch, jedenfalls hat sie mir eine große Summe hinterlassen, die meine Eltern bis zu meiner Volljährigkeit für mich gewinnbringend verwaltet und angelegt haben.

 
Ich mache mir eine große Tasse Matetee und lümmle mich auf mein Sofa, während ich überlege. Wer könnte mich fahren? Doris fällt mir ein, meine Angestellte. Sie wohnt nicht sehr weit von mir entfernt und wir verstehen uns ganz gut. Vielleicht könnte ich bei ihr montags, dienstags und mittwochs mitfahren, donnerstags muss ich ins Boxstudio, das weiß aber keiner.  Sie denken, ich bin an diesen Tagen zu Hause. Wie soll ich dahin kommen? Das Studio ist ganz wo anders. Peter, unser Lehrling, fällt ja wohl aus, ich glaube, der hat gar kein Auto. Wie er das macht, ist mir schleierhaft. Außerdem wohnt der ganz woanders, kommt aus einer ganz anderen Richtung. Der kann mir sicher nicht helfen.

 
Und freitags könnte ich ja in den nächsten zwölf Monaten einfach von zu Hause aus arbeiten, ich kann mir die Arbeit ja mit nehmen. Sonst fällt mir nur noch ein Taxi ein. Aber ein Jahr lang mit dem Taxi durch die ganze Stadt fahren? Das würde ins Geld gehen. Nicht, dass es mich sonderlich belasten würde, aber es wäre doch merkwürdig, immer mit dem Taxi anzukommen, oder? Jedenfalls kenne ich niemanden, der so etwas macht. Das würde jede Menge Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten möchte. Aber ich könnte doch mit einem Taxiunternehmen eine Vereinbarung treffen. Da müsste ich doch einen Sonderpreis kriegen, wenn ich sage, dass ich dreimal in der Woche zwei Fahrten bezahle. Zwei Fahrten durch fast ganz Westberlin. Der Gedanke gefällt mir.


Ich kenne niemanden in der Nachbarschaft, der ungefähr die gleichen Wege hat wie ich. Alle arbeiten ganz wo anders, die Berlins von nebenan sind zu Hause, beide Rentner. Und ich weiß, dass einige sogar mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Unglaublich.

Langsam trinke ich die Teetasse leer und dann fällt mein Blick auf diese Broschüre von Siegfried. Ich schlage sie auf, mehr aus Langeweile und denke, ich sehe nicht richtig. BVG steht wohl für -Berliner Verkehrs GmbH-, ja, soll ich etwa ... will Siegfried etwa, dass ich mit einem dieser Busse fahren soll? Ausgerechnet er möchte mir das zumuten? Wo er doch dabei war, damals, als der Busfahrer besoffen in den See gefahren ist? Mit einem voll beladenen Bus, lauter Schulkinder und Jugendliche. Wochenlang war auch Siegfried danach im Krankenhaus und hatte noch lange Zeit damit zu tun, den schrecklichen Unfall zu verarbeiten. Und nun macht er mir einen derartigen Vorschlag? Jeden Tag soll ich Bus fahren? Mit einem dieser Verkehrshindernisse, hinter denen man immer so schrecklich langsam schleichen muss und nicht überholen kann? Sommers und Winters? Die immer und überall nur im Weg sind und so viel Platz beanspruchen? Die die reinsten Todesmaschinen sind? Die ich geschworen habe, niemals wieder freiwillig zu betreten? Das konnte doch nicht sein Ernst sein, nein, das würde er mir doch nicht zumuten wollen. Oder doch?

Ein zusammengefalteter Zettel fällt mir aus dem Prospekt entgegen. Siegfrieds Schrift darauf.
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