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Abenteuer im Märchenwald

Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Krimi / P12 / Gen
Franz Hubert Johannes Staller Martin Riedl Reimund Girwidz Sonja Wirth
04.04.2022
04.04.2022
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04.04.2022 3.194
 
Willkommen zu Tag 4 des Osterserienkalenders.
Mein Stichwort war „Hasenkostüm“ und dieses Stichwort wollte einfach diese Serie.
Ich wünsche euch viel Spaß mit der Geschichte.


Abenteuer im Märchenwald

Polizeiobermeister Franz Hubert saß mit seinem Kollegen Johannes Staller im Büro ihres Vorgesetzten und ließ gelangweilt dessen Sermon über sich ergehen.
„Ich erwarte Einsatz, meine Herrschaften! Die Bürger von Wolfratshausen erwarten, dass trotz dieses Festes die Straßen frei bleiben und die Hauseingänge und Feuerwehrzufahrten nicht zugeparkt werden. Wenn ich Sie dabei erwische, dass Sie bei Rattlinger Kaffee trinken anstatt Ihre ...“
Das Telefon läutete und Polizeirat Girwidz riss den Hörer hoch, meldete sich und lauschte. Sein Gesicht wurde dabei röter und röter.
„Was - bilden - Sie - sich - eigentlich - ein?“, brach es plötzlich aus ihm heraus und er keuchte regelrecht vor Empörung. „Wir arbeiten Tag und Nacht im Schweiße unseres Angesichts für die Sicherheit der Bürger Wolfratshausens und Sie wollen meine Mitarbeiter in Ihren albernen Vergnügungspark einladen? Ausgerechnet zu Ihrem Osterfestival, wo wir mit Falschparkern und Blaufahrern genug zu tun haben werden, wollen Sie auch noch meine besten Leute Achterbahn fahren schicken? Das Fernsehen ist auch da, wenn das gesendet wird, was denken Sie denn, was Bayern für einen Eindruck von meinem Team bekommt?!“
Franz Hubert lauschte dem Telefongespräch mit schräggelegtem Kopf, jetzt machte er das Zeichen für Timeout. Er musste es mehrmals machen und sich sogar über den Schreibtisch seines Vorgesetzten beugen, ehe der ihn wahrnahm.
„Moment, da kommt was Dringendes rein“, schnauzte Polizeirat Girwidz in den Hörer, dann legte er die Hand auf die Sprechmuschel. Die Stummschalttaste des Telefons ignorierte er seit Jahren.
„Was ist denn jetzt schon wieder los, Hubert? Sie sehen doch, dass ich hier gerade ein dringendes Gespräch führe!“
„Herr Girwidz. Es wäre doch ganz gut, wenn jemand von uns incognito dabei wäre. So eine Veranstaltung lockt jede Menge Taschendiebe an. Stellen Sie sich vor, das Fernsehen ist da. Wenn die Leute irgendwo eine Kamera sehen, vergessen die nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Handies und Brieftaschen. Da wäre es doch viel besser, jemand fasst so einen Taschendieb in flagranti, als dass wir nachher dutzende Anzeigen wegen Taschendiebstahls haben.“
Polizeirat Girwidz lächelte wohlwollend.
„Gar nicht so dumm, Hubert, der Gedanke hätte von mir sein können.“
Er nahm die Hand von der Sprechmuschel. „Also, hören Sie mal, Herr Wonka ... Ach, Wonka, Wolters, ist doch auch egal, wenigstens hätten Sie eine Schokoladenfabrik, wenn Sie Wonka hießen. Seien Sie mal nicht so pingelig mit dem Namen, schließlich wollen *Sie was von mir. Womit wir beim springenden Punkt wären. Was wollen Sie eigentlich? Wozu brauchen Sie meine Leute? ... Aha ... Aushilfe ... Sängerrunde ... Vereinsfest ... Leberpastete ... Hasenkostüme??“
Das Gesicht des Polizeirats nahm schon wieder eine ungesunde Farbe an.
Obermeister Hubert spielte mit seiner Kreditkarte und zwinkerte vielsagend. Oh, Wunder, sein Vorgesetzter verstand den Wink. Mit einem „Ich sehe zu, was sich machen lässt“ legte er den Hörer auf.
 
„So ein - ein ...“ Polizeirat Girwidz fehlten die Worte. „Was sagt man dazu! Die Sängerrunde von Bad Heilbrunn hatte zugesagt, dass sie als Aushilfsanimateure beim Osterfestival des 'Märchenwalds' mitmachen. Jetzt haben die Herren kollektiv die Scheißerei bekommen und die Organisatoren suchen händeringend Aushilfshäschen. Also, Hubert, Staller, hopphopp. Worauf warten Sie noch? Werfen Sie sich in ein hübsches rosa Häschenkostüm und gehen Sie am Samstag Arschkatzlbahn fahren. Gönnen Sie sich mal was Gutes, nich? Vergessen Sie nicht, auf dem Heimweg ein paar Taschendiebe mitzubringen. Natürlich gibt es kein Überstundengeld, schließlich gehen Sie in einen Vergnügungspark.“
Hubert und Staller sahen einander betreten an, dann fiel es dem Johannes Staller wie Schuppen von den Augen: „Oachkatzlbahn, Hubsi“, raunte er.
„Bloss nicht“, murmelte der, „mir wird auf sowas immer schlecht.“
*
Laut sagte er: „Herr Polizeirat, wir sind bereits für die Bußzettelverteilung eingeteilt“.
Sein Kollege Staller unterstützte ihn eifrig: „Was der Hubsi sagt. Und das Überstundengeld ist auch schon beantragt. Das gibt wieder nur unnötige Anfragen aus München und Papierkram, wenn das nicht bezogen wird.“
„Richtig“, echote Franz Hubert. „Da hat der Hansi Recht. Außerdem, wir in unserem Alter ... so ein Vergnügungspark, das ist eher was für die Jüngeren wie den Riedl. Der hätte bestimmt Freude daran, wenn er seine kindliche Seite ausleben darf. Die Sonja kann ja auf ihn aufpassen. Und sie kann auch viel besser mit Kindern umgehen als wir.“
„Das könnte Ihnen so passen, was, Hubert? Der Samstag ist lang. Am Morgen können Sie Bußzettel verteilen und am Nachmittag können Sie sich im ‚Märchenwald‘ nützlich machen. Offiziell. Schließlich hatten wir eine offizielle Anfrage. Ein bisschen soziales Engagement macht sich immer gut in den Medien. Frau Wirth kann das auf die Homepage tun. Und was das ‚incognito‘ angeht - RIEDL!“

Wenige Minuten später schlich Polizeimeister Martin Riedl mit einer Leidensmiene aus dem Büro des Chefs, um die Nummer des Herrn Wonka ... Wolters zu wählen und sich als Freiwilliger für das Osterfestival im „Märchenwald“ zu melden.

___


Martin Riedl stand am Eingang des „Märchenwalds“ und staunte. Er hatte zwar mitbekommen, dass im Park das Osterfestival stattfand, aber erst hier vor dem Tor begriff er so richtig, was das für eine Veranstaltung war.
Ein Autohersteller hatte den Park zwei Wochen vor Ostern und eine Woche vor der offiziellen Eröffnung exklusiv gemietet und Eintritte an Eltern mit behinderten Kindern verschenkt. Das Logo des Autoherstellers prangte auf einem Banner über dem Eingang. Die geladenen Gäste drängten sich jetzt alle vor dem Tor des Parks. Martin Riedl hatte noch nie so viele behinderte Kinder auf einmal gesehen. Wo waren die die ganze Zeit, wenn sie nicht in den „Märchenwald“ gingen? Saßen sie immer zu Hause? Er musste sich zwingen, die Kinder nicht anzustarren und fand plötzlich, dass er alles in allem doch ein sehr schönes Leben hatte und die paar Enttäuschungen im Job nicht der Rede wert waren.
Polizeimeisterin Sonja Wirth, die im Revier gewöhnlich den langweiligen Papierkram zugeschoben bekam, eilte auf ihn zu. „Ach, da bist du, Martin. Ich suche dich schon überall. Wir sollten doch beim Seiteneingang warten. Die andern sind alle schon drin, komm schnell.“

Gemeinsam hasteten sie um den halben Park herum zum Seiteneingang, wo sie von einem hochgewachsenen Mann in blauem Hemd und roten Jeans in Empfang genommen wurden, der sich ihnen vorstellte, während er die Pforte abschloss: „Ich bin Jürgen Wolters, der Eventmanager für diesen Tag. Aber hier duzen sich alle, ihr könnt Wolle zu mir sagen.“
Er drückte beiden seine Visitenkarte und einen Plan des Vergnügungsparks in die Hand und führte sie zu den Umkleideräumen für die Helfer, die in zwei Geburtstagsboxen eingerichtet waren. Auf dem Weg dorthin kamen ihnen schon kostümierte Helfer entgegen, Hasen und Hühner und auch ein paar wohlbeleibte Eier waren darunter. Oh, das sah gut aus, so ein Eierkostüm wäre sicher lustig, befand Riedl. Es sah aus, als wäre viel Platz darin.
„Die Stationen, wo ihr helft, sind auf eurem Plan markiert. Eure Pausenzeiten sind auch drauf. Ihr seht zu, dass die Kinder nicht irgendwo hinrennen, wo sie nicht sollen, helft ihnen in die Bahnen und passt auf, dass sie nicht irgendwo herunterfallen. Keine Sorge, es ist immer ein Profi dabei. Erklären müsst ihr nichts, steht ja alles dran. Viel Spaß. Wenn irgendwas ist, habt ihr ja meine Telefonnummer.“
Sonja Wirth winkte Riedl nochmal und verschwand in der improvisierten Damengarderobe. Er selbst betrat die Herrengarderobe. Es waren nur noch wenige Kostüme in der Garderobe und Eier waren nicht mehr darunter. Missmutig untersuchte er die Kostüme und erlitt eine Niesattacke. Die Kostüme waren so alt, dass die leiseste Bewegung Myriaden von Staubkörnchen aufwirbelte. Huhn ... Huhn ... Huhn ... Nur Hühner. Nein, Polizeimeister Martin Riedl war kein dummes Huhn! Und auch keine dumme Pute! Um nichts in der Welt würde er so ein Hühnerkostüm anlegen.
Schüchtern klopfte er an die Tür der Damengarderobe. „Sonja? Gibt es bei dir noch Hasenkostüme?“
„Ja, wieso?“
„Bei mir sind nur Hühner. Ich kann doch nicht als Huhn gehen! Oder gibt es noch Eier?“
„Nein, nur Hühner und Hasen. Ich weiß aber nicht, Martin, ob dir die Hasen passen. Die sind alle sehr schmal geschnitten, die noch hier sind.“
„Gib mir einfach das größte, das wird schon passen“, bat Riedl hoffnungsvoll.
Es dauerte einen Moment, bis seine Kollegin Sonja die Tür öffnete und ihm ein Hasenkostüm herausreichte. Sie selbst trug schon ein Hühnerkostüm, nur den Kopf hatte sie noch nicht aufgesetzt. Sie sah auch in diesem Kostüm einfach hinreißend aus, vielleicht sogar noch hinreißender als sonst.
„Danke, Sonja. Ich lad dich auch mal zum Essen ein dafür.“
„Ach, nicht der Rede wert. Mach hin, der Park ist schon geöffnet. Ich geh gleich los, warte nicht auf mich.“
 
___

 
Martin Riedl trippelte vorsichtig den Weg entlang und wagte kaum zu atmen. Das Kostüm saß sehr eng. Er hatte es erst schließen können, nachdem er die Jeans und das karierte Hemd ausgezogen hatte.
Wo musste er eigentlich hin? Suchend sah er auf den Plan. Zur Wildsaureitbahn.
Oh, das war schön! Martin Riedl liebte die Reitsäue und er hatte als Kind jedem Schwein einen eigenen Namen gegeben. Cora, Silvia und Trudl hatte er sie genannt. Die anderen Namen fielen ihm nicht mehr ein. Oder waren es nur drei Schweine gewesen? Sie waren an den angeschlagenen Stellen gut zu unterscheiden gewesen, daran erinnerte er sich noch. Ob die alten Sauen wohl immer noch ihren Dienst taten?
Die alten Sauen waren durch neue moderne Sauen ersetzt worden, womit für Riedl ein Teil des Zaubers verloren ging. Doch die Kinder ließen ihn seine Enttäuschung schnell vergessen. Er hatte sich große Sorgen gemacht, wie er wohl mit den Kindern klarkommen würde, er hatte so wenig Erfahrung im Umgang mit Kindern und gar keine im Umgang mit behinderten Kindern.
Die Kinder erlösten ihn von diesem Problem, denn sie kamen mit ihm klar. Sie streckten ihm die Arme entgegen, wenn sie auf ein Schwein oder von ihm heruntergehoben werden wollten, sie schrien: „Lass mich in Ruhe!“, wenn sie es selbst schaffen wollten, auf eines der Schweinchen zu kommen, und sie wollten mit dem Martin-Hasen fotografiert werden. Schon bald posierte Riedl mit den Kleinen und half ihnen oder feuerte sie an, auf ihre Reitsau zu kommen, als ob er schon wochenlang hier gearbeitet hätte.
Riedl schwitzte fürchterlich in seinem Kostüm und der Schweiß lief ihm in die Augen. Gerne hätte er den Hasenkopf abgenommen und sich das Gesicht abgetrocknet, aber das musste bis zur Pause warten. Es war Ehrensache, dass er ein Hase blieb und den Kindern den Spaß nicht verdarb. Dafür nahm er auch in Kauf, dass er unter dem Hasenkopf hindurch kaum richtig sehen konnte.
Neben dem Eingang begann ein kleiner Junge herzzerreißend zu weinen. Riedl hüpfte hasenmäßig hinüber, so schnell er es nur wagte.
„Aber, nuffnuff, was ist denn hier los? Warum weinen wir denn an so einem schönen Tag?“, fragte er den Kleinen in seinem aufwendigen Rollstuhl, der eine hohe gepolsterte Rückenlehne hatte, die auch den Kopf stützte. Der konnte vor Verzweiflung nicht antworten und der Vater reagierte auf die Frage. „Martin kann sich nicht mehr selbst aufrecht halten oder gar festhalten. Ich kann ihn nicht auf die Bahn lassen.“
„Martin heißt du? Ich heiße auch Martin. Und weißt du was? Ich bin der Schutzhase dieses Schweinchens, das da kommt. Es heißt Martina. Wir zwei werden zusammen auf Martina reiten, einverstanden?“
Martin der Kleine schniefte und nickte.
Der Vater protestierte, aber Riedl hatte eine Aufgabe und er nahm sie ernst. Er setzte dem Vater auseinander, dass er ja genau dazu angestellt war, aufzupassen, dass die Kinder nicht herunterfielen, und schließlich gab der Vater trotz seiner Bedenken nach. Martina, die inzwischen eine weitere Runde absolviert hatte, kam wieder herangefahren und Riedl platzierte sich auf dem Schweinchen, das bedenklich ächzte. Martins Vater hob den Jungen zu ihm hinauf und gab ihm genaue Anweisungen, wie er das Kind halten müsse.

___

 
Und dann fuhren sie los. Martin der Kleine lachte fröhlich und Martin der Große, genannt Riedl, fühlte sich gleichzeitig klein und glücklich und groß und voller Verantwortung.
An der Spitzkehre am äußersten Ende der Bahn stand der Vater Martins des Kleinen und filmte. Martin der Große winkte. Über den Kopf des Kindes hinweg hatte er keine allzu gute Sicht und er duckte sich, um auch mal eine andere Perspektive zu haben. Jetzt sah er nicht mehr die Köpfe der Menschen auf den Wegen, sondern mehr die unteren Partien der Leute. Einer der Männer in der Schlange steckte gerade die Hand in seine Gesäßtasche.
Uiuiui, dachte Riedl, so dicht gedrängt wie die stehen, könnte das auch einer von den Taschendieben sein, die ich hier jagen soll. Die hatte ich ja ganz vergessen.
Manometer, Hand und Tasche gehörten tatsächlich nicht zusammen, die Hand verschwand irgendwohin, die Tasche rückte weiter in der Schlange vor. Der Besitzer der Hand trat aus der Warteschlange und verließ damit Riedels Blickfeld. Hektisch sah Riedl sich um, reckte sich und duckte sich, beugte sich nach links und rechts, um den dreisten Dieb wiederzufinden und zu erkennen, wo der hinging. Er musste hinterher. Sofort! Aber er hatte doch den Martin im Arm!
Heller Mantel, rote Jeans, heller Mantel, rote Jeans, wiederholte Riedl sich die Kleidung, die zur Hand gehörte, um sich ja zu erinnern, wonach er suchen musste.

Bei seinem Gezappel auf dem Schwein geschah, was sich bereits beim Aufsteigen angekündigt hatte. Mit einem Knacken brach die Hülle der Reitsau Martina entzwei.
Uiuiui, dachte Riedl noch einmal und wurde ganz bleich vor Entsetzen. Hoffentlich stürzen wir nicht ab. Aufs Schlimmste gefasst, hielt er den Atem an. Kaum merkte er, wie sein Reittier anhielt und Martins Vater den Jungen herab hob. Aber bei der Attraktion gleich gegenüber erblickte er eine rote Jeans mit einem hellen Mantel darüber.
Pflichtbewusst sprang Riedl vom Schwein, aber das ging nicht wie gedacht. Das Hasenkostüm war eingeklemmt und hielt fest, sodass Riedl, statt abzusteigen, von der Reitsau Martina herabpurzelte und das Kostüm einen Dreiangel bekam.
Solche Kleinigkeiten konnten einen künftigen Polizeiobermeister nicht von der Pflichterfüllung abhalten. Mit einem Sprung war er wieder auf den Beinen und rannte auf den Zaun zu, denn der Eingang zur Wildsaureitbahn war von Gästen verstopft.
„Hier spricht die Polizei! Achtung da drüben bei ‚Max und Moritz‘!“, brüllte er noch im Laufen, „Ein Taschendieb!“
Er wollte in einer fließenden Bewegung über den Zaun flanken, aber er schätzte die Entfernung falsch ein und griff daneben. Als er unelegant über die Holzlatten purzelte, zerriss sein Kostüm endgültig. Polizeimeister Riedl hörte es ganz deutlich und als er sich am Boden zusammensortierte, sagte ihm ein kühler Luftzug an seinen Beinen, dass sein Gehör ihn nicht getäuscht hatte.

Schon waren viele Leute um ihn herum, halfen ihm auf die Beine, fragten besorgt, ob er sich wehgetan hätte, zupften an seinem Kostüm, um den Riss irgendwie zu verschließen. Auch Wolle war unter ihnen. Der Eventmanager zauberte aus der Brusttasche seines blauen Hemdes einige Sicherheitsnadeln hervor, die geschickt gesteckt den Schaden begrenzten.
Als Riedl endlich wieder einigermaßen präsentabel hergerichtet war, war keine Spur mehr von einem hellen Mantel über roten Jeans zu sehen. Er rief Sonja Wirth an und erzählte ihr von dem Taschendieb und gab dessen Signalement durch. Sie versprach, nach ihrer Pause auf den Mann zu achten.
Es war jetzt kurz vor Riedls eigener Pause und er beschloss, seine Auszeit einfach früher zu nehmen. Vorsichtig schlich er mit kleinen Schritten in Richtung der Garderoben, nicht, dass noch ein weiteres Unglück geschah. Den Hasenkopf trug er unter dem Arm. Er hatte das Gefühl, alle würden ihm nachstarren.

___


Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Riedl den abgetrennten Bereich im hinteren Teil des Parks erreicht. Endlich hatte er Ruhe, wenn man von dem Lied absah, das in Dauerschleife vom Huberhof nebenan herüberschallte.
Dieses Gefühl der Ruhe hielt genau zwei Sekunden an, dann entdeckte er Polizeirat Girwidz an einem der Klapptische, die hier aufgestellt waren.
 
„Na, Riedl, haben Sie sich schön amüsiert?“, fragte sein Chef. „Ich dachte, ich schaue mal, was meine Leute so machen.“
„Jawohl, Herr Polizeirat. Wenn ich -“ Riedl deutete auf die Garderobe.
Polizeirat Girwidz winkte ab und fuhr in weit vorwurfsvollerem Ton fort: „Ich frage mich, was Sie hier eigentlich machen, Riedl! Wir haben schon den ersten Diebstahl eines Handys gemeldet bekommen, obwohl Sie hier auf Posten sind. Da dachte ich mir, ich schaue mal, was Sie hier eigentlich treiben.“
„Ich habe ja einen Taschendieb gesehen. Aber dann bin ich über den Zaun gefallen, als ich ihn verfolgen wollte und habe ihn verloren ...“
„Riedl! Sie lernen es wohl nie! Bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren.“
Riedl zog den Kopf ein und wartete ergeben darauf, dass die Schimpftirade seines Vorgesetzten vorüber ging. Auf der Höhe seiner Knöchel begann auf einmal eine Stimme zu jaulen: „I‘m a loser, baby, so why don‘t you kill me ...“
Polizeirat Girwidz war wie elektrisiert. „Was ist denn das wieder! RIEDL! Das ist ja das Lied, dass das gestohlene Handy angeblich spielt! Was macht das in Ihren Hosen? Sind Sie jetzt unter die Taschendiebe gegangen?!“
Martin Riedl riss erschrocken die Augen auf. Wie kam ein gestohlenes Handy in sein Kostüm? Das musste ihm jemand hineingeschmuggelt haben! Aber wann? Bestimmt, als sich alle darum bemüht hatten, ihn wieder auf die Beine zu stellen und sein Kostüm zu flicken.

Sonja Wirth war aus der Damengarderobe gekommen und machte ihm hinter dem Rücken des Polizeirats verzweifelte Zeichen. Riedl starrte sie hilflos an. Was meinte sie nur? Jetzt bewegte sie die Lippen und er versuchte, ihre Mundbewegungen nachzumachen.
Polizeirat Girwidz, der von der stummen Konversation, die über seinen Kopf hinweg stattfand, nichts mitbekam, war von der Mundakrobatik seines jüngsten Mitarbeiters irritiert.
„Was ist los mit Ihnen, Riedl? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“
Riedl probierte immer noch mit den stummen Silben herum. Si-chä ... Ja! Das war es!
Hastig nahm er Haltung an und antwortete zackig mit einem erleichterten Lächeln: „Sichergestellt, Herr Polizeirat. Ich habe das Handy natürlich sichergestellt!“
In den Beinen des Hasenkostüms des Polizeimeisters Martin Riedl fanden sich insgesamt vier Brieftaschen und zwei Handies.

___

 
Zwei Tage später war der Eventmanager Jürgen „Wolle“ Wolters des Taschendiebstahls in fünf Fällen überführt. Die Fingerabdrücke auf den Brieftaschen und Handies in Riedls Kostüm stimmten mit denen auf Wolters Visitenkarten überein. In seiner Wohnung fanden sich Kreditkarten und Handies, die auf weitere Delikte hindeuteten. Als Eventmanager war er automatisch an Orten, an denen sich viele Menschen trafen und als Eventmanager war er ebenso automatisch frei von jedem Verdacht.

In der Lokalzeitung erschienen am gleichen Tag zwei Fotos von Polizeimeister Riedl. Das eine zeigte ihn, wie er winkend - als Hase - mit Martin dem Kleinen auf der Sau Martina ritt, das andere war im Revier aufgenommen worden und illustrierte den Bericht über die Überführung des Taschendiebs.

Sonja Wirth freute sich über die Einladung zum Essen, die sie von Martin Riedl als Dank für die Rettung vor Girwidz‘ Zorn erhalten hatte. Er führte sie ins Wirtshaus „Flößerei“ aus. In Erinnerung an sein Erlebnis im „Märchenwald“ bestellte Riedl Salat mit Putenstreifen und Sonja, die keine nostalgischen Erinnerungen an die Wildsaureitbahn hatte (und keine Probleme mit zu engen Kostümen), bestellte Schweinebraten mit Kartoffelknödeln.

Der Autohersteller übernahm die Kosten für die Reparatur der Reitsau „Martina“ und bot an, allen Schweinchen einen Namen auf das Hinterteil pinseln zu lassen. Die Leitung des „Märchenwalds“ lehnte dankend ab, jedes Kind solle sich eigene Namen ausdenken können für die Tiere.

***


* Die liebe Maybe44 hat mich in ihrem Review darauf gebracht, dass Reimund Girwidz das Wort „Oachkatzlbahn“ vermutlich nicht akzentfrei aussprechen kann. Aus ihrer Anregung ist der kursiv gesetzte Dialogteil entstanden.
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