Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Helden wie wir

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
03.04.2022
03.04.2022
1
4.915
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
03.04.2022 4.915
 
Wenn Du erst mal mit dem Rücken zur Wand stehst und alles was Deine Augen erblicken können sind Schulterblätter, Rippen, verrostete Kettenrüstungen und die leeren Schädel der untoten Krieger, die diese modrige Krypta bewachen, in die Du Dich ja unbedingt begeben musstest, wenn Du ihnen zusiehst, wie sie zur Decke blicken, wartend, lauernd, wissend, dass schon bald das letzte Licht aus diesem Raum ausgesperrt sein wird, dann weißt Du, dass es das war. Aß Du erledigt bist.
Als Kind hab ich immer geglaubt, wenn es mal soweit wäre, wenn das Ende in greifbare Nähe gerückt und irgendein verfluchter Satinav, Uthar oder sonstiger Alveraniar oder was auch immer irre kichernd den Sack endgültig zuziehen würde, wie eine Schlinge, die sich um meinen Hals legt, dann käme mir mein Leben wie ein Buch vor. Eines von diesen neuen, gedruckten aus dem Horasreich, mit vielen Bildern auf jeder Seite und irgendwer würde es vor meinen Augen aufschlagen und durchblättern, ich würde es lesen, naja, oder vielmehr anschauen, Lesen habe ich schließlich nie gelernt, das dort, mein eigenes Buch, mein Leben, einen Herzschlag lang und dann, zack, war es vorbei. Irgendwer packt Dich dann am Kragen und schmeißt das was von Dir übrig ist auf Rethons Schalen und während Du noch darüber nachdenkst, dass Du in all den Jahren zu fett geworden bist für ihre verdammte Waage und ob die verrückten Bornländer nicht doch ihren Toten Silbertaler auf die Augenlider legten, damit sie in genau diesem Moment den Waagenknecht bestechen könnten, ob er auch die goldenen Knöpfe nehmen würde, die Du immer an Deinem Leichenhemd haben wolltest und ob die Seelen dickerer Leute nicht vielleicht auch eine schwerere Feder als Gegengewicht verdient hätten, während Dir all das durch den Kopf geht, weißt Du, dass Dein Buch viel zu dünn gewesen ist und Du willst Dich beschweren über die Ungerechtigkeit Deres. Aber noch bevor Du ein Wort heraus gebracht hast knirscht es, die Waage bricht unter Deinem Gewicht zusammen, Du fettes Schwein und Du fällst. Du suchst nach einem Vorsprung, irgendwas zum Festhalten, aber da ist nichts, Du bist allein, Du fällst und schlägst auf. Dir geht es gut, bist ja weich gelandet, im Schnee, Du siehst Dich um, Du weißt, Du bist in den Niederhöllen und Du frierst Dich zu Tode, nein, tust Du nicht, Du bist ja schon tot, trotzdem ist es verdammt kalt. Du rappelst Dich auf, ein kleines, eisblaues Hutzelmännchen mit Hörnern auf der Stirn blickt Dich grinsend an und alles was er sagt ist: „Willkommen daheim.“
Ja, so hab ich mir den Tod immer vorgestellt. Naja, vielleicht nicht immer, zumindest aber die letzten Jahre über. So wie es aussah konnte ich gleich die Probe aufs Exempel machen, während sich da oben die Steinplatte über das Loch in der Decke schob.
Ja, mein Buch war eindeutig zu dünn gewesen. Nur hier und jetzt half mir diese Erkenntnis auch nicht mehr weiter. Jetzt half gar nichts mehr, nicht mal mehr ein Wunder. „Frei sein heißt alle Hoffnung fahren zu lassen.“, hatte Clarissa vor einigen Abenden noch gesagt. Clarissa. Das Miststück hatte uns überhaupt erst in diese Lage gebracht.

Im Prinzip war es ganz einfach. Wenn Du erst mal 35 bist hast Du es hinter Dir. Keine Träume, keine Ziele, keine Hoffnung, Du lebst nur noch vor Dich hin, bewachst irgendwelche Händler auf ihrer Route von hier nach nirgendwo, lebst die meiste Zeit auf der Straße neben irgendwelchen Eselskarren für ein paar Taler im Monat und wartest darauf, dass irgendein im Hinterhalt liegender Wegelagerer Dich mit seiner Armbrust über den Haufen schießt. Dann kommst Du in irgendeiner Stadt an in der Du nie stranden wolltest, nimmst Deinen Lohn, gibst ihn in der nächstbesten Tavernen für billigen Wein und teure Mädchen aus oder umgekehrt, verfluchst die Wegelagerer dafür, dass sie mit ihren Armbrüsten nie da waren, wenn Du sie mal brauchtest und nanntest das ein Leben. Oder was davon übrig war. So bin ich seinerzeit in Nostria gelandet. Damals hielt ich das für eine gute Idee.
Hier war man nicht wählerisch wenn es darum ging, Söldner an zu heuern, man brauchte immer irgendwen, der für ein paar Münzen bereit war, den Andergastern was auf die Schnauze zu hauen. Denen war es egal, ob Du 20, 35 oder 50 warst, Hauptsache, Du hattest Deine eigene Waffe und eine Rüstung. Am Zweihänder war ich schon früher ausgebildet worden und als Doppelsöldner konnte man hier gute Dukaten verdienen. Nur noch diese eine Strecke hatte ich mir gesagt, dann, dann würde es wieder so werden wie früher.
Glaubt es oder nicht, aber früher war ich mal Feldwebel. Kein Söldnerhaufen, keine Piraten oder was auch immer Euch so gerade durch den Kopf gehen mag, nein, reguläre, kaiserlich-garethische Armee. Abschluss der Akademie von Schwert und Schild zu Gareth, damit kommst Du ganz weit nach oben, wirst auf irgendwas hohes vorbereitet, Leutnant, Hauptmann, Ordonnanz, irgend so was. Dann dienst Du irgendwo, für den Orkensturm warst Du noch zu jung, aber für den Krieg, der Aventurien veränderte und in der dritten Dämonenschlacht seinen Höhepunkt fand kamst Du gerade richtig. Du bist Soldat, Du willst kämpfen, Du musst kämpfen, Du bist einer von fünf aus Deinem Banner, die überleben und kein Fall für die Noioniten sind. Dein Banner wird aufgelöst, Euch fünf steckt man in andere Einheiten. Sicherlich, Feldwebel braucht man dort zwar nicht, aber gemeine Soldaten immer und wer weiß, vielleicht in fünf oder zehn oder hundert Jahren braucht man auch mal wieder einen Feldwebel. Ein braver Soldat nimmt das hin, ein braver Soldat nimmt seinen Dienst auf und macht weiter wie bisher. Aber wer will schon immer brav sein?
Brav sein ist was tolles in den Mythen und Märchen. Die Braven werden dort immer gestreichelt, die Aufrechten belohnt, die Guten letztendlich siegreich sein. Das hier war aber kein Märchen, das hier war die Wirklichkeit und hier bekamen die braven Leute vor allem eines, nämlich die Beine weggetreten wenn sie gerade aufstehen wollten.
Also quittierte ich den Dienst, schlug mich durch. Den Hof meines Vaters, nun ja, war mal ein stattliches Anwesen, zu blöd nur, wenn Dein alter Herr während Du noch jung bist einem gewissen von Rabenmund die Treue hält und seitdem verrottend von irgendeinem Ast baumelt und Du selbst seitdem in der Armee auch keinen Fuß mehr an die Erde bekommen hast. Und Dein Erbe? Das fällt jetzt irgend so einem Höfling zu, dessen Vater nicht den Fehler begangen hatte, sich gegen Kaiser Hal zu erheben. Nun ja, wenigstens konnte man dafür bei der Dämonenschlacht ein paar Answinisten den Schädel einschlagen. Dadurch ging es einem zwar auch nicht besser, aber wenigstens fühlte man sich gut dabei.
Danach schlägst Du Dich durch. Verdingst Dich hier, verdingst Dich da, hast ja sonst nichts gelernt im Leben.
Nur irgendwann bist Du dann jenseits der 30 und dann wird Dir klar, dass Du Dere nichts mehr zu bieten und auch nichts mehr von ihm erwarten kannst. Jeder neue Tag ist ein Fluch, Du bist eine Hure der Pfeffersäcke, verkaufst Deinen Körper auf Zeit um ihre kostbaren Waren zu schützen, ihre Teppiche, ihre Gewürze, ihre Statuen. Du trottest neben ihren Wagen her. Du frierst. Damit Dir nichts abfriert stellst Du Dir vor, wie Du Deinem Auftraggeber ins Genick springst, ihn über den Kutschbock wirfst, ihm die Hose vom Leib reißt und ihm seine Teppiche, seine Gewürze und seine Statuen nach und nach in seinen Arsch zwängst. Und während Du so neben seinem Karren einher schreitest, Dir warme Gedanken machst und Dich verzweifelt abmühst, das dreckige Grinsen aus Deinem Gesicht zu verbannen, wartest Du auf den erlösenden Bolzen, der alles beendet. Aber das hab ich ja schon mal gesagt.
So saß ich also da, innerlich abgeschlossen mit dem Leben, das keines war und zog mich am nunmehr dritten gelben Wasser hoch, das einem hier als Bier angedreht wurde, versuchte betrunken zu werden oder eine Schlägerei zu provozieren und dann betrat sie die Taverne. Es wird still. Handwerker, Bauern, Holzfäller, alle drehen sich zum Eingang hin, selbst die Bardin hört zu spielen auf, alle starren sie an, wie sie da steht. Etwas zu klein für eine Nostrierin, in ihrem Zwirn, ich sage Dir, feinste Seide, fliederfarben, neuester vinsalter Schnitt, glaub ich zumindest, ist nicht ganz mein Spezialgebiet, Spitzen an den Rändern, selbst die Handschuhe aus Seide, das schwarze Haar fällt fast bist zur Taille und umrahmt Kurven, die einen Blinden heilen könnten.
Sie steht da im Eingang, blickt sich um mit ihren großen Augen, eine der sanft geschwungenen Augenbrauen hebt sich, sie genießt es, sie weiß, dass sie hier nicht hin gehört, ein Grölen aus den hinteren Rängen, irgendwas obszönes, sie lächelt, tritt ganz ein und nimmt an einem Tisch Platz, nein, nimmt sie nicht, sie nimmt nur ihren Umhang ab, legt ihn über die Lehne, tritt zu der Bardin hin, flüstert ihr etwas zu. Dann hörst Du Lautenklang, aber es klingt befremdlich, es klingt wie weit, weit weg, Tulamiden machen solche Musik oder zumindest so ähnliche. Und was macht sie? Sie tanzt, ganz allein, wie eine Tulamidin tanzt sie, sie schwebt förmlich über den Boden, alle Blicke sind auf sie gerichtet, alle Gespräche verstummt, tanz für uns, unsere kleine Rahja, tanz.
Ich wende den Blick ab, versuche vergeblich die Aufmerksamkeit der Bedienung zu erhaschen, drehe mich wieder um, da steht sie neben mir und sagt:
„Darf ich bitten?“
Ich verschlucke mich am Bier, huste, wische es mit dem rechten Handrücken weg, denn natürlich habe ich etwas ganz anderes verstanden. Nur gut, dass ich aus dem Alter heraus war, als ich wegen derlei noch hochrote Ohren bekommen habe. Ich sehe mich um. Alles starrt uns an.
Ich frage nach. Sie will mit mir tanzen. Gut. Tanzen konnte ich mal, so was lernt man auch auf der Akademie aber hier und mit einer Frau die fast meine Tochter hätte sein können?
Sie fasst mich an der Hand mit einer Kraft, die ich der Kleinen nicht zugetraut hätte, zieht mich auf die Füße. Wir tanzen. Keine Ahnung wie lang, es kam mir ewig vor. Das Leben ist schon verrückt.
Da war ich also, in dieser Taverne und tanzte wie ein junger Galan mit seiner Liebsten. Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend das war. Immerhin, eines musste ich ihr lassen, sie war sehr zuvorkommend. Ich glaube, sie ahnte, dass ich mich in ihren Armen auch zu Tode getanzt hätte und geleitete mich bevor es dazu kommen konnte zu meinem Platz zurück. Ein Knicks, ein Handkuss, eigentlich hätte es das sein können. Ja, da hätte ich es beenden sollen, aber nein, ich musste ihr natürlich gestatten, sich zu setzen, als sie fragte, ob wir etwas trinken wollten. Und irgendwie, nun ja, sicherlich, ihre Gesellschaft schmeichelte mir. Sie ging kurz um ihren Umhang zu holen, dann saßen wir da, uns gegenüber und betrachteten einander.
Sie war es, die schließlich das Gespräch suchte. Wenn man es Gespräch nennen konnte. Seltsame Reihenfolge eigentlich, erst tanzen, dann reden, nun ja, jedenfalls redeten wir über die Götter, Dere und was es sonst noch so gab. Nichts tiefsinniges.
Sie war Händlerin, als wenn es davon nicht schon genug gäbe, aber das verschwieg ich natürlich. Auch woran ich normalerweise so dachte, wenn ich einen Händler sah.
Nein, meine kleine Stute, Dir würde ich was ganz anderes... Ähm ja, wo war ich stehen geblieben?
Ach ja, Clarissa, also, wir tanzten, wir unterhielten uns, wir lachten und irgendwann fragt sie ob ich sie nicht auf ihr Zimmer begleiten will. Spätestens da hätte mir klar sein müssen, dass das kein gutes Ende nehmen würde. Frauen wie sie gab es einfach nicht, da war etwas faul nur in dem Moment war mir das egal. Die ewige Geschichte vom alten Hasen und dem jungen Gemüse, da denkst Du nicht an abgekartete Spiele, sondern nur daran, dass Du noch irgendwas bei Rahja gut gehabt haben musst, auch wenn Du keinen blassen Schimmer hast weshalb, das ist Dir in dem Moment aber völlig gleich, Du lehnst Dich einfach zurück und genießt in vollen Zügen.
Dann der nächste Morgen. Du bist Dir sicher, dass sie fort ist, wenn Du aufwachst, das war sie aber nicht. Wir frühstücken zusammen, dann zieht sie sich an, nicht das Kleid von gestern, praktischere Kleidung, Leder und grobe Wolle, recht burschikos, steht ihr trotzdem gut und bringt ihre Kurven gut zur Geltung und Dich völlig um den Verstand.
Sie küsst Dich noch mal, verlässt das Zimmer und Du sitzt da und fragst Dich, was das nun wieder sollte. Du gehst ihr nach.
Sie sitzt unten am Tisch. Da ist wieder diese Bardin von gestern mit den brünetten Locken und den rehbraunen Augen. Wie kindlich unschuldig und überrascht sie geschaut hatte, als Clarissa ihr an dem Abend einfach so eine Dukate in die Hand gedrückt hatte, mehr, als eine Bardin hier sonst in einem Monat verdiente. Vielleicht sogar mehr als in einem Jahr. Zumindest hatte sie versucht, unschuldig aus zu sehen. Glaubt mir, ich kenne gierige Menschen und ihre Blicke, jeden Tag bin ich von ihnen umgeben. Händler, Söldner, Räuber, sie alle schauten wie diese Bardin. Evelynn. Was für ein Name. Jedenfalls wusste sie, dass hier noch mehr zu holen war. Warum sie allerdings tat, was wir alle drei getan haben, wer weiß. Vielleicht war es ja wirklich das Gold. Immerhin, gut zahlen wollte Clarissa ja. Ein paar Monate unterwegs auf Reisen im Peraine, mildes Wetter, angenehme Temperaturen, nicht zu warm, nicht zu kalt und nicht so erbärmlich nass Havena, Honingen, Gareth wenn wir schon mal in der Nähe waren, auch wenn es nicht auf dem Weg lag, Wehrheim, Baliho, Trallop, dann immer Richtung Drachensteine. Knappe 1400 Meilen. Verdammt, als ich jung war, hätte ich diese Reise auch umsonst angetreten, nur um all diese Städte sehen zu können und jetzt wurden wir bezahlt, ein voller Silberling pro Meile. Es war traumhaft. Zu traumhaft um wahr zu sein.
Unsere kleine Truppe, Gruppe, Horde, was auch immer, bestand aus vier Leuten. Irgendwie wie in den Märchen, die wir als Kinder so sehr geliebt hatten. Die Frau von Welt, der tapfere Recke, den nichts schreckte, die Schöne und das Biest oder naja, Biester waren wir alle. Sagen wir der Trottel. Keine Heldensage kam ohne irgendeinen liebenswerten Blödhammel aus. Verdammt soll ich sein, verdammt sollen wir alle sein. Wir alle hätten es besser wissen müssen. Das Zeitalter der Helden war vorbei. Das konnte uns jeder Geschichtsschreiber bestätigen. Und dennoch kamen wir uns so vor.
Evelynn kannte die Strecke, wusste, wo man schlafen konnte und war eine wirklich gute Wilddiebin und so sehr sie mir tagsüber auch auf die Nerven ging, abends am Lagerfeuer waren ihre Geschichten und Balladen eine ebenso willkommene Abwechslung wie das Wild, das sie zufällig tot im Wald aufgefunden hatte.
Ich war der Mann fürs Grobe. Ein bisschen auf Haudegen machen half viel, wenn irgendein Wirt irgendeiner abgelegenen Kaschemme am Wegesrand meinte, uns mit seinen Preisen ausbluten lassen zu können. Das war's eigentlich auch. Ich sollte vor allem bedrohlich aussehen. Abschaum fern halten, hatte Clarissa es genannt und wenn es doch mal hart auf hart kommt einfach drauf und dran. Immer drauf und dran. Nicht lang fackeln, gleich mit dem Zweihänder immer voll auf die Fresse, wenn die ersten erst mal umkippten rutschte den anderen schon ganz von allein das Herz in die Hose.
Der dritte im Bunde war ein echtes Unikat. Ein waschechter Schwarzpelz, dreckig wie zehn Bergzwerge und ebenso voll. Hatte irgend so einen komplizierten Namen, den kein Mensch vernünftig aussprechen konnte. Orken halt. War uns aber gleich, für uns hieß er Stinker, das konnte sich jeder merken. War irgendwie ein ganz feiner Kerl gewesen, zumindest konnte man sich gut mit ihm besaufen, während er daher brabbelte und er war der einzige von uns, den man wirklich reizen konnte. Vor allem mit seinem Aberglauben, hat immerzu überall düstere Omen gesehen, damit konnte man ihn wirklich herrlich aufziehen, wenn einem grad langweilig war. Nun ja, jetzt ist er tot. War vielleicht doch was dran gewesen.
Tja und dann war da natürlich noch Clarissa. Sie hat das ganze Reden übernommen. Evelynn mochte ja gewusst haben, was Norbarden sind oder wohin es deren Sippen in dem Krieg getrieben hat. Sie kannte Geschichten über sie, aber letztendlich war es Clarissa, die ihre Sprache sprach, als wir am Fuße der Drachensteine auf sie trafen. Das war noch was gewesen.
Zuerst dachte ich, einen größeren Eklat als Stinker auf Gareth los zu lassen würde es nicht geben. Zugegeben, zuzusehen wie Frauen in Ohnmacht fielen und junge Gecken von der Akademie oder der Wache ihn am liebsten sofort einen Kopf kürzer gemacht hätten, hatte etwas gehabt, aber die ganzen Beschwichtigungen Clarissas waren irgendwann nur noch nervtötend. Nein, der ist harmlos. Ja, es gibt auch harmlose Orken. Nein, der frisst keine Kinder. Ja, der glaubt nicht an die Zwölf, na und? So ging das den ganzen Tag lang. Schließlich hatten wir ihn vor die Stadt gebracht, wo er artig auf uns wartete. Fast zumindest.
Der Bauer war ganz schön sauer gewesen, wegen seiner beiden Hühner und die Tochter hatte mit dem Heulen nicht mehr aufgehört, nachdem er ihrem Lieblingshuhn den Kopf abgebissen und danach genussvoll den Rest verschlungen hatte. Zum Glück kam Clarissa gerade noch rechtzeitig aus der Kaiserstadt zurück um den Bauern zu beruhigen und ihm die Hühner zu bezahlen, sonst wäre er wirklich noch mit der Mistgabel auf Stinker losgegangen und dann wären hier die Niederhöllen los gewesen. Nichts gegen Stinker, aber wenn er erst mal wütend war und er war immer wütend, wenn er kämpfte, dann kannte er keine Freunde und keine Verwandten mehr, dann gab er erst Ruhe, wenn er alles was noch zucken konnte mit seiner Axt in Stücke gehauen hatte. Deswegen war er auch allein unterwegs, sein Stamm hatte ihn seinerzeit verstoßen. Zumindest, bis Clarissa ihn eines Tages aufgegabelt hatte, als ihm eine adelige Jagdgesellschaft wegen seiner letzten Mahlzeit auf den Fersen war. Er und ich wir haben uns mal einen Abend darüber unterhalten, als unsere beiden Damen mal wieder abseits saßen. Frauengespräche und so. Von wegen.
Evelynn vergötterte Clarissa. Flocht ihr die Haare, wusch ihre Sachen, kochte ihr Essen, war eigentlich immer für sie da. Je länger die Reise andauerte um so mehr entwickelte sie sich zu Clarissas persönlicher Zofe auf dieser Reise. Begann selbst auf Sauberkeit zu achten, besserte ihre Sachen aus, ein richtiger kleiner Hofstaat auf Wanderschaft.
Clarissa selbst schien es zu gefallen. Während sie anfangs noch mir den Vorzug gab, was ihre allabendliche und manchmal auch nächtliche Gesellschaft anbelangte, wurde Evelynn zusehends ihr „kleines Mädchen“, auch wenn sie selbst drei Jahre jünger war. Hach ja, wie romantisch, wie zauberhaft, wie unbeschreiblich süß, wie ... einfach zum Kotzen.
Keine Ahnung, wie viel sie Clarissa erzählt hatte. Mir konnte sie nichts vormachen, ich kannte auch diese Blicke, die sie ihr zuwarf, immer noch dieselbe, schlecht verhohlene Gier, nur dieses mal nicht nach ihrem Gold, dieses mal wollte sie sie ganz. Ich hab sie mal einen Abend darauf angesprochen, auf die Blicke, die sie Clarissa zuwarf und was soll ich sagen, Volltreffer, rot wie ein Goblin ist sie geworden und genau so schnell hatte sie sich ins Unterholz geschlagen, wo Clarissa sie dann später heulend gefunden hatte und wer war natürlich der Unhold, der an allem Schuld war? Na wer wohl.
Ist mir letztendlich aber auch gleich, ob Evelynns Nähe nun einfach Clarissas Ego geschmeichelt hatte oder ob da mehr war, zu dem Zeitpunkt wollte ich nur noch meinen Auftrag erfüllen, meine Dukaten kassieren und mich vom Acker machen. Stinker ging es nicht anders, je näher wir unserem Ziel kamen, um so mehr Omen sah er und was die beiden Grazien dann treiben mögen, sei es drum, mir ging es herzlichst am Allerwertesten vorbei.
Das beschreibt dann auch ziemlich genau meine Stimmung, als wir die Drachensteine erreicht hatten und dort auf diese Norbardensippe stießen. Stinker musste natürlich wieder fast alles versauen. Während Clarissa noch mit dem Häuptling oder wie auch immer diese Wilden ihren Anführer nennen mögen redete, stolperte Stinker über einen Jungen der Sippe, der Wurzeln sammelte und was macht dieser Vollork? Schleicht sich an den Jungen an, schneidet eine Grimasse, grunzt dabei wie ein Schwein, hebt seine Axt an und stürmt mit einem lauten Aufschrei auf den Jungen los, der seinen Korb fallen lässt, weinend zu seiner Familie rennt und einige Norbarden dazu bringt, den Wald nach einem Monster zu durchkämmen und alles was sie finden ist ein dreckiger, stinkender Schwarzpelz, der sich vor Lachen am Boden kringelt, um ihn herum mittlerweile ein aufgebrachter Mob und eine kleine schwarzhaarige Frau, die sich verzweifelt abmüht, alles als dummen Jungen Streich dar zu stellen. Genau genommen eines 120 Stein schweren Pelzungetüms mit dem Verstand eines Jungen.
Was soll ich dazu noch sagen? Praios wird ja immer als Gott der Gerechtigkeit dargestellt. Manchmal auch Rondra. Schätze, die beiden konnten das nie ganz unter sich ausmachen. Aber wirklich gerecht ist wohl nur Hesinde gewesen, die einzige, die ihre Gabe, den Verstand, absolut gerecht verteilt hatte, denn ein jeder lebt mit der Gewissheit, hiervon genug mit auf den Weg bekommen zu haben. So auch unser orkisches Riesenbaby, das noch immer nicht aus dem Lachen heraus kam.
Wie dem auch sei, wir durften die Nacht über in ihrem Lager verbleiben, wenn auch widerwillig wie mir schien. Zumindest schient die Muhme, wie Clarissa das senile Gereck betitelte, nicht gerade angetan von unserer Präsenz zu sein. Sie beobachtete uns und tuschelte viel mit einigen anderen nicht minder betagten hässlichen Vetteln und immer wieder zeigten sie auf uns. Ich kenne zwar ihre Sprache nicht und irgendwie klingt in dieser Sprache alles wie eine Beleidigung, aber das was sie sagte ganz besonders. Wenigstens konnte Stinker sich dieses mal beherrschen.
Eigenartigerweise schien die Muhme wenig gegen Stinker selbst zu haben. Oder sie würdigte ihn lediglich keiner Aufmerksamkeit, eines von beidem. Die Nacht über blieb sie wach und streifte in ihrer Kaleschka hin und her oder zumindest ließ sie die Laterne die ganze Nacht über leuchten und murmelte irgendein Zeug, während draußen ein Ork die Wachen auf Trab hielt, indem er ums Lager schlich und immer wieder wie ein Wolf aufheulte.
Clarissa hatte mir am nächsten Morgen bei unserem Aufbruch über den keiner so richtig traurig war erklärt, dass die Alte uns für böse Geister hielt, Dämonen, die sie heimsuchten, denen das Unglück auf dem Fuß folgte. Damals hatte ich noch gegrinst.
Ich meine hey, mir wurde ja schon viel vorgeworfen, vieles bestimmt auch zurecht, aber als bösen Geist und Dämonen hatte mich noch niemand bezeichnet. Unglücksbringer schon aber das? Heute glaube ich, die alte Hexe hatte das alles gewusst Auch was erst danach passiert ist. Sie war dabei, als Clarissa sich einen Weg in die Berge hatte erklären lassen. Sie wusste wo wir hin wollten und dem Gekeife nach zu urteilen, das sie dabei veranstaltet hatte, hielt sie das nicht gerade für die Idee des Jahrhunderts. Andererseits wollte sie uns los werden.
Auf die Frage, wohin wir denn eigentlich wollten, gab es von Clarissas Seite aus keine Antwort bis wir dort waren.
Aus der Ferne sah es aus wie ein ganz gewöhnliches Tal. Klein, ein paar Kiefern, die so schief waren wie die Zähne eines Goblins, Berge ringsum, kein Wasser, uninteressant für alle, nicht mal Vögel wollten hier nisten, nur Clarissa zog es hierhin so wie es eine Fliege zum Honig zog.
Ich erinnere mich noch, dass dort ein Höhleneingang war, dass ich dachte, dass sie den sucht und das was auch immer dahinter verborgen sein mag, aber damit lag ich völlig falsch.
Clarissa tat die Höhle mit einem Wink ab. Lediglich ein Labyrinth aus Fallen, nicht ihr Stil, wie sie sagte.
Wirt ihr, was Granatäpfel sind? Nein ich meine nicht diese Früchte aus dem Tulamidenland, sondern die militärischen. Man nehme ein Tongefäß, fülle es bis zum Anschlag mit Hyailer Feuer und versiegele es mit einem in Öl getränkten Lappen. Das ganze wird entzündet und geworfen und wo immer es zerplatzt verspritzt es seinen Inhalt und scharfkantige Tonsplitter. Unverschämt teuer und auf Schwarzmärkten kaum erhältlich, Clarissa war dennoch irgendwie an ein halbes Dutzend heran gekommen, welches sie kreisförmig auf einem bestimmten Punkt der Lichtung verteilte und in Brand steckte. Unnötig zu erwähnen, dass die Steinplatte oder vielmehr, die Decke der Kammer darunter, dem nicht viel entgegen zu setzen hatte. Die Steine glühten und waren mit wenigen Hieben und Tritten zerschlagen. Wir seilten uns ab und dann...
Na das wisst ihr ja. Wie gebannt wir den riesigen Edelstein begafften, der dort auf diesem Altar lag. Sah zumindest wie einer aus. Der Altar selbst war dagegen unbedeutend. Keine Altarstätte der Zwölf, soviel stand fest, über und über waren Verzierungen in den matten Stein gehauen worden, feinster schwarzer Marmor. Um uns herum nur Finsternis und Skelette, die einfach nur dort herum lagen, angetan in ihren zerschlissenen Rüstungen.
Clarissa interessierte sich wenig für den Edelstein, ihr Interesse galt dem Altar oder vielmehr, einem der Steine des Sockels, auf dem er stand. Das wir den Edelstein nicht anfassen sollten hatte sie uns eingeschärft. Er sei verflucht. Das hatte sogar das nervöse Gebrabbel Stinkers zum Verstummen gebracht. Der Stein für den sie sich interessierte war lose und dahinter verborgen eine kleine Truhe aus Metall. Blei wahrscheinlich, wirkte so matt und trübe.
Evelynn werkelte eine Weile an dem Schloss herum, die Truhe springt auf, wir sehen hinein. Wie soll man das beschreiben? Eine kleine Metallscheibe, rechteckig, darin etwas eingelassen, ein Muster, das man nicht zuordnen kann. Was auch immer das für ein Metall war, es muss schwer gewesen sein, wenn Clarissa es nur mit beiden Händen hochheben konnte, obwohl die Scheibe nicht einmal so groß war wie ihre Handfläche.
Mir gefiel das alles nicht. Sie wusste einfach zu viel von diesem Ort, von der Kammer, den Fallen, dem Versteck. Als hätte sie meine Gedanken erahnt, wandte sie sich Stinker und mir zu und erklärte, dass wir wegen dem kleinen Ding hier seien. Ihr Blick hatte etwas irres an sich, wie sie das Kleinod betrachtete wie einen Schatz. Stinker war der erste, der fragte, was das überhaupt sei.
Clarissa grinste nur und begann zu erzählen. Tridekarion. Dreizehn Buchstaben, ein Name für eine namenlose Wesenheit, ein Heiligtum einer Erzdämonin, einen der Buchstaben zu bewachen von zeitlosen Gestalten. Sie erzählte und erzählte und erzählte, davon, was damit alles möglich sei, wie es hierher kam, von einem Verdammten, der dieses Insanctum bei den Studien über die Herrin seiner verlorenen Seele gefunden hätte, darüber, wie man ihn aufgespürt und verhört hatte.
Ich schaue zu Stinker. Ja, auch er wollte dieses Ding nicht in Clarissas Händen sehen. Einer zu Evelynn. Sie schien entsetzt, aber begeistert zugleich.
Stinker und ich zogen blank. Dann ging alles ganz schnell. Mit einem „Schade, dass ihr Euch gegen Ihn stellen wollt, wo wir doch alle so viele Sünden teilen.“ gefolgt von einem „Ihr wollt kämpfen, bitte.“ trat Clarissa den Edelstein vom Altar, kurz darauf erhoben sich die Skelette und auch Ihr wurdet spürbar, die Skelette kreisen Clarissa und Evelynn ein, holen aus und verharren. Clarissa steht feixend da. Sie steht in dem Lichtkegel, der aus unserem Loch in der Decke in die Kammer scheint. Sie ergreift das Seil, klettert hoch, reicht Evelynn die Hand, diese klettert ebenfalls empor. Dann ein Rumpeln, die Skelette starren zischelnd zur Decke, dann sehen Stinker und ich, wie ein Stein allmählich über das Loch gerollt wird, Stinker schreit auf, stürmt auf das Loch zu, mitten in die Skelette, zwei, drei, vier zerhackt er, dann wird er zu Boden gerissen. Ich höre noch einen Schrei, sehe seine Beine zucken, dann liegt er reglos da und ich, ich starre an die Decke und sehe wie das Licht, das in diese Kammer dringt, langsam verlischt.
Ich atme durch. Es war eine lange Geschichte, die ich erzählt habe. Längst ist es dunkel hier unten. Noch lebe ich. Aber nun ist die Geschichte zu Ende erzählt. Ich weiß, dass die untoten Krieger mich anstarren. Auch das ihr mich anstarrt.
„Ihr wolltet hören, was hier passiert ist. Nun wisst ihr es. Und nun, Herr, Dämon, was auch immer?“
„Nenn mich Nirraven. So nennen mich die meisten Menschen.“
„Von mir aus.“ Ich versuche irgend etwas in der Dunkelheit aus zu machen, aber dort ist nichts. Nur diese Stimme in meinem Kopf. Wache ich, träume ich, ist das hier alles unwahr?
„Das alles passiert.“, zischt die Stimme.
„Und jetzt?“ Ich wundere mit über die Gelassenheit meiner eigenen Stimme. War ich so abgebrüht oder wollte ich nur ganz tief drinnen, ohne es zu wissen, instinktiv so wirken?
„Jetzt?“ Ich höre ein Lachen. Kehlig, trocken. „Tijakool schätzt nicht zu verlieren, was ihr eigen ist. Wie sagt ihr Menschen? Wirft auch kein gutes Licht auf mich. Meinst Du ich will enden wie die da, als kleiner, lächerlicher Nephazim im Staub kriechend vor den Gehörnten?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Nein, will ich nicht. Darum wirst Du mir helfen, das Verlorene zurück zu bringen.“
„Und wenn ich mich weigere?“
„Versuchs.“ Wieder das Lachen. In mir dreht sich alles. Träume ich, wache ich, ist das hier alles unwahr? Ich trete durch die Scharen der Skelette, die vor mir zurück weichen, angsterfüllt, sich vor mir verneigend wie vor einem Meister. Ich sehe Stinker. Tot. Egal. Orken sind zu auffällig. Mein Körper ist besser geeignet für das was ich vor habe. Zu alt, aber noch kräftig, auch wenn das keine Bedeutung mehr hat. Als Gefäß genügt er vollauf. Der Stein. Lächerlich. Ich schiebe ihn beiseite, als wäre er eine Attrappe aus Pergament. Licht! Wie ich das Licht hasse. Aber diesem Körper kann es nichts anhaben. Ich springe durch das Loch ins Freie. Ja. Freiheit. Freiheit ist Macht. Frei zu sein heißt alle Hoffnung fahren zu lassen. Ich lache und mein Lachen hallt von den Talwänden wider. Willst Du frei sein, Clarissa?
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast